Leseprobe: Torsten Seifert – „Der Schatten des Unsichtbaren“

 »Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?« B. Traven

Erstes Kapitel

Archie Tucker hatte Geschmack, daran bestand kein Zweifel. Er saß in diesem ziegelroten Traum mit Achtzylindermotor, Automatikschaltung, Weißwandreifen und der Silhouette eines Torpedos, als wäre er ein Filmstar. Mit seinen italienischen Schuhen, der eleganten Hose aus Segeltuch und dem exotisch bunten Aloha-Shirt, das ein Jahr später als „Hawaiihemd“ der letzte Schrei sein sollte, hätte Tucker ein gutes Motiv für Modefotografen abgegeben. Das Licht war perfekt an diesem Morgen. Besser konnte man es nicht arrangieren. Kein Wunder! Schließlich war es sein Perfektionismus, der ihn zum erfolgreichsten Gesellschaftsreporter Hollywoods gemacht hatte. Längst gehörte er zu der Handvoll Journalisten, die einen Anruf des Managements erhielten, bevor die Stars im Romanoff’s oder im Chasen’s einkehrten. Während die Kollegen nächtelang vor den einschlägigen Adressen herumlungerten, ohne jemals eine gute Story an Land zu ziehen, saß er immer bereits an einem der reservierten Tische und bekam seine Geschichten aus erster Hand. Nie hatte Tucker irgendetwas dem Zufall überlassen. Bis zuletzt nicht, könnte man meinen. Es gab kaum schönere Plätze für einen großen Auftritt als den Strand von Huntington Beach, an dem sein Cadillac Convertible Cabrio mit Blick aufs Meer parkte. Nur der Umstand, dass große Teile seines Gehirns über die mit beigem Leder bezogene Garnitur verspritzt waren und das Blut aus seinem Schädel auf der Rückbank ein hässliches Muster hinterlassen hatte, trübte den Eindruck. Aber irgendwas war halt immer. Leon Borenstein packte seine Fotoausrüstung zusammen und verstaute sie auf dem Beifahrersitz des Pontiacs. Er lächelte zufrieden. Noch bevor der Rest der Journalistenmeute von Tuckers Ableben erfuhr, würden seine Abzüge bereits im Fixierbad schwimmen. Der Titel der Nachmittagsausgabe war ihm sicher. Wenn er Glück hatte, schaffte er es zurück in die Redaktion, bevor der morgendliche Verkehr ins Rollen kam.
Die Nachricht vom Tod des „Königs der Skandalreporter“ verbreitete sich in der Redaktion rasend schnell. Es vergingen kaum zehn Minuten, bis der Erste an seinen Schreibtisch kam, um Leon auf die Schulter zu klopfen und zu fragen, ob es denn wirklich ein Selbstmord war. Natürlich versuchten sie herauszufinden, wer ihn mit der heißen Neuigkeit versorgt hatte. Doch über seine Quellen verlor Leon nie ein Sterbenswort. Genauso wie er sie nie mit einem Kollegen teilen würde. Schließlich bezahlte er Monat für Monat ein ordentliches Sümmchen dafür, dass er vor allen anderen erfuhr, zu welchem Tatort die Polizei gerade ausrückte.
Er war nicht überrascht, als ihn Barbara noch im Verlauf des Vormittags ins Chefbüro bestellte. Stainer musste längst aufgefallen sein, dass er derjenige war, der regelmäßig die großen Storys an Land zog. Eine Gehaltserhöhung konnte nur noch eine Frage der Zeit sein. Doch sein Chef ging nur kurz auf den Tucker-Coup ein. Der Grund des Gesprächs, sagte er, sei ein anderer. Leon wurde augenblicklich übel. War Stainer die Sache mit Kathy zu Ohren gekommen? Würde er von ihm wissen wollen, was seine Tochter auf der Rückbank seines Wagens verloren hatte? »Die Unschuld jedenfalls nicht, die war schon vorher hin«, wäre vermutlich die einzige ehrliche Antwort darauf gewesen. Doch Stainer schien davon nichts mitbekommen zu haben. Er bat Leon, Platz zu nehmen, und wies Barbara an, in der nächsten halben Stunde keine Telefonate durchzustellen. Eine halbe Stunde! Was hatte er vor?
Seine Mimik beschränkte sich wie immer auf das Wesentliche. Gewiss war er ein guter Pokerspieler. Wortlos knöpfte er sich das Sakko auf, zog es aus und hing es auf einen Kleiderbügel. Er legte großen Wert auf Kleidung und erzählte gern, dass er seine Anzüge bei Bullocks in der 7. Straße, Ecke Broadway schneidern ließ. Nachdem er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche gefingert hatte, krempelte er ruhig und akkurat seine Ärmel hoch und ließ sich in einem der schweren Ledersessel nieder.
Harold Stainer war als Harald Steiner in Braunschweig auf die Welt gekommen. Beim Umzug nach Kalifornien gingen ihm zwei Buchstaben verloren, die er flugs ersetzte, wonach er sich noch viel amerikanischer fühlte. Es war nichts Ungewöhnliches, dass Juden in Amerika ihre Namen änderten. Selbst die Bosse der großen Filmstudios machten da keine Ausnahme. Aus Szmuel Gelbfisz war Samuel Goldwyn geworden, Jack Warners Familie hieß früher Eichelbaum und Wilhelm Fuchs verwandelte sich in William Fox.
Endlich begann Stainer zu reden.
»Sagt Ihnen der Name B. Traven etwas?«
»Nein, Sir, noch nie gehört«, antwortete Leon wahrheitsgemäß.
»Das dachte ich mir«, entgegnete Stainer, ohne dabei belehrend zu wirken. »Nicht weiter schlimm. Sie werden ausgiebig Gelegenheit bekommen, sich mit ihm zu beschäftigen.«
Leon blickte ihn fragend an.
»Traven ist Schriftsteller. Nicht irgendeiner. In Europa geht seine Auflage in die Millionen. Man munkelt, er sei ein heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis.«
Stainer stand auf, zog gezielt ein Buch aus dem Regal und begann, darin zu blättern. »Seine Helden sind Outlaws. Habenichtse, arme Schlucker«, dozierte er. »Er lässt sie im Dreck wühlen und macht Gold daraus.« Dann klappte er das Buch zu. »Der Schatz der Sierra Madre«, sagte er und lauschte der Wirkung seiner Worte hinterher, als erwartete er, dass von irgendwoher ein Echo hallen müsste.
»Die Leute von Warner haben sich die Filmrechte schon vor Jahren gesichert. Vor ein paar Monaten haben die Dreharbeiten begonnen.«
Er zog an seiner Zigarette und schaute Leon prüfend an. »Die Story ist schnell erzählt«, fuhr Stainer fort. »Drei Taugenichtse tun sich zusammen, um in Mexiko nach Gold zu suchen. Sie gehen in die Berge und werden tatsächlich fündig. Doch anstatt die Beute brüderlich zu teilen, misstrauen sie einander, bis sie ihre Habgier in die Katastrophe treibt.«
Leon fragte sich, was die Angelegenheit mit ihm zu tun haben sollte.
»Was meinen Sie, wer die Hauptrolle bekommen hat?«, fragte Stainer nach einer kurzen Pause. Leon hob achselzuckend die Hände.
»Humphrey Bogart. Er spielt einen zwiespältigen und besonders fiesen Typen, der nichts mehr zu verlieren hat und am Ende stirbt. Also genau das, was Bogart meistens spielt«, lachte Stainer, so als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Leons Blick signalisierte währenddessen noch immer völlige Ratlosigkeit. Stainer entging das nicht. Aber er genoss es, die Geschichte in ganzer Breite erzählen zu können.
»Warten Sie, Borenstein, Sie werden gleich verstehen, worauf ich hinaus will«, bat er um Geduld. »B. Traven, der Name dieses Schriftstellers, scheint ein Pseudonym zu sein. Alle Versuche, ihn aus seinem Versteck zu locken, schlugen bislang fehl. Angeblich lebt er einsam irgendwo in der Wildnis. Sein Verleger kommuniziert mit ihm über ein Postfach in Mexiko.« »Weiß man, warum er anonym bleiben will?« »Es gibt einen ganzen Sack voller Theorien und Gerüchte«, antwortete Stainer und griff zu einer drei Finger dicken Kladde, die von einem Band zusammengehalten wurde. Es erinnerte Leon an die Gummiringe, die seine Mutter früher beim Einwecken verwendet hatte. »Ich lasse das Ganze schon seit längerer Zeit beobachten «, sagte Stainer, während er in den Unterlagen zu blättern begann. Traven soll zum Beispiel niemand anderes als Jack London sein, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat. Oder Ambrose Bierce, ein Romancier aus Ohio, der 1913 in Mexiko verschwand. Der wäre jetzt allerdings schon über hundert Jahre alt, also streichen Sie den.« Hastig durchblätterte er die nächsten Seiten. »Ein Farmerssohn aus dem Mittleren Westen, ein Enkel Napoleons, ein Leprakranker aus Chiapas, dessen Kopf verhüllt ist, der Hollywood-Agent Paul Kohner, ein General der mexikanischen Revolution, ein europäischer Reeder, ein Spion Stalins, ein Plantagenbesitzer aus Nicaragua oder ein entflohener Häftling aus Fort Leavenworth … Suchen Sie sich aus, was Sie glauben möchten.« Stainers Tonfall verriet, dass er bei jeder einzelnen Version seine Zweifel hatte.
»Andere meinen, Traven sei längst tot oder es handle sich dabei um eine ganze Gruppe. Genau genommen um fünf Schriftsteller mit Sitz in Honduras.« Er klappte die Kladde geräuschvoll zu, um sich verschwörerisch zu Leon hinüberzubeugen.
»Wenn der Film erst in den Kinos läuft, wird die ganze Welt wissen wollen, wer dieser B. Traven ist. Sie und ich, wir werden es ihr sagen.« Dabei rüttelte er Leon leicht an der Schulter. Der kam gar nicht dazu, einen Einwand vorzubringen.
»Ich hätte die Sache gerne weiter in aller Ruhe vorbereitet «, räumte Stainer ein. »Aber vor ein paar Wochen brachte die ›Life‹ das Thema aufs Tapet.« Er zog eine Ausgabe des Magazins aus der Schublade und schob sie quer über den Tisch. Leon schlug die markierte Seite auf. »Wer ist Bruno Traven?«, las er die Überschrift laut vor. »Also Bruno?«
»Das ist keinesfalls sicher«, winkte Stainer ab. »Life scheint nicht mehr zu wissen als wir. Angeblich haben sie sogar eine Prämie von 5.000 Dollar ausgeschrieben, für den, der das Geheimnis lüftet. Eines ist jedenfalls klar: Wir haben starke Konkurrenz bekommen. Was heute in ›Life‹ steht, darüber schreiben morgen alle anderen.« Leon fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken, ein Phantom jagen zu sollen. »Mr. Stainer, es ehrt mich außerordentlich, dass Sie mich in dieser Sache ins Vertrauen ziehen. Aber das klingt alles eher nach einem Detektivauftrag.« »Richtig, Borenstein«, sagte Stainer. »Aber in jedem guten Journalisten steckt doch auch ein wenig Detektiv. Während ein guter Detektiv noch lange kein Journalist ist, oder?« Das leuchtete Leon ein. »Jetzt kommt die eigentliche Sensation«, versprach Stainer mit einem triumphierenden Grinsen. Dabei ließ er erneut sein Feuerzeug klicken und nahm einen tiefen Zug, als könne das seinem nächsten Satz eine größere Bedeutung verleihen.
»Sie wissen ja, dass ich recht gut mit einigen Leuten aus den Studios befreundet bin«, prahlte er. »Blakes Büro hat mir gesteckt, dass ein Bevollmächtigter Travens mit dem Namen Hal Croves bei den Dreharbeiten anwesend sein wird. Er ist Travens Sekretär. Huston, der Regisseur, hat ihn als seinen technischen Berater engagiert.«
Er schaute Leon erwartungsvoll an, der jetzt wenigstens so etwas wie „Was Sie nicht sagen“ antworten sollte. Aber Leon schwieg. »Croves ist der Schlüssel zu Traven«, zog Stainer selbst das Fazit. »Haben wir ihn, führt er uns früher oder später zur Lösung.« Das Glänzen in seinen Augen verriet, wie stolz ihn dieser Coup machte. Plötzlich verstand Leon, welche Aufgabe er für ihn vorgesehen hatte. Ehe er den Gedanken zu Ende spinnen konnte, sprach Stainer ihn aus: »Sie gehen nach Mexiko und werden das Rätsel lösen. Ich habe für Sie bereits alles organisieren lassen«, übertrieb er, wie der Agent eines Reiseunternehmens, der gerade einen teuren Urlaub verkauft. »Sie fliegen schon in der nächsten Woche und begleiten das Team an den letzten Drehtagen. Die sind mitten in den Bergen, in der Nähe von Jungapeo, ein paar Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. Und – Sie erhalten ein Exklusivinterview mit Humphrey Bogart! Na, was sagen Sie?« Leon lächelte pflichtbewusst.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Harry Wurzinger, einer unserer Informanten, der früher zu Bogarts Entourage gehörte, wird Sie vorbereiten. Kennen Sie ihn?« Leon nickte. Jeder kannte Harry.
»Vielleicht wird das Interview nie erscheinen, das ist ganz egal. Ihre Aufgabe ist es, irgendwie an diesen Croves heranzukommen. Und wenn die Filmleute ihre Zelte abbrechen, heften Sie sich an seine Fersen.«
Natürlich. Da war es also, das dicke Ende. Eine Woche Mexiko auf Redaktionskosten hätte Leon sich gern gefallen lassen. Aber das, wovon sein Boss gerade sprach, hörte sich eher nach einem Himmelfahrtskommando an. Stainer schien Leons Gedanken lesen zu können. »Ich weiß, Borenstein, das kommt für Sie alles etwas überraschend. Glauben Sie mir, als Journalist kriegen Sie nicht oft eine Gelegenheit wie diese. Ich wünschte, ich hätte nicht die Verantwortung für eine ganze Redaktion. Dann würde ich ihn mir selber schnappen. Also – zögern Sie nicht. Holen Sie sich Traven und machen Sie sich unsterblich!« Leon war nicht sicher, ob ihn diese Art von Ruhm überhaupt interessierte.
»Wie viel Bedenkzeit habe ich?« »Keine«, unterband Stainer mit einer brüsken Handbewegung jegliche weitere Diskussion. »Da ist noch was, was ich Ihnen nicht verschweigen will. Sie würden es ja früher oder später sowieso erfahren. Es scheint ein Fluch über Traven zu liegen. Oder um es genau zu sagen: über allen, die nach ihm suchen. In den letzten Jahren habe ich bereits drei meiner Leute auf dieses Thema angesetzt. Einer von ihnen ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, ein weiterer sitzt heute in einer Nervenheilanstalt, der Dritte ist nach Alaska ausgewandert.«
»Na großartig!«, dachte Leon. Jetzt war er nicht mehr so sicher, ob Stainer nicht doch etwas von seinen Tete-atetes mit Kathy mitbekommen hatte. Vielleicht wandte er eine besonders subtile Methode an, um ihn loszuwerden. »Ich werde inzwischen die Ermittlungen vor Ort vorantreiben. Gewissermaßen an der Heimatfront.« Stainer liebte es, militärische Begriffe zu benutzen. Dann schaute er auf seine Taschenuhr. So, wie Leon ihn kannte, hatte das Gespräch tatsächlich eine halbe Stunde gedauert. Keine Minute länger oder kürzer. Als er sich verabschiedete, wartete Barbara bereits mit dem Flugticket sowie sämtlichen Unterlagen, die er für die Reise benötigen würde. Hinzu kamen die von Stainer wie der heilige Gral gehütete Kladde und ein Zettel mit Harrys Adresse. Leon fühlte sich, als wäre gerade ein 20-Tonnen- Truck über ihn hinweggerollt.

Zweites Kapitel

“It ain’t no sin, it ain’t no sin.” Leon fuhr herum. Vor ihm saß ein ausgewachsener Ara, der sich zu einer gefiederten Kugel aufgeplustert hatte. Unter lautem Fauchen stieß er den Kopf nach vorn und funkelte seinen Betrachter aus bernsteinfarbenen Augen böse an.
Harry lachte. »Das ist Bobby. Er passt auf mich auf, bis hier mal wieder eine Frau einzieht. – Willst du Kaffee?« »Gerne, wenn es keine Probleme macht.« Harry winkte lässig ab, drehte seinen Rollstuhl auf der Stelle und bewegte ihn routiniert in Richtung Küche. »Machs dir bequem!«
Das war leichter gesagt als getan. Harrys auf den ersten Blick recht geräumiger Bungalow glich einem Requisitenfundus. Ein Labyrinth aus Regalen, Schränken und Ablagen voller Zeitungen, Schachteln, Flaschen und allerlei Krempel, jeweils exakt bis zu der Höhe gestapelt, die er problemlos im Sitzen erreichen konnte. Dazwischen hatte er schneisenartige Gänge angelegt, gerade mal so breit, dass er mit seinem Gefährt nicht hängen blieb. Leon kam sich vor wie Gulliver, der durch einen Irrgarten auf der Insel Liliput spaziert.
“It ain’t no sin”, plapperte der Papagei, den das Aufplustern allmählich anzustrengen schien. Aus der Kugel war ein deformierter Federball geworden, an dessen Spitze der Schnabel drohte. Bobbys Pupillen hatten inzwischen die Größe von Stecknadelköpfen angenommen. Vorsichtig bückte sich Leon zu ihm hinunter.»Wie alt ist er?«, fragte er, während Harry, erstaunlich geschickt mit der einen Hand ein volles Tablett jonglierend, mit der anderen den Rollstuhl antreibend, zurückkam. »Keine Ahnung. Mich wird er jedenfalls überleben. Solche Viecher sterben einfach nie. Ich glaube, nur Schildkröten werden noch älter.« Bobby schloss die Federn und zog den Hals ein, so als versuche er jetzt, eine Schildkröte zu imitieren. »Mir machen Papageien Angst. Ich habe immer das Gefühl, sie wissen mehr, als sie uns glauben lassen.« Bobby nickte.
»Kann sein«, antwortete Harry mit geheimnisvollem Unterton. »Deinen Finger solltest du ihm jedenfalls nicht überlassen.«
“It ain’t no sin”, kommentierte Bobby. »Was redet er da immer?«, wollte Leon wissen. Harry feixte. »Das ist eine verrückte Geschichte. ›It ain’t no sin‹ war ein Paramount-Film mit Mae West, Mitte der Dreißiger. Irgendwer kam auf die bescheuerte Idee, 150 Papageien den Titel beizubringen, damit sie später überall dafür werben konnten. Wochenlang haben sie den Viechern Schallplatten vorgespielt, bis alle ihn nachsprechen konnten. Kurz vor der Premiere wurde die Paramount aber durch die Katholische Liga für Sitte und Anstand dazu gezwungen, den Titel zu ändern. Ich glaube, der Film lief dann unter ›I’m no angel‹. Danach hatte keiner mehr Verwendung für die Vögel. Ich nahm Bobby mit. Was aus den anderen wurde, weiß ich nicht.«
»Du machst Witze.«
»Nein. Ich schwöre, es war so.«
Harry schaufelte Unmengen an Zucker in seinen Kaffee und warf Leon dabei einen amüsierten Blick zu. »Übrigens: Glückwunsch zur Tucker-Story! Es kann halt nie schaden, die richtigen Leute zu kennen. Was musstest du abdrücken?«
Leon versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Wie konnte Harry bereits Bescheid wissen? Die Zeitung wurde doch gerade erst gedruckt. Sein Netzwerk schien noch immer intakt. Vor seinem Unfall musste er eine schillernde Figur gewesen sein. Die Liste der Klienten, die er als Bodyguard betreut hatte, las sich wie ein Who’s who der Filmbranche. Doch das war längst nicht alles, was Harry zur Legende machte. In den Dreißigerjahren, so erzählte man sich, hätte er nahezu jede Hollywood-Karriere ins Schlingern bringen können. Er wusste über alle Bescheid und bekam immer, was er wollte. Die meiste Zeit hing er damals mit Filmstars oder Drehbuchschreibern rum, saß mit ihnen bei Hühnerpastete oder Rindergulasch im Musso & Frank Grill am Hollywood Boulevard. Oder er ging ins Sasha’s Palate, wo man auf Diwans lag, um sich von Kellnerinnen in Togen Fasan oder Babyziegenbraten servieren zu lassen. Zu später Stunde begleitete er seine berühmten Kumpane dann in geheime Bars, private Klubs oder Hotelsuiten und widmete sich den Starlets, die seine Freunde übrig ließen. Was er nicht selbst mitbekam, erfuhr er von Maskenbildnerinnen, Hotelpagen, Telefonistinnen, Umzugsfirmen, Inkassoagenturen, Callgirls, Zimmermädchen und Barkeepern. Bei Harry schienen alle Informationen zusammenzulaufen. Schon bald kam jeder, der in Hollywood eine offene Rechnung begleichen wollte, zu ihm. Darunter Horden frustrierter Partygirls, die ihre Höschen in der Hoffnung auf eine Filmrolle etwas zu schnell ausgezogen hatten. Irgendwem musste Harry in dieser Zeit ein bisschen zu stark auf die Füße getreten sein. Jedenfalls versagten eines Tages die Bremsen seines Chevrolets. Zwei Wochen lag er in Gottes Wartesaal und hoffte vergeblich darauf, hereingerufen zu werden. Stattdessen schob man ihn im Rollstuhl zurück in die Vorhölle namens Hollywood, wo er bei seinen alten Freunden schneller in Vergessenheit geriet, als es dauerte, im Players Club einen Brandy zu bestellen. Sein Glück im Unglück war, dass er bereits damals auf der Gehaltsliste der Polizei von Los Angeles stand. Nach dem Unfall ließen sie ihn nicht fallen. Er rechnete ihnen das hoch an und zahlte es mit Loyalität zurück. Es war nicht viel, was sie für seine Informationen rüberwachsen ließen. Dafür musste er aber meist auch nur ein wenig herumtelefonieren oder in seinem Gedächtnis kramen. »Tja, schade um diesen Tucker«, griff Leon den Faden auf, ohne auf Harrys Frage einzugehen. »Er war nicht gerade das, was ich eine Edelfeder nennen würde. Aber er hatte diesen speziellen Instinkt. Er wusste immer genau, was bei den Lesern ankommt.« Harry wiegte den Kopf bedächtig hin und her, als müsse er erst überlegen, inwieweit er diese Meinung teilen konnte. Mit einer Handbewegung schob er das Thema beiseite.
»Stainer sagt, du bist wegen Bogie hier?«
»Genau.«
»Hat er was ausgefressen?«
»Nein«, antwortete Leon. »Er dreht gerade in Mexiko. Ich soll ihn am Set interviewen. Aber das ist nur ein Vorwand, um an einen anderen Typen ranzukommen.« Harry hob die Augenbrauen und machte eine anerkennende Geste. Offenbar gehörten solche Aufgaben selbst aus seiner Sicht nicht zum Standardprogramm. »Es heißt, er ist kein einfacher Typ und du könntest mir ein paar Tipps geben, wie man ihn am besten bei Laune hält.«
»Ganz einfach: Bier, Scotch und Drambuie«, lachte Harry.
»Jaja, ein paar Tipps geben. Dafür ist der alte Harry noch gut genug.« Seine Reaktion klang nicht beleidigt. Eher wie die eines Familienvaters, dessen Töchter um Taschengeld für neue Schuhe bitten.
»Er ist in Mexiko, sagst du?«
Leon nickte.
»Wer kam denn auf die Idee, in Mexiko zu drehen? Sind uns hier die Kakteen ausgegangen?« Leon zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. John Huston, schätze ich. Er führt jedenfalls Regie.« »O Mann, jetzt leiten schon die Irren die Anstalt.« »Du magst ihn nicht?« »Doch, doch, er ist genial. Ich finde nur, er ist ein wenig … nennen wir es sonderbar.« Leon hob erneut die Achseln. Film war nicht unbedingt sein Spezialgebiet.
Harry griff nach einem Flachmann, schüttete einen Schluck Whiskey in den Kaffee und schlürfte geräuschvoll, bevor er weitersprach.
»Bogie wird sich fragen, warum ihr ihn ausgerechnet in Mexiko interviewen wollt. Er sitzt doch jeden Abend im Romanoff’s.«
»Es ist das erste Mal, dass er im Ausland arbeitet. Deshalb soll alles nach einer Reportage über die Dreharbeiten aussehen«, erklärte Leon. »Tja. Was soll ich sagen?«, kam Harry endlich zur Sache.
»Ich kenne Bogie schon seit 1930. Wir sollten damals am Bahnhof in Pasadena die Garbo und Jack Gilbert abholen. Es war unglaublich heiß an diesem Tag. Endlich kam der Zug an, doch von den beiden keine Spur. Stattdessen stieg dieser Typ aus. Nicht sonderlich kräftig, dafür aber mit einer großen Klappe ausgestattet, mit der er fürs Erste die ganze Pressemeute versorgte. Bogie war einer der wenigen, die schon damals begriffen hatten, dass die Stars die Journaille genauso brauchten wie die Journaille die Stars.«
Leon lehnte sich zurück und machte sich auf einen längeren Monolog gefasst. Es sollte ihm recht sein. »Später bin ich oft mit Bogie um die Häuser gezogen. Meistens war Spencer Tracy dabei, manchmal auch Peter Lorre oder David Niven. Es gab eine Menge Spaß und immer irgendwelchen Ärger. Wochenlang durfte ich meine Getränke auf Bogies Namen anschreiben, damit ich dichthielt. Oft ging er morgens direkt von der Kneipe ins Studio. Bei seiner Visage ist das sowieso egal.« Harrys Blick blieb an ein paar vergilbten Fotos und Zeitungsartikeln hängen, die an der Wand befestigt waren. Seine Gedanken waren auf die Reise gegangen. »Eigentlich ist Bogie ein netter Kerl. Das heißt nicht, dass er nicht ständig sticheln oder jedermann beleidigen würde, wenn er sich langweilt und ein bisschen Action gebrauchen kann. Sein Problem ist halt, dass er nach ein paar Drinks selber glaubt, Humphrey Bogart zu sein. Aber wenn er jemanden mag, tut es ihm hinterher leid und er versucht, alles wieder in Ordnung zu bringen.« Harry rollte zu Bobby hinüber und fütterte ihn mit einem Maiskolben. Als er ihn am Ohr kraulte, gähnte der Vogel. Dann versteckte er den Schnabel in seinem Rückengefieder und schloss die Augen.
»Früher mochte ich keine Tiere«, gab Harry zu. »Meine Exfrau hatte mal so einen hässlichen Yorkshireterrier, der ständig Preise gewann. Es gab bald kein anderes Thema mehr. Nur diese beschissenen Wettbewerbe. Dann hab ich heimlich angefangen, ihn zu füttern. Erst hat sie sich gewundert, warum mich der Köter plötzlich leiden konnte. Später, warum er auf einmal so fett war. Als sie dahinterkam, reichte sie die Scheidung ein. Wegen seelischer Grausamkeit.«
Leon feixte.
»Kennst du die Babynahrung von Mellin’s?“, fragte Harry.
»Kann sein«, antwortete Leon, ohne sich tatsächlich daran erinnern zu können. »Bogie ist das Baby in der Werbung.« Leon verstand nicht ganz. »Seine Mutter war Grafikerin. Als sie damals den Mellin’s-Auftrag bekam, ist ihr nichts Besseres eingefallen, als ihr eigenes Baby zu malen. Bogie war also schon auf Millionen Verpackungen, bevor ihn irgendjemand auf der Leinwand sehen konnte.« »Hat es sie reich gemacht?«, wollte Leon wissen. »Geschadet hat es ihr auf keinen Fall«, antwortete Harry.
»Aber Geld war bei den Bogarts nie das Problem.«
»Lebt sie noch?«
»Nein, sie starb vor acht Jahren. Getrauert hat er damals nicht, soweit ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich war er eher froh, dass die alte Hexe endlich in der Hölle schmort, für all das, was sie ihm angetan hat.«
Harry blickte kurz zu Leon, als müsse er sich vergewissern, ob der mehr darüber erfahren wolle, und fuhr fort.
»Bogie hat Peter Lorre mal erzählt, dass seine Mutter ihn früher oft schlug und einsperrte. Als sein Vater für ein paar Jahre als Schiffsarzt zur See fuhr, musste er sogar zu ihr ins Bett steigen. Er war damals höchstens 16 oder 17.« »Du nimmst mich auf den Arm.«
»Nein, es ist wahr. Nur als Einstieg für dein Interview eignet sich das wahrscheinlich nicht«, stellte Harry fest. »Bogie hat es anfangs nicht leicht gehabt. Anfang der 30er bekam er in Hollywood kaum Rollen. Um über die Runden zu kommen, spielte er in Blue Movies, wenn du weißt, was ich meine. Später hat es ihn einen Haufen Geld gekostet, die Filme zurückzukaufen.«
Leon verkniff sich die Frage, die ihm augenblicklich in den Sinn gekommen war. »Vielleicht sollte ich mal ein Buch schreiben, in dem diese ganzen Geschichten drin sind. Aber dann kommt von euch Burschen ja überhaupt keiner mehr vorbei.« Leon lehnte dankend ab. Was Lesestoff anging, war sein Bedarf mehr als gedeckt. Er stellte seine Tasse ab und schaute zur Wanduhr. Harry übersah es geflissentlich. »Hab ich dir mal von Errol Flynns Partys in seinem Haus am Mulholland Drive erzählt? Die reinsten Orgien! Ich habe Bogie ein paar Mal hingefahren. Es kursierten unglaubliche Gerüchte darüber. Ein dicker, ziemlich einflussreicher Diplomat aus Europa hatte davon gehört und wollte unbedingt dabei sein. Er ging Flynn damit mächtig auf die Eier, also lud der ihn eines Abends ein.« Harry beförderte den nächsten Whiskey in seine Tasse. »Als der Tag gekommen war, fuhr der Dicke in einer riesigen Limousine vor. Im Foyer wartete eine tolle Blondine auf ihn. Nichts an, außer High Heels und einer knappen Schürze. Sie bat ihn, ihr ins Entkleidungszimmer zu folgen. Von dort sollte er dann einfach durch die Tür gehen, wo die anderen Gäste schon auf ihn warten würden. Das stimmte auch. Doch als er splitternackt eintrat, saßen alle korrekt gekleidet beim Essen. Der Dicke ergriff die Flucht und die Runde lachte sich halb tot.« Leon lachte. Er kannte die Geschichte bereits, aber ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als Harry bei Laune zu halten, bis er Verwertbares lieferte. Ihm fiel ein Satz seines Vaters ein, der davon überzeugt war, dass man einem Menschen hier in „Tinseltown“ kaum eine größere Freude bereiten konnte, als ihm zuzuhören. »Danach ging die Party natürlich erst los. Der Typ hätte wirklich seinen Spaß gehabt. Wusstest du, dass Flynn mit seinem Schwanz Klavier spielen kann? Und wohl gar nicht mal so schlecht. Er trifft zumindest die Töne.« Leon verzog das Gesicht.
»Sprich ihn doch einfach auf sein Boot an«, platzte Harry plötzlich heraus, als hätte er die ganzen anderen Anekdoten nur gebraucht, um sich warmzulaufen. »Es gibt kaum etwas, über das er lieber redet.« »Er hat ein Boot?«, fragte Leon überrascht. »Ja, die Santana. Sie liegt in San Pedro. Bogie hat sie von Dick Powell gekauft. Eine 55-Fuß-Jolle für 55.000 Dollar. Jeder Fuß tausend Dollar. Glaub mir, sie ist es wert. Er verbringt darauf so viel Zeit, wie es nur geht. Immer wenn er dem ganzen Trubel entkommen will.« Segeln war für Leon ein dankbares Thema. Als Jugendlicher hatte er an ein paar Regatten teilgenommen und steckte tief genug in der Materie, um ein wenig darüber fachsimpeln zu können. Für heute, entschied er erleichtert, hatte er genug Informationen gesammelt, um den Bogart-Insider spielen zu können. Harry schien inzwischen selbst Bobby müde gequatscht zu haben. Der Papagei schlummerte friedlich auf seiner Stange. Was Harry allerdings nicht davon abhielt, das nächste Thema anzuschneiden.
»Sag mal, stimmt es, dass du einem dieser Taco-Boxer den Kiefer gebrochen hast?«, fragte Harry. »Nicht den Kiefer. Nur die Nase. Jesús Bautista, ein Weltergewichtler aus Cantamar. Kampfname ›No Mercy‹ aber wenn du mich fragst, sollte er besser ›No Balls‹ heißen. Im Ring schien es immer, als würde er ständig rückwärtslaufen. Seine Tänzelschritte sahen so aus, als hätte er sich in die Hosen gemacht. Ich hab damals noch für die Sportredaktion geschrieben und ihn durch den Kakao gezogen.«
Harry schlug sich auf die Schenkel. »Jesús ›No Balls‹ Bautista, das ist gut, Mann!« Leon grinste. »Jedenfalls können es Mexikaner nicht ausstehen, wenn man sich über sie lustig macht. Also hat er mich eine Woche später gemeinsam mit seinen Jungs am Ausgang in Empfang genommen. Bautista wollte wissen, was mir dreckigem Juden einfallen würde. Doch bevor er mich vermöbeln konnte, schlug ich ihm einfach ins Gesicht. Da wäre er vermutlich nie im Traum draufgekommen.«
Harry hörte amüsiert zu. Storys wie diese waren ganz nach seinem Geschmack. Leon fuhr fort. »Ich hab ihn ganz gut erwischt. Er schaute ungläubig auf das Blut, das durch seine Finger rann, und lief davon. Mir schlotterten zwar die Knie und er hätte mich sicher mit ein bis zwei Schlägen zu Boden gebracht, aber er ließ von mir ab und verschwand.«
»Lief er rückwärts?«, prustete Harry los. »Nein«, lachte Leon. »Diesmal nicht.« »Und seine Männer?«
»Die waren anscheinend der Meinung, es sei eine Sache zwischen ihm und mir. Später wollte keiner mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Sie hatten wohl Angst, die Schande würde auf sie abfärben.« Harry wurde ernst. »Du solltest dich dennoch in Acht nehmen. Mexikaner haben ein Gedächtnis wie Elefanten.« Leon winkte ab, was so viel wie »ich kenne die Burschen« bedeutete.
»Vielleicht solltest du selber in den Ring steigen, statt nur darüber zu schreiben«, schlug Harry euphorisch vor. »Vergiss es«, antwortete Leon kopfschüttelnd. »Ich bin damals mal mit Orlando Spinoza über drei Runden Sparring gegangen. Danach konnte ich mich eine Woche lang nicht mehr bewegen.«

Wenig später lenkte Harry seinen Rollstuhl zum Ausgang und schüttelte Leons Hand. »Hat mich gefreut, wenn ich dir helfen konnte. Hast du nicht vielleicht noch eine sichere Wette für mich?« Leon dachte nach. »Na ja, ich bin nicht mehr ganz so nah dran wie früher. Aber Conley gegen Hernandez, der dritte Kampf am Freitagabend im Hollywood Legion Stadium – das könnte was werden. Conley ist 7:1 Favorit. Doch er lag die letzte Woche mit einer Grippe im Bett. Außerdem hasst er Rechtsausleger. Die Jungs aus El Monte halten Hernandez für den kommenden Mann. Ich schätze, du kannst ein paar Scheinchen riskieren.« »Gut, ich denk drüber nach«, bedankte sich Harry. Leon lachte. »Wenn du darüber nachdenken musst, solltest du besser nicht wetten.«

Er musste die Augen zusammenkneifen, als er aus dem Bungalow ins Freie trat. Der Vorrat an Sonne war in Kalifornien das ganze Jahr über endlos. Sein Autoradio meldete, dass für Santa Monica 92 Grad Fahrenheit gemessen wurden. Dabei war es gerade mal Anfang Mai. Leon rechnete. 92 minus 32 durch Einskommaacht gleich 33. Obwohl er inzwischen schon seit dreizehn Jahren in der Stadt der Engel lebte, hatte er sich noch immer nicht an die hiesigen Temperaturangaben gewöhnt.

Drittes Kapitel

Wie die meisten Amerikaner hielt Leon Mexiko für eine Art Niemandsland, das abwechselnd von Revolutionen, Vulkanen, Banditen und ausgedehnten Siestas ruiniert wurde. In seiner Vorstellung trugen die Männer lustige runde Hüte, bunte Umhänge und lange Schnurrbärte. Sie verschlangen Unmengen an Tortillas mit Bohnen und tranken Tequila. Wenn sie nicht gerade auf einem Pferd saßen, schliefen sie – sogar tagsüber und, wenn es sein musste, an eine Wand gelehnt. Oder sie zogen in kitschigen Mariachi-Uniformen durch die Straßen und peinigten jeden, der nicht schnell genug davonkam, mit ihrer Musik. Während der Kriegsjahre hatte Kalifornien viele Mexikaner ins Land geholt, damit die Arbeit auf den Farmen und beim Bau der Eisenbahntrassen weitergehen konnte. Die Braceros arbeiteten nicht schlechter als die Einheimischen, gaben sich aber mit viel weniger Lohn zufrieden. Alles sprach dagegen, sie nach Kriegsende schnell wieder nach Hause zu schicken. Damit begannen die Probleme. So stellte es zumindest die kalifornische Presse dar, laut der die Gastarbeiter jede dritte Straftat zwischen San Bernadino und Malibu verübten.

Stainer hatte Leon einen Pan-Am-Flug spendiert. Es ging von Burbank über Dallas nach Mexiko-Stadt. Dort musste er in einen klapprigen Bus steigen. Die löchrigen Straßen führten vorbei an endlosen Agavenfeldern und langen Reihen von Kakteen, die wie Orgelpfeifen Spalier standen. Mit zunehmender Fahrzeit begann sich die Straße immer stärker zu winden. Leon kam es vor, als säße er in einer Achterbahn. Die steilen Auf- und Abfahrten drückten auf seine Ohren. Das Geräusch des Motors nahm er nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Ein paar Fahrgäste übergaben sich in mitgebrachte Tüten. Der Busfahrer nahm davon keine Notiz. Seine Mimik glich der eines Reptils, das aus einer Starre erwacht war und noch nicht sicher sein konnte, ob bereits alle Körperfunktionen Dienst taten. Beim Verlassen der Busstation hatte er sich mit einem Stoßgebet für die Fahrt gerüstet und damit jedwede Verantwortung an eine höhere Instanz weitergereicht. Die Pedale betätigte er ausschließlich mit voller Kraft, ganz gleich ob er Gas gab oder abbremste. Nach jeder Kurve brummte er ein phlegmatisches »Bueno« vor sich hin. Selbst als sich ein schwer bepackter Esel mit einem panischen Sprung vor dem herannahenden Gefährt rettete, dabei den Halt verlor und einen Abhang hinunter in den sicheren Tod stürzte, nötigte ihm das keine Reaktion ab. Was hatte der Esel auch da zu suchen? Leon vermied es von nun an, aus dem Fenster zu sehen.

Gegen Nachmittag erreichte der Bus Zitácuaro. In Leons Kopf hatten Dutzende kleine Bergarbeiter damit begonnen, gegen die Schädelwand zu hämmern, um die Besteigung der 2.000 Höhenmeter zu feiern. Die Luft war heiß, feucht und schwer, als hätte ihr jemand Gewichte aufgelegt. Leon war kaum ausgestiegen, als ihn ein kleiner Junge am Ärmel zog. Mit einer lässigen Bewegung holte er eine Kiste hinter dem Rücken hervor, sank auf die Knie und begann schneller, als Leon «Gracias» sagen konnte, damit, dessen Schuhe zu polieren. Stoisch ließ er die Bürstenattacke über sich ergehen.
«Busco un hotel?», fragte er, ohne davon auszugehen, dass der Junge jemals in seinem Leben eines von innen gesehen hatte. Der Kleine starrte Leon erschrocken an. Seine Augen standen so weit auseinander, dass es schwer fiel, gleichzeitig in beide zu blicken. Vermutlich war er noch nie zuvor von einem Gringo auf Spanisch angesprochen worden. Wortlos deutete er nach Norden, packte eilig seine Sachen zusammen und streckte Leon seine vom Schmutz verklebte Handfläche entgegen. Ohne lange darüber nachzudenken, welche Bezahlung für diese Art von ungefragten Dienstleistungen angemessen sei, warf er dem Jungen ein paar Münzen zu. Dann schnellten seine Finger gewohnheitsmäßig nach vorn, um kurz, wie man das bei Kindern tut, über den lockigen, schwarzen Haarschopf zu strubbeln. Doch im letzten Moment war der Junge darunter hinweggetaucht. Für einen Augenblick schaute ihm Leon verwundert nach. Nicht er, sondern der Kleine war der Berührung ausgewichen.

Eher seinem Bauchgefühl als dem Hinweis des Schuhputzers folgend, schleppte Leon den Koffer in Richtung der nächsten Straßenecke, an der ein paar Händler ihre Stände und Karren aufgebaut hatten. Er war das perfekte Opfer für ihre berüchtigten Tiraden. In hanebüchenem Kauderwelsch versuchten sie, ihn von den Vorzügen ihrer Waren zu überzeugen. Leon beschleunigte seinen Schritt und geriet dabei immer tiefer in das bunte Markttreiben hinein. Aus den Augenwinkeln warf er einen Blick auf die Auslagen: Stoffe, Schmuck, Flachs, Kräuter, Schlangenhäute, Ziegen, Kaffeemühlen, Sättel, Tabak, Uhren, Grammofone, Kerzen, Heiligenbilder, Hausaltäre, Nägel in allen erdenklichen Größen und alles, was man aus Eisen fertigen konnte. Jeder Stand erzählte seine eigene Geschichte. Ein paar Vogelhändler hatten riesige Käfige aufgestellt, in denen schlecht gelaunte Kakadus zeterten. Nebenan brodelte ein riesiger Topf Hühnerbrühe. Vermutlich gingen die Vögel fest davon aus, exakt darin zu landen, wenn sich kein Käufer fand. Ein Truthahn segelte direkt vor Leons Füße und blähte den Hals auf. In respektvollem Abstand stolzierte er an den Vogelkäfigen vorbei, als wolle er daran erinnern, wer hier der Einheimische war. In spanischsprachigen Ländern nannte man ihn »guajolote«, was so viel wie »Gespenst« bedeutete. Leon kannte tatsächlich kein hässlicheres Tier. Zu seinen Füßen bemerkte er eine alte Frau, die hinter einer Decke voller Gemüse saß. Ihre Hände erinnerten an Wurzeln. Sie mochte schon 80 Jahre alt sein, aber dennoch kam sie hierher. Der Markt gab ihr das Gefühl, noch immer dazuzugehören. Hätte Leon ihr angeboten, die ganze Ware mit einem Schlag zu kaufen, hätte sie abgelehnt. Die Freude an dem Treiben um sie herum und die Unterhaltung mit den anderen Frauen würde sie sich von keinem noch so lukrativen Geschäft kaputt machen lassen.
Leons Blick blieb an einem klapprigen Holztisch hängen. Zwei junge Indiofrauen mit bunten Umhängetüchern hatten die unterschiedlichsten Früchte zu kleinen Kunstwerken angeordnet: Pyramiden aus Limonen und Mangos, Türmchen aus Zuckerrohr, verzierte Melonen, Kokosnüsse, Kaktusfrüchte und etliche Sorten, deren Namen Leon nicht kannte. Auf dem Boden klatschte eine Frau mit ihren Händen Maisbrei zu Fladen. Ihre schwarzen Zöpfe tanzten im Takt. Wenige Schritte weiter stritt eine wohlbeleibte Señora mit einem Töpfer darüber, dass sein Geschirr nicht mehr denselben Blauton hatte wie bei ihrem letzten Einkauf. Wie sollte sie nun zerbrochene Teller ersetzen, wenn bald jeder seine eigene Tönung besaß? Leon hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es mehr Blau geben könnte als ein dunkles und ein helles. Doch in diesem Festival der Farben schienen Begriffe wie Azur, Indigo oder Ultramarin plötzlich ihre Berechtigung zu erhalten.

Hinter den letzten Marktständen konnte Leon die Reklame eines Hotels erkennen. Neben dem Eingang, vor dem, reglos wie ein Kadaver, ein Hund schlummerte, warb eine Kreidetafel für frisch gefangene Forellen, die man hier auf unterschiedlichste Weise zuzubereiten verstand. Er betrat die Lobby. Die Rezeption war nicht besetzt. Leon betätigte die Klingel auf dem Tresen. Ihr Geräusch war kaum laut genug, um einen Hotelangestellten aus seinem Nachmittagsschläfchen wecken zu können.
»Du musst gegen die Scheibe klopfen.« Leon fuhr herum. Er hätte wetten können, dass sich außer ihm niemand im Raum befand, doch die raue Stimme in seinem Rücken war ganz deutlich zu vernehmen gewesen. Seine Augen tasteten den hinteren Bereich der Lobby ab. Sie lag komplett im Dunkeln.
»An die Scheibe«, ermahnte die Stimme. Leon befolgte den Ratschlag und widmete seine Aufmerksamkeit danach sofort wieder dem unheimlichen Berater. Endlich konnte er die Silhouette eines Mannes erkennen, der, mit weit von sich gestreckten Füßen, in einem Korbstuhl lümmelte. In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter der Rezeption. Ein Männchen mit asiatischen Zügen huschte hindurch, baute sich hinter dem Tresen auf und grinste Leon an. Auf dessen Erkundigung hin, ob denn ein Zimmer frei sei, veränderte sich der Blick des Angestellten, als hätte er mit jeder, aber nicht mit dieser Frage gerechnet.
«Horita», entschuldigte sich der Asiate und verschwand auf demselben Weg auf dem er gekommen war. »Das heißt etwa so viel wie ›Augenblick bitte‹. Manchmal dauert der Augenblick aber auch ein Stündchen«, übersetzte der Unbekannte. Leon fuhr abermals herum. Sein fremder Patron war neben ihm so schnell wie ein Schatten am Nachmittag aufgetaucht. Ein Yankee mit buschigen Augenbrauen und Bartstoppeln, die an die Stacheln eines Kaktus erinnerten. Sein Atem roch nach Zwiebeln und Alkohol. »Sie sind wegen des Films hier.« Auch wenn die Betonung am Ende des Satzes wie bei einer Frage nach oben gegangen war, hatte Leon nicht den Eindruck, dass der Fremde daran zweifelte. »In der Regenzeit verirrt sich selten ein Fremder hierher. Doch seit John Huston oben in den Bergen dreht, ist das alles ein bisschen anders. Sind Sie Schauspieler oder so was Ähnliches?«
»Nein, ich bin Reporter.«
Der Amerikaner ließ Leon im Unklaren darüber, was er von dieser Profession hielt. Unterdessen betrat ein weiterer Gast die Lobby. Er trug eine Ledertasche, wie Leon sie manchmal bei seinem Vater gesehen hatte. Diesmal geriet die Tür hinter der Rezeption sofort in Bewegung. Ein schnauzbärtiger Dickwanst mit Augen wie Pingpongbällen stürmte dem Gast entgegen. Er legte ein Tempo vor, das bei seiner Leibesfülle nicht zu erwarten gewesen war. Mit ausgebreiteten Armen lief er dem Gast entgegen, schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das Leon je unter einem Schnurrbart gesehen hatte, und zog ihn an seine Brust. Es folgte ein Schwall freundlicher Bemerkungen, in dem im Fünfsekundentakt die Wörter «mi amigo» vorkamen. Dann löste er die Umarmung, um wie wild die rechte Hand des anderen zu schütteln und zeitgleich mit der linken auf dessen Oberarm zu schlagen, als gelte es, den Staub aus seiner Kleidung zu klopfen. Sein Gegenüber schien mit dieser Zeremonie bestens vertraut und tat es ihm gleich. Wie auf Kommando wechselten sie plötzlich den Griff, umfassten gegenseitig die Daumen und schüttelten weiter, um sich kurz darauf erneut zu umarmen. Die Prozedur dauerte bereits eine knappe Minute.
»Sie nennen das abrazo«, erklärte Leons neuer Bekannter. »Wenn sich in Mexiko zwei Männer treffen, demonstrieren sie den anderen gern, was für gute Freunde sie sind. Soll heißen: Seht mal her, gegen uns kommt ihr nicht an. So etwas gibts auch bei Tieren. Schimpansen zum Beispiel ziehen sich gegenseitig an den Hoden.
Leon amüsierte der Vergleich. Inzwischen war er ganz froh, hier einen Landsmann getroffen zu haben. »Sie kennen sich gut aus«, stellte er fest. »Sind Sie schon lange hier?« Der Kaktusbart nickte. »Jedenfalls lange genug, um rauszufinden, dass unsere Nachbarn ein ziemlich sonderbares Völkchen sind.« Dabei zeigte er auf den weit geöffneten Eingang, vor dem es zu regnen begonnen hatte. »Sie lassen zum Beispiel bei Gewitter die Tür offen stehen, damit Jesus eintreten kann.« Sein amüsiertes Lachen ließ auf keine ausgeprägte Religiosität schließen. »Mexikaner sind gläubig. Amerikaner leichtgläubig«, versuchte Leon, einen Witz zu machen. »Mexikaner sind auch Amerikaner«, erwiderte der Fremde. »Sogar Nordamerikaner. Nehmen Sie ihnen das nicht auch noch weg.« «México es otro mundo», versuchte Leon seine Bemerkung zu relativieren. »Mexiko ist eine andere Welt.«
»Oh – Sie sprechen Spanisch!«
»Ein wenig. Ich habe eine Weile in Argentinien gelebt.« Für den Moment waren das genug private Informationen, dachte er sich. Wenn er seinen neuen Bekannten besser kennengelernt hatte, würde er ihm vielleicht noch erzählen, dass seine Eltern mit ihm von Berlin nach Buenos Aires und später nach Los Angeles gezogen waren, da Hitlers Machtergreifung eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich gemacht hatte. Leons Vater galt bereits damals als internationale Koryphäe. Also nahm er ein Angebot aus Kalifornien an. Leon war 17 Jahre alt und verliebte sich auf der Stelle in die entspannte, lässige Lebensart seiner neuen Heimat. Vaters stolzes Salär als Chefarzt und das Erbteil aus Großvaters Firma, das man mit viel Glück nach Argentinien und später nach Amerika hatte hinüberretten können, ermöglichten der Familie ein wohlhabendes Leben.
Leons Eltern träumten davon, dass er an der »U.C.L.A.« Medizin studieren würde. Doch er hatte andere Interessen. Die meiste Zeit verbrachte er am Strand, trieb Sport oder saß in den Cafés, Diners oder Eisbuden am Sunset Boulevard. Erst als sein Vater damit drohte, seinen monatlichen Scheck zu sperren, meldete er sich am Journalisten-College an. Schon bald schrieb er Artikel für Zeitungen, meist für die Sportseite, manchmal auch über Partys und über das Leben der Reichen. Polizeireporter war er erst vor einem reichlichen Jahr geworden. Er streckte dem Amerikaner seine Hand entgegen, ohne einen ›abrazo‹ befürchten zu müssen. »Leon Borenstein. Und wie …?«
»Hier fragt man nicht nach dem Namen«, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort. »Das gehört sich nicht. Nennen sie mich Frank.« »Okay, Frank.«
»Lust auf ein Spielchen?« Frank deutete auf den Pooltisch im Fond des Raumes. Ein Prachtexemplar aus edlem Mahagoniholz mit kunstvoll geschnitzten Beinen, das in den Antiquitätenläden von Los Angeles ein Vermögen gebracht hätte. Hier stand er vergessen herum und wartete auf bessere Zeiten.
Leon zögerte nicht lange. Der Hotelier hatte ihm mit einem emotionslosen «Momento» signalisiert, dass es noch etwas dauern würde, bis er hier zu einem Zimmer käme. Später würde er es noch zu einem «Momentito» verniedlichen. Billard war eine gute Gelegenheit, um die Zeit totzuschlagen. Vielleicht konnte er seinem auskunftsfreudigen Mitspieler nebenbei noch die eine oder andere Information entlocken. Er klärte Frank darüber auf, dass er ein lausiger Spieler sei, griff sich Queue und Kreide und brachte sich für den ersten Stoß in Position. Frank gab zu, dass er Fremde gern um ein paar Dollar abzockte. Er ließ sie die erste Runde gewinnen und holte sich später den Einsatz doppelt und dreifach zurück. Mit Leon wolle er gar nicht erst um Geld spielen, weil er denke, dass er ein guter Kerl sei. Während der noch darüber nachdachte, welchem Umstand er dieses Urteil zu verdanken habe, versenkte Frank bereits die ersten drei Kugeln. »Schauen Sie sich das gut an, hombre, hier können Sie was lernen«, lobte er sich.

»Davon bin ich überzeugt«, antwortete Leon. Frank erwies sich als wahre Billardmaschine. Er umkreiste den Tisch in atemberaubender Geschwindigkeit und schickte die Bälle mit Nachdruck in die Taschen, fast so, als gelte es, einen Rekord zu brechen. Sein Blick erfasste alle Kugeln gleichzeitig. Selten benötigt er länger als eine Sekunde, um eine Entscheidung zu fällen. Wenn er den richtigen Platz gefunden hatte, ging er leicht in die Knie, bis er mit seinem Ziel auf Augenhöhe war, und schritt ohne langes Zögern zur Exekution. Meist feierte er seine Stöße mit einem schrillen Juchzen oder fischte nach Komplimenten. Nebenbei philosophierte er über Mexiko und prophezeite Leon, dass er hier, wie er sagte, die reizendsten Herrlichkeiten und die größten Dummheiten auf einem Haufen finden könne. »Das Schönste und das Hässlichste, das Tollste und das Erbärmlichste – hier sehen Sie alles. Sie müssen nicht mal lange suchen. Mexiko schmeißt es Ihnen einfach vor die Füße.« Leon dachte gerade über einen besonders schwierigen Ball nach, den er scharf über die rechte Bande spielen musste, als Frank auf den Film zu sprechen kam. »Ich muss schon sagen, ich bin ziemlich gespannt darauf, was Huston da oben so anstellt. Haben Sie das Buch gelesen?« »Sie meinen ›Der Schatz der Sierra Madre‹?« »Klar. Ich denke, deswegen sind Sie doch hier.« »Um ehrlich zu sein … bisher noch nicht. Mir geht es eigentlich nur um Humphrey Bogart«, behauptete Leon, ganz wie Stainer es von ihm verlangte. »Es ist das erste Mal, dass er im Ausland dreht. Darüber will ich schreiben.« Frank zog die Brauen hoch und nickte dann auf unergründliche Weise. Dann legte er den Queue zur Seite und angelte nach einer bauchigen Flasche, dessen Korken er unter einiger Kraftanstrengung entfernte. Zugleich zauberte er aus einer schweren Holztruhe zwei Gläser hervor, die er bis zum Rand füllte. Nachdem er Leon eines davon gereicht hatte, präsentierte er seine Kurzversion der Geschichte. »Drei Taugenichtse kratzen ihre letzten Kröten zusammen, ziehen hoch in die Sierra und finden tatsächlich Gold. Sie bauen ein kleines Bergwerk auf und schuften rund um die Uhr. Immer das große Geld vor Augen. Nichts scheint sie aufzuhalten. Sie überstehen sogar einen Banditenangriff.«
Leon nippte an seinem Getränk, das sich als starker, würziger Cognac entpuppte. Frank hatte unterdessen bereits wieder ein paar Kugeln vom Tisch befördert, dann erzählte er weiter. »Letztlich scheitern die drei, weil sie zu gierig werden und keiner dem anderen vertraut. Am Ende wird der Goldstaub vom Wind zurück in Richtung Sierra geweht. So als würde sich die Natur zurückholen, was ihr gehört. Tolle Geschichte, wie gesagt. Dieser Huston hat einen guten Riecher.«
Franks Detailkenntnis überraschte Leon. »Haben Sie auch etwas über diesen merkwürdigen Typen gehört, der das Buch geschrieben hat? Er heißt Traven oder so ähnlich.«
Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als sei Frank bei der Erwähnung des Autorennamens zusammengezuckt.
»Was soll mit ihm sein?«, antwortete er betont beiläufig. »Niemand weiß genau, wer dahintersteckt«, versuchte Leon das Thema am Leben zu halten. »Es heißt, der Name sei nur ein Pseudonym.« »Man hört ganz unterschiedliche Dinge«, sagte Frank, während er sorgfältig die Spitze seines Spielgeräts mit Kreide versah. »Er soll ein österreichischer Erzherzog sein, der in Europa Dreck am Stecken hat und sich deshalb seit Jahren in Mexiko versteckt hält.« Leon erweiterte in Gedanken die Liste der möglichen Identitäten Travens um eine weitere Position. »Aber wissen Sie was: Es ist mir gleich, wer er ist. Mir reicht das, was er schreibt.« Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Frank beendete das Spiel und verabschiedete sich plötzlich mit dem Hinweis, er habe noch wichtige geschäftliche Dinge zu erledigen.

Unterdessen brachte der asiatische Zwerg Leons Zimmerschlüssel und hielt wie selbstverständlich die Hand für ein Trinkgeld auf. Ohne eine kleine «mordida» ging in Mexiko keine Dienstleistung vonstatten, darauf hatte ihn Frank bereits vorbereitet. Leon zahlte und trug sein Gepäck nach oben. Bei seiner Unterkunft handelte es sich um eine kleine Stube mit einem Bett, dessen Matratze nicht viel dicker war als die Baumwolldecke, die sie bedeckte. Dennoch ließ er sich erleichtert fallen und schlief schnell ein.
Gegen Mitternacht wachte er wieder auf. Auf dem Flur war Musik zu hören, so als hätte sich dort ein ganzes Mariachi-Orchester versammelt. Der Nachtportier 32 schnarchte, während sein Radio in voller Lautstärke dröhnte. Draußen flackerte die defekte Neonreklame. Leon verzichtete auf den Versuch, bei diesem Lärm wieder einzuschlafen. Er kramte in seiner Reisetasche, bis er das Buch fand, das Stainer ihm mitgegeben hatte. »Der Schatz der Sierra Madre«, sprach er laut zu sich selbst und begann zu lesen:

Die Bank, auf der Dobbs saß, war keineswegs gut. Die eine Latte war herausgebrochen, und eine zweite Latte bog sich nach unten durch, darum konnte man recht gut das Sitzen auf dieser Bank als Strafe empfinden. Ob er diese Strafe verdient habe oder ob sie ungerecht über ihn verhängt worden sei, wie die Mehrzahl der Strafen, die verhängt werden, darüber dachte Dobbs in diesem Augenblick gerade nicht nach. Die Gedanken, die Dobbs beschäftigten, waren dieselben, die so viele Menschen beschäftigten. Es war die Frage: Wie komme ich zu Geld?

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