Leseprobe: Sabine Huttel – „Ein Anderer“

Es war ein klarer Tag, der Himmel wie mit scharfer Klinge aufgeschnitten. Ernst führte seinen Schimmel im Kreis herum, immer am Zaun entlang, unter den kahlen Holunderzweigen, an den Johannisbeersträuchern vorbei, über das Gras, das gestern noch vom Schnee niedergedrückt gewesen war. Der Schimmel schüttelte sich und schnaubte, Ernst ließ seine Peitsche knallen. Hüa!, rief er, hüa!, ein liebes, ein leichtes Wort, ein Wort ohne Zischlaute, ohne F. Und der Schimmel fiel in Trab, die Kettenglieder an seinem Geschirr blitzten in der Sonne. Schneller ging es jetzt im Kreis herum, Ernst drehte sich um die eigene Achse, das Pferd trabte rascher, vorüber flogen hinter dem weißen Schweif das Schulhaus, die Kirche, die Wiesen, die Schotterstraße nach Aschau, die alte Linde, das Pfarrhaus und wieder das Schulhaus, er hörte den Atem des Tieres heftiger gehen (oder war es sein eigener?), hörte das Stampfen der Hufe im feuchten Gras rascher und lauter werden, bis ihm schwindelig wurde. Als er umfiel, musste er die Leine fahren lassen. Da wechselte der Schimmel die Gangart und schritt auf ihn zu, indem er seinen langen Hals niedersenkte. Ernst legte ihm eine Hand auf die Mähne, strich langsam über den zitternden Rist. Die Peitsche, eine Weidenrute, an die der Vater einen alten, ausgefransten Schnürsenkel gebunden hatte, war ins Gras gefallen. Hüa, sagte er leise, wartete darauf, dass die Welt aufhöre sich zu drehen, lehnte den Kopf an den Hals des Pferdes und schloss die Augen. Unter dem Fell fühlte er das Pferdeherz klopfen. Dann rupfte er ein Büschel Klee aus und hielt es dem Tier vor die Nüstern. Dass es aus Holz war, störte ihn nicht. Von fern hörte er ein Huhn gackern. Märzwind streifte sein Gesicht. Die Kirchenglocke schlug zwölf, vier hohe Schläge, zwölf tiefe, eine vertraute Melodie, ein Schlaflied, er hörte es kaum. Halb auf dem Pferd liegend, halb ins feuchte Gras gesunken schlief er ein.
Komm rein! Der Vater rüttelte ihn an der Schulter, packte ihn am Arm und zog ihn auf die Beine, die einknicken wollten. Du bist ja ganz nass! Dummer Junge! Wie lang liegst du schon wieder so da! Ernst antwortete nicht. Der Anzug des Vaters kratzte. Er griff nach dem Bindfaden, an dem sein Schimmel hing, und stolperte hinter dem Vater her. Das Holzpferd schlitterte über Gras und Steine. An der Treppe bückte er sich und nahm es auf den Arm.
Geh in die Küche, sagte der Vater. Mach! Ich muss noch ins Dorf. Die Schule war aus, Ernst hatte die Schulkinder nicht gehört, die beim Verlassen des Schulhauses immer Lärm machten, so fest hatte er geschlafen.
In der Küche war es warm und es roch nach Kartoffelsuppe. Auf dem Tisch lagen Kartoffelschalen, Zwiebelschalen und Rübenreste. Die Mutter rührte im Dampf. Ihr Haar war von einem blau gemusterten Kopftuch fast vollständig verhüllt. Ernst kletterte auf die Bank unterm Fenster. Na, war’s schön draußen?, fragte sie, und er nickte. Hast du nasse Hosen? Sie ließ den Löffel los, kam zu ihm und befühlte seine Hosenbeine. Steh auf, sagte sie dann, du bist ja völlig durchnässt. Hast wohl im Gras gesessen. Gib mir deine Hose, die hängen wir an den Herd. Sein Gesicht sah wieder sehr verschwollen aus. Sie schälte ihn selbst aus der nassen Hose. Allein hätte er Stunden dafür gebraucht. Die Suppe kochte zu stark, es spritzte und prasselte, sie griff nach dem Topflappen, der am Haken hing, und zog den Topf halb von der Feuerstelle. Jetzt geh rauf, ich komm dann und zieh dir die andere Hose an. Nein, dein Pferd lass hier. Es gibt gleich Essen, wenn der Vater wiederkommt. Er folgte stumm und nahm die steile Treppe in Angriff. Seine Füße gehorchten ihm mal mehr, mal weniger. Er stolperte, fiel um und blieb dann sitzen. Die Hälfte war immerhin erklommen. Beim Ausruhen betrachtete er eine Spinne, die auf ihren vielen langen, dünnen Beinen über die weiße Wand kroch. So leicht ging das, fast schwebte die Spinne voran. Sie knickte nicht ein, sie stürzte nicht, ihre Beine gehorchten, ohne sich zu verheddern. Dort auf der Treppe fand ihn später die Mutter, wie sie es erwartet hatte. Mit wenigen Griffen, vorwurfsvollen und nachsichtigen, zog sie ihn ins Obergeschoss, trieb ihn zur Eile an, als er im hölzernen Anbau Wasser ließ, stellte ihn dann auf einen Schemel und wusch ihm die Erdkrusten von den Händen in der Schüssel, die das Waschwasser vom Morgen enthielt, das nun eine bräunliche Farbe annahm und zum Waschen nicht mehr benutzt werden konnte. Sie half ihm in die trockene Hose, führte ihn an der Hand treppab in die Küche, band ihm ein Küchenhandtuch um den Hals und atmete auf, als er beim Eintreten des Vaters ordnungsgemäß auf seinem Stuhl saß. Der Vater achtete aber gar nicht auf seinen Sohn. Im „Deutschen Haus“ sei er gewesen, erzählte er, um den Gemeindevorstand zu treffen. Der alte Spindler habe ihm ein Blatt gezeigt, das er selbst nicht habe lesen können, weil seine Augen so schlecht geworden waren. Von einer Pferdemusterung habe das Blatt gehandelt, die für den kommenden Donnerstag angesetzt sei, absurderweise, wo doch bei der ersten Pferdemusterung im November vor zwei Jahren, als der Krieg losgegangen war, schon alle nur halbwegs kriegstauglichen Pferde gestellungspflichtig geworden waren, so dass jetzt nur noch Fabigs Schindmähre übrig sei, die, wie jeder wisse, so blind sei, dass sie überall Blessuren habe, weil sie sich sogar im Stall den Kopf stoße. Ernst verstand nicht, was der Vater redete. Das Wort Pferdemusterung kam immer wieder vor, überhaupt hagelte es Wörter aus dem Mund des Vaters, der auf der Oberlippe, auf den Wangen und auf dem Kinn Bartstoppeln hatte, die sich beim Sprechen seltsam bewegten. Das Pferd von Fabigs kannte er gut. Wenn er mit der Mutter Milch holen ging bei Fabigs, durfte er manchmal in den Pferdestall. Er ging gern zu der braunen Stute hinein, wo es immer etwas wärmer war als draußen. Dort roch es nach Mist, die Hufe der Stute stampften im Stroh, müde blickten ihre blinden Augen. Er durfte dann auf einen Schemel steigen und sein Gesicht an ihre Flanke legen oder ihren Hals tätscheln. Der riesige Pferdekörper hatte etwas Vertraueneinflößendes, Verlässliches, und Ernst mochte es nicht, wie der Vater von der Stute sprach. Einzelne Wörter schlugen an sein Ohr: Aushebungskommission und Vorführungsliste und Aushebungspferde und kriegstauglich und immer wieder das Wort Gestellung und regelmäßig das Wort lachhaft und Fabigs Schindmähre und einziges Schlachtross und die nicht vorhandenen Pferde müssen genau in der Reihenfolge der Vorführungsliste vorgeführt werden, und zwar alle!, was der Vater mehrmals wiederholte und was ihn besonders zum Lachen zu reizen schien. Das Lachen kam stoßweise, wie mit Dampfdruck aus dem Vater heraus, und zu dem alle! schlug er mit der Faust auf den Tisch, so dass Ernst zusammenzuckte vom dumpfen Schlag und vom Klirren der Teller und sein Pferd mit beiden Armen umklammerte. Das sah die Mutter, und mit einer kleinen Wendung ihres Kopfes machte sie den Vater darauf aufmerksam. Dein Pferd doch nicht!, fuhr der Vater ihn an, das können sie im Feld nicht gebrauchen, es ist ja bloß ein Stück Holz! Und lauter: Holz! Holz! Hast du verstanden?
Ernst sah ihn mit großen Augen an.
Antworte deinem Vater!
Ernst nickte.
Antworte, hab ich gesagt! Du bist doch nicht stumm!
Ernst brachte mit rotem Kopf ein leises „Ja“ heraus.
Der Vater zuckte mit der Schulter und wandte sich ab. Dann, mit plötzlich veränderter Stimme, sprach er das Tischgebet. Die Mutter schöpfte die Suppe aus.
Ernst Kroll war damals drei Jahre alt. Seit drei Jahren war Krieg. Außer dem alten Spindler, dem alten Zempel und dem alten Much waren keine Männer mehr im Dorf, die jüngeren waren alle im Feld. Alle, nur der Pfarrer nicht und Ernsts Vater, der im Dorf Lehrer war, und zwar auch für die Aschauer Schulkinder, die jeden Morgen herüber gelaufen kamen. Aschau war unvorstellbar weit weg, fremd und dunkel, noch nicht einmal von der Kirche aus konnte man es sehen, die am Ende des Dorfes stand, nur die lange Schotterstraße, die dorthin führte. Alle diese Kinder musste der Vater unterrichten, deshalb war er nicht im Feld.
Rund um das Dorf, in den Weizen-, Gerste- und Rübenfeldern waren nie Männer zu sehen, nur Frauen. Manchmal wunderte Ernst sich darüber, denn die Männer waren doch angeblich alle im Feld. Aber er fragte nicht danach. Er vermied das Fragen, das Sprechen überhaupt. Es strengte ihn an, und die meisten Laute konnte er auch mit größter Anstrengung nicht herausbringen. Seine Zunge war dick, als ein schwerer Klumpen lag sie im Mund, und die Lippen schlossen nicht ordentlich wie bei anderen Kindern. Sein Unterkiefer stand vor. Wenn er entspannt war, stand ihm der Mund offen, nur mit Mühe erreichte er, dass die Lippen sich trafen. „Mutter“ zu sagen bekam er hin, Ober- und Unterlippe rollte er dabei nach innen ein und brachte nach langem „Mmm“ das „-utter“ mit Nachdruck heraus. „Vater“ dagegen hatte diesen fatalen f-Laut, den er nur mit äußerstem Kraftaufwand und unter krampfhaftem Zittern zustande brachte. Die Mutter sprach mit Ernst in fast normaler Lautstärke, aber der Vater hatte sich angewöhnt, ihn scharf anzufahren, weil Ernst ein wenig schwerhörig war und weil man Dumme immer anfahren musste, damit sie überhaupt reagierten. Geschützdonner hatte Ernst noch nie gehört. Aber die Stimme des Vaters hörte er jeden Tag. Wenn Hilmar Kroll brüllte, donnerten die Wörter wie Kanonenkugeln.
Nun aß der Vater schweigend seine Kartoffelsuppe. Dünne Suppe konnte das verschwollene Kind nicht essen. Einen Löffel mit Flüssigkeit langsam und gleichmäßig anzuheben, ihn dabei waagerecht zu balancieren, mit dem gefüllten Ende auf den Mund zu zielen, diesen rechtzeitig zu öffnen, die heiße Suppe hineinzugießen, ohne sich vor Aufregung zu verschlucken, den leeren Löffel aus dem Mund zu ziehen, ohne dass die Suppe wieder herausschwappte, ihn dann in den Suppenteller wieder einzutauchen, ohne dass es spritzte, das war eine verwickelte, eine unlösbare Aufgabe. Die Mutter hatte deshalb das Brot, das zur Suppe gegessen wurde, für Ernst in kleine Würfel geschnitten und die Würfel in Ernsts Teller gelegt. Dann hatte sie eine halbe Kelle Suppe darüber gegossen, und jetzt nahm sie eine Gabel und zerdrückte die Brotwürfel mit den Kartoffeln und Rüben, die in der Flüssigkeit schwammen, zu einem weichen Brei. Nun war das Ganze etwas abgekühlt, nun galt es. Ernst musste sein Holzpferd loslassen und den Löffel nehmen. Der Vater sah nicht hin. Ernst senkte den Kopf bis über den Tellerrand, nicht aus Scham, sondern weil es anders gar nicht gegangen wäre, umklammerte den Löffelstiel und schaufelte, bebend vor unsinniger Kraftanstrengung und Konzentration, etwas von dem Brei in den weit aufgerissenen Mund hinein, schluckte und schaufelte wieder, schluckte, stöhnte, schmatzte, schlürfte und schaufelte doppelt, weil immer auch etwas wieder herauslief, ihm übers Kinn, und in den Teller heruntertropfte. Der Vater sah weg, die Mutter aber hatte, während sie schweigend aß, das schwer arbeitende Kind im Blick, stets auf dem Sprung dazwischenzufahren, denn wenn Ernsts Löffelhand etwa auf den Tellerrand heruntergeknallt wäre und den Suppenbrei quer über den Tisch katapultiert hätte, wäre es mit dem Frieden der Mahlzeit vorbei gewesen. Es hätte ihm nichts genützt, dass dies nicht aus Mutwillen geschehen wäre, sondern wegen seiner Unfähigkeit, die Bewegungen seines Arms dauerhaft zu kontrollieren. Aber heute ging alles gut. Als er fertig war und schwer atmend den Kopf wieder hob, wischte sie ihm das Kinn ab und schöpfte dem Vater einen kleinen Rest Suppe auf den Teller.
Er schwieg und aß.
Das Wasser ist alle, sagte Martha Kroll dann.
Ich gehe schon, sagte Hilmar, stand auf, reckte sich und gähnte, zog die Wolljacke an, die im Hausflur an einem Nagel hing, schnallte sich die alte hölzerne Wasserbütte um, denn die neue blecherne war der letzten Metallsammlung zum Opfer gefallen, und ging in den Pfarrgarten hinüber zum Brunnen. Es war wieder kälter geworden. Die Sonne hatte sich zurückgezogen.
Martha brauchte einen großen Teil des Wassers zum Wäschewaschen. Kernseife gab es schon lange nicht mehr, nur Germania-Pulver. Sie schöpfte das Wasser, das Hilmar brachte, in einen großen Topf, der auf dem Herd stand, füllte die Wäsche hinein, gab drei Esslöffel Germania-Pulver dazu und wusch, bis das Wasser kochte, die Suppenteller ab. Mit einem langen Holzlöffel rührte sie die Wäsche um. Das Pulver klumpte und war nach dem Kochen, wenn sie mit dem Holzlöffel die brühhei.en Teile in eine Emailschüssel gehievt hatte, kaum mehr aus dem Gewebe herauszuspülen.
Ernst, dessen rechter Arm auf dem Holzpferd lag, war in all dem Dunst auf der Küchenbank eingeschlafen. Hilmar, nebenan in der Kirche, übte die Choräle, die er am Sonntag im Gottesdienst zu spielen hatte. Martha holte die Wasserkrüge aus dem Schlafzimmer im oberen Stockwerk, wo es kalt war, und auch den aus dem Hausflur, füllte sie in der Küche, schnallte sich dann die leere Bütte um und ging selbst noch einmal in den Pfarrgarten hinüber zum Brunnen, schöpfte mit dem Eimer, um genügend Wasser für die Wäsche zu haben, und schleppte es zurück ins Schulhaus. Sie spülte die Wäsche erneut und wrang die einzelnen Teile mit den Händen aus. Dann stieg sie mit dem vollen Wäschekorb ins Obergeschoss hinauf, wo in einer kleinen, zugigen Kammer neben dem Taubenschlag Wäsche getrocknet werden konnte. Sie schüttelte die Wäschestücke glatt und hängte sie auf die dicht an dicht gespannten Leinen.
Das Gurren der Tauben, das hier besonders laut zu hören war, erregte ihren Widerwillen. Ihr fiel ein, dass sie die Tauben noch nicht gefüttert und getränkt hatte. Es waren Hilmars Tauben, er hatte den Schlag gebaut und mit der Taubenzucht angefangen, um das karge Lehrergehalt durch den Verkauf von Tauben in den nahe gelegenen Städten aufzubessern. Die wenigen Hühnereier, die sie übrig hatten, reichten dafür nicht und lohnten kaum den weiten Weg nach Königsee oder Schwarzburg. Obwohl das Ganze Hilmars Idee gewesen war, kümmerte er sich so gut wie nicht um die Vögel. Er drehte ihnen nur den Hals um, wenn es so weit war. Mussten ein paar Tauben gerupft werden, stellte er zwei oder drei seiner älteren Schülerinnen zum Rupfen an, die diese Arbeit bereitwillig übernahmen, weil ihre Mütter ihnen eingeschärft hatten, in der Schule gehorsam zu sein und dem Herrn Lehrer niemals eine Bitte abzuschlagen. Ansonsten hatte er die Taubenwirtschaft mehr oder weniger komplett auf seine Frau abgewälzt, die die Tauben hasste. Sie schüttelte sich, wenn die balzenden Täuberiche mit aufgeplustertem Gefieder und geblähtem Kehlsack unter heuchlerischen Verbeugungen vor den Weibchen hin und her stolzierten, und fühlte sich beim Anblick des Klumpens, den man in den Hälsen der gurrenden Vögel auf und nieder kollern sah, an Würgekr.mpfe beim Erbrechen erinnert. Das Kind schlief immer noch fest, als sie in die Küche hinunterging und sich nach dem Eisenring bückte, um die Kellerluke zu öffnen. Sie stieg in die Vorratskammer hinab und holte eine Tasse voll Weizenkörner aus dem Sack, der dort in der Ecke stand. Beim Heraufkommen redete sie ihren Sohn an. Ernst, wach auf! Der Vater wird gleich hier sein!
Als Ernst die schweren Lider hob und ziellos darunter hervorschaute, war sie schon wieder aus der Küche heraus und oben bei den Tauben.
Später ging sie mit ihm auf den Friedhof und Milch holen. Die Kindergräber lagen gleich links hinter dem Eingang am Zaun. Es waren acht, und am hintersten, kleinsten, blieb die Mutter jeden Tag ein paar Augenblicke lang stehen. Sie zupfte Grashalme aus dem Immergrün oder stand einfach nur schweigend dort. Nur einmal hatte sie die eingebrannte Inschrift auf dem Holzkreuz mit dem Finger abgefahren und Ernst vorgelesen: Karl Anton Kroll,
geboren am 17. März 1911, gestorben am 17. April 1911. Dann ging es an der Hand der Mutter die steinige Dorfstraße hinunter zu Fabigs. Auf dem Rückweg fror er. Es roch nach Rauch.
Als es dunkel geworden war, fegte Martha, schon im Nachthemd, den Küchenboden. Ernst schlief oben, Hilmar war nebenan im Herrenzimmer. Sie stellte einen kleinen Schemel in die Mitte und setzte sich darauf, eine schmale weiße Gestalt. Der Ofen war noch warm, obwohl das Feuer ausgegangen war. Sie zog die Nadeln aus den Flechten an ihrem Hinterkopf und legte sie, eine nach der anderen, in ihren Schoß. Ein schwerer Zopf fiel ihr auf den Rücken, der bis zur Taille reichte. Sie holte ihn nach vorn, den Blick auf den Herd gerichtet, löste das dünne Band an seinem Ende und bürstete ihr Haar, das sich glänzend und fast schwarz um ihre Schultern legte. Die Katze war hereingekommen und stieß, sofort schnurrend, den Kopf an ihre Beine, strich schnell daran entlang, rundherum, wieder und wieder, und malte mit ihrem Schwanz hellgraue Zeichen in die Luft. Martha legte sich alles Haar auf die rechte Seite. Sie zupfte an den Haarspitzen, um einzelne lose Haare herauszulösen, und flocht einen neuen Zopf. Dann stand sie auf, rückte den Schemel beiseite und fegte mit einem Handbesen die heruntergefallenen Haare zusammen.
In diesem Moment kam Hilmar aus dem Herrenzimmer herüber, einen Brief in der Hand. Auf seine am Boden hockende Frau warf er einen spöttischen Blick. So so, du also auch. Da hätte der Kaiser aber seine Freude an dir. Ich muss doch, sagte sie. Alle müssen. Zempels Agnes sammelt sie jeden Monat ein und nimmt sie mit nach Schwarzburg. Da kann ich nicht mit leeren Händen ankommen. Sie hob das Häufchen Haare auf und steckte es in eine Papiertüte, die mit Haaren schon halb gefüllt war.
Und? Wieviel kriegt ihr zusammen in einem Monat?
Letztes Mal war’s fast ein halbes Pfund, sagte sie.
Ausgezeichnet, sagte er und lachte. Treibriemen machen sie daraus für unsere U-Boote. Stell dir vor, unsere U-Boote würden stillliegen, wo doch die U-Boote die Lieblinge des Kaisers sind!
Nein, für die U-Boote ist das Allerfeinste gerade gut genug.
Ich kann doch schlecht sagen, ich verlier keine Haare, sagte sie.
Nein, sagte er, wahrscheinlich nicht. Er seufzte. Der Hermann schreibt mir auch so schöne Sachen… In Augsburg zwingt man die Schulkinder, Quecken auszugraben. Angeblich weil die Queckenwurzeln wertvolles Viehfutter sind.
Aber, sagte Martha, Queckenwurzeln gehen doch einen Meter tief in die Erde – Da müssen die Kinder eben etwas tiefer graben und den Rücken etwas krummer machen.
Das ist eine sinnlose Viecherei, sagte Martha. Hilmar lachte. Im Gegenteil! Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Unkraut ist weg aus dem Acker und man gewinnt ein gutes Futter. Wer weiß, vielleicht ernähren wir uns nächstes Jahr auch nur noch von Queckenwurzeln. Das ist Fortschritt: Die Kinder schickt man verquecktes Land urbar machen und die Mütter pflügen, während die Väter sich totschießen lassen, so dass es zu Hause weniger Esser gibt. Da greift eins ins andere. Er griff nach ihrem Zopf. Lass mich mal deinen Kriegsrohstoff wiegen, sagte er. Das wiegt schwer, das gäb’ so einen schönen Treibriemen, willst du sie nicht gleich ganz abschneiden und dem Kaiser schicken?
Sie wandte das Gesicht weg und versuchte ihren Zopf seinem Griff zu entziehen.
Wie gut doch so ein Kriegsrohstoff riechen kann, sagte er. Nun komm nach oben.
Sie löschte die Kerze und folgte ihm.

Sieben Frauen und vier Kinder saßen oben auf dem Heuwagen. Sie kniffen die Augen zusammen unter dem Biss der Mittagssonne und blickten nach unten, auf die knöcherigen Hinterteile der Ochsen, die den Wagen zogen, auf die verwackelten blauen Leuchtpunkte der Wegwarte am Straßenrand, auf das Schotterband, das schwankend hinter ihnen zurückblieb, bewölkt von Staub. Die Kinder wühlten im Heu nach den Schoten der wilden Erbsen, die man ganz in den Mund steckte und die sü. und saftig waren. Sie kauten darauf herum, bis nur noch Fasern übrigblieben, die sie dann auf die Straße spuckten. Mit dem Geräusch der Rinderhufe und einem gleichmäßigen Quietschen des rechten Vorderrads mischte sich der Redestrom einer Frau, deren Oberarme bräunlich in der Sonne glänzten. Die anderen Frauen saßen schlapp und schweigend, ab und zu griffen sie nach ihren Kindern, wenn sie sich beim Spucken zu weit über den Rand des Wagens beugten, und nur Martha Kroll hörte der sprechenden Frau zu, mehr aus Höflichkeit als aus Interesse. Die Sätze, die diese Frau, eine Frau Bunzel, Ilse Bunzel, aus sich herausrollen ließ, ganz ohne Kraftaufwand, wie es schien, bildeten eine Girlande, an der die Unglücksfälle ihres Daseins aufgereiht waren, vom angebrannten Grießbrei am vergangenen Morgen über den Tod ihres Ehemanns, der im Krieg geblieben war und der sich infolgedessen nicht um die Reparatur der Treppe am Hauseingang kümmern konnte, was nun an ihr hängen blieb, über die hohen Preise für Maurer- und andere Handwerkerarbeiten, ihren Sturz die Kellertreppe hinunter, vor drei Wochen, beim Gang nach dem Kirschkompott, bis hin zu ihrem einzigen Kind, Marion, Schreikind von Anfang an, das es auch jetzt noch, da es vier Jahre alt war, darauf anlegte, sie mit Widersetzlichkeit und Zanklust verrückt zu machen, und auf das zum Glück die alte Frau Fabig ein Auge hatte, während Ilse aufs Feld musste.
Martha Kroll schwieg.
Na, jeder hat seine Last zu tragen, jelle, Frau Kantor, seufzte Ilse Bunzel mit Seitenblick auf Ernst, aber Ihrer ist so ein Guter, so ruhig, so ruhig…!
Martha lächelte und band sich das Kopftuch fester.
Ernst hatte eine Schote entdeckt. Er bohrte seinen Zeigefinger tief in das Heu, krümmte ihn mit aller Kraft und zog ihn wieder heraus. Aber er hatte nur Gräser erwischt, und als er sie losließ und verwundert seine Hand besah, hatte die gleichaltrige Hedwig Schöps mit schnellen Fingern die Schote schon gefunden und in den Mund gesteckt. Dieses Spiel wiederholte sich ein paarmal, zu Hedwigs großer Belustigung, bis Ernst aufgab.
Die Ochsen zogen den Wagen langsam ins Dorf, an der Kirche und am Schulhaus vorbei, ließen Fabigs Hof links und Lüdenstedts Hof rechts liegen, erreichten den Dorfplatz, die Schmiede, den Anger. Der Teich schimmerte grüngrau. Endlich hielt der Wagen im Hof vor dem Gutshaus. Die Frauen stiegen aus dem Heu herunter und halfen den Kindern. Ihre Kittelschürzen klebten an ihren Körpern. Sie klopften sich das Heu ab, bekamen ihren Lohn von der Frau des Gutsbesitzers und machten sich auf den Heimweg.
Über dem Schulhaus brütete die Hitze. Der Himmel war fast weiß. Von Aschau her fuhr ein schwacher Wind durch die Lindenblätter, aber im Dorf stand die Luft, und man roch den Abtritt im Vorübergehen. Die Hühner hatten sich in den Sand eingebuddelt und gakten leise. Drinnen war es kühler. Der Vater lief im Hausflur auf und ab. Wegen der Hitze hatte er den Unterricht eine Viertelstunde vor der Zeit beendet. Nun war er hungrig.
Kommt ihr auch noch mal nach Hause!, sagte er barsch. Ruf mich, wenn das Essen fertig ist.
Martha beeilte sich. Ernst stieg auf einen Schemel und wusch sich die Hände, langsam wie immer. Als er damit fertig war, hatte die Mutter Feuer unter dem Suppentopf gemacht und den Tisch gedeckt. Sie rief den Vater, der mit finsterer Miene aus dem Herrenzimmer kam, ein dickes Buch unterm Arm. Ernst saß schon auf seinem Platz am Tisch, aber der Vater zitierte ihn zur Tür. Heute ist Messtag, sagte er.
Ernst musste sich barfuß im Türrahmen aufstellen. Der Vater ging in die Hocke und war plötzlich ganz nah. Ernst konnte das Weiße in den Augen des Vaters sehen und den hungrigen Atem des Vaters riechen. Füße zusammen! Steh gerade!, befahl er. Ernst erstarrte. Mit der rechten Hand griff der Vater ihm an die Stirn und drückte seinen Hinterkopf gegen den Türrahmen. Mit der linken legte er dem Kind das schwere Buch auf den Scheitel, Die Pflanzen Europas. Neunte
Auflage, und drückte es gegen den Türsturz. Dann musste Ernst unter dem Buch hervorkommen, ohne daran zu wackeln und ohne an den Arm des Vaters zu stoßen, der nun mit einem Bleistift an der Unterkante des Buchs entlang eine Linie zog, das Buch fortnahm und stirnrunzelnd die Linie betrachtete, die genau bei der Marke lag, die der Vater vor drei Monaten dort angezeichnet hatte. Am Ersten jedes Quartals war Messtag.
Der Vater brachte Buch und Bleistift ins Herrenzimmer zurück und setzte sich dann zum Essen.
Morgen kommt der neue Doktor von Schwarzburg herüber, sagte er, während er die Suppe löffelte. Ein intelligenter junger Mensch, auf der Höhe der Wissenschaft, nicht so ein alter Trottel, der alles bloß so macht, weil man es immer schon so gemacht hat. Sprich nicht so von Doktor Agemar, sagte Martha, mir hat er oft geholfen.
Hilmar verdrehte nur die Augen. Wenn er vormittags kommt, lass ihn herein. Er heißt Stauch. Ich habe ihm davon erzählt. Mit einer kurzen Kopfbewegung deutete er auf Ernst, blickte aber in seinen Suppenteller. Er will sich das mal ansehen.
Martha nickte.
Gegen Abend, als es kühler wurde, ging sie mit Ernst an der Hand ins Freie, rechts ab von der Straße, ins Jesmich, wie sie die Wiesen dort nannte, die noch nicht geschnitten waren und so hoch standen, dass sie den Eingang der seit Kriegsbeginn verwaisten Schwerspatgrube überwucherten, dorthin ging sie mit ihm, wo tausend Insekten summten, zirpten und sirrten, wo Bremsen stachen und die Halme Ernsts Gesicht streiften. Hier blühte der Erdrauch, den die Mutter während des Sommers in ihre Schürze sammelte, so oft und so lange es ging. Er blühte zwischen Gräsern, zwischen Bilsenkraut, Hirtentäschel und Pfefferminze. Ernst rupfte hier und da wahllos einen Stängel ab, weil er helfen wollte. Die Mutter zeigte ihm den Erdrauch mit seinen violetten Blütenständen und erklärte ihm den Unterschied zum gelben Hahnenfuß und zur blauen Flockenblume. Er strengte sich an, die Gewächse zu unterscheiden, sah sie sich lange an, bevor er eine Blume pflückte, und wenn er ihr endlich voll Stolz einen Stängel Lerchensporn hinhielt, der dem Erdrauch ähnlich war, lächelte sie, bedankte sich und legte die Blume zu den anderen in ihre Schürze. Zu Hause, am Abend, warf sie die falschen Kinderhalme weg, streifte die graugrünen, krautigen Blätter von den Stielen des Erdrauchs und breitete sie auf einem Bord im Schuppen zum Trocknen aus.

Das erste Mal kam der neue Doktor an einem Sommermorgen, während Hilmar Unterricht hielt. An einem Mittwoch mit trockener Luft war es, und da die Fenster des Schulzimmers weit geöffnet waren, konnte man Hilmar bis ins Dorf hinunter fiedeln und singen hören mit den Kindern. Jeden Mittwoch nahm er seine Violine mit nach oben und brachte den Kindern ein neues Kirchenlied bei. Martha war gerade am Brunnen gewesen zum Wasserschöpfen, hatte sich über die Frau des Pfarrers geärgert, die im Vorbeigehen und ohne Martha überhaupt ins Gesicht zu sehen fallen gelassen hatte, das Altartuch müsse wieder einmal gewaschen werden, und kam nun zurück mit der vollen Holzbütte auf dem Rücken, stieg die drei Stufen am Eingang des Schulhauses hinauf und öffnete die Tür, blind in der Schwärze des Hausflurs nach all dem gleißenden Sonnenlicht. Oben sangen die Schulkinder All’ Morgen ist ganz frisch und neu. Da wurde sie aus dem Dunkel heraus von einer fremden Stimme angeredet, einer Stimme ohne Gesicht. Sie blieb stehen. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, sah sie einen jungen Mann mit einer Ledertasche, der den Kopf schief hielt und den Schrecken, den er hervorgerufen hatte, mit einem etwas süßlichen Lächeln abzuschwächen versuchte. Er deutete eine Verbeugung an, stellte sich als Doktor Stauch vor und folgte Martha in die Küche. Dort half er ihr, die Wasserbütte abzusetzen. Nach einigen belanglosen Worten über die Hitze fragte er, ihr näher kommend, im Ton der Anteilnahme, wo sich denn ihr Kreuz befinde. Verwundert antwortete sie, im Schulhaus gebe es keins, die Kirche sei ja gleich gegenüber, worauf er wiederum süßlich lächelte über ihr Missverständnis und ihr erklärte, nein, er meine die größte Sorge und Last ihres Lebens, ihren Sohn. Er heißt Ernst, sagte sie. Draußen ist er, bei den Hühnern. Sie öffnete das Fenster, sah Ernst zwischen den Hühnern sitzen, das Holzpferd auf dem Schoß, und rief ihn herein. Der Arzt setzte sich an den Küchentisch. Aus seiner Ledertasche, die nach Schuhwichse roch und zwei blankpolierte Messingschlösser hatte, holte er einen Zollstock und ein Maßband, ein Stethoskop, einen Teelöffel, einen Füllfederhalter und ein Notizbuch, schlug darin eine neue Seite auf und schrieb das Datum in die erste Zeile, daneben Ernst Kroll. Dann nach den Angaben der Mutter das Geburtsdatum des Jungen. Als Ernst hereinkam, das Holzpferd unter dem Arm, musste er dem Doktor die Hand geben, sagte etwas, das entfernt so klang wie Guten Tag und wollte sich dann bei der Mutter verstecken, aber der Arzt griff nach seiner Schulter und drehte ihn wieder zu sich herum. Nun wurde er der Länge nach mit dem Zollstock gemessen. Der Arzt zog die Augenbrauen hoch und trug die Zahl in sein Notizbuch ein. Dann betastete er mit den Fingerspitzen beider Hände Kinn, Stirn und Wangen des Kindes und notierte wieder etwas.
Der Gesang im Schulzimmer war inzwischen verstummt. Sanft und unablässig gurrten oben die Tauben. Ist er oft so verschwollen?, fragte der Arzt Martha Kroll.
Ja, meistens, antwortete sie.
Er notierte Facies oedematosa und forderte sie auf, dem Jungen das Hemd auszuziehen. Nun setzte er ihm das Stethoskop an verschiedenen Stellen auf die Brust und horchte. Dann legte er es weg. Seine Feder kratzte über das Papier. Dreh dich mal mit dem Rücken zu mir, sagte der Arzt zu Ernst.
Der rührte sich nicht.
Sie müssen etwas lauter sprechen, sagte Martha, er hört schwer. Aha! Dr. Stauch notierte Hypakusis, nahm Ernst bei den Schultern und drehte ihn, so dass er mit dem Rücken zu ihm stand. Mit einem beidhändig festen Griff an die Schläfen verhinderte er, dass das Kind sich umdrehte. Dann fragte er Martha leise, ob Ernst sagen könne, wie er heiße. Als sie nickte, fragte er leise: Wie heißt du?, und als keine Antwort kam, fragte er dasselbe etwas lauter, und so weiter mit stufenweise gesteigerter Lautstärke, bis er schließlich sehr laut rief: Wie heißt du? und von Ernst eine Antwort bekam, die Ä und O enthielt, auch eine Andeutung von L. 3. Grades, notierte der Doktor. Man hörte Hilmar oben mit den Schulkindern schimpfen. Er spricht schlecht, sagte Martha, aber er macht Fortschritte. Der Arzt ignorierte diese Äußerung. Er drehte den Jungen zu sich herum und brachte seinen Teelöffel in Anschlag.
Mund auf!, befahl er. Zeig deine Zunge! Ernst verstand nicht. Mach so!, rief der Doktor und streckte selbst die Zunge weit heraus. Sag A!
Ernst folgte gehorsam, der Doktor nickte, drückte die Zunge mit dem Teelöffel nach unten, um weiter hinten in den Rachen sehen zu können, und wandte sich wieder seinem Notizbuch zu. Lingua oedematosa, notierte er.
Ernst sah voll Angst die Mutter an.
Da kamen die großen Hände des Arztes von hinten und griffen ihm an die Kehle. Ernst erschrak und wollte weinen, aber von hinten oben kam der Befehl: Halt still! Es tut nicht weh!, während die fremden Finger an seinem Hals herumdrückten. Struma, notierte der Arzt, nahm sein Maßband zur Hand, legte es Ernst straff um den Hals, der nun in Tränen ausbrach und sich, als das Band wieder gelöst wurde, zur Mutter flüchtete und seinen Kopf in ihrem Schoß vergrub. 2. Grades, notierte der Arzt zufrieden.
Wie geschickt ist der Junge mit seinen Händen?, fragte er dann, mit der Feder Feinmotorik übers Papier kratzend, denn er wusste die Antwort schon.
Nicht sehr, sagte sie und strich Ernst, der leise schluchzte, schnaufte und sabberte, mit der Hand über den Hinterkopf. Die Finger des Arztes, die den Füller hielten, waren lang und breit, Haut und Nägel von rosiger Farbe, die Nagelränder schneeweiß.
Doktor Stauch nickte und notierte unterentwickelt.
Er schläft wohl viel?
Ja, sagte Martha.
Und ist in allem etwas langsam?
Ja, vielleicht … Aber ich weiß nicht, sagte sie, er ist ja mein erstes Kind, oder nein, eigentlich das zweite, aber ich – Eigentlich?, fragte der Arzt mit einem frivolen Unterton, während er schrieb, ohne aufzusehen. So so, Frau … Kantor, das müssen Sie mir aber erklären! Ist er nun Ihr erstes oder Ihr zweites Kind?
In diesem Augenblick hörte man von oben das Stampfen und Scharren vieler Kinderfüße, dazu ein Gewirr heller Stimmen. Das zweite, sagte Martha Kroll. Ihre Augen begegneten dem forschenden Blick des Arztes.
Die Unruhe im Schulzimmer hielt an.
Mein erstes ist an Lungenentzündung gestorben, mit vier Wochen.
Aha, sagte der Arzt. War das auch ein Junge?
Ja, sagte sie.
Die Schulkinder polterten die Treppe herunter. Man hörte Hilmar kommandieren. Dann fiel die Tür ins Schloss und es war still im Haus.
Ernst weinte nun nicht mehr. Der Arzt ergänzte seine Notizen. Herr Doktor, sagte die Mutter, können Sie ihm nicht etwas verschreiben, damit er besser wächst? Dr. Agemar hat immer gesagt, das würde schon noch kommen. Aber im letzten Jahr ist er fast gar nicht gewachsen.
Der Arzt lächelte mitleidig. Ja, wenn das so einfach wäre!, sagte er und fing an, seine Sachen einzupacken. Ist denn etwas Ähnliches, fragte er dann, in der Familie des Herrn Kantors schon bekannt?
Sie schüttelte den Kopf und sah auf Ernst hinunter. Nein, ich glaube nicht.
Dr. Stauch ließ die Messingschlösser zuschnappen. Ich werd’s im Auge behalten. Vielleicht gibt es auch ein Mittel … in Kriegszeiten allerdings schwer zu bekommen … fast unmöglich … versprechen kann ich nichts. Aber lassen Sie den Kopf nicht hängen, sagte er dann, berührte mit der freien Hand ihren Arm und lächelte wie eingangs, eine hübsche, junge Frau wie Sie kann noch viele gesunde Kinder kriegen, und dann – er warf einen kurzen Seitenblick auf Ernst – fällt das hier gar nicht mehr auf.
Sie sah ihn nicht an und erwiderte nichts. Eine heftige Röte war in ihr Gesicht getreten.
Ernst musste dem fremden Mann noch einmal die Hand geben. Dann brachte Martha den Arzt hinaus.
Es wird schon noch alles gut werden, sagte sie mit bebender Stimme drinnen zu Ernst und wischte ihm das Gesicht ab.
Vielleicht findet der Doktor ein Mittel für dich. Wenn nur der Krieg bald aus wäre! Sie hielt ihn fest in ihren Armen und wiegte ihn hin und her. Dann, als seine Augen sie anblickten, leer und doch mit einer unbestimmten Erwartung, seufzte sie und tippte ihn auf die Nase. Na komm, sagte sie, wir gehen Löwenzahn holen für die Hühner!
Wolken waren aufgezogen, die Blätter der Linde raschelten. Hinter dem Pfarrhof bogen sie links ab und fingen an zu pflücken. Ernst riss die gelben Blüten ab, die leicht zu packen waren, die Mutter rupfte die Pflanzen mit Blättern. Bitter war der Löwenzahn im Sommer. Im Frühling hatte sie noch Salat gemacht aus Löwenzahn, Scharbockskraut, Brennnessel und Sauerampfer. Sie war mager geworden während des dritten Kriegsjahrs. Auch Ernst war dünn.
Nur der Vater hatte seine kräftige Statur behalten.

Einige Tage später wurde das Dorf von einem Ungetüm heimgesucht. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da kam es von Schwarzburg herunter, an der „Traube“ und am „Deutschen Haus“ vorbei rumpelte und ratterte es, stieß einen Qualm aus, der die Luft verpestete, arbeitete sich zwischen den Höfen der Fabigs und Hetzels durch, wälzte sich links herum auf den Schotterweg und kam vor der Kirche mit einem durchdringenden Quietschen zum Stehen.
Es folgte eine Stille, als hielte alles den Atem an. Kein Hund bellte, kein Huhn gackerte, die Frösche am Teich waren verstummt. Aufgewirbelter Staub wallte über der Schotterstraße bis ins Dorf hinunter.
Ernst hatte den Lärm nicht gehört. Aus tiefem Schlaf weckte ihn die Mutter, steckte seine lahmen Beine in eine Hose und die Arme in eine Jacke, über das Schlafhemd, weil es schnell gehen sollte. Ein Lastwagen!, sagte sie, komm, wir wollen sehen, was er bringt!, und zog ihn die Treppe hinunter.
Dunkelheit umhüllte die aus dem Dorf Herankommenden, die Kirche und das Ungetüm, das riesenhaft war. Die ganze Straße zwischen dem Schulhaus und der Kirche füllte es aus, jetzt nicht mehr schwarz, sondern moosfarben und glänzend, denn der erste fahle Schimmer tastete sich über die Höhe von Bechstedt-Trippstein. Vier Männer in Uniform stiegen aus dem Führerhaus, grüßten knapp die Dorfbewohner, betrachteten den Kirchturm und berieten sich untereinander. Ernst, zwischen Frauenbeinen und Kittelschürzen, konnte weder den Lastwagen noch die Männer sehen. Als er im Nacken gezwickt wurde, drehte er sich um und erkannte Marion Bunzel, deren Mutter jetzt mit seiner Mutter sprach. Marion war einen Kopf größer als er, und sie lachte viel, besonders, wenn sie ihn zwicken konnte.
Haben Sie schon gehört, Frau Kantor, sagte Ilse Bunzel, die Gerda hat die Ruhr!
Martha war mit ihren Blicken bei den Soldaten, die an der Kirchentür rüttelten.
Ein Feldgrauer war’s, der hat’s nach Unterköditz eingeschleppt, in Unterköditz sind schon fünfe angesteckt, sagte Ilse Bunzel, ließ Marion los und zählte an ihren Fingern ab: Die alte Macheleid, die Herta von Kochs, dann Schillings Jüngste, und Pfeiffers Christa, die liegt schon im Sterben angeblich, auch die Greta Unbehaun und der ihr Sohn – sechse sind’s, nicht fünfe … und jetzt bei uns Fabigs Gerda.
Marion zwickte Ernst in den Nacken und, wenn er sich dann nach ihr umdrehte, vorn in den Bauch, dann wieder in den Nacken und so fort. Er wollte sich wehren, aber er hatte nur eine Hand frei, an der anderen hielt ihn die Mutter fest, und Marion hampelte so flink um ihn herum, dass er sie nicht zu fassen bekam und sich fühlte, als habe man ihn eine Peinigungsmaschine gesteckt. Die Glocke begann zu läuten, die tiefe, die sonst immer mit abgezählten Schlägen die vollen Stunden angab, dreimal am Tag, um sechs Uhr früh, mittags um zwölf und abends um sechs, vorausgesetzt, die Konfirmanden, die zum Läuten eingeteilt waren, taten ihre Pflicht.
Schluss jetzt, Marion, zischte Frau Bunzel, schäm dich!, und zerrte sie von Ernst weg. Marion lachte und zeigte auf Ernst, dessen Augen aus den Höhlen traten vor Wut und Hilflosigkeit. Untersteh’ dich!, drohte Frau Bunzel ihrer Tochter. Komm, hörte Ernst die Mutter sagen, wir gehen den Vater suchen. Es kann doch höchstens fünf Uhr sein, so dunkel, wie es noch ist, dachte Martha, aber es läutete zehn-, fünfzehnmal und immer weiter. Die Soldaten blickten zum Turm hinauf, wo man die Glocke hin- und herschwingen sah, stellten fest, dass die Tür zum
Glockenturm sich öffnen ließ, und gingen hinein. Als das Läuten schwächer und langsamer wurde, setzte die Orgel ein, mit dem Choral, der am kommenden Sonntag im Gottesdienst gesungen werden sollte: Jesus, meine Zuversicht.
Martha zögerte, dann folgte sie den Männern. Im Glockenturm war es finster. Die Akkorde der Orgel durchtosten das Gebäude mit einer Gewalt, die Angst machte, die Wände könnten einstürzen. Jemand musste mit voller Kraft die Bälge treten. Sie nahm Ernst fest an die Hand, bestieg mit ihm die Treppe, die zur Orgelempore hinüberführte, hielt sich am rauen Gemäuer, half dem Kind, das über die eigenen Fü.e stolperte, und erreichte endlich die Orgel. Hilmar, fragte sie, was soll das? Hilmar?
Der Vater antwortete nicht. Angestrengt blickte er in die Noten, die von einer flackernden Kerze schwach beleuchtet waren, und spielte mit Händen und Fü.en den Choral zu Ende. Dann schob er das Prinzipal und die Koppeln wieder hinein, zog blitzschnell zwei andere Register und begann die zweite Strophe, die nun zarter und leiser klang.
Ernsts Lippe blutete.
Hilmar, antworte mir doch!, sagte Martha und drückte ihren Ärmel gegen Ernsts Mund, um das Blut zu stillen.
Hilmar Kroll drehte kurz den Kopf und blickte an ihr vorbei, mit weiten Augen, wie ein Nachttier, das vom Lichtkegel einer Lampe überrascht wird. Dumpf polterten die Tritte der Soldaten die
Turmtreppe hinunter. Die Tür schlug. Ernsts Lippe blutete noch immer. In der kurzen Pause zwischen der zweiten und dritten Strophe hörte Martha den unsichtbaren Kalkanten die Bälge treten. Hilmar verwendete jetzt das Rohrflötenregister. Nebenan waren wieder schwere Schritte zu hören, offenbar schleppten die Soldaten sperriges Gerät ins Turmgebälk hinauf, das gegen die Mauern krachte. Martha verstand nicht, warum ihr Mann die Orgel spielte, während Ungeheures in der Kirche vor sich ging. Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, griff nach Ernsts Hand und stieg mit ihm die Treppe hinunter und dann in den Turm hinauf, am alten Spindler vorbei, der mit starrem Blick die Bälge trat. Kommandorufe der Soldaten mischten sich in die Orgelklänge.
Schließlich war sie mit Ernst oben angelangt, wo die Glocken hingen, eine große und eine kleine. Weit geöffnet standen die hölzernen Flügel der Luke nach Aschau hinaus. Die Soldaten waren eben dabei, zwei Bretter, die sie hier heraufgeschleppt hatten, auf den Fenstersims zu legen. Am anderen Ende, unter der großen Glocke, lagen sie auf einem Balken auf und bildeten eine schiefe Ebene, eine Rutschbahn ins Freie. Einer der beiden, der größere, war damit beschäftigt, das Brett an zwei seitlichen Balken zu vertäuen. Auf seinem rechten Handrücken hatte er einen großen braunen Leberfleck.
Martha packte Ernsts Arm und zog ihn die Treppe hinunter und ins Freie.
Sie holen die Glocken!, rief sie.
Der Pfarrer, sonderbarerweise in seinem schwarzen Talar, den er sonst nur während des Gottesdienstes trug, war inzwischen eingetroffen und stand ein paar Schritte vom Kirchturm entfernt, im Gespräch mit den Frauen.
Herr Pfarrer, rief Martha, sie holen die Glocken! Pfarrer Fuchs hob die Hände wie zum Segnen der Gemeinde am Ende des Gottesdienstes. Ich weiß, Frau Kroll, sagte er. Aber es ist nicht zu ändern. Die Männer haben mir den Befehl gezeigt – ein Schriftstück, unterzeichnet von allerhöchster Stelle … Er legte die Hände vor der Brust ineinander, und seine Stimme tönte dunkel vor Zufriedenheit darüber, dass er einen schriftlichen Befehl von allerhöchster Stelle in der Hand gehalten hatte. Unsere Glocke wird anderweitig benötigt.
Martha widersprach, aber er schnitt ihr das Wort ab, indem er sich begütigend an alle wendete. Die kleine Glocke bleibt uns ja, sagte er, sie nehmen uns nicht beide. Auch die große wird mit Gottes Hilfe zurückkommen, wenn der Krieg aus ist. Und wenn nicht, dann hat eben auch unser Dorf seinen Beitrag leisten müssen.
Die Leute hatten sich inzwischen an der Aschauer Seite des Turms aufgestellt. Gegen die Sonne, die jetzt von der Bechstedter Höhe her blendete, beschatteten sie ihre Augen mit den Händen und schauten nach oben, wo das Brett aus der Luke ragte. Hilmar schlug die Orgel. Die Männer im Turm arbeiteten rhythmisch, unter lauten Zurufen. Man hörte sie eine gewaltige Last bewegen.
Schließlich war der dunkle Rand der großen Glocke auf dem Brett zu sehen, das aus der Luke ragte. Einer der Soldaten streckte seinen Kopf heraus, brüllte: Obacht!, die Dorfbewohner wichen einige Schritte zurück, dann wurde langsam das Brett geneigt, die schwarze Bronze wölbte sich aus der Luke heraus, das Brett senkte sich weiter, bis der Glockenkörper, träge zuerst, dann schneller, ins Rutschen kam, in die Tiefe stürzte und stumpf aufschlug. Niemand sprach ein Wort. Nur Ernst lachte hell auf, verblüfft über eine solche Dreistigkeit: Jemand wagte es, die Kirchenglocke aus dem Turm zu werfen, einfach so, huiiii!
Zerbrochen war sie nicht. Sie hatte sich schief ins Erdreich hineingebohrt, stumm lag der Klöppel.
Die meisten Dorfbewohner sahen sie zum ersten Mal aus der Nähe. Erstaunt über ihre Größe gingen sie hin und fassten das Metall an, befühlten die Akanthusblätter, die sich um den oberen schlanken Teil des Glockenkörpers rankten, und lasen den sichtbaren Teil der Inschrift: IN AETERNUM, wurden aber dann vom Pfarrer aufgefordert zurückzutreten. Die Soldaten warfen die Bretter und das Tau durch die Luke wieder hinaus, kamen herunter, schaufelten die Glocke aus dem Erdreich frei und hievten sie auf den Lastwagen.
Währenddessen spielte die Orgel noch immer. Frau Kroll, sagte der Pfarrer und blickte seitlich zu Boden, sagen Sie Ihrem Mann, er soll aufhören und nach Hause gehen. Es hat doch keinen Sinn. Martha blickte finster. Ernst stand neben ihr, den vorstehenden Unterkiefer trotzig erhoben.
Der Herr Pfarrer hat recht, sagte Frau Bunzel. Was sein muss, muss sein.
Martha schwieg, ging ein letztes Mal mit Ernst zur Orgel hinauf und redete Hilmar an, der so tat, als höre er sie nicht. Er starrte in die Noten und traktierte das Instrument mit Händen und Füßen.
Hilmar, komm, sagte sie und rüttelte an seiner Schulter. Er kam aus dem Takt, aber er machte sich steif.
Ich bleibe hier! Er grub die Finger in die Tasten und verspielte sich.
Freiwillig gehe ich nicht! Sollen sie kommen und mich wegtragen! Später stand sie im Schulzimmer am Fenster mit Ernst, den sie auf einen Stuhl gestellt hatte, und sah, wie die Soldaten die Prinzipalpfeifen aus der Kirche schleppten. Frau Bunzel sprach mit dem Pfarrer, während Marion hinter seinem Rücken Grimassen schnitt. Einer der Soldaten, auf der Ladefläche des Lastwagens stehend, Martha gegenüber und nur wenige Meter entfernt, nahm
die Pfeifen entgegen. Klirrend fielen sie aufeinander, keine Töne mehr, nur Geräusche machten sie, achtlos hingeworfen, bloß noch Zinn. Der dieses grobe Geschäft verrichtete war ein schlanker, junger Mann. Sie sah den Leberfleck auf seiner Hand und verfolgte, wie er sich, mit beiden Beinen fest stehend, in der Körpermitte drehte, um eine Pfeife abzuwerfen, sich wieder zurückdrehte, um nach der nächsten Pfeife zu greifen, die ihm angereicht wurde, mit kraftvollen und geschmeidigen Bewegungen, und als er in einer Pause von zwei oder drei Sekunden, weil er offenbar spürte, dass er beobachtet wurde, den Blick zu ihrem Fenster hob, sie entdeckte und ihr zulächelte, wurde sie rot und trat einen Schritt zurück.

In den folgenden Tagen sprach der Vater nicht. Betrat er die Küche, lud die Luft sich auf, man wartete auf ein Gewitter. Das aber nicht kam. Schweigend löffelte er seine Suppe, schweigend verschwand er anschließend im Herrenzimmer. Kaum jemals sah er seinen Sohn an, und auch Martha fing allenfalls einen düsteren Blick auf, wenn sie ihn etwas fragte und keine Antwort bekam. Ernst fürchtete sich.
Der Vater ist böse, weil die Soldaten die Kirche geplündert haben, sagte sie zu Ernst. Wir müssen ihn in Ruhe lassen. Aber der Zustand hielt an, obwohl Hilmar nicht mehr unterrichten musste, weil die Schule wegen der Ruhr schon vor dem Beginn der Sommerferien geschlossen worden war. Martha war allein gelassen mit den Nöten der Nahrungsbeschaffung, mit all der Plackerei wegen des langsamen, unverständigen Kindes und neuerdings mit der Angst vor der Ansteckung. Viele Male am Tag reinigte sie jetzt die Hände des Kindes mit einer Wurzelbürste. Ernst, der sich meist länger auf dem Abtritt aufhielt als nötig und der sich beim Abputzen mit Kot mehr beschmutzte als säuberte, weil ihm das Gefühl, dass es sich um Schmutz handle, immer noch fremd war, musste, wenn er auf dem Abtritt gewesen war oder draußen herumgestreunt hatte, vollständig ausgezogen und von Kopf bis Fuß abgeschrubbt werden, zusätzlich zu aller anderen Mühe, die das Kind ihr bereitete. Trinkwasser musste abgekocht, das Waschwasser ständig gewechselt werden. Sie ging dreimal so oft Wasser holen wie sonst.
Die Johannisbeeren waren reif. Aber Marmelade konnte sie nicht kochen, weil der Zucker fehlte. Und seit dem Frühjahr war es verboten, statt Zucker Kohlrüben zum Einkochen zu verwenden.
Also pflückte sie die Beeren, zupfte sie von den Stielen ab und stellte sie auf den Tisch.
Hilmar aß einen Löffel voll davon und schüttelte sich. Bah, die sauren Dinger, die haben wohl die Hühner nicht gewollt! Das war der einzige Satz, den sie von ihm zu hören bekam.
An diesen Tagen trank Martha nicht nur die eine Tasse Erdrauchtee vor dem Zubettgehen, die Dr. Agemar verordnet hatte, sondern schon nach dem Mittagessen, wenn sie Hilmars Schweigen zu ertragen gehabt hatte und daran zu ersticken glaubte, am Nachmittag, und abends, wenn sie es kaum noch aushielt vor Groll und ohnmächtiger Wut, eine ganze Kanne. Der Erdrauch beruhigt und befreit, hatte Dr. Agemar gesagt. Und sie fand, dass es stimmte. Vielleicht bildete sie es sich nur ein. Aber ohne den Erdrauch wäre es gar nicht mehr gegangen.
Ein paarmal sah sie den jungen Doktor mit seinem rosigen Gesicht und seiner glänzenden Ledertasche, wie er zu Fabigs Gerda ging und neuerdings auch zur alten Frau Schöps, die beide die Ruhr hatten, wo er immer bloß strikte Hygiene predigte, ohne zu helfen, wie man hörte. Auch der ließ sie im Stich, obwohl er doch ein Mittel für Ernst in Aussicht gestellt hatte.
So gut sie konnte, mühte sie sich ab, Ernsts Entwicklung voranzubringen. Aber Fortschritte gab es kaum. Wenn sie daran dachte, dass er in zweieinhalb Jahren das Schulalter erreicht haben würde, wurde ihr angst und bang. Immerhin, die Farben hatte sie ihm beigebracht. Kurz nach seinem vierten Geburtstag, im April, war er so weit gewesen, dass er rot und gelb, blau und grün unterscheiden konnte. Aber er war so träge, so schläfrig, so unbeholfen mit Händen und Fü.en, von der plumpen Zunge ganz zu schweigen, dass sie oft in Versuchung geriet, ihn zu rütteln und zu schütteln. Wenn sie ihn draußen bei den Hühnern neben dem Abtritt antraf und sah, wie Fliegen über sein Gesicht und seine Arme liefen, die er nicht verscheuchte, sondern ungehindert auf sich herumlaufen ließ, überkam sie ein Grauen, und wenn sie durchs Küchenfenster beobachtete, wie er am Rand der Schotterstraße hockte und langsam Steine umdrehte, um nachzusehen, ob ein Käfer darunter war, wenn sie sah, wie er mit
seinen ungelenken Fingern einen Stein nach dem anderen aufhob und wieder fallen ließ, stundenlang, und wie er sich kindisch freute, wenn endlich einmal ein aufgestörtes Krabbeltier erschrocken weglief, biss sie sich auf die Lippen, denn das war nun schon seit beinahe zwei Jahren sein liebster Zeitvertreib. Hilmar aber nahm keine Notiz davon. Hilmar sprach nicht. Er verschanzte sich im Herrenzimmer, blätterte, wie sie wusste, in Pamphleten der
Unabhängigen Sozialdemokratie, die man besser nicht im Haus gehabt hätte, und brütete über Möglichkeiten der Weltverbesserung.
An manchen Tagen ging er zu Fuß nach Schwarzburg. Vom Taubenschlag aus konnte sie ihn als schwarzen Punkt sehen, der sich über die Höhe zwischen dem Himmelreich und dem Röderberg davonschlich. Da er nicht mit ihr sprach, fragte sie gar nicht, was er in Schwarzburg machte, mit wem er sich traf und zu welchem Zweck. Sie hatte so ihre Vermutungen, und es brachte sie gegen ihn auf wie alles andere.
Als sie an einem Nachmittag hörte, wie er wieder aus Schwarzburg zurückkam, im Hausflur seine Mütze an den Nagel hängte und im Herrenzimmer verschwinden wollte, stieß sie die Küchentür auf und schleuderte ihm ihre gesammelte Wut entgegen. Wenn du schon den ganzen Tag weg bist, könntest du den Jungen ruhig mal mitnehmen, dass er was sieht von der Welt!, rief sie hitzig.
Ernst klammerte sich an sein Holzpferd und schaute zu Boden.
Martha erwartete eine bösartige Erwiderung, aber sonderbarerweise blieb sie aus. Hilmar kam in die Küche, bückte sich, nahm dem Jungen das Holzpferd ab, stellte es auf den Fußboden, griff nach Ernsts Hand und zog ihn hinter sich her zur Küchentür und hinaus auf den Flur.
Vom Fenster aus, das offen stand, sah Martha die beiden das Haus verlassen und ins Dorf hinuntergehen.
Sie wartete. Was war jetzt in ihn gefahren?
Nach einer Weile kamen sie wieder herauf, Ernst an Hilmars Hand, Hilmar, notgedrungen langsam gehend und in freundlichem Gespräch mit dem Jüngsten von Zempels, der ab dem Herbst in die Oberklasse gehen und zu den Konfirmanden gehören würde.
Hilmar lachte sogar mit dem Jungen. Ja, mit anderen konnte er lachen …! Zu dritt gingen sie auf die Kirche zu, sie sah Hilmar aufschließen, sah, wie sich die Tür hinter den dreien schloss, und hörte lange nichts. Dann setzte die Orgel ein, aber in der Schule war sie nur schwach zu hören. Die Töne hatten ihre Schärfe eingebüßt, ihren Glanz. Dumpf und mulmig flossen sie dahin.
Es war wohl der Zempels-Junge, der die Bälge trat … Sie ließ das Fenster offen stehen, hackte das gesammelte Grünfutter für die Hühner und entsteinte die Pflaumen, die sie von ihrer Nachbarin Hilde Bogenschnitzer bekommen hatte. Die Kerne kamen in einen Eimer, der am Abend im „Deutschen Haus“ abgeliefert werden musste. Von dort wurden sie nach Schwarzburg gebracht, zusammen mit Kirschkernen und Menschenhaaren. Anscheinend übte Hilmar für den Gottesdienst am Sonntag oder für die Beerdigung der Gerda Fabig, um die es schlecht stand, wie Martha wusste. Sie erkannte den Choral Wer nur den lieben Gott lässt walten und ein Vorspiel dazu, das offenbar schwierig war, denn sie hörte Hilmar häufig stocken, abbrechen und Passagen wiederholen.
Es war das erste Mal, dass Ernst neben dem Vater auf der schmalen Orgelbank sitzen durfte. Mit klopfendem Herzen sah er aus nächster Nähe, wie die Finger des Vaters die weißen und schwarzen Tasten niederdrückten, und hörte auf die sanften Töne, die aus den Holzpfeifen kamen. Der Körper des Vaters geriet in Bewegung, wenn er die Pedale trat und sich mit Fußspitze und Ferse abwechselnd eine Reihe von Pedalen hinauf und hinunter arbeitete. Kam das rechte Bein des Vaters zum Einsatz, musste er sein Gewicht nach links verlagern und drückte Ernst ein wenig zur Seite. Wenn er abwechselnd den linken und den rechten Fuß benutzte, wurde eine Schaukelbewegung daraus, die Ernst genoss.
Dabei war der Blick des Vaters strikt in die Noten gerichtet. Manchmal nahm er blitzschnell eine Hand von den Tasten, um eine Seite umzublättern. Ernst bewunderte seine Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Meist traf der Vater die Töne, auch ohne auf das Manual zu blicken, aber nicht immer. Einmal, nach einem falschen Akkord, brach er ab, sank seufzend ein wenig in sich zusammen und horchte auf den Missklang, der im Kirchenschiff nachhallte.
Dann griff er mit beiden Händen nach seinem Sohn und stellte ihn neben sich auf die Orgelbank. Mit dem linken Arm zog er das Kind dicht an sich heran, bis ihre Wangen sich berührten, den rechten streckte er aus und zeigte schräg nach oben. Ernst war sehr aufgeregt. Die Bartstoppeln des Vaters piekten.
Sieh mal!, sagte er und schaute der zahnlosen Orgel tief in den Rachen, in den Wald der hölzernen Pfeifen hinein, die verschieden hoch waren und rhythmisch versetzt standen und zwischen denen nur ganz hinten im Dunkeln noch einige kleine Zinnpfeifen schimmerten, die die Soldaten übersehen hatten oder die ihnen nicht der Mühe wert gewesen waren. Dann sagte er dem Kind etwas ins Ohr, mit einer leisen Stimme, in der etwas zitterte wie Angst oder Ingrimm, so dass Ernst, der den warmen Atem des Vaters an seinem Ohr spürte, nicht sicher sein konnte, ob er richtig verstand: Wer weiß, was sie uns noch alles wegnehmen werden …, Ernst …!

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