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Die Blogbuster-Longlist steht

133 unveröffentlichte Romanmanuskripte wurden bei der diesjährigen Staffel des Blogbuster-Literaturpreises eingereicht und von einer zehnköpfigen Bloggerjury auf Herz und Nieren geprüft. Neun Titel haben es auf die Longlist geschafft. 

Sylvia Wage – Grund
nominiert von Stefan Härtel (Bookster HRO)

Sylvia Wage lebt in Berlin, arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit, ist Bonner-Literaturpreis-Trägerin und Mitglied im Berliner Literaturlabel zuckerstudio waldbrunn.

In ihrem Romanmanuskript geht es um Herrschsucht, Alkoholismus und häusliche Gewalt. Auf mehreren metaphorischen Ebenen erzählt sie von einer äußerst unzuverlässigen Figur, die ihre Leser von Beginn an mit völlig absurden Behauptungen konfrontiert. „Ich halte ‚Grund‘ für einen Rohdiamanten, den man mit dem letzten Schliff eines behutsamen Lektorats gewaltig zum Glänzen bringen kann,“ so das Urteil von Blogger Stefan Härtel. 

Kristin Lange – Die Gefahr des Gelingens

nominiert von Romy Henze (Travel without moving)

Kristin Lange ist Buchhändlerin, lebt mit ihrem Mann bei Kiel und schreibt für den 42er Blog. Einige ihrer Kurzgeschichten erschienen in Anthologien. Ihr Romanmanuskript beginnt mit einem Notruf, der nach einem Schienensuizid abgesetzt wurde und zu dem der Polizist Erik gerufen wird. Erik lernt in der Folge Rike, die Schwester des Suizidenten, kennen. Beide verbringen einen glücklichen wenn auch nicht unbeschwerten Sommer miteinander, denn die Erinnerungen holen Rike immer wieder ein. 

Romy Henze: „Der Roman hat mich mitten ins Herz getroffen und ist zudem von Anfang bis Ende authentisch, lebensnah, psychologisch fundiert und eindringlich erzählt.“ 

Franziska Gänsler – Kahn

nominiert von Constanze Matthes (Zeichen & Zeiten)

Franziska Gänsler hat in Berlin Kunst und Anglistik studiert und ist neben dem Schreiben vor allem in der Kunst- und Kulturvermittlung tätig. Der Protagonist ihres Romans verliert bereits in der Kindheit seinen Vater, der sich mit einer Pistole das Leben nimmt. Der Vater diente im Krieg als Soldat, galt als Held, wirkte als Mediziner. Als Jahre später die Mutter stirbt, kehrt er zurück in die Heimatstadt und wird mit der Vergangenheit der Familie konfrontiert. 

Constanze Matthes: „Der Text entwickelt vor allem durch seine klare Sprache, teils aus kurzen Sätzen beziehungsweise Fragmenten bestehend, einen großen Sog und zeichnet sich durch wiederkehrende Symbole und die Psychologie des Protagonisten aus.“ 

Martina Berscheid – Die Klassenkameradin

nominiert von Karolin Hagendorf (Fiktion fetzt) 

Martina Berscheid, Jahrgang 1973, hat Biologie studiert und schreibt seit Jahren mit Leidenschaft. Sie hat bereits einen Erzählband und einen Roman veröffentlicht und gewann 2015 den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis der Stadt Saarbrücken. 

In ihrem Romanmanuskript trifft die Hauptfigur Eva bei einem Klassentreffen auf die selbstbewusste Agnès – eine Femme Fatale, deren extravagantes Leben auf sie einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. So sehr, dass Eva beginnt, ihren Lebensstil zu kopieren. Als Agnès auf Geschäftsreise geht und Eva ihre Wohnung hütet, schlüpft sie in die Rolle der „Vivian“, und taucht ein in Agnès‘ Welt des Rausches und des Vergnügens. Karolin Hagendorfs Urteil : „Eine Figur, die Fehler begeht, deren Sehnsüchte und Wünsche und man als Leserin jedoch zu jeder Zeit nachvollziehen kann. Bitte mehr davon!“ 

Kerstin Meixner – Am Fuß des Berges 

nominiert von Julia Schmitz (Fräulein Julia) 

Kerstin Meixner, arbeitet seit 2003 freiberuflich als Nachhilfelehrerin. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien gewann sie den 3. Platz beim Kurzprosawettbewerb „zeilen.lauf“ und stand mit einem Jugendtheaterstück auf der Shortlist des Brüder-Grimm-Preises des Landes Berlin. 

Ihr Romanmanuskript erzählt von Reike, Faizah, Ilija und Marko. Sie wohnen zusammen und leben zugleich in einer polyamoren Viererbeziehung. Das harmonische Gefüge der Vier wird ins Wanken gebracht, als Faizah verkündet, schwanger zu sein. Von wem? Im ersten Moment ist das nicht wichtig. Aber wie lange kann das gut gehen?

Julia Schmitz hat sich für dieses Manuskript entschieden, weil sie Kerstin Meixners akkurate Art, zwischenmenschliche Beziehungen und Konflikte in teilweise lakonischer Schreibweise darzustellen, überzeugt hat. 

Manuel Zerwas – Der Bücherflüsterer

nominiert von Andrea Schuster (Lesen in vollen Zügen) 

Manuel Zerwas veröffentlicht seit  2013 Texte in Zeitschriften und Anthologien. Sein Lyrikband »Sinn im Unsinn« erschien 2014 im Brot & Kunst Verlag. Für sein Romanmanuskript »Das Gute zuletzt« bekam er den Martha-Saalfeld-Förderpreis 2015. In „Der Bücherflüsterer“ geht es um einen Buchhändler und seine geheime Leidenschaft. Er liebt es, erotische Szenen aus Romanen nachzuempfinden. Da er die Frau fürs Leben noch nicht gefunden hat, ist er immer wieder auf der Suche nach Partnerinnen für diese Abenteuer, stößt dabei allerdings auch auf einige Hindernisse. 

Andrea Schusters Fazit: „Seine Geschichte ist recht unkonventionell, manchmal schämt man sich ein bisschen für den Protagonisten, man fiebert mit, kann oft herzlich lachen, aber immer – wirklich immer – habe ich mich absolut unterhalten gefühlt.“ 

Sina Lippmann – Wofür wir spielten 

nominiert von Anne Sauer (fuxbooks) 

Sina Lippmann studierte Ethnologie, Anglistik und Kommunikationswissenschaft in Göttingen, Irland und Berlin. Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag. Seit ihrer Kindheit schreibt sie Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke. „Wofür wir spielten ist ihr erster Roman“, für den sie das Residenz-Stipendium „42 Tage Putlitz“ erhielt.

Ihr Romanmanuskript behandelt eine Zeit, in der fünf Menschen große Visionen verfolgten, berauschende Erfolge feierten und sich nach dem Mauerfall im ländlichen Brandenburg neu zusammenrafften. Eine Geschichte über die Liebe zum Theater, Freundschaft und das Schicksal des Scheiterns. Und um die große Frage: Wohin geht Freundschaft, wenn die Freunde getrennte Wege gehen?

„Ich mochte sehr, wie Sina Lippmann mich mit ihrer Sprache überraschte. Sie kreiert Bilder, die nicht krampfig konstruiert, sondern wie ganz selbstverständlich erscheinen“ sagt Anne Sauer über ihre Longlist-Favoritin. 

Yannick Dreßen – Verdichtet

nominiert von Marius Müller (Buchhaltung) 

Yannick Dreßen studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik. Er wohnt in Freiburg und arbeitet als Lehrer und Dozent. Geschrieben hat Yannick Dreßen bereits als Kind. In den letzten Jahren hat er mehrere Werke in Selbstverlagen veröffentlicht und führt er unter eigenem Namen seit drei Jahren einen Literaturblog.

Im Mittelpunkt seiner Geschichte steht Friedrich. Er hat alles, was man sich als Schriftsteller so wünscht: Erfolg, eine großartige Familie, ein Haus in der Toskana und den Deutschen Buchpreis im Regal. Doch angeblich ist er gar kein berühmter Schriftsteller. Vielmehr sei alles abgelehnt worden, das er bisher geschrieben habe. Es stellt sich die Frage, was ist Dichtung und was Wahrheit? 

Marius Müller sagt dazu: „Mit „Verdichtet“ hat Yannick Dreßen ein Buch geschrieben, das gekonnt die sonst so scharfen Grenzen zwischen Fantasie und Realität aufweicht. Alles ist doppelbödig angelegt, erzählt in einer schwelgerischen, sprachmächtigen Prosa, die mich für das Buch einnahm.“

Ela Meyer – Es war schon immer ziemlich kalt
nominiert von Isabella Caldart (novellieren) 

Ela Meyer hat mehrere Semester Politikwissenschaften, Kunstgeschichte und Gender Studies studiert, in zwei Bands gespielt und ist heute im therapeutischen Bereich tätig. Vor dreizehn Jahren ist sie von Hamburg in die Nähe von Barcelona gezogen, hat Kurzgeschichten in diversen Literaturzeitschriften veröffentlicht und ist Mitbegründerin des Literatur-Zine Schredder.

In ihrem Romanmanuskript beschreibt Ela Meyer wie geht es, befreundet zu sein, wenn man sich in vollkommen gegensätzliche Richtungen entwickelt. Kann diese Weiterentwicklung überhaupt funktionieren, wenn man von den Freund*innen zu abhängig ist? Soll, kann man noch solidarisch sein, wenn man die Entscheidungen des anderen für falsch hält? Wann ist gemeinsame Vergangenheit nur noch Ballast? Muss eine Freundschaft aus Kindheitstagen überhaupt überleben – oder ist es irgendwann an der Zeit, loszulassen?

„In einer gelungenen Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart mit einem Blick in die Zukunft hat der Roman eine zarte Melancholie und Leichtigkeit zugleich“ so Isabella Caldart.

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Die neun Longlist-Manuskripte*) liegen nun der Fachjury vor, bestehend aus der Literaturagentin Elisabeth Ruge, dem Literaturkritiker Knut Cordsen, der Autorin Alexa Hennig von Lange, der Literaturbloggerin Alexandra Stiller und Dominique Pleimling, Programmleiter beim Eichborn-Verlag. Im Juni wird eine Shortlist aus drei Titeln verkündet. Vorbehaltlich der aktuellen Entwicklung rund um die Corona Pandemie findet die Preisverleihung im Umfeld der Frankfurter Buchmesse statt. 

*) Die Booktuberin Sophie Palme (Verstand) hat kein Manuskript für die Longlist nominiert.

Meine Blogbuster-Kandidatin: Ela Meyer mit „Es war schon immer ziemlich kalt“

„Jetzt hört mal auf, selbst wenn sich unsere Leben verändern, bleiben wir doch immer noch wir.“
Ich mochte mich irren, aber es klang eher wie eine Frage, auch bei Nico mussten sich Zweifel eingenistet haben. Er hatte selbst oft genug gejammert, wenn mehr und mehr Leute aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis weggeknickt waren, ihre alten Ideen aufgegeben hatten und so taten, als wäre Idealismus und politischer Aktivismus ein Jugendsport, den man sich als Erwachsener nicht mehr leisten konnte. Auch ich hatte meine Zweifel, fand das Fragezeichen am Ende von Nicos Satz berechtigt, war mir nicht sicher, ob wir noch immer wir waren, ob es einfach immer so weiter gehen würde mit uns.

Ich bin euch noch eine Entscheidung schuldig: Anfang März veröffentlichte ich meine Shortlist für den Blogbuster-Literaturwettbewerb, jetzt kann ich verkünden: Ich schicke Ela Meyer mit „Es war schon immer ziemlich kalt“ ins Rennen um einen Vertrag beim Eichborn Verlag!

Es ist mir nicht leichtgefallen, mich zu entscheiden – was nicht gegen Elas Text spricht, sondern für die Manuskripte von Tessa Schwartz und Luitgard Hefter, die ebenfalls sehr stark und literarisch waren. Da meine Wahl gegen die Texte von acht Bloggerkolleg:innen antritt, musste ich aber auch vom Verlag her denken und entsprechend überlegen, was zum Eichborn-Programm passt…

Den gesamten Beitrag gibt es hier auf dem Blog novellieren.

Leseprobe: Ela Meyer – “Es war schon immer ziemlich kalt”

1

Marc und ich hatten den ersten milden Frühlingsabend auf der Hafentreppe gesessen und schweigend aufs Wasser gestarrt.
Unter uns die Elbe, die sich wie ein unruhiges Tier vorüberwälzte und die Lichter vom Freihafen und den Industrieanlagen spiegelten sich auf der schwarzen Wasseroberfläche. Es war unmöglich, zu erkennen, was sich darunter befand. Marc öffnete den Mund nur, um Bier zu trinken und ich störte ihn nicht in seinen Gedanken, war schläfrig und dankbar, nicht reden zu müssen, empfand die Stille zwischen uns wie einen Gleitflug, frei von Anstrengung. Erst auf dem Weg nach Hause, begann er zu sprechen.
„Ich zieh nach Friesland zurück. Ins Dorf“, sagte er und sah mich nicht an.
Ich grinste, sagte: „Schon klar“, wartete darauf, dass auch er grinsen würde, aber sein Gesicht blieb ernst.
„In zwei Monaten.“
„Du spinnst!“
Marc schüttelte den Kopf.
Einmal, vor Jahren, hatte ich auf einem abgeernteten Maisfeld gestanden, gleich hinter unserem Dorf. Eine riesige Fläche, und die abgemähten Stoppeln hatten wie Stacheln aus der Erde geragt. Ein Rauschen, das ich nicht hatte einordnen können, hatte sich von hinten genähert. Ich drehte mich um und sah eine Wand aus Regen auf mich zurasen. Mir blieb gerade noch Zeit, die Kapuze aufzusetzen, da erreichte sie  mich. Kaltes Wasser trommelte auf meinen Kopf, umschloss mich, drang durch meine Jacke. Innerhalb von Sekunden war ich durchweicht, hatte das Gefühl zu schrumpfen und ich hockte mich auf den Boden, umschloss meine Beine mit den Armen, um mich vor dem Regen und der Kälte zu schützen.
Jetzt kam es mir vor, als würde ich wieder auf diesem Feld stehen. Marc räusperte sich, als wollte er etwas sagen, aber es kam nichts. Ich beschleunigte meine Schritte und wir bogen in unsere Straße ein. Die Laternen versprühten weißes Licht, das nicht ganz bis zu uns nach unten gelangte. Alles viel zu dunkel: Der Spielplatz, die Büsche, die vollgesprühten Hauseingänge und Toreinfahrten. Unter einem geparkten Auto schoss eine Katze hervor und flitzte vor unseren Fü.en entlang. Für einen kurzen Moment wurde mir schwindelig, ob vom Alkohol oder Marcs Ankündigung, schwer zu sagen.
„Aber warum? Was willst du da?“, fragte ich und wühlte in meiner Umhängetasche nach dem Schlüssel.
„Die Werkstatt von meinem Opa wieder aufmachen.“
„Das heißt, du bleibst länger?“
„Ich zieh da hin.“
„Nach Friesland? Ins Dorf?“
„Ja, hab ich doch eben gesagt.“
Wir stapften hintereinander die Treppe hinauf, ich vorne, Marc hinter mir her. Durch die verglasten Eingangstüren der Wohnungen schien kein Licht, es war nach eins und ich müde, war um sechs aufgestanden. Kein Wunder, dass es mir die Sprache verschlug, Marc hatte den Moment günstig gewählt, spekulierte vermutlich darauf, dass ich zu fertig wäre, um mit ihm zu diskutieren.
Oben angekommen steuerten wir direkt die Küche an. Ich schnitt dicke Scheiben vom Brot, die er mit Käse belegte und in den Sandwichtoaster schob, eingespieltes Team, das wir waren. Marc holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und wir stießen an.
„Paula?“
„Hm?“
„Bist du sauer?“, fragte er.
Sauer, verwirrt, ich wusste es nicht. Hatte nicht vergessen, welche Befreiung es gewesen war, Friesland hinter uns uns gelassen zu haben, damals vor acht Jahren. Jedes Mal, wenn ich ans Dorf dachte, war dort Winter. Um zu den anderen Jahreszeiten vorzudringen, musste ich tiefer schürfen. Als erstes Bild tauchte in meinem Kopf immer das letzte Stück des Wegs nach Hause auf, eine Abkürzung, die ich jeden Tag mit dem Rad genommen hatte, nur fünfhundert Meter von der Haustür entfernt, wo ich nie anzukommen schien, ein Standbild am Ende des Hohlwegs. Pfützen, in denen sich schmierig-braun das Wasser sammelte, Nieselregen, meine Hände am Lenker wie festgefroren, die Bäume kahl, die Rinde schwarz von der Feuchtigkeit. Der graue Himmel und die kurzen Tage, die die Sonne an den Rand der Welt gedrängt hatten. Stillstand, die Stille so still, dass sie in den Ohren dröhnte. Nicht nachvollziehbar, dass er dorthin zurückwollte. Marc stapelte die fertigen Brote auf das Schneidebrett und schob es auf den Tisch. Wir hockten uns nebeneinander aufs Küchensofa, ich breitete die Wolldecke über uns aus und wir stopften die Käsetoasts in uns hinein. Seit wir zusammen wohnten, hatte ich mir das Schlingen angewöhnt. Marc war ein schneller Esser, wenn es ums Teilen ging, musste ich dafür sorgen, nicht zu kurz zu kommen. Er behauptete, ich würde mindestens so ein Tempo vorlegen wie er, weshalb er aufpassen müsse, nicht abgehängt zu werden, wollte mir nicht glauben, dass er mit dem Wettfuttern angefangen hatte. Jetzt riss ich mit den Zähnen dicke Stücke vom Toast ab und verbrannte mir den Gaumen.
„Mir wäre es auch lieber gewesen, noch zu warten“, sagte Marc, „aber meine Oma macht Druck.“
„Aha.“ Ich formte ein O mit den Lippen und sog kühle Luft ein.
„Ja, der Bauer, der seine Maschinen in der Werkstatt unterstellt, hat sich eine Scheune gebaut und gekündigt und sie meint, wenn ich jetzt nicht zusage, verkauft sie. Das ist meine letzte Chance.“
Schon als Kind hatte Marc immer nur Automechaniker werden wollen, hatte sich jede freie Minute bei seinem Opa in der Werkstatt herumgedrückt und davon geträumt, sie eines Tages zu übernehmen. Wir waren fünfzehn Jahre alt gewesen, als er Nico und mir vorgeschwärmt hatte, wie er die Wände neu kalken und in dem angrenzenden Raum eine Teeküche einbauen würde.
„Mit Sofas zum Abhängen und immer einer Kanne Tee und Rumkandis.“ Rumkandis waren damals voll angesagt gewesen bei uns.
„Und dann veranstalte ich Konzerte, Heavy Metal auf der Hebebühne.“
„Keinen Punk?“, hatte Nico gefragt.
„Doch auch, aber Metal wegen Metall, Autowerkstatt.“
„Ja, ja, schon kapiert.“
„Und in die Grube projizieren wir Horrorfilme. Oder ich spann draußen am Tor eine Leinwand und davor parken die Leute. Frieslands erstes Autokino!“ Marc war immer lauter geworden, klang wie ein Jahrmarktschreier.
„Willst du dann trotzdem noch Autos schrauben, ich meine trotz Autokino und Konzerten?“, hatte ich gefragt.
„Na, klar, ist doch das Wichtigste!“
Marcs Ambitionen waren also nichts Neues, aber wie ernst es ihm tatsächlich damit war, hatte ich unterschätzt, obwohl er seinem Ziel Jahr für Jahr, wie ein Aufziehauto, entgegengetuckert war. Lehre, Gesellenzeit, Meisterschule.
Immer am Schrauben und noch immer nicht genug davon.
„Ich sollte nicht so überrascht sein, oder?“, fragte ich.
„Ne, ich hab immer gesagt, dass ich das irgendwann machen will.“
„Eben, irgendwann, ich dachte, wenn wir älter sind, aber doch nicht jetzt. Und was ist mit deiner Band, deinen Freunden, deinen Lovern, und was wird aus mir?“
Ich hatte geglaubt, die Werkstatt gehörte zu der Sorte von Träumen, die man ein Leben lang hegt, aber nie verwirklicht, weil der Traum dann kein Traum mehr wäre, weil der Traum im Laufe der Jahre so fett geworden war, dass er niemals den an ihn gerichteten Erwartungen gerecht werden konnte.
Vielleicht hatte ich das auch nur glauben wollen. Ich ballte die linke Hand, die auf meinem Oberschenkel lag, zur Faust, hob sie auf Schulterhöhe und ließ sie knapp neben Marcs Hand auf die Tischplatte plumpsen. Unsere Blicke trafen sich und an der Art, wie er den Mund seitlich verzog, erkannte ich sein Unbehagen. Mit seiner Hand fuhr er die wenigen Zentimeter bis zu meiner Faust, die wie ein toter Vogel zum Liegen gekommen war, und machte Anstalten, sie darauf zu legen, aber ich zog sie weg und versteckte sie unter der Achsel.
„Du könntest mitkommen“, sagte er.
„Zurück nach Friesland?“
„Ja, warum nicht?“
„Ins Dorf?“
Er nickte und ich schüttelte den Kopf.
Marc lachte. „Was denn, wenn ich zurückgehe, kannst du das auch.“
„Eine Woche würde ich mir geben, höchstens. Nach einem Tag mit meiner Mutter krieg ich schon die Krise.“
„Das liegt aber nicht am Dorf.“
„Na, und? Ich will hier nicht weg.“
Unsere Wohnung war klein, die Küche mit dem Sofa der größte Raum. Marc hatte sich ein Hochbett in sein Zimmer gebaut, darunter staute sich sein auf Flohmärkten und vom Sperrmüll zusammengetragener Krempel. Fahrrad- und Mofateile, rostige Werkzeuge, seine Sammlung altertümlicher Trockenhauben, die wie Lampenschirme an den Wänden hingen und die er als Kleiderständer benutzte. Nach und nach waren aus seinem Zimmer immer mehr Sachen in die restliche Wohnung gesickert.
Mein Blick fiel auf den katzenförmigen Topfuntersetzer, seine Spielesammlung, mit der wir nie spielten, den vor Jahren angefangenen Fliegenvorhang aus Kronkorken.
Unvorstellbar der Gedanke, dass all das verschwände, wenn er auszog.
„Leicht fällt es mir auch nicht, hier abzuhauen, das kannst du mir glauben, aber ich bin ja nicht aus der Welt. Hab lange genug davon geträumt, nun ist auch mal gut. Du weißt schon, jetzt oder nie, und ich glaube, meiner Oma ist es nur recht, wenn sie nicht mehr länger alleine in dem großen Haus leben muss.“
„Du ziehst bei ihr ein?“
„In die obere Etage, in die Wohnung, die seit Jahren leer steht, du weißt schon, die von der alten Wilken. So haben wir beide unseren eigenen Bereich und ich bin bei ihr, wenn mal was ist. Sie wird langsam en beten tüdelig. Außerdem werde ich voll oft hier sein und dich besuchen und proben und Großstadtluft tanken.“
Auf dem Brett lag noch eine Scheibe Toast, ich schnitt sie in der Mitte durch, der Käse zog sich wie Kaugummi, ich wickelte mir die Fäden um den Zeigefinger und lutschte ihn ab.
„Weißt du, was komisch ist“, sagte Marc und biss in seine Hälfte. „Mit jedem Jahr, das ich nicht mehr dort wohne, erscheint mir das Dorf idyllischer. Ich weiß nicht mal mehr, warum wir es da so scheiße gefunden haben.“
„Soll ich es dir erzählen?“
„Ne, lass mal.“
Das Dorf war eine Ansammlung von Höfen und Einfamilienhäusern inmitten eines Monokulturanbaugebiets, Mais. Wenn es nicht nach Gülle stank, wurde gespritzt.
Dahinter erstreckten sich platte Wiesen, im Sommer grün, den Rest des Jahres braun oder gelb, vom Wind gekrümmte Bäume und hinter dem Deich die Nordsee. Kilometerweit graubraune Matsche, bis zum Horizont, ab und an vom Meer unter Wasser gesetzt. Ich habe die Nordsee fast nie voll gesehen, meistens streckt sie der Welt das nackte Wattenmeer entgegen. Der ewige Wind, die einsamen dunklen Winter, die Monotonie der Landschaft und die Abgeschiedenheit waren nur einige Gründe, weshalb ich froh war, nicht mehr dort leben zu müssen.
Der Kühlschrank sprang an, zwei Gläser klirrten aneinander, schienen direkt in meinem Kopf zu klirren. Entnervt stand ich auf und rüttelte daran, bis er verstummte, dann zog ich meinen Tabak aus der Tasche und drehte mir eine. Meine linke Hand war seit zwei Tagen taub, als wäre sie eingeschlafen.
Die Kippe hatte die Form eines Regenwurms.
„Solange du nicht von mir erwartest, dass ich mich für dich freue“, sagte ich zwischen zwei Zügen.
Marc nuckelte an seinem Bier und duckte den Kopf, ich kannte das von ihm, dieses Hals einziehen, als wäre der aus Gummi.
Das hatte er zu Hause bei seinen despotischen Eltern gelernt.
„Was ist mit deinen Alten, hast du ihnen schon die frohe Kunde gebracht, dass ihr bald Nachbarn sein werdet?“
„Oma hat es ihnen erzählt.“
„Und freuen sie sich?“
Marc antwortete nicht, vermied meinen Blick, sah zur Uhr, die in Form eines Apfels über der Spüle hing. Ein Rankgewächs hatte sich um das Ziffernblatt geschmiegt und es sah aus, als würde der Apfel eine grüne Perücke tragen. Es war nach zwei und ich seit über zwanzig Stunden wach.
„Macht bestimmt Spaß, sie jeden Tag zu sehen.“
Er antwortete nicht.
„Kannst Sonntags immer schön mit ihnen essen.“
„Ist gut, ich hab verstanden, du findest die Idee zum Kotzen, aber denk auch mal an meine Oma.“
„Okay, nur mal angenommen, deine Oma wäre fit oder schon tot, würdest du dann auch zurückgehen?“
„Sag so was nicht!“ Es entging mir nicht, wie Marc reflexartig mit der rechten Hand das hölzerne Tischbein berührte.
„Stell dich nicht so an. Würdest du? Ja oder nein.“
„Ja.“
„Also, dann komm mir nicht mit der Samariternummer.“
Marc wurde rot, der Kühlschrank klirrte erneut, ich trat dagegen und er verstummte. Viel lieber hätte ich Marc getreten. Ich schluckte die Tränen hinunter, die sich ihren Weg hinaus bahnen wollten, legte den Kopf in den Nacken und sah an die Decke, damit sie wieder zurückrollten, dorthin, woher sie gekommen waren. Über mir schaukelten Spinnweben und Staubfäden im Luftzug, der durch die undichten Fenster drang.
Marc war seit dem Kindergarten mein bester Freund, war wie ein drittes Bein, an das ich mich gewöhnt hatte und das mir Stabilität und Standhaftigkeit gab. Wir benutzten dieselbe Gesichtscreme, hatten Magendarmgrippen, Herpes und Läuse miteinander geteilt, und die Vorstellung, ohne ihn auf Konzerte zu gehen, in die Kneipe oder ins Kino, ohne ihn zu kochen und zu essen, Fernsehen zu glotzen und herumzuhängen, verursachte mir Übelkeit. Es war, als hätte er mir die Decke weggerissen, unter der wir beide eben noch nebeneinander gesessen hatten.
„Ich wollte nie wirklich weg aus Friesland.“ Marcs Stimme hatte einen trotzigen Ton angenommen. „Du warst die, die dauernd rumgejammert hat, wie schrecklich sie da alles findet. Mir hat es dort gefallen, die Ruhe, die frische Luft, die Weite.“
Der Stillstand, die Gülle, die dörfliche Enge, hätte ich dagegen setzen können, aber er hatte recht. Nico und ich waren es gewesen, die die Tage gezählt hatten, wann wir dem Ganzen endlich den Rücken kehren konnten. Marc war zufrieden gewesen mit dem Geschraube bei seinem Opa, seiner improvisierten Mofawerkstatt, unserem Schuppen und der Band.
Wenn er nicht so viel Stress mit seinen Eltern gehabt hätte, die weder seine Berufswahl noch sein Schwulsein akzeptierten, wer weiß, vielleicht wäre er sogar geblieben.
„Dann sei doch froh, dass du das alles bald wieder hast“, sagte ich.
„Bin ich auch.“
„Dann ist ja gut. Seit wann steht dein Plan?“, fragte ich.
„Als ich nach Neujahr meine Oma besucht habe, kam das Thema auf, aber fest erst seit gestern. Da hab ich mit der Bank geredet, wegen Kredit und so.“
Das Lachen tat mir im Hals weh. Marc auf der Bank wegen Kredit und so. Ich erinnerte mich daran, als er wieder gekommen war, am dritten oder vierten Januar. Seine Oma hatte ihm eine riesige Dose Neujahrskuchen mitgegeben, die, inzwischen leer, oben auf dem Regal stand. Mit keinem Wort hatte er die Werkstatt erwähnt, weder am Abend nach seiner Rückkehr, als wir die Dose erst bei Tee und später bei Grog fast geleert hatten, noch in den folgenden Tagen.
„Warum hast du mir vorher nichts gesagt?“
„Ich hatte Angst, dass du sauer wirst und ich wusste ja auch nicht, ob es klappt.“
Marcs Angst vor Konflikten, schnell den Hals einziehen und sich klein machen, wenn es mal ungemütlich wurde. So wie jetzt, Arme und Beine unter der Decke zusammengeklappt, die Brille schief auf der Nase, die er zu groß fand, aber ich konnte mir keine andere für ihn vorstellen. Er wirkte traurig, müde und ein bisschen betrunken. Alles in seinem Gesicht hing nach unten. Vermutlich sah ich ähnlich aus.
„Los, lass uns schlafen gehen“, sagte ich, nahm meine Tasche vom Stuhl, die ich beim Nachhausekommen darauf geworfen hatte, und verließ die Küche. Erst, als ich die Tür zu meinem Zimmer geschlossen hatte, hörte ich, wie er vom Sofa aufstand und ins Bad schlurfte. Mein Körper sank tonnenschwer auf die Matratze. Eine Wohltat, der Schmerz der Entspannung. Ich angelte nach dem Kuli, der neben mir auf dem Boden lag und markierte, bis wohin die Taubheit meiner Hand reichte, die zweite Linie, mehr als einen Zentimeter über der ersten. Mit der Rechten knipste ich die Nachttischlampe aus und als ich die Augen schloss, überfiel mich der Schlaf wie ein ausgehungertes Tier.

2

Am nächsten Morgen erwachte ich vom Zuknallen der Wohnungstür. Marcs Schritte polterten die Treppe hinunter, mein Wecker zeigte fast halb zwölf und durch das Fenster drang das Gekreische der Nachbarkinder und das monotone Gurren der Tauben. Im Zimmer war es kalt, das Fenster die Nacht über gekippt gewesen. Dies war mein einzig freier Tag der Woche und Marc und ich hatten verabredet, zusammen auf den Flohmarkt zu gehen, wollten danach in der Frühlingssonne Kaffee trinken und später ein paar Freunde zum Essen einladen. Nach dem gestrigen Abend war ich mir nicht mehr sicher, ob wir den Tag gemeinsam verbringen würden. Wie ich ihn kannte, hatte Marc sich verkrümelt, um mir aus dem Weg zu gehen. Wäre er zu Hause und zwischen uns alles im Reinen, hätte ich ihn gefragt, ob er mir einen Kaffee brächte. Ein Ritual an freien Tagen, uns gegenseitig Tee oder Kaffee ans Bett zu bringen. Dann kuschelten wir uns unter die Decke und quatschten und tranken unsere morgendlichen Heißgetränke und überlegten, was wir den Tag über unternehmen würden. Aber Marc war nicht da, mit uns war nicht alles im Reinen und meinen Kaffee würde ich mir selber kochen müssen.
In der Küche hing der Wachsgeruch des ausgeblasenen Teelichts, das im Stövchen unter Marcs Morgentee gebrannt hatte. Seine Zimmertür stand offen, genau, wie das Badezimmerfenster, und es zog kalt herein. Im Flur klingelte das Telefon.
„Hallo.“
„Hi, ich bin‘s.“
Nicos Stimme war mir fast so vertraut, wie meine eigene, auch wenn wir uns nur noch alle zwei oder drei Monate sahen.
Er wohnte in Hannover, wo er studiert hatte und nun als Musikpädagoge arbeitete. Den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, drehte ich die Espressokanne auf und befüllte sie mit Wasser und Pulver. Nico klang beschwingt, kam gerade vom Joggen, war schon immer ein ehrgeiziger Renner gewesen und bei jedem Wetter den Fluss im Dorf entlang geprescht. Selten hatte ich ihn so gelöst gesehen, wie nach einem ausgiebigen Sprint, wenn er sich ins Gras fallen ließ, die Kiefer entspannt, das schweißige Gesicht und der Blick weich von den Endorphinen, die ihm beim Laufen durch den Körper gespült wurden. In solchen Momenten wollte ich mich ganz nah neben ihn ins Gras legen.
Während ich darauf wartete, dass der Kaffee nach oben blubberte, öffnete und schloss ich meine linke Hand, in der Hoffnung, sie so aus dem Tiefschlaf zu erwecken.
„Wie lange geht dein Job noch?“, fragte er.
„Zwei Wochen.“
„Perfekt! Und danach?“
„Keine Ahnung, warum?“
Ich arbeitete als Aushilfsbriefträgerin. Gute Bezahlung und viel Bewegung. Mit dem schwer beladenem Rad gelangte ich in Ecken Hamburgs, die mir so fremd waren, als wäre ich in einer anderen Stadt. Angenehmer wäre die Arbeit im Sommer, da bei Regen und Kälte das Briefeaustragen schnell zur Qual wurde. Mit rot gefrorenen Fingern die Post heraussuchen, die Umschläge und Zeitschriften, die klamm und nass aneinanderklebten. Morgens vor Sonnenaufgang aufstehen, auch Samstags. Die Temperaturen waren zwar in den letzten Tagen gestiegen, trotzdem hatte ich nichts dagegen, dass mein Vertrag bald auslief, und ich wieder Arbeitslosengeld beantragen konnte.
„Hast du Lust, mitzukommen, meine Mutter besuchen?“, fragte Nico.
„Deine Mutter?“ Das hatte ich nicht erwartet, hatte er sie doch, seit sie sich vor über zehn Jahren nach Spanien abgesetzt hatte, nicht mehr gesehen, hatte ihr nie verziehen, dass sie damals, er war sechzehn gewesen, ohne Vorankündigung oder Erklärung, ihre Sachen gepackt und abgehauen war. Nur zu gut erinnerte ich mich an den Morgen, der auf den Abend ihre Verschwindens gefolgt war. Nico war kurz nach Sonnenaufgang bei mir zu Hause aufgetaucht, unter seinen Augen so dunkle Schatten, dass ich im ersten Moment gedacht hatte, er wäre verprügelt worden. Seine Lederjacke hing ihm von den Schultern, die Schnürsenkel seiner Doc Martens flatterten um seine Knöchel und die dunklen Haare hingen wirr um seinen Kopf und verliehen ihm das Aussehen eines Welpens, der sich im Sturm verlaufen hatte. An diesem Morgen hatte ich Nico das erste Mal weinen gehört, ein rostiges Schluchzen, das sich in meine Brust bohrte.
„Wann denn?“, fragte ich jetzt und schloss Marcs Zimmertür.
„In zweieinhalb Wochen.“ Robert, sein Vater, hatte ausgemistet und wollte die letzten Sachen seiner Exfrau loswerden. Nico sagte, er hätte ihm angeboten, sie ihr zusammen mit Marc und mir zu bringen, vorausgesetzt, wir hätten Zeit und Lust mitzukommen. Er schlug vor, mit Marcs und meinem hundertfach geschweißten Mercedesbus zu fahren, quer durch Frankreich, dann ein paar Tage bei seiner Mutter zu bleiben und wieder zurück. Drei bis vier Wochen insgesamt. Da ich nicht weiter, als bis zur Beantragung des Arbeitslosengeldes geplant hatte, kam mir der Urlaub gelegen. Er würde mir Aufschub geben und mit dem Abstand hoffentlich die nötige Klarheit bringen, was ich als nächstes tun sollte.
„Warum nicht“, sagte ich.
„Cool, dann muss ich nicht alleine mit ihr sein.“
„Ist Leo denn nicht da?“
„Interessiert mich nicht, ob der da ist oder nicht!“
Leo war sein leiblicher Vater und der ehemals beste Freund von Robert. Nico hatte erst von ihm erfahren, als seine Mutter abgehauen und zu ihm gezogen war. Bisher waren sie sich weder begegnet, noch hatten sie den Versuch unternommen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Beide schienen so tun zu wollen, als ob der jeweils andere nicht existierte. Nico aus Solidarität mit Robert, wie ich vermutete, über Leos Motive würde ich in wenigen Wochen sicherlich mehr wissen. Mir war bekannt, dass das Leo-Thema, genau wie das Mutter-Thema, tabu war, doch da er das eine aufgemacht hatte, war ich davon ausgegangen, dass das andere nun auch diskutiert werden durfte.
„Ja, ja, sorry, war ja nur eine Frage. Und du bist sicher, dass du deine Mutter sehen willst?“
„Ja, klar, aber ich hab auch Schiss, ist doch normal.“
„Vermutlich.“
Seine Mutter war mir immer verdächtig vorgekommen. Allein, wie sie jeden Morgen, nach allen Seiten grüßend und lächelnd, mit dem Rad durchs Dorf zur Arbeit gefahren war und am Nachmittag, die Fahrradkörbe vollgestopft mit Blumen und Obst und üppigen Salatköpfen, zurückgeradelt kam. Als wäre sie direkt aus der Rama-Werbung gefallen. Viel zu positiv war mir das alles vorgekommen, um echt zu sein. Und recht hatte ich behalten.
„Keiner zwingt dich, hinzufahren, sie kann sich ihren Kram doch auch selber abholen“, sagte ich, setzte mich mit dem fertigen Kaffee aufs Küchensofa und wickelte die Decke um mich.
„Ja, aber ich kann auch nicht ewig vor ihr wegrennen.“
„Können schon.“ Dass Nico bei dem bevorstehenden Besuch mulmig war, verstand ich, was ich nicht verstand, war, warum er sie auf einmal unbedingt sehen wollte. Bestimmt nicht wegen der Kisten. Ich drehte mir eine Kippe, inhalierte den Rauch und hustete. Der erste Zug am Morgen war immer hart.
„Ich glaub, ich bin nie drüber weggekommen, dass sie einfach abgehauen ist. Nicht, dass ich ständig daran denke, aber die Nummer, die sie gebracht hat, und dann noch ohne Vorwarnung, das kann nicht spurlos an mir vorbeigegangen sein. Ich hab dir doch mal erzählt, nachts, wenn es still ist, dann hab ich so ein Summen im Kopf. Das kommt bestimmt von dem Trauma.“
Nico hatte vor vier Monaten eine Therapie begonnen und ich vermutete, sein Therapeut nötigte ihn, in den alten Geschichten herumzuwühlen.
„Du meinst deinen Tinnitus.“
„Ja, genau. Und weißt du was krass ist, manchmal erinner ich mich nicht mal mehr genau daran, wie sie aussieht. Ich hab Angst, dass ich es bereue, wenn ich ihr nicht noch mal eine Chance gebe.“
Ich hoffte, seine Mutter würde die Chance zu nutzen wissen.
Wie ich Nico einschätzte, würde es so schnell keine weitere geben.
Schon einmal, wenige Monate nachdem sie sich davon gemacht hatte, hatten er und ich und Marc zu ihr nach Spanien fahren wollen. Nico und ich waren siebzehn gewesen, Marc ein Jahr älter. Er hatte gerade erst seinen Führerschein bestanden, das Abi ein Jahr vor den Prüfungen geschmissen und war einige Wochen zuvor von zu Hause abgehauen. Einen so radikalen Schnitt hätte ich ihm niemals zugetraut. In der Nacht unserer Abreise hatte Marc seinen Eltern einen letzten Besuch abgestattet. Nico auf der Rückbank, ich auf dem Beifahrersitz, im Kofferraum unser Gepäck. Er hatte mit der Motorhaube Richtung Straße geparkt und war zur Haustür gerannt, hatte den Finger auf die Klingel gedrückt, die wie ein Alarm schrillte, bis sie herausgekommen waren, sein Vater und seine Mutter, beide in Bademänteln.
„Übrigens, ich bin schwul und fahr jetzt nach Spanien!“
Seine Stimme gellte durch die Nacht, Nico und ich johlten und klatschten Applaus. Ohne ihnen Gelegenheit zu geben, zu reagieren, war er ins Auto gesprungen und mit quietschenden Reifen losgerast. Weiter als bis nach Holland waren wir nicht gekommen, weil das Auto unter uns zusammengebrochen war. Marc und ich wären auch noch weiter getrampt, aber Nico hatte seine Meinung geändert und entschieden, seine Mutter nie wieder sehen zu wollen.
„Schon das Neuste gehört?“, fragte ich. „Marc will zurück nach Friesland.“
„Ich weiß. Er hat mich vor zwei Wochen oder so angerufen.“
Asche fiel auf die Wolldecke und als ich darüberwischte, blieb ein grauer Schatten auf dem orangefarbenen Stoff zurück. Marc hatte Nico vor mir von seinen Plänen erzählt.
Mein Magen zog sich zusammen, der bittere Geschmack der Eifersucht. Sie hatten ohne mich darüber geredet und dann offensichtlich beschlossen, mir nichts zu verraten.
„Der Arsch! Ihr beide! Wieso habt ihr mir nichts gesagt?“
„Er hat Angst, dass du es ihm ausreden willst“, sagte Nico.
„Natürlich will ich das, was sonst?“
„Siehste! Genau darum. Ich glaub, er wollte nie wirklich weg aus Friesland. So oft, wie er seine Oma besucht, hatte er die ganze Zeit Heimweh, wenn du mich fragst. Für ihn ist das bestimmt das Richtige.“
„Aber nicht für mich.“
„Es geht aber nicht immer nur um dich und außerdem, wer weiß. Tut euch bestimmt ganz gut.“
Ich hätte mir gewünscht, Nico auf meiner Seite zu wissen. Er hatte Einfluss auf Marc, fand immer die überzeugendsten Argumente, schien immer besser als andere zu wissen, was richtig oder falsch war, als hätte er eine Art moralischen Kompass eingebaut. Wenn er seine Meinung sagte, war es, als würde er eine Wahrheit verkünden. Die erste Zeit unserer Freundschaft war ich gleichermaßen fasziniert und eingeschüchtert von ihm gewesen. Ich war gerade aufs Gymnasium gekommen und saß zunächst neben einem Mädchen aus dem Nachbardorf, das ständig in der Nase bohrte und die Popel danach aufaß. Niemand wollte mit ihr befreundet sein. Mir war das Gepopel egal und wir taten uns zusammen. Zu zweit waren wir nicht länger allein. Die Popelfresserin wollte nicht, dass ich meine Pausen mit Marc, der einen Jahrgang über uns war, verbrachte, sie forderte alleinige Aufmerksamkeit, und ich wechselte meinen Sitzplatz. Von da an saß ich neben einem schmächtigen Jungen, der finster blickte und nie etwas sagte. Marc hatte mir erzählt, dass er gerade erst bei ihm gegenüber eingezogen sei, sie aber noch kein Wort miteinander gewechselt hätten. In den Pausen saß er alleine auf einem Hügel, der mit alten, halb eingebuddelten Autoreifen bedeckt war. Die Schulhofausstattung hatte die Stadt nicht viel gekostet. Autoreifen und Asphalt und Bänke aus Beton. Der Neue hockte oben auf dem Autoreifenhügel, mümmelte an seinem Brot und guckte finster. Kopfhörer saßen auf seinen Ohren und er nickte zum Takt einer Musik, die wir nicht hören konnten. Marc fand, wir sollten ihm eine Chance geben. Meine erste Frage an ihn lautete, ob er eine Klasse übersprungen hätte. Die Frage lag nahe, er reichte mir nur bis zum Kinn. Sein finsterer Blick kannte noch eine Steigerung und ich schloss daraus, dass die Antwort negativ war. Meine zweite Frage war, wie es ihm hier gefalle.
„Scheiße“, sagte er und Marc und ich klopften ihm auf die Schulter. Nico war zwar gerade erst zu uns ins Dorf gezogen, aber hatte die begrenzten Möglichkeiten der friesischen Einöde bereits erkannt. Sein finsterer Blick beeindruckte mich. Wenn die Lehrer ihn etwas fragten, er angepöbelt wurde oder geschubst, starrte er sein Gegenüber an und kein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht. Schon bald stand er in dem Ruf, irgendwie gestört zu sein, was ihn für uns erst recht interessant machte.
Seitdem waren wir zu dritt und ich wusste, ich konnte mich auf die beiden verlassen. Ich war mir sicher, wenn ich auf die Idee käme, auf einem Seil über einen Abgrund zu balancieren, würde Marc seine Höhenangst überwinden und mich, an meine Hand geklammert, begleiten, nur um mich nicht alleine zu lassen. Nico würde unten aufpassen, um uns aufzufangen, um ein Netz zu organisieren, oder was auch immer nötig wäre, damit uns nichts passierte, falls wir abstürzten.
[…]
„Gib mir mal Marc. Ich will ihn fragen, ob er auch mitkommt“, sagte Nico.
„Der ist nicht da und ich glaub kaum, dass er noch Zeit hat zu verreisen.“
Ich musste ihm versprechen, Marc auszurichten, dass er ihn zurückrufen sollte, legte auf und kochte mir einen zweiten Kaffee. Die Dielen unter meinen nackten Fü.en waren kalt.
Krümel klebten unter meinen Sohlen, es war an der Zeit, mal wieder zu fegen.
[…]

3

Während Marc die letzten Tage in seinem alten Betrieb arbeitete, sein Zimmer ausmistete und die neue Wohnung renovierte, verbrachte ich den Großteil meiner Zeit in Gesellschaft von Ärzten und Pflegepersonal. Das taube Gefühl in meinem Arm war weiter Richtung Schulter gewandert, und trotz aller Taubheit fühlte es sich an, als würde er in heißem Wasser hängen. Meine Hausärztin hatte Alarm geschlagen und mich ins Krankenhaus überwiesen und ich ließ mich von der ärztlichen Alarmstimmung anstecken. Im Krankenhaus erwartete mich ein strammes Programm. Ich starrte auf Bildschirme mit herumirrenden Punkten, mein Hirn wurde gescannt und man zapfte mir Blut und Rückenmarksflüssigkeit ab, letzteres eine Erfahrung, die ich nicht wiederholen wollte. Marc besuchte mich und fragte, was genau los sei, aber ich konnte es ihm nicht sagen, noch gab es keine klaren Ergebnisse. Der ein oder andere Diagnoseverdacht stand im Raum, aber ich hatte kein Verlangen, mit Marc, dessen Panikanfälle in Krankheitsdingen kein Limit kannten, darüber zu spekulieren. Er brachte mir eine Tupperschüssel mit Kartoffelpuffern von seiner Oma mit und erwürgte mich fast mit seiner Umarmung. Ich verbot ihm, meine Mutter und Nico zu informieren, wollte mit niemandem reden. Obwohl es keinen eindeutigen Befund gab, wurde mir Kortison verabreicht. Die ersten beiden Tage waren ein Höhenflug, ein Energieschub, wie ich ihn selten erlebt hatte. Ich rannte die Flure rauf und runter und zeichnete stundenlang. Dann, am dritten Tag der Absturz, nach einem Höhenflug kam immer ein Absturz.
„Der Verdacht, dass es sich um multiple Sklerose handelt, Ela Meyer: Es war schon immer ziemlich kalt 21 von 30 kann nicht ausgeschlossen werden“, teilte mir ein Arzt mit und ich wurde entlassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als das MRT in drei Monaten abzuwarten und darauf zu hoffen, dass sich kein weiterer Schub einstellte. Ich belauerte meinen Körper, als wäre er ein Raubtier, das nichts besseres zu tun hatte, als mich anzugreifen und zu zerfetzen. Jedes Kribbeln, Zwicken und Ziepen, jeder leichte Schwindel und jedes kleinste Flackern vor den Augen ließen alle Sirenen in meinem Kopf schrillen und mich in Schweiß ausbrechen.
Marc holte mich mit unserem Bus vom Krankenhaus ab. Er redete die ganze Fahrt davon, was er alles noch vor dem Urlaub erledigen musste und zählte auf, was er schon geschafft hatte.
„Ölwechsel, die Scheibenwischer und Innenbeleuchtung und in der neuen Wohnung die Regale, den alten Teppich raus, roch voll nach der alten Wilken, haha, und morgen wird der Sperrmüll abgeholt, hast du auch noch was?“- „Nein.“
Ich sehnte mich nach jemandem, an dem ich mich festhalten konnte, der mir Mut machen und mich aus dem Nebel, der mich einhüllte und zu verschlucken drohte, ziehen würde. Aber Marcs undifferenzierte Furcht vor Krankheiten hätte mich nur immer weiter hineingeschubst. Außerdem nahm ihn die Planung seiner Zukunft voll in Anspruch, während mir meine Zukunft vor allem Sorge bereitete. Er driftete von mir fort. Es war, als ob wir bisher zusammen auf demselben Gleis gefahren wären und nun in entgegengesetzte Richtungen rollten. Sein Hauptinteresse galt seinem Umzug, für alles andere war kaum Platz. Bei einer Werkstattauflösung hatte er Schnäppchen geschlagen.
„Da hätte ich sonst das Dreifache für geblecht!“
„Glückwunsch.“
„Bist du immer noch sauer?“, fragte er.
„Ne, warum sollte ich?“
„Weil ich ausziehe. Du klingst so.“
„Bin ich aber nicht.“
Ich lag auf meinem Bett und starrte auf die Flecken an der Decke, Zeugnisse erschlagener Mücken aus vergangenen Sommern. Aus den Boxen, die auf dem Boden standen, dröhnte EA80, die Bässe vibrierten durch die Matratze.
„Was machen wir denn nun mit meinem Zimmer?“, fragte er mich später am Tag. Er saß, verschwitzt vom Ausmisten, auf meinem Schreibtischstuhl und trank aus einer Coladose.
„Keine Ahnung, hab ich mir noch nicht überlegt.“
„Wenn wir wiederkommen aus Spanien, bin ich ja nur noch eine Woche oder so hier, und ich hab gedacht, dann könnten wir auch vorher schon jemand Neues suchen und ich spare mir den Monat Miete. Aber nur, wenn das für dich okay ist.“
„Mir egal.“
Er sah mich an, das Gesicht angestrengt in Falten gelegt.
Ich sprang auf und riss das Fenster auf. Unter meiner Haut krabbelten Millionen von Ameisen. Die Panik drohte mich von Innen aufzufressen. Tief atmen, redete ich mir zu. Los, atme! Luft holen!
„Du siehst nicht wirklich so aus, als ob es dir egal wäre“, sagte er.
Ich hörte, wie Marc aufstand, von seiner Cola trank und rülpste. Er schob sich neben mich ans Fenster und legte mir den Arm um die Schulter.
„Ich kann auch noch warten. Aber gestern hat Jochen mir erzählt, dass seine Schwester ein Praktikum beim NDR macht und was für drei Monate sucht.“ Jochen spielte Bass in Marcs Band. „Dann musst du dich nicht gleich fest für jemanden entscheiden.“
„Wenn sie nett ist.“
„Ich kenne sie nicht, aber Jochen meinte, ja.“
„Sehr witzig.“
Er grinste. „Hier, die Telefonnummer.“ Er reichte mir einen Zettel, den ich in die Tasche meiner Jogginghose stopfte.
Marc zog die Augenbrauen zusammen und ich schüttelte seinen Arm ab.
„Ich ruf sie an, versprochen.“
Er seufzte. Diese Seufzer, die er von tief unten aus der Lunge holte, genau wie sein Vater. Ich war froh, diese Seufzer, in denen immer ein subtiler Vorwurf mitschwang, bald nicht mehr hören zu müssen. War froh, mich nicht mehr aufregen zu müssen, weil er nie Klopapier einkaufte und den Käse höhlte, ohne vorher die Rinde abzuschneiden. Er säbelte einfach die Mitte heraus, bis der Käse aussah wie die Kufen eines misshandelten Schaukelpferdes. Ganz zu schweigen von den Resten, die er in seiner Teetasse ließ. Der letzte Schluck, den er nie trank. Überhaupt, sein Spleen mit den Teetassen, es gab nur zwei, aus denen er trinken wollte, alle anderen waren ihm zu dickwandig, zu groß, oder hatten die falsche Form.
Marc zog los, um die Bananenkartons, die der Gemüsehändler von der Ecke für ihn aufbewahrt hatte, abzuholen. Die Tür knallte ins Schloss und ich schmiss mich wieder aufs Bett. Nebelfelder, immer mehr Nebelfelder breiteten sich vor mir aus und ich hatte keine Ahnung, wohin ich trieb, wohin es mich trieb.
Um nicht völlig abzuschmieren, zeichnete ich. Insekten.
Schon als Kind hatte ich tote Käfer, Motten und Spinnen eingesammelt, sie untersucht, sie in ihre Einzelteile zerlegt und alles mit spitzem Strich aufs Papier übertragen. Auf meinen Bildern krabbelten sie aus Ohren, Nasen und Augen, krochen zu Tausenden durch Blutgefäße, legten ihre Eier ins Fleisch, zersetzten, zerkauten, trieben die Auflösung voran. Wenn ich die Augen schloss und lange genug die Luft anhielt, spürte ich sie in mir, wie sich sich unter meiner Haut wanden, an mir nagten, mich zerstören wollten.
Meine Finger fuhren über die Narben, die Schnitte waren längst verheilt. Ich war stolz, mir seit Jahren keine neuen zugefügt zu haben. Aber der Druck nahm zu, das Tosen und Reißen in mir, und ich befürchtete, ich würde dem nicht mehr lange standhalten können, wusste, mir war nicht zu trauen.
Dann würde meine Hand die Klinge in die Haut drücken und wenn sie eindrang, würden die ersten Tropfen Blut fließen und mit dem Blut die wimmelnde Masse hinausgeschwemmt werden. Und mein Herz würde schlagen und erst käme der Schwindel, dann die Erleichterung, und die Scham, die käme erst später.
[…]
Meine Angst vor Marcs Panik in seinen Augen, wenn ich ihm von dem Diagnoseverdacht erzählte, davor, dass wir uns in unserer Angst gegenseitig hochschaukeln würden und sie sich so ins Unendliche multiplizieren würde, hielt mich davon ab, was zu sagen. Das und der Gedanke, wenn ich es erst einmal ausgesprochen hätte, würde es wahr werden. Marc gab sich Mühe, kochte abends meine Lieblingsgerichte, Linsensuppe, Ofengemüse, mit Grünkern gefüllte Paprika, und erinnerte mich an einen Hund, der Wurst geklaut hatte und sich, aus schlechtem Gewissen, unauffällig aber zuvorkommend verhielt.
Aus seinen Äußerungen schloss ich, dass er dachte, meine miese Stimmung hinge ausschließlich mit seinem bevorstehenden Auszug zusammen und ich ließ ihn in dem Glauben. Am letzten Tag vor unserer Abreise lud er Freunde ein.
„Pizza und Wein, das wird fein!“, reimte er und grinste verlegen.
„Ich mach Salat.“ Ich wunderte mich nicht weniger als er über mein Angebot.
„Schreib auf, was du brauchst, ich kauf ein. Heut geht alles auf mich!“, sagte er und knuffte mich gegen die Schulter.
Als Marcs Schritte im Treppenhaus verklangen, kramte ich meinen Rucksack aus dem Kabuff neben der Haustür. Es war keiner dieser bunten Plastikrucksäcke, sondern ein ausgeblichener Armeerucksack, der meinem Vater gehört hatte.
Nach seinem Tod hatte meine Mutter ihn in einer Truhe mit anderen Erinnerungsstücken von ihm aufbewahrt. Mit vierzehn war ich darauf gestoßen und seitdem begleitete er mich auf meinen Reisen. Ich stopfte alles, was ich nach Spanien mitnehmen wollte, hinein. Meine Armsymptome waren dank des Kortisons fast verschwunden. T-Shirts, Regenjacke, kurze Hose. Ich wollte daran glauben, dass sie nicht wiederkämen, war entschlossen, meine Gedanken und Gefühle zu kontrollieren, so dass kein Platz blieb für die Paranoia.
Socken, Unterhosen, Sonnencreme. Doch wie sich mein Körper in Zukunft verhalten, wann und wie er wieder zuschlagen würde, war nicht absehbar. Zum Schluss packte ich meine Zeichensachen und den Schlafsack ein und duschte das erste Mal seit Tagen.

Nico würden wir in Friesland treffen, wo wir erst Marcs Kartons ausladen und danach die Kisten seiner Mutter einladen würden. Es war einige Monate her, seit ich meine Familie besucht hatte. Meine Mutter wohnte noch immer mit meiner zehn Jahre jüngeren Schwester in dem Haus, in dem ich aufgewachsen war. Ich war zwei gewesen, als sie mit mir ins Dorf gezogen war und die alte Dorfschule gemietet hatte. Ein grau verputztes Gebäude mit großen Fenstern. Gurgelnde Wasserleitungen sangen uns in den Schlaf und unter der Treppe wohnte ein gigantischer Koksofen, der das ganze Haus über ein krakenartiges Rohrsystem heizte. Trotz neuer Holzböden blieb es selbst im Sommer fußkalt und wir trugen immer mehrere Paar Socken übereinander.
Als ich jetzt davor stand, wirkte das Haus viel heruntergekommener, als ich es in Erinnerung hatte. Die Tür vom Hühnerstall, den ich als Jugendliche ausgebaut hatte, hing nur noch an einer Angel und klapperte im Wind. Die Hühner pickten auf dem Komposthaufen, der unter einer Schicht Laub vom Vorjahr lag. Selbst nach den acht Jahren, die ich schon fort war, überrumpelte mich die Vertrautheit meines alten Zuhauses. Als würde man einem Körperteil von sich selbst unvermutet gegenüberstehen. Unsere Schaukel mit dem ehemals roten Brett, die an einem Ast der Kastanie baumelte, deren Wurzeln quer über den ehemaligen Schulhof reichten. Der gepflasterte Weg, der in einem Bogen vom Tor zur Tür führte und deren Steine seitlich wegrutschten. Die abblätternde Farbe der Scheune. Der Silogeruch der umliegenden Höfe. Die Schrotträder, die unter dem Scheunendach vor sich hingammelten. Ein Verflossener meiner Mutter hatte sie reparieren wollen, aber ihre Beziehung ging, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, in die Brüche, bevor er auch nur eine Schraube gelöst hatte. Der Kombi meiner Mutter parkte vor dem Tor. Rot mit blauer Motorhaube. In Hamburg fuhr einer herum, der genauso aussah.
Jedes Mal, wenn er mir entgegenkam, durchfuhr mich eine Mischung aus Freude und Fluchtimpuls.
Sie winkte mir vom Küchenfenster aus zu, formte mit dem breiten Mund, den sie mir vererbt hatte, übertrieben Wörter, die ich nicht verstand. Ich verließ meinen Zaunplatz und ging im Slalom um die Pfützen herum, die sich zwischen den Pflastersteinen gesammelt hatten. Das Windspiel, das vor der Tür im Luftzug bimmelte, war neu. Sie wartete im Eingang auf mich. Die blonden Haare trug sie auf den Kopf getürmt und zwei Strähnen kringelten sich an ihren Schläfen. Mit ausgebreiteten Armen empfing sie mich und drückte mich an sich, schaukelte uns, als würden wir uns zu einem albernen Tanz wiegen. Ich widersetzte mich dem Geschaukel und ließ den Rucksack von meinen Schultern auf den Boden rutschen, wo er neben der Treppe liegen blieb. Im Flur roch es nach Erde, Rauch und Essen.
„Die Sauce!“, rief sie und rannte aufgeregt lachend in die Küche. Ich folgte ihr. Dort war alles wie immer. Die vollgestopften Regale, die Eckbank, der zerkratzte Tisch, die Hängekörbe mit Obst und eingestaubten Kräutern und die Rankgewächse, deren Nachkommen sich auch in meiner Wohnung rankten.
„Ich dachte, du kommst früher“, sagte sie und ihre Stimme, die immer eine Spur zu laut war, schabte mir übers Trommelfell.
„Ich hab Marc beim Kistenausladen geholfen und danach bei seiner Oma noch einen Tee getrunken.“
Sie zupfte an ihrer Schürze, die sie über dem grünen Hemd trug und warf einen Blick auf ihr Handy.
„Setz dich, willst du Tee?“
„Ich hatte schon einen, gerade eben, bei Marcs Oma.“
„Wie weit ist er denn mit seinem Umzug?“
„Fast fertig, fehlt nur noch Kleinkram.“
„Und? Fällt dir sicher schwer, ihn ziehen zu lassen, was?“
Ihr schräg gelegter Kopf, der empathische Blick, der Geruch des Hauses. Meine Tränen kamen unerwartet, ich hatte nicht gewusst, dass sie so nah gelauert hatten.
„Ach, Süße. Komm mal her.“ Sie drückte mich an sich und ich wollte versinken in ihrer Umarmung, mich verkriechen, verstecken vor der Welt. Ihr Handy piepste und sie ließ mich so abrupt los, dass ich beinahe umgefallen wäre. Der Vanilleduft ihrer Creme hing in meinem Pulli, lag auf meinem Gesicht, hatte sich in meinen Haaren verfangen.
„Wo ist Katinka?“
„Die kommt heute erst spät, hat sie gesagt.“
Meine kleine Schwester hatte mich schon häufiger in Hamburg besucht. Beim letzten Mal hatte sie an allem herumgemäkelt, dem Essen, der Matratze, die ich ihr neben meine gelegt hatte, dem Krach der Nachbarn, der U-Bahn, den Kneipen, dem Wetter. Nichts hatte ihr gepasst. Seit einem Jahr war sie nun nicht mehr bei mir gewesen und wenn ich kam, sorgte sie dafür, dass wir uns kaum sahen.
„Wie geht es ihr?“
„Kennst sie ja.“ Meine Mutter wedelte mit der Hand, was alles Mögliche bedeuten konnte. Ich nahm zwei Teller aus dem Regal, sagte: „Sie geht mir aus dem Weg.“
„Nimm das nicht persönlich, mir auch. Das ist das Alter, das war bei dir auch nicht anders.“
„Trotzdem komisch.“
„Sonst alles gut bei dir?“ Ihr Handy piepste erneut.
Plötzlich der Wunsch, ihr vom Krankenhaus und dem MS-Verdacht zu erzählen. Ich wartete auf den richtigen Moment, einen, in dem sie nicht abgelenkt wäre, in dem ich all ihre Aufmerksamkeit für mich alleine hätte. Mir brach der Schweiß aus bei dem Gedanken, es auszusprechen, wollte es schnell hinter mich bringen. Eine kindliche Hoffnung flatterte in mir, dass dann alles nur noch halb so schlimm wäre, weil sie, als meine Mutter, die Macht hätte, alles ungeschehen zu machen und die Angst wegzupusten. Heile, heile Gänschen. Mit zittrigen Fingern stellte ich die Teller auf den Tisch.
„Mama, ich muss dir was Wichtiges sagen.“
„Ich dir auch!“ Sie sprang zum Kühlschrank und zupfte ein Passbild unter einem Magneten in Kartoffelform hervor und hielt es mir vors Gesicht. Ein Mann war darauf, dunkle Locken, Schnauzer und Ohrring. Wie ein Bilderbuchpirat, ganz ihr Typ.
„Das ist Bernd!“ Sie strahlte mich an, ihre blauen Augen glitzerten. Ohne zu antworten drehte ich mich um und riss die Besteckschublade auf. Ich fühlte mich wie ein Vogel, der immer wieder gegen die selbe Scheibe knallt, weil er glaubt, der Himmel, die Bäume, die Idylle, die sich darin reflektieren, seien echt.
„Vor drei Monaten hat er bei uns als Rettungssanitäter angefangen.“ Seit ich vier war, arbeitete sie als Köchin in der Krankenhauskantine. Mit eckigen Bewegungen platzierte ich Gabeln und Messer auf den Tisch. Sie griff über mich ins Regal und stellte einen dritten Teller dazu.
„Ich dachte, Katinka kommt nicht.“ Meine Stimme hallte in meinem Kopf wie in einem leeren Raum wider. Das Gesicht meiner Mutter leuchtete vor Aufregung.
„Du und Bernd, ihr müsst euch unbedingt kennenlernen, bevor du morgen gleich weiterfährst.“ Sie klatschte in die Hände und lachte dieses alberne Lachen, das ich nicht ausstehen konnte. Durchs Fenster sah ich, wie ein Auto vor dem Tor hielt, gleich hinter dem ihrem, ein Golf oder Polo. Der Passbildpirat stieg aus. Mein Gesicht fühlte sich wie eingefroren an und Säure schoss in meinen Magen. Ich hätte ihr das ätzende Zeug am liebsten ins Gesicht gespuckt.
„Scheiße, muss das sein! Du hättest mich wenigstens fragen können! Ich wollte dir was Wichtiges sagen!“
Ich knallte die Besteckschublade zu, die sofort wieder aufsprang und haute noch einmal dagegen. Meine Mutter reagierte weder auf meine Schubladenattacken noch auf mein Geschrei. Sie riss die Küchentür auf und rannte nach draußen. Ich sah, wie sie sich umarmten und küssten, schnappte mir mit zittrigen Händen meine Jacke von der Eckbank und entwischte durch die Hintertür.

Portrait Ela Meyer

„Es war schon immer ziemlich kalt“

Wie geht es, befreundet zu sein, wenn man sich in vollkommen gegensätzliche Richtungen entwickelt? Kann diese Weiterentwicklung überhaupt funktionieren, wenn man von den Freund*innen zu abhängig ist? Soll, kann man noch solidarisch sein, wenn man die Entscheidungen des anderen für falsch hält? Wann ist gemeinsame Vergangenheit nur noch Ballast? Muss eine Freundschaft aus Kindheitstagen überhaupt überleben – oder ist es irgendwann an der Zeit, loszulassen?

Zu einem Soundtrack zwischen Django Reinhardt und Team Dresch beschreibt „Es war schon immer ziemlich kalt“ drei Menschenweg am Scheideweg, nicht nur wortwörtlich on the road, sondern auch in ihrem Leben. In einer gelungenen Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart mit einem Blick in die Zukunft hat der Roman eine zarte Melancholie und Leichtigkeit zugleich.

Ela Meyer – Kandidatin novellieren

Ela Meyer, 1973 in Oldenburg geboren, wuchs in Friesland auf. Sie hat mehrere Semester Politikwissenschaften, Kunstgeschichte und Gender Studies studiert, in zwei Bands gespielt und ist heute im therapeutischen Bereich tätig.                           

Vor dreizehn Jahren ist sie von Hamburg in die Nähe von Barcelona gezogen, hat Kurzgeschichten in diversen Literaturzeitschriften veröffentlicht und ist Mitbegründerin des Literatur-Zine Schredder.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog novellieren.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?  

Schwierig, mit so etwas rechnen, das hängt ja von vielen Faktoren ab. Je nach Tagesverfassung habe ich mir mal mehr und mal weniger Hoffnungen gemacht. 

Warum hast Du Dich gerade bei „novellieren“ beworben? 

Ich habe Isabella im Goethe-Institut in Barcelona kennengelernt, wo sie  auf einer Veranstaltung über deutschsprachige Literatur gesprochen und verschiedene Romane vorgestellt hat. Die Art, wie sie über die einzelnen Werke geredet hat, ihre Begeisterung und der Respekt der Arbeit der Autor*innen gegenüber haben mich überzeugt, genau wie ihre fundierte Kritik und ihr Humor und die Auswahl der Bücher, sowohl bei der Veranstaltung, als auch auf ihrem Blog. 

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen? 

Das offene Konzept, z.B. gibt es weder eine Altersbegrenzung noch Themenvorgaben. Mir gefällt, dass alle Longlistkandidat*innen sich vorstellen und ihre Leseproben veröffentlicht werden, dadurch erhält der Wettbewerb einen persönlichen Rahmen und Transparenz. 

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen? 

Erstmal freue ich mich darüber, dass mein Manuskript es auf die Longlist geschafft hat und bin gespannt, wie es weitergeht. Meine eigenen Chancen? Nicht schlechter oder besser, als die der anderen. Ich habe die bisher eingereichten Leseproben gelesen und fühle mich in guter Gesellschaft.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden? 

Die Charaktere begleiten mich schon seit einigen Jahren, in der ersten Fassung waren sie allerdings zehn Jahre jünger, also in der Pubertät. Nachdem mir klar geworden ist, dass mich mehr interessiert, wie ihre Freundschaft sich im Erwachsenenalter entwickelt, hat es ziemlich genau ein Jahr gedauert, bis das Manuskript fertig war. Meine Protagonisten schon als Jugendliche „kennengelernt“ zu haben, hat den Schreibprozess sehr erleichtert.
Ich habe die letzte Fassung des Manuskripts erst vor Kurzem abgeschlossen und bisher wenig unternommen. 

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Das haben wir noch nicht besprochen. Angesichts der speziellen Situation werden sich unsere Ideen auf das Internet beschränken.

Leseprobe: Yannick Dreßen – “Verdichtet”

VERDICHTET

von

Yannick Dreßen

Wer das Dichten will verstehen,
Muß ins Land der Dichtung gehen;
Wer den Dichter will verstehen,
Muß in Dichters Lande gehen.

Johann Wolfgang von Goethe

Α

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei ihm, und er war das Wort. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde nichts. Das Wort schuf die Idee und die Idee die Erzählung, und durch die Erzählung entstand die Welt, und diese Welt wurde Raum und wurde Zeit, wurde Form und wurde Sinn, wurde Kraft und wurde Tat. Das Wort wurde Wirklichkeit.

I

Ein Schrei stieß ihn aus dem Text, und er stürzte hervor wie das Kind aus der Mutter.
Plötzlich war alles Licht. Ein Feuer, das sich in seine Augen züngelte und sich bis in die Neuronenbahnen seines Gehirns brannte. Er blinzelte, mühselig, verdrießlich, kniff die Augen jedoch rasch wieder zu, als die Flammen seine Synapsen ansengten.
Hilflos prustete er, rang nach Atem. Blut und Fäkalien hafteten an ihm, Bestandteile des Romans, aus dem er gepresst worden war, Worte und Sätze, die er noch nicht abgeworfen hatte, die an ihm klebten und ihn wie eine zweite Haut umgaben, ein Mantel, der über ihm lag, eng umschlungen, aber schützend.
Als er die Lider wieder aufschlug, vorsichtig und misstrauisch, da die Glut weiterhin in seinem Sehnerv loderte, verblich zwar die Strahlkraft der Sonne, der er entgegen schaute, doch noch immer nahm er nichts wahr, erkannte nichts, fühlte nichts. Nichts, bis auf einen leichten Schmerz, der sich hartnäckig in seinem Kopf festgebissen hatte, eine Zecke, die ihn zwickte und zwackte, ein stilles Stechen und Hämmern, hinten, an der Rückseite seines Kopfes, ein Nagel in seinem Okzipitallappen, der ihn daran erinnerte, dass er lebte, dass er war.
Doch er war noch nicht. War noch nicht er. War immer noch ein anderer. Gefangen im Text, eine Figur in einem Roman. Allein sein Herz verriet ihm das Gegenteil, denn es polterte und donnerte, als begleitete es das dumpfe Dröhnen großbäuchiger Trommeln während eines Initiierungsrituals. Es kreischte neben ihm, doch er hörte es nicht. Seine Sinne waren noch nicht wiedergekehrt und so legte er gedankenverloren das Buch beiseite, aus dem er soeben gefallen war. Ehrfurchtsvoll strich er mit dem Handrücken über das verschwommene Bild, das den Schutzumschlag zierte, ein Spiel mit Brennweite und Unschärfe, hinter dem sich eine Welt verbarg, die ihn mitgerissen hatte.
Satz für Satz war er in das Labyrinth hinabgestiegen, hatte sich zwischen den Worten und Buchstaben verirrt und schien immer noch gefangen, gefangen in einem Nichts, in einer Zwischenwelt, nicht hier, nicht da, obwohl das Gebilde, das sich ihm aufgezwungen hatte, bereits wie eine Plazenta von ihm abgefallen war und in den Annalen seiner Erinnerung verging.
Die Geschichte war beendet, die letzte Seite ausgelesen, und dennoch konnte er sich nicht von den Charakteren trennen, in die er geschlüpft war. Seine Gedanken schossen umher, stoben durcheinander, wild und ungelenk, voller Misstrauen und Fragen, und prallten wie ein Wurf Murmeln an einer Häuserwand zusammen. Doch sie verharrten nur einen Augenblick, denn schon erhoben sie sich wieder wie ein Schwarm Insekten, kreisten in elliptischen Bahnen weiterhin um die Geschichte, und stürzten sich auf das offene Ende hinab, das ihn unvollendet ausgespien hatte. Immer wieder warfen sie sich hinunter, wühlten in den Eingeweiden der Erzählung, suchten nach Fleisch und Innereien, nach einem Ende, das ihn befriedigte, doch die Geschichte war zerlegt. Nichts gab es mehr zu ergattern, keine Beute mehr zu erringen, auch wenn der Hunger weiterhin in ihm tobte und nach Nahrung verlangte. Übrig blieben nur die Gebeine, auf die er schaute, als hätten sie niemals Fleisch getragen.
Sein Kopf schwirrte. Noch immer flatterte das Ende des Romans lose am Mast seines Verstandes und wurde vom Sturm seiner Gedanken mal in die eine, mal in die andere Richtung gerissen. Die Offenheit gebar Fragen, die er nicht beantworten konnte, Fragen, die in ihm brodelten und gärten, doch aus welcher Perspektive er es auch besah, das Ende blieb unentschieden, es blieb unscharf, wie das Bild, das ihn nun vom Buchdeckel hinauf anstarrte. Es dauerte einige Augenblicke, bis er es einsah, Augenblicke, in denen er sich nach und nach aus dem Buch herausschälte und die Welt aus Buchstaben wie eine Eierschale von sich abwarf, bis er es verstand, bis er begriff, dass es genauso hatte enden müssen, dass es gar keinen anderen Schluss hatte geben können, ja dass dem Anfang bereits eingeschrieben war, wie die Geschichte endete.
Ein Schmunzeln huschte über seine Lippen und er schaute auf. Das Gesicht der Wirklichkeit blickte ihm entgegen und endlich löste er sich. Endlich kappte er die Nabelschnur zum Roman und erwachte im Hier und Jetzt. Das Bild schwirrte vor ihm, verzerrte sich in der Mitte und floss an den Enden aus. Erst nach und nach gewann es an Schärfe und bildete Konturen, feine Linien, Formen und Farben, die sich wie ein Puzzle zusammensetzten, Stück für Stück, bis aus Sand und Meer und Himmel ein Ganzes vor ihm stand. Wie so oft hatte er sich in der Literatur verloren und nur stockend gewann er wieder Sinn für diese Welt, für seine Erzählung.
Das Kreischen erschrak ihn und ließ ihn zusammenzucken.
Es riss ihn aus seiner Gedankenwelt und sein Blick fand die Möwe, die seit geraumer Zeit auf der Brüstung der Veranda saß und die Reste des Essens einforderte, ein paar wenige Krümel, die verstreut auf dem Tisch lagen. Unverfroren blickte sie ihn an, hielt seinem Blick stand und wägte ihre Chancen ab, und gerade, als sie auf den Tisch zu springen wagte, verscheuchte er den Vogel mit einer raschen Handbewegung und das Tier erhob sich, hoch und höher, ließ sich in den Winden treiben und landete in einiger Entfernung im Sand.
Da saß er also wieder, wie immer, wie jeden Abend. Vor ihm das Glas Wein, halb geleert. Sein Blick schweifte über den Horizont. Hinter tiefhängenden Schäfchenwölkchen, die golden rot und violett erstrahlten und so malerisch beisammenstanden, als seien sie einem Bild Caspar David Friedrichs entronnen, lugte die Sonne wie ein Fächer hervor und überzog den Himmel mit einem orange schimmernden Kleid. Nur gemächlich zogen die Wattebäusche vorüber, zogen auf das Meer hinaus, das den Schein des roten Lichts widerspiegelte und mit seiner friedlichen Ewigkeit prahlte. Mancherorts brachen sich sanfte Wellen in den Weiten, sie griffen nach den Möwen und hinterließen deckweiß farbene Schaumbäder. Eine leichte Brandung rauschte an den Strand, rhythmisch, beschwichtigend, und malte immer neue Muster in den Sand, flüchtige Bilder, die nur für den Augenblick überlebten.
Sandkörner stoben auf und eine Brise, die von der See her blies, kühlte sein Gesicht und spielte mit seinen Haaren.
Der warme Tag klang allmählich aus. Er genoss die Idylle am Meer, die Ruhe, die der Abend gebar und seine wirren Gedanken verstreute, so leichtfertig und spielerisch, als seien sie Wolken, die nur eines kräftigen Windes bedurften, um zu vergehen. Tagsüber brauten sie sich zusammen, stürmten und tobten, drohend und unheilvoll, ein Gewitter, das er selbst heraufbeschwor, indem er um die richtigen Worte rang, Worte, die seine Welt beleben sollten, die sie errichten und erbauen sollten, die Welt seines neuen Romans, an dem er unermüdlich arbeitete. Nun aber ließen die schweren Gedanken ab von ihm, stoben auseinander und schwirrten in alle Himmelsrichtungen, wo sie sich auflösten und vergingen.
Er atmete tief ein. Die Meeresluft trug eine salzige Frische in seine Lungen. Sie strömte durch seinen Körper und verdünnte das Gift der Fiktion, solange, bis die Wirkung verfiel und er wieder war, wieder da war, wieder er war. Er ließ den Blick über die Bucht schweifen, deren Enden wie ein Hufeisen ins offene Wasser ragten, und gab sich dem malerischen Ort hin, der auf ihn schaute und seine sterblichen Gedanken in den Schlaf wogte. Immer noch erschien ihm sein Leben wie ein Traum. Immer noch wähnte er sich im tiefen Dickicht seiner Phantasie, gewogen in Morpheus Armen. Manches Mal zwickte er sich, um zu erwachen, doch sooft er auch die Finger in sein Fleisch bohrte, spürte er nur den stechenden Schmerz. Das Gemälde vor ihm entsprang nicht seiner Einbildung, es war wirklich, es war real, auch wenn er es kaum fassen konnte. Noch vor wenigen Monaten hatte er in seinem engen Appartement gesessen, am Rande Frankfurts, in Zimmern, die kein Tageslicht sahen, genervt vom Rattern der nah vorbeirumpelnden Güterzüge. Und nun saß er hier, blickte auf das Mittelmeer, das sanft auf ihn zu brandete, als sei er der Mittelpunkt der Erde, und war glücklich. Dankbar leerte er sein Glas und griff nach der Flasche.
Aus dem Hals des Gallo Nero rieselten die letzten Tropfen des Chianti, dessen Reben auf den sonnenverwöhnten Hügeln des Hinterlandes heranwuchsen, nicht weit ihrer neuen Heimat, mitten zwischen Zypressen und Olivenbäumen. Dann aß er das letzte Stück Bruschetta und auf seiner Zunge mischte sich der Geschmack frischer Tomaten und Basilikum mit Olivenöl und gerösteten Brotes. Freudetrunken, ob vom Wein oder Ausblick, schaute er hinaus aufs Meer und las den Horizont wie den Vers eines Gedichts. Als die Sonne immer rascher versank und das Meer schließlich das prasselnde Feuer zu löschen begann, umwehte ihn ein Gefühl von Erhabenheit, von Vollkommenheit, hier, an diesem Ort, an dem er endlich gefunden zu haben schien, wonach er sein ganzes Leben gesucht hatte.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages umspielten sein Gesicht und entflammten die Narbe auf seiner Stirn. Für einen Augenblick leuchtete sie auf, hellrot, als könnte man das Magna erkennen, das sich unter ihr sammelte. Dann nahmen die Wellen endgültig, was ihnen gehörte, und verschluckten Helios Wagen. Seine Narbe erlosch und die allabendliche Aufführung war zu Ende.
In ihm applaudierte es, doch etwas stieß durch seine Muskeln vor und betäubte ihn, eine umfängliche Müdigkeit, die bis tief in seine Knochen drang. Für gewöhnlich entzündete die Dämmerung seine Kreativität, doch nicht so heute. Er fühlte sich matt und erschöpft und strich den Gedanken, sich wie jede Nacht an den Schreibtisch zu setzen und mit dem Taktstock über sein Manuskript zu fahren. Heute tat er besser daran, seiner Frau ins Bett zu folgen, in das sie sich bereits vor einer guten Stunde zurückgezogen hatte.
Und so erhob er sich, zu schnell wie es schien, denn er wankte und musste sich am Tisch festhalten, um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu drücken. Als ihm nach einigen Wimpernschlägen endlich ein klareres Bild vor Augen stand, griff er nach der Flasche und dem Glas und schlich ins Haus. Behutsam zog er die mächtige Panoramatür hinter sich zu und suchte im Dämmerlicht den Weg in die Küche.
Zwei leere Weinflaschen blickten ihm bereits vorwurfsvoll entgegen, als er die dritte hinzustellte.
Und plötzlich zwickte ihn etwas in den Hinterkopf. Es biss ihn, fräste ein Loch in seine Schädeldecke und hustete hinein. Eine Stimme echote durch den Hohlraum, warnte und belehrte, schimpfte. Doch rasch unterdrückte er seine Gewissensbisse, erstickte sie, bevor sie sich ihm aufhalsten. Dieser Tag war ein besonderer gewesen, den man hatte feiern müssen, ein Jahrestag, der ruhig auch mit einem Schluck mehr als gewöhnlich hatte begossen werden dürfen. Denn heute war ihr Geburtstag – der erste ihres neuen Lebens.
Er schob die aufsprudelnden Bilder beiseite, die mit Schuld beladen waren, leerte den Rest des Weinglases, um sie zu ertränken, und, als nichts half, schüttelte er sich, um die Erinnerungen wie Schneeflocken von sich abzuwerfen. Doch der Alkohol waberte zu stark durch seine Adern, er verlor die Orientierung und landete wie ein Kleinkind auf dem Hosenboden.
Einen Augenblick blieb er sitzen, versuchte das Bild vor seinen Augen anzuhalten und nicht zu erbrechen. Erst als die Küche nicht mehr vor ihm zitterte, zog er sich an den Schränken hoch und torkelte in den Flur, die Treppe hinauf. Unbeholfen hielt er sich am Geländer fest, zog sich mit der einen Hand daran hinauf, um mit der anderen die Wand zu stützen, auf dass sie nicht auf ihn fiele.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer strampelte er seine Hose ab, pellte sich aus seinem Hemd und schmiss beides an Ort und Stelle von sich. Instinktiv wankte er zu seinem Kind und kniete sich neben das rosane Babybett, ein Geschenk seiner Eltern zur Geburt. Mit dem rechten Handrücken fuhr er seiner Tochter über das pausbäckige Gesicht, sanft und zärtlich, eine Liebesbezeugung, die er ihr jeden Abend entgegenbrachte. Sie rümpfte die Nase, brabbelte unverständliche Laute. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, wieder und wieder, und er war glücklich.
Noch lange betrachtete er sein eigen Fleisch und Blut, schaute auf die Stupsnase, die hin und wieder zuckte, auf den kleinen Mund, dessen Lippen durch die Hamsterbäckchen geschürzt wurden, schaute auf den Flaum auf ihrem Kopf, diese samtweichenen Haare, deren Farbe sie von der Mutter geerbt hatte, schaute weiter auf die Wurstfinger an ihren Händen, und auf die winzigen Nägel, die kaum zu schneiden waren. Ein Lächeln auf ihren Lippen verriet, dass sie fröhlich zu träumen schien und nichts davon ahnte, dass es nur dem Zufall zu verdanken hatte, überhaupt das Licht der Welt erblickt zu haben.
Tränen sprudelten in seine Augen. Liebevoll küsste er seine Tochter auf die Stirn, bevor er wieder aufstand.
Als er sich umwandte, erhoben sich bereits die Umrisse zweier Schmetterlinge und flogen auf ihn zu, Seite an Seite. Sie erwachten vor seinen Augen und tollten in den Lüften umher, umkreisten sich und spielten miteinander, hingebungsvoll, als seien sie auf ewig vereint. Die goldene Kette um den Fußknöchel fing das Tattoo jedoch wieder ein. Das Gelenk, fein und zartgliedrig, brachte sonnengebräunte Beine hervor, so fest und ebenmäßig, so makellos, als seien sie aus Marmor gemeißelt. Aufreizend überkreuzten sie sich, umschlungen den Deckenbezug wie eine Schlange. Bewundernd fuhr sein Blick Wade und Oberschenkel hinauf, fuhr über ein schwarzes Höschen, das die Hälfte eines Hinterns umspann, in dessen Apfelform es ihn zu beißen gelüstete, fuhr über die Senke der Taille und über ein weißes T-Shirt, auf dem Surfer die Wellen ritten, die die festen Brüste darunter aufwarfen. Blonde, dicke Locken lagen wild um eine entblößte Schulter und verdeckten Hals und Gesicht.
Verlangen stieg in ihm auf, doch übermächtig war die Müdigkeit, die sein Feuer löschte, bevor es aufflammen konnte. Ehe er sich an die Seite seiner Frau legte, um dem Schlaf zu geben, wonach er verlangte, stand er vor ihr wie der Sternenhimmel, dessen Maserung aus dem Schoß der Nacht spross und sich allmählich durch das Fenster abzeichnete, stand still und bewegt. Sein Auge ruhte auf ihr wie auf einem Gemälde. Tränen stiegen ihm in die Augen vor dem Heiligen, das so anspruchslos und reizend dalag. Er liebte sie und Freude und Stolz tobten in ihm, von ihr geliebt zu werden. Seit dem ersten Augenaufschlag war er ihr verfallen, seit dem ersten Erröten, das mehr versprochen hatte als eine windige Liebschaft, war er ihrer Aura erlegen, eine Aura, aus der er sich bis heute nicht zu lösen vermochte, obgleich er es niemals versucht hatte. Denn ewig wollte er in ihrem Bann leben, ewig ihre Wärme spüren, ewig ihr sein. In ihr hatte er seine Welt gefunden und niemals hätte er sich verziehen, wenn sie gestorben wäre, niemals hätte er die Last tragen und weiterleben können, wenn sie ihr Leben verloren hätte – damals, vor einem Jahr.
Und so legte er sich, wenn auch vom Tage erschöpft, so doch trunken vor Glück, an ihre Seite. Sogleich umwehte ihn ein Geruch, der ihn kitzelte und umgarnte, ein Duft nach Jasmin, der in seine Nase kroch und sich entfaltete. Zärtlich griff er in die Lockenpracht neben sich und roch an ihr, vergrub sich zwischen den Strähnen und atmete tief ein. Seine Finger glitten ihren starren Körper entlang, strichen sachte über die Rundungen, die wie gemeißelt vor ihm lagen. Und plötzlich fuhr Leben in ihr Fleisch. Als sei sie Galatea, öffneten sich ihre Augen, zärtlich und sanft, wie sich eine Knospe aufschließt, und mit gläsernem Blick, halb erwacht, sah sie ihn an. Ein müdes Lächeln zupfte an ihren Lippen und riss an Friedrichs Herzen.
Es ist alles gut! Schlaf ruhig weiter, sagte er und versuchte, sie durch seine beruhigenden Worte wieder in den Schlaf zu wiegen.
Immer noch mehr im Traum gefangen als in der Wirklichkeit, lächelte sie ihn an und er vergaß die Welt um sich herum.
Ich liebe dich, Friedrich!
Ich dich auch, Susette!
Glücklich schlang er seinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor der Schlaf auch ihn der Welt entriss.

2

Friedrich erwachte aus ruhigen Träumen.
Sachte glitt er in den Schoß der Wirklichkeit hinüber, glitt aus dem Muttermund einer Welt, die ihn eben noch fürsorglich ernährt und wie eine zweite Haut ummantelt hatte. Wohlwollend verabschiedete ihn der Traum aus seinem Reich und Friedrich hopste bereits vergnügt auf der dünnen Schwelle zum Wachsein. Es bedurfte nur noch einer kleinen Gewichtsverlagerung, um sich in die Arme des neuen Tages fallen zu lassen. Schon jetzt verblasste das Land, aus dem er zu schweben schien, schon jetzt versagte ihm die Erinnerung, wo und was und wer er gewesen sein sollte. Doch der Schlaf wirkte noch nach, beruhigend und versöhnlich.
Gerne hätte er sich noch einmal von der Schwelle abgewendet, gerne wäre er noch einmal umgekehrt, um in den Traum zurückzueilen. Aber mit jedem neuen Moment, in dem er sich seines Zustandes bewusster wurde, mit jeder neuen Sekunde, die verstrich und ihn ins Leben drückte, verschwand das Gebilde hinter ihm, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen und war für immer vergangen.
Vergeblich versuchte er, sich an die letzten Fetzen seines Traumbildes zu klammern, um noch einmal in die gebrechliche Welt einzutauchen, sie noch einmal mit dem Bewusstsein einer Scheinwelt zu formen, ja sich diese Welt, wie in seinen Dichtungen, Untertan zu machen.
Doch die Pforte war verschlossen. Es gab kein Zurück mehr. Das verschwenderische Land, aus dem er zu reisen schien, da er sich kräftig und erholt fühlte, nahm ihn nicht mehr auf. Ihm blieb nichts übrig, als sich abzuwenden. Im nächsten Augenblick würde ihn die Wirklichkeit empfangen, der Tag würde ihn begrüßen, ein neuer Tag, an dem er sich seiner Welt widmen dürfte, seiner eigenen Geschichte. Nur ein Schritt fehlte noch, ein Ruck und er würde erwachen.
Sein Bewusstsein regte und streckte sich, befreite sich aus dem Spinnennetz seiner Phantasie, doch noch balancierte er weiter auf dem dünnen Seil, das sich über dem Abgrund seines Erwachens spannte. Noch schlug er die Augen nicht auf, sondern hielt das Gleichgewicht, um den Zustand zwischen Wachen und Schlafen auszukosten und sich im Klangraum der Inspiration zu baden. Bilder fielen wie ein warmer Sommerregen auf ihn hinab und malten den kommenden Tag bereits in bunten Farben aus. Wie auf ein Gemälde, das vor seinen Augen entstand, blickte er auf eine Person hinab, der er sich langsam näherte. Ihre Züge, zunächst verschwommen und unkenntlich, spiegelten bei näherer Betrachtung sein Gesicht wider. Die Skizze, die in jedem Augenblick mehr an Farbe und Detailreichtum gewann, zeigte ihn am Schreibtisch, wo er entfesselt an seiner Geschichte schrieb. Glücklich schaute er zu, wie das expressionistische Bild um ihn herum Kontur annahm und eine Verheißung in sein Ohr flüsterte. Denn tagelang hatte er nach Worten gerungen, tagelang hatte er aus dem Kessel der Wörter keinen Satz schöpfen können, hatte sich in den tausenden Gängen und Zwischengängen der Syntax und Grammatik verloren, bis er in eine Leere gefallen war, die ihn unversöhnlich mit der Sprache gestimmt hatte. Und nun schaute er zu, wie seine Hand den Stift rauschhaft über das Papier schwang, Wort an Wort aneinanderreihte und etwas Einzigartiges erschuf, etwas Unerhörtes – Leben.
Und plötzlich spross aus seiner Schrift ein anderes Bild hervor. Wie eine Blume schoss es vor seinen Augen in die Höhe und fesselte seine Aufmerksamkeit. Glücklich hielt er sein Kind im Arm, wiegte und tätschelte es, brachte es zum Lachen und lachte selbst, so ausgelassen, wie es nur wahre Lebensfreude zuließ. Er warf seine Tochter in die Höhe, erfreut über das Phänomen der Liebe, über die Frucht, die sie gebar, und fing sie wieder auf, wieder und wieder. Sie lallte und kicherte und offenbarte ihm durch ihre Existenz das Wunder des Lebens.
Berauscht von den Bildern, ergriff ihn eine fiebrige Ungeduld. Nun wollte er aufwachen, wollte den Schlaf endgültig abschütteln und den Tag beginnen, der mit solch sehnsuchtsvollen Versprechungen auf ihn wartete. Und so wandte er sich endlich ab und übertrat die Schwelle, um zu erwachen.
Doch es gelang ihm nicht.
Wie Blei drückte etwas seine Lider hinab, eine Schwere, gegen die er nicht bestand. Er mühte sich, die Augen zu öffnen, bot all seine Kraft auf, um den Vorhang zu lichten, doch vergebens. Seine Wimpern lagen starr auf seinen Wangen, einbetoniert im Fundament seines Fleisches, so schwer ruhte der Traum noch immer auf seinen Augen. Sie schienen verschlossen und versiegelt, und unweigerlich flogen seine Gedanken die Jahre zurück, flogen zu den Märchen seiner Kindheit, die seine Großmutter ihm erzählt hatte, flogen zum Sandmann, der die Augen der Kinder bestreute und in dessen Körnern wilde Träume schlummerten.
Der Sandmann.
Erinnerungen bestürmten ihn. Die unheimliche Erzählung Hoffmanns breitete sich plötzlich als verworrenes Gemälde vor ihm aus und sog ihn in sich ein. Mit einem Mal fand er sich neben Nathanael wieder und erschauderte.
Verbissen bemühte er sich, die Augen aufzuschlagen.
Krampfhaft wollte er sie dem Schlaf entreißen, doch noch immer gelang es ihm nicht. Sein Wille reichte nicht aus, gegen diese merkwürdige Macht zu bestehen, die auf seinen Lidern lastete. Ein Schwall Nervosität überfiel ihn, summte durch ihn hindurch wie ein Schwarm Bienen, die ihre Stacheln in seinen Magen schlugen.
Er entschloss sich, aufzustehen. Entschloss sich, einem Blinden gleich, den Weg ins Badezimmer zu ertasten. Er wollte den Schlaf abwaschen, von dem er annahm, dass er ihm die Augen verklebte. Wollte endlich den Tag beginnen, der auf ihn wartete. Doch seine Glieder gehorchten ihm nicht. Er war keiner Bewegung mächtig. Konnte sich nicht rühren, nicht den Arm heben, nicht das Bein recken. Es schien, als sei er gefesselt, als sei er einbetoniert, begraben – lebendig begraben.
Sein Atem stockte. Etwas kroch aus seinem Magen hervor, langsam aber bestimmt, und drückte seinen Hals zu. Er hörte, wie etwas nach Luft schnappte, wie jemand röchelte und japste. Panik schrillte plötzlich durch seinen Körper, tönte durch jeden Muskel, als befände er sich in Lebensgefahr. Er versuchte, sich zu beruhigen, versuchte, Erklärungen für seine Situation zu finden. Doch noch immer konnte er sich nicht rühren, noch immer konnte er seine Glieder nicht regen. Die Verbindung zwischen Gehirn und Muskeln schien gekappt. Schutzlos war er den äußeren Umständen ausgeliefert. Ein wacher Geist in einer toten Hülle. Gefangen in einem starren Körper. Machtlos und schwach.
War er bereits tot?
Die Frage durchschoss seine Synapsen und durchwühlte seine Neuronen. Es dauerte einige Augenblicke, unruhige Momente, in denen der Schwarm Bienen seinen Magen verwüstete, bis er sich besann. Die merkwürdige Situation erschien ihm wie ein Traum, in dem oft Widersprüchliches zusammenfiel, es war wie das Verharren auf einer Stelle, obwohl man sich mit aller Kraft mühte, wegzulaufen. Immer noch musste ihn der Traum gefangen halten, immer noch musste er ihn hinter den Gitterstäben seines Reiches verschlossen haben und mit Unmündigkeit strafen.
Er beruhigte sich und konzentrierte sich darauf, aufzuwachen. Er strengte sich an, fokussierte sich, spannte seine Muskeln, bündelte seine Kraft, mühte und quälte sich, schwamm und rann, stieß und drückte, hinaus, nur hinaus. Er wollte aufwachen, endlich aufwachen.
„Aufwachen!“
Da hörte er plötzlich Stimmen. Mit einem Mal stachen sie in sein Bewusstsein vor. Zunächst war es nur ein Flüstern in der Ferne, tief und eintönig, mehr ein Brummen denn ein Sprechen. Wie durch einen langen Tunnel hallte es zu ihm, ein dumpfer gregorianischer Gesang.
Doch je mehr er sich mühte, den Traum hinter sich zu lassen, desto klarer formten sich aus dem unverständlichen Gebrabbel Worte, ja ganze Sätze, die ihn schließlich aus seinem Traum befreien sollten.
„Er wacht auf“, überschlug sich eine dieser Stimmen freudig und erbrach sich so hell und scharf durch sein Trommelfell, als hörte er zum ersten Mal, „er wacht tatsächlich auf!“
„Er kommt zurück! Sieh doch nur, er kommt zurück!“, schrie eine andere, sanfter im Ton, dennoch ebenso beschwingt und klar. „Lauf, Heinrich! Lauf schnell und hol den Arzt!“
Friedrich blinzelte. Die Neugier verlieh ihm den letzten Schwung, den er benötigte, um die Augen endlich zu öffnen. Doch grell war das Licht, das wie eine Armee in ihn einfiel. Zu grell. Es stach in seine Augen vor, bohrte sich wie Messer in seine Pupillen. Unweigerlich musste er die Augenlider wieder schließen, um nicht Gefahr zu laufen, mit einem Schlag zu erblinden.
„Friedrich, oh mein Friedrich, du kommst zu dir!“
Eine Frauenstimme war es, die ihm entgegenschlug. Sie schluchzte und jammerte, doch Euphorie und überschwängliche Freude klangen in ihr mit. Er wollte etwas entgegnen, wollte etwas erwidern. Doch seine Lippen wollten sich noch nicht formen, seine Stimme sich noch nicht erheben. Gerne hätte er etwas gesagt, um dem Gewirr um ihn herum zu begegnen, gerne hätte er reagiert, um sich seiner und der Situation bewusst zu werden. Doch er konnte nicht. Und so unternahm er erneut einen Versuch und blinzelte in das schneidende Licht hinein, das ihm schier die Sehkraft rauben wollte. Er brauchte einige Augenblicke, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Augenblicke, die ihm endlos erschienen.
Augenblicke, in denen er in ein hell erleuchtetes Nichts gepresst wurde, nackt und blind. Erst dann zeichneten sich allmählich die Umrisse seiner Umgebung ab und aus dem Licht- und Schattenspiel manifestierte sich nach und nach ein Augenpaar. Es schwebte über ihm, blickte auf ihn nieder, besorgt, doch zugleich freudig. Tränen waren in ihnen zu lesen, doch die Augen strahlten, strahlten vor Begeisterung, strahlten vor Freude.
Er kannte diese Augen. Er kannte dieses Grün, das auf ihm ruhte und ihn umschloss. Kannte diesen Blick, den er schon so oft in seinem Leben auf sich gespürt hatte.
Kannte die Person, deren Konturen sich mit jedem Wimpernschlag schärfer stellten, erkannte die Gesichtszüge, in denen er sich selbst wiederfand.
Doch er verstand es nicht.
„Was machst du hier?“
Er hörte seine Worte wie aus dem Mund eines Fremden dringen. Leise presste er sie hervor, einzeln, als müsste er sich vor jedem Laut wieder von neuem sammeln. Das Sprechen erforderte eine unheimliche Anstrengung, die rasch den Rest seiner Kraft vertilgen sollte.
„Ach Friedrich, mein Kind“, sagte die Person und lächelte ihn an, tief ergriffen und erleichtert, beinahe fassungslos. Als sie sich über ihn beugte, löste sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel und fiel auf seine Wange. „Wie sehr habe ich dich vermisst! Sprich noch nicht! Komm erst einmal zu Kräften! Nun bist du ja wieder hier! Nun wird alles gut!“
Wie einem Kleinkind streichelte sie ihm über die Stirn.
Sie küsste ihn auf die Wange und drückte seine Hand so herzergreifend, dass er sich wunderte, was passiert sein mochte.
„Was…was ist denn geschehen, Mutter?“
„So vieles, mein Sohn, so vieles!“ Sie schüttelte gedankenverloren den Kopf. „Aber die Hauptsache ist doch, dass du wieder bei uns bist, dass du wieder hier bist! Und dieses Mal musst du bleiben, hörst du!“
Sie wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen von der Wange, damit nicht weitere auf ihren Sohn niederregneten. Auch ihm tupfte sie über die seine, liebevoll, behutsam. „Dieses Mal musst du bleiben, hörst du, dann wird sich alles klären, dann wird alles wieder gut! Verstehst du?“
Er verstand nicht.
Die Worte drangen in sein Bewusstsein vor, doch sie entfalteten keinerlei Wirkung. Es war, als spräche seine Mutter eine andere Sprache. Verwirrt sah er sich in seinem Schlafzimmer um. Auch wenn ihm die Augen wieder und wieder zufielen und er sich mühen musste, gegen die tonnenschwere Last anzukämpfen, die ihn wie ein Stein in die Matratze drückte, hielt ihn der Schrecken wach. Denn wie er nun feststellen musste, war er nicht zu Hause, lag nicht in dem Zimmer, in dem er sich wenige Stunden zuvor noch freudetrunken zu Bett gelegt hatte.
Es war eine unvertraute Umgebung, in der er sich wiederfand, unheimlich und rätselhaft. Ein Bett lag unter ihm, das nicht das seine war, und ein Zimmer erhob sich um ihn herum, dessen Mauern ihn einkesselten. Ein auffällig dezentes Weiß beherrschte den Raum. Es übertünchte die anderen wenigen Farbtupfer und prasselte von den Wänden, von der Decke, ja beinahe von allem, was sich in diesem Raum befand, auf ihn nieder. Spärlich war das Zimmer ausgestattet, sein müder Blick fand nur ein Bett, eine Lampe, einen Schrank, einen Tisch und zwei Stühle, allesamt in Weiß gehalten. Eine einzelne Blume stand als Widersacher gegen die farblose Dominanz vor einem Fenster, verloren in einer zu großen Vase. Zwar ließ sie traurig ihre Köpfe hängen und einzelne Blätter verwelkten bereits im Kreisrund neben ihr auf der Fensterbank, doch das zarte Blau des Vergissmeinnichts sorgte immerhin für ein wenig Abwechslung in dem Raum.
Seine Kraft erlahmte bereits und Verwirrung legte sich wie Nebel auf seine Sinne. Wie in Zeitlupe wandte er den Blick wieder seiner Mutter zu. Dicht saß sie an seinem Bett und ließ ihn keinen Augenblick unbeobachtet. In ihren Augen standen weiterhin Tränen der Rührung und Freude. Tränen, die sie erfolglos zu verbergen versuchte.
„Wo bin ich hier?“, fragte Friedrich unsicher.
„Der Doktor kommt sogleich und wird dir alles Weitere erklären“, sagte sie und mahnte, „du darfst nur nicht wieder fortgehen, hörst du! Du darfst nicht fortgehen!“
Sie betonte die Worte, als ginge es um Leben und Tod.
Hob sie hervor, als wäre es ein Befehl, den zu verletzen Lebensgefahr bedeutete, und Friedrich wunderte sich.
„Wo sollte ich denn hingehen, Mutter? Ich kann mich kaum bewegen. Kann kaum sprechen.“ Angestrengt musste er schlucken. Seine Zunge lag wie Blei in seinem Mund. Auch das Atmen fiel ihm schwer und so brauchte er einen Augenblick, bis er weiterreden konnte. „Mama, sag mir doch bitte, was geschehen ist! Wo bin ich hier? Was mache ich hier? Wie bin ich hierhin gekommen?“
„Oh Friedrich, ich darf es dir nicht sagen, es ist auf Anordnung des Arztes. Ich darf dich nur nicht fortlassen!“ Nervös lächelte sie ihn an und blinzelte immer wieder zur Tür hinüber, verstohlen, aber doch sichtbar, als erwarte sie baldige Rettung aus ihrer misslichen Lage.
„Hab nur noch ein klein wenig Geduld! Der Arzt wird jeden Moment kommen.“ Sie streichelte ihm über den Kopf, liebevoll, zärtlich, und strahlte. „Ach Friedrich, ich bin so froh, mein Sohn!“
Er war ratlos, verwirrt, besorgt. Er verstand nicht, wo er war, er verstand nicht, was geschehen sein mochte, verstand nicht, wie er hierhin gelangt war. Sorgen türmten sich zu riesigen Wellen in ihm auf, die gegen die Felsen seines Verstandes brandeten, denn allem Anschein nach befand er sich im Zimmer eines Krankenhauses. Doch seine Erinnerung versagte. Er wollte sich bewegen, wollte seinen Körper spüren, wollte Arme und Beine regen, seine Muskeln spannen, aber auch das gelang ihm nicht. Seine Verunsicherung wuchs und seine Mutter, die sich immer noch über ihn beugte und ihn wie ein Neugeborenes anstarrte, voller Erwartung und Hoffnung, peitschte seine Verwirrung auf durch die Art, wie sie mit ihm sprach, geheimnisvoll und flüsternd, zugleich erfreut und bedrückt.
Und dann stach ihn etwas. Plötzlich drang etwas in ihn ein. Wie ein Stachel bohrte es sich durch sein Fleisch, bohrte sich in seinen Geist, schmerzhaft und stürmisch, immer wilder, immer tiefer. Etwas schlitzte ihn auf, und er erschrak. Der Schreck fuhr bis in seine Augen, die mit einem Mal zu flattern begannen.
„Was ist mit Susette?“, fragte er verängstigt. „Und wo ist Desiree? Wo ist mein Kind?“
Wie Pfeile schnellten die Fragen hervor. Und wie Pfeile trafen sie ihr Ziel. Auf einmal wandte sich seine Mutter von ihm ab. Das erste Mal, seitdem er in diesem Zustand erwacht war, nicht wusste, wo und was er war, traf ihr mitleidiger Blick nicht mehr den des Sohnes. Er glitt fort, fort von dem Gesicht des Erwachten, hin zur Tür.
„Was ist mit meiner Familie, Mutter? Warum schweigst du?“
„Ach Friedrich, warte doch nur noch einen Augenblick! Ich kann dir nichts sagen, ich darf dir nichts sagen.“
Ihre Stimme zitterte.
„Was ist geschehen?“, brüllte er plötzlich und seine Augen gruben sich aus den Höhlen hervor. „Was geht hier vor sich, Mutter? So rede endlich mit mir! Wo ist meine Frau, wo ist meine Tochter? Was ist mit ihnen passiert?“ Seine Worte platzten wie Kanonenkugeln aus ihm hervor.
Sie hallten im Zimmer nach und rissen einen Graben zwischen ihn und seine Mutter, einen Graben, der sie voneinander trennte, sie wie Feinde gegenüberstellte.
Sein Ton zeugte von Aggressivität und war doch lediglich Ausdruck seines verwirrten Zustandes, in dem er sich gefangen sah.
„Beruhige dich bitte, Friedrich. Es ist gut. Es ist alles gut.“
Mit neu empor stürmenden Tränen versuchte seine Mutter, ihn zu beschwichtigen, versuchte das Feuer zu löschen, das in ihm entbrannte, doch es gelang ihr nicht mehr. Die Sorge um seine Familie hatte zu stark Besitz von ihm ergriffen, sie loderte wild auf und verbrannte ihn.
„Lass mich los!“, schrie er und riss sich aus der Umarmung seiner Mutter, stieß sie wütend zur Seite und forderte seinen Körper unter allem Kraftaufwand auf, ihm zu gehorchen. Seine Beine, seine Arme, alles sollte seinen Befehlen Folge leisten. Das Feuer glühte und peitschte ihn an. Er schwitzte, vor Anstrengung, vor Aufregung. Und mit ungeheurer Willenskraft erhob er sich, setzte seine Füße auf den Boden und stand auf. Zu hitzig, wie es schien, denn seine Kraft versagte. Seine Muskeln waren so schwach, dass sie ihm den Dienst verweigerten.
Und schon stürzte ihm die weiße Keramik des Bodens entgegen. Hart schlug er mit dem Kopf auf den Fliesen auf, ein stechender Schmerz bebte von seiner Schläfe durch seinen ganzen Körper. Seine Mutter schrie auf, und er merkte, wie in rhythmischen Abständen etwas aus ihm hinausbrach und auf den Boden tropfte. Schwindenden Sinnes sah er noch, wie die Tür aufgerissen wurde und eine Person in einem weißen Kittel hereinstürmte. Aus ihrer Schulter wuchs der Kopf seines Vaters, der beim Anblick des Vorgefallenen die Hände vor das Gesicht schlug.
„Um Himmels Willen, was ist geschehen, Johanna?“
Friedrichs Kopf schwirrte. Schwindel übermannte ihn.
Alles verschwamm vor seinen Augen. Unscharf erkannte er noch, wie sich der Arzt über ihn beugte und versuchte, sein Bewusstsein aufrechtzuerhalten. Doch es entglitt ihm mehr und mehr.
Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er konnte nichts mehr sehen und hörte nur noch die ängstlichen und besorgten Stimmen seiner Eltern und jene dieses Mannes, die in dem langen Tunnel, aus dem er eben gekommen war, wieder verschwanden.
„Friedrich“, schrie seine Mutter verzweifelt, „Friedrich, bleib hier! Bleib in der Wirklichkeit!“
Doch alles verwischte vor ihm. Alles fuhr in einem Strudel hinab. Und so war das Letzte, was er als Flüstern in der Ferne noch vernahm, bevor alles verstummte und er sich in einem Nichts, in einer endlosen Leere befand, die Stimme eines Dritten, wohl des Arztes, die leise nachhallte.
„Es tut mir leid, wir haben ihn wieder verloren!“

Portrait Yannick Dreßen

„Verdichtet“

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Friedrich. Er hat alles, was man sich als Schriftsteller so wünscht: Erfolg, eine großartige Familie, ein Haus in der Toskana und den Deutschen Buchpreis im Regal. Friedrich scheint alles zu gelingen. Doch das ist alles nur eine Welt. Immer wieder wird er aus seiner komfortablen Welt gerissen. Personen tauchen um ihn herum auf, Ärzte und seine Eltern. Sie scheinen wie aus einer anderen Realität zu kommen und wollen Friedrich in ihre Welt holen. Sie erzählen von einem Autounfall, den Friedrich vor Jahren gehabt haben soll. Seine Frau und sein Kind sind tot. Auch ist er angeblich gar kein berühmter Schriftsteller. Vielmehr sei alles abgelehnt worden, das er bisher geschrieben habe. Doch ist dies wirklich die Realität? 

Yannick Dreßen – Kandidat Buch-Haltung

Geboren 1982 in Düsseldorf, lebte Yannick Dreßen lange Zeit in Köln und studierte dort Germanistik, Mittlere und Neuere Geschichte sowie Romanistik. Mittlerweile wohnt er in Freiburg und arbeitet als DaF/DaZ-Lehrer und Dozent.

Geschrieben hat Yannick Dreßen bereits als Kind. Seit dem Studium faszinieren ihn besonders jene Texte, in denen Form und Sprache miteinander spielen. In den letzten Jahren hat er mehrere Werke in Selbstverlagen veröffentlicht. Zudem führt er unter eigenem Namen seit drei Jahren einen Literaturblog.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Buch-Haltung.

Interview mit dem Longlist-Autoren

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Rechnen klingt so sehr nach Mathematik und Statistik. Natürlich hofft jeder, der hier mitmacht, dass er auf die Longlist kommt, so auch ich.

Bei welchen Blogs hast Du dich beworben und warum? 

Ich habe die teilnehmenden Blogs am Anfang ziemlich genau angeschaut und überlegt, wen mein Manuskript überzeugen könnte. Bookster HRO kannte ich bereits und finde seinen Blog sehr lesenswert. Deswegen stand ziemlich früh für mich fest, dass ich mich bei ihm bewerben würde, auch wenn sein Manuskriptwunsch nicht so ganz auf mein Projekt zutraf. Dass Buch-Haltung kurz vor Schluss für Lesen macht glücklich eingesprungen war, habe ich viel zu spät gesehen. Marius Müllers Wunsch nach Literatur mit mehreren Ebenen wäre nämlich der perfekte Anreiz gewesen, ihm das Manuskript sofort zuzusenden. Umso schöner, dass es über Umwegen doch noch zu ihm gelangt ist.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Meines Erachtens ist dies ein Wettbewerb, bei dem zwei Seiten gewinnen. Blogger sind leidenschaftliche Büchernarren, im absolut positiven Sinn. Sie alle treibt die Liebe zu Büchern an, die sie meist näher und menschlicher vermitteln als Feuilletons. Blogger werden immer mehr zu einem wichtigen Kanal der Literaturvermittlung, abseits der althergebrachten Kanäle, und dieser Preis bietet ihnen dafür die Bühne, die sie verdienen.

Blogbuster ist aber auch ein einzigartiger Preis für kreative Talente. Literaturwettbewerben ist meist ein Thema vorgegeben oder eine bestimmte Zeichenlänge. Als Gewinn winkt oft Geld. In solcherlei Vorgaben wollte ich mich nie zwängen lassen, sondern stets das zu Papier bringen, was in mir webt. Auch hier bietet der Blogbuster durch den Fokus auf unveröffentlichte Manuskripte beinahe jedweden Themas und jedweder Länge genau diesen Kreativen eine Chance. Und ehrlich gesagt, was wiegt schon der Gewinn von Geld gegen die Veröffentlichung des eigenen Textes in einem renommierten Verlag?

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich bin erstmal glücklich darüber, auf der Longlist zu stehen. Und es freut mich natürlich, dass sich nun eine Fachjury mit meinem Text auseinandersetzt. Alles Weitere bleibt abzuwarten.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Das Manuskript hat eine sehr lange Entstehungsgeschichte hinter sich. Schon 2007 habe ich die Erzählung um Friedrich geschrieben, allerdings als kurze Novelle von 50 Seiten. Nach mehreren Überarbeitungen, von denen ich eine grotesk gestelzte Version auch an wenige Verlage geschickt habe, die natürlich dankend ablehnten, veröffentlichte ich es 2012 im Selbstverlag. Die Geschichte ist aber nie aus meinem Kopf verschwunden und so habe ich es vor zwei Jahren, als ich an einem ganz anderen Manuskript arbeitete, schon mal ins Rennen um den Blogbusterpreis geschickt, obwohl ich selbst bemerkte, dass es meinen sprachlichen Anforderungen längst nicht mehr genügte. Dank des Kaffeehaussitzers, der die Geschichte las und die Idee gut fand, die Umsetzung aber nicht, ließ ich die Finger von meinem damaligen Projekt und arbeitete schließlich die letzten zwei Jahre die Geschichte um Friedrich vollkommen um, sprachlich, formal und inhaltlich.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Ich dachte eigentlich, dass die Texte für sich sprechen sollten, aber schauen wir mal.

Blogbuster 2020 – Mein Favorit

Is this real life? Or is it just fantasy? Der Held meines favorisierten Textes beim Blogbuster 2020 ist sich da auch nicht sicher. Und damit: Vorhang auf zur Verkündung meines Siegertextes.

Ich habe mir viel Zeit gelassen, habe über dreißig Manuskripte und Exposés gesichtet. Habe mich schlussendlich für drei Bücher entschieden, die ich zur Begutachtung dann im Ganzen anforderte und las. Nach dieser Arbeit kam ich nun auf einen Text, mit dem ich in den Wettbewerb gehe und der in meinen Augen das Zeug hat, in der Runde zu bestehen. Er trägt den Titel Verdichtet und stammt von Yannick Dreßen.

Yannick ist ebenfalls Buchblogger (wir kennen uns aber nicht) und gibt auf seiner Homepage über sich und seine literarischen Inspiration Auskunft. Der 1982 geborene Autor hat über Thomas Manns Doktor Faustus seine Magisterarbeit verfasst und nennt Nabokov und Feuchtwanger als literarische Einflüsse. Er hat sich schon in verschiedenen literarischen Gattungen ausprobiert, darunter Gedichte und Kurzgeschichten.

Besonders angetan haben es ihm Texte, die mit Form und Sprache spielen. Beobachten lässt sich dies auch an seinem Text, den er beim Blogbuster einreichte. Verdichtet erzählt nämlich eine doppelbödige Geschichte, bei der nichts so ist, wie es scheint…

Den vollständigen Beitrag gibt es auf dem Blog Buch-Haltung.

Blogbuster 2020: Meine Suche nach der Liebe auf den ersten Satz

von Anne Sauer – fuxbooks

Was bin ich für eine miserable Blogbuster-Bloggerin.
Während meine Kolleg*innen bereits fleißig von ihren Erfahrungen mit ihren Manuskripten und Shortlist-Titeln berichteten, las ich heimlich in mich hinein. Doch jetzt ist es an der Zeit und ich öffne endlich die Tür in mein Blogbuster-Office. Hereinspaziert!

Nach dem Kick-Off auf der Frankfurter Buchmesse trudelten nach und nach Manuskripte bei mir ein – teils wohl direkt an mich, teils nachträglich zugeteilt. Zehn Leseproben von aufstrebenden Autor*innen, deren Geschichten unterschiedlicher nicht hätten sein können. Bei meiner Vorstellung bat ich um „tief menschliche Geschichten, sprachlich clevere Details und spannende Charaktere“, um Text, der es schafft, mich „unvorbereitet zu treffen, zu ertappen, zu amüsieren und zu verärgern“. Und die Leseproben schafften all das – wenn auch leider nicht immer im positivsten Sinne.

Was für ein Privileg, all diese Leseproben zu erforschen und bewerten zu dürfen. Ich habe einen Riesen Respekt vor allen, die an ihrer Idee festhalten, Geschichten und Charaktere formen, eine andere Welt zum Leben erwecken wollen. Danke an alle, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben und ausgerechnet mich als Patin ausgewählt haben. Ich muss sagen: Ganz schön krasse Verantwortung. Obwohl ich bei jedem Text schnell merkte, ob mein Herz ausschlägt oder nicht, las ich kritisch, teils mehrmals, immer auf der Suche nach dem, was ich beim ersten Mal vielleicht übersehen hatte. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich nicht vollkommen auf meine Intuition hören würde. Also entschied ich mich, vier Manuskripte anzufordern und freute mich auf meine Shortlist mit folgenden Titeln…

Zum gesamten Beitrag auf dem Blog fuxbooks kommt ihr hier.

Portrait Sina Lippmann

„Wofür wir spielten“

Josephine ist Mitte 50 und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Pflegekraft. Als sie die Todesanzeige eines ehemaligen Freundes entdeckt, macht sie sich sofort auf zum Friedhof und fällt dort ihren früheren Freunden und Weggefährten in die Arme – ihrer ehemaligen Theatergruppe, den „Antigonisten“. Wir blicken mit Josephine zurück auf eine wilde Zeit vor der Wende, in der freies Theater kleine Bühnen erobern wollte. Eine Zeit, in der fünf Menschen große Visionen verfolgten, berauschende Erfolge feierten und sich nach dem Mauerfall im ländlichen Brandenburg neu zusammenrafften. Eine Geschichte über die Liebe zum Theater, Freundschaft und das Schicksal des Scheiterns. Und um die große Frage: Wohin geht Freundschaft, wenn die Freunde getrennte Wege gehen?

Sina Lippmann – Kandidatin fuxbooks

Sina Lippmann wurde 1979 in Hameln geboren und studierte Ethnologie (inklusive Aztekisch-Sprachkurs), Anglistik und Kommunikationswissenschaft in Göttingen, Irland und Berlin. Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag. Sie absolvierte ein Fernstudium Prosaschreiben und eine berufsbegleitende Ausbildung zur Theaterpädagogin. Seit ihrer Kindheit schreibt sie Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke. „Wofür wir spielten ist ihr erster Roman“, für den sie das Residenz-Stipendium „42 Tage Putlitz“ erhielt.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog fuxbooks.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Rechnen kann man mit so etwas nicht, aber gefreut habe ich mich wahnsinnig. Gerade hatte ich in diesen Corona-Zeiten in der hintersten Ecke eines bodennahen Regals im Tankstellenshop die letzte, verwaiste Packung Toilettenpapier mit dem wundersamen Produktnamen „Katrin“ erspäht, als in dem Moment auch noch die Nachricht mit der Blogbuster-Longlist-Nominierung eintraf. Was für eine Glückssträhne! Wobei die Blogbuster-Freude eindeutig länger trägt.

Warum hast Du Dich gerade bei „fuxbooks“ beworben? 

„Text hat die Fähigkeit, uns alle unvorbereitet zu treffen, zu ertappen, zu amüsieren und zu verärgern.“ Diesen Satz von Anne fand ich so treffend für meine eigenen Erfahrungen mit guten Büchern, die uns im besten Fall berühren – was wiederum für mich der ausschlaggebende Grund für das Schreiben ist. Außerdem sah sie auf dem Foto so toll und fröhlich aus und der Name „fuxbooks“ klang vielversprechend.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen? 

Das unkonventionelle Format, das Zusammenspiel von Autor*innen, Blogger*innen und einer Jury, die Transparenz, das Mitfiebern-Dürfen, die Chance.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Mathe war immer mein Krisen-Fach, Kunst dagegen ganz gut. Also kein Ausrechnen, sondern nur eine vorsichtige Skizze der Freude, sollte es gelingen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden? 

Vor dem eigentlichen Schreibprozess habe ich sehr viel Zeit in die Recherche gesteckt. 

Mein Roman spielt in der Off-Theater-Szene West-Berlins Ende der 1980er Jahre. Da hockte ich aber in meiner Hamelner Grundschule und versuchte Sachkunde, Scheitern im Sportunterricht und erste Verliebtheit unter einen Hut zu bringen. 

Um ein Bild von der Lebenswelt meines Romans zu bekommen ohne dabei gewesen zu sein, habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die in dieser Theaterwelt zu Hause waren, eigene Gruppen hatten, die Stimmung in der Stadt miterlebt haben. Außerdem habe ich die Orte besucht, an denen der Roman spielen sollte, Literatur durchforstet, Ausstellungen zum Thema besucht. Den ersten Entwurf habe ich dann dank eines Stipendiums in der Brandenburger Prignitz geschrieben. Alles in allem hat mich „Wofür wir spielten“ ungefähr zwei Jahre beschäftigt.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Da werden Anne und ich nochmal die Köpfe (virtuell) zusammenstecken, lasst euch überraschen.

Leseprobe: Sina Lippmann – “Wofür wir spielten”

Prolog

Das Unwetter kündigte seinen Auftritt mit einem tiefen Räuspern an. Als die ersten schweren Tropfen in die Oberfläche des Flusses klatschten, rafften wir Murmeln, Zinnsoldaten und den „König Forunculus“ zusammen, wieherten noch ein letztes Mal in Richtung Himmel und rannten mit zurück geworfenen Köpfen durch die Kornfelder in die rettende Deckung unserer Elternhäuser.
„Josephine, willst Du nicht mal mit der Annegret von nebenan spielen, das ist so ein nettes Mädchen?“ hatte meine Mutter am Morgen schon wieder gefragt.
Ich wollte davon nichts hören. Wollte nichts zu tun haben mit dem langweiligen Nachbarskind, das in Spitzensommerkleid und Lackschuhen einen Miniaturkinderwagen die Straße auf und ab schob, als wäre das Leben ein niemals endender Sonntagsspaziergang. Ich folgte lieber den Jungs-Banden meiner beiden großen Brüder. Sobald die Schule vorbei war, feuerten wir die Ranzen in die Ecken unserer Zimmer, bewaffneten uns mit Steinschleudern, Holzgewehren und Fesselseilen und begannen den Streifzug durch das Dorf. Ein ganzes Königreich gab es dort für uns zu erobern. Wir kletterten auf die Trümmer des abgerissenen Hauses am Ende der Straße und suchten unter den Steinen nach verborgenen Schätzen. Mit Tritten und Hieben rangelten wir um unsere Beute, als handele es sich um Stücke aus einem englischen Auktionshaus und nicht bloß um Glasscherben und Teppichreste. Unter Triumphgebrüll rannten wir hinunter zum Fluss. Wir bauten Weidenruten-Paläste an seinem Ufer, richteten sie mit unseren Fundstücken ein und gaben ihnen Namen – „Finsterkerker“, „Waffenhammerkammer“, „Trilliardenleuchtersaal“. Soldaten, Könige und Diener ließen wir aufmarschieren, während die Sonne gemächlich sank. Wir schwangen an Astschaukeln über dem wildgrünen Wasser und ließen uns mit dem Hintern zuerst hinein plumpsen, wir bewarfen uns im Sommer mit Matsch und im Winter mit Schnee, wir kugelten den Hügel hinab bis wir uns zu einem Knäuel ineinander verkeilt hatten. Wir waren Tiger und Bären, Cowboys und Indianer, wir waren Trolle und Drachen, Könige und Vagabunden. Wir lachten bis wir weinten, wir schrien, wir kämpften, wir fluchten, wir jubelten und fauchten.
Es gab keine Welt jenseits der von uns soeben erschaffenen.
Nur ein übler Wetterumschwung oder das ewig überraschende Einsetzen der Dämmerung konnte uns auf den Heimweg zwingen. Zerkratzt, verdreckt und niemals pünktlich schlichen wir von diesen Streifzügen nach Hause an den Abendbrottisch, begleitet von vorwurfsvollen Blicken unserer Eltern, die bereits in einvernehmlichem Schweigen nebeneinander auf der Küchenbank saßen und warteten.
Gegessen wurde, das war das oberste Gebot unseres Vaters, immer mit der gesamten Familie. So hockten wir drei vor unseren Tellern, mit Erdspuren unter den Nägeln und scharfkralligen Kletten im Haar. Nach außen taten wir schuldbewusst, aber heimlich zwinkerten wir uns zu, erfüllt von einer Glückseligkeit, wie sie wohl nur Eroberern neuer Kontinente bekannt sein dürfte.
Wenn wir später im Badezimmer standen, mit nackten Kinderfüßen auf eiskalten Fliesen und uns bettfertig schrubbten, spürten wir dann und wann einen plötzlichen Schmerz im Finger, den wir den ganzen Tag schon mit uns herumgetragen hatten, der sich aber erst jetzt seinen Weg bahnen konnte, die Baumkletterwagnisse, Drachenhöhlenbezwingungen und Flusswasserschlachten hinter sich schiebend. Da saß der Splitter. Kaum sichtbar und so tief ins Fleisch gebohrt, dass selbst ein Hantieren mit der Pinzette nichts gegen ihn ausrichten konnte.
„Der wächst sich raus“, sagte die Mutter dann zu uns.

Manche bleiben.

ERSTER TEIL

0.

Josephine sah zu, wie die Wischerblätter den Schnee in parallelen Halbkreisen von ihrer Scheibe schoben.
Unaufhörlich schabten sie ein Fenster zur Welt frei, dabei blieb am Ende jeder Bewegung ein winziger Rest Schnee zusammengepresst unten auf der Scheibe liegen, so dass die Freiflächen kaum merklich immer ein bisschen kleiner wurden.
Hinter ihr hupte es. Josephine zuckte zusammen, hob entschuldigend die rechte Hand und trat aufs Gaspedal. Die Uhr unterhalb der Tachonadel zeigte halb neun an, sie war spät dran und Herr Hofstätter wartete nicht gern. Erst als sie den Häuserblock am Stuttgarter Platz zum dritten Mal umkreiste, fand sie eine Lücke hinter einem Lieferwagen, in die sie ihren alten Ford Fiesta vorsichtig hineinmanövrierte.
Sie griff nach der für diese Temperaturen eigentlich zu dünne Jacke, holte den Plastiksack mit Putzmitteln aus dem Kofferraum und lief mit eingezogenem Kopf zum Haus ihres ersten Klienten für heute. Beim Anblick des Wetters wäre sie am liebsten im Bett geblieben, außerdem schmerzten bei der Kälte ihre Gelenke. Aber sie war auf das Geld angewiesen und Herr Hofstätter gab manchmal sogar ein Trinkgeld. Er stand schon in der offenen Wohnungstür, als sie das vierte Stockwerk der Leonhardtstraße Nummer 3 erreichte.
„Na, Fräulein Josephine, haben wir etwa heute ein bisschen zu lang geschlafen?“ Ein schelmisches Lächeln huschte über seine Mundwinkel. Er trug einen seidenen roten Morgenmantel und hatte sein weißes Haar sorgsam zurückgekämmt. Sie murmelte eine Entschuldigung, huschte an ihm und der großen Bücherschrankwand im Flur vorbei und machte sich in der Küche daran, die Spülmaschine einzuräumen. Einen Teller, Messer, Gabel, ein Wasserglas, ein Weinglas, manchmal dauerte es bis zum Ende der Woche, dass es sich überhaupt lohnte, die Maschine anzustellen. Herrn Hofstätters schwindende Sehkraft hatte dazu geführt, dass seine Töchter sich bei ihren seltenen Besuchen immer häufiger über Reste von Eigelb, Spuren von klebrigen Soßen und festsitzende Krümel auf dem Geschirr beschwert und schließlich den Kampf um den Kauf einer „tosenden Minna“, wie Herr Hofstätter die Spülmaschine verächtlich nannte, gewonnen hatten. Allerdings unter der Bedingung, dass er keinen näheren Kontakt zu ihr aufnehmen müsste. Das war zu einer von Josephines Aufgaben geworden, die sie an drei Tagen in der Woche erfüllte. An den anderen Tagen, außer am Sonntag, kam eine weitere Pflegekraft, der Josephine bisher aber nur ein einziges Mal per Zufall im Treppenhaus begegnet war, weil sie sich im Datum geirrt und statt am Freitag aus Versehen schon am Donnerstag gekommen war.
Eine junge Frau war das gewesen, Mitte zwanzig, schätzte Josephine, die in einem blau-weiß geblümten Sommerkleid und mit wippendem Pferdeschwanz vor ihr die Stufen mit leichten Schritten erklommen hatte. Als sie einige Stockwerke über sich dann das Klopfen an einer Tür und ein „Herr Hofstätter, ich bin es, Bettina, ihre Betreuerin“ vernahm, erkannte sie ihren eigenen Fehler und drehte leise auf dem Absatz um.
Sie sprühte das Spülbecken mit dem Küchenreiniger an, schäumte und schrubbte mit einem Schwamm so kräftig wie möglich und beobachtete dann, wie die Seifenblasen, vom Wasserstrahl gelenkt, langsam in den Abguss trudelten.
„Josephine, wo bleiben Sie denn? Lassen Sie das mal sein, ist doch alles sauber, soviel Dreck mache ich doch gar nicht.“
Herr Hofstätter hatte offenbar bereits in seinem Sessel im Wohnzimmer Platz genommen.
„Wir haben einiges zu tun, in der Sonntagsausgabe stehen immer besonders viele drin.“
Er hatte den „Tagesspiegel“ bereits aufgeschlagen, Josephine setzte sich neben ihn auf einen Stuhl und griff nach ihrer Lesebrille. Was in der Welt, im Sport und in Berlin passierte, interessierte Herrn Hofstätter schon lange nicht mehr. Das Feuilleton durfte sie gelegentlich vorlesen, aber am wichtigsten waren ihm die Todesanzeigen. Er brannte geradezu darauf zu erfahren, wen es erwischt hatte.
Besonders die 1930er Jahre, also die seinem eigenen Geburtsdatum am nächsten gelegenen, weckten seine Neugier. Die musste sie immer als erstes heraussuchen. Er legte großen Wert darauf, dass sie den Text vollständig und exakt vortrug, mehrfach wiederholte und seine Nachfragen zur Anzahl der genannten Trauernden, zum Ursprung des jeweiligen Bibelzitats und zur grafischen Gestaltung der Anzeige geduldig beantwortete. Manchmal kannte er jemanden, dann erzählte er ihr von seinen Erinnerungen an die Person. Bei jeder Anzeige spekulierte er ausführlich über die mögliche Todesursache und fragte Josephine nach ihrer Meinung. Ihre Spezialität wiederum war das Phantasieren über die berufliche Laufbahn der Verstorbenen, manchmal anhand von vorhandenen Hinweisen, oft aber dachte sie sich eine Karriere einzig und allein anhand des Namens aus. So hatte sich ein Spiel zwischen ihnen entwickelt, dass alle Mensch-ärgere-dich-nicht-Runden und Fotoalben-Durchsichten überdauert hatte.
„Na, dann wollen wir mal,“ sie breitete die Zeitung auf ihrem Schoß aus. Die Doppelseite sah mit den schwarzen Kästen der am gleichen Tag Verstorbenen selbst beinahe aus wie ein Friedhof. Die vermeintlich Wichtigen lagen in ihren großen Schriftgräbern und dazwischen gezwängt die sogenannten Normalsterblichen, fast als lägen sie in genau dieser Anordnung bereits unter der Erde. Nicht mal ganz am Ende konnte man sich seine Nachbarn aussuchen, dachte sie und glitt mit dem Zeigefinger über die Buchstaben.
Dann sah sie ihn.
Markus Weidenberger, in der linken unteren Ecke.
Nach kurzer schwerer Krankheit hat er die Bühne der Welt viel zu früh verlassen.
Geburtsdatum, Todestag, die Namen der traurig Zurückgelassenen, Ort und Uhrzeit der Beisetzung. Heute schon, um zehn Uhr. Darunter ein Segensspruch. Das blieb?
Von einem Leben? Keine sechzig, viel zu…was? Jung? Das interessierte den Krebs nicht.
Der hätte mich genauso erwischen können, ich bin ja nur ein paar Jahre drunter und geraucht wie die Schlote und ungesund gelebt hatten wir damals schließlich alle, dachte Josephine.
Sie hätte vielleicht zu ihm gehen sollen an dem Tag, als seine Vergissmeinnicht-Karte in ihrem Briefkasten lag. Auf der Rückseite: Von Herzen alles Liebe zu Dir. Ich bin sehr müde in letzter Zeit, aber ich schreibe endlich mein Leben auf. Ihr gehört zu dem Besten darin. Danke für die Lichtjahre. Markus von den Antigonisten. Diese Karten waren ihre einzige Verbindung geblieben, als alles andere längst aufgelöst war. Markus hatte nie aufgehört zu spielen. Puppentheater mit Kindern auf Neufundland, Straßentheater mit mexikanischen Frauen, denen die Töchter gewaltsam entrissen worden waren. Von jeder dieser Reisen hatte er ihr seine Pappbildergrüße geschickt. Sie bewahrte sie alle auf, hatte sie mit rot-grün-orange-blauen Stecknadeln in die Wand neben ihrem Bett gepiekt und sich beim Einschlafen an seine Fersen geheftet. So bretterte sie auf Markus´ Beifahrersitz durch die marokkanische Wüste, begleitete ihn als Rucksacktouristin zu den umwucherten Tempeln von Angkor Wat und bestaunte neben ihm die Eisberge auf ihrer behäbigen Reise vom isländischen Jökulsárlón-Gletscher ins Meer. Wie schaffen die einen derart weiten Weg, ohne dabei zu schmelzen, fragte sie sich.
„Was haben Sie denn, Fräulein Josephine, kennen Sie etwa jemanden?“ Erst als die Stimme von Herrn Hofstätter sie aus ihren Gedanken riss, bemerkte sie, dass es auf die Zeitung tropfte und den dazu passenden salzigen Geschmack auf ihren Lippen. Sie stand auf, zog sich ihre Jacke an und steckte die Todesanzeigenseite in die Tasche.
„Es tut mir sehr leid Herr Hofstetter, ich muss mich von jemandem verabschieden, der einmal sehr wichtig für mich war. Vielleicht schaffe ich es, am späten Nachmittag nochmal bei Ihnen vorbeizukommen. Verzeihen Sie mir bitte.“
Als sie an seinem Sessel vorbei zur Wohnungstür ging, streckte er seine in ihre Richtung. Darauf lag eine Packung Taschentücher und die weiße Rose, die gerade noch in der Vase auf seinem Wohnzimmertisch gestanden hatte. Beides nahm sie dankbar entgegen. Dann spurtete sie los.
Das Ensemble aus Engeln, Kreuzen und quadratischen Steinen schaute ratlos ins Weiß und schien sich nicht mehr ganz sicher zu sein, ob jeder noch an seinem richtigen Platz stand. Der Schnee hatte die Grenzen zwischen den Gräbern des Stahnsdorfer Waldfriedhofs über Nacht verwischt.
Josephine suchte Markus und wollte ihn zugleich auf keinen Fall finden. Efeu versuchte schnellstmöglich von hier zu entkommen und nutzte jeden Ast und jeden Rindenknoten der knorrigen Buche als Trittleiter in die Höhe. Auf einen Baumstumpf hatte jemand einen sehr kleinen Schneemann gepflanzt. Er reckte das mickerige Stöckchen im Arm drohend gen Himmel, als wollte er damit seinem alten Erzfeind dort oben den Kampf ansagen.
„Aussichtslos,“ rief sie ihm in Gedanken zu.
Sie wusste keine Richtung, also folgte sie den Spuren des Morgens am Boden. Einer Dame mit spitzen Absätzen, einem Vogel mit großen Krallen, einem Rollator mit jemandem im Schlepptau, einem Schlitten gezogen von einem Mann in Wanderschuhen, einem Eichhörnchen, zwei Fahrrädern. Die hatten sicher alle ein Ziel.
Der Ausgang kam in Sichtweite und damit die Möglichkeit eines Irrtums. Vielleicht war es doch nicht sein Name gewesen auf der Todesanzeigenseite des Tagesspiegels gewesen. Sie tastete nach der Zeitung in ihrer Jackentasche und wollte schon durch die hintere Friedhofspforte hinaus huschen, da lagen sie. Auf der linken Seite, ganz nah am Weg. Die monströsen Blumenberge und das schwarze Loch im Schnee. Sein Name auf allen Schleifen. Sie warf ihre einzelne weiße Rose zu den anderen frierenden Blüten, wo sie nun auch zusammenbrechen und verenden durfte.
Den Gottesdienst und die Beisetzung hatte sie durch die Spurensuche über den Friedhof versäumt. Das kam ihr gelegen, denn die Kirche bedeutete ihr schon lange nichts mehr und sie wollte mit ihm allein sein, mit ihm da unten in seiner Kiste. Sie hoffte, dass sie ihm die löcherige Jeans und den braunen Lederhut gelassen und ihn nicht in eines dieser weißen Nachthemden gesteckt hatten. Das wäre das falsche Kostüm für den letzten Auftritt gewesen. Sie blickte sich um, ging dann in die Hocke, als könnte er sie so besser hören.
Erst wusste sie nicht, was sie sagen sollte, schließlich flüsterte sie ihm zu:
„Gestern war ich im Deutschen Theater und habe mir ein Flüchtlingsstück von diesen Doku-Theater-Leuten angeschaut. Das hätte dir, glaube ich, gefallen. Wir Zuschauer haben mit Gießkannen, Eimern, Flaschen, sogar mit Schlauchboot und Paddel das Wasserstück von John Cage nachgespielt. Weißt du noch, diese irre Nummer, wo er in der Fernseh-Show auftritt, alles in Schwarz-Weiß damals. Cage rennt wie ein Verrückter durch die Gegend, hebt den Deckel von einem pfeifenden Wasserkessel hoch, stellt eine Vase in eine Badewanne und gießt die Blumen darin, versenkt einen Gong in der Wanne, schaltet den Mixer mit Eiswürfeln an, so dass sie anfangen wie wild darin zu tanzen. Dann der Blick vom Fernseh-Moderator, als Cage das Glas mit dem Wein selbst austrinkt und Stephan kippt in deiner WG vor Lachen fast von seinem Podest.
Im Theater sollte ich auf einen Wasserspritz-Hai aus Gummi drücken, einen langgezogenen quietschenden Ton hat das Biest von sich gegeben. Über Kopfhörer haben wir dazu die Geschichten von fünf Flüchtlingsjungen gehört, die erzählten, wie sie mit einem Schlauchboot, das viel zu klein für viel zu viele Menschen war, über das Mittelmeer gekommen sind.
Wie sie nicht aufhören durften zu paddeln, wie das Wasser knapp wurde, wie sie jeden Tag die Telefonnummer ihrer Mutter angerufen haben, die zu Hause geblieben war und wie dort seit drei Jahren niemand den Hörer abnimmt. Heute leben die Jungen in der Schweiz und sagen, es ist ihnen egal, wie das Land heißt, in dem sie leben. Iran, Griechenland oder Deutschland, Hauptsache sie sind in Sicherheit. Sicher ist nur der Tod, das hast du mir damals immer gesagt.“

Eine Drossel huschte unter den tief hängenden Zweigen einer Tanne hervor, hielt inne, schaute mit schwarzen Augen und geneigtem Kopf zurück in den Baum, strich sich mit dem Schnabel über den zerzausten Flügel und hüpfte davon.

Josephine griff in den Schnee, formte eine Eiskugel und schleuderte sie ins Zentrum des Blumenbergs.
„Au revoir, du verrückter Markus, ich werde dich schon nicht vergessen, keine Angst. Mach es gut.“
Langsam stand sie auf. Es hatte erneut zu schneien angefangen, dicke Flocken suchten Halt in ihren Haaren, auf ihrer Jacke, ihren Stiefeln. Sie spürte ihre Finger kaum noch, die Kälte hatte die Muskeln lahmgelegt. Sie schlug die Hände gegeneinander, wandte sich von Markus ab, wollte gehen.

Da standen sie.

Sylvie.
Tom.
Stephan.
Hans.

Ihre Splitter.


Die beste Zeit ihres. Als es mit ihnen zu Ende. Schlimmste.
Der Rest war. Schweigen. Aber ihre Gesichter, Stimmen, Gerüche. Jeden einzelnen Tag. All die Jahrzehnte. Kein. Jetzt waren sie plötzlich. Älter geworden. Sie ja schließlich.
Beinahe nicht erkannt, aber nur. Genauso wie. Damals.

Dichte Flocken fielen vor ihren Gesichtern. Wie eine Bildstörung im eigenen Blickfeld, dachte sie.
Der Grund unter ihr schwankte, taute, gab nach. Sie rannte weg, bedeckte sich mit schaufelweise Schnee, wartete, zu einer Mumie erstarrt, dass die anderen verschwinden würden.
Sie spuckte ihnen ins Gesicht, stieß sie alle ins offene Grab, warf Steine nach ihnen. Sie stürzte sich in ihre Arme. Nichts davon geschah.
Stattdessen versuchte sie sich an ihnen vorbei zu schieben, sich einen Weg durch ihren Halbkreis aus schwarzen Wintermänteln zu bahnen. Sie versuchte zum Friedhofstor gelangen. Fast war sie entkommen, setzte ihre Füße schon auf den Weg, der zum Ausgang führte, sog die eisige Winterluft tief in die Lungen. Da griff Stephan nach ihrem Handgelenk und machte die Flucht unmöglich. Seine Hand war warm und trocken, die Haut eines Elefanten. Dabei hatte sie immer gedacht, dass es ihn zuerst erwischen würde, dass er der erste von ihnen sein würde, den der Tod sich schnappt. Aber er schien den Tanz am Rande des Abgrunds, den er damals so intensiv getanzt hatte, halbwegs unbeschadet überstanden zu haben. Er zog sie zu sich heran. Immer noch die gleichen Eiswasseraugen.
„Josie, warte. Bitte.“

Black.

West-Berlin, 1987

1.

Josephine drückt die Klinke des Hoftors nach unten und bringt sich in Kontakt zur Stadt. Vorbei an dem Graffitivogel, der an der Hauswand sitzt, die Muskauer Straße entlang. Premierenabend. Auf dem Weg zum Theater muss sie noch einmal durch den Text. Sie lernt ihn immer im Gehen. Nur so verfangen die Worte, die Schritte pressen sie in ihre Hirnwindungen.
An gewöhnlichen Tagen zieht sie sich in ihre Rolle wie in ein Schneckengehäuse zurück, blendet den Weltrest völlig aus.
Andere Passanten halten sie wahrscheinlich für leicht verrückt, wenn sie beobachten wie sie, murmel, murmel, über rote Ampeln läuft, plötzlich mitten in der Bewegung stehen bleibt, zum Himmel blickt, murmel, murmel, auf dem Absatz kehrt macht, um dann, murmel, murmel, schnell in die entgegengesetzte Richtung weiterzulaufen. Manchmal trifft sie auf diesen Wortspaziergängen einen anderen Murmeler, als begegneten sich zwei Außerirdische zufällig auf der Erde. Ein kurzes Erkennungsnicken und weiter geht die Reise. Murmel, murmel. Es sind Zeiten höchster Konzentration, mühevoll und intensiv.
Aber heute ist kein gewöhnlicher Tag und das Premierenadrenalin macht ihren Körper federleicht. Etwas verschiebt sich, Welt und Text sind nur zwei Varianten desselben Gedankens.
Eine Tür fällt ins Schloss und einer alten Dame, die davor steht, ein 50-Pfennigstück aus der Geldbörse. Es rollt in Richtung Gulli im Rinnstein.
„O Grab, o Brautgemach, o unterirdische Behausung, die mich ewig in Gewahrsam hält, wohin ich gehe zu den Meinen, deren meiste schon Persephone im Totenreich empfangen hat, nachdem sie umgekommen.“
Josephine stellt geschwind ihren Schuh auf die Münze und gibt sie der Frau zurück. Die dankt. Weiter, weiter jetzt. Ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz läuft aufgeregt zu seiner Mutter, die ein Baby im Kinderwagen schiebt. In den Händen hält die Kleine einen toten Schmetterling, aufgebahrt.
„Doch starke Hoffnung heg ich, wenn ich komme, dass lieb ich komm dem Vater, und geliebt dir, Mutter, lieb auch dir, du brüderliches Haupt. Denn als ihr starbt, hab ich mit eignen Händen gewaschen euch, geschmückt und Güsse über eurem Grab gespendet; aber jetzt, da Polyneikes, deinen Leib ich habe hergerichtet, ernt ich solchen Lohn, und tat doch recht im Urteil der Vernünftigen, zu ehren dich.“
Da ist sie, die niedrige Bank vor dem Straßeneck-Haus, von der die rosa Farbe abblättert und die so aussieht als würde sie sich genauso verdrießlich wie vergeblich nach einem müden Passanten sehnen, der sich auf ihr niederlässt.
„Denn nie, wär ich von Kindern Mutter auch gewesen, noch wär ein Gatte mir im Tod dahingeschwunden, hätt ich den Bürgern trotzend diese Müh mir auferlegt. Stürb mir der Gatte, könnt ich einen andern finden, bekäm von ihm ein Kind auch, hätt ich eins verloren. Da aber Mutter mir und Vater ruhn in Hades´ Reich geborgen, gibt´s keinen Bruder mehr, der je mir wüchs heran.“
Ein Großvater zerrt seine Enkelin von den bunten Kaugummikugeln fort, die hinter den Plexiglasscheiben eines mit Aufklebern übersätem Automaten liegen und die sie wahrscheinlich so gern befreien würde.
„Und nun führt er mich weg, mit Händen so mich greifend, ohne Brautbett, ohne Hochzeit, nicht der Ehe Teil erlangend, nicht das Glück, mir Kinder großzuziehn, nein, so verlassen von den Lieben gehe ich, die Unglückselige, lebend in der Toten Gruft.“
Ein Löwenzahn, der sich durch eine Ritze im Asphalt gekämpft hat und nun seine Blätter in Richtung der Wasserpumpe reckt.
„Welches Recht der Götter hab ich denn verletzt? Was soll ich Arme noch zu Göttern aufblicken? Wen zum Beistand rufen? Denn – das alles ist jetzt klar – den Ruf unheilgen Tuns erwarb ich durch mein heilges Handeln.“
Da ist das kleine Kreuzberger Kieztheater, das sie für diese Inszenierung angemietet haben. Das Bettlaken-Transparent „Heute 20:00 Uhr – Premiere: Antigone-Variationen“ hängt schon über dem Eingang. Sie nimmt Kurs auf die schwere Metalltür und wechselt die Welten.

2.

Der Geruch macht wie immer den Auftakt. Das vertraute Elixier aus Adrenalin, Schweiß, Tränen, Zigarettenrauch und 100fach getragenen Kostümen, das sie nur vom Theater kennt und von dem sie vermutet, dass es sich bis auf kleine Nuancen an allen Bühnen gleicht.
Ein bisschen wie das Parfüm „Übersüßter Hagebuttentee und Scheuermilch“, mit dessen Hilfe auch Blinde erkennen sollen, dass sie es in die Jugendherberge geschafft haben.
Nur besser natürlich, dachte sie.
Ihre Augen brauchen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, die Boden, Decke und Molton abstrahlen. Umrisse schälen sich aus dem Schwarz, die anderen sind bereits da. Sylvie, Markus, Stephan, Tom. Eine Zigarette wird herumgereicht.
„Hey Josie, alles klar bei Dir? Tom, der Black in der dritten Szene muss glaube ich früher kommen, eigentlich sofort nachdem Stephan den Stuhl umwirft.“
Alles wie immer offensichtlich. Markus hat noch hektisch-wirre Änderungsvorschläge für das Beleuchtungskonzept, die er in bester Dozentenmanier und in letzter Sekunde, vorträgt.
Seine Hände fliegen durch die Luft, unsichtbare Muster zeichnend. Tom nimmt es gelassen auf und will dann mal spontan gucken, was sich da so auf die Schnelle noch machen lässt. Sylvie, mit ihrer 1000Volt-Energie, von der Josephine nie weiß, wie sie in diesem fragilen Körper Platz findet, ohne ihn von innen zu verbrennen, rupft nervös an vermeintlich kaputten Haarspitzen. Vergnügt schaut Josephine aus der kurzen Distanz zu, wie sie versucht, sich ihre Ungeduld auf keinen Fall anmerken zu lassen. Stephan ist still und konzentriert, zieht den Zigarettenrauch tief in sich hinein, fokussiert einen Schmutzfleck auf dem Bühnenboden.
Er ist wahrscheinlich bereits nur noch Text und Rolle. Dabei stört man ihn besser nicht.
Josephine nickt ihrer kleine Theaterfamilie zu und geht schon mal in die Umkleide. Die anderen nicken zurück, sie kennen ihr Bedürfnis, eine Weile allein in der Garderobe sein zu wollen. Damit sie sich der Rolle ungestört nähern kann. Auf der Garderobenstange hängen schon der lange schwarze Ledermantel und das indigofarbene Seidennachthemd.
Schnell rein in die fremde Haut, die sie mit ihrem Körper ausfüllt. Sie schminkt sich selbst, wie alle hier. Viel schwarzer Kajal für Antigone. Ein letzter Blick in den Spiegel. Fertig.
Die anderen kommen herein, der Geräuschpegel in der engen Garderobe verdichtet sich.
„Hat jemand meine Haarspange…diese rote…ich hatte die doch gerade noch…verflixt…das gibt es…“
„Lässt du mich mal ganz kurz…ich habe da hinten…Stiefel…“,
Markus schiebt Sylvie vorsichtig zur Seite.
Reißverschlussschnurren.
„Ja, das ich sterben würd: Ich wusst es wohl – wieso auch nicht? – und hättest du es auch nicht öffentlich verkündet!“
Schnallenklipsen.
Dann sind sie soweit. Warm-Up hinter der Bühne. Sie stehen in einem kleinen Kreis, Markus gibt einen Ton, die anderen steigen ein bis sie sich auf derselben Frequenz begegnen.
„Mmmmmmmmmmmmmmmmmmmm.“
Sie kreisen die Schultern, die Hüften, das Becken, die Knie, die Knöchel, die Handgelenke, die Finger. Sie schreiben mit den Ellenbogen unsichtbare Wünsche auf den Vorhang, klopfen einander ab, die Brust, die Schenkel, die Rücken der anderen. Der Körper muss geschmeidig sein. Sie befreien auch die Stimme.
„Tatata. Papapa. Fafafa.“
„Hallo! – Sie da!“
„Warum? Wieso? Weshalb? Wer? Wo? Was? Wann?“
„Schhhhhhhhhhhhhh!“ „Brrrrrrrrrrrrrrrrr!“ „Ffffffffffffffffffffffffff!“ Lippenflattern.
Sie werfen Geräusche. Einen Soundball.
„Kawusch!“ „Kawusch-Razong!“ „Razong-Schnirp!“ „Schnirp-Hep!“ „Hep-Psssssst!“
Der Kopf muss wach sein. Sie assoziieren, stampfen mit den Füßen im Rhythmus.
„Blau“ – „Beere.“ „Blaubeere – taramtamtam.“ „Baum“ – „Schwein.“ „Baumschwein – taramtamtam.“ „Lampen“ – „Hut.“
„Lampenhut – taramtamtam.“
Josephines liebste Übung. Auf die besteht sie jedes Mal. Die anderen rollen gespielt mit den Augen, machen aber doch immer mit.
„Nur, weil sich Josie dann wieder freut wie eine Schneekönigin.“
Stephan zündet sich eine Zigarette an für einen schnellen Zug bevor der Lappen hochgeht.
„Toi, toi, toi!“
Dreimal bei jedem über die Schulter gespuckt.
Das Adrenalin kommt. Jetzt. Sie weiß es, hat es erwartet und ist überrascht wie beim ersten Mal. Ihr Blut im Kriegszustand.
Sie rettet sich mit ihrem Auftritt. Eine Flucht in die Dunkelheit, die heute von gerade einmal etwa zwanzig Augenpaaren bewohnt wird. Der Scheinwerfer knallt sein Licht auf Josephine. Die Zuschauer verschwinden im Schwarz. Sie ist zu Hause.
„Ja, ich gestehe die Tat und streite sie nicht ab.“
Pause. Atmen. Warten.
„Ja, dass ich sterben würd: Ich wusst es wohl – wieso auch nicht?“
Pause. Der Text kommt von ganz allein. Sie braucht jetzt keine Spaziergänge, keine Schneckenhäuser und kein murmel, murmel mehr. Ihre Stimme ist fest und klar, als Antigone gleiche Rechte für Frauen und Männer einfordert.
Die Zeit fliegt.
Josephine geht ab. In der Gasse steht Sylvie bereit für die nächste Szene, in der sie als Ismene, Antigones Schwester, sprechen wird. Sie steckt sich eine widerspenstige Haarsträhne unter die rote Spange, dann spannen sich ihre Muskeln und Sehnen. Es sieht aus, als würde sie größer werden, als hätte sie einen mutigen Entschluss gefasst. Als würden an all ihren Gelenken plötzlich strahlende Lichter entzündet. Mit einem großen Schritt geht sie auf die Bühne und Josephine in die Garderobe, um sich für ihre Medea-Rolle umzuziehen. Die starken Frauen sind heute im Mittelpunkt des Stücks, das sie als Monolog-Collage präsentieren.
Spot off. Ende. Geschafft. Entspannung. Der Glücksrausch am Ende vom Auftritt wird weggespült durch das nur freundlich verhaltene Klatschen des Publikums. Es klingt doch eher nach Mitleid als nach Begeisterung. Wieder einmal. Sie fassen sich an den Händen, Josephine greift die von Stephan, der rechts neben ihr steht. Seine Schultern hängen schlaff herunter, sein Blick ist gesenkt.
Gleichzeitig machen alle einen Schritt vor und blicken in fragende Gesichter. Tom schickt ihnen zwar ein aufmunterndes Zwinkern von seinem Lichtpult, aber noch während der Vorhang fällt, denkt Josephine, dass es so nicht weitergehen kann.
Und dann rasen ihre Gedanken schon in die Cuvrystraße.
Dort werden sie sich nächste Woche, wenn die „Antigone-Variationen“ abgespielt sind, einen neuen Raum anschauen.
Vielleicht kann dort alles anders werden.

3.

„Hier ist es“, sagt Markus, der über die Anzeige in der Berliner Morgenpost „Etwas in die Jahre gekommenes ehemaliges Bühnenhaus in Kreuzberg sucht Nachmieter, gern zum Spielen“ und nach stundenlangem Telefonzellen-Anstehen am Bahnhof Zoo tatsächlich diesen Ort gefunden hat. Markus wirft den Schlüsselbund, den ihm der Vermieter zur „Besichtigung in Eigenregie“ ausgehändigt hat, hoch in die Luft, fängt ihn wieder auf. Sie drängeln sich durch den Torbogen in den Hinterhof, vorbei an rostigen Fahrradständern, die unter einem löchrigen Wellblechdach stehen. Josephine folgt Markus die ausgetretene schmale Betontreppe nach oben.
„Welcher von diesen könnte denn wohl den Zugang zum Palast freigeben?“ Josephine zeigt ohne Zögern auf einen Eisenschlüssel mit hervorstechenden Zacken und tatsächlich passt er in die hellblaue Holztür. Es folgt ein kurzer Gang, dann stehen sie vor einer Metalltür. Hier passt erst der letzte Schlüssel aus der Versuchsreihe. Sie tasten nach dem Lichtschalter, finden aber nur die Hände der anderen.
„Ich hab ihn,“ Stephan triumphiert und mit einem Flackern gibt die Glühbirne den Blick ins Höhleninnere frei. Josephine sieht sich um. Es stand lange leer, es ist heruntergekommen.
Es wäre hirnrissig hier zu spielen, denkt sie. Und gleichzeitig wunderbar. Auf dem schwarzen PVC-Boden hat sich ein zusätzlicher Belag ausgebreitet, eine Schicht aus Staub, Abgeaschtem, Verschüttetem. Tom entzieht seine Schuhe dieser Mischung mit einem schmatzenden Geräusch.
Vereinzelt liegen Möbelstücke herum. Eine Matratze, deren buschiges Innenleben sich, in der Vergangenheit offensichtlich unterstützt durch die Arbeit verschiedener Nagetiere, nach draußen ergießt. Eine Stehlampe, deren Schirm so abgewetzt ist, dass sich sein Muster aus Schlingpflanzen mit Vögeln darin nur noch erahnen lässt.
Sylvie reißt das einzige Fenster an der Rückwand des Raumes auf, die Frühlingssonne macht das Theater hell.
Sie lassen sich auf einer Ansammlung wackliger Stühle nieder.
Stephan zündet sich eine Zigarette an.
„Also mir gefällt es. Ein bisschen räudig, aber das passt doch ganz gut zu uns.“
Markus, Tom und Sylvie stimmen sofort zu.
Josephine versucht sich den ganzen Dreck und Plunder wegzudenken, es sich vorzustellen mit Zuschauerreihen, einem kleinen Bartresen, einem neuen schweren Vorhang.
Wie sie vor ihrem Garderobenspiegel sitzt und sich die Wimpern tuscht während Tom an seinem Pult den letzten Lichtcheck macht, wie später die Leute zur Tür hereinströmen und an einem Bistrotisch mit der Kasse sagen: „Zweimal, bitte.“ Wie sie dann neugierig und gespannt auf ihren Stühlen sitzen und auf den Beginn der Vorstellung warten.
„Wir sollten es nehmen,“ sagt sie.
Eine Woche später stehen sie als neue Mieter mit Eimern, Besen, Wischlappen, Schrubbern und Putzmitteln am gleichen Ort und legen los. Einfach. Irgendwo. Sie werfen Flaschen, Matratze, Holzlatten, Kartons, leere Farbeimer, Stofffetzen, einen kaputten Fernseher in den Müllcontainer an der Straße und behalten die wenigen Dinge, die noch als Requisiten einsetzbar sein könnten. Tom findet in einer Kiste einen Baustellenscheinwerfer, der funktionstüchtig ist.
Es kommt Josephine vor, als würden sie einen gestrandeten Walfisch von seiner pockennarbigen Verkrustung befreien. Als Stephans Versuche scheitern, den Boden mit einem Wischlappen und Spülmittel vom Schmutz zu befreien, flutet er den Raum eimerweise mit Wasser, kippt eine ganze Flasche Lauge darauf und fegt die ganze Soße zur Tür heraus. Es wird nicht vollkommen sauber, aber es ist ein Anfang.
„Okay Leute, hört mal her, als erstes brauchen wir jetzt mal einen vernünftigen Namen.“ Markus winkt die anderen zu sich. Sie rufen durcheinander, wie sie jetzt heißen wollen.
„Theater im Hof”, „Bühne der Galanten”, „Forum B-West”, „New Off”.
Sie steigern sich, werden immer lauter, beschimpfen einander, verfluchen die Vorschläge der jeweils anderen, stimmen einander doch zu, stimmen ab, verwerfen die Ideen wieder. Dann beschließen sie, noch einmal alles fallen zu lassen und von vorn anzufangen.
„Theater der Antigonisten!“ ruft Sylvie in das Schweigen.
Das ist es. Das wissen sie alle sofort. Josephine denkt, das passt so gut zu ihnen, als wenn man zum ersten Mal erfährt, dass der unbekannte Vogel, der da so lustig ruft, tatsächlich „Kuckuck“ heißt. Sie kann es kaum fassen, dass sie bald ein eigenes Theater eröffnen werden.
Stephan hat für jeden ein Bier dabei. Sie stoßen an. Der Schaum läuft aus der Flasche und ihnen über die Hände. Nur noch ein letzter Schluck Zaubertrank und die große Schlacht kann beginnen.
Sylvie hat einen Sack voller Kostüme mitgeschleppt und kippt den Inhalt auf die neue Bühne. Da sind sie. Ineinander verschlungen, leuchtend, verknüllt, teilweise verdreckt.
Leonce und Lena, Kasimir und Karoline, Antigone und all die anderen. Das Verkleiden beginnt. Josephine zieht die weiten Röcke der Heiligen Johanna der Schlachthöfe über ihre Jeans, Tom ist plötzlich Hedda Gabler im Bademantel, Markus schlüpft in die Stiefel des jungen W. und stampft die Absätze wie ein Cowboy in den Böden, Sylvie ist Desdemona im Negligé, Stephan verwandelt sich in eine Hamletmaschine mit Kunststoff-Kettenhemd und Palästinensertuch.
„Mit diesem Rettich erdolche ich Dich!“ ruft er und schnellt mit einem Hirschgeweih in der Hand auf Tom zu. Der zuckt gespielt erschrocken zurück.
„Seins oder nicht seins!“ krakeelt Sylvie. Dabei fuchtelt sie Markus mit einem gebrauchten Taschentusch vor der Nase herum.
Sie tanzen im Licht des Baustellenscheinwerfers und singen aus all ihren Kehlen. „Yes I think to myself, what a wonderful world!”
Josephine hält inne. Ihr Atem jagt ihrem Herzschlag hinterher.
In der Luft tanzen Millionen Kristalle, der Staub rieselt aus den Ritzen. Sie schließt die Augen.
Nicht aufhören. Niemals. Bitte, denkt sie.

4.

Es ist der zehnte Abend von „Landschaft mit Argonauten – durch die Augen des jungen Woyzeck betrachtet“, ihr erstes Stück am neuen Ort in der Cuvrystraße ist. Josephine blinzelt durch den Vorhang in den Zuschauerraum. Höchstens zehn Gäste heute, mehr nicht. Davon sind die Hälfte Freunde, die aus Solidarität erschienen sind und von denen sie keinen Eintritt nehmen wollen. Es kommt fast niemand zu den Vorstellungen in ihrem kleinen Theater.

Das Geld, das ihnen die Eltern aus westdeutschen Kleinstädten jeden Monat nach Berlin überweisen, ist seit jeher schnell verbraucht. Es geht in die Raummiete, in die Kostüme, die sie sich auf Flohmärkten zusammensuchen, in das Holz, aus dem Tom seine minimalistischen Bühnenbilder sägt. Ich weiß, dass es dauern wird, dass wir einen langen Atem haben müssen, dass wir nicht aufgeben können, zumindest jetzt noch nicht, wo wir endlich einen eigenen Spielort gefunden haben. Die Inszenierungen der Stücke sind vielleicht zu ungewöhnlich, zu unvertraut, aber sie sind gut.
Das Andere hat es eh immer schwerer als das Angepasste. Aber wir wollen hier schließlich etwas erschaffen, das es so zuvor noch nicht gegeben hat, eine Avantgarde von neuen Inszenierungen und ungewöhnlichen Formaten, Stücke, die von den hohen Häusern der staatlichen Theater niemals gezeigt würden. Die Revolution braucht eben Zeit, bis ihre Qualität erkannt wird.

Josephine versucht geduldig zu sein und den anderen Mut zu machen, vor allem an Abenden wie heute.
„Es kommen auch andere Zeiten, seid zuversichtlich, an uns lag es nicht, wir waren toll,“ sagt sie.

Wir rasen direkt in den Abgrund, wenn nicht bald etwas passiert, denkt sie.

Das Stück ist zu Ende. Die Gäste, die keine Freunde sind, haben sich schon auf den Heimweg gemacht. Da entdeckt Josephine ihre beiden Kolleginnen aus dem Café „Muskau“, in dem sie tagsüber arbeitet am Tresen. Sie geht zu Katharina und Veronica, denen Tom gerade zwei Flaschen Bier rüberschiebt. Die Bar hat er selbst gebaut. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten sie Holzlatten von einer Baustelle in der Schlesischen Straße geklaut und ins Theater geschleppt, wo Tom sie auf die Unterseiten gestapelter Bierkästen genagelt hat.
„Das ist ja super von euch, dass ihr es noch geschafft habt.“
„Du warst der Hammer, dein Aufruf zum Widerstand am Anfang, Josie ich hab echt fast geheult.“ Katharina strahlt über das ganze Gesicht.
„Und diesen Federfummel, wo hast du den aufgetrieben? Wenn es geht, würde ich mir ihn gern für die nächste Party im „Dschungel“ ausleihen.“ Veronica zupft an Josephines Kostüm.
Sie schwimmt in den Komplimenten der beiden, ist dankbar dafür. Sie sieht ihnen an wie stolz sie sind, eine Schauspielerin zu kennen. Eine, die auf einer richtigen Bühne steht und sei sie auch noch so klein. Zugleich denkt sie an den abendlichen Kassensturz, nach dem es vermutlich wieder nur für eine Pizza „Ali´s“ und eine Runde Bier für alle reichen wird.
Als Katharina und Veronica sich verabschieden und zum Ausgang gehen, lächelt Stephan ihnen aus seiner Ecke neben der Garderobentür zu. Seine Hände halten eine Bierflasche so fest umklammert, dass es fast so aussieht, als wäre sie sein letztes kostbares Besitzstück. Etwas, das er unbedingt gegen Diebe verteidigen muss.
„Komm, lass uns nach Hause gehen, Stephan“, Josephine will sich bei ihm unterhaken.
„Nein, geh du ruhig“, murmelt er, „ich muss noch in den Elefanten.“
Seine Augen fallen auf den Grund der Flasche.

5.

Nach den Vorstellungen verschwindet Stephan immer regelmäßiger im „Grünen Elefanten“. Er sagt, er braucht das, um sich noch intensiver zu spüren. Außerdem könne er dort ein hervorragendes Rollenstudium betreiben, denn im „Elefanten“ würden sich all die düsteren Typen herumtreiben, die er so gerne spielt. Die Kneipe ist nur wenige Meter vom neuen Theater entfernt und nicht viel größer als das Wohnzimmer von Josephines Eltern in Niedersachsen. Ein bisschen erinnert sie die abgeschabte Teppichverkleidung aus goldenen Verschnörkelungen auf dunkelblauem Grund tatsächlich an das Sofa, auf dem ihre Mutter früher unter leisen Flüchen die aufgerissenen Hosen und löcherigen Strümpfe ihrer Kinder ausbesserte.
Im „Elefanten“ ist die Luft immer schwer. Tannenbaumförmige Salzkristalllampen sind unter geringelten Wollsocken versteckt, aus einem Stapel leerer Getränkekisten lugen zwei ausgestopfte Hasen hervor, ein Blechschild über der Tür kündigt „Natur und Terror“ an. In den Ecken Altäre mit Flohmarktfundseligkeiten. Lederne Drehhocker an einem Tresen, hinter dem sich eine Unzahl farbiger Flaschen auf verspiegelten Regalböden drängen. Uwe, hager und haarlos, mit massiven Ringen an den Händen und einer beinahe unsichtbaren Herzstein-Kette um den Hals, spielt Musik ausschließlich von Schallplatten und gibt der einzigen Überlebenden eines Rosenstraußes die Chance auf einen weiteren Tag im Wasserglas.
Über allem kreist wie der Suchscheinwerfer eines Leuchtturms zuckend eine rot angestrahlte Diskokugel.
Am Anfang hat Josephine Stephan ab und zu noch Gesellschaft geleistet, aber schon bald gemerkt, dass sie hier überflüssig ist. Mühelos findet er auch ohne sie seinen Platz an der Theke, zwischen Jochen, dem frisch geschiedenen UBahnfahrer und Martin, der Sozialpädagogik studiert. Er braucht nicht zu bestellen, ein Nicken gibt Uwe zu verstehen, dass es an der Zeit ist, ein Bier auf dem Tresen zu platzieren.
Wie bei einer präzise eingestellten Maschine verläuft Stephans Reaktion auf die sich stetig verdichtende Konzentration des Alkohols in seinem Körper. Erst findet er die Sprache und aus dem abseits der Bühne meist stillen, hageren jungen Mann wird eine Wortfeuermaschine. Silbe um Silbe türmt er auf und reiht Satz an Satz, bis ein schwankender Turm zu Babel ihn umgibt. Nach der siebten Flasche allerdings kommt dieses Gebilde ins Rutschen, die Vokale sind zu lang, die Endungen wollen nicht mehr vollständig herauskommen, die Kontrolle über die Reihenfolge der Konsonanten entgleitet ihm. Am Ende verliert er den Kampf, die ganze Konstruktion zerbricht. Mit einem leisen „uh“ sackt er in sich zusammen, seine blonden Haare kleben nass an der Stirn.
Erst in den Morgenstunden schafft Stephan es aus dem „Elefanten“, bleich und übel riechend, seine Augen zu Schlitzen verengt. Er schleppt sich in seine WG. Auf dem Küchensofa schläft er ein und bleibt dort liegen, bis ihn seine Mitbewohnerin Tine am Nachmittag weckt. Ihr verdankt er, dass er die Proben nicht jedes Mal versäumt. Nach einer Nacht im „Elefanten“ ist Stephan fahrig, vergisst häufig seinen Text. Das bringt ihn so auf, dass er mit den Händen hart gegen die Wände schlägt. Markus und Hans stützen ihn in seinen taumelnden Momenten. Sylvie versucht ihm starken schwarzen Tee zu beleben, Josephine reicht ihm ein volles Wasserglas nach dem anderen, während sie ihm das stinkende Haar aus der Stirn streicht. Sie hat Angst um ihn.
Wenn er es nicht hören kann, sagen die anderen, sie auch.
Wenn er es hören kann, sagen sie: „Stephan, verdammt nochmal, jetzt reiß Dich zusammen!“
Sobald er den Alkohol abgestoßen hat und der Nebel sich hebt, ist er brillant. Er scheint von innen zu leuchten, sie sehen sein Glühen auch ohne Scheinwerfer. Er stößt seine Faust in den Himmel, spuckt die richtigen Flüche an der richtigen Stelle in die Gassen, schnurrt ihnen allen verschwörerische Formeln ins Ohr. So tief taucht er in seine Rolle ein, dass er beinahe darin verschwindet. Seine Tränen sind meistens echt. Sobald der Vorhang sich senkt, geht er in die Knie.
Am fünften Abend des „Argonauten“-Stücks erscheint Stephan nicht zur Vorstellung. Dreißig Zuschauer sitzen auf den Bänken und schauen auf einen Vorhang, der sich nicht hebt. Stephans Part ist wichtig, sie können ihn nicht ersetzen.
Während Markus, Tom und Sylvie hinter der Bühne diskutieren und mit jeder Minute wütender werden, „warum ausgerechnet heute, wo endlich mal ein bisschen Publikum da ist“, rennt Josephine in den „Grünen Elefanten“ und findet Stephan mit auf dem Tresen abgelegten Kopf, ein Speichelfaden tropft aus seinem rechten Mundwinkel. Sie zieht ihn hoch, will ihn stützen, wegziehen, auf die Bühne bringen, den einzigen Ort, an dem er vor sich selbst in Sicherheit ist. Aber als sie die Ausdruckslosigkeit seiner Augen auffängt, kapiert sie auf einen Schlag die Sinnlosigkeit meines Vorhabens. Da ist heute kein Woyzeck. Sie legt seinen Kopf vorsichtig wieder ab, bittet Uwe um ein großes Glas Leitungswasser und kein weiteres Bier für ihn. Auf dem Rückweg zum “Theater der Antigonisten” sucht sie nach beruhigenden Worten, die die anderen davon abbringen könnten, mit ihrer Wut in den „Elefanten“ zu stürmen und Stephan trotz all seiner Trunkenheit doch noch auf die Bühne zu zerren. Die Vorstellung werden sie abblasen müssen.
Eigentlich hatten sie sich geschworen, das niemals zu tun.
Josephine tritt vor die Zuschauer und stammelt eine Entschuldigung, irgend etwas von einer plötzlichen und schweren Erkrankung ihres Hauptdarstellers, vom großen Bedauern des gesamten Ensembles, an diesem Abend das Stück leider nicht spielen zu können, von der selbstverständlichen Rückgabe der gezahlten Eintrittsgelder und einem Freigetränk an der Bar für jeden Gast. Sie bittet um Verständnis und verspricht eine neue Gelegenheit in der kommenden Woche. Beinahe flehentlich sagt sie, die Leute mögen doch ein andermal wiederkommen. Die Zuschauer erheben sich mit enttäuschten Gesichtern von ihren Plätzen und gehen in Richtung Bar oder gleich in Richtung Ausgang. Ein Mann mit blauem Kapuzenpullover und schwarzer Hornbrille berührt Josephine vorsichtig am Arm, bevor er durch die Tür geht.
„Hoffentlich ist es nichts Schlimmes, wünschen Sie dem jungen Mann doch bitte gute Besserung.“
Dieses Mitleid für etwas, das sie erlogen hat, ist Josephine unangenehm. Mit einer schnellen Bewegung schlüpft sie hinter den Vorhang, wo sich die anderen schon zur Krisensitzung versammelt haben. Wie versteinert starren sie vor sich hin, geben eine Zigarette im Kreis herum. Ein Pantomimenensemble aus traurigen Clowns, denkt sie.

6.

Josephine hatte von Markus´ Idee einer Zweitbesetzung für Stephan nichts hören wollen und stattdessen bei den anderen immer wieder gute Worte für ihn eingelegt. Nach dem heutigen Ausfall schmilzt ihr Widerstand. Sie will nach wie vor,

[…]