Leseprobe: Mirjam Ziegler – „Die Federn meiner Mutter“

1
Auf meine Augen drücken schwarze Lider. Mein Rücken liegt auf Matratzenfedern. Meine Arme, meine Beine liegen ausgerichtet an dem Kasten, in dem ich festgespannt bin. Ich liege gerade; ich kann mich nicht regen. Ein Tuch spannt über meinem Körper, bis über die Schultern, unters Kinn. So eng, dass ich die Hände nicht auf meine Brüste legen kann. Mein Bett in der Salpêtrière. Eisenschwere hält meinen Kopf auf dem Kissen, wäre ich nicht schon waagrecht, würde ich hintenüber fallen. Es ist nicht warm und nicht kalt. Hier ist keine Luft, es riecht nur nach Möbelpolitur, nach ausgeschwitztem Alkohol und Mottenkugeln. Ich merke, dass ich trotzdem atme. Durch die Nase, meine Lippen kleben aufeinander.

Ich stelle mir eine Eichenholzschrankwand vor. Gedämpft durch dickes Holz dringen von irgendwoher Geräusche zu mir, von klirrenden Tellern und verrückten Tischen. Da sind Stimmen, da draußen sind Menschen. Ich atme und versuche zu denken. Mein Kopf ist ein Hochofen, alle Bilder verglüht von der Nacht und davon, wie ich hier herkam. Fünfundachtzig. Fünfundachtzig halbe Wachteln? Fünfundachtzig Serviettenschwäne? Fünfundachtzig Kerzen auf der Torte. Nach der Torte ging Florians Oma zu Bett. Dann der Korn. Florian. Wo ist Florian?

Florian hat eineinhalb Wachteln alleine gegessen, als Grundlage. Mir schmeckten die Wachteln nicht, weil ich immer an die Vögel denken musste, obwohl ich gar nicht genau weiß, wie Wachteln aussehen, wenn sie noch leben, was sie für ein Gefieder haben. Aber ich stelle sie mir vor wie seine Tante Irmgard, rund und schwer und selbstgefällig. An Hühner denke ich nicht, wenn ich sie esse. Ich denke an Torte, Torte, Torte, davon wurde mir schlecht. Torte und Wein.

Haberschlachter Heuchelberg, alle tranken, und noch einen, und nach der Torte den Korn. Florian lacht, wenn ich Korn trinke, und trinkt auch. Dann wird er ganz anhänglich. „Agi, Knutschi!“ Aber jetzt, wo ist er jetzt, weg, und in meinem Kopf alles verglüht. Da ist nichts mehr zu machen. Darum haben sie mich schon begraben, obwohl ich erst halb tot bin.

Florian sagte, „mein Lämmchen, ich hab dich so lieb“. Sowas sagt er sehr selten, nüchtern nie. Er steckte seine Hände unter mein Kleid, umfasste meinen Po und hob mich hoch auf seine Hüfte. Ich klammerte mich an ihm fest, um nicht hinunter zu fallen, aber was ich sagen sollte, das wusste ich nicht. „Ich hab dich auch lieb“ fiel mir nicht mehr ein. Ich sah ihn an, und da kam Else hinter der Gartenlaube vor, er ließ los und das Kleid rutschte wieder über meine Schenkel, und sie schaute, ob unsere Gläser noch voll waren.

Muss ich jetzt so bleiben, festgezurrt in einem dunklen Kasten, ohne mich irgendwann wieder zu rühren? Ich kann nur noch denken. Daran, wie es war, daran wie es hätte werden können, würde es weitergehen, die Gegenwart habe ich verloren. Ich denke an Florian auf seinem Motorroller, wie er mich mitnahm zum ersten Mal. Im Juni vor vier Jahren fuhr er mich nach Hause, vom Freibad, aber nur bis zur Spitzlbergerstraße, damit mein Vater ihn nicht sah. Wir gingen oft ins Freibad in dem Sommer. Vorher hatte ich das nicht gemocht, den Chlorgeruch. Aber ich lag gerne neben Florian auf der Wiese. Wenn seine Freunde im Wasser waren, riss er manchmal einen Grashalm aus und stupfte mich damit in den Arm. Und als ich grinste, sagte er, „was?“ Dann schnippte er ihn weg, wenn Jan und Mareike wiederkamen. Als die Ferien begannen, fuhr Jan an den Bodensee und Mareike kam auch nicht mehr, aber dass wir fast jeden Tag ins Freibad gingen, war schon so selbstverständlich geworden, dass wir so tun konnten, als sei es keine Absicht: dass wir nun allein zu zweit waren. Wir kamen schon morgens, und am Mittag kaufte Florian Pommes für uns. Ich kleckerte mir Mayonnaise auf den Bauch und Florian wischte sie mit dem Finger weg, und steckte den Finger in den Mund. Mein Bauch war immer noch fettig, also gingen wir ins Wasser und er rubbelte nochmal über die Stelle. Ich nahm seine Finger und schaute, ob die jetzt auch fettig waren. Vor lauter Bauch- und Fingerfett vergaß ich zu schwimmen und ging unter und natürlich rettete mich Florian und trug mich an Land. An den Chlorgeruch hatte ich mich gewöhnt, und wenn ich ihn abends in meinen Haaren roch, erinnerte er mich an Florian, dann mochte ich den Chlorgeruch sogar. Ich lag in meinem Bett und überlegte, wie ich herausbekommen könnte, wo Florian seinen Zivildienst machen würde, ohne ihn zu fragen. Er würde alten Leuten Essen bringen ab September, aber wo? Wie sollte ich das ganze Jahr bis zum Abi überstehen, wenn Florian nicht mehr da war? Wer weiß, wo er hinziehen würde, und wo würde ich studieren? Ich tippte Nachrichten in mein Handy, „Florian, ich will nicht, dass du gehst, ich kann nicht hier bleiben ohne dich“, „Florian, ich liebe dich, ich will mit dir zusammensein, für immer nur mit dir“ und solche Sachen, oder „Florian, warum küsst du mich nicht? Wir waren jetzt schon 27 Mal im Freibad.“ Ich drückte nie auf „Senden“ und schlief alleine ein.

Meinen Bauch streichelt Florian jetzt nicht mehr, nur noch zufällig, unterwegs von meinen Brüsten nach unten. Meine Brüste schon. Aber den Bauch nicht mehr, denn er ist ein bisschen fett geworden, findet er, glaube ich, er kauft mir ja auch keine Pommes mehr. Seine Finger, seine Backen sind auch ein bisschen fett geworden, ich streichle sie trotzdem, so schlimm ist das nicht. Ich will, dass er jetzt reinkommt und mich ausgräbt und mir etwas zu trinken bringt. Aber er kommt nicht, und ich muss jetzt selbst die Augen öffnen irgendwie, bevor ich unter diesem Tuch vertrockne. Die Wachteln schlagen in meinem Bauch mit den Flügeln und flattern in meinem Kopf herum, sie waren süßlich, ich will sie nicht mehr sehen und nicht mehr schmecken. Ich brauche Wasser. Ich muss die Augen öffnen. Ich will nicht, ich muss. Wie ein Pflaster, das man runterreißen muss und den Schmerz ertragen, um dann zu sehen, was darunter passiert ist, reiße ich die Augen auf. Um mich ist es dunkel, aber ich sehe einen breiten Streifen Licht an der Decke. Von der Gardinenstange hängen schwer grünbraune Vorhänge wie aus trocknen Tannennadeln gewoben. So dunkel wie ich dachte, ist es nicht. Da ist genügend Licht, um die Bilder an der Wand zu sehen, von Brautpaaren und Konfirmationen, auch von Florian und seinen Eltern. Scheidungsfotos gibt es nicht. Ich sehe, dass das Tuch nicht schwarz ist, das über meinem Körper spannt, sondern geblümt ‒ ein Omalaken wie von meiner eigenen Oma. Ich sehe mich in so ein Laken gehüllt auf Oma Marias Sofa liegen, sie liest mir vor, obwohl ich schon selbst lesen kann: Die Brüder Löwenherz.
„Du, Agi, du hast auch ein Löwenherz“, sagt sie, „du brauchst dich nicht zu fürchten.“
„Ich habe auch ein Löwenherz“, sag ich.
Doch ich will trotzdem, dass Mama zurückkommt. Oma betet noch ein Vater Unser mit mir, dann löscht sie das Licht. Sie riecht ein bisschen nach Farbe wie Mama, aber auch nach Scheuermittel. Der Schatten von Jesu festgenagelten Beinen hockt über mir an der Wand wie ein schwarzer Vogel, aber ich fürchte mich nicht davor, denn ich habe ein Löwenherz wie meine Mama.

Florians Oma hat kein Kruzifix an der Wand, und ich bete auch kein Vater Unser mehr. Irgendwann hatte ich es mit Mutter Unser versucht, denn was sollte ich mit zwei Vätern, wenn ich keine Mutter hatte? Aber von der Mutter im Himmel merkte ich ebenso wenig wie von der auf Erden, und irgendwann fand ich mich damit ab, eben nur einen Vater auf Erden zu haben. Und dann hatte ich Florian und hörte auf, mir meine Mutter auszudenken. Ich will keine Mutter mehr, ich brauche niemanden sonst. Meine Mutter hatte eben doch kein Löwenherz. Ich habe auch keines, aber ich schaffe es jetzt trotzdem, mich aus dem Laken zu befreien. Die Arme darunter vorzuschieben. Ich sehe eine Flasche Wasser auf dem Nachttisch, Florian hat an mich gedacht. Ich setze mich langsam auf. Mein Kopf fällt gegen die Wand, es wabert wieder in meinem Hinterkopf, das Schwere schwappt zurück. Warum hat er mir diesen Korn gegeben? Ich trinke die ganze Wasserflasche leer, die Kohlensäure sticht, das Wasser kühlt den Hochofen ab. Die Flasche fällt auf den Teppich, mein Blick rollt hinterher. Meine Handtasche, halb ausgeleert, Lippenstift, Handy, Pille. Mein Kleid, meine Pumps ineinander verwühlt, über der Heizung hängt mein BH. Ich habe nichts an, merke ich. Meinen Slip… ich sehe ihn nirgends. Da liegt eine verdammte Flasche Korn, 85%, selbstgebrannt und unverdünnt. Was hat Florian mit mir gemacht? Ich falle zurück in das Kissen und gebe der Dunkelheit nach. Meine Augen fallen zu, schwarzverschmiert müssen sie sein. Ich will mich gar nicht im Spiegel sehen. Ich versuche, mich an die Nacht zu erinnern, von Anfang an. All die Tanten, Cousins, all das Essen. Florians Mutter, die seinen Vater attackierte, „deine Fliege passt doch nicht zu dem Jackett, das sieht ja scheußlich aus“ ‒ Florians Vater, der murmelte, „du hast mir doch die Klamotten rausgelegt“. Florians Mutter, die Florian attackierte, weil er kein Jackett trug. Florians Mutter, die mich fragte, woher ich denn mein Kleid habe, und dann meinte, „dafür sieht es aber gut aus“. Florians Oma, die die Wachteln auch nicht mochte, und Florians Tante Irmgard, die das Menü bestimmt hatte und ihr sagte, du brauchst sie ja nicht zu essen.

Als Attraktion des Abends war Andi angekündigt worden, Andi in echt. „Stell dir vor“, hatte die Tante mir gesagt, kaum waren wir aus dem Auto gestiegen, „stell dir vor, wer heute kommt“, und rückte die Fasanenfeder in ihren Haaren zurecht. Sie sah mich erwartungsvoll an.
„Bernds neue Freundin?“
„Nein! Gerade aus Kolumbien gelandet! Der Andi!“
Florians Cousin Andi war zuverlässig bei jedem Geburtstag, bei jedem Weihnachtsessen in den letzten Jahren präsent gewesen. Er wurde besprochen, ob er gerade in Malaysia oder Uruguay war ‒ Andi, der abtrünnige Abkömmling der Familie Häberle. Ich stellte mir einen indianisch behängten Hippie vor, der seit Jahren aus dem Rucksack lebte und bunte Holzperlen in seinem Zottelbart trug. Keiner wusste, wie er überlebte, aber ein heimlicher Stolz sprach aus den Erzählungen der Tante, dass so ein Kuriosum die Familie zwar nicht zierte, doch irgendwie interessanter machte. Sie zeigte seine Fotos aus Bangladesch, wo er einige Monate auf einem Boot gelebt hatte. Sie sprach von den Ottern, die den Fischern die Schwärme in die Netze trieben, als hätte sie dieses Erlebnis im Weltladen gekauft, um ihr Wohnzimmer aufzupeppen und praktischerweise dabei gleich ihre Weltoffenheit zu beweisen. Und in Uruguay esse man Algen, habe sie vom Neffen gelernt. Ja, diese anderen Kulturen, die sind schon anders, das müsse man schon wollen.

Andi kam erst zu den Pfifferlingen und stellte sich als Dres vor. Ein stiller Aufschrei ging durch die Tafel: Er trug eine rote Hose! Aber was konnte man erwarten von einem Designer, der Künstler sein wollte, und irgendwie war es doch schön, dass er sich blicken ließ, auch wenn er kein schöner Anblick war. Ein liebevolles Lästern über die Legende setzte ein, kaum war Dres auf der Terrasse zum Rauchen. Diese Hose! Unmöglich. Aber so war er schon immer: Er aß ja auch als Kind die Schnecken roh aus Omas Zucht. Jetzt sei er Vegetarier, weltretterisch, wie er eben war. Ich selbst war eher enttäuscht. Dres hatte kurze Haare, ein paar graue darunter, und sein Ziegenbart war auch nicht lang genug, um Perlen hineinzuflechten. Man sah ihm seine Welthaltigkeit nicht an, noch roch man sie. Wäre die Hose nicht gewesen, er hätte ein ganz normaler Häberle sein können. Er erzählte auch nicht viel von Bogotá, wo er das letzte Jahr gearbeitet hatte, ich weiß gar nicht mehr, was, sondern hörte seinen Tanten bei ihren Klatschgesprächen zu: Die Röthenbach ist schon wieder schwanger, der Pfarrer hat seinen neuen Hund nicht im Griff. Seine Augen registrierten jede Äußerung, er sagte nichts. Manchmal drückte er den Auslöser der Kamera, die vor ihm auf dem Tisch lag, ohne sie aufzuheben.

Zur Käsesahnetorte servierte Tante Irmgard mir die Frage, wann wir denn mit dem Studium fertig seien. Das ginge ja nun schon drei Jahre!
„Wir sind doch erst im Praktikum, Irmi“, erklärte Florian wie immer, „das dauert eben zehn Semester“. Ich hatte das Gefühl, sie wolle nur immer wieder aussprechen, dass ihr Flori samt der Freundin Jura studiert, falls irgendwer das vergessen haben sollte, oder falls der Andi das noch gar nicht wusste. Schon türmten sich wieder die Akten in meinem Kopf, die Paragrafen des BGB krochen in meinem Hirn herum. An die Kanzlei wollte ich heute Abend wenigstens nicht denken. Andi musste etwas bemerkt haben und schenkte mir nochmal vom Heuchelberg ein.
„Erzählt doch mal“, pickte die Tante weiter, „was macht ihr da den ganzen Tag?“
Andi stand auf und ging auf die Terrasse. Ich brauchte auch Luft.

Andi lehnte am Verandageländer und bließ Rauch in die Dunkelheit. Ich stellte mich neben ihn; ich wünschte, ich würde rauchen. Er sagte nichts, er drehte sich nicht her. Ich hätte etwas sagen wollen, aber mir fiel kein Satz ein, der ihn interessieren könnte. Dann, ohne den Kopf zu bewegen, legte er von der Seite seinen Blick auf mich, und hielt mir Zigaretten hin. Ich wünschte, ich könnte rauchen, und griff in die Schachtel Pielroja. Er zündete ein Streichholz an, das kurz unsere Gesichter aufleuchten ließ. Ich zog, Rauch quoll in meinem Mund auf, ich wusste nicht, wohin damit, und hustete ihn in die Nacht hinaus.
„Ich hatte mich schon gewundert“, sagte er.
„Worüber?“
„Dass hier jemand raucht.“
„Ich wollte…“ Wieder musste ich husten.
„Du rauchst gar nicht, Frau Florian.“
„Ich hab da drin keine Luft mehr gekriegt.“
„Vom Rauchen kriegt man auch keine Luft.“
Er tat so, als sei ich ein kleines Mädchen, ich musste noch mehr husten und fühlte mich immer kleiner. Ich sah nur den Feuerpunkt seiner Zigarette und sah meine eigene verglimmen. Warum hatte ich sie genommen? Ich schnippte sie weg, der glühende Punkt erlosch im schwarzspiegelnden Goldfischteich. Andi lachte.
„Frau Florian! Wie heißt du eigentlich?“
„Agnes.“ Er ärgerte mich. Frau Florian! Ich wollte wieder reingehen, aber ich wusste nicht, wie.
„Dres.“
„Ich weiß. Warum nicht Andi?“
„Das war nicht meine Idee, Agi. Warum nicht Gnes? Wie würdest du dich nennen, oder hast du dich mit deinem Namen abgefunden?“ Der verarschte mich.
„Was passt dir nicht an Agi?“
„Ich wollte nur wissen, wie du dich selbst nennen würdest.“
Das hatte mich noch nie jemand gefragt. Solche Fragen. Kein Wunder hatte er mit der Familie nichts zu tun.
„Das ist doch eine überflüssige Frage. Ich heiße doch schon, wie ich heiße“, sagte ich.
„Ich heiße nicht Andi.“ Du heißt Affe, dachte ich.
„Und warum dann Dres, warum denkst du dir nicht gleich was eigenes aus?“
„Mein Vater hat mich Andreas genannt. Dann sagten sie Andi. Konnten sie ja noch nicht wissen damals, dass die andere Hälfte besser passt.“
Andis Vater war Organist und sonst sehr still neben seiner schnattrigen Frau, der dritten Schwester von Irmgard und Florians Mutter Hildegard. Ich konnte mir schwer vorstellen, dass er irgendetwas entschied. Entweder seine Frau machte sich nichts aus Namen, oder er hatte ihn ihr so untergejubelt, dass sie „Andreas“ für ihren eigenen Einfall hielt. Was ich mich eigentlich fragte, war aber, wie aus Andreas denn dieser Affe wurde. Überhaupt, wie Kinder ihren Eltern trotzen.
„Ich habe meinen Namen von meiner Mutter. Sie hätte selbst gern Agnes geheißen.“
„Das ist ein seltsamer Grund.“
„Ich bin gar nicht wie sie.“
„Wie heißt sie?“
„Magdalena. Meine Oma sagt, sie hätte sie gern Lea genannt, aber sie durfte nicht. Das klang 1958 noch zu jüdisch.“
„Und wie ist sie?“
„Sie ist weg.“
„Das tut mir leid.“
„Das braucht dir nicht leid zu tun. Ist besser so.“
„Hmm. Verstehe.“

Er verstand nichts, er wusste nichts. Ich wollte nicht an meine Mutter denken, und ich wollte ihm auch nicht erklären, warum er nichts verstand. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr reden, nur dastehen und rauchen und in den schwarzen Garten schauen. Ich fragte ihn, „darf ich nochmal?“ Er riss ein Streichholz an. Im Schein sah ich, dass seine Nasenspitze  zweigeteilt war, noch deutlicher als meine eigene. Das fällt mir immer auf an Gesichtern, die Form der Nasenspitze, aber ich habe noch nicht herausgefunden, was sie bedeutet. Florians Nasenspitze ist außergewöhnlich rund, was eigentlich nicht besonders männlich wirkt, aber gemütlich. Ich zog an der Zigarette. Florian hatte mich noch nie rauchen sehen. Ich habe auch fast nie geraucht. Ich wollte das nicht, so werden. Meine Mutter ging immer von mir weg, wenn sie rauchte. Zwar stand sie vielleicht nur vor dem Atelier, wenn sie rauchte, und ich wartete drin auf sie, nur ein paar Minuten. Oder sie stand vor dem Kindergarten ein paar Meter hinter den anderen Müttern, wenn sie rauchte. Aber mir war, als sei sie so weit weg, wenn sie rauchte, dass sie mich niemals hören würde, wenn ich sie nun brauchte. Ich zog, die Zigarette glimmte. Da kam der Rauch in mich hinein.
„Du musst den Rauch in deine Lunge lassen.“
Ich zog. Ich hustete. Der Rauch jagte wieder aus mir heraus. Andi drehte eine Flasche auf, drückte sie mir in die Hand. Ich trank. Das konnte man kaum trinken. Das war Korn. Ich zog. Ich nahm den Rauch auf, die Wolken zogen durch meine Lungen. Ich stieß ihn langsam aus. Er legte sich um mein Gesicht und machte die Nacht heller und undurchsichtiger zugleich. Ich hörte ein Klicken, doch sah die Kamera nicht.

Als die Dunkelheit wieder klar wurde, sah ich, dass Andi sich zu mir gewandt hatte. Oder Dres. Ich sah nur den Umriss seines Kopfes, seine Ohren. Ich drehte mich um, lehnte mich an die Brüstung und schaute ins Zimmer. Da saßen sie wie die Jünger ohne Jesus, satt von ihrem Mahl und hell erleuchtet im Rahmen des Wohnzimmerfensters. So betrachtet sahen sie aus, als könne einem da drin nichts geschehen. Es passierte nichts, und es bestand keine Gefahr. Eine Wohnzimmerfamilie, fröhlich und harmlos, in der ich eigentlich gut aufgehoben war. Ich zog noch einmal an Dres‘ Zigarette.
„Gefällt es dir?“, fragte er.
„Ja, irgendwie… ich mag das. Das Vernebeln.“ Er nahm noch einen Schluck, ich auch. Es brannte weniger.
„Ich meine hier. Gefällt es dir hier?“
„Es ist kalt für Juli. Aber die Grillen zirpen.“ Oh, das warpeinlich. Grenzromantisch.
„Und die Menschen grillen“, sagte er.
„Die Menschen grillen Goldfische.“
„Die Goldfische singen.“ Dres hielt die Kamera vor seinen Bauch und blitzte in den Teich.
„Die Vögel schwimmen“, sagte ich.
„Die Wachteln vögeln.“
„Die Menschen spachteln.“
„Mochtest du die Wachteln?“, fragte er. Jetzt musste ich lachen. Als Kind mochte ich Affen.
„Die Wachteln nicht, aber ich mochte das Essen. Stundenlang aus allen möglichen Richtungen herfahren, um zusammen zu essen. Das mag ich.“
„Das meinte ich. Gefällt es dir hier? Diese Familie?“
„Meine Familie macht sowas nicht. Mein Vater, meine kleine Schwester, ich, das ist okay. Kommt noch seine Frau dazu, schon schwierig.“
„Magst du die nicht?“
„Doch… Ach. Ich hab sie mir nicht ausgesucht.“
„Deinen Vater auch nicht.“
„Der ist okay. Und meine Oma mag ich. Aber mit ihrem Schwiegersohn…“
„Können sich nicht ertragen?“
„Nee. Wie meine Mutter und mein Vater auch nicht.“

Und am wenigsten meine Mutter und ich, aber das sagte ich nicht. Ich habe sie zuletzt an meinem Abiball gesehen. Ich fühlte mich immer schuldig, wenn ich mich nicht bei ihr meldete, sie an Weihnachten nicht anrief, sie nicht besuchte und nicht einlud. Als sie nach Paris gezogen war, besuchte ich sie dreimal im Jahr dort, zu Ostern, im Sommer und Weihnachten. Am Anfang. Dann nur noch Ostern. Paris ist so schön, aber sie gleicht das aus. Aus schlechtem Gewissen, und weil alle dort ihre Eltern zeigten, lud ich sie doch zum Abiball ein. Ich hatte eine Mutter, also sollte sie auch am Tisch sitzen. Sie kam erst mit dem Zug um neun in München an, als ich mit meinem Preis schon von der Bühne war. Solche jungen Menschen wie mich ein Stück zu begleiten, die schon mehr als Talent gezeigt haben, die man tatsächlich schon als Künstler bezeichnen könne, das gehöre zu den größten Freuden eines Kunstlehrers. Jetzt bliebe ihm nur noch, mir Mut zu machen für meinen weiteren Weg, und sicher würde er irgendwann irgendwo Fotos von mir entdecken ‒ wenn ich mir keinen Künstlernamen zulegte. Sprach Wolfsbaum, doch ich war zu abgelenkt, um stolz zu sein. Mein Blick hing an der Eingangstür zum Saal, und auf dem Weg zurück zu meinem Tisch suchte ich weiter. Ob sie wohl an einem falschen Tisch Platz genommen hatte, oder hinter dem Vorhang stand? Ich machte mir sogar ein wenig Sorgen, weil sie so fest versprochen hatte, dass sie da sein würde.

Dann war sie da. Sie trug ein schwarzes Kleid, der Rock ging bis zum Boden, aber oben war nur ein Netz und nichts darunter. Halbnackt mit ihren 48-jährigen Brüsten kam sie den Gang zwischen den Tischen voller erwachsener Väter und Mütter hinunter. Dass sie ein hautfarbenes Top darunter trug, sah ich erst, als sie mich umarmte. Meine Mutter war die Frau, die nackt zum Abiball kam. Ich wünschte, ich hätte Florians Eltern an ihrer Statt eingeladen. Sie beschaute Florian und sagte, „ist eine hübsche Krawatte“. Als er nochmal Wein für alle bestellte, sagte sie mir ins Ohr, so laut, dass es doch der ganze Tisch hörte: „Da hast du dir aber einen fürsorglichen Mann genommen. Wie deinen Vater.“ Ich wusste, Florian spürte, wie sie auf ihn hinabsah. Das blieb das einzige Mal, dass sie ihn sah, und danach wollte ich sie nicht mehr sehen. Nun war ich froh, dass sie vorher nicht dagewesen war, und selbst der Kunstpreis war mir peinlich, wenn Künstler so waren. Ich wollte alles andere, als nach meiner Mutter zu geraten. Ich hatte meine Mappen fertig für die Kunstakademie und auch für Hamburg und für Weimar. Seit zwei Jahren hatte ich daran gearbeitet. Aber nach dieser Nacht war meine Entschlossenheit aufgeweicht. Es waren noch zweiundzwanzig Tage bis zum Bewerbungsschluss. Ich schickte die Mappen nicht ab, sondern bewarb mich für Jura. Wie Florian. „Du kannst ja nebenher fotografieren“, sagte er, und auch mein Vater schien erleichtert. Vielleicht war es das erste Mal, dass meine Mutter ihm einen Gefallen getan hatte.

„Sind sie geschieden?“ Dres hielt mir die Zigarette hin. Ich rauchte erstmal.
„Ich glaube, sie waren nie wirklich zusammen.“
„Du glaubst?“
„Ich kann mich nicht daran erinnern. Als ich wusste, was es bedeutet, mit jemandem zusammenzusein, war sie jedenfalls längst weg.“
„Was das bedeutet? Was bedeutet es denn?“
„Na, zusammensein eben. Zusammenbleiben. Nicht einfach abhauen, wenn man gerade mal keine Lust mehr hat.“
Dres schaute nach drinnen. „Bei meinen Eltern ist es ja gerade das Schlimme, dass sie noch zusammen sind. Meine Mutter redet immer, weil sie eben gerne redet. Mein Vater hört nicht zu. Sie haben sich gar nichts zu sagen außer ‚Warum hast du nicht getankt?‘ und ‚Wo warst du den ganzen Abend?'“
„Wenn sie sich vermissen…“
„Als ob. Sie wollen doch nur die Kontrolle behalten. Sie streiten sich um die Fernbedienung.“ Er sah selbst schon wütend aus.
„Dafür sind sie zusammen. Können zusammen hierher kommen. Meinst du, alleine ginge es ihnen besser?“
„Jedenfalls würden sie ganz anders leben. Ihre Zeit mit Leuten verbringen, die sie mögen. Ich wette, mein Vater würde wieder Saxophon spielen. Und meine Mutter würde endlich woanders hinreisen als in eine Clubanlage.“ Es konnte ja nicht jeder im Urwald Urlaub machen.
„Und warum geht das nicht zusammen?“
„Mein Vater traut sich nicht nach Kolumbien und meine Mutter mag keinen Jazz.“
„Ich meine, zusammenbleiben und das trotzdem alleine machen.“
Ich war so froh, dass Florian und ich alles zusammen können: Uni, Urlaub, Pläne. Mittlerweile kann ich ihn sogar zu Ausstellungen mitnehmen.
„Weil dann der andere alleine ist und Angst hat. Mein Vater, wenn meine Mutter in Peru auf Vulkane steigen würde. Und meine Mutter, wenn er abends erotische Blasmusik machen würde. Wenn er in der Kirche orgelt, das ist ungefährlich.“
„Wenn sie Angst haben, dann lieben sie sich wenigstens noch.“
„Keine Ahnung. Ich glaube, sie haben nur Angst vor dem Alleinsein. Wegen mir brauchen sie jedenfalls nicht mehr zusammensein.“
„Vielleicht verbindet sie auch etwas, das du gar nicht siehst. Du bist ja auch nie da.“
„Warum bist du eigentlich so romantisch?“
Warum bist du eigentlich so zynisch, wollte ich ihn fragen, wer hat dir denn das Herz rausgerissen? Aber ich fand es gerade zu angenehm da draußen, um nach Löchern in seinem Liebesleben zu stochern.
„Ich will nur nicht so wie meine Mutter werden“, sagte ich, und drinnen sah ich Florian, der seiner Oma eine Nelke in den Dutt steckte. Er half ihr beim Aufstehen und geleitete sie bei sich untergehakt zu Bett. Plötzlich tat mir meine Mutter leid, die sicher ganz allein in Paris in ihrem Atelier saß, und ihr Hygieneartikelfabrikant saß sicher ganz allein in ihrem Appartement und schaute Quizshows in seinem Heimkino, weil meine Mutter ihm auch nichts mehr zu sagen hatte.
„Du musst nicht so werden“, sagte Dres. Mich überkam das Gefühl, Florian jetzt umarmen zu müssen. Ich zog noch einmal an der Zigarette und trat sie aus.
„Deswegen lass ich das jetzt auch.“ Ich bließ den Rauch in Dres‘ Gesicht. Ich sah ihn nicht; ich hörte nur das Klicken. Es blitzte. Mechanisches Summen folgte. Ich kannte das Geräusch. Mein alter Kasten lagerte irgendwo bei meinem Vater ein. Die Filme waren nicht mehr zu bezahlen, seitdem sie nicht mehr produziert wurden. Als der Rauch Dres wieder freigab, hielt er mir ein Foto hin. Wir gingen zum Fenster, ans Licht. Langsam erschien in dem weißen Rahmen aus der braunen Leere der Rauch wieder, darunter mein Kleid, meine Hand, die den Korn umklammert hielt. Ich ging schnell nach drinnen und hängte mich an Florians Hals. Er küsste mich. Er lachte. „Du hast geraucht! Agi hat geraucht!“ Ich machte den Korn auf, ich trank, er trank, wir lachten. „Agi hat…“, rief er, ich hielt ihm den Mund zu und gab ihm die Flasche. Er steckte die freie Hand in meinen Rückenausschnitt und schob mich in den Flur, in Richtung Gästezimmer.
Hier hört es auf. Weiter weiß ich nichts mehr. Mit Florian ist wohl auch kaum etwas Neues passiert. Vielleicht hat mein Gedächtnis deshalb aufgehört zu arbeiten, weil es schon so viele Sex-mit-Florian-Bilder archiviert hat, dass jede weitere Erinnerung eine Reproduktion wäre: Verschwendung. Ich grabe mich jetzt frei, ich brauche Wasser. Ich ziehe mein Kleid über und spähe aus der Tür. Es ist schon wieder alles ordentlich und rein, die Tanten schnüren Fresspakete. Ich wage mich hinaus. „Na, ihr habt ja geschnäpselt wie die Großen!“, ruft Irmgard, „kannst du wieder grade laufen?“ Florian lacht und stellt mir einen Teller hin. „Rührei mit Lachs. Hab ich dir gerettet, wusste schon, du brauchst das jetzt.“ Er drückt mir  einen Kuss auf, als hätte ich etwas Lobenswertes geleistet, weshalb er stolz sein konnte, mein Freund zu sein. „Oh, und das hier hat Andi für dich dagelassen.“ Er legt Dres‘ Foto von meinem Kleid auf den Tisch. „Hervorragend getroffen“, prusten Irm- und Hildegard, „wir wissen ja, dass du es bist!“ Unten verlieren sich meine Beine in der Dunkelheit, oben mein Kleid im Rauch. Die Flasche reflektiert das Fenster. Ich mag das Bild. Ich lache trotzdem mit und esse.

Im Auto fragt mich Florian, „wo wolltest du denn letzte Nacht noch hin?“
„Was?“
„Als du mitten in der Nacht den Morgenmantel angezogen hast. Mit den Goldfischen schwimmen?“, grinst er und zieht auf die linke Spur.
„Du Spinner. Stimmt doch gar nicht.“

2
Meine Finger trocknen aus und werden bald selbst zu Papier. Den vierten Tag durchforste ich Kästen nach Akten zu §2328 BGB auf der Suche nach vergleichbaren Fällen zum Erbrecht aus den Jahren 1976 bis 2003. Der Fall ist folgender:

Der Vater war schon tot, nun kam die Mutter, 74jährig, mit entzündetem Herzmuskel ins Krankenhaus. Sofort fuhren die drei Kinder zurück an ihren Heimatort, doch nicht zu ihr, sondern in ihr Haus, um es alle drei zu besetzen und schon mal den Streit zu beginnen. Während die Mutter um etwas mehr Leben kämpfte, fürchteten die drei um ihr Erbe, über das noch nichts bekannt war, und schafften den Hausstand der Mutter weg: ihre Bilder, Perserteppiche, alte Truhen und Tischchen, Nymphenburger Porzellan und feine Wäsche. Als die Mutter sich unerwartet gegen den Tod durchgesetzt hatte und nach Hause gebracht wurde, fand sie ihr Haus geplündert vor. Sie enterbte zwei ihrer Kinder, zeigte den Diebstahl an, sie mussten die Beute zurückgeben; dem dritten Kind, das sie zwar ebenfalls bestohlen, aber auch besucht hatte, schenkte sie, was es sich schon geholt hatte. Sie lebte nochmal fünfzehn Jahre. Die Kinder hatten voneinander nicht einmal die Telefonnummern, da fanden sie sich beim Notar wieder. Die damals gestohlenen Schätze gingen zurück an ihre ehemaligen Diebe, das Haus an die treuere Tochter. Natürlich fochten die anderen das an, und das richterliche Urteil war gewesen, das Haus sei durch drei zu teilen und folglich zu verkaufen. Sie gingen in Berufung, und unsere Aufgabe war es nun herauszufinden, wem was zustand. Den Paragraphenschleifen folgend kamen wir zu dem Ergebnis, der Wille der Mutter sei rechtens. Mein Gefühl aber sagt, nichts steht niemandem zu. Am Ende wird es kein Haus am Heimatort mehr geben und die Kinder müssen sich nie wiedersehen. Ich stelle mir vor, wie das Grab der Mutter verwahrlost. Ob sie so viel anghäuft hätte, wenn sie das geahnt hätte? Vielleicht wären die Kinder sich näher geblieben ohne diese Dinge zwischen ihnen. Vielleicht waren es aber auch einfach lauter schreckliche Leute. Andererseits, wer würde das Grab meiner Mutter pflegen? Ich nicht.

Es ist von einer erbärmlichen Faszination, wie wegen einiger tausend Euro eine Familie auseinanderfallen kann. Als wir im zweiten Semester einen ähnlichen Fall behandelten, fand ich das noch interessant. Inzwischen bin ich 168 formelle Variationen solcher Fälle durchgegangen, und die Faszination ist fort, nur der Eindruck bleibt, dass bei jeder Erbschaft nicht nur Eltern verloren gehen, sondern auch die Kinder sich verlieren. Als ob Geschwisterschaft mit den Eltern beerdigt würde. Aus Brüdern werden Erben. Es sind nur Variationen weniger Schemata, in denen Kinder Krieg führen gegen andere Kinder ‒ oder Eltern gegen Eltern, dann heißt es Sorgerecht. Die Fälle schockieren mich nicht mehr, weil ich sie ins Schema einpassen kann. Alles hat seine Ordnung, und geholfen wird keinem. Der Anwalt macht seine Arbeit, ich helfe ihm bei der Arbeit, ein Kind von seinem Vater fernzuhalten, und wenn ich mich bei der Vorstellung ertappe, wie das Kind nachts aufwacht und weint, weil es von seinem Papa geträumt hat, dann zerschneide ich den Gedanken und sage mir, dieses Kind bin nicht ich.

Wenn ich im Keller stehe zwischen Regalen und Regalen voller Akten von Fällen allein aus dieser Kanzlei, aus diesem arglosen Städtchen, beklemmt es mich: Die Gesellschaft setzt sich zusammen aus ganz vielen kleinen Streitereien; hier, in den Akten ihrer Konflikte, sind die Familien formalisiert. Das Neonlicht erspart mir nichts. Doch irgendwie tröstet es auch: Ich selbst bin nur ein weiteres kleinstes Element in einer zerhackten Gemeinschaft, und damit nicht allein. Jede Familie ist eine Fassade.

Acht Stunden am Tag besehe ich die Misere. Dann holt mich Florian ab, wir nehmen den Bus, sehen uns nach dem Papier noch etwas lebendes Elend an und kommen endlich nach Hause. Vielleicht, denke ich, gerade weil wir die Misere so genau studieren, bekommen wir es besser hin, nicht zu zerfallen. Wir setzen uns aufs Sofa, er legt den Arm um mich, ich stecke meine Füße zwischen seine Beine, und es fühlt sich an, als seien wir keine Einzelteile.

Heute gehe ich allein nach Hause, weil Florian direkt zum Training muss. Ich gehe die Turmgasse hinunter, über den Marktplatz. An der Eisdiele stehen die Leute Schlange. Sie behaupten ihre Sommerferien gegen den Regen. Ich stelle mich auch an. Vor mir unterhalten sich zwei spätpubertäre Mädchen mit großen Sonnenbrillen über ihre Urlaubspläne.
„Ja, schon voll scheiße allein mit denen“, sagt die Lange in Hotpants, aus denen ihr halber Hintern raushängt. Nein, er hängt überhaupt nicht ‒ er springt heraus.
„Ey, meine Mum nervt zu Hause schon so hart! Wie soll ich denn die da den ganzen Tag lang ertragen? Zwei Wochen!“ Die Kleine hat den Griff ihrer Einkaufstüte so fest um ihre Finger gewickelt, dass sie schon blau werden.
„Übelst ätzend. Hey aber Toskana ist ja schon geil, und ihr hattet doch auch immer diesen fetten Pool, oder?“
„Da lieg ich dann allein neben dem fetten Wanst von meinem Alten und dem fetten Arsch von meiner Mum.“
„Aber dieser Poolboy war doch süß, oder?“
„Der Hausmeistertyp? Der ist bestimmt eh nicht mehr da. Hat sich nen spannenderen Job gesucht.“
„Jetzt wart mal ab. Und wer weiß, was da noch alles rumspringt!“
„Oh Naddel“, sie hängt sich ihrer langen Freundin an den Hals,
„ich will mit dir mit!“
„Oh Mann, ja, das wär so geil!“
„Checkst du in Calella einen für mich mit?“
„Na klar. Den Frühstückskellner?“
Die Kleine grinst. „Francisco.“
„Den knutsch ich für dich. Und ich schnapp mir Miguel. Diesmal echt!“
„War das der mit den Zähnen?“
„Ja, genau der!“, quiekt die Lange.
„Der hatte doch ne Freundin.“
„Ja, letztes Jahr! Und wenn… “ Sie senkt die Stimme und schaut über den Rand ihrer Sonnenbrille. „… ist ja nicht mein Problem.“
„Und wenn er dich nicht will?“
„Willst du mit jetzt den Urlaub vermiesen oder was? Nur weil du wieder mit deinen Alten mitmusst!“
„Nein, Mann, sorry!“ Die Kleine schaut ganz erschrocken. „Ich will ja nur nicht, dass du dann enttäuscht bist. Den wollen doch alle.“
„Und deshalb krieg ich ihn nicht oder was?“
„Ich fand den vom Kiosk eh süßer.“
„Ja, klar! Du warst doch auch auf den Miguel scharf, gib’s zu!“
„Ach was, der ist doch viel zu alt für mich.“
„Also für mich auch, willst du das sagen? Ey, ich bin jetzt sechzehn!“ Die Lange wird richtig gereizt.
„Wollt ich gar nicht sagen. Dich nimmt er vielleicht schon, du bist ja auch voll hübsch!“
„Aber ich hab keine Titten.“
„Stimmt doch überhaupt nicht.“
„Ey jetzt schleim nicht.“
„In deinem neuen Bikini sehen sie jedenfalls voll groß aus! Ich wette, du kriegst ihn.“
„Hey, machen wir ne Wette. Wer mehr Typen abcheckt…“
„Ha, ha. Neben meinen Eltern auf dem Handtuch oder wie?“
„Okay sorry, das war doof. Hey!“ Jetzt freut sich die Lange wieder. „Versprich mir, dass du den Pooltypen klarmachst!“
Die Kleine freut sich nicht. „Ja bestimmt, ich. Wie immer.“
„Wieso, du siehst doch auch voll heiß aus in deinem grünen Bikini!“
„Der bemerkt nichtmal meine Existenz. Der würde mich mit den Fliegen aus dem Pool fischen und auf den Müll werfen.“
„Oh Mann, Sini. Mit der Einstellung ist’s ja klar, dass es bei dir nie klappt. Führ dir mal vor Augen, wie geil du eigentlich bist! Wenn ich deine Titten hätte…“

War ich auch mal so? Ich halte es nicht mehr aus. Nein, so war ich nie. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Walnuss und Tiramisu. Eigentlich brauche ich gar kein Eis an einem Tag wie heute ‒ das macht ihn auch nicht hell. Kurz wird es süß, aber danach scheint alles nur noch grauer. Gleich wäre ich dran, aber ich ergreife die Flucht. Stattdessen gehe ich heute zu Fuß nach Hause. Durch den Hofgarten, ich mag es, wenn der Park so leer ist. Das Karussell steht. Auf der anderen Seite des Himmels wirft die tiefstehende Sonne Licht aus dem Wolkengewühl durch das Karussell. Das Pferdchen wirft einen Schatten, der auf dem Boden von ihm fortfließt wie ein verlorener Traum. Es strahlt und schaut sich nicht um nach seinem dunklen Begleiter. Hätte ich nur die Kamera hier! Seit Wochen liegt sie nun in meiner Kommode, und ich wage kaum einmal, sie auch nur herauszuholen ‒höchstens wenn ich alleine bin und alleine durchschauen kann‒, geschweige denn, den Auslöser zu drücken. Ein paar Mal hatte ich sie schon in der Hand, seitdem ich sie wiederhabe. Ich war richtig aufgeregt, nachdem ich das Päckchen bekommen hatte. Dres hat mir einen Film geschickt, damit ich wieder anfange zu fotografieren, diesen wertvollen Film. Ich war so nervös, dass ich kaum bis zum Wochenende warten konnte, um nach München zu fahren. Was, wenn die Kamera nicht mehr funktionierte? Oder mein Vater hatte sie weggegeben oder Luzie hatte sie entdeckt und kaputtgemacht. Gleich fahren konnte ich auch nicht, einfach so, sonst hätte ich Florian davon erzählen müssen und von dem ganzen Päckchen: Von Dres‘ Experimenten und seinen verrückten Plänen, den Polaroidfilm neu zu erfinden, was natürlich unmöglich ist und irgendwie peinlich. Und von dem Foto mit den Fischen, das ich selbst nicht verstand und schon gar nicht erläutern könnte, oder mich verteidigen. Ich weiß es doch selbst nicht, was da mit Dres passiert ist. Ich sagte also nichts zu Florian und fuhr zu meinem Vater, wie ich es eben gelegentlich tue.

Sie war noch da, sie war noch ganz. Ich öffnete die Klappe und legte den Film ein. Klack, Klappe zu. Zehn Aufnahmen. Ich richtete den Sucher auf eine Karte an der Wand, die Yvy mir einmal gezeichnet hat: Yvy und ich und eine Weltkugel, quer darüber geklebt der knallgrüne Spruch „Live your dreams“, unser ahnungsloses Lebensmotto von damals. Ich schwenkte zur Decke auf die Lampe, die unwiderruflich mit Boyzone-Gesichtern beklebt ist. Ich schaute durch den Sucher aus dem Fenster auf die Laurentius-Kirche, in deren Turm ich immer eine Rakete vermutet hatte. Ich richtete ihn auf Luzie in ihrem blaugeblümten Kleidchen, auf ihr in einen Pfirsich festgebissenes Gesicht, auf ihre klebrigen kleinen Finger, die meine Zehen umklammerten. Sie weiß schon, dass sie meine Schwester ist, so wie man das mit vier Jahren eben wissen kann, aber sie sieht mir eigentlich gar nicht ähnlich. Luzie ist rotblond wie ihre Mutter und nimmt mit den unverblümten Worten aus ihrem Lachmund jeden ein, mich zuallererst. Sie ist zauberhaft, und ich bin froh, dass sie so ist. Aber ich drückte den Auslöser nicht. Ich wollte ein wirklich besonderes Foto machen, ich habe ja nur zehn Chancen überhaupt. Ich übte. Wenn ich Dres dann ein Foto schicke, muss es gut sein. Ich darf sein Geschenk nicht verschwenden ‒ und nicht Florians Geringschätzung aussetzen. Ich brachte die Kamera so beiläufig nach Hause, dass ich sie nicht einmal zu erwähnen brauchte. Ich weiß noch immer nicht, ob der Film überhaupt funktioniert. Vielleicht ist die Chemie kaputt. Wenn ich sie jetzt hätte, würde ich abdrücken. Das Pferdchen strahlt, sein glitzerndes Zaumzeug reflektiert in der Sonne. Sein Auge ist von einem Platanenblatt bedeckt. Morgen! Morgen nehme ich die Kamera mit. Aber morgen wird das Pferdchen an einer anderen Stelle zum Stehen gekommen sein, und morgen wird die Sonne nicht im selben Winkel durch den selben schmalen Streifen Himmel zwischen den Wolken darauf fallen.

Auf dem Weg nach Hause habe ich die Sonne im Rücken. Ich folge dem Schatten, der vor mir geht und aus mir wächst. Er ist größer ist als ich selbst. Heute bin ich gern mit ihm allein. Florian wird erst nach Mitternacht nach Hause kommen, er wird seinen Bierdunst mit ins Bett bringen und sich vielleicht sogar entschuldigen, dass er so lange weg war. Ich muss ihm gar nicht sagen, dass ich eigentlich ganz froh bin, donnerstags ohne ihn zu sein. Und wenn ich mit müsste zu seinen Fußballkumpels ‒ das erst recht nicht. Ich werde heute endlich den Film sehen, den Yvy mir dagelassen hat. „Ein irrer, halluzinogener Film“ steht auf dem Cover neben einer grünen Maske: Das reicht, um zu wissen, dass Florian sich das nicht ansieht. Wenn er neben mir sitzt, denke ich auch öfter: Was soll das? Automatisch gleicht Florian jede Szene mit der Realität ab. Wenn ich allein schaue, schaue ich einfach. Ich schaue allein heute Abend, und wenn er nachts ins Bett kriecht, mag ich es sogar, wenn er mich mit seinem Biermund küsst.

Als ich die Wohnungstür öffne, bricht mir ein Schwall heiße Luft entgegen. Ich reiße alle Fenster auf, aber die Luft steht hier. Ich wedle, aber davon wird mir nur noch heißer. Meine Kanzleiverkleidung ziehe ich aus und stopfe den Hosenanzug in den Wäschekorb, die Bluse gleich hinterher. Doch er quillt über und ich sehe ein, dass ich es nicht mehr länger hinauszögern kann. Während die Maschine läuft, dusche ich kurz und kalt und ziehe mir nur die Unterwäsche wieder an, dann sortiere ich meine Tasche aus. So viel sinnloses Papier! Aber jetzt, da ein Kilo alte Akten im Müll und die frische Wäsche auf der Leine ist, fühle ich mich leicht. Eigentlich wollte ich mir zur Feier des ruhigen Abends grünes Currygemüse machen, doch ich habe keinen Hunger. Stattdessen mache ich einen Chardonnay auf. Das Weinglas fülle ich mit Eiswürfeln ‒ noch eine Sünde für meine florianfreie Zeit. Endlich. Die Kanzlei weit weg. Draußen beginnt das Gewitter. Alles ist gut. Ich starte die DVD.

Verwandlungen, Verwandlungen. Ein irrer Kobold rennt über den Friedhof Père Lachaise. Da posiert ein Model halbnackt auf einem Grabstein. Der Kobold durchbricht die Bande, beißt einer Frau in seinem Weg den Finger ab. Ich hole mir ein Kissen auf den Schoß, wie um meinen Körper zu schützen. Der Kobold klemmt das Model unter seinen Arm und flieht. Das Model hat keine Angst. Durch die Kanalisation trägt er die junge Frau, sie sieht ihn verwundert an. In einem dunklen Loch setzt er sie ab. Der Kobold enthüllt seine Erektion. Ich fürchte um die Frau; sie lächelt. Langsam kleidet er sie an, bis sie verhüllt ist wie eine Madonna. Sonst tut er nichts. Er legt sich neben sie. Sie singt ihm ein Schlaflied.

Monsieur Oscar steigt in eine Limousine und zieht sich die Koboldsmaske ab. Das Gefährt ist seine Garderobe. Er klebt sich einen Bart an und verwandelt sich in einen Familienvater, jetzt fährt er mit einer kleinen Schrottkarre durch Paris. Es  ist gut, diesen Film an einem Donnerstag zu sehen. Als Oscar mit einem Akkordeon in eine Kirche einfällt, klingelt das Telefon. Florian. Sicher, um die Zeit. Lieb, dass er sich meldet ‒ aber diese Akkordeone! Ich kann jetzt nicht aufstehen. Immer mehr Akkordeonmänner! Ich könnte ja auch schon schlafen. Soll er eben länger bleiben. Es klingelt weiter, über die wilden Akkordeonklänge hinweg. Also doch.

„Hey, du“, sage ich.
„Allô?“ sagt eine alte Männerstimme, „Agnès?“ Er spricht meinen Namen französisch aus, Anjess.
„Richard?“ Richard! Was will Richard? Den hab ich zuletzt gesehen, als ich noch zur Schule ging, und ich bin nicht davon ausgegangen, wieder mit ihm zu sprechen. Doch seine heisere, hohe Stimme habe ich nicht vergessen. Wie meiner Mutter die gefallen kann! Vielleicht erträgt sie sie auch nur, und seinen stumpfen Geschmack. Der Mann ist einfach einfallslos. Aber er erträgt meine Mutter.
„Bon soir, Agnès. Du wunderst dich sicher, dass ich so spät anrufe.“
„Bon soir.“ Ich wundere mich, dass er überhaupt anruft.
„J’espère que je ne te dérange pas. Du hast doch noch nicht geschlafen, oder?“
Doch, du störst. „Pas de problème“, sage ich.
„Eine Studentin schläft ja nicht so früh wie so ein alter Mann. Wie geht’s dir? Comment ça va à la Fac?“
Was fragt der Fütterer meiner Mutter mich kurz vor Mitternacht nach der Uni? „Très bien. Et toi, ça va?“ Mehr Französisch kommt gerade nicht aus mir heraus.
„Oui, oui. Normal. Keine Sorge.“
Als ob ich mich um Richard sorgen würde. Auf dem Bildschirm verwandelt Monsieur Oscar sein Mordopfer in seinen Doppelgänger. Richard schweigt.
„Wie laufen die Geschäfte?“ Irgendwas musste ich ja sagen.
„Ja, ja. Gut, gut. Gute Nachfrage. Gute Zahlen.“
„Wie immer.“ Klar, Klopapier wird immer gebraucht.
„Nein, nein, mach dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung.“
Seine Stimme wird ganz hoch: „Ich bin sicher.“
Worüber denn sicher? „Alles in Ordnung, das ist gut,“ sage ich. Auf dem Bildschirm rasiert Monsieur Oscar seinem Mordopfer den Schädel.
„Magdalena ist nicht bei dir?“
Meine Mutter!? Ich spüre auf einmal, dass ich nicht zu Abend gegessen habe. Da ist ein Loch in meinem Bauch. Meine Mutter! Ich hole Luft. „Nein, wieso?“
„Ach, nur so“, fiept er, „oder hast du sie gesehen?“, seine Stimme überschlägt sich, „oder von ihr gehört?“ Schnelle Schläge auf Fleisch. Er trommelt sich irgendwo hin, als wolle er sich seiner Wahrhaftigkeit vergewissern. Was ist mit ihm los? Ich höre ihn lange einatmen.
„Du weißt also nichts?“ Er strengt sich an, sich zu beherrschen. Was sollte ich wissen?
„Nein, aber wieso denn?“
„Ach, nein. C’est rien. Ich dachte nur…“, sein Ton schraubt sich wieder hoch, „hätte ja sein können. Du weißt ja. So ist das.“
„Was meinst du, du weißt ja?“
„Du weißt ja, wie sie ist.“
„Ist was passiert?“
„Nein, nein. Ich weiß nicht. Sie ist ja nicht da. Aber sie ist sicher irgendwo. Es ist sicher nichts. Es ist nur…“
„Hat sie dir nichts gesagt?“
„Tu sais, tu sais. Sie ist nur nicht da.“
„Hast du irgendeine Idee?“
„Nein, nein, es ist nichts. Ich weiß auch nicht, was ist, aber sicher ist nichts. Mir war nur kalt und… Excuse le dérangement.“
Es knackt. Er ist weg. Mir ist wieder ganz heiß. Ich lege das Telefon zur Seite und stehe auf, mache die Balkontür auf. Ich stelle mich in den Regen hinaus, das tut gut, aber ich kann nicht ruhig stehen bleiben. Ich gehe wieder nach drinnen und setze mich wieder vor den Fernseher. Ich schenke mir Wein nach und trinke ihn wie Wasser. Meine Zehen zappeln. Auf dem Bildschirm hat das Mordopfer seinen Mörder erstochen, wie Zwillinge liegen sie in ihren Blutlachen.

Was ist das für ein Mann, mit dem meine Mutter da zusammenlebt? Hätte sie auch gleich bei meinem Vater bleiben können. Als sie mir damals sagte, sie sei jetzt mit einem Fabrikanten zusammen. Wenn ihr mein Vater zu uninspiriert war, warum suchte sie sich dann wieder so einen Bürgermenschen? Er musste der Typ Unternehmer sein, der so erfolgreich ist, weil er keine Grenzen akzeptiert. Der seine Firma aufbauen konnte, weil er Dinge anders macht. Der für die Firma alles tut, weil sie sein Baby ist, auch wenn es ein Hygieneartikelbaby war. Das stellte ich mir vor.

Dann lernte ich ihn kennen. Wie immer seit einigen Jahren fuhr ich auch in diesen Osterferien nach Paris. Meine Mutter wohnte nicht mehr in ihrem Katzenquartier über einem marokkanischen Imbiss im XIX. Arrondissement. Ihre neue Wohnung im XVI. ‒oder besser: Richards Appartement‒ lag direkt am Westufer der Seine, mit Blick auf die Nationale Fernsehanstalt, sie war geräumig und hell mit ebenso geräumiger Tiefgarage, drei Autos für zwei Leute. Ich musste nicht mehr auf dem Sofa schlafen oder in ihrem Bett, wie bei meinen ersten Besuchen in Paris, als ich gerade mal neun war und sie eigentlich gar nicht mehr kannte. Trotzdem hatte ich es damals irgendwie als Liebesbeweis genommen, dass sie mich nun wieder in ihrem Bett schlafen ließ, auch wenn das Bett nicht mehr bei uns war. Ihre Wohnung war anders als unsere in Gräfelfing. Sie hatte kaum Möbel drin, aber viel Zeug, nur zwei Zimmer, aber auch zwei Katzen. Es roch nach Katzenklo und aus dem Treppenhaus süß nach Ras-el-Hanout von Redouan. Er hatte nie Gäste und deshalb immer Couscous für mich übrig. Ich konnte den ganzen Nachmittag bei ihm bleiben, wenn sie unterwegs war, manchmal kamen auch seine Enkel und er erzählte irgendwelche Geschichten auf Arabisch. Das hörte ich gern, auch wenn ich nichts verstand. Dann kam sie zurück und ihr Bett roch wie früher, und ich sagte wieder Mama zu ihr.

Bei Richard bekam ich ein Gästezimmer mit Queensize-Bett, und wenn ich morgens herauskam, fragte mich die tunesische Hausangestellte, was ich denn zum Frühstück essen mochte. Ich wusste nicht genau, warum ich mich nicht wohlfühlte. Vielleicht, weil meine Mutter mir nicht sagen wollte, was mit den Katzen passiert war. Dass sie weggelaufen waren, glaubte ich ihr nicht. Erst ein paar Jahre später, als ich schon mit Florian zusammen war, wurde mir klar: Es war die um Perfektion bemühte Atmosphäre eines Schweizer Designhotels, das alles richtig machen wollte, aber damit das Gefühl auslöste, man dürfe nicht mit pinker Pyjamahose in dieses reine Bett steigen, geschweige denn die morgendlich neu auf dem Kissen platzierten, in Plastik eingeschweißten Fettkekse darin essen. Ich dachte an die Einsamkeit in Richards Appartment, als ich in dieses Hotelzimmer betrat. Florian packte seinen Fettkeks in den Rucksack und gab ihn auf dem Berg seiner Mutter; die gab ihn mir, ich könne mir das erlauben, und erklärte mir ihre Sauerkrautdiät, die nun im Urlaub so schwer einzuhalten war. Sie tat mir Leid. Ich steckte den Fettkeks in die Tasche und aß ihn erst, als sie beim Abstieg außer Sicht war. Ich fragte mich, ob Rolf uns eingeladen hatte, damit er nicht mit seiner Frau allein sein musste, und nicht zur Feier meiner Hochschulreife. Zurück auf dem Zimmer lag ein neuer Fettkeks auf dem Bett, auf das man sich in der schwitzigen Wanderkluft nicht zu werfen wagte.

Auch wenn ich sie schon lange nicht mehr besucht hatte und seit dem Abiball nicht mehr mit ihr gesprochen, erinnerte mich die Woche im Hotel unvermeidlich an das seltsame Leben meiner Mutter im XVI. Arrondissement. Dort war es mir manchmal, als hätte ich mich mit ihr zusammen in Richards Dienstleistungspalast eingeschlichen. Was bezahlte sie dafür? Warum wollte sie überhaupt mit ihm leben, wenn ihr außer ihren Ölfarben, Malmittel und Pinseln alles Materielle nichts bedeutete? Und was hatte Richard davon, meine Mutter auszuhalten, von der man nie wissen konnte, ob sie am nächsten Morgen eine Revolution starten oder vom Musée d’Orsay springen wollte? Das wäre ein schöner Tod, sagte sie mir einmal, als wir dort unter dem Dach im Café mit den goldenen Glocken saßen. Man konnte im Gang zwischen den Tischen Anlauf nehmen und durch die Uhr springen, die da meterhoch über dem Café thronte und von außen aus hunderten Metern Entfernung zu sehen war. Das Zifferblatt war ein Glasfenster so groß wie ein Feuerwehrsprungtuch. Die Scheibe mit der Ziffer VI war groß, frei von Streben, die einen zurückhalten würden, und lag tief genug, dass man hindurchspringen könnte und mit den Splittern nach unten stürzen, auf die Uferpromenade oder mit Glück direkt in die Seine. Tot wäre man so oder so. Und alle Spaziergänger würden es sehen, alle Verliebten, die vom Jardin des Tuileries über die Pont des Arts herkamen, alle Abgeordneten, die zur Mittagspause von der Assemblée Nationale Richtung Saint Germain gingen, und alle Touristen auf den Booten ‒ alle würden sie sehen, wie eine Frau aus der Zeit fiel. So beschrieb sie es, dabei drehte sie ihre Kuchengabel zwischen den Fingern und starrte an mir vorbei auf das Uhrenfenster. Ich erschrak, was für Ideen meine Mutter hatte. Ich wollte mir das nicht vorstellen. Ich habe es mir seither oft vorgestellt. Jetzt frage ich mich, warum sie mir davon erzählt hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.