Alle Artikel von blogbuster

Portrait Tina Ger

„Das Angeln von Piranhas“

Protagonist Luca hat das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein, schön angesiedelt im Prenzlauer-Berg-Bio-Idyll. Er ist umgeben von seinen Kindern, von denen er sich überfordert fühlt, und von seiner enttäuschten Ehefrau Johanna. Er verliebt sich in Yara, eine Brasilianerin aus Fortaleza, die nach einer gemeinsamen Nacht aus seinem Leben, aus Berlin, aus dem Land verschwindet. So, als hätte sie es nie gegeben. Er beginnt Nachforschungen anzustellen, möchte Yara wiederfinden, lässt alles hinter sich.

Tina Ger – Kandidatin Kaffeehaussitzer

Tina Ger ist gebürtige Berlinerin. Sie hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studiert und zunächst als Producerin für verschiedene Filmproduktionen gearbeitet. Später begann sie für Film und Fernsehen zu schreiben, sowie sie als Dramaturgin und Lektorin tätig ist. Im Fernsehschreiben auf Familienstoffe und RomCom spezialisiert, findet sich eine erste Fingerübung im belletristischen Fach von ihr. Eine Anthologie mit einer Kurzgeschichte, die ins alte West-Berlin der 80iger führt, ist 2016 erschienen. Ihre Heimat Berlin inspiriert Tina Ger sowie das Reisen in die Ferne. Nicht nur auf Brasilien, sondern auch ihren Aufenthalten in Japan, Russland und der Mongolei folgten Manuskripte, die das Erleben dieser aufregenden Orte spiegeln. Heute lebt sie mit ihrem Mann und Sohn in Los Angeles und pendelt mit einem Notizbuch in der Hand über die Ozeane.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Kaffeehaussitzer.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin immer noch total überrascht.

Warum hast Du Dich gerade bei Kaffeehaussitzer beworben?

Das Arbeiten im Kaffeehaus & Co. fasziniert mich. Ich selbst bin Heimarbeiterin und komme nur selten vor die Tür. Also habe ich den Kaffeehaussitzer als ersten Blog besucht und mich dort sofort verstanden gefühlt. Und das von einem Auswärtsarbeiter! Uwe Kalkowski ist nicht nur der Kaffeehaussitzer, sondern auch der Photographierer und gestaltet zu seinen vorgestellten Büchern grandiose Fotos. Es gibt so viel Bild auch im Text zu entdecken und diese Verbindung suche ich immer auf allen Ebenen.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Ja, genau das. Ein etwas anderer Literaturwettbewerb ist genau der Wettbewerb, der mich interessiert. Bei konventionellen Wettbewerben haben meine Texte eher keine Chance. Es ist toll, dass es Euch gibt und ich freue mich, Blogbuster entdeckt zu haben.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich genieße die Anerkennung und den Moment. Gedanken über die Zukunft kann man sich immer machen. Ich mache das ausnahmsweise mal nicht, halte meinem Text aber ganz fest die Daumen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die Reise nach Brasilien hat viel Vorbereitung und Recherche gebraucht. Insgesamt sind bestimmt zwei Jahre ins Land gezogen bis sich alle Bestandteile zu einem harmonischen Bild fügen ließen. Hinsichtlich der Verlagssuche bin ich ziemlich grün hinter den Ohren. Ein Lektor hat einmal versucht, ein passendes Genre für mein Manuskript zu finden und mir hat mal eine Agentur geraten, den Mittelteil umzuschreiben, um den Stoff konventioneller anzulegen, wozu ich mich allerdings nicht habe durchringen können.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten? 

Ich bin ganz schlecht in Eigenwerbung, nehme mir aber vor mit dem Kaffeehaussitzer gemeinsam auf die Pauke zu hauen!

Portrait Iden Wagner

„Rollende Wale“

Millionenerbin Max hat die Nase voll von gesellschaftlichen Erwartungen, von Geld und Ansehen, von den Anforderungen ihrer Eltern und generell von der Sinnlosigkeit des Lebens. Sie bleibt von nun an im Bett und philosophiert über Literatur, Musik, Filme, diesem verhassten Leben da draußen, in dem sich jeder nur auf sich selbst fokussiert und zeigt dabei nicht nur ziemlich kluge Gedankengänge, sondern auch einen unglaublich guten Humor.

Iden Wagner – Kandidatin paperandpoetry

Geboren wurde ich in Spanien, kehrte aber im Alter von drei Monaten in die Geburtsstadt meiner Eltern zurück, ins damalige West-Berlin. Im heutigen Gesamt-Berlin lebe ich mit meinem Mann und zwei Söhnen noch immer, nur etwas weiter nordöstlich, früher mal Ost-Berlin.
Meinen Beruf habe ich mehrfach gewechselt: Erst Juristin, dann Print- und Fernseh-Journalistin, dann Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten, und seit kurzem Rückkehr zu Jura, als Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Menschenrechte. Nie losgelassen hat mich der Berufswunsch, den ich schon als Kind hatte: Schriftstellerin zu sein…

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog paperandpoetry.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Ich habe versucht, die Hoffnung zu unterdrücken, aber das lässt die ja nicht so leicht mit sich machen…

Warum hast Du Dich gerade bei paperandpoetry beworben?

Als erstes haben mich Mias eigene Texte sehr angesprochen. Besonders ihr „Plädoyer gegen Neid, Missgunst und Wettbewerbsdruck“ und ihr Text „Weil ich ein Leben habe“ gefallen mir sehr, und ich hatte den Eindruck, dass sie sich vielleicht ganz gut in Max, die Protagonistin meines Textes, einfühlen könnte. Außerdem mag ich ihren Schreibstil, und ihre Rezensionen finde ich klug und sie machen Lust, die von ihr empfohlenen Bücher zu lesen. Viele davon kannte ich gar nicht – ich schaffe es leider mittlerweile viel zu wenig, aktuelle Literatur zu lesen –, aber ein paar Autorinnen und Autoren bzw. bestimmte Romane von ihnen mögen wir beide, zum Beispiel Margaret Atwood, Juli Zeh, Dave Eggers, F. Scott Fitzgerald, Haruki Murakami oder John Irving.
Zudem gehört sie der Zielgruppe an, an die sich mein Text vermutlich vorrangig richtet: an junge Menschen, die in ihren Lebenswegen und -ansichten (noch) weniger festgefahren sind und die für Kunst in all ihren Formen empfänglich sind, was im Laufe des Lebens zwischen Familie, Beruf und Alltagshektik leider leicht verloren geht.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Meine Hoffnung war, dass Bloggerinnen und Blogger einen unverstellten, weniger kommerziellen Blick haben als “alte Literaturhasen”. Bestimmt liegen die Profis aus dem Literaturbetrieb oft richtig mit ihrer Einschätzung, ob eine Geschichte viele oder zumindest einige Menschen anspricht, und das ist für alle Beteiligten auch sinnvoll. Einen Roman zu schreiben, ist ja eine ziemlich eitle Angelegenheit: „Nehmt euch Zeit und hört her, was ich zu sagen habe!“ Nicht schlecht, wenn einen jemand mit Erfahrung stoppt, falls das, was man zu sagen hat, nicht unbedingt in einen so exponierten Rahmen passt. Dennoch wird der professionelle Blick vielleicht manchmal durch Routine eingeschränkt, und deshalb gefiel mir die Idee, dass beim Blogbuster-Wettbewerb lesebegeisterte und –erfahrene Blogger außerhalb des “Big Business” die Longlist aufstellen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

1:13 (oder sind es mittlerweile weniger Kandidaten?)

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die erste Fassung habe ich in drei Monaten geschrieben, dann habe ich es einer Freundin und einem Freund zu lesen gegeben und danach ein paar Agenturen angeschrieben. Einige davon haben das Gesamtmanuskript angefordert und am Ende abgelehnt, teils aber mit erfreulich detaillierter Begründung, wodurch ich Ansätze für die Überarbeitung hatte. So stimmt das aktuelle Manuskript mit der ersten Fassung wohl höchstens noch zur Hälfte überein. Auch beim Blogbuster 2017 habe ich mitgemacht und schaffte es damals zwar in die engere Auswahl des Blogs, aber nicht zur Nominierung. Danach überarbeitete ich das Manuskript ein paar weitere Male und bot es einigen Verlagen an, bisher meist ohne Rückmeldung (wahrscheinlich ist es in den meterhohen Türmen unaufgefordert eingesandter Manuskripte verschollen), und jetzt ging es an die neue Runde des Blogbusters.

Was wirst Du zusammen mit Deiner Bloggerin noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Einen Blockbuster drehen, denke ich 🙂

Portrait Alexander Raschle

„Die grauen Kinder“

Der Gotthard im kalten Krieg; Korporal Steiner rückt in einen geheimen Bunkerkomplex ein. In der ersten Nacht wird Strahlenalarm ausgelöst, vierzig Milizionäre sind in der Festung eingeschlossen. Ihr einziger Kontakt zur Aussenwelt über Funk; eine sanfte Frauenstimme, von der jeder behauptet sie schon mal irgendwo gehört zu haben.

Alexander Raschle – Kandidat Poesierausch

Alexander Adrian Jim Raschle, geboren 1988 in Zaragoza, Spanien, mit Wurzeln in Stockholm, Schweden. Aufgewachsen und wohnhaft in St. Gallen, Schweiz. Studium Visuelle Kommunikation. Ehem. Offizier der Schweizer Armee, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Preisträger TREIBHAUS Literaturwettbewerb 2016 und Literaturpreis Prenzlauer Berg 2017. Teilnehmer Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung und Autorenworkshop Nibelungenfestspiele Worms 2017. Veröffentlichungen im Literarischen Monat #25 und Anthologie Federlesen #12.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Poesierausch.

Interview mit dem Longlist-Autor

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Ich habe mir so wenig Gedanken dazu gemacht wie möglich.

Warum hast Du Dich bei Poesierausch beworben?

Juliane und Stefan schreiben sehr hochwertige und persönliche Rezensionen auf ihrem Blog und machten mir einen sympathischen Eindruck. Ihr zusätzlicher Aufruf für den Wettbewerb war für mich zudem ein Signal, dass ehrliches Interesse an den eingesandten Texten besteht und sie mit Sorgfalt und Respekt damit umgehen. Unser Treffen in Zürich und ihr Beitrag zum Text hat mir das alles bestätigt; herzlichen Dank den beiden.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Für den Autor ist es spannend, selber bestimmen zu können, wer seinen Text zuerst lesen soll und so seine Chancen zu beeinflussen. Für die Blogger, denke ich, ist es Gelegenheit, sich mit Texten zu beschäftigen, die man vielleicht sonst (noch) nirgends findet. Dieses gegenseitige Kennenlernen und die Promotion, die damit einhergeht, macht für mich einen grossen Reiz des Wettbewerbs aus.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Wir werden sehen, was passiert.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Der Text ist in einem Zeitraum von zwei Jahren entstanden und so lange schreibe ich auch ernsthaft. Das anfängliche Mentorat von Lektorat Literatur war sehr wertvoll und an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung 2017 hatte ich Gelegenheit, mich zusammen mit anderen Nachwuchsautoren mit dem Schreiben an sich auseinanderzusetzen. Es gab auch Austausch mit einer Agentur, ansonsten ist der Text in seiner jetzigen Form bisher noch nicht weit herumgekommen. Ich glaube, dem Drang nach Veröffentlichung muss die Frage entgegengestellt werden, ob dies wirklich meine beste Arbeit ist, ob ich es nicht doch nochmals in die Hand nehmen soll. Vielleicht braucht es dazu mehr Mut; mit Geduld nochmals umzuformen, darüber zu sprechen, mehr zu lesen, mehr darüber nachzudenken.

Was wirst Du zusammen mit Deiner Bloggerin noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Es wird ein Interview auf poesierausch.com geben. Juliane und Stefan haben bereits sehr viel gemacht; am Ende muss der Text alleine überzeugen.

Portrait Sabine Huttel

„Ein Anderer“

Ernst Kroll, geboren 1914, hört schwer, ist langsam und kann nicht richtig sprechen. Seine angeborene Schilddrüsenerkrankung wird weder erkannt noch behandelt. Stattdessen verordnet man ihm frische Luft. Ein junger Arzt, der den Vierjährigen „wissenschaftlichen“ Versuchen unterzieht, entpuppt sich später als Verfechter des Euthanasie-Gedankens.

Sabine Huttel – Kandidatin Schiefgelesen

Sabine Huttel, geboren in Wiesbaden, studierte zunächst einige Semester Medizin, dann Germanistik und Politikwissenschaften. Anschließend war sie rund drei Jahrzehnte als Lehrerin für Deutsch und Sozialwissenschaften in Hamburg und Nordrhein-Westfalen tätig. Seit 2012 lebt sie in Berlin. Neben der Literatur ist Musik ein Lebensschwerpunkt: Sie spielt Violine in einem Orchester und in verschiedenen Kammermusik-Ensembles.
Von Sabine Huttel sind bisher erschienen: Mein Onkel Hubert. Roman (Osburg Verlag Berlin 2009) und Slalom. Erzählungen (fhl Verlag Leipzig 2011).

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Schiefgelesen.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Gerechnet nicht, aber natürlich habe ich gehofft, mit „Ein Anderer“ Glück zu haben.

Warum hast Du Dich gerade bei Schiefgelesen beworben?

Marions Blog hatte mich schon vorher angesprochen, als ich vom Blogbuster noch gar nichts wusste. Den Namen „schiefgelesen“ fand ich lustig, fing sofort an zu stöbern und war beeindruckt: Marion präsentiert eine große literarische Bandbreite. Ihre Beiträge sind sachlich und sehr sachverständig. Oft haben sie einen trockenen, hintergründigen Witz, manchmal sind sie ironisch, dabei immer informativ und durchdacht. Als ich dann vom Blogbuster-Preis hörte und mir die anderen beteiligten Blogs ansah, habe ich einige gefunden, die für mich auch in Frage gekommen wären, aber „schiefgelesen“ blieb mein Favorit. Ich hatte das Gefühl, bei Marion wäre mein Text in guten Händen.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Der Preis – jeder Autor möchte doch in einem guten Verlag veröffentlicht werden! Außerdem die unkonventionelle Auswahlmethode. Und die Chance, allein durch die Teilnahme am Wettbewerb mein Buch für neue LeserInnen sichtbar zu machen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

„Ein Anderer“ ist mein drittes Buch. Ich glaube, es ist mein bestes. Mein Protagonist Ernst Kroll ist ein außergewöhnlicher Mensch, seine Lebensgeschichte ist interessant und beeindruckend, und ich denke, ich habe den richtigen Ton gefunden, sie zu erzählen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Inklusive Recherchen und Überarbeitungszeit habe ich gut vier Jahre daran gearbeitet. Dann habe ich mit Hilfe einer Agentur ca. ein Jahr lang versucht einen Verlag zu finden. Irgendwann verlor ich die Geduld und habe mich zum Selfpublishing entschlossen.

Was wirst Du zusammen mit Deiner Bloggerin noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Marion ist gerade dabei, eine Rezension zu „Ein Anderer“ zu schreiben, ein Interview ist schon geplant. Und dann? Wir werden uns noch was einfallen lassen. Spannend wird’s in jedem Fall. Ich freue mich auf die nächsten Wochen.

Portrait Doris Brockmann

„Tuppek am seidenen Faden“

„Eine Bemerkung von Thomas Glavinic über die kurze Entstehungszeit seines Romans „Der Kameramörder“ entzündet in dem erfolglosen Schriftsteller Adrian Tuppek den Ehrgeiz, selber in kürzester Zeit einen Kriminalroman zu verfassen.“, so erzählt Doris Brockmann aus dem Leben eines Menschen, der ein Schriftsteller sein will. Sprachlich dicht und überzeugend, inhaltlich gekonnt verwirrend mit überraschendem Ende – und Witz.

Doris Brockmann – Kandidatin literaturcafe.de

Doris Brockmann schreibt kurze und sehr kurze Geschichten, die in Anthologien bzw. Literaturzeitschriften oder in ihrem Blog für „Angewandte Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung“ (auf www.walk-the-lines.de) erscheinen. Sie kann auch längere Texte schreiben, z.B. einen Ro­man über eine Hutmacherin und einen Buchstabenjongleur „In Bhutan steckt Hut“ (Longlistplatz beim 1. Blogbusterpreis 2017) oder eine literarische Inselerkundung über „Die Erbseninseln“ (Wien 2014, Edition Krill), Letzteres, ohne je dort gewesen zu sein. Ja, das geht.

Hier gehts zum Beitrag auf literaturcafe.de.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst bereits zum zweiten Mal auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Gerechnet sicher nicht. Bei jedem Wettbewerb gibt es Unwägbarkeiten und braucht es Glück. Die Kritiken zur ersten Version des eingereichten Manuskripts, die ich als Selfpublisher-E-Book veröffentlicht habe, fielen insgesamt gut aus und es gab damals verschiedene Verlagsinteressen. Insofern glaube ich, davon ausgehen zu dürfen, dass in diesem „kriminalistischen Schriftstellerroman“ Potential steckt. Das verführt mitunter schon zu Hoffnungen auf eine Nominierung. 

Warum hast Du Dich gerade bei literaturcafé.de beworben?

Ich kenne Wolfgang Tischer von der gemeinsamen Bachmannwettbewerbberichterstattung. Malte Bremer kenne ich persönlich nicht. Vor Jahren hatte er in einem Artikel die Qualität von E-Book-Romanen angezweifelt, da habe ich vorgeschlagen, ob er sich mal mein Kindle-Book „Das Schreiben dieses Romans …“ (=die erste Version von „Tuppek am seidenen Faden“) anschauen wolle. Seine Rezension (http://www.literaturcafe.de/e-book-tipp-das-lesen-dieses-buches-war-ein-gluecksfall/) war sehr erfreulich. Als ich nun erfuhr, dass beide Literaturcafé-Kritiker beim Blogbusterpreis mitmachen, dachte ich, das wär eine Gelegenheit, „dem Tuppek“ nochmal eine Chance zu geben. Dann las ich den Roman (seit 2013 zum ersten Mal) wieder und fand Einiges, was mir verbesserungsbedürftig erschien. Die anschließende Überarbeitung gestaltete sich ausgiebiger, als ursprünglich angenommen. Da war es für mich nicht einschätzbar, ob diese Version nach mehreren Jahren bei Wolfgang Tischer und Malte Bremer wieder auf Interesse stoßen würde.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Es gibt mittlerweile eine Menge mit großer Kennerschaft betriebener Literaturblogs: eine wichtige Plattform für Buchempfehlung und -kritik, allerdings nicht literaturbetriebserstarrt. Die diesjährige Fachjury ist eine wunderbare Mischung unterschiedlicher und witziger Stimmen. Der Verlag Kein & Aber ist laut Aussage von Cheflektorin Sara Schindler einer, der nicht an singulären Buchprojekten, sondern an einer langjährigen Zusammenarbeit mit einem Autor bzw. einer Autorin interessiert ist. Herrlich! Und schließlich ist es sehr verlockend, dass das „Sieger“-Manuskript schon nach einem halben Jahr gedruckt vorliegen und gleich auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden soll. Genauso herrlich!

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Siehe Frage 1.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die erste Fassung ist 2009 innerhalb von gut sechs Wochen entstanden – was nichts über mein „eigentliches“ Schreibtempo aussagt. Normalerweise brauche ich zermürbend lange, bis ich einen Text fertig habe. Wenn ich hingegen einen Termin (meist Literaturwettbewerbseinsendefristen) habe, kann ich „auf Geschwindigkeit kommen“. Anschließend erfolgten mehrere Überarbeitungen, zuallerletzt die Korrektur im November 2017 vor der Abgabe für den Blogbusterpreis.

Ich habe den Roman verschiedenen Kleinverlagen angeboten. Einige meldeten sich mit Interesse zurück. Meist scheiterte eine Veröffentlichung dann doch an der (kleinen) Größe des Verlagsprogramms oder dass AutorInnen aus dem eigenen Land bzw. einer bestimmten Region der Vorzug gegeben wurde. Dann habe ich das Manuskript als Kindle-Book veröffentlicht.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten.

Im Moment ist nichts Besonderes geplant.

Portrait Charlotte Kliemann

„Nenn ich dich Aufgang oder Untergang“

Martin, Sohn einer Romni, verliebt sich nach einer gescheiterten Ehe in Claudia, doch auch diese Verbindung droht an dem fortwirkenden Trauma der Verfolgung zu zerbrechen, der seine Familie während des Dritten Reiches ausgesetzt war.

Charlotte Kliemann – Kandidatin Ruth liest

Manchmal ist das Ziel nur über Umwege zu erreichen: Über ein erst ersehntes, dann ungeliebtes Medizinstudium findet sie zur Literaturwissenschaft und Philosophie. Bald kommt der Wunsch auf, Texte nicht nur zu zerlegen, sondern aufzubauen und schreibend etwas vom Leben einzufangen, in Kurzgeschichten und bislang zwei Romanen. Charlotte Kliemann, aufgewachsen in Essen, lebt zurzeit in Lübeck und arbeitet als selbstständige Lektorin. Sie ist auch im Lübecker Autorenkreis e.V. und im Verband der Schriftsteller
in Schleswig-Holstein e.V. anzutreffen.

Hier gehts zum Beitrag auf Ruth liest.


Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Ich rechne immer erst mit einer Absage, weil ich mir einbilde, dann eine mögliche Enttäuschung besser wegzustecken. Gleichzeitig hoffe ich natürlich, dass mein Manuskript wahrgenommen wird und ich etwas erreiche. Diese Hoffnung ist ja die treibende Kraft, sich überhaupt zu bewerben. Als Ruth Justen dann mein gesamtes Manuskript anforderte, gab es einen gewaltigen Hoffnungsschub, dass es mit der Nominierung klappen könnte.

Warum hast Du Dich gerade bei Ruth liest beworben?

Ich hatte mir auf der Blogbuster-Webseite die einzelnen Blogs genau angesehen, und der Auftritt von Ruth liest hatte mich gleich angesprochen. Da war etwas Lockeres und Sympathisches in der Art, sich vorzustellen, das mir gefallen hat.
Aber es war nicht nur eine Bauchentscheidung, denn glücklicherweise fand sich auch eine inhaltliche Übereinstimmung: die Bevorzugung von Gegenwartsliteratur mit historischem Bezug, eine Umschreibung, die recht gut auf mein Manuskript zutrifft. Ich habe mich dann durch ihren Blog gelesen und hatte meinen Spaß an den informativen und leichtfüßig formulierten Besprechungen, sodass die Entscheidung nicht schwerfiel.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Als Erstes hat mich die Möglichkeit gereizt, sich mit einem Literaturblog einen sozusagen persönlichen Kritiker auswählen zu können. Außerdem hat mich das durch und durch transparente Verfahren überzeugt. Das Manuskript verschwindet nicht irgendwo im Ungewissen, sondern jeder Schritt wird kommuniziert und ist nachvollziehbar. Selbst bei einer Absage kann man profitieren, weil man aus den veröffentlichten Leseproben der Nominierten ersehen kann, wo es beim eigenen Manuskript noch hapert. Und dann war natürlich die hochkarätig besetzte Jury ein Anreiz, es mit einer Bewerbung zu versuchen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Fürs Erste bin sehr glücklich darüber, dass eine Fachjury sich mit meinem Manuskript beschäftigen wird. Ich vertraue dem Urteil der Jury, und trotz meiner Neigung, meine Chancen eher vorsichtig einzuschätzen, hoffe ich natürlich auf ein positives Ergebnis.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Ungefähr drei Jahre lang habe ich an dem Manuskript gearbeitet. Viel Zeit habe ich auf die Recherche verwendet. Wenn es um reale Schauplätze geht, kann ich nicht schreiben, bevor ich nicht jedes Detail der Örtlichkeit kenne. Dasselbe gilt für konkrete Zeiträume, in denen die Handlung spielt, da muss ich über sämtliche Umstände, von den politischen bis zum Wetter, Bescheid wissen, um mich in die Atmosphäre einzufühlen. Wenn man versucht, im Literaturbetrieb Fuß zu fassen, sammelt man in erster Linie Absagen. Diesen Roman habe ich bislang nur einer großen Agentur vorgestellt, vielleicht einer zu großen, denn von dort habe ich nicht einmal eine Absage bekommen.

Was wirst Du zusammen mit Deiner Bloggerin noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Ruth Justen wird mich auf ihrem Blog vorstellen. Das ist schon mal eine tolle Promotion. Auf Facebook werde ich auf mein Manuskript, auf die Nominierung bei diesem Wettbewerb und auf den Blog Ruth liest aufmerksam machen. Alles Weitere wird sich finden.

Portrait Mirjam Ziegler

„Die Federn meiner Mutter“

Genau wie ihre Protagonistin Agnes zog Mirjam Ziegler auf ihrer Romanreise durch verschiedene Länder, um ihre Roadnovel genau dort zu schreiben, wo sie auch spielt. Und das spürt man. Mit lebhaften Beschreibungen fängt Mirjam Ziegler die Atmosphäre der vielen Schauplätze perfekt ein und löst damit beim Lesen dieselbe Reiselust aus, die auch Agnes erfasst hat – am liebsten würde man dasselbe machen wie sie: einfach den Rucksack packen, blau machen und ohne festes Ziel losfahren.

Mirjam Ziegler – Kandidatin Rudkoffsky.com

Mirjam Ziegler, geboren 1987, hat Spanisch und Englisch sowie Literarisches Schreiben in Tübingen studiert; zwischendurch lebte sie in Madrid, Barcelona und Dublin. Anschließend arbeitete sie im Kino und bei einem Arthouse-Filmverleih, bis sie sich für ein Jahr auf Reisen machte und unterwegs ihren ersten Roman schrieb. Sie lebt in Barcelona und arbeitet bei einem Verlag. Daneben schreibt sie momentan an einem Drehbuch für einen internationalen Kinofilm.

Hier gehts zum Beitrag auf Rudkoffsky.com.


Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Damit gerechnet hatte ich nicht, aber Chancen rechnete ich mir schon aus. Vor allem freue ich mich!

Warum hast Du Dich gerade bei Rudkoffsky.com beworben?

Zunächst wegen der Art der Bücher, die auf diesem Blog rezensiert werden: Ich habe mehrere Reise- und Familienromane entdeckt, die ich auch selbst interessant finde, spannend bis abenteuerlich, aber auch mit Abgründen. Da könnte mein Roman auch reinpassen, hoffte ich zumindest. Außerdem war ich Frank vor Jahren schon einmal begegnet, als meine Erzählung ”Resonanz” in ]trash[pool veröffentlicht wurde.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Einerseits, dass er sich an Debüt-Autoren wendet, die nicht unbedingt viel veröffenticht haben müssen. Ich habe mich vor Jahren schon dem Romanprojekt zugewandt, ohne allzu viele kürzere Texte geschrieben zu haben – zumindest keine, die ich veröffentlichen wollte. Andererseits reizten mich der Kein & Aber-Verlag und Elisabeth Ruge – unabhänging davon, ob ich persönlich Erfolg habe, sagen deren Profile ja einiges über den Anspruch an die gesuchte Literatur aus.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

57,87%. Oder weniger. Oder mehr.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die erste Idee hatte ich schon vor acht Jahren, wirklich bereit zu schreiben war ich dann aber erst 2013. Zunächst ging es langsam voran, doch dann schrieb ich den Großteil der ”Federn” dank eines durch Crowdfunding finanzierten Romanreiseprojekts innerhalb von einem halben Jahr fertig. Tatsächlich daran geschrieben habe ich also zweieinhalb Jahre. Noch bevor ich mich selbst wirklich um die Veröffentlichung bemüht hatte, hatte ich einen Vertrag bei einer großen Agentur, was dann leider doch nicht so passte. Seit ein paar Monaten kann ich nun selbst wieder aktiv werden.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Abgesehen von den üblichen Social Media-Aktivitäten kann ich nun endlich meinen Crowdfunding-Unterstützern und den Followern meiner Facebook-Seite Reise zum Roman etwas Neues berichten. Es ist schon viel Interesse da, und vor allem die, die die ersten Kapitel bei Lesungen gehört und selbst zum Projekt beigetragen haben, fragen immer wieder nach. Da kann ich zum Glück auf weitere begeisterte Unterstützung bauen.

Leseprobe: Sebastian Guhr – “Die langen Arme”

DIE LANGEN ARME
Roman

I

Ich ging, ohne mich zu verabschieden. Ich sprach sowieso wenig mit den anderen und war bloß mitgekommen, weil ich musste. Der Besuch der Patenbrigade galt zwar als freiwillig, aber wenn man nicht teilnahm, konnte man sich am nächsten Tag vom Lehrer was anhören. Ich hatte der erstbesten Arbeiterin meine Glückwunschkarte in die Hand gedrückt und dafür ein dickes Buch geschenkt bekommen, dessen Schutzumschlag die Erde und einen darum kreisenden Satelliten zeigte. Hinter der Frau ratterte das Fließband weiter, und ich machte mir Sorgen über den Rückstand, den sie aufholen musste. Die Arbeiterin sagte noch etwas, aber ich wollte schnell fort. Ich drückte das Buch gegen meine Brust, rannte blind davon und fand mich in einer anderen Halle wieder, durch die ich nicht gekommen war. An einer Wand hingen Schutzbrillen, die mir gefielen, obwohl es nur billige Dinger aus Plastik waren. Ich blickte mich um, schnappte mir eine der Brillen, die ich bei meinen Experimenten gut gebrauchen konnte, schob sie in den Ärmel meines Pullovers und bemerkte erst jetzt, dass ein Wachmann mich beobachtete. Der hat zum Glück bloß geglotzt und nichts begriffen, so dass ich genug Zeit hatte, mich unter eine andere Schulklasse zu mischen, die gerade dabei war, das Werk zu verlassen. Zu gehen, ohne mich von jemand zu verabschieden, war eine schlechte Angewohnheit von mir. Aber nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ich es vor Aufregung oft einfach vergaß. Erst auf dem Feldweg zur Tongrube wurde ich ruhig genug, um das Geschehene zu überdenken. Hatte jedes Kind ein Buch bekommen? Oder war ich mit dem Klasseneigentum geflohen? Ich blickte zum Büromaschinenwerk zurück, dessen Flachbau nur noch als ein grauer Streifen am Horizont lag. Niemand war mir gefolgt. Ich wischte über den Buchumschlag und las erst jetzt den Titel: Die Welt von übermorgen. Das klang vielversprechend. Seit Yvette und ich das Teleskop gebaut hatten, interessierten wir uns für das Weltall, und damit auch für die Erde. Und im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester interessierte ich mich auch für Menschen; sie waren so etwas wie schwarze Löcher für mich, sie machten mir Angst, aber sie zogen mich trotzdem an. Yvette saß mit geschlossenen Augen am Ufer der Tongrube, neben ihr miauten drei Katzen in einem Käfig. Da sie erst in die siebte Klasse ging, hatte sie noch keine Verpflichtungen gegenüber einer Patenbrigade. Ihre Füße steckten bis zu den Knöcheln im Wasser, und in ihren Händen hielt sie ein Stück Käse. Yvette war von der Idee besessen, Düfte nicht nur zu riechen, sondern auch zu hören, weshalb zwei Plastikschläuche den Käse mit ihren Ohren verbanden. Als die Katzen mich sahen, fauchten sie mich an, während Yvette die Schläuche aus den Ohren zog. »Wartest du schon lang?« »Nö.« »Guck mal!« Ich hockte mich neben sie ans Ufer und zeigte ihr die Schutzbrille und das Buch. Die Brille untersuchte sie nur kurz, aber das Buch hielt sie sich zunächst unter die Nase, dann an ihr Ohr. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ein paar Sekunden lang auf die Informationen, die im Papier steckten. Anfangs hatte ich mich darüber lustig gemacht, bis ich selbst diese Begabung in mir entdeckte. Ich blieb allerdings eine Dilettantin und nahm mein synästhetisches Talent hin wie einen Fuß, der von Geburt an nur vier Zehen besitzt, oder wie eine tiefe Stimme, für die man ja auch nichts kann. Yvette dagegen trainierte ihre Begabung und schuf später sogar Geruchsklangskulpturen, für die sie kurzzeitig zu einer lokalen Berühmtheit wurde, bevor alles schiefging und sie sich endgültig aus der Welt zurückzog. »Schade«, sagte sie endlich. »Das ist es nicht… nein nein nein.« Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Kommt nicht an den Käse ran… weiß nicht.« Mit der Sprache, die ich oder Vater oder die Leute in der Stadt benutzten, hatte Yvette schon damals ihre Probleme. Sie formulierte selten einen vollständigen Satz, und außerdem sprach sie sehr schnell. »Es ist zum Lesen gemacht«, sagt ich, »nicht zum Riechen.« Ich nahm ihr das Buch aus der Hand und schlug es an einer beliebigen Stelle auf. »Weiß ich. Riechen ist wie lesen oder eigentlich noch besser… nichts hat keinen Geruch.« Ich blätterte durchs Buch, das uns die vom Kapitalismus befreite Welt von morgen vorstellte. Viele bunte Abbildungen zeigten Geräte, von denen wir nicht wussten, wie sie funktionieren sollten. Im Anhang entdeckten wir detaillierte Baupläne, aber wir hatten keine Zeit, sie uns genauer durchzulesen. »Wir müssen los«, sagte ich, nachdem ich aufgestanden war. Ich setzte mir die Schutzbrille auf, nahm das Buch unter den Arm und hob den Käfig mit den Katzen an. Der kürzeste Weg zum Katzenmann, mit dem wir verabredet waren, führte den Bach entlang durch ein Wäldchen. Ich ging voran, während Yvette mir – eine Melodie summend, die angeblich aus dem Käse kam – folgte. Sie achtete niemals auf den Weg und überließ es immer mir, die Entscheidungen zu treffen. Sie war zu sehr mit ihren Eindrücken beschäftigt. Auf die oft gestellte Frage nach unseren Berufswünschen antwortete ich meistens mit »Wissenschaftlerin« und sie mit »Nasenkünstlerin«. Sie hielt das tatsächlich für einen realistischen Beruf. Der Katzenmann lebte am Stadtrand wie wir, etwa vier Kilometer von unserem Haus entfernt, und er zog die Katzen an wie ein Magnet. Manche in der Stadt behaupteten, der Katzenmann wäre geistig zurückgeblieben und gehöre nach Mühlhausen, wo sich damals eine psychiatrische Klinik befand. In einem Vortrag an unserer Schule hatte unser Abschnittsbevollmächtigter Worgitzky ihn als asoziales Element bezeichnet und uns Kinder vor ihm gewarnt, was nur zur Folge hatte, dass ich mich noch mehr für ihn interessierte. Ich glaube, der Katzenmann war anders und irgendwie kauzig, aber nicht verrückt. An den durchs Gebüsch streunenden oder in der Sonne liegenden Katzen erkannten wir, dass wir uns seiner Bretterbude näherten. Er saß im Unterhemd auf einer Bank neben dem Eingang und briet einen auf einen Stock gespießten, gehäuteten Katzenkörper über einer brennenden Mülltonne. Seine Arme und Beine waren dünn, und seine zerzausten, schwarzen Haare hingen unterschiedlich lang von allen Seiten seines Kopfes herunter. Seine ausgeleierte Unterhose musste er mit einer Hand festhalten, als er aufstand. Er freute sich, uns zu sehen, sprang barfuß auf dem Waldboden hin und her wie auf glühenden Kohlen und rief: »Broilerplaste Traktorist!« Ich blickte fragend zu Yvette, die nur mit den Schultern zuckte. Meistens hatten wir keine Ahnung, wovon er sprach, aber er war zu einer nützlichen Bekanntschaft für uns geworden, seit wir herausgefunden hatten, dass organische Materialien, insbesondere Tierkörper, hervorragende geruchsleitende Eigenschaften besitzen. Wir benötigten Kadaver als Bauteile für einen Apparat, an dem wir seit ein paar Wochen bastelten, aber da wir es nicht übers Herz brachten, die Tiere zu töten, übernahm der Katzenmann es für uns. Ich sagte mir, dass er uns wahrscheinlich mochte, weil wir ebenfalls am Stadtrand wohnten. »Hier sind ein paar Katzen.« Ich stellte den Käfig auf den Boden und ging einen Schritt zurück. Der Katzenmann sollte mir keinesfalls zu nahe kommen. »Wir brauchen wieder nur die Köpfe. Den Rest kannst du behalten.« »Obmessböker?« Er hielt mir den Bratspieß entgegen. »Oh…« Ich hob abwehrend beide Hände. »Hab schon gegessen.« Er lehnte den Spieß gegen die Bank, nahm eine Katze aus dem Käfig und trug das strampelnde Tier zu einer Regentonne neben der Hütte. Er tauchte die Katze unter die Wasseroberfläche und sah lachend zu uns herüber. Ich hielt schnell meine Hand vor Yvettes Augen, doch sie stieß sie weg. »Lass mich, ich will das sehen!« Der Träger seines Unterhemds rutschte von seiner knochigen Schulter und offenbarte eine behaarte Brust. Außerdem hing eine Hode halb aus seiner Unterhose heraus. Am liebsten hätte ich Yvette nochmal die Augen zugehalten – was aber gar nicht nötig gewesen wäre, denn sie hatte die Augen von selbst geschlossen und hielt eines der Schlauchenden, das sie aus dem Käse gezogen hatte, in Richtung der Regentonne. Sie sah aus wie eine Dokumentarfilmerin, die mit einem Mikrofon seltene Tiergeräusche aufnahm. Den Katzenmann schien das alles nicht zu stören. Nach einer Weile zog er den schlaffen Katzenkörper aus dem Wasser und klatschte ihn neben die Regentonne. »Kannst du uns die Köpfe schon mal geben?« Ich wollte nicht dabei sein, wenn er die anderen Katzen ertränkt. »Unser Vater wartet auf uns.« Auf die Erwähnung unseres Vaters reagierte er mit einem ernsten Nicken. Er verschwand hinter seiner Hütte und kehrte kurz darauf mit einem gefüllten Kartoffelsack zurück. Ich legte das Buch auf dem Waldboden ab und öffnete den Sack, den das in den Stoff gesickerte und getrocknete Blut dunkelfleckig und steif gemacht hatte. Die zehn Katzenköpfe sahen aus wie nasse Knäuel aus grauer und schwarzer Wolle. »Sehr gut. Danke!« Yvette und ich griffen jeweils einen Zipfel des Sacks. Wir verabschiedeten uns und gingen eilig davon, denn ganz geheuer war uns dieses Geschäft nicht gewesen. Dass ich das Buch Die Welt von übermorgen auf dem Waldboden liegengelassen hatte, fiel mir erst später ein.

Am nächsten Tag war der 1. Mai. Als wir morgens in weißen Hemden und mit roten Halstüchern in die Küche kamen, blies Vater gerade Luftballons auf, die er an mit Krepppapier umwickelte Stöckchen band. »Bitteschön, eure Wink-Elemente!« Er selbst nahm nicht am Umzug teil, da er sich – wie jedes Jahr zur gleichen Zeit – eine Erkältung eingefangen hatte. Den ganzen Winter über war er nicht krank gewesen, als ob er sich seine Erkältungen für Zeitpunkte aufsparte, an denen sie ihm nützlich waren. Ich fragte mich, wie er das machte. Da wir spät dran waren, rannten wir dem Mai-Umzug hinterher. Gruppenratsvorsitzender Rico Kuhn hatte dafür gesorgt, dass meine Schulklasse an der Spitze des Umzugs lief, was es mir erschwerte, sie einzuholen. Ich vereinbarte mit Yvette, die zu ihrer Klasse musste, einen Treffpunkt draußen bei der Müllkippe und drängelte mich durch die Menge voran. Als ein Luftballon platzte, hob eine Frau neben mir erschrocken beide Hände wie bei einem Überfall, aber dann lachte sie. Eine Blasmusikkapelle spielte einen Marsch, und die örtliche Kampfgruppe fuhr in dachlosen Militär-Trabis vor, in denen Männer mit Maschinengewehren breitbeinig standen. Als ich an der großen Tribüne vorbeikam, winkte ich mit meinem Stöckchen kurz so, wie wir es im Unterricht geübt hatten. Dann drängelte ich mich weiter voran. Kurz vor dem Ende der Kundgebung erreichte ich meine Klasse. Weder der Lehrer noch Rico Kuhn, der damit beschäftigt war, eine blaue Pionierfahne von der Größe unsere Wohnzimmerteppichs zu schwenken, bemerkten mein Zuspätkommen. Als sich der Umzug auflöste, beteiligte ich mich noch ein wenig an den Spekulationen darüber, welche Politiker (vielleicht sogar Erich Honecker?) auf der Tribüne gesessen hatten, bevor ich mich zur Müllkippe aufmachte, wo Yvette bereits auf mich wartete. Es gab drei wilde Müllkippen im Umkreis von ein paar Kilometern, bei denen wir regelmäßig vorbeischauten, um in alten Waschmaschinen oder Radios nach Bauteilen zu suchen, die wir irgendwie gebrauchen konnten. Fast alle Bewohner von Gangolfsömmern brachten ihren Sperrmüll hierher, auch unser Abschnittsbevollmächtigter Worgitzky, dessen Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, wilde Müllkippen zu verhindern. Wir hatten ihn einmal dabei beobachtet, wir er einen Fernseher aus dem Kofferraum seines Polizeiautos holte und den Abhang hinunterwarf. Yvette hatte ihr Wink-Element weggeworfen und sich die Schläuche des Käse-Stethoskops in ein Ohr und in ein Nasenloch gesteckt, aber ihre Augen waren offen und sie schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Als ich mich neben sie an den Abhang setzte, sprach sie sofort über den Katzenmann, wobei ihre Stimme hoch war und ihre Stirn wie bei einem Fieberschub glühte. »Er hat niemanden, oder?« »Ich glaube, seine Eltern sind gestorben.« »Seine Haut ist ziemlich schmutzig, aber ich weiß nicht… Findest du ihn sehr hässlich?« »Er hat lange Haare.« »Du auch…« Damals war mein Haar noch lang, und manchmal trug ich sogar neonfarbene Spangen und ein Kleid. Ich fand, das war eine Art Kompromiss. Yvette dagegen hat in ihrem ganzen Leben noch kein Kleid getragen, und ihre Frisur sah damals pilzförmig aus wie die von den Beatles, obwohl sie lieber Orgelmusik hörte. »Stimmt«, sagte ich. »Aber seine sind fettig.« »Stört mich nicht.« »Ich hab das Buch gestern bei ihm vergessen.« »Ich kann es holen.« »Nein, du gehst nicht allein zu ihm.« »Warum nicht?« Ihre Stimme klang trotzig. Ich stieß mich vom Boden ab und rannte den Abhang zur Müllkippe hinunter, denn ich hatte einen ungewöhnlichen Gegenstand entdeckt, der sich von Nahem als ein Funkgerät herausstellte. »Wer wirft denn so etwas weg?« rief ich empört und winkte Yvette zu mir. Yvette knackte das Plastikgehäuse mit einem Fußtritt, den man ihr nicht zugetraut hätte, und holte aus dem Lautsprecher eine fingerhutgroße Membran. »Perfekte Größe«, sagte sie, nachdem sie die Membran in den Nasenschlauch und dessen Ende wieder in den Käse gesteckt hatte. Sie schloss ihre Augen. »Das ist anders…«, murmelte sie nach einer Weile. Da die Membran als Verstärker wirkte, konnte Yvette nun mehr als vorher riechen. »Hast du was zum Schreiben?« fragte sie und begann, den neuen Geruch zu summen. »Nein.« »Nicht so wichtig. Es ist nett… Aber ich spüre nichts Besonderes.«
Yvette sammelte Geruchsmelodien wie andere Menschen Briefmarken, und was den Philatelisten ihre Blaue Mauritius war, das war für Yvette eine Duftnote, die sie nur durch Beschreibungen aus Büchern kannte und die sie als Swing bezeichnete, weil sie die Körperzellen des Riechenden angeblich zum Schwingen bringen konnte. Für die meisten Menschen, die wir kannten, stellte der Sozialismus den einzigen Weg zum neuen Menschen dar. Für Yvette aber war der Swing eine weitere, vielleicht sogar mächtigere Möglichkeit zur grundlegenden Veränderung eines Individuums dar. Ich war mir bei beidem nicht sicher, aber natürlich half ich meiner Schwester bei der Suche. »Kein Glück?« fragte ich. »Nein… das hier geht in eine ganz andere Richtung. Eher ein Kinderlied.« Sie hatte viel über den Swing gelesen, besonders ein Buch mit dem Titel De consolatione olfacere hatte es ihr angetan. Eine für Kinder aufbereitete Übersetzung hatten wir in der Stadtbibliothek gefunden, zusammen mit einem Set zum Erzeugen eigener Düfte, das aber unbrauchbar war. »Aber jetzt müssen wir los«, sagte ich. Wir hatten wir es eilig nach Hause zu kommen, um in der Garage weiter an dem Apparat zu basteln, den wir die Fleischblume nannten und der uns schon seit Wochen beschäftigte.

Ich setzte mir meine Schutzbrille auf und kroch unter den auf eine Stehlampe geschraubten Leuchtglobus, von dem wie bei einer riesigen Pusteblume dreißig Metallstäbe in alle Richtungen weggingen. Auf jedem Stab steckte ein Katzenkopf, und jeder Katzenkopf wurde durch einen Schlauch mit einem Akkordeon verbunden, das Yvette, auf einem Hocher sitzend, in den Händen hielt. Ich stopfte den letzten von dreißig Schläuchen in den Katzenkopf über mir, wobei ich die graue Luftröhre ein wenig mit dem Zeigefinger weitete, damit das Schlauchende hineinpasste. Auf meine Schutzbrille tropfte Blut. »Fertig«, sagte ich und knipste den Leuchtglobus an, wodurch die Katzenköpfe mit Strom versorgt wurden. »Gib mal ein A!« Ich hörte Luft aus dem Akkordeon, aus dem wir die Metallzungen entfernt hatten, in die Schläuche strömen und kurz darauf einen Rülpser, der aus dem Katzenmund über mir kam. Ich atmete tief ein und konzentrierte mich auf meine Nase, genauer gesagt auf meine Scheidewände, wo die Schallwellen auf Flimmerhärchen trafen und sich in Geruch verwandelten. »Glasklar!« rief ich. Anfangs hatten wir mit einem die gewünschte Duftnote verfälschenden Schmorgeruch zu kämpfen – bis wir die Stromspannung reduziert hatten. Wir wussten nicht woran es lag, dass sich Düfte in einer solchen Reinheit nur elektrisch aufgeladenen Tierkörpern entlocken ließen. Pflanzen reagierten zu lasch, und unorganisches Material war gar nicht zu gebrauchen. Lag es am Rest Lebensenergie, der noch in den Katzen steckte? Wir hatten ihre kleinen Lider nach unten geschoben, weil wir ihre offenen Augen gruselig fanden. Aber da ihre Mäuler offenbleiben und die zur Tonerzeugung wichtigen Zungen herausstrecken mussten, wirkten sie trotzdem nicht wie sanft schlafende Kätzchen, sondern wie von Albträumen geplagte, schreiende Monster. Ich kroch unter der Fleischblume hervor, sammelte das auf dem Garagenboden liegende Werkzeug ein und warf es zurück in den Universalbaukasten, den ich von meinem Vater zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ich wischte mir die Hände an einem Lappen ab und stellte mich hinter Yvette, die begonnen hatte, auf dem Akkordeon die Internationale zu spielen. Die einfache Melodie eignete sich gut zur Probe, wogegen bei komplizierteren Musikstücken oft nur Geruchsbrei herauskam. Aber auch so fand ich das Ergebnis ziemlich dissonant. Ich war unzufrieden, aber Yvette ließ keine Kritik zu und nannte es avantgardistisch. Sie besaß alle Schallplatten von Nova, dem einzigen Label für Neue Musik, und ich glaube, ihr schwebte nichts weniger als eine ästhetische Revolution auf diesem Gebiet vor. Ich war stolz auf die Fleischblume, aber meine eigenen Projekte hatten nichts mit Geruchskunst zu tun. Ich interessierte mich eher für Kommunikation. Für mich stand die Nützlichkeit einer Erfindung im Vordergrund – wahrscheinlich weil ich als ältere Schwester immer die Verantwortung übernahm. Mich faszinierten alle möglichen Verbindungswege zwischen Menschen, von den Fingerspitzen über das Rohrpostsystem in unserem Haus bis zu den Straßen und Telefonleitungen in unserer Stadt. Im Universalbaukasten gab es dafür ein eigenes Fach mit dem Titel ‚Fühlungnahme‘. Ich kletterte auf das Motorrad unseres Vaters, schloss meine Augen und roch die Kakophonie aus Katzenrülpsern, als ich ein Geräusch von draußen hörte. »Sei mal still«, flüsterte ich. Ich schaffte es gerade noch vom Motorrad zu springen, bevor unser Vater das Garagentor hochzog. Er war groß und musste seinen Kopf einziehen, um einzutreten. Mich und meine blutverschmierte Brille sah er zuerst. Es war aussichtslos, ihm die Situation zu erklären, sobald er die Katzenköpfe erblickt hatte. »Was ist das? Sind das tote Katzen?« »Nur die Köpfe. Und wir haben sie nicht getötet!«, sagte ich. »Steckt dieser verrückte Katzennarr dahinter?« Ich war überrascht, wie schnell er auf den Katzenmann als Bezugsquelle kam. Vater stützte sich auf die Knie und sah sich die Fleischblume genauer an. »Funktioniert es denn wenigstens?« »Es ist wirklich außergewöhnlich.« Ich blickte zu Yvette, die mich irgendwie unterstützen sollte, die aber wie immer in solchen Situationen stumm blieb. »Spiel mal was!«, sagte er zu Yvette, die daraufhin das Akkordeon zusammendrückte. Rülpsmusik war nicht gerade das, was Vater erwartet hatte, aber zumindest nickte er anerkennend. Er konnte streng sein, aber wenn er schimpfte, bekam er schnell ein schlechtes Gewissen. Unsere schöpferische Entwicklung war ihm sehr wichtig, denn unsere Erziehung stand ganz im Zeichen der Psychoanalyse. Er hatte darüber Bücher von C. G. Jung, Siegmund Freund und anderen gelesen; Bücher, die es in der Bibliothek oder im einzigen Buchladen der Stadt nicht gab und die er im obersten Fach seines Buchregals vor uns versteckte. Soweit ich es verstand, betrachtete Vater das menschliche Gehirn als eine Art Leitungssystem, das regelmäßig mit Ideen durchblasen werden muss, damit es gesund weiterwachsen kann. »Gut, ich weiß eure Leistung zu schätzen, aber die Kadaver können Krankheiten verbreiten. Eine Woche kann es hier noch stehen, danach müsst ihr es abbauen.« Wir stimmten zu. Danach fragte er, wie der 1. Mai-Umzug gelaufen war. »Bescheuert wie immer«, sagte ich. »Können wir am 1. Mai nicht auch erkältet sein?« »Wenn ihr alt genug seid, könnt ihr machen was ihr wollt, aber noch bin ich für euch verantwortlich. Und jetzt ab ins Bett!« In dieser Nacht dauerte es lang, bis wir einschliefen. Yvettes Bett stand anderthalb Meter entfernt von meinem, an der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Das ständige Quietschen der Bettfedern verriet ihre Unruhe. »Was hast du?« fragte ich. »Die ganze Arbeit war umsonst.« »Wir werden einen besseren Ort für die Fleischblume finden. Der Apparat funktioniert, das ist das Wichtigste. Wir haben den Bauplan in unseren Köpfen, den kann uns niemand nehmen.« Vorsichtig wurde die Tür geöffnet, Licht drang durch den Spalt. Vater konnte nicht einschlafen, bevor er uns noch einmal umarmt hatte. Er sagte, dass die Fleischblume unserer Mutter bestimmt gefallen hätte, denn Blumen hatte sie gemocht. Manchmal setzte er sich noch auf die Bettkante und erzählte von ihr, aber an diesem Abend war er zu müde. Ich war fünf Jahre alt gewesen, als Mutter uns verlassen hat. In der Küche hing ein Foto von ihr. Es konkurrierte mit einem Foto von Walentina Tereschkowa-Nikolajewa, der ersten Frau im Kosmos, das ich danebengehangen hatte.

Am Samstagnachmittag gingen Yvette und ich zur Gärtnerei, um Blumen für Yvettes Jugendweihe zu holen und um mit Goran, dem Gärtner, ein paar Runden Rommé zu spielen. Die Gärtnerei befand sich, wie unser Haus, am Stadtrand, allerdings genau auf der anderen Seite der Stadt. Goran war Papas Freund und der Grund für unseren Umzug nach Gangolfsömmern zwei Jahre vorher, denn Goran hatte das Haus in der Straße der Jugend geerbt und günstig an uns weiterverkauft. Da ich keine Freundinnen hatte (mir fiel es schwer, welche zu finden, ich weiß nicht wieso) war Gorans Bekanntschaft mir sehr wichtig. Um ehrlich zu sein war ich ein wenig in ihn verknallt. An diesem Tag wollte ich ihn mit meinem Wissen über die Psychoanalyse beeindrucken. Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein interessierter Laie blieb, hatte Goran nämlich eine Ausbildung zum Psychotherapeuten angestrebt, was ihm aber verwehrt worden war. Im Gewächshaus, in dem wir Rommé spielten, fand einmal im Monat ein Psychoanalyse-Lesekreis statt, den auch Vater ab und zu besuchte. Im Gewächshaus war es so schwül, dass die Rommé-Karten weich und biegsam wurden. Um den Gartentisch, an dem wir saßen, wuchsen Palmen, und ich wedelte mir mit einem Fächer Luft ins Gesicht. Yvette und ich hatten unsere Badeanzüge mitgenommen und uns mit dem Wasserschlauch bespritzt. Ich fühlte mich wie im Urlaub, kicherte herum, schüttelte meinen Kopf und machte die Karten nass, die Yvette verteilte. Goran hatte eine große Schüssel mit Erdbeeren auf den Tisch gestellt und nahm seine Karten auf. Gorans Frau Ellen saß mit am Tisch, aber sie spielte nicht mit. Goran hatte sie ins Gewächshaus tragen müssen, da sie zu schwach war, um selbst zu gehen. Sie hatte irgendeine Krankheit. Einmal versuchte sie, die Karten zu halten, aber sie schaffte es nicht. Sie sagte nie etwas und blickte geistesabwesend vor sich hin. Da Yvette immer lang überlegte, bevor sie auslegte, konnte ich mich währenddessen mit Goran unterhalten. Ich hatte einen Satz aus einem von Vaters Büchern auswendig gelernt und trug ihn vor: »Stimmt es, dass sich die kindliche Psyche von der Realität abwendet und mittels Phantasie selbstberuhigende Gratifikationen produziert?« Das klang ziemlich lächerlich aus meinem Mund. »Frag dich das selbst«, antwortete Goran. »Warum erfindet ihr diese Apparate?« »Es macht einfach Spaß!« »Und hast du sie schon vor eurem Umzug, als du noch mit deinen alten Freundinnen zusammen warst, erfunden?« Ich war überrascht. Tatsächlich hing das eine mit dem anderen zusammen. »Nein. Damals war es mir nicht so wichtig.« Goran hatte in Berlin ein paar Semester Psychologie studiert, aber nachdem er kurz vor seinem Examen bei einem Kongress einen Vortrag nicht halten durfte, hatte er der offiziellen Psychologie den Rücken zugekehrt und war Gärtner geworden. Ich schob es auf seine fundierten Kenntnisse des menschlichen Geistes, dass er beim Rommé meistens gewann. »Vielleicht studiere ich auch Psychologie«, sagte ich, obwohl ich das keinesfalls vorhatte. »Ich erinnere mich noch an den verklemmten Ton, in dem sich die Dozenten über die Psychoanalyse lustig gemacht haben«, sagte Goran. »Ich hab einfach keinen Professor gefunden, der mich für eine Ausbildung zum Therapeuten empfehlen wollte.« »Dann hättest du ihr helfen können«, sagte ich und kippte meinen Kopf leicht in Richtung Ellen. Ich merkte sofort, dass es taktlos war, vor ihr so zu sprechen – auch wenn es kein Anzeichen gab, dass sie uns zuhörte. War ich eifersüchtig auf sie? Yvette blickte von ihren Karten auf und sah mich fragend an. »Kann ich auch so«, murmelte Goran und legte seine Hand auf Ellens Unterarm. Ich bereute mein flapsiges Gerede und streichelte Ellens anderen Unterarm. Ellen war krank, seitdem sie eine Nacht im roten Backsteinhaus der Staatssicherheit verbracht hatte. Zumindest hatte es mir Vater so erzählt; ich traute mich nicht, Goran danach zu fragen. Angeblich hatte ein Buchbinder, dem Ellen ein zerlesenes Buch von Carl Gustav Jung zum Binden gebracht hatte, sie angeschwärzt. Aber vielleicht wollte Papa mit dieser Gruselgeschichte auch nur bewirken, dass ich meine Finger von seinen Büchern ließ. Jedenfalls schienen ein paar Menschen wirklich Angst vor der Psychoanalyse zu haben, so als könnten sie von ihr wie von einer Lawine überrollt werden. Mir kam das übertrieben vor. Im Vergleich zu den handfesten Apparaten, die Yvette und ich entwickelten, ging es bei der Psychoanalyse bloß um Wörter, an denen bestimmte Gefühle hingen. Ich fand unsere Erfindungen viel mächtiger.

Als am Montag-Vormittag zum Fahnenapell auf den Schulhof gerufen wurde, fürchtete ich, es könnte um mich gehen. Während wir uns in U14 Form aufstellten, erkundigte ich mich hastig bei den anderen Schülern und war erleichtert als ich erfuhr, dass beim Besuch der Patenbrigade viele Bücher verschenkt worden waren und ich also nicht mit dem Klasseneigentum fortgerannt war. Und auch um eine geklaute Schutzbrille ging es bei dem Apell nicht. Er wurde abgehalten, weil jemand eine Plastiktüte des imperialen Klassenfeinds mit in die Schule gebracht hatte. Das geschah manchmal einfach aus Gedankenlosigkeit, manchmal aber auch aus Angeberei. Der Schuldirektor hielt die Tüte mit der Aufschrift Woolworth in die Höhe und sprach von westlicher Propaganda. Er versuchte, die Tüte vor allen Augen zu zerreißen, aber das Material erwies sich als zäh und dehnte sich zwischen seinen Händen, bis er aufgab und den Morgenappell beendete. Dass sich niemand um eine fehlende Schutzbrille zu kümmern schien, machte mich übermütig. Auf dem Weg zum Klassenzimmer traute ich mich, sie mir zum ersten Mal in der Öffentlichkeit aufzusetzen. Es war mir wirklich wichtig.Während der vergangenen zwei Jahre hatte ich mich in einen Elitarismus geflüchtet, der mich wahrscheinlich unsympathisch und durchgeknallt wirken ließ, der mir aber half, meine seltsame Stellung unter den Menschen zu ertragen. Ich wurde von allen Seiten angestarrt, aber überraschenderweise sagte niemand etwas zu mir. Im Unterricht träumte ich vor mich hin. Ich stellte mir vor, wie imperialistische Söldner unsere Stadt besetzen und die Woolworth-Flagge auf der Spitze unseres Rathausdaches hissen. »Antje, hörst du überhaupt zu?« »Was? Ja, Herr Stolper.« Deutschlehrer Stolper trug eine gepunktete Fliege unter seinem Kinn, sein Haar war pomadisiert und zum Mittelscheitel gekämmt. An meinem ersten Tag in der neuen Schule hatte er mich der Klasse vorgestellt und meinen Nachnamen falsch ausgesprochen (Antje Günther, statt Antje Gruenter). Ich hatte mich nicht getraut, ihn zu korrigieren. Alle Blicke waren auf mich gerichtet gewesen und ich hatte gemerkt, wie ich rot wurde. In der Pause war dann ein Mädchen mit einer großen Brille zu mir gekommen, das sich als Karina Worgitzky (die Tochter unseres Abschnittsbevollmächtigten, wie ich später erfuhr) vorstellte. Sie hatte gefragt, von wo ich zugezogen war, und ich hatte ihr den Namen des Dorfs so leise gesagt, dass sie nur verwirrt genickt hatte und fortgegangen war. »Ich kann dich nicht hören«, sagte Herr Stolper. »Komm bitte zur Tafel vor.« Ich stand auf und ging mit hängendem Kopf nach vorn. Als ich mich zur Klasse umdrehte, wusste ich nicht wohin mit meinen Händen und steckte sie in meine Hosentaschen. »Hast du Löcher in den Taschen?« Wenn Lehrer Stolper mir eine Frage stellte, drängelten sich oft zwanzig Antworten gleichzeitig in meinem Kopf in Richtung Mund, sodass es einen Gedankenstau gab und ich meistens stumm blieb. »Nimm die Hände da raus«, sagte er, nicht einmal streng. Ein paar Mädchen in der letzten Reihe kicherten. Karina Worgitzky nickte mir mit ihren kleinen Augen hinter der großen Brille aufmunternd zu. Damals am ersten Tag hatte sie sich nach der Pause neben mich gesetzt und mir Lakritze angeboten. Leider wird mir von Lakritze oft übel, so dass ich hatte ablehnen müssen. Außerdem beneidete ich sie um ihre große Brille. In meiner Vorstellung mussten Wissenschaftlerinnen und Erfinderinnen dicke Brillen tragen – dummerweise konnte ich sehr gut sehen. Wie auch immer, es war uns nicht gelungen, Freundinnen zu werden. Ich hatte sie ein paar mal zu mir nach Hause eingeladen, was sie nicht zu mögen schien. Sie hat immer wieder Gründe gefunden, um nicht zu kommen. »Diese Schutzbrille, Antje. Ich fragte, was diese Schutzbrille soll.« »Ich brauche sie für meine Augen.« »Hast du eine Bescheinigung vom Augenarzt?« »Nein«, flüsterte ich. »Dann gib mir die Brille jetzt. Ich bewahre sie auf, bis es…« Zum Glück beendete das Klingeln den Unterricht in diesem Moment. »Wo hast du die Brille überhaupt her?« rief Herr Stolper, während ich schon die Treppe hinunterrannte. Karina folgte mir, aber ich wollte meine Ruhe haben. Vor der Essensausgabe der Mensa nahm mir ein FDJler die Schutzbrille einfach vom Gesicht und setzte sie sich auf. Ich streckte mich erfolglos, um sie mir zurückzuholen, und war den Tränen nahe. Karina wollte mir helfen, aber ich sagte ihr, dass ich keinen Wachhund brauche und dass sie schonmal vorgehen soll. Das war gemein, aber ich war wirklich gestresst. Ich sprang noch ein paarmal in die Luft, um nach der Schutzbrille zu greifen, bevor ich trotzige meine Arme verschränkte und mich in einen inneren Raum zurückzog, wie so oft, wenn ich Ärger mit Mitschülern hatte. Ich war dann gar nicht mehr in dieser Welt. Ich saß auf einem großen, goldenen Thron, und dieser Thron klemmte in der Astgabel eines Baums, der so hoch war, dass – wenn ich hinunterblickte – sein Stamm im Dunst verschwand.Weit entfernt am Horizont stand ein anderer Baum, aber ich konnte nicht erkennen, ob es dort einen Thron gab, auf dem jemand saß. Ich rief »Hallo?« und winkte mit den Armen, aber das war alles vergeblich. Ich wusste, dass ich bald in die Welt zurückkehren musste. Ich baumelte mit einem Bein über der Armlehne des Throns und dachte nach. Oft bildeten innere Probleme wie das des zu weit entfernten anderen Baums die Keime für neue Erfindungen. So erfand ich das Aquafon, das aus zwei Wasserbecken bestand, die über sechsundzwanzig Drähte miteinander verbunden waren. Mit diesem Gerät könnte man über große Distanzen hinweg Nachrichten austauschen. Ich versuchte, mir den Einfall zu merken und kehrte in die Welt zurück. »Ist das eine Brille oder ein Spielzeug?« fragte der FDJler. »Das Ding kann man ja vergessen!« »Kann ich sie bitte zurückhaben?« Er äffte mich nach, und tatsächlich erschreckte mich meine Unterwürfigkeit. Sie passte überhaupt nicht zum Bild, das ich von mir hatte. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte ihn, ob er das Stockwerk der Möglichkeiten im Ministerium des Schmerzes kannte. »Hä?« Er setzte mir die Schutzbrille wieder auf die Nase. »Du gehörst ja nach Mühlhausen!« Sie sagten immer nur Mühlhausen. Anfangs hatte ich gerätselt, was sie damit meinten. Diese nicht weit entfernte Stadt war durch ihre Psychiatrie für die Bewohner der Region zu einem Mythos geworden. Ich vermutete allerdings, dass die Wenigsten sich eingehender mit der Klinik beschäftigten. Von Goran wusste ich, dass er einen der Ärzte zum Lesekreis eingeladen hatte und dass es im Gewächshaus zu einem fürchterlichen Streit gekommen war. In der Mensa winkte Karina zaghaft von einem der besetzten Tische, aber ich wollte allein sitzen, um über das Aquafon nachdenken zu können. Jeder der sechsundzwanzig Drähte würde einem Buchstaben des Alphabets entsprechen. Wenn durch einen der Drähte Strom floss, brauchte man nur zu schauen, über welchem Buchstaben Luftbläschen aufstiegen, um die Botschaft zu entschlüsseln. Aber wie ließ sich das praktisch umsetzen? Ich kehrte auf meinen Thron zurück und hielt das verkabelten Wasserbassin in den Händen, während ich in der anderen Welt hastig mein Mittagessen verschlang. Es war anstrengend, in beiden Welten gleichzeitig zu sein und keinen Fehler zu machen. Wie hatten das die anderen großen Wissenschaftlerinnen geschafft? Hatte Walentina Tereschkowa-Nikolajewa einen Ehemann, der für sie den Alltag regelte? Ich beeilte mich nach Hause zu kommen, um Papas altes Aquarium vom Dachboden zu holen und die Sache mit dem Aquafon auszuprobieren. Die Idee erwies sich als unausgereift, und ich beschloss, ein paar Nächte darüber zu träumen. Auf diese Weise fand ich oft gute Lösungen. Ich nannte die Methode Traumwandern, denn im Schlaf ging ich tatsächlich durch das Innere der Apparate, suchte nach Konstruktionsfehlern und probierte neue Möglichkeiten aus. Nach dem Aufwachen konnte ich mich dann immer klar an alles erinnern und die Erkenntnisse umsetzen. Meine Hausaufgaben erledigte ich nebenbei, sie kosteten mich keine besondere Anstrengung. Während die anderen Kinder nachmittags im Pionierhaus Tischtennis spielten oder ins Freibad gingen, bastelten Yvette und ich weiter an unseren Apparaten. Wir demontierten die Fleischblume, so wie Vater es verlangt hatte, und da wir noch keinen anderen, dauerhaften Ort für sie gefunden hatten, konservierten wir die Katzenköpfe mit Haarlack und verstauten sie heimlich in Kartons auf dem Dachboden.

Yvette und ich hatten einmal einen kleinen Streit, weil sie behauptete, nur von Lebewesen und niemals von Apparaten zu träumen. Irgendwie passte das nicht zu ihr und ich glaubte es ihr nicht. Sie blieb aber dabei und schwor, dass diese Lebewesen perfekt wären und nichts an ihnen verbessert werden müsste, weshalb Yvette im Gegensatz zu mir immer ruhig und fest schliefe. Ich glaube, sie war einfach neidisch auf mein Traumwandern und auf die Möglichkeiten, die es bot. In der Nacht nach dem Streit lenkte ich meine Phantasie auf ein möglichst perfektes Lebewesen, ich dachte dabei an einen Engel, dann an eine im Wasser schwebende Qualle, und dann an einen Kolibri. Letztlich kam etwas ganz anderes heraus: ein nackter, faltiger Klumpen mit einem Rüssel und zwei kleinen, verkümmerten Pfoten. Das Vieh schwebte über mir, und ich konnte ihm nichts Schönes abgewinnen. Im Gegenteil, es spuckte etwas Klebriges auf mich herab, das in meinen Mund hineintropfte und eklig schmeckte. Ich erwachte draußen auf der Wiese hinter unserem Haus, ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Als ich etwas auf meinem Gesicht spürte, dachte ich an die Spucke vom Vieh aus meinem Traum, aber es waren bloß Regentropfen. Ich fröstelte und setzte mich auf einen Stein unter einer Hecke, um vor dem Regen geschützt zu sein. Ein süßer Geruch umgab mich. Wieder hatte ich das Gefühl, noch im Traum zu sein. Ich roch nach rechts und links, drehte mich um und erkannte, dass ich auf dem Rand eines leeren, flachen Beckens saß, in dem früher vielleicht Goldfische geschwommen sind. Das Becken hatte in seiner Mitte einen breiten Abfluss, aus dem der Geruch zu strömen schien. Ich stieg über den Beckenrand, beugte mich über die Öffnung und blickte hinein. Innen an der Wand waren Haken befestigt, und ganz unten, etwa fünf Meter tief, glomm ein Licht. Für einen Erwachsenen wäre die Öffnung zu klein gewesen, aber mein Körper passte gerade so hinein. Ich kletterte bis zum Licht hinab, das aus einer Röhre kam, in die ich kroch. Ich schob mich mit den Ellenbogen voran, dem Licht entgegen, und erreichte eine Art Waschraum, den ich nicht kannte. An den Wänden hingen Spiegel, Kleiderhaken und Waschbecken mit altmodischen Wasserhähnen. Alles wirkte sauber, und aus sämtlichen Ausgüssen strömte dieser süße Geruch. An diesen Raum schloss sich ein weiterer, ähnlich ausgestatteter an. Unser Garten war offenbar unterkellert. Da die Deckenlampen brannten, musste jemand hier sein oder sich vor kurzem hier aufgehalten haben. Ich ging an Toilettenkabinen vorbei und gelangte in einen Lagerraum mit hohen Regalen, in denen Schaufensterpuppen lagen. Manchen der Puppen fehlten Körperteile, hier ein Kopf, dort ein Arm oder ein Bein. In einer Ecke des Lagerraums war ein Container voller Puppenköpfe, daneben standen Tische, auf denen künstliche Körperteile lagen. Wahrscheinlich handelte es sich um Ersatzteile für die Puppen. Aus den Armen und Beinen ragten Metallstangen, die mir sofort bekannt vorkamen. Diese typischen, genormten Bauteile gab es nur im Universalbaukasten, was bedeutete, dass Yvette diese Körper gebaut hatte. Sie musste schon seit Wochen oder sogar Monaten hier unten am Werkeln gewesen sein. Ich nahm ein Ohr als Beweisstück mit. Warum hatte sie mir nichts von ihrer Entdeckung erzählt? Hätte sie mich früher oder später eingeweiht? Etwas gekränkt ging ich weiter und kam in einen langen Flur mit jeweils vier Türen auf beiden Seiten. Der Boden bestand aus dunklem Parkett, die Wände waren grün gestrichen. Die erste Tür, deren Klinke ich drückte, war nicht abgeschlossen. In einer hohen, holzvertäfelten Kammer lehnte eine Metallleiter an der Wand. Ich hörte ferne Stimmen, stieg die Leiter hinauf und entdeckte einen Spalt an der Kammerdecke, durch den ich in unsere Küche sehen konnte. Yvette steckte gerade ihre Brotbüchse in den Schulranzen und Vater war dabei, das Frühstück wegzuräumen. Mir fiel auf, dass das Foto meiner Mutter nicht mehr an der Küchenwand hing. »Wo bleibt Antje?« fragte mein Vater. »Schon losgegangen.« »Dieser Herr Stolper, der Deutschlehrer, ist der nett?« »Weiß nicht… Hab keinen Unterricht bei ihm.« Hatte Herr Stolper sich wegen meiner Schutzbrille bei meinem Vater beschwert? Yvette steckte meine Brotbüchse ebenfalls in ihren Ranzen, bevor mein Vater etwas merkte. Für einen Moment sah es so aus, als huschte ihr Blick zum Spalt im Fußboden. Ich stieg die Leiter hinab und setzte meine Erkundung der unterirdischen Räume fort. Es gab sogar einen Theatersaal mit einem Kronleuchter an der Decke und grünleuchtenden Notausgangsschildern über den Türen, was so tief unter der Erde wirklich komisch war. Ich stieg auf die Bühne und fand die Lücke im Vorhang, aber statt ins Bühnenhaus mit herabhängenden Seilen und Kulissen gelangte ich in eine kleine Werkstatt, in der Yvette anscheinend an einem Porträt unserer Mutter gearbeitet hatte. Auf einem Töpfertisch stand Mutters halbfertige Büste und auf einem Brett an der Wand lehnte das Foto aus der Küche. Ich ging vorsichtig durch die Werkstatt und berührte nichts. Auf einem Schemel lag das Buch Die Welt von übermorgen, es hatte tonfleckige Fingerabdrücke und war mit vielen Lesezeichen versehen. Yvette musste es vom Katzenmann geholt haben. Auch das hatte sie mir nicht erzählt. Ich begann immer mehr, sie mit anderen Augen zu sehen. Durch eine andere Tür im grünen Flur gelangte ich in einen Raum, der mit alten Möbeln vollgestellt war, die von einigem Wert gewesen wären, wenn nicht hunderte weiße Pilze ihre Furniere und Polster besiedelt hätten. Ein Hochbeet entpuppte sich als ein vollständig überwucherter Billardtisch. Als ich mit der Fingerspitze einen Pilz berührte, stäubte aus ihm ein weißes Pulver, in dem ich den Ursprung des süßen Geruchs erkannte. Ich war völlig eingenebelt, musste niesen und flüchtete in einen benachbarten Saal, in dem nicht weniger als dreißig Schaukelpferde standen. Kleine Lampen in der Form von Fliegenpilzen tauchten den Saal in ein rotes Glühen. Ich setzte mich auf eines der Schaukelpferde und dachte nach. Vielleicht hatten frühere Besitzer des Hauses diese Räume als Keller oder als Wohnräume für Angestellte verwendet? Soviel ich wusste hatte das Haus vor dem Krieg einer Fabrikantenfamilie gehört, die im Zuge der Bodenreform enteignet worden war. Gorans Eltern hatten es günstig erworben und darin gewohnt. Goran, der einen Teil seiner Kindheit hier verbracht hatte, kannte die Räume bestimmt. Ihn wollte ich fragen. Der Holzboden knarrte bei jedem Vor und Zurück des Schaukelpferds, und es war so gemütlich, dass ich jedes Zeitgefühl verlor. Keine Ahnung, wie lang ich dort vor mich hinschaukelte, bis mir auffiel, dass die Schaukelpferde alle in die gleiche Richtung zeigten, und zwar zu einem Loch in der Wand, zu dem der Lichtschein nicht ganz hingelangte. Das Loch war einfach in die Wand gehauen worden, als ob dort die eingerichtete Welt in etwas Wilderes überging. Ich stieg vom Schaukelpferd ab und näherte mich vorsichtig dem Loch, hinter dem ich einen schwach beleuchteten Gang ausmachte, der in die Erde gehauen worden war. Ich konnte deutlich die Spuren der Werkzeuge an der Tunnelwand erkennen. Ich duckte meinen Kopf und schob mich durch das Loch in der Wand. An der Tunneldecke glommen vergitterte Lampen, die durch herabhängende Kabel miteinander verbunden waren und deren Lichter sich in Pfützen aus durchgesickertem Grundwasser spiegelten. An den Lampen hingen Spinnweben, in denen Tropfen glitzerten. Die Luft war feuchtwarm und irgendwie klebrig. Ich folgte den Lichtern und ging tiefer in den Tunnel hinein. Anfangs bin ich noch über die Pfützen gesprungen, aber später wurden sie so groß, dass ich durchwaten musste und nasse Füße bekam. Als eine Ratte vor mir weglief, war ich erleichtert, nicht völlig allein zu sein. Ich hatte keine genaue Vorstellung, wie weit ich inzwischen von unserem Haus entfernt war. Ich war bestimmt fünf Minuten lang geradeaus gegangen, als ich auf ein Holztreppchen seitlich an der Tunnelwand stieß, dessen drei Stufen zu einer dunklen Nische hinaufführten. Die unterste Stufe war morsch und brach unter meinem Gewicht ein. Ich sprang über die anderen beiden Stufen in die Nische, tastete mich voran und fand mich nach ein paar Metern in einem ganz normalen Keller wieder, mit einem Kellerfenster, mit Kohlen in der Ecke und mit einer Kiste voll Kartoffeln. Ich stieg die Kellertreppe hinauf und hörte von oben das Geräusch eines Fernsehers. Es lief eine Sportübertragung, wahrscheinlich Olympia. Eine Männerstimme, die nicht aus dem Fernseher kam, rief: »Kristiiiin!« Ich war unerlaubt in ein fremdes Haus eingedrungen und konnte froh sein, wenn ich nicht erwischt wurde. Ich schlich in den Tunnel zurück, aber ich war zu neugierig, um schon nach Hause zurückzukehren. Ich ging weiter und fand nach etwa zwanzig Metern ein anderes Holztreppchen, und kurz darauf noch eines, und so immer weiter. Die Treppchen hatten immer drei Stufen, sie säumten den Tunnel auf beiden Seiten wie Gartentürchen an einer Vorstadtstraße. Es fehlten nur die Namensschilder und die Briefkästen. Im Gegensatz zu den oberirdischen Hauseingängen schienen die unterirdischen aber nur selten oder nie benutzt zu werden. Manche der Treppchen waren von Ratten angenagt und fielen fast von selbst auseinander. Mir kam das alles unglaublich vor. Ich wollte mich noch einmal überzeugen und wählte ein Treppchen, das zu einer Klappe führte, die ich von unten vorsichtig hochdrückte. Als ich mich an das Tageslicht gewöhnt hatte, sah ich die Rückseite einer grauen, über einer Stuhllehne hängenden Uniformjacke und darüber die beginnende Glatze unseres Abschnittsbevollmächtigten Worgitzky. Er beugte sich über den Schreibtisch, auf dem seine Schiebermütze neben einem gerahmten Foto von Karina lag. In dem Zimmer roch es nach Zigarettenqualm und nach Schweiß. In einer Ecke gab es eine kleine, durch Gitter abgetrennte Gefängniszelle, deren Tür offen stand. Ich war auf unterirdischem Weg bis zum Marktplatz gelangt! Bis zur Wellblechbaracke unseres Abschnittsbevollmächtigten Worgitzky! Ich fragte mich, ob jedes Haus in Gangolfsömmern einen Zugang zum Tunnelsystem besaß und wer davon wusste. Ich lies die Klappe leise sinken, sprang über das Treppchen in den Tunnel und rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Als ich nach einer halben Stunde das Ende des Tunnels erreichte, fand ich neben dem Loch zum Saal mit den Schaukelpferden ein weiteres Holztreppchen, das mir vorhin nicht aufgefallen war und das eigentlich nur zu unserem Haus gehören konnte. Und so war es. Ich öffnete eine Klappe über mir, stieg hinauf und spürte Kleidungsstücke über mein Gesicht streifen. Ich erkannte den Geruch meiner Blusen und Hemden, und ich sah die Kleiderbügel über mir. Ich war in meinem Kleiderschrank herausgekommen.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und der Regen hatte aufgehört. Ich hatte Stunden unter der Erde verbracht. Ich stand vor dem Fenster in unserem Zimmer und blickte in den Garten hinaus, zu der Hecke, unter der ich vorhin gesessen hatte. Ich nahm mir vor, später einen genauen Plan des Tunnelsystems anzufertigen. Um mir zu beweisen, dass ich nicht träumte, holte ich das künstliche Ohr aus meiner Hosentasche und betrachtete es genau. Ein Lochblech aus dem Universalbaukasten war zu einer Muschel gebogen und mit einem wachsartigen Material überzogen worden. Hat das wirklich Yvette getan? Ich hörte Vater in der Küche mit dem Geschirr klappern, zog mir trockene Socken an, schnappte mir meine Schutzbrille und ging zu ihm. »Na?« fragte er. »Schon zu Hause?« »Hm, ja… Die letzte Stunde ist ausgefallen.« »Dann kannst du zum Konsum gehen, es gibt Melonen.« Mir war es recht, denn ich wollte Yvette sowieso von der Schule abholen, um von ihr ein paar Erklärungen zu bekommen. Ich nahm mir Geld sowie einen Nylonbeutel und ging hinaus. Draußen auf der Straße der Jugend malte ich mir die neuen Möglichkeiten aus. Auf jeden Fall hatten wir nun einen Ort für unsere Fleischblume und all die anderen Apparate, die wir würden bauen können, ohne von unserem Vater gestört zu werden. Ich sprang vor Freude in die Luft, wie es eigentlich nur kleine Kinder tun. Dann hüpfte ich nochmal und horchte, ob es irgendwie hohl unter mir klang. Das tat es nicht. Bevor ich den Bahnübergang überquerte und in die Stadt hineinging, setzte ich mir meine Schutzbrille auf. Wegen der im Plastik eingeschlossenen Luftbläschen stellte ich mir vor, unter Wasser zu spazieren. Vögel wurden zu Fischen und die Pappeln am Straßenrand zu lodernden Schlingpflanzen. Solche Verwandlungen waren mir schon immer leichtgefallen, aber jetzt kamen sie mir rechtmäßiger vor. Es lag bestimmt nicht nur an der Brille, dass ich die oberirdische Welt mit anderen Augen sah. Manche Häuser kamen mir nun wie baufällige Kulissen vor, als ob das, was ich hier oben sah, nur ein Teil der Wirklichkeit war. Und auch die Menschen, denen ich begegnete, wirkten wie eher lustlose Schauspieler in einem großen Freilufttheater. Im Konsum standen die Menschen – wie immer wenn es Melonen oder Bananen gab – Schlange bis zur Eingangstür. Die Melonen wurden an der Kasse ausgegeben, und jeder durfte nur eine kaufen. Ich legte eine Süßtafel für meinen Vater, eine Packung Hansa-Kekse für Yvette und ein Fettbrötchen für mich in den Einkaufskorb, bevor ich mich ans Ende der Schlange stellte. Die Wartezeit vertrieb ich mir mit einem Spiel, das Yvette mir beigebracht hatte, und zwar versuchte ich, die mich umgebenden Körpergerüche bestimmten Berufen zuzuordnen. Ich lokalisierte eine Kindergärtnerin, die den Geruch von mindestens sieben Menschen mit sich trug, was an Intensität aber vom Eau de Cologne Frau Kuhns übertroffen wurde, die mit ihrem Sohn Rico neben der Kasse stand und sich mit dem Verkäufer unterhielt. Sie lobte die von beiderseitigem Nutzen geprägten Beziehungen zu Kuba, woher die Melonen offenbar stammten, und behauptete, dass sich ihr Mann als Parteigruppenorganisator persönlich für die Lieferung eingesetzt habe. Da Frau Kuhns Stimme laut und anstrengend war, drehte ich mich von ihr weg, weshalb Rico später behauptete, ich hätte ihn gar nicht beachtet, aber das stimmte nicht. Wenn mir ein Junge gefiel, blickte ich ihn niemals direkt an. Rico war damals noch nicht der dunkle Prinz der Schule, der er später wurde, aber er kokettierte schon ziemlich mit seinen langen Wimpern und benahm sich wie ein kleiner, verwöhnter Lord. Ich wusste, dass er im Konsum schon zweimal Süßtafeln geklaut hatte, was ich zufrieden als heimliche Rebellion gegen seine Vorzeigeeltern interpretierte. Als ich an die Kasse kam, unterbrach Konsumverkäufer Jentzsch sein Gespräch mit Frau Kuhn und fragte mich nach Yvette. »Deine Schwester hat drei Liter Methanol bei mir bestellt und nicht abgeholt… Wozu braucht sie das?« »Ich sag ihr Bescheid.« »Was ist das für ein Ding auf deiner Nase?« »Eine Schutzbrille für Chemikerinnen, Herr Jentzsch. Filterstufe acht.« »Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen.« Er zwinkerte Frau Kuhn zu, während er zu mir sagte: »Aber nicht das Puppenhaus in die Luft sprengen, ja?« Ich sackte wortlos die Melone ein, bezahlte und ging an Rico vorbei, dessen Geruch schwer zu beschreiben war. Irgendwie roch er kloakig wie ein Kranker, gleichzeitig aber frisch und makellos; ja, ich glaube er duftete wie ein Baby, das gerade in die Windeln gemacht hatte. Ich spürte seinen Blick auf mir und bewegte mich plötzlich ganz unnatürlich, während seine Mutter zu Herrn Jentzsch sagte: »Wie kann man sein Kind mit so einer Brille herumlaufen lassen? Armes Ding.« Ich kümmerte mich nicht darum, was Frau Kuhn über mich dachte, sie war bloß oberflächlich. Rico dagegen hatte etwas Schillerndes an sich, das es nicht so leicht machte, ihn zu fassen. Den Beutel in der einen Hand und mit der anderen das Brötchen essend ging ich zur Schule, aber Yvette war nicht da. Ein paar Kinder, die ich fragte, meinten, sie hätte im Unterricht gefehlt. Ich vermutete, dass sie die Schule geschwänzt hat weil ich es ja auch getan hatte. Aber wo und wie hatte sie den Tag verbracht? Im obersten Stockwerk des Schulgebäudes, wo sich das Lehrerzimmer befand, war zu dieser Stunde außer der Putzfrau niemand mehr. Ich wartete, bis sie verschwunden war, dann stieg ich aufs Dach hinauf. In der großen Pause rauchten hier oben die Lehrer und suchten Ruhe vor uns. Von hier oben konnte ich ganz Gangolfsömmern überblicken. Auf dem Sportplatz trainierte eine Fußballmannschaft, und ein paar Zentimeter weiter links fuhr gerade ein Zug in den Bahnhof ein. Meine Augen wanderten vom Bahnhofsplatz zum Markt, ich suchte Worgitzkys Baracke und schätzte die Entfernung zu unserem Haus in der Straße der Jugend. Unterirdisch war es ein schnurgerader Weg gewesen, aber oberirdisch bräuchte man wegen der verwinkelten Gassen viel länger. Ich malte mir einen geheimen Stadtplan aus und fand es immer noch eigenartig, dass ich keinem anderen Menschen in den Tunnels begegnet war. Vielleicht bedurfte es einer gewissen Neugier, um überhaupt einen Zugang zu finden? Ich nahm das künstliche Ohr und hielt es über die Stadt – da entdeckte ich Yvette. Sie ging in einer kleinen Seitenstraße, nicht weit weg von der Schule. Ich rannte das Treppenhaus hinunter, über den Schulhof und in die Straße hinein, wo Yvette vor einem Schaufenster stehengeblieben war und sich die Auslage ansah. »Hey«, rief ich, »ich kenne dein Geheimnis«, aber sie drehte sich nicht zu mir um. Ich hielt das künstliche Ohr in meiner Hand, um es ihr zu zeigen und jedes Abstreiten überflüssig zu machen. »Yvette?« Ich stellte den Einkaufsbeutel auf den Gehweg und legte meine Hand auf ihre Schulter, aber als sie sich umdrehte, zuckte ich zurück. Ihr Gesicht war auseinandergeflogen. Ihre Augen hatten einen anderen Abstand als früher und ihre Nase wirkte schief. »Was ist passiert?« Sie blickte mich an, aber sie sagte nichts. Auf ihrer Stirn und auf ihren Armen waren blutige Kratzer, wirklich heftig, als hätte sie mit einer Horde Katzen gekämpft. Als ich sie fragte, ob sie beim Katzenmann gewesen war, schüttelte sie den Kopf. Ich wusste ja, dass sie das Buch von ihm geholt hatte, aber es war zwecklos, sie in diesem Zustand weiter zu befragen. Ich holte die Kekse aus dem Beutel, Yvette riss die Packung auf, schob sich einen ganzen Keks in den Mund und begann gierig zu kauen. Das künstliche Ohr steckte ich wieder ein, ich wollte später mit ihr darüber reden. »Wir müssen nach Hause«, sagte ich. »Die Wunden müssen desinfiziert werden.« Ich wollte Yvette an die Hand nehmen und langsam losgehen, aber sie schüttelte mich ab. »Wie du willst«, sagte ich und ging allein los. Yvette trottete wie üblich hinter mir her. Nach ein paar Minuten begann sie eine Melodie zu summen. Es waren fünf Töne, ziemlich schief, die sie in einer Endlosschleife wiederholte. Je näher wir dem Stadtrand kamen, desto hektischer summte sie, und als wir den Bahndamm überquert hatten, blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Es ist der Swing. Er besteht aus fünf Duftnoten, das weiß ich jetzt. Soll ich dir die Melone abnehmen?« »Schon gut… Wo hast du ihn gerochen?« Sie schüttelte mit dem Kopf und wollte es mir nicht verraten. Ihre Geheimnistuerei ärgerte mich. Früher hatten wir uns immer alles gesagt, aber ab diesem Tag, das kann ich heute sagen, entwickelte sich Yvette eindeutig in eine eigene Richtung. »Wenn wir die Fleischblume wieder aufgebaut haben, kannst du den Swing darauf spielen und sehen was passiert.« »Nein.« Jetzt war sie ganz wach, mit aufgerissenen Augen. »Das wäre viel zu gefährlich.«

Allmählich gewöhnte ich mich an Yvettes verändertes Gesicht, und nur als ich für ihre Jugendweihe ein Album mit alten Fotos zusammenstellte, wurde mir der Unterschied bewusst. Ihre Jugendweihe hat sie dann aber geschwänzt, was ich ihr im Gegensatz zu Vater nicht verübelte. Ich fand bloß, dass sie es uns vorher hätte sagen sollen, bevor wir die Feier vorbereitet und das ganze Essen bestellt haben. Yvette hatte die Unterkellerungen gefunden, als sie mir eines Nachts gefolgt war. Offenbar schlafwandelte ich durch die richtige Welt, wenn ich durch meine Träume traumwanderte. Genau genommen hatte ich die Unterkellerungen als erste entdeckte, ich hatte es nur noch nicht gewusst. Yvette war beleidigt gewesen und hatte geglaubt, ich würde ihr die Räume unter der Erde vorenthalten. Wir klärten dieses Missverständnis schnell auf und erkundeten fortan zusammen die weitverzweigten Katakomben. Yvette richtete sich in einem der kleineren Räume ein Olfaktorium ein, in dem sie mit Gerüchen experimentierte. Außerdem stattete sie eine der Schaufensterpuppen mit einem mechanischen Innenleben aus und schuf sich einen Assistenten, den sie Leonardo nannte. Er trug eine Küchenschürze und ein aufs Handgelenk geschraubtes Tablett, war aber ziemlich unbeholfen. Ich selbst hielt mich öfter in den Tunnels als in den Räumen unter unserem Garten auf. Ich hatte nun einen Zugang zu den Stadtbewohnern, die mich interessierten. Und da ich ihr Verhalten oft nicht verstand, nahm ich Papas Psychologiebücher mit auf meine Streifzüge, auf denen ich Informationen über die Menschen und ihre Umwelt sammelte. Hauptsächlich war ich aber einfach neugierig. Ich legte einen Karteikasten an, in dem ich meine Erkenntnisse sortierte. An die Wand in der Töpferwerkstatt heftete ich große Bögen Papier, auf denen ich eine Karte der geheimen Stadt skizziert hatte. Aber wie ich bald feststellte, war der Wegeplan niemals vollständig. Ich entdeckte immer neue Gänge.
Ich versuchte von Goran zu erfahren, was es mit den Unterkellerungen auf sich hatte, aber er wusste nicht wovon ich sprach. Da ich es für unwahrscheinlich hielt, in diesem Haus aufzuwachsen ohne früher oder später einen Zugang zur unterirdischen Welt zu finden, war meine Diagnose Verdrängung. Es wurde Herbst, und bald fiel der erste Schnee. Ich muss zugeben, dass ich zu einer richtigen Voyeurin wurde. Bisher hatte ich mich für eine Einzelgängerin gehalten, aber auf eine sehr einseitige Weise wurde ich nun richtig gesellig. Ich verschaffte mir über die Holztreppchen Zugang zu den Häusern, und manchmal genügte es schon, zu lauschen oder zu riechen. Lehrer Stolper etwa wohnte noch bei seiner Mutter, aber wenn die nicht zu Hause war, bespritzte er sich mit Westparfüm (das ich sogar noch im Keller roch), bevor er einen jungen Mann empfing. Es war ein Student, den er leidenschaftlich küsste. Sie bedauerten den Beginn der kalten Jahreszeit, die es ihnen schwerer machte, sich draußen im Wald zu treffen. In die Bude des Studenten zu gehen, wo er mit drei anderen jungen Männern wohnte, war zu riskant, denn schließlich durfte niemand von Stolpers heimlicher Neigung erfahren. Ich versuchte, Leonardo bei meiner Feldforschung einzusetzen. Ich stattete ihn mit einem Kassettenrekorder aus und hoffte, dass er als Datensammler ausdauernder war als ich. Aber er fiel leicht um, wenn er die Holztreppchen hinaufzusteigen versuchte. Ich fand ihn mehrmals in den Tunnels hilflos auf dem Rücken liegend und setzte ihn von da an nicht mehr ein. Meine Neugier machte auch vor Goran nicht Halt – was ich später bereute, da ich dadurch Dinge erfuhr, die ich nicht wissen wollte. Ich zögerte kurz vor dem Holztreppchen zur Gärtnerei, aber ich war nicht bereit, einen weißen Fleck auf meiner geheimen Landkarte zu akzeptieren. Ich sagte mir, dass es mir ja nicht um Verrat ging, sondern darum, die Menschen kennenzulernen. Und bei einem Freund wie Goran schwebte mir außerdem vor, ihn irgendwie zu beschützen. Ich schwärmte immer noch für ihn, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass da etwas Ernsthaftes zwischen uns passieren könnte. Zunächst erfuhr ich bloß viel über die Arbeit eines Gärtners. Goran hatte alle Hände voll zu tun, die Gewächshäuser winterfest zu machen, er musste kaputte Scheiben austauschen und die Heizungsrohre reparieren. Noch vor dem ersten Bodenfrost leerte er die Jauchefässer und bedeckte die Beete mit Reisig. Abends setzte er sich zu Ellen, die den ganzen Tag stumm und steif im Sessel gesessen hatte. Er erzählte ihr von seiner Arbeit, während ich in einen dicken Mantel gehüllt unten auf der Kellertreppe hockte, mit vor Kälte fast tauben Fingern. Manchmal, wenn Goran nicht da war, traute ich mich in den Hausflur vor und sogar noch weiter. Ich sagte mir, dass Goran bestimmt nicht verärgert wäre, wenn er mich entdecken würde. Im Gegenteil, ihn hätten meine individualpsychologischen Forschungsergebnisse bestimmt sehr interessiert. Ich machte mir Stichworte so gut ich konnte und versuchte herauszubekommen, was mit Ellen nicht stimmte. Sie sprach kein einziges Wort, nicht einmal mit sich selbst. Sie führte kein Tagebuch, sie traf keine anderen Menschen, sie lebte wie eine Pflanze am Straßenrand. Sie schien nur dann ein wenig aufzublühen, wenn Goran ihr Blumen aus den Gewächshäusern mitbrachte. Ich hörte sie dann seufzen und tief einatmen, als ob sie die Margeriten, Chrysanthemen und Rosen zu riechen versuchte. Sie rochen tatsächlich sehr stark. Ich fühlte mich mit ihr verbunden, vielleicht weil ich Goran ebenfalls attraktiv fand und es gut verstehen konnte, dass Ellen sich in ihn verliebt hat. Einmal, als Goran tagsüber in den Gewächshäusern war, schlich ich mich so weit ins Haus hinein wie vorher noch nie. Ich ging ins Wohnzimmer, wo Ellen von Blumen umgeben in ihrem Sessel saß. Ich war mir sicher, dass sie mich nicht verraten würde, falls sie mich überhaupt wahrnahm. Sie saß sehr aufrecht und wirkte streng. Ihre Augen waren geöffnet, schienen aber nichts Besonderes im Raum anzublicken. Ich hatte echte Schokolade aus dem Lager des Konsums mitgebracht, die ich auf ein Beistelltischchen neben Ellens Sessel legte. Solche kleinen Geschenke brachte ich den Menschen, die ich observierte, häufig mit, wahrscheinlich um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich beugte mich ins vermutete Sichtfeld Ellens und winkte ihr zu. Dann roch ich an den Blumen, strich mit den Fingern über die Möbel im Wohnzimmer und öffnete ein paar Schubladen. In einer lag ein Bündel mit amtlichen Briefen, es waren Bescheide auf Ausreiseanträge, und im letzten stand ‚auf alle Zeiten abgelehnt‘. Ich ging in die anderen Räume, in denen ich nichts Außergewöhnliches fand, und fühlte mich während der ganzen Zeit wie unsichtbar. Wie ein guter Geist. Ich hätte Goran und Ellen nie verraten oder mein Wissen irgendwie gegen sie eingesetzt. Ich fühlte mich einfach – auf eine vielleicht naive Art – der Wissenschaft und der Wahrheit verpflichtet. Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte mich neben Ellen. Sie trug ein schickes, geblümtes Kleid und war sogar geschminkt. Ich wusste, dass Goran das für sie machte, vielleicht weil es ihr früher, vor ihrer Krankheit, immer wichtig gewesen war. Inmitten der bunten Blütenpracht wirkte sie wie eine heilige Maria. Ich legte meine Hand auf ihre, um sie zu streicheln. Und da gab sie ein leises, schniefendes Geräusch von sich, das mich erschreckte. Ich zog mich schnell auf die Kellertreppe zurück. Goran versuchte selbst, seine Frau zu therapieren, wobei er zunächst auf die Psychoanalyse zurückgriff. Da diese Form der Behandlung auf Gesprächen beruht, kam er bei Ellen aber nicht weit. Spätere Versuche, mit Handpuppen soziale Situationen nachzuspielen, führten bei ihr ebenfalls zu keiner Reaktion. Ich begleitete diese Versuche sehr aufmerksam, machte viele Notizen in Ellens Dossier und versuchte, eigene Schlüsse zu ziehen. Als ich wieder einmal mit Ellen allein war, brachte ich ihr Buntstifte. Ich legte einen Block Papier auf die Armlehne des Sessels und schob einen Stift in Ellens halb geöffnete Hand. Ich sprach mit ihr und sagte, dass sie zu malen versuchen sollte. Meine Sprache musste zu ihr durchgedrungen sein, denn ihre Hand bewegte sich leicht. Ich unterstützte sie, indem ich selbst eine Figur aufs Papier brachte, und tatsächlich machte Ellen es mir nach. Auf den dabei entstandenen hauchzarten Zeichnungen waren ausschließlich auseinanderfallende Gesichter zu sehen. Gesichter, die ich nicht kannte, die am ehesten noch Ellens eigenem ähnelten. Ich musste an Yvettes seltsame Gesichtsveränderung denken und fragte mich, ob das ein Zufall war.

Leseprobe: Miku Sophie Kühmel – “Fellwechsel”

Fellwechsel (Auszug)

Der kleine Flachbau beherbergt ein Schnellrestaurant und einen Minimarkt, hinter dessen Tresen ein schlacksiger Teenager steht, der sehr blass und sehr müde ist, die Haare sehr kaputt und sehr schwarz gefärbt. Rina taucht aus Wolffs Jacke hervor und sieht sich kurz zwischen den drei Regalen um. Aus einem Lautsprecher in der Ecke surren die repetitiven drei Geigentöne von Bittersweet Symphony. Es gibt Coca Cola, Mars und Snicker’s und eine offenbar isländische Schokolade, die nach einem Stern benannt ist. Sonst gibt es nur Süßigkeiten, die auf die eine oder andere Art Lakritz enthalten. In den übrigen Regalfächern stapeln sich Konserven, Tütensuppen, ein paar runzlige Wurzelgemüse und eine kleine Pyramide perfekter, hellgrün schimmernder Äpfel. Die Tiefkühlkost ist wesentlich vielfältiger, eine Menge gefrorener Fisch, im ganzen Tier oder Stückchen und allen Farben kann durchwühlt werden. Sonst noch Quark, in verschiedenen Sorten. An der Kasse kann man keine Feuerzeuge, aber Schlüsselanhänger kaufen, kleine Muscheln oder kitschige Plüschtiere mit gelben Plastikaugen. Es ist nicht zu erkennen, um welche Tiere es sich dabei handeln soll. Und doch hat Rina das Gefühl, eines wieder zu erkennen… Refur, murmelt Wolff, der plötzlich wieder hinter ihr steht. Der Eisfuchs. Er hat die Zeit genutzt und im rechten Bistroteil der Raststätte zwei Tassen Kaffee besorgt, die er mit seinen großen, groben Händen auf einem Tablett balanciert, zusammen mit zwei Tellern voller dunkelbrauner Fladenbrote und ein paar kleiner Töpfchen – Marmelade, Erdnussbutter und Heringshappen. Weil es aussieht, als ob Wolff im Servieren nicht geübt ist, nimmt Rina ihm eilig alles ab und folgt ihm in den Sitzbereich. Der Boden ist auch hier hellbeige gekachelt und von Schneematsch überzogen, Spuren früherer Gäste. Trotzdem ist es warm, ein bisschen dampfig. Von dem 90er-Jahre-Radio ist nichts mehr zu hören, eine einzelne, gerupft aussehende ältere Frau in einem Eishockeytrikot starrt auf den Sportsender, der in einem Fernseher, der hoch über den Köpfen der Gäste angebracht ist, flimmert. Wolff und sie nicken sich kurz zu, obwohl Rina weiß, dass sie sich nicht kennen. Sie nickt auch schnell hinüber, dabei ist es längst Sekunden zu spät dafür, dann setzen sie sich auf zwei der weichen Kunstlederbänke, die, ferrarirot, vor den Fenstern stehen. Rina platziert sich so, dass sie das Auto im Auge hat – auch, wenn das in einer Gegend wie dieser vielleicht albern ist. Kaum haben sie die Straße verlassen, scheint das Wetter ein wenig besser zu werden. Vielleicht ist es morgens noch verschlafen, denkt Rina kurz. Jedenfalls zirkeln die Schneeflocken jetzt kleiner und vereinzelter durch die Luft, mit größerem Abstand, am Himmel gibt es ein paar Löcher in der Wolkendecke. Nur einige Meter weiter, gleich auf der anderen Straßenseite, liegt der schwarze Vulkanstrand. Rina erkennt jetzt in den Wellen, die in den Fjord hinein rollen und zwischen den groben schwarzen Felsen aufspritzen, das satte Türkis wieder, das sie manchmal aus den Konferenzsälen heraus als Streifen hinter der Stadtgrenze erahnt hat. Das weiß, das schwarz und das blau, alle drei sind rein und klar und in diesem Moment ganz unverwüstlich. Wolffs Augen sind aus denselben Farben gemacht. Nur schwerlich wendet Rina den Blick wieder ab und sich dem Frühstück zu. Ich hab früher gekellnert, erklärt sie, während sie mit ein paar Handgriffen Teller, Tassen und Besteck vor ihnen drapiert. Als wüsste er es, hat Wolff keinen Zucker mitgebracht. Sie schaut vorsichtig zu ihm hinüber, wie er mit skeptischem Blick die Papierserviette unter der Hand dreht, die Rina ihm zu einem Dreieckstuch gefaltet und hingeschoben hat – als würde er überlegen, ob er sie in seinem Schoß auffalten, in den Krage seines Pullovers stecken oder einfach ignorieren soll. Danke für das.. Sieht gut aus. Wolff schaut sie kurz an, schweigt, lächelt vielleicht. Während Rina sich mit der Tasse in den Händen und der Nase über dem Dampf zurück lehnt, schmiert er Erdnussbutter auf seinen Fladen und öffnet die winzige Dose Heringshappen. Er reiht die kleinen Stückchen Fisch behutsam auf das Brot, rollt es mit seinen großen, ein bisschen platten Fingern zusammen und schiebt es in das schwarze Loch, das sich lippenlos in der Fläche seines Bartes auftut. Wolff kaut, wie er geht. Langsam, ohne Bedacht, ohne Druck. Selbstverständlich. Er schnauft leise. Da, wo vorher Schnee in seinem Bart gehangen hat, rinnen nun hier und da Wassertropfen durch die krausen, silbernen Haare. Rina spürt, wie der Kaffee in langen Bahnen bis in ihren Bauch hinunter rinnt, wie ihr Magen ärgerlich knurrt, und versucht es mit Marmelade. Die riecht, obwohl in dieses winzige Gläschen verpackt und ein bisschen beschlagen, beeriger als alles, woran Rina sich spontan erinnern kann. So vergisst sie all ihre Fragen und isst schneller auf als Wolff selbst. Wenig fühlt sich so befriedigend an, wie einen solchen Kältehunger zu stillen. Schnell werden ihre Wangen und Lippen und Finger und Zehen ganz warm. Beide seufzen. Dann treffen sich ihre Blicke. Wir werden übernachten müssen, hab ich Recht? Wir schaffen es niemals, durchzufahren. Nicht bei dem Wetter. Nun lehnt auch Wolff sich zurück, wirft kurz einen Blick und einen isländischen Satz über die Schulter. Ohne ersichtlich zu reagieren, zieht die verlauste, dürre Frau irgendwo die Fernbedienung her und schaltet – auf den Teletext. Rina weiß nicht, wie lange sie keinen Teletext mehr gesehen hat. Neonbunte Zahlen und Buchstaben, denen sie nichts zuordnen kann, flackern über den schwarzen Bildschirm. Weil sie nichts versteht, versucht Rina, stattdessen Wolffs Profil zu lesen, der sich nun, ein wenig schnaubend, halb zum Fernseher umgedreht hat – doch das erscheint ebenso hoffnungslos. Seine Augen sind ruhig und fokussiert, so wie die ganze Zeit über schon und die untere Hälfte seines Gesichts ist ohnehin von Haaren verdeckt. Langsam dreht Wolf sich zurück und räumt, sich räuspernd, Teller und Besteck zusammen. Eis, Schnee, Regen, Hagel – am Ende fließt alles in die gleiche Mündung und wird zu Wellen im Meer. Rina ist sich nicht sicher, was das heißen soll. Doch sie muss Wolff vertrauen. Was bleibt ihr anderes übrig? Bevor sie geht kauft Rina eine Tafel Sirius mit Haselnüssen und einen kleinen Fuchs. Sie hat zuerst auch darauf bestehen wollen, ihren Anteil am Frühstück zu bezahlen, doch Wolffs bärige Hände mit den dicken Handschuhen produzieren regelrecht Windstöße, so heftig winkt er ab. Und so fühlt sich Rina wie ein Kind, kuschelt sich auf ihren Beifahrersitz, die Heizung des Autos ist inzwischen vernünftig angelaufen, und überlässt Wolff alles Weitere. Schließlich ist er Taxifahrer, auch wenn das hier in der Einöde vielleicht nicht viel bedeutet, und es gibt kaum Abzweige auf denen man sich verfahren könnte. Und von den wenigen Seitenstraßen ist wiederum die Hälfte gesperrt, wegen Vereisungen, Räumungsbedarf. Wieder trommeln die Steinchen von unten gegen den Wagen, mit einem sanften Schlag auf das Armaturenbrett hat Wolff das Radio in den Griff bekommen und nun summt leiser R’n’B – für Folklore schein er wenig übrig zu haben – durch die Fahrkabine. Rina dreht bedächtig den kleinen, kitschigen Schlüsselanhänger in ihren Händen und starrt in die gelben Plastikknöpfe, die das Tier als Augen ins Gesicht gesteckt bekommen hat. Als sie den letzten Fjord schon fast hinter sich lassen – sie überqueren eine niedrige, aber sehr lange Brücke, die zur anderen Seite führt – wedelt Rina klimpernd mit dem Tier in ihrer Hand. Wie hast du dazu gesagt? Wolff blickt kurz zur Seite. Refur, brummt er, Polarfüchse. Einzige natürliche Säugetiere in Island. – Achja. Rina kommt das seltsam vor, denn das Ding in ihren Händen hat keine Ähnlichkeit mit einem Fuchs. Sicher, es hat vier Beine und einen Schwanz. Doch die Ohren sind winzig kleine Dreiecke, die Schnauze fast nagetierhaft spitz und das Fell… sie streicht durch die dünnen Haare. Es ist zweifelsohne echtes Haar, Schaf wahrscheinlich, oder Pony. Das Fell ist Weiß, nur, wenn man mit den Daumen gegen den Strich über Rücken und Bauch der kleinen Figur wühlt, kann man die pechschwarzen Ansätze erkennen. Schon kleben einige der feinen Haare an Rinas schwitzigen Fingern und sie zwirbelt sie hin und her. Seltsame Tiere, diese Füchse. Rina horcht auf, weil Wolffs Tonfall sich merklich verändert hat. Sein Gesicht sieht auf einmal sehr finster aus. Wieder so unheimlich wie am Anfang. Als spreche er nicht gern über die Füchse. Rina ist sich bewusst, dass sie in der letzten Stunde mehr geredet haben, als in allen Tagen davor. Deshalb schweigt sie jetzt und auch, weil die Fladenbrote, der übrige beerige Geschmack auf der Zunge und die warmen, von der Heizung beblasenen Füße sie entsetzlich müde machen. Es ist hell. Doch noch immer sieht man keine Sonne am Himmel.

Rina erwacht von heftigem Gerumpel. Das Knistern der Kieselsteine ist verschwunden und gerade noch erspäht sie im Hochschrecken, dass das schwarze Meer und der Geröllstrand nach Links ins Nichts verschwinden. Sie fahren bergauf. Und rings um sie herum ist binnen Sekunden alles nur noch weiß. Die Straße vor ihnen ist nur durch die kleinen gelben Pfeiler zu erkennen, die im Sekundentakt aus den Schneewirbeln auf und wieder in sie abtauchen. Ungläubig starrt Rina geradeaus. Zwischenzeitlich kann man nicht weiter als bis ans Ende der Kühlerhaube sehen. Was.. – Blizzard, brummt Wolff. Er hat eine Matrix-Sonnenbrille mit schmalen, eckigen Gläsern aufgesetzt. Durch die, sagt er, kann er gleich doppelt so viel sehen. Es blendet, Rinas Augen tränen, das Schlagen in ihrer Brust wird schneller. Um sie herum ist es wie unendlich dicker Nebel, doch dabei faucht auch noch wild der Sturm. Das Doppelte von Null bleibt Null! stößt sie durch die Zähne und stiert ungläubig ins Nichts. Wolff lacht nur leise und Rina zieht hektisch die Landkarte hervor. Sie fahren nun immer weiter südwärts, überqueren eine Art Gebirgskamm, um dann die westliche Küstenseite entlang bis ins Inselinnere, auf die Ringstraße zu fahren. Eigentlich ist die Strecke kaum länger als einmal ihr Daumen. Doch sekündlich scheint der Schnee vor ihnen dichter zu werden und die Sonne sich immer weiter zu entfernen. Rina weiß nicht, was sie tun soll. Sie kann nicht helfen. Trotzdem starrt sie konzentriert und Minuten lang ohne zu blinzeln die Bergstraße hinauf, die immer steiler ansteigt. Nur ab und an gibt es zwischen den Verwehungen überhaupt Lücken, Augenblicke, in denen man die Umgebung erahnen kann, die irgendwie aus rissigen Linien von Fels und vor allem Eis besteht. Es fühlt sich an, wie auf einem anderen Planeten. Rina bemüht sich, nicht hochzuschrecken, auch, wenn die gelben Pfeiler manchmal furchterregend nah an der Beifahrertür vorbei gleiten. Die Sekunden von Pfeiler zu Pfeiler fühlen sich zerrend lang an und ihre Augen schmerzen vom angestrengten Starren, immer wieder fleht sie, dass der nächste Pfeiler auftauchen möge. Sie weiß, ohne dass Wolff ihr das sagen muss: eine falsche Bewegung des Lenkrads, ein zu langes Zögern oder zu schnelles Gasgeben kann sie jetzt völlig von der schmalen Straße abbringen. Und nach dem Schneefall der letzten Stunden würde das für das mickrige Taxi ein verfrühtes Ende der Tour bedeuten. Deshalb lehnt sie sich nach vorne, legt die Ellbogen auf den Knien ab und berührt mit der Stirn beinahe die Windschutzscheibe, starrt den Sturm kämpferisch an wie bei einem Schachturnier. Pass auf deine Augen auf, bemerkt Wolff, der Schnee hat die Leute schon blind gemacht. Dabei klingt seine Stimme so ruhig, dass Rina ihm am Liebsten an den Hals springen will – mit einem kleinen Ruck ist dann auch der steile Anstieg vorbei und vor ihnen liegt, wie aus dem Nichts, ein großes Plateau. Um sie herum zirkeln immer noch die Schneewolken, Rina kann nicht bemessen, wie weit sie fahren und wann der Abstieg wieder beginnen wird. Bis hierhin hätte sie bestritten, dass es so viele Weißtöne geben könnte. Manches Mal faucht das kleine Auto, und Rina ist sich auch nicht ganz sicher, ob es von Anfang an so schlingernd gefahren ist. Der Wind heult wild über das Feld und trifft den Wagen mit voller Breitseite. Am liebsten würde sie sich im Fußraum zusammen kauern und warten, bis alles vorüber ist. Doch sie ist erwachsen und etwas anderes soll auch Wolff nicht denken. Sie fahren im Schritttempo. Wenn die Sicht völlig unmöglich ist und noch die nahesten gelben Pfeiler nicht mehr zu erkennen sind, bleiben sie einfach stehen. Dann schaltet Wolff den Warnblinker ein, der mit seinem Takt das Fauchen des Sturms untermalt. Mehrmals geht dabei der Wagen aus und immer wieder kneift Rina kurz die Augen fest zusammen und wünscht sich das wiederanspringende Geräusch des Motors mehr als alles andere auf der Welt. Noch nie war sie so sehr im Nirgendwo, völlig verloren. Hier oben könnten sie einfach verschwinden und nie wieder auftauchen und tagelang würde sie noch nicht einmal irgendwer suchen können. Und dann, plötzlich, sind da wieder leuchtend gelbe Augen, die näher kommen, die Mauer des Schneesturms durchbrechen: mit ihren massigen Karosserien reißen zwei ziegelrote Landrover einen Tunnel in die Tundra, die sich vor ihnen ausbreitet. Unter der Schneedecke ist die Straße vor ihnen sehr schmal. Und diese beiden Geländewagen fahren nicht Schritttempo, im Gegenteil, sie rasen auf sie zu und nur noch in letzter Sekunde fahren sie an ihnen vorbei, die Fahrer erkennt Rina nicht, da pulvert schon der von ihnen aufgewirbelte Schnee über die gesamte linke Seite ihres Wagens. Ungläubig sieht Rina im Rückspiegel zu, wie die beiden Autos mitten in eine besonders dichte Schneewehe jagen. Wolff muss gerade wieder stehen bleiben. Manche fahren an solchen Tagen extra raus, lassen sich einschneien…, sagt er, als er ihren Blick bemerkt. Macht sie süchtig, der Kick, die Gefahr. Da sind sie allein mit ihrem Spaten und graben sich selbst raus und fahren zurück nach Hause und erzählen’s da ganz stolz rum. Er lehnt sich zurück und nimmt kurz seine Sonnenbrille ab. Fassungslos zeigt sie erst auf den Rückspiegel, dann in die Richtung, in die die beiden Autos verschwunden sind. Aber wieso?? Haben die nichts anderes zu tun?, durch Wolffs Bart blitzt kurz sein erstaunlich weißes Grinsen. Sind natürlich alles nur Männer, die sowas machen. Natürlich, schnaubt Rina und schüttelt sich ein bisschen, und was denken ihre Frauen? Jetzt lacht Wolff sogar kurz auf. Es ist leise, nicht so tief wie erwartet, aber rau, ein bisschen angeschlagen: Weißt doch, wie Männer sind. Müssen sich immer beweisen. Glaub, die Frauen sind froh, wenn sie die nächsten Wochen dann ihre Ruhe vor denen haben. Rina muss sich nicht fragen, ob Wolff selbst sich schon einmal mit Absicht festgefahren hat. Er ist zu ruhig, zu klug um so etwas zu tun. Sie denkt an Henning. Der ist hinterm Steuer noch schneller nervös als sowieso und steigt, wenn möglich, niemals selbst auf den Fahrersitz. Das Wetter wird nicht besser und sie sehen auch kein einziges anderes Auto mehr – bis auf einen blauen Fiat Panda, der auf der Seite am Straßenrand liegt und schon bis an die Rückspiegel eingeschneit ist. Wolff setzt kurz den Warnblinker und lässt das Fenster an Rinas Seite hinunter. Wie um unter Wasser zu gehen, hält sie die Luft an und streckt den Kopf nach draußen. Der andere Wagen ist leer – das kann sie gerade noch sehen, dann trifft sie ein eisiger, fester Windstoß wie eine Kanonenkugel gegen die linke Seite ihres Gesichts und sie wird wieder in den Innenraum des Wagens zurückgeschleudert. Das Fenster fährt wieder hoch. Um sie herum – im Inneren des Wagens – rieselt feiner Schnee. Vielleicht sind es auch nur die Sterne, die Rina vom Schlag ins Gesicht vor den Augen tanzen. Wo sind die Leute, die gefahren sind? Die aus dem Panda? fragt sie benommen, auch wenn sie gerade bemerkt, dass der kalte Wind ihr auf sonderbare Weise gut getan hat. Sie fühlt sich plötzlich sehr wach und klar. Hat der Winterdienst schon geholt. Rina sieht kurz zwischen Wolff und der verschneiten Straße vor ihnen hin und her und will ihm nicht recht glauben – nach allem, was sie hier gerade sieht, ist eine Räumung schlicht unmöglich. Da, siehst du, kommen sie schon wieder! Und in einigen hundert Metern Entfernung vor ihnen, scheinbar am Ende des Plateaus, flimmert zwischen zwei Schneewehen ein oranges Monster auf. Ein riesiges Mammut von einem Räumfahrzeug wälzt sich durch das Unwetter und lässt, das kann Rina im Näherkommen erkennen, eine dicke Riesenschlange aus Schnee rechts der Straße hinter sich zurück. Sie holen es ein und fahren dicht hinter ihm her, Stück für Stück, zu überholen ist ohnehin ein Risiko und eigentlich erscheint es Rina ziemlich bequem, sich so den Weg direkt vor den Füßen freischaufeln zu lassen. Auf dem Kopf des Wagens kreiselt grell-orange eine Warnleuchte und plötzlich glimmen auch rote Bremslichter auf. Rina hat das Gefühl, dass der Tag schon wieder vorbei ist und es bereits dunkel wird. Was das jetzt wieder soll, fragt Rina verärgert über den Fahrer vor ihnen, doch da kommt schon ein Männlein in fast knielanger Warnweste ans Fenster des Autos gesprungen, Wolff stößt plötzlich ein raues Lachen aus, einen kehligen, seltsamen Laut. Er nimmt seine Sonnenbrille ab und kurbelt die Scheibe nach unten, der andere beugt sich hinab, hält sich ein bisschen am Wagen fest, als könnte der Wind ihn jederzeit bei Seite blasen. Wie alle Isländer hat auch dieser ein sehr eckiges Gesicht, sehr kleine Ohren und sehr helle, in diesem Fall graue Augen. Er wirkt gut gelaunt und ruhig, fast ein wenig beschwingt, der Schneesturm ist sein Element. Die beiden Männer unterhalten sich, offenbar über das Wetter, die Straße. Rina versteht nichts bis auf den Namen des Fremden, Axel, Wolff scheint sie zwar auf isländisch vorzustellen, doch der Fremde nickt nur äußerst knapp und richtet direkt danach seine Aufmerksamkeit wieder auf Wolff, schlägt manchmal sanft auf die Tür, um sein Lachen zu untermalen. Rina lehnt sich zurück, beobachtet die beiden und die vereinzelten Schneeflocken, die ins Innere des Wagens geweht werden und sich sachte auf Lenkrad, Armatur, und Wolffs riesige Arme ablegen. Und sie hört. Das Pfeifen des Windes und den singenden, rollenden Klang dieser seltsamen Sprache. Egal, wie schroff die Stimmen der beiden Männer sind, klingen sie doch zerbrechlich, sachte, fließend. Wie Rehe im Wald und streunende Hunde an toter Küste, denkt Rina kurz. Dann muss sie niesen, Wolff kurbelt das Fenster wieder hoch und fährt an. Sie folgen Axel durch eine enge Passage, hinter der das Räumfahrzeug sehr langsam wendet, und mit winkendem Fahrer wieder zurück in den Sturm rollt. Das Tal vor ihnen empfängt sie mit dämmerndem Himmel.

In Holmavík ist der Schnee dick und fluffig wie Watte, die Häuser sehen aus wie von Playmobil. Klein, bunt, quadratisch, mit roten Giebeldächern sind sie in den Felshang am Rand des Steingrimfjords gesteckt. Der sieht schon anders aus als die nördlicheren Fjorde, bauchiger, flacher, fühlt sich im Dunkeln fast mehr wie ein See als wie das Meer an. Am Hafen, dem ausgedehnten Uferbogen entlang der ersten Häuserreihe des Ortes, schweben nur zwei Fischerboote im Tintenwasser. Sie sehen alt und rostig aus, doch Rina hat bereits gelernt, dass das hier nicht viel zu sagen hat. Die Straßen heißen Hafnarbraut, Vitabraut, Borgabraut. Kein Mensch ist draußen zu sehen, obwohl es hier nicht einmal schneit. Der Tag scheint bereits beendet zu sein. Rinas Lippen fühlen sich rissig an, in den Mundwinkeln hängt ein bitterer Geschmack. Wolff sagt, er wisse schon ein Hotel, dass immer ein Zimmer habe. Daran zweifelt sie nicht. Und nach den Stunden, die sie gerade im Schneesturm durchlebt haben, lehnt sie sich auch dann einfach tief in den Sitz zurück, als das Auto ein wenig schlingert in der Kurve und schließlich an der wie aus dem Nichts in die Höhe wachsenden Straße Brattabrekka keuchend und hustend der Motor versagt. Immer wieder schliddern sie Stückweise zurück in Richtung Meer, nur zwei, der Meter, dann werden sie kippen, rückwärts den Abhang hinunter. Rina sieht die Uferkante im Rückspiegel näher kommen. Wolff knurrt tief, nun krallt sie ihre Finger doch wieder in den Sitz unter sich, und mit einem Schwung, als hätte ein Riese sie von hinten einmal ordentlich angestoßen, rutschen sie schließlich den Berg hinauf bis in die letzte Reihe der Häuser am Hang. Der Vorteil der Höhe erschließt sich erst im besten Zimmer des kleinen Hotels, das (natürlich) bis auf sie keine weiteren Gäste beherbergt: Sowohl vom verschneiten Balkon als auch aus den großen Südfenstern kann man den ganzen Fjord überblicken. Vielleicht gibt’s Nordlichter, hat Wolff gesagt und dabei fast verschmitzt ausgesehen. Seitdem steht Rina hier und starrt in den Himmel. Ihr ist ohnehin nicht danach, sich für diese eine überteuerte Übernachtung häuslich einzurichten. Die Wiederkehr der 70er-Jahre-Möbel macht ihr schlechte Laune und das Internetsignal reicht nicht bis in dieses sogenannte beste Zimmer. Doch der Portier, ein untersetzter mittelalter Mann in Jogginghose, ist bereits wieder nach Hause gegangen, nachdem er ihnen schlaftrunken, als sei es schon nach Mitternacht, das Kartenlesegerät hingehalten und die Schlüssel über den Tresen geschoben hat. Deshalb kann es auch nur Wolff sein, der jetzt an der Tür klopft. Seit sie das Gebirge hinter sich gebracht haben, scheint er äußerst entspannt, offensichtlich ist das der schlimmste Teil der Strecke gewesen, und seine Stimme ist fast euphorisch, als er den haarigen Kopf ins Zimmer steckt und ihr eine Überraschung ankündigt: Es gibt eine Badewanne. Tooll, rutscht es Rina etwas zu lang gezogen heraus, doch weil sie nichts Besseres zu tun findet, steigt sie schon einige Minuten später seufzend in das heiße Wasser, dass dank eines bereitstehenden Badezusatzes kaum nach Schwefel reicht. Schweiß und Gänsehaut werden langsam aufgeweicht und die Haare werden angenehm schwerelos im Wasser. Die Wanne ist so lang und so tief, dass Rina zum ersten Mal seit Langem vom Scheitel bis zur Ferse unter Wasser sinken kann. Sie öffnet die Augen einen Spalt breit, sodass ihre Wimpern sie noch schützen können und sie trotzdem verschwommen durch das milchige Grün die orange Kugel erkennt, die als Deckenleuchte angebracht ist. Das Wasser legt sich angenehm dicht und warm in ihre Ohren und dämpft die kalte Stille in etwas ab, das Rina ein Gefühl von zu Hause gibt. Das Land hat ein ganz vereinnahmendes, grollendes Geräusch, einen Rhythmus, der immer fort, stetig, ständig, ruhig besteht. Er ist da, egal ob Winde und Stürme über die Oberfläche der Insel zirkeln, kreiseln, blasen. Es ist der Pulsschlag, dessen Schallwellen Island wie eine Kuppel, ein Schutzzauber umgeben. Niemand darf die Insel verlassen, und einfach so wiederkommen. Nicht einmal die Pferde. Als ob der Isländer von irgendetwas rein sei, und als ob alle Außenwelt diese Reinheit verderbte. In manchen Minuten spürt Rina eine Sehnsucht nach solcher Sauberkeit, diesen kühlen, klaren Zug, der jede von Wolffs Bewegungen umweht, und der am deutlichsten und stärksten in seinem Blick liegt. Seinen Augen. Das ist seine Ähnlichkeit mit den Vulkanen, Geysiren, den Wellen und den Steinstränden. Und obwohl die Häuser modern sind, sehen sie alle aus, als stünden sie schon seit Äonen am gleichen Fleck, trotzten den Gezeiten in einer widerständigen Nachgiebigkeit, wie Rina sie kaum begreifen kann. Ihr Bauch fühlt sich weich und entspannt an. Dann dringt durch die Wasserwand etwas, ein Quaken, Piepsen. Sofort schreckt sie auf und klettert, Wellen schlagend, aus der Wanne. Unter dem kleinen Haufen Kleidung, den sie auf dem Klodeckel hinterlassen hat, fischt sie das Telefon hervor. Erst rutscht es ihr aus den glitschigen Händen, sie hebt es hastig auf und hockt sich nackt auf den gräulichen Badteppich. Ihr ist ein bisschen schwindelig. Denkst du an mich? Ein Zittern durchfährt Rina, ein kleiner Stich in der Mitte ihres Körpers, dann das Grinsen auf ihrem Gesicht, hinter ihrer Stirn fängt es an zu rasen. Henning Henning Henning.

Als Henning Rina nach der vorletzten Zivilrecht-Vorlesung anspricht, haben ihre Mobiltelefone noch eine Tastatur, die größer ist als das eigentliche Display. Das Grundstudium hat Rina in ihrer Heimat in gewohnter Gebirgsnähe und vornehmlich von ihrem Bett aus hinter sich gebracht. So ist Hamburg ganz neu für Rina, ihr WG-Zimmer nur kalter Linoleumboden, ein Bett und das obligatorische Bücherregal. Henning lebt noch bei seinen Eltern. Die besitzen ein Haus in einem der schöneren Bezirke am Alsterufer mit einem ulkigen Namen. Sie sind jung und modern und ganz anders als Ida, Rinas eigene Mutter. Mit ihnen kann man sprechen, als wäre gar kein Altersunterschied da, sie scheinen immer ausgeschlafene, kluge, kultivierte und entspannte Leute zu sein. Im Esszimmer hängen große abstrakte Malereien, die Fenster sind bodentief und sauber und es gibt keinerlei Haustiere. Hennings Zimmer nimmt fast den gesamten Dachstuhl ein und schon zu dieser Zeit hat er einen bestechenden Geschmack. Schnell verbringt Rina mehr Zeit hier als in ihrer eigenen Wohnung. Hennings Schreibtisch ist groß genug für zwei, und so sitzen sie über die letzten Semester immer Seite an Seite. Und wenn sie nicht lernen, dann erzählt Henning ihr von seinen Träumen, erfolgreich um die Welt zu reisen, die Nächte mit dem Laptop auf den Knien im Flugzeug und zum auftanken immer wieder zurück in den Heimathafen. Er ist ein großer Geschichtenerzähler, er strahlt, er macht und Rina hakt sich bald ein in seine Fantasie, wird Teil von ihr. Sie beginnen, gemeinsam zu planen, wen man wie für sich gewinnen müsse, wo Leerstellen sind, wer sich vielleicht in der Zukunft häufiger verteidigen können muss. Und da das Meer nun einmal vor ihrer Nase liegt und auch die Kontakte von Hennings Vater in diese Richtung weisen, entscheiden sie sich für die Fischereiindustrie. Ihre Kanzlei soll zunächst weiterhin Hennings Kinderzimmer bleiben, und kaum haben sie ihre Examensarbeiten abgegeben, lassen sie sich akkreditieren für diese Fachmesse am Ende der Welt. Das soll der Absprung sein auf ein Floß der Selbstständigkeit, ausgerüstet mit einem kleinen Portmonee voller Visitenkarten, die Fred Henning vor dem Abflug in die Hand gedrückt hat. Rina steht daneben und hält so lange seinen Regenschirm mit dem speckigen Knubbelgriff fest. Von ihrer Fischallergie hat sie Henning nichts erzählt.

Während der zwanzig Meter Weg vom Hotel bis zum Auto wächst Rinas nassen Haaren eine zarte Eiskruste. Das merkt sie daran, dass ihr Kopf sich plötzlich starr anfühlt. Sie schüttelt ihn, kleine Splitter fliegen von ihren Ohren weg. Es schneit nicht und es geht kaum Wind. Auf der kleinen Anhöhe, nur wenige Schritte vom Hotel entfernt, sieht sie die Kirche des Ortes weiß angeleuchtet in der Schwärze der Nacht stehen und über dem Dach des Kirchturms schlängelt sich etwas in den Himmel. Dicke, breite Flüsse aus grünem und blauem Dunst. Sie sehen ein wenig aus, wie kleine Straßen, auf denen man gut und gern ein kurvenreiches Wettrennen fahren könnte. Es ist ganz still, und die Nordlichter zirkeln völlig selbstverständlich und friedlich vor sich hin. Denkst du an mich? Und Rina lächelt und fragt sich, an wen sie denn sonst denken sollte. Mit roten Händen fasst sie nach dem vereisten Griff an der Kofferraumtür. Natürlich ist der Akku leer gewesen, bevor Rina Henning hat antworten können. Und jetzt gerade gibt es nichts Wichtigeres. Seit Stunden hat sie keinen konstanten Empfang mehr gehabt. Am liebsten würde Rina jetzt gleich weiter fahren nach Reykjavík, doch sie weiß, dass das nicht geht. So weit entfernt vom Äquator gelten noch andere Regeln und die Menschen leben noch in diesem Vertrag mit der Natur, sie ist ihr Arbeitgeber und bestimmt die Geschäftszeiten. Und wer versucht, nachts zu fahren, landet im Straßengraben oder schlimmeres. Als sei es in dieser Einöde, dieser Winzstadt, deren Einwohner sie bis jetzt kaum zu Gesicht bekommen hat, notwendig, hat Wolff ihren großen silbernen Koffer noch mit Decken verhüllt und oben drauf allen möglichen Plunder platziert, den obligatorischen Spaten, den jeder Isländer sicherheitshalber mit sich führt, einen kleinen Eimer, eine alte Thermoskanne, und eine sehr drollige, blau gemusterte Norwegermütze, über die Rina kurz auflachen muss. Denn sie kann sich den grimmigen wilden Mann nicht damit vorstellen. Umsichtig räumt sie alle Habseligkeiten bei Seite und zieht ihren Koffer mit einem Ruck zu sich heran. Schnell will sie das Ladegerät heraus suchen, doch da kommt in der Ecke hinter ihrem Gepäck etwas zum Vorschein, das ihre Aufmerksamkeit erregt. Ein längliches Ding, in raues Leinen eingewickelt. Sie ist sich nicht einmal ganz klar, wieso, doch einen Augenblick später zieht Rina mit spitzen Fingern an dem fleckigen Tuch, das sich langsam aufzurollen beginnt, bis ein glänzender Gegenstand aus Metall auf ihren Koffer fällt und sie erschreckt. Was vor ihr liegt und zuvor in blutgetränkten Stoff gewickelt war, ist, dass weiß sie aus dem Kurs zum Strafrecht, eine doppelläufige Schrotflinte.

Glöggt er gests augath. Ein Grinsen im Bart, unheimlich sieht das plötzlich wieder aus. Der Aufenthaltsraum des Hotels ist totenstill. Die holzgetäfelten Dachschrägen sind orangebraun und hängen so tief, dass man in der kleinen Küchenzeile etwas gebückt stehen muss. Im Wohnbereich geht es. Sie hätte etwas Anderes machen sollen, einen dramatischen Auftritt wählen, einfach direkt auf ihn zielen. Findest Du das vielleicht witzig? Ihre Stimme zittert, wie von selbst hat sie das Duzen begonnen, steht sehr aufrecht, wedelt mit der Waffe in der Hand, die sich dafür eigentlich viel zu schwer anfühlt. Ihr Handgelenk tut schon weh. Der Kloß im Hals auch. Wolff sitzt mit überkreuzten Beinen tief in einem muffigen alten Stoffsessel und sieht sie ruhig an. Was ihre Mutter dazu sagen würde, dass sie hier allein mit einem wildfremden alten Grobian in der Eiswüste steckt? Dass sie kaum gezögert hat, zu einem Fremden ins Auto zu steigen? Dumm dumm dumm schalt sie sich selbst innerlich. Wolffs Augen blitzen, dann schüttelt er langsam den Kopf und streckt die Hand aus. Das sei nichts. Nur zur Verteidigung? Wieder ein Kopfschütteln und ein Lachen, rau, kehlig, aber kurz. Verteidigung? Wogegen? Sie zuckt die Schultern. Mehr eine eigene Hoffnung als eine realistische Idee. Island gilt als eines der sichersten Länder der Welt. Unfälle mit Schusswaffen sind hier in der Statistik jedenfalls Meilen weit hinter Schneestürmen, Gletscherspalten und der Übetrampelung durch Ponys zurück. Man verbündet sich, um zu überleben. Ich wette es gibt eine Menge Kriminalromane, in denen sich Leute von Klippen und Fjorden schubsen oder versuchen, sich gegenseitig im Schneesturm aus dem Auto zu werfen! Wolff lacht noch mehr, löst die Verschränkung seiner Beine und stellt die bestiefelten Füße locker nebeneinander auf. Auch seine Arme liegen weit und offen auf den Lehnen links und rechts. Möglich. Seine Augen blitzen. Fürchtest Dich jetzt vor mir? Etwas Unbeschreibliches liegt in seinem Blick, auf einmal kommt er Rina verrückt vor, wartet sie auf das Augenzucken, das Lippenlecken, irgendeine dieser Gesten, die man eben so kennt. Dann fällt der Strom aus und es wird stockfinster im ganzen Haus. Weiter zitternd ist Rina auf das Sofa gesunken, presst sich die Waffe an den schmerzenden Bauch, während Wolff seine bärige Gestalt knurrend durch das dunkle Haus manövriert, sich hier den Fuß, da die Stirn stößt und auf Isländisch flucht, mit einer Menge dunkler Vokale, gerollter R- und scharfer S-Laute. Wie er so zum Sicherungskasten poltert, scheint es Rina, dass er fast verärgert über das verfrühte Ende ihrer Auseinandersetzung ist und die Szene sich in Seltsamkeit und peinlichen, zu langen Pausen verliert. Doch nach wenigen Minuten ist das Licht wieder an und sie besieht sich, wenn auch noch immer mit dem Pochen in den Ohren, das Leinentuch, das jetzt ausgebreitet auf dem Couchtisch vor ihr liegt. Es ist bräunlich und Blutflecken überziehen es großflächig, inselartig, wie eine Landkarte. Vorsichtig pickt sie ein paar der feinen weiß-braunen Haare vom Stoff und zwirbelt sie nachdenklich zwischen den Fingerspitzen. Sie haben keinen Geruch. Ihr fröstelt, auch wenn ihr mehr und mehr klar wird, dass es sich bei der Waffe eher um Werkzeug handelt, mit dem man Tiere erschießt. Da betritt Wolff den Raum. Er hält sich leicht die Schläfe, die Dachschräge scheint ihm zum Verhängnis geworden zu sein und er sieht auch sonst weniger konzentriert und weniger gefährlich aus. Er hat die Schuhe unten im Flur aus- und den Wollpullover aus der Hose gezogen. Nun hängt ihm der Saum locker um die Hüfte und man erkennt, dass er darunter schmaler ist als gedacht. Er setzt sich zurück auf den Sessel gegenüber, ihre Knie berühren sich fast. Er streckt eine seiner Pranken aus und Rina schreckt zurück, bemüht sich, ihn wieder skeptisch und drohend anzusehen, will etwas sagen, vielleicht ein Gesetz zitieren, kommt sich dann aber doch zu albern vor und Wolff packt das Tuch und fängt an, es nachdenklich in den Händen zu wiegen, es ein und wieder auszuklappen. Als er fest über den Stoff reibt, bleibt ein bräunlicher Blutrest an seinen Daumen sichtbar zurück und Rina wird doch noch übel. Hab das Ding seit Ewigkeiten nicht mehr ausgepackt. Ist eigentlich ganz schön privat. Sturmaugen durchleuchten Rina prüfend. Jetzt bin ich auf einmal die Schuldige?! Empört zerrt sie die Waffe noch näher an sich. Sollte mir wohl Angst machen, wie?? Jetzt sieht Wolff verärgert aus, zieht seine buschigen Augenbrauen zusammen: Ihr jungen Leute denkt auch immer, es dreht sich alles um euch, was? Dann Kopfschütteln. Was du da hast ist ein Fuchsgewehr.

Lange, bevor Menschen und Ponys die Insel betraten, wanderte über das gefrorene Eis barfuß ein Geist ein. Eine Kreatur mit winzigen Ohren und stechend gelben Augen. Sie war klein und biegsam und fand in den Felsspalten, die sich in der erkalteten Lava auftaten, Unterschlupf und in toten Resten, die das Meer auf die Strände spülte, Nahrung. Und egal, wie viele Menschen und Pferde kamen, der Fuchs blieb. Dabei gab es niemals auch nur ein einziges leichtes Jahr. Das Wetter war meistens schlecht und die Beute rar und die Konkurrenz groß und mancher wurde zum Kannibalen. Der Fuchs zeugte möglichst viele Junge, damit eines von ihnen überleben würde. Und er blieb flexibel. In rauen, mageren Wintern macht er sich klein und unscheinbar und verbraucht kaum Energie. Und treiben die Menschen Schafherden durch das Revier, dann wächst er in Sekunden auf das Doppelte seiner Größe an, erkennt mit einem Blick das schwächste Lamm oder den ältesten Bock und raubt ihn. Doch je mehr Schafe es gab, desto mehr Menschen gab es und sein schneeweißes Haarkleid, dass den Fuchs einst im ewigen Eis unsichtbar gemacht hatte, enttarnte ihn im Frühling für die Augen der Feinde. Und weil die Menschen ihre Schafe nicht teilen wollten und weil ihnen zudem die gelben Augen unheimlich waren, begannen sie bald, den Fuchs zur Plage zu erklären. Sie versuchten sogar eine Verschwörung mit anderen Tieren, im Rahmen derer bald bärtige, mit Pelzen behangene Männer und Frauen mit silbernen Waffen die Nester der brütenden Eiderenten bewachten. Die Eiderenten wussten nicht, dass die Menschen aus diesem Einverständnis doppelten Profit schlugen, weil sie nicht nur bessere Chancen hatten, die hungrigen Füchse zu erlegen, sondern das ausgediente Federkleid der Enten auflesen und es in ihre eigenen Betten stopfen konnten. Und natürlich machten sie sich auch Kleidung aus dem weißen Skalp des Eisfuchses, den sie zeitweise sogar als eine Art Währung benutzten. Und so begann der Fuchs von Neuem, sich anzupassen. Und für den Sommer warf er sein Brautkleid ab und nahm die Farben des Mooses an, in das Vögel ihre Eier legten, der Vulkanerde, in die er seine Höhlen grub und der schwarzbraunen Steinstrände, die er nach totem Fisch durchwühlte. Manchmal adaptierte er sogar die Farbe des Rostes, der den Häusern und Fahrzeugen der Menschen selbst ständig anhaftete. Und so wurde er in den Sommermonaten von dem flinken, bauschigen Schneetier zu einem dürren, schwarzen Geisterhund, der sich, gelenkig wie ein Wurm, ungesehen auch in Hühnerställe schleichen und zwischen den Buden auf Fischmärkten herumtreiben konnte. Die Menschen begannen nun, Belohnungen auszuloben für jeden geschossenen Fuchs und viele beschützten nicht nur ihre Heime und Herden, sondern verschrieben ihr Leben fortan einzig der Fuchsjagd. Bis heute kann man damit Geld verdienen und mancher Jäger wandert über Jahre auf der Spur eines einzigen Tieres, gibt ihm Namen und – ja, wirklich – schreibt Gedichte über es.

Rinas Traum in der Nacht ist lang. Quälend lang, weil in ihm nicht viel passiert. Quälend lang, weil sie sehr klein ist, die Hand ihrer Mutter zu groß, zu schlaff, zu schwer, wie sie durch den winzigen Zoo streifen, der auf einer Schuttinsel im Parkteich angelegt ist. Rina ist schon neun Jahre alt und interessiert sich eigentlich nicht mehr für Tiere. Es ekelt sie, wie fett die Ziegen sind und wie reglos die meisten anderen Viecher. Wie die Kühe an den lackierten Gittern lecken und kauen und ihr Speichel herunter tropft. Doch der Zoo hilft Ida, die Resusaffen und der große Pelikan ringen ihr ein müdes Lächeln ab. Rina macht der Pelikan Angst. Vögel sind ihr überhaupt unheimlich, weil sie keine Mimik haben, oder zumindest keine, die Rina erkennen kann. Ganz unberechenbar sehen sie aus. Sie lässt den Pelikan mit Ida stehen und sucht in zügigen, zu kurzen Schritten das Weite. Sie ist sehr ungeduldig mit dem wachsen und immer unzufrieden mit ihrer Größe. Durch den Inselzoo zieht sich ein kleiner, immer kalter Bach. Und wie ein Burggraben verläuft der um einen Block aus vier Käfigen herum, damit man nicht zu nah herantritt und versucht, Pommes oder Finger durch den Zaun zu strecken. In den Käfigen sitzen ein Leopard, ein Panther (den Rina für einen missglückten Leoparden hält), ein Puma und – ein Polarfuchs. Schon seit sie sich erinnern kann, stört Rina dieses Arrangement. Es ist, als wäre der Fuchs der Fehler, den einfach niemand findet. Er passt nicht in die Reihe, möglicherweise hat ein Idiot ihn mit einem Luchs verwechselt, weil es so ähnlich klingt undsoweiter. Haha. Sehr witzig. Rina sitzt auf dem Handlauf, der nicht anders aussieht als der Gitterzaun auf der anderen Seite des Baches. Die Raubkatzen um ihn herum liegen ausgestreckt da, schleppen sich ab und zu von einer in die andere Ecke. Der Fuchs ist jetzt, im März, noch weiß wie Schnee. Obwohl sein kleiner Auslauf im Matsch steht, ist sein Haarkleid ganz sauber. Er sitzt aufrecht im Schatten, dreht wachsam seine viel zu kleinen Ohren, schaut Rina mit durchdringend gelbem Blick an. Warum brachte man ihn nicht wenigstens zu den Rot- und Wüstenfüchsen? Sicher, auch sie würden sich fremd sein. Und er schien hier nicht unglücklich. Was um ihn herum geschah, dass er Fehl am Platz wirkte, scherte ihn nicht. Er passte sich an.

Als sie Holmavík nach Westen wieder von der Küste weg und hinein in eine Hügellandschaft verlassen, der Schlüsselanhänger baumelt mit Knopfaugen vom Rückspiegel, ist es noch kalt und etwas neblig. Die Nacht zieht sich nur widerwillig zurück. Sie frühstücken abgepackte Sandwiches von einer Tankstelle, die sich ohne Kauen in ihren Mündern in nichts auflösen und nur eine wässrige Ahnung von Gurken zurücklassen. Der Tag ist klar, nicht zu kalt, aber windig. Rina hat Hennings SMS beantwortet, bevor sie gefahren sind. Aber ob die Antwort angekommen ist, weiß sie nicht. Nun jedenfalls ist der Empfang wieder weg. Nach der Uhr auf dem Display sind es noch 8 Stunden bis zum Abflug von Keflavík. Aber das Wetter ist gut und auf der Karte sind es nur noch zwei bis drei Brotmesserklingen und dann sieht Rina zum ersten Mal etwas von diesen Farben der Insel, die Wolff erwähnt hat. Die Landschaft sieht aus wie eine Patchworkdecke aus rot und braun, grau und grün und schmutzigem weiß und in einer Talsenke, in die sie unter lauter werdendem Gepolter der gegen das Auto springenden Steinchen und Steine hinab rollen, wird das Muster plötzlich besonders bunt und übertritt fleckig in der Ferne selbst die schwarze Naht, die als Straße die Landschaft säumt: Eine Traube Pferde steht mitten auf der Fahrbahn und dampft unberührt vor sich hin. Wolff stöhnt und Rina muss fast lachen, weil er das noch nie vorher getan hat. Das Radio spielt einen flirrenden Jingle, die Nachrichten beginnen und allein wegen der Durchsage der Straßensperrungen ist klar, dass Wolff sie hören muss. Schon gut, sagt Rina deshalb und springt aus dem Wagen, wenige Meter vor sich die wiehernde Menge. Einige trippeln aufgeregt, als vermuteten sie eine Fütterung, alle glubschen sie mit aufgerissenen Augen an. Sie sehen aufgebauscht aus, ihre groben, langen Mähnen wachsen vielen wie auf toupiert quer über das Gesicht. Ihre Schulterhöhe ist niedrig, sie alle sind kleiner als Rina. Die konnte mit Pferden noch nie viel anfangen und fühlt sich plötzlich sehr Fehl am Platz. Ihre Arme sind bleischwer, als sie sie erhebt und ihre Stimme ist kratzig und viel zu leise, als sie HOHO gegen den Wind schreit, der ihr die Haare mit kalten Fingern zerwühlt. Natürlich bewegt sich nichts. Die Tiere bleiben unbeeindruckt vor ihr stehen, nicht gefährlich, aber äußerst entschlossen, einige schütteln frech das Haupt, Wassertropfen fliegen durch die Dampfwolke, die von den Tieren aufsteigt. ACH JETZT KOMMT SCHON. Sie geht immer näher heran, doch die Pferde lassen sich nicht abschrecken. Ein brauner Schecke reibt seine flache Stirn zutraulich an Rinas Brust und hinterlässt schmierige Flecken auf dem Schurwollmantel. Als sie ihn energisch wegschiebt, sieht er ein bisschen verletzt aus. Schnell steht sie inmitten der Pferde, sie schnauben ihr ins Ohr und zwicken ihr in die Arme, sie haben Hunger. Was von außen aussieht wie das Poster aus einer Mädchenzeitschrift, ist für Rina nichts weiter als ein Ärgernis und doch kann sie sich ein kurzes Auflachen über ihre absurde Situation nicht verkneifen, wie sie da steht, mitten im Nichts, hin und her gedrängt von warmen, nassen Pferdeärschen. Die Luft ist nicht mehr schneidend kalt genug in der Nase, um den Geruch zu ignorieren. Die Farce. Sie denkt an Henning und fragt sich, was der tun würde, aber er hat eine Tierhaarallergie und wäre mittlerweile vermutlich erstickt. Vielleicht gibt es einen Anführer, den müsste man finden. Ein besonders starkes, großes oder schönes Pferd, das, nach dem sich alle richten. Vielleicht ein schneeweißes oder rabenschwarzes. Sie dreht den Kopf hin unter her, wühlt sich durch die Gruppe. Einige Male trampelt ihr ein Huf auf die Zehen, doch ihre Stiefel, in der Großstadt hochmodern, sind aus dickem Leder und absolut tauglich für Umstände wie diese. Schnell hat sie die knapp fünfzig Tiere mit einem Blick erfasst, alle ihre wilden Muster, die Brauntöne und Grauschattierungen. Aber keiner von ihnen tut sich in der Art hervor, wie Rina es erwartet hätte. Da ist kein eindeutiger Anführer in Sicht. Und als sie am Ende der Gruppe angekommen ist, und ein wenig Abstand genommen hat, sieht sie plötzlich, wie Wolff aufblendet und mit einem Arm die Flinte aus dem Fenster der Fahrertür in die Luft hält. Der Knall gellt durch das ganze Tal, einige der Ponys steigen, was bei ihren kurzen Beinen eher albern als wild aussieht, alle wiehern, und gemeinsam, wie abgesprochen, marschieren sie alle in einem seltsam hektisch und verspannt aussehenden Gang von der Straße und in die Tundra hinein, durch die Reste harschen Schnees, so entschlossen wie ziellos. Im Schritttempo rollt Wolff mit dem Auto zu ihr hinüber, die Flinte liegt auf dem Beifahrersitz und Rina fühlt, obwohl sie heiß ist und verschwitzt, ein bisschen Gänsehaut im Nacken. Mit der Waffe im Anschlag sieht Wolff gefährlich aus, wie ein Cowboy, nur echter. Die Waffe riecht ein bisschen nach Rauch und fühlt sich weniger schwer und irgendwie warm in ihren Händen an. Nicht schlecht, sagt sie bewundernd und wirft noch einen Blick auf die gefleckte Herde, die in der Ferne schon wieder mit der Landschaft verschmilzt. Wieder grinst sie leicht, ihre Wangen hören nicht auf, zu glühen. Sie legt sich die Hand auf den Bauch. Hunger. Da bemerkt sie, dass sie nicht an Tempo zulegen. Dass Wolffs durchdringender Blick auf ihr liegt. Dass das Radio ausgeschaltet ist. Wolffs grobe Finger liegen fest um das Lenkrad, schon ganz weiß. Was – Er öffnet schon den Mund, holt leise pfeifend Luft, als ob er ihr etwas Schwieriges sagen müsse, obwohl sein Deutsch bis hierhin fast perfekt war. Er beginnt drei oder vier Sätze, flugvélar .. fluglysid .. eine stechende Vorahnung. Da fängt das Telefon in Rinas Manteltasche plötzlich an, verrückt zu spielen. Sie hat wieder Empfang. Fünf oder sechs Nachrichten treffen hintereinander ein und fast alle sind von Rinas Mutter:

RINA GEH RAN WO BIST DU RUF ZURÜCK SAG WAS GEH RAN RINA

Der Tag, an dem ihre Mutter Ida begonnen hatte, täglich nach ihrem Wohlbefinden zu fragen, egal wo auf der Welt sie sich befand, ist Rina ganz klar im Gedächtnis. Es war der Tag, an dem Hanno verschwand. Dabei war Rina noch klein gewesen, konnte gerade ihren Namen schreiben und den ihres zukünftigen Bruders, der viele Tage zu früh auf die Welt gekommen war. Ein winziges Würmchen mit Ohren wie rosa Knöpfen und Augen wie dunkelblauen Stecknadeln. Weil er eine so peinlich dünne Frisur hatte, hatte die Schwester ihm eine alberne Strickmütze über den Winzkopf gezogen. Er war leichter als Rinas Mathebuch. Trotzdem hatte Ida lange gezögert, sie ihn halten zu lassen. Warum sie ihr nicht vertraute, hatte sie damals empört gedacht. Rina war kein Tollpatsch. Und dabei wurde er ganz ruhig in ihren Armen, machte nur noch kleine Bewegungen mit dem Mund wie ein Fisch. Schloss die Augen. Er roch süßlich und ein bisschen wie frische Bettwäsche. Ida lies den Blick nicht von ihm. Rina wollte ihm eigentlich gern irgendwas sagen, aber wenn er gerade einmal schlief.. leider wachte er nicht wieder auf. Er war einen Monat alt. Obwohl Hanno nur so kurz da gewesen war, riss er ihnen beiden ein Loch ins Herz, als er wieder verschwand. Rinas aber tat nicht so weh wie das ihrer Mutter. Sie konnte Hanno nicht vergessen, konnte das Bettchen lange nicht weggeben, denn manches Mal sah sie ihn dort drinnen liegen. Später saß er mit am Frühstückstisch oder auf dem Sofa. Am Anfang erzählte sie dann immer davon, was er gerade machte. Doch niemand schien diese Dinge so recht hören zu wollen und so fing sie später jedes Mal, wenn sie ihn sah, bloß zu lächeln an. Das waren die einzigen Momente, in denen sie lächelte. Dann strich sie Rina über den Kopf und fragte, wie es ihr ginge. Und Rina sagte nur kurz g-u-t und versuchte, Hanno auch zu sehen. Doch er zeigte sich ihr nie. Irgendwann wurde sie wütend auf ihn, dass er ihr niemals verzieh und versuchte, ihn zu vergessen. Und sie antwortete nicht mehr auf die Frage. Sie hatte ohnehin nie Anlass zu echter Sorge gegeben. Bis heute.

GEH RAN WO BIST DU WIE GEHT ES RUF ZURÜCK SAG WAS GEH RAN

Statistisch gesehen wird die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, geringer, je gefährlicher die meteorologischen Voraussetzungen sind. Logisch, denn je heftiger der Sturm, desto erfahrener und vorsichtiger in der Regel die ausgewählten Piloten. Besonders in Island sind es in Luft, an Land und zu Wasser fast immer die übermütigen Touristen, die sich, selbst hinterm Steuer sitzend, zu Tode bringen. Manchmal aber, gibt es eben eine Ausnahme. Es war schnell gegangen. In der Nachtschwärze war die Maschine voller Fischereigeschäftsleute durch den Sturm gesegelt, alle ganz selbstverständlich, ihre größte Sorge, dass man den Anschlussflug vielleicht verpassen könnte. Alle waren sie Vielflieger, keiner von ihnen beachtete mehr die Sicherheitshinweise der Flugbegleiter, man hörte höchstens hin, um sich über den absonderlichen Klang der isländischen Sprache zu amüsieren. Keiner schaltete mehr sein Mobiltelefon aus. Doch der Pilot, den Wolff gekannt hatte, weil er, natürlich, ein Nachbar in Isafjördur war, hatte nicht Recht behalten. Zwar war es bereits März, auch in Island, der Winter war lang gewesen und üblicher Weise um diese Zeit vorbei. Die Leute denken, in Island bleibt immer alles gleich. Doch sie denken das nur. Eigentlich verändert sich alles. Die ganze Zeit. Und nur wer sich auch anpasst, überlebt. Sonst vereisen die Tragflächen, schneiden wie ein altes Brotmesser quer und mehr schlecht als recht durch die Böen, und das Flugzeug stürzt ab, prallt erst gegen die Felsen und wird dann vom Meer geschluckt und obwohl sich alle noch so sicher gefühlt haben und niemand damit gerechnet hat, überlebt kein Einziger. Jetzt sitzen Rina und Wolff immer noch im Wagen, die Straße vor ihnen ist frei und nichts stünde ihnen mehr im Weg. Rina wartet auf etwas, einen Donner, Blitz, ein losbrechendes Unwetter. BBC, Spiegel Online, N-TV. Alle zeigen das gleiche Foto. Schwammig, wegen der übermäßigen Körnung und des anhaltenden Schneegestöbers, im grauen Tageslicht schwimmt, kurz unter der wogenden Wasseroberfläche, das Flugzeug, wie eine übergroße, tote Möwe. Der linke Flügel abgeknickt. Man erkennt im weißen Metallmantel auch durch das Wasser den schwarzen, klaffenden Bruch bei Reihe 19. Es gibt keinen Grund zur Hoffnung. Rina fühlt sich betäubt und unendlich gefangen im eigenen Körper.

Irgendwann setzt sich das Auto wieder in Bewegung, die Straße geht nur gerade aus auf die Spitze eines letzten, die Ebene abschließenden Hügels. Danach liegt, das weiß Rina, die Ringstraße und von dort ist es nur noch ein Katzensprung. Natürlich glaubt sie nichts von dem, was sie da hört und liest. Vier Mal fängt sie an, eine Nachricht an Henning zu schreiben. Doch sie schickt keine ab. Auch ihrer Mutter antworten kann sie nicht. Dann, sie sind in der Nähe eines Ortes namens Burdadalur, der aus nicht mehr als vier Häusern und einer Tankstelle besteht, wird der Empfang plötzlich besser und das Telefon kommt zu neuem Leben. Bildschirmbenachrichtungen in allen Farben. Und es geht los mit den Anrufen. Rina war nicht einmal klar, dass so viele Leute von ihrem Aufenthalt in Island gewusst hatten. Sicher, sie hatte es ein paar Kommilitonen erzählt. Vielleicht auch ein paar mehr. Aber in der Regel vergisst man solche Informationen sofort, sobald man annähernd adäquat auf sie reagiert hat. Was interessierten einen die Termine anderer Leute. Der Klingelton ist ganz laut eingestellt. Das imitierte RINGRINGRING eines alten Wählscheibentelefons. Doch Rina schaltet jetzt alles ab, presst den einzigen verbliebenen Knopf am unteren Bildschirmrand so fest, dass die obere Hälfte ihres Daumens sich weiß verfärbt, bis das Display-Licht verlischt und das unangenehm warme kleine Gerät ausgeschaltet zwischen ihre Oberschenkel rutscht. Alle denken, sie hätte in diesem Flugzeug gesessen. Wenn es heißt, niemand hat überlebt, dann glauben sie das. Schließlich hatte sie sogar schon einen festen Sitzplatz. Dass darauf Henning gesessen hat, dass sie vorerst zurückgeblieben ist, hat sie niemandem erzählt. Und sie will momentanen auch nicht, dass es irgendwer erfährt. In diesem Moment weiß Rina selbst nicht ganz sicher, wie lebendig sie ist. Sie würde auf die Fragen nicht antworten können. Sie will nicht, kann nicht, wird nicht. Deswegen ist es ihr auch nur recht, dass das Telefon beim Überqueren der Hügelspitze zwischen ihre Füße auf den Boden der Fahrkabine fällt. Vor ihnen tut sich eine Abfahrt auf. Wie eine lange, schwarze Sichel liegt die perfekt geräumte Ringstraße da, wie eine Fahne im Wind steht das große gelbe Schild mit den fünfzehn kleinen und großen Orten, die man auf ihr, einmal um die ganze Insel herum, erreichen kann, ganz oben an R E Y K J A V Í K. Als kleine, restvereiste Zuflüsse schlängeln sich zwei Straßen von ihr ab: die 61 nach Norden und eine zweite, 55, die nach Westen wieder auf eine Art Gebirge ausbricht, eine Zickzacklinie im Horizont jedenfalls, gehüllt in blauweißen Dunst, davor kilometerweit rostrote, stellenweise von Eis glasierte Hügellandschaft. Die Uhr im Armaturenbrett versichert ihnen, dass der Flug in vier Stunden geht. Wohin soll ich fahren? Rina klemmt ihr Telefon zwischen ihren Fersen ein und etwas wie eine dicke, feste Blase schiebt sich von der Brust ihren Hals hinauf, ihr Bauch ist dabei ganz taub und sie würgt nur hervor: Irgendwoh. Einen Umweg. So viel Nirgendwo wie möglich. Weil sie gerade gar kein Gesicht sehen will, schaut sie auch Wolffs nicht an. Der sitzt recht unbewegt hinter dem Lenkrad, setzt dann ein paar Meter zurück und biegt ab auf die 55, auf dem Schild liest Rina noch etwas von Schneefelsenirgendwas. Hier endet die Strecke, die sie sich eingeprägt hatte, alles hinter der Kreuzung ist in ihrem Kopf ganz unbezifferte Fläche. Doch es ist ganz egal. Nur nicht nach Reykjavík, keinen Schritt weiter Richtung Heimat, für den Moment. Rina weiß, dass sie jetzt keinen Flieger mehr zu kriegen hat und Wolff scheint nach wie vor, ganz egal auf welcher Straße, sehr genau zu wissen, wohin er fährt. Er ist nicht nervös, er hat die Kontrolle und keine wildgewordenen Kastanienaugen, die er zusammenkneifen muss, um Schilder zu lesen, weil er zu arrogant für eine Brille ist. Der Gedanke an Henning wirbelt nur eine Sekunde durch ihren Kopf. Bloßnichtaufgarkeinenfall. Alle paar Minuten schaut Wolff kurz aus dem Augenwinkel hinüber, vor allem auf ihre Hände. Sie hat nicht bemerkt, wie eng sie die Finger ineinander gewrungen hat, kalt und klebrig fühlen sie sich jetzt an. Doch ihr linker Handrücken brennt heiß wie Lava. Mit ihren scharfen, ordentlich manikürten Fingernägeln hat sie vier kurze, aber tiefe Gräben in ihre Haut gezogen. Sie blutet ein bisschen. Das Brennen in der Hand lenkt nur wenig von ihrem Bauch ab, der sich anfühlt, als ob jemand darin um ihre Organe eine Faust schließen und sie langsam hin und her drehen würde. Bemüht lehnt sie sich weit zurück in den Autositz. Sie lässt ihre Hände in den Ärmeln ihres Mantels verschwinden, damit Wolff nichts vom Blut sieht. Alles fühlt sich dumpf an, redet sie sich ein, es verschwimmt schon, ich merke es. Gleich wach ich auf. Doch sie wacht nicht auf. Sie schläft ein.

Leseprobe: Anna Neder v. d. Goltz – “Martha schweigt”

1955

Ich hätte das Dorf niemals verlassen dürfen, dachte sie,
ich hätte niemals fortgehen sollen.

Noch immer hielt sie den Brief fest in ihren Händen. Sie trat ans Fenster und schaute in Richtung Westen, dort wo ihr Dorf in fünfzig Kilometer Entfernung lag.
Ihr Blick schweifte über die Dächer der Stadt. Der Kirchturm von Sankt Josef, der sie an ihren Heimatort erinnerte und dessen Glockentöne stündlich in cis-e-fis-gis-h ertönten, hatte ihr sooft Trost gespendet, vor allem dann, wenn ihr Heimweh sie überwältigte.

Anstelle der Dächer stellte sie sich manchmal weite Felder und Wiesen mit blühenden Bäumen vor, im Mai weiß, im Sommer rot, voll mit Kirschen und im Herbst voller gelber Äpfel. Wie gerne wäre sie hinausgerannt, barfuss über die Wiesen gelaufen, so wie sie es oft als Kind getan hatte – doch es lag das vierstöckige Treppenhaus dazwischen und unten angekommen, bot sich die Natur, wenn sie die Tür ins Freie öffnete, nur als kümmerlicher, von Hecken begrenzter Stadtpark an. Und der Wald, viel zu weit weg, um ihn zu Fuß zu erreichen und ihm die Sorgen hinaustragen zu können.

Sie starrte erneut auf das Dokument. Ihr Name war auf der Besitzurkunde eingetragen. Das Haus gehörte ihr. Das schönste Haus im Dorf, aus Buntsandstein, mit Garten und Obstbäumen darin, umgeben von einer alten Steinmauer.
Er hatte es ihr vermacht.

I IM DORF

1 Martha

1945

In den Fenstern der Bergstraße Nummer acht brannte noch Licht bis tief in die Nacht. Man musste siebenundfünfzig Stufen zum Haus hochsteigen. Martha zählte jedes Mal die Treppenstufen und nahm immer zwei gleichzeitig. Ihre Mutter klagte über das wackelige Holzgeländer und befürchtete, dass ihre porösen Knie und das Geländer irgendwann gleichzeitig einbrechen könnten. Die Haustür hing schräg in den Angeln, so dass der Wind an den Ecken hindurch wehen konnte. Die Holzfarbe an den Fensterläden blätterte ab und der Lehmputz bröckelte von den Wänden und legte die Stützbalken frei, so dass sie schutzlos Sturm und Regen ausgeliefert waren.
Das kleine baufällige Haus wartete vergeblich auf den Mann, der dies alles reparieren, wieder herrichten würde, denn der Krieg hatte ihn vor langer Zeit verschluckt. Edwin, einer der beiden Nachbarjungen, trug das Brennholz hinauf. Sein Vater hatte sich beim letzten Fronturlaub in der Scheune erhängt und nun verdienten sich die beiden Jungen beim Holzmachen etwas dazu. Marthas Mutter nähte für Edwins Mutter und die Söhne und bekam Milch, Kartoffeln und manchmal auch Kohl dafür.
„Meinst du, der Vater kommt wieder heim?“, fragte Mutter jeden Abend, während sie den Lampenschirm bis zur Tischplatte hinunterzog, um beim Stopfen besser sehen zu können. Martha blieb ihr die Antwort jedes Mal schuldig. Bis spät in die Nacht saßen die beiden Frauen am Küchentisch. Sie hatten zuvor einen Topf Milch auf dem Herd erhitzt, in den die Mutter Honig hineinrührte, bevor sie ihre Stopfsachen aus der Tischschublade holte und anfing, mit dicker Wolle und Stopfnadel die Löcher zu schließen. Martha war über Papierbögen gebeugt, die sie für ein Schnittmuster auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Sie wollte das Fräulein in der Schule beeindrucken und musste die ganze Zeit daran denken, welche Augen es machen würde, wenn sie ihr die Plisseefalten, die sie gelegt und geheftet hatte, zeigen würde. Aus den alten Mänteln und Jacken ihres Vaters hatte sie schon Flanellröcke genäht und aus dem restlichen Vorhangstoff Sommerkleider für sich und die Mutter.
Die Mutter strickte, meist aus aufgetrennter Wolle, für die Leute im Dorf. Und im Rhythmus der Stricknadeln, mit denen sie den Faden führte, fing sie an, Geschichten von früher zu erzählen: Vom Schorsch, der so jung verunglückt war, vom Ferdinand mit dem Klumpfuß, von der Erna, die auf die höhere Schule geschickt
worden war, von der Antonia, …

„Mama, ich will auch auf die höhere Schule gehen“, unterbrach Martha den Erzählstrom ihrer Mutter
„Was du dir net einbildest“, sagte die Mutter, als sie von ihrer Handarbeit hoch schaute, „da muss man doch g`scheit sein.“
„Ich bin g`scheit“, antwortete Martha trotzig, „das Fräulein lässt mich oft mit den jüngeren Kindern rechnen und lesen und fragt, ob ich den großen Mädchen an der Nähmaschine helfen kann.“
Die Augen der Mutter wirkten müde, als sie zu ihrer Tochter aufsah.
„Martha, treib dir die Flausen aus dem Kopf, wer will denn die Arbeit daheim machen?“
Sie bauten Gemüse im Garten an und jeden Herbst legten sie gestampftes Sauerkraut und Soleier in große Tontöpfe ein, kochten aus Fallobst Apfelmus und aus Himbeeren und Walderdbeeren Marmelade. Die Kräuterkunde für die Dorfschulklasse fand oft in ihrem Garten und im nahegelegenen Wald statt, wo Martha die Exkursion für die Schulkinder leiten durfte.
„Mutter, ich bin die Beste in der Schule, ich kann alles aus dem Heimatkundeheft auswendig aufsagen:
Der rote und der weiße Main
fließen westlich von Kulmbach zusammen.

Bald ist Lichtenfels erreicht,
rechts auf steiler Höhe steht Schloss Banz, …“

„Still, Martha, sei still“, unterbrach die Mutter sie. „Bete lieber ein
Gegrüßet seist du Maria oder ein Vater unser, damit der Herrgott seine Hand über unser Haus hält.“
„Das ist doch kein Haus, Mutter, das ist eine Bruchbude!“, entgegnete Martha ihr zornig.
„Versündige dich nicht Kind“, ermahnte die Mutter sie.
„Wenn ich Lehrerin wäre, könnten wir im Schulhaus wohnen, Mama – wär` das nicht schön?“
Doch die Mutter hatte den Kopf schon wieder über ihre Handarbeit gebeugt.
….

2 Paul
Auf dem Feldweg unterhalb der Weinberge lief ein Mann auf das Dorf zu. Die Stiefel an seinen Fü.en schienen zu schwer für seinen schmalen Körper zu sein und doch setzte er entschlossen jeden Schritt vor den anderen, so als ob er sein Ziel kannte. Nichts als heim, dachte Paul, heim zur Mutter, heim ins Dorf. Mutter hatte ihm über die Feldpost geschrieben, dass sein Bruder Karl gefallen war und sein Vater als vermisst galt, doch er wollte nur nach Hause, einfach nach Hause. Er wischte sich mit der staubigen Hand über die Stirn und hoffte, dass niemand fragen würde. Das Gewehr drückte schwer auf seinen Schultern, ebenso das Gewicht seines leeren Rucksackes, an dessen Riemen ein Kaffeebecher baumelte. Das Gewehr hatte ihm auf der langen Strecke durch Wald und Wiesen geholfen zu überleben, jetzt würde er es nicht mehr brauchen.
An den Weinstöcken am Wegesrand konnte er schon die ersten Triebe an den Reben erkennen und musste an all die Jahre denken, wie sie als Kinder bei der Weinlese am Abend mit nackten Füßen die Trauben in der Kelter festgestampft hatten und danach den ersten Most kosteten, der über eine äußere Rinne in einen Eimer gelaufen war. Die Arbeit dauerte oft bis spät in die Nacht, doch jedes Mal war es ein Freudenfest.
In seinem Innern erklang die Musik von damals und beschwor Bilder von lachenden Mädchengesichtern herauf. Er versuchte sich vorzustellen, wie Annegret und Liesl wohl jetzt aussehen mochten und musste dabei schmunzeln, als plötzlich zwei Gestalten auf dem Feldweg vor ihm auftauchten und seine Erinnerungen vertrieben.

Er warf sich ins nächste Gebüsch und hielt den Atem an. Er wollte nicht gefunden werden, noch nicht. Einer der beiden Gestalten hielt eine Fahne in den Händen, die im Wind wehte. Als sie näher kamen, spürte Paul, wie er zu keuchen anfing. Er hatte so viele Male im Krieg den Atem anhalten müssen, dass sich seit einiger Zeit sein Mund wie von selbst öffnete, wenn er Luft holte. Hoffentlich hören oder sehen sie mich nicht, dachte Paul noch, als sie abrupt vor ihm stehen blieben.
„Komm raus!“, rief der Ältere mit der Fahne in der Hand.
Paul duckte sich noch tiefer, in der Hoffung, unerkannt zu bleiben, als er erneut die Stimme vernahm.
„Komm raus! Wir tun dir nichts.“
Er befand sich im Nachbarort und er hätte nur noch den Waldhügel überqueren müssen, um zu Hause zu sein. Was sollte er tun? Doch dann sah er durch die Äste hindurch die Holzkrücke des Jüngeren und das missgebildete Bein und beruhigte sich. Mit erhobenen Händen trat er aus seiner Deckung hinaus.
Der Ältere streckte ihm die Hand entgegen und sagte:
„Ich bin der Bürgermeister, Grü. Gott, mein Sohn.“
Jetzt erst sah Paul, dass es keine Fahne war, sondern ein weißes Betttuch, das an einer Apfelpflückstange gebunden war.
„Wir gehen den Amis entgegen“, sagte der Bürgermeister, als er Pauls fragenden Blick sah, „damit sie unser Dorf verschonen.“
„… und den Leut` nichts tun“, fügte der Jüngere hinzu.
„Wem g`hörst du denn?“, fragte der Ältere weiter.
„I..ch bin au…s Wiemersdorf, d…em Luber sein Jüngster“, stotterte Paul.
„Ludwig Kassierer aus Wiemersdorf, stimmt`s?“, wiederholte der Bürgermeister zackig und Paul nickte verlegen.
„Wenn du aus Wiemersdorf bist, dann kennst du meinen Sohn, den Friedrich, Friedrich Täufert, der is` doch Lehrer bei euch im Dorf.“
Paul nickte erneut und spürte, wie sein Herz zu klopfen begann.
Seine Knie zitterten, das Blut sackte ihm in die Beine und er spürte, wie ihm schwindelig wurde.
„Bist ja ganz blass“, hörte er den Bürgermeister noch sagen, während er sein Gewehr von der Schulter rutschen ließ, um sich darauf stützen zu können.
„Gehst bei unserm Hof vorbei, wenn du vorne die Gasse runter kommst, meine Frau macht dir ´ne Brotzeit, dass d` wieder zu Kräften kommst. Trink `nen Schluck Most, damit d` wieder Farb` im G`sicht kriegst“, sagte er noch und klopfte Paul dabei auf die Schulter.
„Sagst dem Friedrich Grüß Gott von uns, bin auch froh, dass er wieder g´sund vom Krieg daheim ist.“
„Vergelt `s Gott“, grüßte Paul mit erhobener Hand und lief zügig, wenn auch noch schwankend, so schnell wie möglich den beiden Männern davon.

Er nahm sich fest vor, nicht beim Hof des Bürgermeisters einzukehren. Nichts, aber auch gar nichts mehr wollte er mit diesem Lehrer zu tun haben. Doch als er die Gasse hinunter kam und er die Bürgermeisterin durch das offene Tor mit dem Eierkorb in der Hand über den Hof laufen sah, trieb ihn der Hunger hinein. …..

3 Der Lehrer
Er war nicht wirklich froh darüber, wieder vom Krieg heimgekehrt zu sein. Sie hatten monatelang gehungert, gefroren und jeden Tag um ihr Leben gekämpft. Aber was ihn hier erwartete, welches Leben sollte das sein?, dachte Friedrich, während sein Blick vom Schreibtisch aus durchs Fenster in den Garten fiel. Die Schulhefte stapelten sich an beiden Seiten. Er werde den Fehlern der bildungsunwilligen Dorfkinder nie Herr werden, dachte er und fragte sich, wie lange er noch das Stöhnen und Jammern seiner kranken Frau, das durch die geöffnete Tür des angrenzenden Schlafzimmers zu hören war, ertragen werde können. Und der Hof, ein Gutshof, von dem er so geträumt und den man ihm nach dem Endsieg versprochen hatte, war für alle Zeit, für immer verloren. So einen Hof, wie ihn Vater hatte, im Nachbarort mit Pferdeställen,
Vieh auf der Weide, Scheunen und Weinkeller, und den sein jüngerer Bruder, sein behindert Bruder geerbt hatte – der ein Krüppel war.

Schorsch, sein älterer Bruder, wäre der rechtmäßige Hoferbe gewesen. Friedrich nahm das gerahmte Foto von ihm, das seit vielen Jahren auf seinem Schreibtisch stand, verblichen vom einfallenden Licht der Sonne, in beide Hände. Sechzehn Jahre war Schorsch damals alt, mit seinen blonden Locken, den strahlend blauen Augen und dem verschmitzten Lächeln in seinem Gesicht, den Kopf leicht abgewandt, immer im Gehen begriffen, immer unterwegs.
„Kommst du mit?“, rief er fröhlich, schnappte sich das Moped vom Vater, fuhr die Feldwege entlang und quer die Wiesenhänge hinab. Friedrich musste sich beeilen, wenn er mit dem dunkelroten Damenfahrrad seiner Mutter hinterherkommen wollte. …….

7 Antonia, nachts im Wirtshaus
Es ist besser, wenn du `s nicht weißt, Martha. Glaub mir, es ist besser, wenn du es nicht weißt. Jedes Mal um Mitternacht, wenn die letzten Gäste gegangen, die Tische abgewischt und die Stühle hochgestellt waren, da plauderten
wir immer ein wenig, du und ich. Ich schaue dir gern dabei zu, wie du mit deinen kräftigen Armen die Stühle hochstemmst oder dich flink über die Tische beugst. Die weißen Baumwollstrümpfe sind dann meist schon runter bis auf die
Schuh gerutscht und unter deinem Dirndlrock kann man deine stämmigen Waden sehen. Du bist eine Tüchtige, denke ich mir jedes Mal, und wenn du mit deinen leuchtend blauen Augen und deinem schönen Mädchengesicht die Gäste anstrahlst, da bin ich mir sicher, dass ich die Richtige vom Dorf ausgewählt hab`. Und außerdem, Martha, erinnerst du mich so an meine kleine Schwester Erna.

Wenn du nur nicht mit deiner Fragerei angefangen hättest. Wie die Erna denn auf die höhere Schul zu den Englischen Fräuleins gekommen ist, obwohl der Lehrer es doch sonst keinem Kind im Dorf erlaubt?
Glaub mir, Martha, es ist besser wenn du es nicht weißt.
Ich steh` lieber hinterm Tresen, meine Fü.e tun mir weh. Außerdem hab` ich von hier aus die bessere Sicht über das Dorf und die Leut. Du bist jung und mit deinem blonden Zopf, den du wie einen Kranz um den Kopf gewickelt hast, und deinen roten frischen Wangen bist du ein Lichtblick in unserer Gaststube. Am Sonntag, wenn die Leut` von der Kirche kommen, der Bürgermeister und der Amtsrat, der Lehrer und der Pfarrer oder der Erwin mit dem Glasauge vom Stammtisch, ob gebildet oder ungebildet, das spielt keine Rolle. Mit jedem kannst du `s gut, Martha. Und wenn nachmittags die Fußballer zum Bier eintrudeln, sieht man, wie sie dich alle mögen. Immer das gleiche Dirndl trägst du, aber du hast ja nur dieses eine.
„Antonia, bringst mir Seidenstrümpf´ mit, wenn du wieder in die Stadt fährst?“, hast du mich neulich gefragt.
Das mach` ich doch gern. Ich kann dir doch nichts abschlagen, Martha. Ich bin so froh, dass ich dich habe.

Aber lieber wäre es mir, wenn du dich nicht so herrichten würdest wie ich. Irgendwann hab ich mein Dirndl ausgezogen, die Zöpfe abgeschnitten, mein Haar toupiert und die Lippen rot gemalt. In meinem engen schwarzen Rock und Seidenstrümpfen in Stöckelschuhen wackle ich seitdem durch die Wirtsstube und wenn ich mich mit meinem großen Busen an die Rücken der Mannsbilder drück`, um einen Strich auf die Bierdeckel zu machen, da merk` ich, dass die des mögen. Die Oma hat sich immer gewundert, dass mir mehr Zulauf ham als das Wirtshaus im oberen Dorf. Doch von nichts kommt nichts, hab` ich mir dann gedacht und weit hab ich´s bracht. Aber bei dir, Martha, nein, da möchte ich das nicht – du könntest meine Tochter sein.

Wenn du nur net immer wieder nach der Erna und der höheren Schul` fragen würdest. Seit du mit der Fragerei angefangen hast, hör ich sie wieder, die schweren Schritte – nachts.
„Antonia“, hast du neulich wieder gefragt, „deine Schwester, die Erna, die hat der Lehrer doch auf die höhere Schule gelassen. Du weißt doch, dass ich Hauswirtschaftslehrerin werden möchte. Hat dein Vater mit ihm g`redt?“ Nein, der scho` gar net, wollte ich sagen, aber dann hab` ich mir auf die Zunge gebissen. Ich möcht` so gern, dass du bei mir bleibst, hab ich mir gedacht.

Nachts, wenn die du die Abrechnung machst, da is` es immer so ruhig in der Gaststube, nur das Klirren der Gläser, die ich noch spüle und abtrockne, ist zu hören.

Aber seit du mit deiner ewigen Fragerei angefangen hast, da hör ich sie wieder, die Schritte des Vaters, wie ich sie sie so viele Male gehört hab, in den Nächten, wenn er die Treppe hochgekommen ist, als ich so alt war wie du.
Der Gang bis zu meinem Zimmer war lang, Gott sei dank, so konnte ich das andere Nachthemd anzuziehen, das Hemd, das ich ganz unten im Wäschekorb versteckt hatte, bevor sich die Zimmertür öffnete. – Das Nachthemd dort, das war nicht ich.
Wenn es vorbei war, hab ich jedes Mal ein frisches angezogen, hab meine Stoffpuppe in den Arm genommen und mich in den Schlaf geweint. Die Mutter hatte mir die Puppe genäht, bevor sie gestorben war, mit echtem Hanfhaar und nach Rosenwasser und Lavendel hat sie gerochen, so wie die Mutter.
Ich wollte nicht, dass Erna das Nachthemd unten im Wäschekorb anziehen musste, nur deshalb hab ich dem Pfarrer in der Beichte erzählt:
„Herr Pfarrer, bei uns im Haus, seit dem Tod der Mutter, geht die Unkeuschheit um, und die Erna, die muss weg, wenigstens in der Nacht muss sie schlafen können.“

Dann ging `s schnell. Der Pfarrer muss mit dem Lehrer geredet ham, hab ich mir oft danach gedacht und noch bevor die Erntezeit rum war, kam die Erna weg, mitten im Schuljahr. Wütend war sie, geschimpft hat sie und verwünscht hat sie mich. Und als sie die ersten Sommerferien nicht heimfahren durfte, weil sie soviel geweint hatte, da hat sie gsacht, ich hätt` sie bloß los haben wollen, damit mir des Wirtshaus irgendwann alleine gehört.
Seitdem, Martha, bin ich der einsamste Mensch auf der Welt.

„Antonia“, rufst du mich jedes Mal und reißt mich aus meinen Gedanken. Schnell wische ich mein Gesicht, das sich jede Nacht im Edelstahl der Theke spiegelt, mit dem Serviertuch weg.
„Bin fertig, hab alles Geld gezählt und den Beutel für die Raiffeisenkasse fertig gemacht.“
„Dankeschön, Martha, du bist eine Tüchtige“, lobe ich dich jedes Mal.
Als ich dir neulich den Lohn auszahlte, fragtest du mich schüchtern, ob ich dir net auch `nen Büstenhalter aus der Stadt mitbringen könnt. Da musst` ich lachen.
„Martha, was willst du denn da rein tun, du bist doch noch ganz flach?“ Du wurdest rot und meintest: „Da kommt scho´ noch was.“
Und da fragte ich dich, ob du net mitfahren willst in die Stadt und selber gucken willst.
„Würdest du mich denn mitnehmen?“, strahltest du mich an.
„Ja, freilich! Vielleicht finden wir ja auch ein schönes Kleid für dich.“
„Aber ich näh doch meine Kleider selber“, protestiertest du.
„Na ja, dann finden wir halt einen schönen Sommerstoff für dich.“

Bevor ich dann die Wirtshaustür zumachen und hinter dir abschließen wollte, da drehtest du dich zu mir um und fragtest, ob ich nicht doch mal mit dem Lehrer reden könnt. Da hab` ich ´s dir versprochen und da kam mir die Idee – wie ich dich bei mir, im Dorf, halten könnte.
…………..

14 Auf dem Friedhof

Wieder hatte jemand weiße Margaritenblumen an die Seite der Gartenabfälle gelegt, dort, wo an der mit Moos und Efeu bewachsenen Friedhofsmauer die Reihe der Kindergräber begann. War es Zufall, sollte es so aussehen, als ob sie vom Kompost heruntergefallen waren? Doch sie waren jedes Mal frisch, kein einzig welkes Blatt. Sie stand schon wieder viel zu lange an der Stelle, wo sie vor Monaten nachts ein Loch ausgehoben und das kleine Bündel neben die anderen toten Kindern hineingelegt hatte. Johann, so nannte sie ihren kleinen Jungen, durfte kein eigenes Grab haben, niemand im Dorf durfte wissen, dass es diesen Jungen, wenn auch nur für kurze Zeit, gegeben hatte.

Dort zwischen Wasserpumpe und Komposthaufen fiel es am wenigstens auf, wenn sie mit ihrer Gießkanne oder ihrem Unkrautkorb länger verweilte. Sie warf auch Blumen auf sein Grab, alles was sie finden konnte und noch blühte. Im Sommer zog sie ihre Schuhe aus und steckte ihre nackten Fü.e abwechselnd in die Humuserde an dieser Stelle und meinte so den kleinen Körper, den Herzschlag von Johann unter ihren Fußsohlen spüren zu können. Und im Herbst bedeckte sie das Grab mit Laub, um ihn vor der Kälte zu schützen, bis der Schnee kam, um ihn weiterhin zu wärmen. Vielleicht konnte Johann das Rascheln hören und ihr Summen der unzähligen Kinderlieder, die sie jedes Mal anstimmte, wenn sie wieder eine Gießkanne füllte.

„Martha, wo bleibst du denn?“, rief ihre Mutter im schroffen Ton über den Friedhof hinweg, wodurch sie aus ihren Träumen gerissen wurde. Zur Frau neben ihrem Familiengrab, die erschreckt aus ihrem stillen Gebet hochblickte, sagte sie:
„Ich weiß nicht, meine Tochter träumt und spricht die ganze Zeit vor sich hin, als ob sie nicht ganz richtig im Kopf ist.“
Die Frau am Nachbargrab schüttelte besänftigend den Kopf und sagte nur:
„Nein, das ist das Alter. Als wir jung waren – waren wir da nicht auch ständig mit unseren Gedanken woanders?“

Am liebsten ging Martha montags zum Friedhof, weil dann dort kaum jemand zu finden war und sie dann mit Johann sprechen konnte. Sie erzählte ihm von den Schafen, Kaninchen und Hühnern, von den Schmetterlingen, Igeln und Pferden auf der Weide, vom Wald mit seinen Moos bewachsenen Bäumen und den Farnen, die glitzerten, wenn helles Sonnenlicht durch die Baumkronen fiel, und vom Bach, der mitten durchs Dorf floss und an dem die Kinder den ganzen Sommer über spielten. Wie gerne hätte sie ihren kleinen Jungen zu den anderen Kindern hinaus zum Spielen geschickt, wie gerne hätte sie seine aufgeschürften Knie verarztet, wie gerne hätte sie ihm die Tränen von den Wangen geküsst und den Fieberschweiß von der Stirn – wenn nicht alles anderes gekommen wäre.

……………………

II IM GEFÄNGNIS

17 Frauengefängnis

Winter 1949

Lieber kleiner Johann,
die einzige Möglichkeit, mit dir in Gedanken allein zu sein, ist Sonntagabend, wenn die anderen Frauen aus meiner Zelle im Aufenthaltsraum Karten spielen, Strümpfe stopfen, ihre Wäsche flicken und dabei Radio hören dürfen.
Ich sitze mit angezogenen Beinen auf meinem Bett mit dem Rücken zur feuchten Wand und schaue den letzten eisigen Sonnenstrahlen zu, die diesen kleinen düsteren Raum durchfluten. Sie werden durchschnitten von den Gitterstäben des Zellenfensters und die eisige Kälte, die heraufzieht, durchströmt meinen Körper wie ein stechender Schmerz.
Doch Schmerzen, kleiner Johann, ist das einzige, was ich noch spüre, seit du nicht mehr da bist. Ich fühle mich eingepackt, wie in einer bleiernen Hülle und die Schwere beim Gehen und Atmen lässt mich nur schleppend meinen Alltag ertragen. Meine Augen sehen, wie durch eine Luke hindurch, gerade soviel, um nicht zu stürzen oder andere zu stoßen und meine Ohren nehmen die Geräusche des Lebens von draußen nur von weiter Ferne wahr.

Dieses dumpfe K.rpergefühl verschwindet, wenn für einen Moment Schmerz durch meinen Körper dringt. Mein Kreuz spüre ich nachts vom Bücken und schweren Heben in der Wäscherei. Meine Hände sind durch das Soda der Waschmittel und dem heißem Wasser aufgeweicht. Die blutigen und grindigen Risse reibe ich nicht mit Mutters Salbe ein. Manchmal breite ich meine Hände vor mir auf meinen Schoß aus und betrachte sie. Die, mit denen ich dich von mir gestoßen habe. Nur durch das Brennen und Beißen des Schmerzes öffnet sich dann, für einen Augenblick, ein Spalt nach draußen in die Welt der Lebenden.

Doch wenn ich wieder an dich denke, wie in so vielen Stunden, Tagen, Minuten, dann vergrabe ich mich wieder in meiner dichten Hülle und wandle wie ein Geist durch die steinernen Flure und den Innenhof des Gefängnisses. An diesen Tagen ist die Gefahr groß, mich in einen der dampfenden Kessel zu stürzen, wenn die heiße Sodabrühe darüber gegossen wird.
Dann möchte ich mich auflösen, so wie die Kernseife in den Becken und in dem Wasserdampf verschwinden für immer, mich auflösen – erlösen. Doch ich will nicht noch eine Todsünde begehen.
Verzeih mir, kleiner Johann, dass ich mich mit so schweren Gedanken am dich wende, aber manchmal, weiß ich einfach nicht wohin.
Gestern war der Herr Pfarrer da, da durfte ich sogar meine Arbeit am Waschtrog unterbrechen. Er saß klein und grauhaarig auf der Bank im Warteraum und als ich mich ihm gegenübersetzte, schob er mir mit einem „Grüß Gott, Martha“ ein in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen über die Tischplatte zu.
„Herr Pfarrer, Sie?“, begrüßte ich ihn und fragte, ob er mich denn überhaupt noch von Gott grüßen dürfe. Er setzte sein freundliches, wenn jetzt auch schon etwas müdes Lächeln auf und gab mir zur Antwort: „Martha, wir sind alle Kinder Gottes.“
In dem Zeitungspapier war ein Brot mit Handkäse eingepackt.
„Du musst viel essen, damit du das durchhältst, Martha.“
„Wozu durchhalten, Herr Pfarrer?“, entgegnete ich ihm. Da sah er mich mit strengem und mahnendem Blick an: „Wir alle finden Gnade vor unserem Herrn, Martha.“ …………….

Frühjahr 1950

Lieber Johann,
am schlimmsten war der Besuch von Lene für mich. Sie brachte mir Hagebuttenmarmelade, Äpfel und Ringelblumensalbe von Mutter und einen Kissenüberzug mit, den sie selbst genäht und mit meinen Namen bestickt hatte.
„Damit du etwas hast, das nur dir gehört“, sagte sie.
Wenn ich an die dicken geschwollenen Finger von Mutter denke, die immer nach dem ersten Frost das Mark aus den Hagebutten drückten, um Marmelade daraus zu kochen, wird mir ganz weh ums Herz. Viele Frauen schnitten die Hagebutten auf und kratzten mühsam die juckenden Kerne heraus. Mutter war eine kluge Frau. Mit ihrer Ringelblumensalbe aus geschmolzenem Schweinefett und Blütensud heilte sie manch offene Wunde der Bettlägerigen im Dorf.

Ich schäme mich so, wenn ich die beiden Geschenke in meinen Händen halte und falle jedes Mal meiner Schwester schluchzend um den Hals. Sie streicht mir dann mit ihrer rauen Hand über den Kopf, drückt mich fest an ihre Brust und fängt an ein Schlaflied aus unseren Kindertagen zu summen.
Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt, … morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.
Erkennst du es wieder? Wie viele Male habe ich es für dich schon gesungen? Ich beruhige mich dann immer wieder, doch abends, wenn Lene gegangen ist, weine ich das Kissen nass und habe das Gefühl, dass alle Kraft aus mir herausgezogen ist, dass sie alles mitgenommen hat, was noch von mir übrig war. Deshalb habe ich sie gebeten, nicht wieder zu kommen.
…….

III IN DER STADT

26 Nach Allerheiligen, zurück in der Stadt

I’m dreaming of a white Christmas
Just like the ones I used to know …

Noch am gleichen Abend, zurück in ihrem Dachzimmer, schrieb Martha einen Brief an Antonia:
… Ich würde dich so gerne wieder sehen, wir könnten ins Kino, am Main spazieren und ins Café Nikolaus einkehren, es gibt so viel zu erzählen. Ich nehm` mir den Montag frei, wenn du kommst. …
Doch ihr Brief blieb unbeantwortet. Auch an ihre Schwester schrieb sie wenige Tage später.
Meine allerliebste Schwester,
ich hoffe, Du bist gesund und Dir geht es gut? Am Bahnhof gibt es öffentliche Telefonapparate, ich könnte Dich Samstagabend oder am Sonntag anrufen, in der Wirtschaft bei Frau Zoll. Sie hat bestimmt nichts dagegen, sie hat unsere Mutter ja noch gekannt. Schreib mir bitte wann. Bin schon ganz aufgeregt. Vielleicht könnt` ich Weihnachten zu Euch kommen? Spricht man noch über meine Geschichte? Ich hoffe nicht. Ich sehne mich so sehr nach Euch, Dir und Deinen Kindern. Ihr seid doch meine Familie.
Gott beschütze Dich.
In Liebe, Martha.
Lene schrieb zurück und nannte zehn Uhr vormittags als Termin, wenn ihr Mann in der Sonntagsmesse war. Sie weinten ins Telefon, trösteten sich zugleich und versicherten sich, dass sie schon irgendwie zurechtkommen, so dass die andere sich keine Sorgen zu machen brauche. Aber an Weihnachten könne Martha nicht zu ihnen kommen, sagte Lene, das müsse sie verstehen, ihr Mann will das nicht haben. Aber sie könne ja gerne ein anderes Mal kommen, schlug sie vor, wobei sie offen ließ, wann das sein sollte.
Martha lief nach dem Telefongespräch wie eine Schlafwandlerin durch die Straßen von Würzburg und musste sich immer wieder daran erinnern, dass sie zur Domstraße wollte, wo sie Edwin treffen würde. Den ganzen Weg überlegte sie, Lene nach Würzburg einzuladen, auf den Weihnachtsmarkt oder zu Kiliani oder … , bis ihr klar wurde, dass man als Dorfkind nur einmal im Leben nach Würzburg kommt, zur Firmung, wenn der Bischof einem die Hand auflegt und ein Kreuzzeichen mit Salböl auf die Stirn zeichnet.

Edwin wartete an der Domruine auf sie. Sie gingen wie jeden Sonntag über die alte Mainbrücke zum Mainufer hinunter, entlang des Flusses bis zur Ludwigsbrücke, um am Schluss im Café Nikolaus einzukehren. Auf der Mauerbrüstung der alten Brücke standen Heiligenfiguren und blickten auf das junge Paar hinab. Edwin blieb vor dem Heiligen Kilian stehen und zeigte mit der Hand auf die steinerne Statue und fing an zu rezitieren:
Kilian, Kolonat und Totnan brachten das Christentum nach Franken. Als Kilian jedoch die Schwagerehe des fränkischen Herzogs mit Geilana missbilligte, ließ dieser 689 Kilian und seine Begleiter ermorden und die Leichen in einem Pferdestall verscharren. Da die Pferde immer wieder von dieser Stelle zurückwichen, ließ man dort, die Erde aufgraben. Geilana war inzwischen dem Wahnsinn verfallen und als die Gebeine entdeckt wurden, begriff man, dass diese frommen Männer Heilige waren.“
Martha, die stehengeblieben und den Worten Edwins gelauscht hatte, musste lächeln:
„Heimatkundeheft, dritte Klasse“, sagte sie.
„Jawohl, Fräulein Martha“, sagte Edwin und zeigte mit der Hand auf den Heiligen Johannes von Nepomuk, „aber den, den kennst du sicher noch nicht.“
„Johannes Nepomuk, der Brückenheilige, hatte Streit mit dem König Wenzel, weil er sich weigerte das Beichtgeheimnis zu brechen. Er wollte ihm nicht preisgeben, was dessen Frau, die er der Untreue bezichtigte, anvertraut hatte. Deshalb ließ der König ihn foltern und anschließend von der Prager Karlsbrücke ins Wasser werfen, wo der Fluss für kurze Zeit austrocknete, damit man seine Leiche bergen konnte. Fünf Feuerzungen zeigten zugleich an, wo Johannes Körper zu finden war.“
Während Martha Edwin so beobachtete, wie er in seinem Wollmantel und Hut vor den Steinfiguren, im Hintergrund der graue Novemberhimmel, rezitierte, kam ihr der Gedanke:
Ja, Edwin passt in diese Stadt, passt zu Würzburg.

Sie liefen weiter und unten am Mainufer bat Edwin sie, einen Moment unter der Brücke stehen zu bleiben. Er packte eine kleine Schachtel mit einem Ring aus und sagte: „Erschreck` bitte nicht Martha, aber ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Würdest du mit mir zur Weihnachtsfeier unserer Kanzlei gehen, damit die anderen nicht dauernd neugierige Fragen stellen? Ich leih dir ihn nur.“
Martha sah ihn verwirrt an.
„Naja, du weißt doch noch, dass mein Chef uns zusammen in der Heckenwirtschaft gesehen hat.“
Martha schwieg.
„Könnten wir nicht mündlich einen Kontrakt schließen? Du gehst mit mir zur Weihnachtsfeier und ich gebe dir Geld für ein Paar neue Schuhe oder einen Mantel, jetzt wo der Winter kommt.“

Martha schwieg noch immer.
Sie musste Edwin Recht geben, sie brauchte tatsächlich einen neuen Wintermantel, ihr alter war zerschlissen und abgetragen und sie schämte sich manchmal dafür. Und der Wollponcho, den sie sich die ganze Zeit übergeworfen hatte, reichte nicht mehr gegen die Kälte aus.
„Einen Mantel“, sagte sie leise, so dass es kaum zu hören war,
„einen Mantel brauch` ich, Edwin.“
Edwin nickte und schlug vor am Mantelsonntag gemeinsam zum Severin in der Sanderstraße zu gehen. Martha nickte stumm.

Zuhause holte sie ihr dunkelblaues Plisseekleid heraus, das ihr immer noch passte. Sie trennte den weißen Kragen ab und machte aus dem Rundhals einen V-Ausschnitt, den sie an beiden Rändern mit einem dunkelblauen Samtband einfasste. Sie würde die Perlenohrringe ihrer Mutter und das goldene Kettchen mit dem Kreuz, das sie von ihrer Firmpatin geschenkt bekommen hatte, dazu tragen. Und vielleicht hatte der neue Mantel ja einen weichen Pelzkragen, so dass alles etwas feiner und edler wirkte. Martha spürte plötzlich, wie sie sich auf die neuen Kleider freute und auf die Weihnachtsfeier, wo sie wieder einmal unter anderen Menschen als den Fabriknäherinnen war. Und dennoch wurde ihre Freude getrübt von dem Gedanken, ob sie käuflich war. Sie schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben, doch an der Nähmaschine ratterte ihr dieser Gedanke weiter hinterher: du bist käuflich, du bist käuflich, … bis sie sich beruhigte und dem Gedanken Einhalt gebot: Edwin hätte ja auch eine andere fragen können.

In der Adventszeit stellte sie vier Kerzen ans Fenster und legte Tannenzweige dazwischen. Sie zündete die Kerzen an, löschte das Licht im Zimmer und schaute auf die verschneiten Dächer der Stadt und in den Sternenhimmel hinauf. Manchmal summte sie ein Lied dazu und war ganz versunken in die Dorfwelt ihrer Kindheit, als es noch Lene, Vater und Mutter gab und sie noch ein Kind war. „Es ist so einsam“, hauchte sie zum Fenster hin und zeichnete mit dem Finger einen Stern auf die beschlagene Scheibe. Nicht mal Edwin konnte zu ihr in die warme Stube hochkommen. Es gab keine selbstgebackenen Plätzchen, keinen Tee und keinen Christstollen. Nur Lebkuchen auf dem Weihnachtsmarkt und Glühwein, an dem sie sich die Finger wärmten. Und wenn das Lied I’m dreaming of a white Christmas aus den Lautsprechern erklang, musste sie weinen, auch wenn sie gar kein Englisch verstand.
Nur in der Kirche hatte sie das Gefühl, dass Weihnachten so wie immer war. Mit dem riesengroßen Adventskranz, der über dem Altarraum der Neumünsterkirche neben dem Dom schwebte, den beiden hohen mit Strohsternen geschmückten Tannenbäumen rechts und links vom Altar und den Weihnachtsliedern, bei denen sie laut mitsang, bis ihr vor Heimweh die Stimme versagte.
„Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab!“ rief das Volk in bangen Nächten, dem Gott die Verheißung gab: Einst den Mittler selbst zu sehen und zum Himmel einzugehen; //: denn verschlossen war das Tor, bis ein Heiland trat hervor://

Edwin nahm sie mit zum Weihnachtsmarkt und immer wieder mit ins Bavaria-Kino in der Juliuspromenade. Martha war beeindruckt. Zwei elegante Marmortreppen, die von der Eingangshalle zu den Parkett- und Rangfoyers hinauf führten, zwangen sie geradezu aufrecht zu gehen, mehr zu schreiten als zu gehen. Vorbei an den Wänden mit Palisander-Holztäfelung, weiter mit staunendem Blick auf die Stuck-Kanneluren, der Decken- und Wandkonstruktion bis hin zu den mit lindgrün gepolsterten Sitzplätzen des Filmtheaters. In diesem Glanz konnten nicht nur die Würzburger Kinobesucher ihre vielerorts noch in Trümmern liegende Stadt vergessen, sondern auch Martha für kurze Zeit ihre Einsamkeit, auch wenn sie oft den ganzen Film hindurch weinte.
Den ersten Film, den Martha sah, war Rosen-Resli mit der 9-jährigen Hauptdarstellerin Christine Kaufmann. Kaufmann war persönlich zur Verbeugungspremiere ins Bavaria-Kino gekommen. 1,20 Mark kostete die Karte, Edwin hatte sie eingeladen. „Rosen-Resli Schauspielerin in Würzburg“ betitelte die Main Post ihr Foto auf der Titelseite. Sie bat Edwin es ausschneiden zu dürfen und zeigte es am nächsten Tag in der Textilfabrik den anderen Näherinnen in der Mittagspause. Die Köpfe neigten sich voller Bewunderung über den Zeitungsausschnitt und Martha zeigte stolz ihre Kinokarte. Marie, die ihr am nähesten stand, nahm sie zur Seite und fragte, ob sie nicht mal zusammen ins Kino gehen könnten. Martha war glücklich. Dann
kam Weihnachten.
Am Heiligen Abend war es am schlimmsten. Edwin und sie liefen nach der Christmette noch stundenlang in der kalten und sternenklaren Nacht durch die verschneiten Straßen von Würzburg.
Überall sah man Lichter in den Fenstern und glaubte dahinter fröhliche Stimmen zu vernehmen. Die Beleuchtung der Straßenlaternen ließ die Schneeflocken in der Nachtluft glitzern und unter ihren Schuhen knarzte der eisig gefrorene Boden, das einzige Geräusch, das weit und breit zu hören war und ihnen das Gefühl gab, in Würzburg allein und verloren zu sein.
Sie gingen in die Bahnhofswirtschaft, die einzige Gaststube, die geöffnet hatte, aßen Bratwurst mit Kraut, tranken ein Bier und schwiegen. Dann legte Martha Edwin ein in braunes Packpapier eingewickeltes Paket auf den Tisch.
„Frohe Weihnachten, Edwin!“, sagte sie.
Edwin sah sie verwundert an, schob den Teller zur Seite, wischte sich die Hände an der Papierserviette ab und öffnete es. Martha hatte ihm ein Hemd aus Batiststoff genäht. An den Manschetten hatte sie zwei Löcher eingesäumt und mit einen Doppelknopf zusammen geschoben:
„Manschettenknöpfe musst du dir selbst kaufen“, lächelte sie ihn verlegen an.
„Vielen Dank, Martha“, strahlte er, „ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll.“
„Sag nichts, Edwin, es ist alles gut so.“
„Wie kann ich mich denn dafür revanchieren?“
„Lad` mich mal wieder zum Kino oder ins Konzert ein“, sagte sie und blinzelte mit den Augen um ihre Tränen zurückzuhalten.

Die Einladung ließ nicht lange auf sich warten. Dieses Mal hatte Edwin Karten fürs Neujahrskonzert des Philharmonischen Orchesters im Theatersaal am Wittelsbacherplatz ergattern können.
Martha genoss die Musik. Sie schloss die Augen, gab sich den Klängen hin und dieses Mal musste sie nicht weinen, wie in der Kirche, wenn die Orgeltöne erklangen und sie an die heimatliche Dorfkirche erinnerten.
Im Februar kam eine Einladung zum Chrysanthemenball mit Weinzwang und Abendkleid. Martha hatte in der Zeitung ein Foto von den Meisterschaften in den Lateinamerikanischen Tänzen gesehen und beschlossen, sich das gleiche Knie umspielende Kleid zu nähen, wie diese Frauen es trugen. Sie kaufte bei Severin weißen Seidenstoff für das Unterkleid und weißen Spitzenstoff für das Oberkleid. Die Träger und die Schleife am Rücken nähte sie aus weißem Satinband. Wie im Fieber ratterte ihre Nähmaschine an vielen Abenden bei schwachem Licht in ihrer Dachkammer.
Stunden, in denen sie alles vergessen konnte. Der Ball kam und Edwin stellte sie seinen Anwaltskollegen und deren Frauen vor. Sie wurde immer wieder zum Tanzen aufgefordert, wobei jedes Mal die Tanzpartner Edwin zuzwinkerten. Martha genoss es. In einer kurzen Tanzpause lehnte sie sich mit dem Rücken an eine Steinsäule am Rande der Tanzfläche um zu verschnaufen. Sophie, die Tochter des Kanzleichefs, auf der anderen Seite der Säule konnte sie nicht sehen, als diese zu ihrem Bruder sagte:
„Diese Martha ist und bleibt eine Landpomeranze, auch im Abendkleid.“
Martha schluckte und lief zu den Toiletten. Sie besprengte ihr Gesicht mit kaltem Wasser, ging in die Toilette, schloss die Tür und versuchte tief durchzuatmen und sich zu beruhigen. Sie zählte bis Hundert, dann ist es vorbei, dachte sie, es hatte ihr schon im Gefängnis geholfen. Da hörte sie, wie junge Frauen lachend und kichernd in den Toilettenvorraum gepoltert kamen. Martha hörte, wie sie in ihren Etui Täschchen nach Lippenstift und Puder kramten.
„Hast du sie gesehen, unsere Landpomeranze?“, hörte sie Sophies Stimme erneut.
„Ja, sie hat gesagt, dass sie das Kleid selber genäht hat“, meinte eine andere.
“Wer `s glaubt wird selig“, lachte eine dritte.
„Die glaubt wohl, das ist genug, um in unseren Kreisen Einlass zu finden“
„Naja, das wird ´se schon noch merken.“ Puderdosen wurden zugeklappt, Lippenstifte eingedreht und die Meute verließ mit vergnügtem Lachen den Toilettenraum und ließ die Tür laut hinter sich zufallen.
Martha hielt sich die Hand vor dem Mund, weil sie befürchtete gleich in lautes Schluchzen auszubrechen zu müssen. Dann atmete sie tief durch, stand auf, strich ihr Kleid glatt und ging hinaus. Sie öffnete den Wasserhahn und ließ kaltes Wasser über ihre Pulsadern laufen. Dabei schaute sie in den Spiegel, doch sie konnte sich nicht sehen. Es war so, als ob sie durch sich hindurch schaute und sich nicht finden konnte. Wo war sie? Sie musste raus. Sie verspürte den Drang schnell von hier weg zu kommen. Draußen im Tanzsaal zog sie Edwin zur Seite und bat ihn mit flehendem Gesichtausdruck gleich aufzubrechen.
Erst die eisige Februarluft draußen, die ihren Gesichtern mit beißender Kälte entgegen blies, ließ Martha aufwachen, zu sich kommen und plötzlich wusste sie wieder, wer sie war.
Edwin, an dessen Arm sie sich festgeklammert hatte, sah sie erschrocken an und sagte.
„Um Gottes Willen Martha, was ist denn los, du zitterst so?“ Martha fing an zu schluchzen:
„Edwin, ich gehör einfach nicht hierher.“
„Martha, du warst die Schönste heute Abend, du kannst es mit jeder hier mithalten.“
„Nein, Edwin“, kam noch ein letzter Seufzer, „ich will wieder zurück ins Dorf.“
Lange schwiegen sie, liefen bibbernd und frierend durch die matt beleuchteten Straßen, bis Edwin fragte:
„Aber warum denn, Martha?“
„Ich werde hier nie dazu gehören, die leben anders, die denken anders, die …“ Sie holte tief Luft und sprach weiter: „Ich will meinen Garten, ich will die Wiesen, Felder und Wald um mich haben. Und ich will mit Menschen zusammen sein, die mich kennen.“
„Aber Martha, die wollen im Dorf doch nichts mit dir zu tun haben, wer interessiert sich denn noch für dich?“
„Die Antonia, ich arbeite wieder in der Metzgerei und …“ Martha geriet ins Stocken. „Und die Frauen aus der Metzgerei, der Bäckerei und aus dem Krämerladen, die Nachbarn und ….“
„Aber Martha, die reden doch nur schlecht über dich!“
„Meinetwegen sollen sie schlecht über mich reden. Ich bin die Böse, aber wenigstens gehör ich dazu.“
Edwin schüttelte den Kopf. „Aber Martha, was tust du dir denn an?“
„Edwin, hier werd` ich behandelt, als ob ich nicht existiere, hier bin ich ein Nichts, ein Niemand auf der Welt.“
Edwin schüttelte erneut den Kopf. Sie verstummten beide und Edwin brachte sie nach Hause. Er hoffte, wenn sie die Nacht darüber geschlafen hatte, dass es ihr besser ging und sie von ihrem Vorhaben Abstand nehmen würde. Doch am nächsten Tag, an einem Sonntag nach dem Gottesdienst, als sie wie immer am Mainufer entlang spazierten, bat sie ihn, ihr bei ihrem Umzug ins Dorf zu helfen.
Edwin blickte auf den Boden und nickte schwerfällig.
„Ich dank dir, Edwin, du bist ein guter Mensch“, sagte sie und hielt ihn dabei an beiden Unterarmen fest. Edwin schaute nicht zu ihr hoch. Sie liefen noch lange schweigend am Ludwigskai entlang. Sie redeten nicht mehr darüber, nicht mehr an diesem Tag und auch nicht mehr in den kommenden Wochen.

Im Mai kam der Brief. Sie erzählte Edwin nichts davon. Sie packte ihre Sachen in Kisten, Körbe und Säcke, doch diese wollte sie erst später nachholen. Zuerst wollte sie zum Notar und dann ins Dorf, um alles vorzubereiten.

27 Edwin Geschichte
Sie wird nicht wieder kommen, dachte er, sie wird nicht wieder zurückkommen. Er hatte beobachtet, wie sie heimlich ihren Koffer gepackt und unter das Bett geschoben hatte, als er sie zum Kino abholen kam. Hatte sie auch schon gekündigt?
„Soll ich dir Krakauer aus der Dorfmetzgerei und Weckbrötchen vom Kerner mitbringen?“, bot sie ihm an, während er unter dem Türrahmen stand, „die magst du doch so gern.“ Am Klang ihrer Stimme erkannte er, dass irgendetwas anders war. Auch, dass sie darauf bestanden hatte, allein zu fahren, war
ungewöhnlich.

Er schaute sich in seinem Zimmer um, es war möbliert, ein Bett, Tisch, Stuhl und eine Kleiderkommode in der Ecke. Ein Waschbecken im Zimmer hinter einem Paravent aus durchbrochenem Holz war sein Luxus. Er mochte die hohen Räume hier im Haus, die großen Fenster mit Gardinen davor, auch wenn mit dem Kanonenofen schwer zu heizen war. Er hatte sich von seinem ersten Gehalt einen abgetretenen Teppichläufer mit orientalischen Mustern gekauft, einen verschlissenen Lesesessel und eine wackelige Stehlampe, welch ein Luxus, dachte er. Doch es gefiel ihm. Auf der Kommode stapelten Bücher, er würde sich ein Regal vom Schreiner anfertigen lassen müssen. Die Stube erinnerte ihn an die Bibliotheken im Kilianeum und Julianum. Dort wurde er stets ruhig, konnte sich von der Geschäftigkeit des Alltags zurückziehen, war nicht dem sozialen Gerangel ausgesetzt und fühlte sich trotzdem nicht allein. Die Bücher gaben ihm Zugang zum Weltwissen, eröffneten ihm eine Weite zu höheren Ebenen, auf denen universelle Fragen diskutiert wurden und wenn er auch nicht immer Antwort finden konnte, so hinterließen sie bei ihm doch das Gefühl, mit den Menschen verbunden zu sein.

Er hatte drei Bilderrahmen auf der Kommode stehen. Eines mit seinen Eltern und seinem Bruder zusammen, als sie noch klein waren. Rechts davon ein gerahmtes Bild von Mutter, so wie sie später auch auf ihrem Sterbebildchen zu sehen war, und links davon sein Kommunionbild. In der rechten Hand hielt er eine große weiße Kerze, verziert mit goldenem Kreuz, und in der linken Hand sein Gesangbuch mit Rosenkranz umwickelt. Schon damals war er lang, schmal und blass. Wenn der Pfarrer in der Messe Weihrauch schwenkte, wurde ihm oft schlecht und einmal als er nicht gefrühstückt hatte, ist er umgekippt. Man sollte nüchtern die Kommunion empfangen. Welch ein Unsinn, dachte er jetzt, sich gegen die Gesundheit seines Körpers zu wenden. Er legte das gerahmte Bild von Vater, Mutter, ihm und seinem Bruder in die obere Schublade. Er wollte nicht, dass sie ihn sehen, sehen, wie er jetzt lebte. Und er wollte Vater und Bruder nicht sehen. Er konnte es nicht ertragen, zu wissen, dass sein Vater sich das Leben genommen hatte, auch wenn Mutter immer wieder versucht hatte, ihm die Gründe dafür zu erläutern und er fragte sich immer wieder, ob sein Bruder, der in der Saale ertrunken war, nicht auch insgeheim Vaters Spuren gefolgt war. Die Angst, dass es in der Familie liegen könnte, quälte ihn. Für ihn war Freitod weniger eine Todsünde, vielmehr eine Schwäche. Aufgeben, sein Leben wegwerfen, das kam ihm nicht in den Sinn, das verbot er sich. Er schüttelte sich, stand auf, nahm seine Hose vom Kleiderbügel, bürstete noch einmal darüber und zog sie an. Er war zum Skatabend verabredet und wollte nicht zu spät kommen. Er hatte Zigarillos besorgt.. …….