Leseprobe: Iden Wagner – „Rollende Wale“

Lasst mich doch alle in Ruhe. Mit eurer Vernunft, mit eurer Angst, mit euren gottverdammten Ratschlägen. Ich brauch das alles nicht. Ich weiß es besser. Ab jetzt liege ich im Bett.

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Antriebslosigkeit gilt ja als sicheres Zeichen für Depressionen. Ich seh das anders. Wenn ich im Bett liege, geht’s mir am allerbesten. Allein, wohlgemerkt. Welcher Ort könnte schöner sein als einer, an dem es nichts gibt außer Kissen, Decken und Wärme. Mir fällt jedenfalls keiner ein. Das heißt ja auch: Nirgendwo hin müssen und niemandem Rechenschaft schuldig sein. Nicht wie all die Deppen busy busy von Termin zu Termin hetzen und auch noch glauben, die Welt würde aufhören, sich zu drehen, wenn man nicht mitrennt. Schwachsinn. Wenn am Ende die Schaufeln Erde auf dich herabregnen, interessiert das niemanden. Da geht’s um ganz andere Sachen, aber das kapieren solche Leute nicht. Die denken, wenn jemand entspannt im Bett liegt, vergeudet der seine Zeit. Und die kriegen gar nicht mit, dass sie es sind, die ihre Zeit verplempern mit ihren angestrengten Versuchen, brav und nützlich zu sein und alles richtig zu machen. Die wirklich coolen Leute haben das natürlich erkannt: Brian Wilson verließ das Bett für drei Jahre nicht, Marlene Dietrich zog sich für ihre letzten dreizehn Jahre komplett in die Federn zurück, John Lennon und Yoko Ono hielten der kriegerischen Welt ihre Bed-Ins entgegen. Und Marcel Proust hat sich mit 35 Jahren ins Bett begeben, um aufzuschreiben, was er die 35 Jahre zuvor erlebt hat, denn das reichte ihm. Ich bin zwar erst achtzehn, aber mir reicht es auch. Was ich erlebt habe, zeigt mir im Großen und Ganzen, wie die Sache läuft. Mehr muss ich nicht wissen.

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Der Room-Service hat mir das leckerste Frühstück der Welt gebracht. Genau so, wie ich es mag: Zwei Croissants, Nutella, Kirsch-Marmelade, Butter, Orangensaft, Kaffee schwarz, eine Packung Gauloises Blondes ohne Filter. Ich habe es mir gewünscht, und ich habe es bekommen. Ich bin im Himmel! Nun krümel ich mein Bett voll, was aber egal ist, weil das später in Ordnung gebracht wird, wenn ich es, je nach Schweregrad der Verkrümelung, wünsche. Ein Anruf genügt, und eine adrett gekleidete Dame kommt eilfertig angewuselt und bezieht alles neu, und ich zerfließe vor Dankbarkeit, denn wenn ich etwas hasse, ist das Bettenbeziehen. Dann kriegt sie ein dickes Trinkgeld und wir sind beide zufrieden. Derweil kann ich mich gar nicht entscheiden, was ich am liebsten tun möchte. Es gibt ausschließlich schöne Möglichkeiten. Als da wären: Aus dem Fenster gucken. Das ist schon mal überwältigend. Ich sehe: Dieses täglich hundertoder tausendfach fotografierte Wahrzeichen der Stadt, das erbaut wurde, als hier noch Kutschen fuhren, und ein Meer von Häuserdächern in allen möglichen Farben und Formen. Mit ein wenig Fantasie könnte ich Grace Kelly in Über den Dächern von Nizza sein, und jede Sekunde würde der charmanteste Mann aller Zeiten in Gestalt von Cary Grant über den Balkon in mein Zimmer klettern. Wenn ich mich strecke, kann ich die Menschen über den Platz vor dem Hotel huschen sehen, wie Spielzeugfiguren in einer Eisenbahnlandschaft, die zu Leben erweckt wurden. Nach undurchschaubaren Regeln wieseln sie hierhin und dorthin, aber alles hat seine innere Logik, vergleichbar der eines Ameisenstaates. Nichts anderes sind wir schließlich. Klein aus der Höhe meines Hotelfensters, winzig klein aus der ewigen Weite des Weltalls. Eine andere der schönen Möglichkeiten, Lebenszeit zu verbringen, ist lesen. Am liebsten sind mir ganz und gar entlegene Sachen, irgendetwas, das noch nie jemand gelesen hat, den ich kenne, und wozu es noch nicht eine einzige Bewertung bei Amazon gibt – und am besten, es ist bei Amazon nicht mal erhältlich. Aber das ist praktisch unmöglich, schließlich gibt’s da so gut wie alles, was jemals gedruckt worden ist. Und momentan bin ich ohnehin darauf angewiesen, dass ich es online bekomme. Aber man findet da auch ziemlich gute Sachen. In den letzten Wochen, die ich hier bereits liege, habe ich einiges aufgetrieben, darunter ein sagenhaftes Buch von einem Mann oder einer Frau namens Kian irgendwas. Die Geschichte handelt von einem Jungen, der elternlos aus einem namenlosen Schreckensland in eine namenlose Stadt geflüchtet ist, wo er, nachdem sich niemand für ihn zuständig fühlt, zusammen mit einer Gruppe Ratten in der Kanalisation lebt. Die Ratten behandeln ihn viel freundlicher als jeder Mensch, dem er begegnet, und am Ende gibt es eine riesige Umweltkatastrophe, bei der die gesamte Stadt ausgerottet wird, und nur der Junge und seine Ratten überleben. Die Letzten werden die Ersten sein. Ich habe ohnehin eine Schwäche für Geschichten über Außenseiter, ganz besonders, wenn sie es mit übermächtigen Gegnern zu tun haben. Großartig erzählt davon zum Beispiel Kafka, oder natürlich good old Salinger, und ganz vorne mit dabei ist auch Shelagh Delaney und ihr Taste of Honey. Es ist eigentlich ein Theaterstück, aber ich habe die Geschichte als Film gesehen, und mit Filmen bin ich wirklich streng, aber der war erstklassig. In der Geschichte geht es um eine junge Frau, die nach einem One-Night-Stand mit einem Farbigen schwanger wird und das uneheliche Kind mit Hilfe eines schwulen Freundes aufzieht. Das war in den 1950er Jahren natürlich ein unerhörter Skandal. Ein uneheliches Kind! Ein Schwarzer! Ein Homosexueller! Das Schlimme ist, dass es meinen Eltern mehr als ein halbes Jahrhundert später immer noch die Socken ausziehen würde, wenn ich dieses Mädchen Jo wäre. Wenn ich keine Lust mehr zum Lesen hab, hör ich Musik. Neue entdecken oder alte wieder und wieder hören, beides gehört sowieso zum Besten, was das Leben zu bieten hat. Im Idealfall bekommst du großartigste Poesie, verabreicht in drei Minuten, vorgetragen in einer Sprache, die keiner Worte bedarf. Meine Lieblingsband habe ich von Onkel Tom geerbt. Onkel Tom ist eher mein älterer Bruder, so fühlt es sich jedenfalls an, auch wenn er fast dreißig Jahre älter ist als ich. Er ist der jüngste Sohn von Oma Alice, die jetzt tot ist, und meine Eltern behaupten, Tom sei ebenfalls tot, aber das stimmt nicht, ich weiß es, und Oma Alice hat es auch gewusst, so lange sie noch lebte. Er ist irgendwo in der Südsee und lebt dort mit einem zivilisationsresistenten Stamm und nimmt gemütlich bewusstseinserweiternde Pflanzen zu sich. Vielleicht ist er sogar Südsee-König geworden, wie bei Pippi Langstrumpf. Jedenfalls habe ich durch Tom allerhand kennengelernt, eigentlich alles, was wichtig ist, und eben auch die beste Musik der Welt. Die kommt von den Smiths, klare Sache. Die Leute in meinem Alter, die am liebsten diesen ganzen Charts-Mist hören, haben davon natürlich keine Ahnung. Sie wissen nicht, dass sie sich ihren Musikgeschmack mit pappigem Fast Food verderben, während das Drei-Sterne-Menü aus dem Manchester der 1980er Jahre stammt. Ich dreh das ganz laut: And if you have five seconds to spare Then I´ll tell you the story of my life…

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Oma war cool. Die einzige Coole in unserer ganzen erbärmlichen Sippe von Duckmäusern, abgesehen von Tom. Oma, die Unerschrockene, die Revoluzzerin, die Heldin. Oma hatte den armen Henri geheiratet, da war sie 21, weil er so sexy war. Es machte ihr nichts aus, dass sie in einem Loch von Kellerbude hausten, am wichtigsten war ihr, dass sie den Menschen um sich herum hatte, den sie am allermeisten und bedingungslos liebte. Dann ist ihr Henri, also mein Opa, mit einer Knopf-Fabrik reich geworden. Sie sind umgezogen, in eine Sechs-Zimmer- Wohnung, in der alle ihr eigenes Zimmer hatten, die Eltern, mein Vater, meine Tante und später Tom. Für eine protzige Villa hätten sie auch genug Geld gehabt, aber Henri hatte für Luxus nichts übrig und gab generell wenig aus. Er sah nicht mal aus wie ein reicher Chef, sondern eher wie ein Bettler, und er hat gearbeitet wie ein Tier, und dann ist er tot umgefallen. Peng, Herzinfarkt. Da war er erst 62 Jahre alt, und ich war noch nicht mal geboren. Ich kenne Opa Henri nur von Fotos her, in seinen verbeulten Anzughosen, wie er ernst und schüchtern in die Kamera guckt. Mit einem Mal konnte Oma alleine über das Geld bestimmen. Und sie war ganz anders als Henri, sie hatte überhaupt kein Problem damit, es mit vollen Händen auszugegeben. Für Reisen, für gutes Essen, für schöne Kleidung. „Warum sollte ich es auf dem Konto vermodern lassen? Da sind es nur Zahlen auf einem Papier. Man muss Geld zu Leben machen, sonst hat es keinen Sinn.“ Alle anderen hatten auch was davon. Sie hat nicht nur großzügige Trinkgelder gegeben, sondern auch die Löhne der Fabrikarbeiter der Knopf-Fabrik erhöht, deren Chefin sie nun war. Und dann hat sie etwas gemacht, woraufhin meine Eltern sie für verrückt erklärten: Sie hat gemeint, die Arbeiter sollten für sich selbst arbeiten und sich „freikaufen“.
Sie hat den Preis für die Fabrik ermitteln lassen und nur die Hälfte davon veranschlagt, und dann hat sie einen großen Topf aufgelegt, in den kam der Überschuss, den die Arbeiter erarbeitet hatten. Damit haben sie Oma nach und nach die Fabrik abgekauft und in eine Genossenschaft umgewandelt, und fortan waren die früheren Angestellten Genossen und ihre eigenen Chefs. Oma war als junges Mädchen sehr in einen Kommunisten verliebt gewesen. Der hat ihr das alles erklärt, mit den ungerechten Produktionsverhältnissen und der Aneignung des Mehrwerts und der Ausbeutung der Arbeitskraft und so weiter. Er war sehr schlau und las ungefähr drei Bücher pro Tag, und vor allem hatte er ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Sobald es irgendwo ungerecht zuging, wurde Omas Kommunist traurig und wütend und versuchte alles, um der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen. Egal, ob es darum ging, dass im Dorf einer bei einem Geschäft übers Ohr gehauen worden war, oder ob es um die großen politischen Fragen ging. So hat es Oma jedenfalls erzählt. Bestimmt hätten sie geheiratet, wäre er nicht noch in den letzten Tagen des Krieges von den Nazis verhaftet und hingerichtet worden. Trotzdem hatte Oma den Kommunisten und was er ihr erzählt hatte, nicht vergessen. Sie selbst war nicht gerade eine Intellektuelle, außer Liebesromane und Krimis hat sie nichts gelesen, aber sie hat sich gemerkt, was Leute ihr erzählt haben, die sie für gutherzig und schlau hielt. Beides zusammen. Niemals nur schlau.

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Das Frühstück hat mir heute ein Neuer gebracht. Ein ganz junger Typ, nur drei oder vier Jahre älter als ich. Das fand ich merkwürdig, dass ich nur so rumlag, während er mich bediente. Typisch, würde meine Schwester sagen, das ist unsere patriarchale Gesellschaft. Wenn Frauen dich bedienen, findest du es normal, aber wenn es ein Mann ist, ist es bemerkenswert. Judith ist Mathematik-Professorin und mächtig stolz darauf, es in einer Männerdomäne geschafft zu haben. Dass Männer nie stolz darauf sind, es in einer Frauendomäne geschafft zu haben, fällt Judith gar nicht auf. Sie hält sich für hyperemanzipiert und wittert überall männliches Machotum und weibliche Unterwerfungsgesten. Dabei wäre ihr klar, dass es darum nicht geht, wenn sie mich ein bisschen kennen würde. Normalerweise würde ich mit Leuten meines Alters am Tresen einer Bar rumstehen oder so. Das ist alles. Der Zimmerjunge, oder wie die richtige Bezeichnung auch immer ist, hat es jedenfalls ganz professionell gemacht. Ein bisschen steif und ein bisschen schüchtern, aber vor allem höflich. Pokerface genug, um keine allzu genauen Anhaltspunkte zu seinem Innenleben zu geben. Letztlich war es ja auch kein großes Ding. Er hat nur den Servierwagen mit dem Frühstück vor mein Bett gefahren und gefragt, ob ich noch irgendwelche Wünsche hätte. Hatte ich nicht, und irgendwie war ich gehemmt, denn ich hab mich nicht getraut, ihm ein Trinkgeld zu geben, was ich sonst immer mache.

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Ich habe meine Mails abgerufen, so was Doofes. Ich weiß gar nicht, warum. Schließlich hatte ich mir fest vorgenommen, es nicht zu tun. Natürlich waren da etwa eine Millionen Aufforderungen meiner Eltern und meiner Schwester, dass ich mich melden soll. Ich habe das Meiste nur überflogen, aber angeblich bringen sie sich um vor Sorgen um mich. Was absoluter Quatsch ist, denn schließlich haben sie sich mein Verschwinden selbst zuzuschreiben. Richtig ekelhaft finde ich, dass sie es mit den übelsten Tricks versuchen. Das Blöde ist ja, dass Eltern, um ihre Interessen durchzusetzen, plötzlich ein Wissen über einen an den Tag legen, das sie niemals zeigen, wenn man Verständnis und Beistand nötig hätte. Also haben sie einen meiner Schwachpunkte eingesetzt, meine Achillesferse. Das ist mein kleiner Neffe Milan, der achtjährige Sohn meines Bruders Alexander. Milan ist der aufgeweckteste Mensch, den ich kenne. Die meisten Kinder in dem Alter sind ja die schlimmsten Klugscheißer und Nervbacken, aber Milan ist überhaupt nicht so. Er guckt nur sehr genau hin und stellt Fragen, für die manche Leute Philosophie studieren. Und nun schreibt meine Mutter, dass Milan ständig nach mir fragt und dass er mich in dieser Situation ganz besonders brauchen würde. Also will ich wissen, was diese Situation bedeutet, und entdecke in einer früheren Mail, dass Alex und Nicole mal wieder getrennt sind. Anlass war eine Feier von Freunden meiner Eltern, da hat Alex die Hose runtergelassen und in den Pool gepinkelt. Und die Gastgeber als elende Spießer beschimpft. Ich lache Tränen, aber eigentlich ist es auch traurig, denn eigentlich ist mein Bruder ein Herzchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als von allen geliebt zu werden. Am dringendsten von meinem Vater. Deshalb ist er Anwalt geworden, anstatt Oldtimer zu restaurieren, was er viel lieber gemacht hätte. Und deshalb ist Alex als Anwalt eine ziemliche Null, und deshalb verachtet ihn der Herr Großkanzlei-Papa um so mehr, und deshalb pumpt Alex sich und sein Ego mit Koks voll und macht solche Sachen wie auf der Party. Und schielt neidisch auf Judith, die mit ihrer Professoren-Karriere alles so richtig gemacht hat und Papis ganzer Stolz ist. Scheiß doch drauf, hab ich zu Alex gesagt, als er sich am 60. Geburtstag unseres Vaters eine Line nach der anderen reinzog. Warum schmeißt du den blöden Anwaltsjob nicht hin und machst stattdessen eine Autowerkstatt auf. Das würde den Alten viel mehr ärgern als deine Kokserei. Und die hättest du dann auch nicht mehr nötig. Ach, Mäxchen. Alex tätschelte meinen Arm und sah mich mit fußballgroßen Pupillen an. Das verstehst du nicht. Papa nimmt mich und meine Fotos auch nicht ernst, fuhr ich fort. Aber mir ist das egal. Mit eigener Familie ist alles anders, nuschelte Alex, da kommt man aus der Mühle nicht mehr raus. Ich brauch die Kohle einfach. Quatsch, protestierte ich. Denk an all die Leute mit fünf Kindern und einem Zehntel deines Gehalts. Die sterben auch nicht. Tja. Ich würde lieber sterben, wenn ich so leben müsste. Er zerzauste meine Haare und warf sich ins Getümmel der Geburtstagsgesellschaft, die man angesichts der versammelten Ärscheschaft aus Juristen, Politikern und Vertretern ähnlich sympathischer Branchen nüchtern tatsächlich nicht ertragen konnte. Also betrank ich mich mit Champagner und beobachtete, wie Alex Schultern klopfte, um gleich darauf irgendeine Beleidigung loszulassen, und meine Eltern, wie sie versuchten, ihn daran zu hindern und Bücklinge machend um Schadensbegrenzung bemüht waren. Man könnte Nein zu all dem sagen, aber das traut Alex sich nicht. Und wenn keiner aufpasst, ergeht es Milan ebenso. Meine Achillesferse…

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Ich habe diese Angewohnheit, dass ich anfallartig zu jemand anderem werde. Es überkommt mich, wenn ich an der Supermarktkasse stehe und die Kassiererin all die Einkäufe über das Laufband schiebt, dann sitze ich plötzlich auf ihrem Stuhl und piepse die Waren ab, während die Kunden mich anstarren und ungeduldig warten, dass ich fertig werde, und ich sehe mich, Max, wie ich dastehe als eine von denen, die meine Qual erzeugen. Oder ich sitze in einer Bar und sehe diesen verknitterten Kerl an der Theke, und ich spüre meine müden Knochen und die Last jahrzehntelanger Demütigungen, die niemals ein Ende finden wird, und all diese jungen, prall glänzenden Dinger um mich her sehen genau, dass ich niemals zu denen gehört habe, die anderen Befehle erteilen, sondern immer nur deren Empfänger war, und deshalb werde ich nie eine von ihnen für mich begeistern können, nicht einmal für eine Nacht. Und dann schlüpfe ich in diese Frau, die mit gebeugtem Rücken in Zeitlupentempo am großen Fenster der Bar vorbeischleicht, nicht in der Lage, den vom Alter gebeugten Kopf zu heben, nur konzentriert darauf, den Weg bis nach Hause zu schaffen, und ich spüre die Angst in mir hochkriechen vor der viel zu kurzen Ampelphase und den Autos, die schon losbrausen, wenn ich den rettenden Bürgersteig noch gar nicht erreicht habe. Und jetzt also der Zimmerjunge. Ich betrete die Suite 503, nachdem mein Klopfen mit einem knappen Herein beantwortet wurde. Wie immer liegt diese Frau mit den kurzen Haaren im Bett, vergraben unter Kissen und Decken, den Laptop auf dem Schoß. Sie muss ungefähr in meinem Alter sein und ich kann mir nicht erklären, was sie hier macht. Ist sie krank? Oder eine Berühmtheit dieses Landes, das mir noch immer fremd ist, und dies ist ihr Rückzugsort? Woher hat sie das viele Geld, das ihr erlaubt, in diesem Luxushotel ihre Zeit zu vergammeln? In so jungem Alter kann es eigentlich nur ein reiches Töchterchen sein. Wie sehr ich sie verabscheue, diese verwöhnte Brut. Haben nichts für ihren Reichtum getan, alles verdanken sie nur diesem lausigen Zufall, dass sie aus einem Samen und einer Eizelle entstanden sind, deren Träger aus welchen Gründen auch immer vermögend sind. Ein Zufall, der darüber entscheidet, ob du hier bequem im Bett liegst, oder ob du deine Heimat verlassen hast, in der du keine Chancen siehst, um in ein Land zu gehen, das kaum mehr davon bietet. Aber immerhin einen Funken mehr. Und diese elende Hoffnung, die dich bei der Stange hält. Ich hatte noch eine Packung Gauloises bestellt, sage ich mit rauer Stimme. Nur, weil er es vermutlich schwerer hat als ich, muss ich ja nicht auf meine Zigaretten verzichten. Ich kann schließlich genau so wenig für die Ungerechtigkeiten dieser Welt wie er. Entschuldigung, ich bringe sie sofort, sagt Braunauge mit überraschend weicher Stimme und einem Akzent, den ich nicht zuordnen kann. Ich gehe aufs Klo, aber ich habe mich im Verdacht, dass ich gar nicht so dringend muss, sondern meine vernachlässigte Hülle im Spiegel betrachten möchte. Aber das hätte ich lieber bleiben lassen sollen. Ich habe furchtbare Augenringe und fettige Haare, und mein T-Shirt ist mit Marmeladenkleksen verziert. Wurde ich früher tatsächlich mit dem 1960er-Jahre-Starlet Jean Seberg verglichen? Das muss Lichtjahre her sein, mit der unansehnlichen Person im Spiegel wäre ein solcher Vergleich lächerlich. Ich schütte mir kaltes Wasser ins Gesicht, aber das macht die Sache nicht besser. Was soll´s. Ich bin nicht hier, um schön zu sein. Und was geht mich ein Zimmerjunge mit braunen Augen an? Also trotte ich zurück ins Bett und ziehe mir die Decke bis unters Kinn. Sieht man wenigstens das vollgekleckerte T-Shirt nicht mehr. Es klopft und Braunauge bringt mir meine Zigaretten. Dieses Mal drücke ich ihm zehn Euro in die Hand. Er wehrt ab: Nein, nein! Das geht auf Rechnung! Das ist Trinkgeld. Für dich. Aus Versehen habe ich ihn geduzt. Überrascht starrt er auf den Schein in seiner Hand, den er mir entgegen hält. Schließlich zieht er die Hand zurück und lässt das Geld in seiner Hosentasche verschwinden. Vielen Dank. Sein Gesicht ist ernst, ohne jedes Lächeln. Hab ich ihn jetzt etwa beleidigt? Er verabschiedet sich und verlässt mein Zimmer. Und ich habe das Gefühl, ich hätte noch irgendetwas sagen sollen.

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Alice starb einen Tag nach meinem achtzehnten Geburtstag. Ihr Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen, während sie schlief. So etwas gilt angeblich als die Art von Tod, die sich jeder wünscht, aber am Ende kommt doch immer dasselbe dabei raus: Ein Mensch, der vorher da war, ist weg. An meinem Geburtstag hatten wir noch telefoniert, und ich erzählte ihr, wie sehr ich die Nase voll hab vom Internat und irgendetwas total Unwichtiges über eine Mitschülerin, die irgendwelchen Dreck über mich gepostet hatte, und meine Pläne für meine Feier, die sich in einem Kinobesuch mit Jerome erschöpften. Darüber ärgere ich mich bis heute, dass ich praktisch nur von mir geredet habe. Ich meine, wenn ich gewusst hätte, dass es unser letztes Gespräch für alle Zeiten ist, hätte ich nicht einen Piep gesagt und nur sie erzählen lassen. Ich hätte alles wissen wollen, ihr ganzes Leben, und nicht eine einzige Lücke hätte bleiben sollen. Obwohl ich wirklich viel von ihr weiß. Ich hab nämlich öfter bei ihr gewohnt, wenn es mit meinen Eltern ganz schlimm war oder einfach wenn Ferien waren oder am Wochenende, und dann haben wir oft bis spät in die Nacht gequatscht. Eingekuschelt in die Decken ihres riesigen Bettes, zwischen uns eine Schüssel voller Kekse und ein Tablett mit schwarzem Tee, habe ich ihr von meinen Kümmernissen berichtet, und sie hatte immer eine Geschichte aus ihrem Leben parat, die meiner ähnlich war. Bei anderen wäre das vielleicht selbstbezogen gewesen, aber aus ihrem Mund war es ein echter Trost, denn mit dem Abstand ihres langen Lebens, das all diese Dinge überstanden hatte, war ich imstande, auch meine Erlebnisse aus der Weite einer zukünftigen Vergangenheit zu betrachten, und dann war alles gar nicht mehr so furchtbar, sondern oft genug zum Lachen. So erfuhr ich von einer fiesen Lehrerin, die Alice besonders oft und hart mit dem Rohrstock auf die Hände geschlagen hatte, bis sich die Dame bei einem Luftwaffenangriff in einen Brunnen rettete und aus diesem nicht mehr herauskam. Zwei Tage später fanden sie ein paar ihrer Schüler, und sie bettelte um Hilfe, aber sie ließen sie schmoren und holten nach und nach die gesamte Klasse zum Brunnen, und jeder durfte ihr auf den Kopf spucken. Die Lehrerin wollte danach nicht zurück in die Schule, und seitdem hatte Alice eine ganz entzückende junge Lehrerin, die den Rohrstock kein einziges Mal anrührte. Eine andere meiner Lieblingsgeschichten handelte davon, wie Alice auf einer Party dem Bankdirektor einen zuvor abgelehnten Kredit für die Knopf-Fabrik abschwatzte, indem sie den Mann mit Hilfe eines sündigen Dekolletés und gespitztem Kussmund vor seiner Frau derart in Verlegenheit brachte, dass er das Geld schließlich zusagte, nur um sie loszuwerden. Gern hörte ich auch die Episode vom Kampf der Fabrikarbeiter für mehr Lohn. Das Ganze hatte sich derart hochgeschaukelt, dass es zu Streiks und Protesten auf der einen Seite und zu Kündigungen auf der anderen, also Henris Seite, gekommen war. Auf einer besonders wütenden Veranstaltung der Arbeiter betrat Alice unangemeldet den Raum und fragte, warum sich denn alle so aufregten. Es seien ja schon seit langem Lohnerhöhungen weit über den geforderten geplant gewesen, und noch dazu mehr Urlaubstage für alle. Die Arbeiter jubelten, Henri schäumte, aber am Ende waren die folgenden Jahre die umsatzstärksten seit langem. Ich bezweifle trotzdem, dass ich mehr als ein Hundertstel ihres aufregenden Lebens kennengelernt habe, und wenn ich daran denke, dass all ihre Geschichten und gelebten Momente nun für immer verschwunden sind, will ich nicht nur schreien und toben und alles kaputt hauen, sondern mich am liebsten selbst auflösen und nicht den Hauch einer Spur hinterlassen.

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Braunauge hat beim Einschenken des Kaffees leicht gezittert und etwas braune Brühe auf meine Bettdecke vergossen. Er wurde rot und wischte hektisch mit einer Serviette an den Flecken herum, wobei er mich aus Versehen aufdeckte und ich in dreckigem T-Shirt und Boxershorts vor ihm lag, was ihn noch mehr aus dem Konzept brachte. Er warf die Decke schnell wieder über mich und murmelte, dass sie sofort neu bezogen würde, und wollte schon aus dem Zimmer flüchten, aber ich rief, das solle er bloß bleiben lassen, es sei ja alles gar nicht schlimm. Als er trotzdem raus wollte, hielt ich ihn sogar am Ärmel fest. Überrascht sahen wir uns aus viel zu großer Nähe in die Augen, woraufhin wir beide erschrocken den Blick auf den Boden lenkten. Nicht, dass Sie Ärger bekommen, erklärte ich flüsternd mein ungebührliches Benehmen. Erst sagte er gar nichts, und ich dachte schon, er hätte mich nicht gehört. Danke, flüsterte er schließlich, und wieder sahen wir uns kurz in die Augen. Dann stand er noch eine Weile – ich glaube, dreißig Stunden oder so, aber wahrscheinlich nur drei Sekunden – wortlos vor mir, bis er das Zimmer verließ. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir seine Sorgen mache.

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Was Menschen wollen: Am Leben bleiben. Schmerz vermeiden. Sich vermehren. Darauf lässt sich im Grunde alles zurückführen. Diese ganze aufgeblasene Zivilisation mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, mit Kunst und Kultur und mit Liebe und Mitgefühl ändert gar nichts daran und tüncht die wahren Motive nicht mal annähernd zu. Worum es nämlich nie geht: Irgendwem außer sich selbst etwas Gutes zu wollen oder etwas Schönes zu schaffen, einfach nur um der Schönheit willen, oder darum, Nachwuchs zu bekommen, ohne eigene Zwecke zu verfolgen. All die Dichter und Denker und großen Geister wollen die Welt nicht verbessern, sondern Ruhm und Reichtum als Fortpflanzungsvorteil, und die Revolutionäre wollen nicht Gerechtigkeit für alle, sondern eine Villa mit Pool wie diejenigen, denen sie dafür die Köpfe abhauen, und die Eltern aller Jahrhunderte wollen ihre Kinder nicht glücklich sehen, sondern als Wiederholung ihrer selbst, um die eigene Sterblichkeit zu vergessen. Na und?, hat Jerome gesagt. Ist doch normal. Mag ja sein, dass es normal ist. Es ödet mich trotzdem an. Und es interessiert mich null, irgendeinem dieser durchschaubaren Manöver auch noch Beifall zu klatschen. Da liege ich lieber im Bett und hab meine Ruhe.

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Eine ältere Dame mit schwarz-grauem, zum Dutt aufgesteckten Haar hat mein Bettzeug frisch bezogen. Die strenge Uniform des Hotels und die nervtötende Tätigkeit können ihr nichts anhaben. Während ich platt wie eine Flunder daliege und mich schließlich wie ein Baby mit der duftig gestärkten Wäsche zudecken lasse, trällert sie ein fremdländisches Lied und lacht mich fröhlich an. Soll man sich auch mal gut gehen lassen, findet sie. Auch sie spricht, wie fast alle Hotelangestellten, mit Akzent. Sie ist ganz ohne Neid. Ich bin mir sicher, dass sie noch nie Gast in einem solchen Hotel war und es auch nie sein wird, aber sie gönnt mir, dass ich es mir in dieser Absteige für Reiche gut gehen lasse, während sie mir mein Bett macht wie das Hauspersonal einer Adelsfamilie im 19. Jahrhundert. Ohne jeden Kampfgeist. Oma hätte versucht, ihr den beizubringen. Sie hätte ihr erklärt, dass man sich wehren muss und wie man einen Betriebsrat gründet. Jerome hätte darüber nur gelacht. Er hätte ein Schwätzchen mit der Frau gehalten, ein paar Scherze gemacht, und schon nach ein paar Minuten wären sie wie alte Freunde gewesen. Keine Änderungsversuche. Warum der Frau das Gefühl geben, ihr Leben sei falsch, wenn sie es selbst nicht so empfindet? Weil vor der Tat das Bewusstsein steht, hätte Alice geantwortet. War bei mir doch genau so. Mir musste auch erst ein hübscher junger Mann erklären, wie das läuft mit den Produktionsverhältnissen, und später hab ich meine Arbeiter befreit. Jerome hätte sich ausschüttet vor Lachen. Du hast ihnen die Freiheit geschenkt! Die Freiheit, ihr Leben den Knöpfen zu widmen. Eine Großtat, wirklich wahr. Alice hätte sich von Jeromes Spott nicht beeindrucken lassen: Natürlich. Denn nur darum geht es. Die Freiheit zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen und niemandem gehorchen zu müssen außer sich selbst. Jerome hätte das nicht gelten lassen: Manche wollen es aber lieber so: Ein sicheres Gehalt und wenig Verantwortung und wenig Risiko. Nicht jeder ist zum Unternehmer geboren. Jeder ist zu allem geboren, hätte Alice gesagt. Und zur Freiheit sowieso. Alices Optimismus war so ansteckend. Wenn ich bei ihr war, glaubte ich, dass alles möglich sei. Ich würde fliegen können, wenn ich es nur wollte. Und die klassen-, rassen- und grenzenlose Gesellschaft war nur noch eine Frage der Zeit. Sobald ich aber wieder im Internat mit all den anderen reichen Kindern war, erschien mir Jeromes abgeklärter Zynismus als die einzig realistische Haltung. Jetzt hab ich Alices Frohsinn nicht mehr und Jerome hält mir seinen Pessimismus nicht mehr entgegen. Was soll nur aus mir werden?

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Es ist ja nicht so, dass meine Eltern keinen Plan für mich gehabt hätten. Klar, die wesentlichen Aufgaben waren bereits verteilt, als ich auf die Welt kam: Mein Bruder Alexander, der Erstgeborene, übernimmt das Leben meines Vaters. Die Zweitgeborene, meine Schwester, übt ewige Rache für das ungelebte Leben meiner Mutter. Da hätte man meinen können, sie würden mich, die Nachzüglerin, in Ruhe lassen. Haben sie aber nicht. Für mich hatten sie den Platz der Schöngeistigen vorgesehen. Weil Kultur zu einem großbürgerlichen Bildungshaushalt selbstverständlich dazu gehört. Das Problem ist, dass meine Eltern null Gefühl für jede Art von Kunst haben. Natürlich gehen sie laufend ins Theater, in die Oper – Bayreuth! – oder in die neuesten Ausstellungen. Aber sie gehen aus demselben Grund hin, aus dem mein Vater Doktor-jur-Ichrette-Ihr-Geld-vor-dem-Fiskus als Mitglied im Rotarier-Club ein paar Cents für Bedürftige spendet und meine Mutter ihre Charity-Partys veranstaltet: Weil man das eben macht, wenn man zur Oberschicht gehört. In Wirklichkeit interessieren sie sich weder für arme Leute noch für das, was sie in ihrem straff organisierten Wir-treffen-die-anderen-Arschlöcherunserer-Reichen-Clique-Programm zu sehen und zu hören bekommen. Was man ihnen bei der sogenannten Hochkultur allerdings nicht verübeln kann. Denn die wird ja aus denselben Gründen gemacht, aus denen meine Eltern hingehen: Aus Angeberei, aus dem Wunsch, dazu zu gehören, aus Geldgier. Die kalkulierten Skandale, die angestrengte und nie wirklich neue Neuartigkeit, die angebliche Verachtung des Mainstreams: Alles nur Getue. Die echte Kunst findet natürlich woanders statt. Auf der Straße, in den Kneipen, in den Kellerclubs oder einfach zu Hause. Alles Orte, die meine Eltern niemals aufsuchen würden, abgesehen von ihrer keimfreien Villa mit Seezugang. In der haufenweise Hochkultur-Kunst an den Wänden hängt. Und in der mir die Rolle des lebenden Kunstwerks zugedacht worden war. Mit Geige, Ballett und Gesangsunterricht wollten meine Eltern mich zu dem fehlenden I-Tüpfelchen machen. Und ich war ja wunderbar geeignet! Mit meinem Puppengesicht und den gelenkigen Gliedern und dieser wunderlichen musischen Begabung, von der niemand weiß, woher sie stammt. Wie gemacht für eine Karriere auf hochkulturellen Bühnenbrettern, in deren Licht sich meine Eltern hätten sonnen können. Warum nur, warum nur hat diese vermaledeite Brut mit vierzehn Jahren alles hingeschmissen? Sich die schönen langen Zöpfe abgeschnitten und durch giftgrüne Stoppeln ersetzt, die Geige gegen ein Schlagzeug ausgetauscht und das Tutu gegen ein Tattoo? Oh Schreck, oh Schreck, wer hat das liebe Töchterchen auf die schiefe Bahn gebracht? Also schnell auf ein Internat mit ihr, zu all den anderen Sprösslingen aus gutem Haus, die aber – oh je, oh je – noch viel verdorbener waren als die eigenen… Ach, ihr lieben Eltern, grämt euch nicht. Lebt euer Leben zwischen Großkanzlei und Gala-Dinner, und vergesst eure rumgammelnde, drogenabhängige, fortpflanzungsresistente Nachkommenschaft, die euch so gar nicht zur Ehre gereicht.

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Meine Eltern mailen, dass sie die Polizei einschalten, wenn ich mich nicht melde und verrate, wo ich bin. Hahaha, sollen sie mal machen. Ich bin erwachsen, und wenn ich die Nase voll hab von meiner Familie und überhaupt der Menschheit, ist das meine Sache. Die werden sich totlachen bei der Polizei. Hahaha.

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Nach Alices Tod bin ich nicht zurück gegangen ins Internat. Ich hatte Alices Wohnungsschlüssel und hab mich in ihr großes Bett verkrochen, in dem wir unsere Keks-Partys veranstaltet hatten. Manchmal hab ich mich in eine Decke gehüllt auf den Balkon gesetzt und die Eichhörnchen beobachtet, wie sie über die Bäume huschen. Durch die kahlen Äste glitzerte der See, der in Fußnähe zu Alices Wohnung liegt. Meine Eltern ließen mich natürlich nicht in Ruhe. Fast täglich kamen sie oder riefen sie an, um mich dazu zu bewegen, zurück zur Schule zu gehen und mein Abitur zu machen. Es sind noch drei Monate, stöhnte mein Vater. Drei Monate! Die wirst du ja wohl noch durchhalten. Du wirfst dein Leben weg, kreischte meine Mutter. Aber was erwarte ich? So war sie ja schon immer! Sie schickten auch Judith, die an meine Vernunft appellierte, und sogar Alex ließ sich zu einem Besuch hinreißen: Mensch, Max, das bringt dir Alice doch auch nicht wieder. Darum geht’s nicht, sagte ich. Worum dann?, wollte Alex wissen. Wie sollte ich es erklären, wenn er es nicht von selbst wusste? Diese Ungeheuerlichkeit, dass für einen Menschen die Welt aufgehört hat zu existieren, und alle anderen weitermachen, als sei nichts geschehen. Aber ich schien die einzige zu sein, die so fühlte. Auch Jerome verstand nicht, warum ich nicht in die Schule zurückkehrte: Jetzt hast du es so lange ausgehalten. Das wäre alles umsonst gewesen, wenn du es nicht zu Ende bringst. Ist mir egal, sagte ich. Hauptsache, es hat überhaupt ein Ende. Je eher, desto besser. Komm zurück, bettelte Jerome, mir zuliebe! Es ist so langweilig ohne dich. Nicht zum Aushalten. Aber ich wusste, dass er maßlos übertrieb. Im Gegensatz zu mir war Jerome bei allen beliebt und wusste ohnehin am besten selbst, wie er sich aus allem einen Spaß machen konnte. Auch wenn ich sein eingeübter Sparringpartner gewesen war, würde er sehr gut ohne mich zurechtkommen. Und ich behielt recht. Seine Anrufe wurden schon nach zwei Wochen seltener, und auch ich bemerkte, dass ich ihn viel weniger vermisste, als ich vermutet hatte. Vielleicht war es so, dass Jeromes und meine Freundschaft nur im Rahmen des Internat-Lebens funktionierte. Mehr eine Notgemeinschaft als Seelenverwandtschaft. Trotzdem war ich überrascht, als mich Jerome nur einen Monat nach Alices Tod besuchte und erklärte, dass er sich unsere Verbindung in Zukunft eher auf platonischer Ebene vorstelle. Erstaunlich, wie schnell sich alles ändern kann. In kürzester Zeit habe ich die drei Menschen, die mir am allernächsten waren, auf die eine oder andere Weise verloren.

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Heute Nacht bin ich aufgewacht, irgendwo hat jemand geschrien. Ich weiß nicht, ob es im Hotel war oder von draußen durch die offene Balkontür hereinwehte. Irgendwo hatte jemand Schmerzen oder Angst oder war wütend. Überall auf der Welt schreit gerade jemand, aber dieser Jemand ist nicht ich, dieses Mal nicht. Was also geht es mich an? Oder sind wir doch alle irgendwie verbunden, spüren das Leid der Welt, weiter gegeben durch physikalische Wellen, die wir nicht sehen und von denen wir nichts wissen? Woher weiß ich, dass all diese Teilchen, die Ich sind, spezialisiert auf Haut- oder Hirn- oder Darm-Funktionen, sich nicht doch viel mehr austauschen mit all den Luft- und Hausmauer- und anderen Lebewesen-Teilchen? Vielleicht sind wir alle viel weniger abgegrenzt, als wir vermuten? Ich saß aufrecht im Bett und wartete auf den nächsten Schrei, der nicht kam. Im Nachthimmel reflektierten vereinzelt ein paar ferne Planeten das Licht einer Sonne, und in der Glaswand des Hauses gegenüber spiegelten sich die fünf Sterne vom Schild des Hotels. Ich dachte, wenn ich jetzt sterbe, wäre es in Ordnung.

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Jerome in allen möglichen Posen. Im Anzug und mit Zylinder auf dem Kopf unter einer Dusche am Strand; mit seinem ironischen Grinsen, in der Hand ein Buch von Oscar Wilde; auf einer Schaukel, die Beine hoch in die Luft werfend und mit vor Lachen aufgerissenem Mund. Oma Alice: Fesch in ihrem Trenchcoat im weißen Cabrio, hinter dessen Lenkrad sie sich bis zum letzten Atemzug gesetzt hat. Auf ihrem Balkon am kleinen Bistrotisch, die Zigarette mit Spitze vornehm in abgewinkelter Hand. Ein Foto aus Jugendtagen mit Opa Henri: Fröhlich und frech in die Kamera lachend, dem ernsten Henri mit zwei Fingern ein paar Hasenohren zeigend. Tom, wie er in seiner Hängematte liegt, die Selbstgedrehte im Mundwinkel, ein Buch auf dem Bauch – seine Lieblingsposition. Mit seiner Gitarre im Schneidersitz unter einem Baum, den Kopf geneigt, um den richtigen Griff zu prüfen. Zusammengekauert in Embryostellung in einer weißen Zimmerecke – er hat es selbst so inszeniert – und auf einem Felsen sitzend, mit Blick auf den Horizont in der Ferne. Meine Galerie der Verstorbenen, Verschollenen und Verflossenen. Warum, verdammt noch mal, lasst ihr mich alle allein?

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Braunauge hat mir eine Blume auf den Frühstückstisch gestellt. Gelbe Blütenblätter um einen handtellergroßen Kreis aus orangen Samen. Verblüfft betrachtete ich die Blume und dachte im ersten Augenblick, Jerome hätte mich auf irgendeine Weise ausfindig gemacht und mir diesen Gruß geschickt. Aber dann murmelte Braunauge leise: Weil Sie mich nicht verpetzt haben. Weil mir nicht einfiel, was ich sagen könnte, nahm ich die Blume aus der Vase und schnupperte an ihr. Die duftet gut, sagte ich. Danke. Dann wussten wir beide nichts zu sagen und schauten aneinander vorbei. Ich heiße Max, brachte ich schließlich hervor. Eigentlich Maxine, aber Max ist mir lieber. Schöner Name, sagte Braunauge und stellte sich mir als Gilbert vor. Ich nickte und wieder fiel mir nichts ein. Das Kompliment für den Namen konnte ich nicht zurückgeben, ohne zu lügen. Meine Mutter hat mich nach dem Nachnamen des Arztes benannt, der mich auf die Welt gebracht hat, erklärte Gilbert, als hätte er meine Gedanken erraten. Oh! rief ich nur. Das klang nicht gerade nach Eltern, die meinen an Liebesfähigkeit etwas voraus gehabt hätten. Tja, sagte Gilbert. Meine Mutter ist krank, irgendwas hier – er deutete an seinen Kopf. Und mein Vater ist kurz nach meiner Geburt abgehauen. War wohl eine mäßig schöne Kindheit, sagte ich. Er lachte und zeigte dabei seine kleinen, sehr weißen Zähne. Welche Kindheit? Ich starrte auf die Grübchen in seinen Wangen. Gilbert wurde wieder ernst. Entschuldigung. Wieso Entschuldigung? Naja, das interessiert Sie sicher nicht. Oh, doch!, das kam rausgeschossen. Zum Ausgleich ließ ich mich tiefer ins Kissen sinken. Gilbert lächelte wieder und zeigte seine Grübchen. Und Ihre Eltern? Machen die auch hier im Hotel Urlaub? Geht dich gar nichts an, hätte ich fast gesagt. Aber ich schüttelte nur den Kopf. Ich hab keine Eltern, mit denen ich Urlaub machen könnte, erklärte ich stattdessen und klang aggressiver, als ich wollte. Oh, machte Gilbert und sah unglücklich aus. Keine Sorge, ich liege hier ausgezeichnet, sagte ich in versöhnlichem Tonfall. Er sah mich erwartungsvoll an, als warte er auf weitere Erklärungen, aber ich hatte keine Lust, ihm die Gründe für meinen Hotelaufenthalt auseinanderzusetzen. Aber… das kostet hier ja ziemlich viel, traute sich Gilbert zu sagen. Ich habe geerbt, verriet ich, damit er endlich Ruhe gab. Genug, um den Rest meines Lebens in diesem Bett zu verbringen. Gilbert starrte mich mit tellergroßen Augen an. Schon ärgerte ich mich, dass ich gegen meinen Willen so viel erzählt hatte. Also drückte ich ihm einen Zwanziger in die Hand und sagte etwas zu barsch: Entschuldigung, aber ich brauche viel Schlaf. Ich drehte mich auf die Seite und lauschte, wie Gilbert fast geräuschlos zur Tür schlich und sie mit einem leisen Klicken hinter sich schloss.

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Alices Testament kam in einem unspektakulären blassblauen Briefumschlag ins Haus geflattert, sechs Wochen nach ihrem Tod. Und es war in zweierlei Hinsicht eine Überraschung: Zum einen war sie viel reicher, als wir alle geahnt hatten. Sie besaß nicht nur ihre Wohnung am See und das Häuschen am Meer, sondern auch derart viele Aktien, dass es schien, als gäbe es kein einziges Unternehmen auf der Welt, an dem sie nicht beteiligt gewesen wäre. Vielleicht hat sie es selbst nicht gewusst. Fast alle Papiere stammten aus der Zeit, als Henri noch lebte.
Offenbar hatte er sein ganzes Geld anstatt in teure Anzüge oder Autos in andere Firmen gesteckt. Und dabei augenscheinlich ein außergewöhnliches Gespür dafür gehabt, welches Unternehmen sich über die Jahrzehnte prächtig entwickeln würde. Alle Aktien zusammen genommen waren so viel wert, dass ich die Zahl auf den ersten Blick gar nicht erfassen konnte. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass ein einzelner Mensch überhaupt so viel Geld besitzen konnte. Alex pfiff durch die Zähne, als er die Summe sah: Für eine Kommunistin hatte Alice erstaunlich viel Geld. Salon-Kommunistin trifft es ja wohl eher, meinte Judith. Es ist unfassbar. Sie war steinreich. Die zweite Überraschung war, dass ab sofort ich dieser steinreiche Mensch sein würde. Denn Alice hat mich als Alleinerbin eingesetzt. Damit steht mir die Hälfte des gesamten Vermögens zu, während sich mein Vater, meine Tante Patricia und Onkel Tom mit der anderen Hälfte als Pflichtteil begnügen müssen. Mein Vater konnte seine Wut kaum unterdrücken, er bekam einen roten Kopf und einen Schweißausbruch, während sich meine Mutter kreidebleich hinlegen musste. Judith nahm es gelassen, aber Alex fühlte sich übergangen: Sie hätte mir ja wenigstens ihr Haus vererben können. Ich geb euch was ab, bot ich an. Ich komm drauf zurück, sagte Alex, und Judith meinte, dass es sie beruhige, im Notfall eine derart solvente Schwester zu haben. Ich war froh, dass mir meine Geschwister die Bevorzugung nicht verübelten, aber für meine Eltern tat es mir überhaupt nicht leid. Über Alice hatten sie sich immer nur aufgeregt, und außerdem haben sie selbst genug Geld. Das sie immer wieder gern als Waffe eingesetzt haben. Wer artig ist, bekommt viel von ihnen, wer unartig ist, bekommt keins. Das hat jetzt ein Ende. Ihre Drohungen, mein Taschengeld zu kürzen, laufen ins Leere. Ich habe mein eigenes Geld, sogar viel mehr als meine Eltern, und ich kann selbst darüber entscheiden. Jedenfalls, sobald alles geregelt ist. Denn vorerst sind wir eine Erbengemeinschaft und müssen erst alles unter uns aufteilen. Dafür wurde ein Freund meines Vaters als Nachlassverwalter angestellt. Und meine Eltern hatten sofort tausend Pläne, was mit dem Geld geschehen soll. Welcher Fonds gut sei, und welche Aktien man behalten und welche man lieber verkaufen und neu anlegen sollte. Außerdem lösten sie ein Konto auf und verteilten das Geld unter uns vier Erben, was schon so viel ist, dass ich mich wie eine Königin fühle. Ansonsten hatte ich keine Ahnung und ließ sie erst mal machen. Nach ein paar Wochen aber wusste ich, was ich will. Ich habe nämlich im Internet recherchiert und herausgefunden, dass das meiste Geld in irgendwelchen Beteiligungen steckt, die ich nicht weiter unterstützen will. Es sind durchweg Unternehmen, die irgendwelchen Dreck am Stecken haben. Weil sie Menschen irgendwo auf der Welt für absurd geringe Löhne arbeiten lassen, weil sie die Umwelt verpesten, weil sie Sachen herstellen, die überhaupt nicht hergestellt werden sollten, und meistens trifft sogar alles drei zusammen zu. Es ist nicht so, dass mich das alles übermäßig interessiert. Ich nehme aber an, dass sich Alice nicht allzu intensiv mit all diesen Papieren beschäftigt hat und gehe davon aus, dass es in ihrem Sinne ist, wenn ich den ganzen Mist abstoße. Ich verkaufe alles und packe es auf mein Girokonto, erklärte ich. Meine Eltern erstarrten. Das ist nicht dein Ernst, keuchte mein Vater. Sie ist verrückt, schrie meine Mutter. Sie ist endgültig verrückt geworden! Ich ließ sie toben. Aber sie ließen nicht locker. Das macht der Nachlassverwalter nicht mit, belehrte mich mein Vater. Du allein kannst gar nichts entscheiden, nur wir alle zusammen. Aber ich hatte mich informiert: Dann verlange ich die Auseinandersetzung. Wie du willst, liebe Tochter, aber das dauert ein Weilchen. Ein sehr langes Weilchen. Wir werden uns jedenfalls gegen deine Wertzerstörung zur Wehr setzen. Und bis es eine vernünftige Lösung gibt, nutzt hier keiner irgendetwas, das zum Erbe gehört. Sie schmissen mich also tatsächlich aus Alices Wohnung raus. Ich ging freiwillig, aber ich bin mir sicher, wenn ich es nicht getan hätte, hätten sie das die Polizei erledigen lassen. Ausgestattet mit dem Geld von Alices Konto, zog ich ins Hotel.

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