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Portrait Kerstin Meixner

„Am Fuß des Berges“

Reike, Faizah, Ilija und Marko wohnen zusammen – und leben zugleich in einer polyamoren Viererbeziehung. Reike und Ilija kennen sich bereits aus Schulzeiten, da waren sie schon mal ein Paar; Reike wurde damals schwanger und ließ das Kind abtreiben, Ilija ging danach für ein paar Jahre nach Belgrad. Die neue Beziehung mit Marko rutschte ins Problematische, als sie das gemeinsame Kind verlor – und Ilija plötzlich wieder vor der Tür stand. Als die beiden Männer aus dem Trio mit dem Neuzugang Faizah ein Quartett machten, wurde alles harmonisch. Erstmal. Denn selbst wenn man sich für eine offene Beziehungsstruktur ohne Besitzansprüche entscheidet: So einfach ist das nicht immer. 

Kerstin Meixner – Kandidatin Fräulein Julia

Kerstin Meixner, geb. 1980, arbeitet seit 2003 freiberuflich als Nachhilfelehrerin. Veröffentlichungen u.a. in den Zeitschriften PS- Politisch Schreiben, Mosaik, KLiteratur und Karussell sowie der Anthologie all over heimat. Geförderte Teilnahme an der Klasse diese sprache ist aus fleisch und stein gebaut der Schule für Dichtung, Wien. 3. Platz beim Kurzprosawettbewerb zeilen.lauf. Im November 2019 mit dem Jugendtheaterstück Irgendwo rechts von Kabul auf der Shortlist des Brüder-Grimm-Preises des Landes Berlin

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Fräulein Julia

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Von dem Moment an, in dem das ganze Manuskript angefragt wird, hofft man natürlich, dass man es schafft, aber es gibt so viele Faktoren, die letztendlich den entscheidenden Ausschlag geben können, da habe ich mich ans Rechnen nicht herangewagt.

Warum hast Du Dich gerade bei „Fräulein Julia“ beworben?  

Ich habe mir die letzten Blogeinträge angeguckt und hatte das Gefühl, mein Text und Julia könnten gut zusammenpassen. Dann habe ich mir ihre Selbstbeschreibung angeguckt: Sie kann die Zunge nicht rollen – ich auch nicht, also haben wir schon mal eine Gemeinsamkeit. Sie mag keinen Käse (nein, wirklich nicht) und ich liebe Käse so sehr, dass ich jedes Jahr zu Weihnachten eine Käseplatte von meinen Kolleg:innen geschenkt bekomme, da haben wir dann auch gleich einen Unterschied. Wenn man das über jemanden feststellt, bin ich immer sofort gespannt auf die Person und ihre Meinung zu Texten, Theaterstücken etc., daher habe ich mich bei ihr beworben.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen? 

Häufig hat man in laufenden Wettbewerben nur wenig Möglichkeiten zu einem Austausch über die oder eine Präsentation der eingereichten Texte, wenn überhaupt. Das ist hier anders und ich freue mich sehr darauf.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen? 

Das übersteigt meine persönlichen Algorithmusfähigkeiten enorm, aber ich bin sehr gespannt.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden? 

Die Grundidee und die ersten Kapitel hatte ich schon vor einer Weile geschrieben, den Stoff dann aber noch einmal zur Seite gelegt. Vor einem halben Jahr habe ich einen Workshop zum Plotten belegt und danach ging die Arbeit am Rest des Textes relativ schnell innerhalb weniger Monate. Einen Verlag oder einer Agentur zu finden, habe ich bisher noch nicht versucht.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Ich denke, bis auf ein virtuelles Käsefondue und Zungenrollen werden uns noch einige Dinge einfallen, auch wenn wir noch nichts Konkretes besprochen haben.

Leseprobe: Franziska Gänsler – “Kahn”

Kahn // Franziska Gänsler

1

Es war die Mutter, die ihn schützte und der Vater, den er fürchtete, und so war es immer gewesen. Die Wut kam plötzlich über den Vater, über ein Stuhlbein, über die Art, wie der Sohn die Kirschen aß. Dann klappte etwas auf in seinem Gesicht und ein Zucken durchlief die Familie.
Kahn war das einzige Kind und wenn der Vater über die eigenen Grenzen trat, zu den Wänden, dem Fußboden, der Wohnung, dem ganzen Haus wurde, dann sah Kahn zur Mutter, die still blieb wo sie saß oder stand. Ihr Blick, irgendwo auf der Brust des Vaters, auf den weißen Händen in ihrem Schoß. Bis die Tür schlug und sie allein zurückblieben. Erst dann legte sie ihm die Hand auf den Kopf, bevor sie die Scherben, die Asche, die kleinen, krummen Reste ihrer Zigaretten auffegte, ihr Haar kämmte.
Dann saßen sie später zusammen am Fenster und sahen zu, wie dünne Regenschnüre auf das Gras fielen und der Schreck verschwand hinter blinden Flecken, hinter der still gesagten Wiederholung: Wir lassen den Kopf nicht hängen.
Dann stand am nächsten Tag auf dem Tisch ein Blumenstrauß und eine Karte, auf der, in winziger Handschrift, die Signatur des Vaters saß wie eine Fliege. Die Mutter lächelte und drehte die Vase mit der linken Hand, die rechte auf Kahns Bein und langsam schoben sich die Wände, die Fenster, die Teppiche wieder in ihre gewohnten Winkel.
Der Krieg war da schon lange vorbei, aber der Vater trug an den Sonntagen, auf dem Weg zur Kirche, das schwarze Kreuz auf der Brust, unter dem Jackett, an einem gestreiften Band. Bevor sie das Haus verließen, während die Mutter ihren Sonntagsmantel anzog, beugte er sich tief zu Kahn, die Hand am Kreuz. Sein Lächeln, die warmen, glatten Hände, so nah. „Tapferkeit vor dem Feind. Vergiss das nicht.“
Der Vater im Krieg, der sechzehn Kameraden aus dem Feuer geholt hatte. Der von der Universität nach Hause lief, zu seiner Mutter, den Schwestern, durch die brennende Stadt, den zerbombten Friedhof, aufgesprengte Särge, die aus der Erde ragten.
Tapferkeit vor dem Feind.
Der Vater, der nun jeden Tag um 07:30 das Haus verließ um anderen zu helfen. Kahn sah ihn dann, neben der Mutter im grauen Türrahmen, wie er die braunen Stufen des Mietshauses hinunter schritt, und im gleichfarbenen, braunen Anzug mit geradem Rücken im Dämmerlicht der unteren Etagen entschwand. In seiner rechten die Aktentasche, darin der steife, weiße Kittel, das Stethoskop.
Wie er der Wohnung floh, die ihm eng war und wie die Mutter und Kahn oben blieben und schon an seine Wiederkehr dachten.
„Er heilt die Kranken“, so erklärte die Mutter was der Vater den Tag über tat, und Kahn sah eine lange Zeile verletzter Menschen, die sich vor dem Schreibtisch des Vaters aufreihten. Der Vater, die gewaschenen Hände, die tasteten, urteilten, schließlich das rechte Medikament, die rechte Behandlung verschrieben.
Das eiserne Kreuz lag dann in einer flachen Holzkiste in der obersten Schublade im Nachtkästchen, neben einer weiteren Schatulle, die der Vater an manchem Abend hervorholte und Kahn zu halten gab. Darin, glänzend und schwer, in einem aufgeschlagenen Tuch, seine Sauer 38H.
Nie blickte der Verabschiedete sich um. Auf dem letzten Absatz, auf dem Kahn von dem Anzug nur noch eine Seite der gedrehten, braunen Schulter sah, endete die Existenz des Vaters und den Rest des Tages gehörte sich der Sohn allein und dem leisen Räumen der Mutter.
Wie eine Kette stiller Waben reihten sich die Stunden in der Wohnung aneinander, angezeigt und verändert nur durch das Wandern der Lichtfelder auf den Fußböden.

Im Winter war die Welt vor den Fenstern weiß und die Wohnung lag zwischen den beschneiten Dächern ringsum. Wenn sie dem Vater dann frühs von der Tür aus nachsahen, dann zog der seinen Schatten im Lampenlicht in einen dunklen Morgen.
Im Sommer wurde der Plastikboden weich, Staub stand in der Luft und die Sonne fiel durch Scheiben, an die in der Hitze die Fliegen schlugen und dann, schwer auf der heißen Fensterbank, starben. Kahn roch das Holz der Möbel und die gelben, dicken Buchseiten, die er hinter dem Sofa auf dem Boden liegend durchblätterte. Unten spielten dann Kinder im Hof und Kahn lag auf dem Rücken und hörte zu.
Wie eine Festung erschien ihm diese Wohnung, warm und abgeschlossen, hoch oben und fern von allem, was fremd und laut war.
Er und die Mutter, als würden sie mit ihren Bewegungen Linien auf das selbe Blatt Papier zeichnen. Aneinander vorbei, durch die Stühle, die Kommoden, den langen Flur, die vier kleinen Räume. Sie war sie und er war er, und doch hatten sich in der hohen Wohnung vom ersten Tag an ihre Wesen miteinander verwebt, war Kahn vom ersten Tag an auch sie und sie auch er, spürte er mit der Mutter mit, wusste er nicht, wo er selbst endete und die Mutter begann.
Und doch: „Du bist wie dein Vater“. Die Mutter sah ihn an, von ihrem Lehnstuhl aus, auf dem sie die Nachmittage verbrachte. Sie trug ein helles, schmales Kleid. Vom Fußboden gesehen, standen ihre weißen Waden überkreuzt vor ihrem Oberkörper in flachen, weißen Schuhen. Darüber, ihr weiches Gesicht. „Du bist wie er.“, in ihrem Blick die Hände des Vaters, die ihr halfen, die kleine Kette in ihrem Nacken zu schließen. Die Blumen. Die ordentlichen Striche, mit denen er markierte, wie oft die Seiten einer Schallplatte gehört wurden. Die kleine Handschrift, die die Ausgaben der Familie notierten.
Später saß Kahn neben der Mutter am offenen Fenster. Erdbeeren lagen auf einem Porzellanteller, bemalt mit einem Ring blauer Blüten, auf dem Schoß der Mutter. In der rechten Hand hielt sie ein gefaltetes Tuch, das vom Saft der Beeren dunkel und feucht war. Der Rauch, der langsam zwischen ihnen nach oben zog, ein weiches, weißes Band. Unten im Gras spielten nur noch zwei der fremden Kinder. „Was wünscht du dir?“, fragte die Mutter. Es war der 28. Juli, Kahns fünfter Geburtstag. Das größere Kind schlug mit einer Schaufel auf einen Eimer, das Klopfen drängte sich in den Nachmittag. “Ich will, dass alles immer so bleibt wie es ist.” Die Mutter drückte die Zigarette in den Aschenbecher und legte ihre kühle Hand auf seinen Kopf. „Wir haben ja alles hier.“, sagte sie. „Wir haben ja alles.“

Um sechs Uhr deckte die Mutter den Tisch. Um halb sieben kam der Vater. Kahn, hinter dem Sofa mit einem Buch, hörte wie der Schlüssel im Schloss drehte, hörte wie glatte Sohlen abgestreift wurden, hörte wie die Aktentasche auf den hölzernen Schemel neben der Tür gestellt wurde. Kahn roch den Teppich. Er sah die Haare, die Staubflocken hielten, Krumen, tote Fliegen.
Als die Mutter rief, kroch er hervor und lief ins Esszimmer, in dem der Vater schon am Tisch saß, mit hochgerollten Hemdsärmeln und einem Schweißfilm auf der Stirn. Über die offene Balkontüre zog Wind von der Straße nach oben, wölbte die Gardine. Ihr Schattenmuster schob sich in Rauten in den Raum, wölbte den Boden und den Tisch und das weiße Hemd.
Während Sie aßen, sank der Abend langsam vor die Scheiben, er trug einen süßen Geruch in die Wohnung. Der Tag löste sich auf, bis er als warme Erinnerung aus dem Zimmer zog und der Vater sich an den Geburtstag des Sohnes erinnerte.
Die Mutter hatte schon die Teller abgetragen und stand spülend in der Küche, ihr langer Schatten krumm unter der fahlen Lampe, als der Vater sich anzog, Kahn die Sandalen hinschob und ihn mit sich nahm, das braune Treppenhaus hinunter, in die Dunkelheit der Etagen, des Hofs, der Stadt. Der Asphalt war noch warm, die Luft schon kühl. Es gab kein Ich mag nicht gegen die Begeisterung des Vaters, nur das Heimweh nach der spülenden Mutter, dem Bett, der weißen Decke, dem Kissen.
Der Vater führte ihn vorwärts, bergab, und die Wohnung lag bald hinter Kreuzungen und Bäumen.
Es wurde lauter, sie tauchten in eine Menge ein, braune Hosenbeine und weiße Waden, die Luft klang von vielen Stimmen, der sü.e Duft, nach Zuckerwatte und Popcorn, war jetzt stark und dicht. Die Hand des Vaters zog ihn voran und blieb stehen, löste sich von ihm und Kahn blieb allein in der Dämmergesellschaft fremder Schuhe und Kniekehlen. Rufen, Lachen und Gesang sank durch Haare und Stoffe wie durch Astwerk auf den Waldgrund. Die Mutter, im weißen Kleid und den müden Augen – weit fort. Und der Gedanke an den langsamen, ruhigen Tag – wie ein fremdes Leben. Da aber fand die Hand ihn wieder und zog ihn voran und die Furcht wich der Erleichterung. Die Beine lichteten sich. Von einer weißen Plattform hob ihn der Vater in die hohe Kammer eines Riesenrads. Es war dunkel geworden. Langsam schoben sie sich über die Fremden, über die Häuser, über die Stadt. Der Mond stand tief, unter ihnen umschlossen bunte Lichtpunkte das Feld aus weißen Scheiteln und grauen, braunen, schwarzen Hüten. Die Stimmen und Klänge waren jetzt fern, getrennt von ihnen, die in der Gondel im Himmel hingen. Er und der Vater, eng nebeneinander auf der einen Seite, gegenüber ein Einzelner, ein eleganter, schmaler Mann mit Hut in einem schwarzen Wollanzug. Der Vater gab Kahn Gebäck aus einer Papiertüte und bot sie dann, hoch oben, auch dem Fremden an, der schweigend kurz den Kopf schüttelte. Unter ihnen, die Stadt, die Erfolge des Vaters. Sein Zeigefinger, der in die Nacht stieß. Hier – die Klinik. Dort – die medizinische Fakultät. Da – das Haus, in dem er geboren war und da die Kirche, in der er die Mutter geheiratet hatte. Der Vater faltete sein langes Leben vor dem kurzen des Sohnes auf und ereiferte sich, wie er der Mann geworden war, wie er sich zu dem Mann gemacht hatte, der er jetzt war – entgegen aller Widrigkeiten, die das Elternhaus, die Kindheit und das Leben ihm dargebracht hatten. Nach vorn, immer nach vorn.
Wie er als Stillgeborener, als Nichtschreiender auf die Welt gekommen war. Wie er dann – schon tot geglaubt – geschrien und gelebt hatte. Wie er gelernt hatte, die Welt wie eine Gebrauchsanweisung zu lesen und zu befolgen. Wie er alle anderen überholt hatte.
Im Krieg den Aufstieg geschafft, das eiserne Kreuz! Sechzehn Kameraden, die ihm das Leben verdankten. Er, der dann von der Front zurückgekehrt war um sich dem Studium zu widmen, er, der Unzählbare in seiner Funktion als Mediziner behandelt und geheilt hatte.
In der Kabine war es dunkel und unter der breiten Krempe sah man von dem Fremden nur den Mund, wie eine Kerbe in die Haut geschlagen. Er reagierte nicht auf Vater und Sohn, nur sein Hals war, als der Vater vom Krieg sprach, um ein kurzes Stück verrückt.
Die Kammer hatte ihren Gipfel überschritten und näherte sich wieder der Dichte von Köpfen und Körpern. In der Nähe definierten sich schon Münder und Augenhöhlen, Hälse und dann greifende, haltende Finger. Die Stimmen wurden lauter, einzeln brachen Namen und Gelächter für kurze Momente durch den allgemeinen Lärm. Der Vater, Kahn und der Fremde tauchten ein, durchkreuzten und wurden der Menge dann wieder enthoben, in den kühlen, stillen Himmel.
Diesmal, als sie fast ganz oben angekommen waren, hielt das Rad in seinem Umlauf inne und für eine Minute wiegten sie über der Stadt. Die Dächer lagen silbern und fremd aufgereiht unter ihnen und Kahn suchte die Wohnung und die Mutter. Ein helles Quadrat, hoch und einsam in einer schwarzen Wand. Unter dem Dach, könnte man es anheben, die Mutter im Bett, wie von oben in ein Puppenhaus gelegt. Die Wände, dünne Trennlinien zum leeren Wohnzimmer, zur Küche, zum Kinderzimmer. Kahns leeres Bett, in dem er sonst um diese Zeit schon lange schlief. Er, im Riesenrad, der wie ein Spielender auf diese kleine Welt, die kleine Mutter, hinab sah.
Das Rad lief wieder an. Der Vater, der Großzügige, der gut gelaunte, las die Gebrauchsanweisung und sprach den Fremden noch einmal an. „Der Junge hat Geburtstag.“, sagte er und streckte wieder die Tüte aus. Der Fremde nickte, aber der Mund harrte weiter stumm über der Stadt und seine Hände lagen ihm steif und knochig im Schoß. Der Vater schob sich ein kleines Stück dem Fremden entgegen. „Können Sie nicht sprechen?“, die Härte in seinem Ton wurde zur Härte in Kahns Brust, der stille Atem, darunter das Herz. Neben sich, der schnelle Umschwung im Vater, schwarzes Wasser, das stieg und stieg. Kahns Blick lag auf den glänzenden Schuhspitzen des Vaters, tief unter sich auf dem Grund der Kabine, auf den Händen des Alten, die sich kurz hoben und das Jackett öffneten.
Die Stimme des Fremden war leise und rau, sie hing danach zwischen den engen Bänken, zwischen den Männern. Kahn erwartete die Welle, das Brechen der schwarzen Wand. Doch, das Rad lief wieder an und der Vater schwieg. Auch der Mann im Anzug saß nun wieder still, und dann, unten, stieg er grußlos in die Menschenmenge und verschwand.
Vater und Sohn fuhren noch einmal in die Höhe und wieder hinunter, aber das Fest war beendet.
Kahn achtete auf jede Bewegung des Vaters, wartete auf eine Auflösung, eine Richtung, der er folgen konnte, doch der Vater blieb stumm.
Ohne ein Wort hob er ihn unten aus der Gondel und schob ihn, hart, durch den schwülen Wald aus Waden und Stoff. Als sie wieder an die frische Luft kamen, lag die Straße vor ihnen.
Sie führte heimwärts. Den Hang hinauf, zur Wohnung, zum Bett, zur Mutter.
Vor ihnen kreuzte einer im Schein einer Laterne ihren Weg. Ein Einzelner, mit Hut, tief gebeugt, schreitend, der Mann aus dem Riesenrad. Die Schritte des Vaters wurden schneller. Er zog Kahn mit sich und als der Vordere um eine Ecke bog, zwang er den Sohn hastig voran, dass sie den Verfolgten nicht verloren. Sie folgten dem Mann in die schmale, fremde Gasse. Bald wuchsen die Häuser dicht und hoch um sie und der Mond fand nur noch dünne Löcher zwischen den Kabelsträngen. Aus den Häusern dampfte es und Wäschestücke hingen aus den Fenstern. Wieder schlossen fremde Beine ihn ein, drängten ihn vorwärts. Der Grund war schlammig, Abwasser sammelte sich, Gestank machte die Luft zu dick, sie einzuatmen. Die Männer trugen, trotz der gestauten Hitze, lange Mäntel und Hüte, schoben sich um ihn, schwarze Wände, aus denen, hoch oben, ernste, unbewegte Köpfe ragten. Knöchel reihten sich in geraden, blassen Bögen aus Lederschuhen, sie zogen wie auf Schienen. Die Hand des Vaters schob Kahn an den Rand und dann weiter, in Eile, vorwärts.
Manche Häuser hatten zur Gasse keine Mauern. Davor saßen Frauen auf Schemeln, über ihnen leuchteten nackte Glühbirnen. Aus den Häusern drängte es auf die Gasse, Innen und Außen lösten sich auf, alles war eins. Leise Stimmen strömten mit den Schritten der Männer. Die Frauen saßen still und starrten, und vor ihren Plastikschuhen liefen Essensreste in Kanälen.
Manche hielten Babys an ihre Blusen gepresst, von denen sah man nur die zerdrückten Köpfe.
Wie Wächterinnen saßen sie vor ihren offenen, gefliesten Wohnräumen, in denen auf den Böden, auf Tüchern, Fleisch, Kartoffeln und Rüben lagen. Dahinter standen Betten an Wänden, in denen weißhaarige Alte lagen. Einer saß auf seiner Bettkante, mit dem Fuß angelte er nach einem Schuh, der unter dem Bett lag. Ein Kind kroch eine Treppe hinunter. Beide bewegten sich langsam und taub und als Kahns Blick sie traf hielten sie still und blickten scheu und erschrocken zurück.
Er stolperte, die Hand des Vaters hielt. Blieb bindende Schnur zu allem, was so bleiben sollte, wie es war.
Sie trieben den Fremden bis die Straßen wieder breit und leer waren, sie kreuzten Plätze, umschattet von hohen, kahlen Kirchtürmen und tiefen Pappeldächern. Ihre Schritte hallten weit über die Flächen, in die Gehwege, Kahns undeutlich und schnell, die des Vaters einzeln und fest. Fenster zerrannen zu tausenden über ihnen. Nie schlossen sie zu dem Fremden auf. Nie sprach der Vater ein Wort, nur seine Finger schlossen sich um Kahns Hand und sein Blick drang in den verfolgten Rücken. Der Andere trug seine Gestalt rastlos durch die schlafende Stadt, er wechselte Straßenseiten, er passierte Brücken und Gärten, Schaufenster und Bänke, Licht und Schatten. Seine weißen Hände hielt er auf dem Rücken geknotet und in den dunklen Abgründen der Fassaden war es irgendwann nur noch dieser harte Fleck heller Haut, dem sie folgten.
Irgendwann, eine weiße Fassade, eine Mauer, ein halbrunder Durchgang. Spitze, schwarze Blätter aus einem verborgenen Garten, die gegen den Nachthimmel standen. Der dumpfe Klang einer Kapelle durch geschlossene Fenster. Der Alte blieb stehen, den Hut im Weiß leuchtender Buchstaben. Der Vater zog Kahn jetzt dichter an den Buckel heran.
Im näher dringen warf er schon von oben seinen Schatten auf die weißen Handknochen, die ihren Weg markiert hatten.
Zum ersten Mal drehte der Fremde sich zu ihnen um, der Hals krümmte sich nach oben und das Licht erhellte sein ganzes Gesicht. Ein Gesicht, weiß unter dem Hut, trübe Augäpfel über einer groben Nase. Der Blick des Alten stieß in das wartende Gesicht, als wären sie sich zuvor nie begegnet, als wäre die Nacht, die Verfolgung, Verschwendung gewesen.
Er senkte den Kopf wieder in den Schatten und drängte zurück. „Nun gehen Sie doch zur Seite.“ Vom Vater, in einer Stimme, die wie die eines Jungen klang: „Verzeihen Sie.“
Als er sich an ihnen vorbei schob roch es nach altem Obst, Tabak und Staub. Dann war der Alte im Durchgang verschwunden. Nur die Blattspitzen bewegten sich, während alles andere still stand.
Kahn und der Vater in der leeren Gasse. Der Vater hatte die Hand des Sohns losgelassen. Es lag etwas Unklares über ihnen, im Licht der Buchstaben, langsam entziffert, das Wort Palacio, das keinen Sinn ergab. Kahn wartete. Die Füße in den Sandalen, auf dem kalten Asphalt. Er fasste nach oben, die Hand des Vaters hing leer in der Luft, griff nicht zurück.
Sie standen still.
Dann von oben: „Du wartest hier.“
Es waren die ersten Worte, die der Vater seit der Fahrt im Riesenrad an ihn richtete. Sie klangen fern, wie aus großer Höhe in einen Schacht gesagt, als kämen sie aus Kahns eigenem Kopf. Er spürte den Vater davongehen, verschwinden in den fremden Eingang, in das Halbrund, das in den dunklen Garten führte. Du wartest hier. Die Musik war verstummt, aus den fernen Fenstern, Stimmen, Gelächter. Die plötzliche Angst, verlassen zu sein an diesem fremden Ort, den Vater verloren zu haben. Bis die Furcht vor der Gasse größer wurde, als die Furcht vor dem Zorn des Vaters.
Die Schritte in den dunklen Durchgang, der fremde Geruch. Dann, endlich, der Rücken, die vertrauten Hände, eng im Schatten der kalten Mauer. Dahinter lag ein Hof im Licht goldener Laternen. Große Palmen in steinernen Wannen mit schweren Blüten, die Brunnenfigur eines Knaben, der einen Fisch hielt. Kahn sah, was der Vater sah. Da stand der Fremde, im Hut, im Anzug, nicht mehr allein. Vor einem hohen, schwarzen Tor stand ein anderer in einem weißen Hemd, in der Hand der glühenden Punkte seiner Zigarette.
Worte die unverständlich blieben. Der Vater blieb im Dunkel, als der Andere auf den Alten zu trat.
Der Vater blieb im Dunkel, als eine Hand den Alten griff, als sein Zurückweichen ein Stolpern wurde.
Der Vater blieb im Dunkel, eng an der kalten Wand, als der Alte auf den Boden schlug.
Der Hut ging dabei verloren, der Kopf des Alten, kahl, ein schwerer Ball unter den Tritten, glänzende Schuhspitzen, die den grauen Kopf trafen, als sollte dieser vom Rest des Körpers abbrechen.
Aus dem Dunkel des Durchgangs scheint der Angreifer wie eine Hand, eine Hand, die ihren Schatten groß an eine Wand wirft, eine Geschichte, ein Spiel.
Dann, Rufe, die von der Gasse durch den Gang hallen, der Einzelne, der kein Ende findet, bis von dem Fremden nur noch der Hut und der leere schwarze Anzug auf dem Boden zurückbleibt, aufgespreizt, wie hingeworfen.
Darüber die Hand. Ihr Schatten zieht sich über die ganze Fassade, ein Hundekopf, ein Wolf, über den Fenstern deren weiches Licht durch die Spitze feiner Gardinen drang. Der, den sie verfolgt hatten, lag still.

Wieder, die Rufe, schon nah am Durchgang, Stimmen, die kaum älter klangen als die der Kinder im Hof. Die Hand beugt sich über den Anzug, schlägt ihn auf, fischt in den Taschen, dreht sich dann. Im Näherkommen kurz das Knacken eines Feuerzeugs, eine Flamme vor einem jungen Gesicht. Der Vater drängt zurück, doch da ist die Wand.
Im grauen Hof markiert die Glut der Zigarette das Nahen, Glut, die von der Brust zum Gesicht zieht. Rauch, ein dünnes weißes Band, steigt still nach oben.
Draußen startet ein Auto, für einen Moment fahren die Lichtkegel durch den Durchgang, auf den Hof, wie Zeiger drehen sich ihre Schatten mit dem Licht. Der Anzug auf dem Boden, ein leeres Bündel.
Vom Eingang tönen jetzt die Stimmen der Freunde, Gelächter.
Der Einzelne bleibt vor ihnen stehen. Nah vor dem Vater, zuckt er nach vorn, der Vater zurück. Der Fremde lacht. Wieder das Knacken des Feuerzeugs, die Flamme zwischen den Gesichtern, dem Vater, dem Fremden. Der Blick des Vaters ist der der Mutter, liegt tief auf der fremden Brust.
Seine Hand ist kalt, sie drückt Kahn nach hinten.
Gelächter. Etwas fällt vor ihnen auf den Boden, Metall, eine Münze.
„Könnten Sie die Ambulanz rufen, da hinten ist einer gestürzt.“
Das Lachen, das lachende gelbe Gesicht hinter der Flamme. Die kleinen Zähne.
Der Vater bückt sich. An der Hand, in der die Zigarette glüht, vorbei. Glatte Schuhspitzen, die weißen, langen Finger des Vaters am Boden, die suchen, finden, aufheben.
Endlich wich der Fremde zurück. Endlich, Schritte die sich entfernen, Stimmen, Gelächter das in der Gasse verschwand, dann Stille.

Erst dann, als sie allein waren, trat der Vater, der Arzt, aus dem Schatten. Er stieß mit der Schuhspitze an den Anzug. Aus einem Ärmel, eine weiße, einzelne Hand. Kahn bleibt hinter ihm. Sieht, wie sich vor dem Vater aus dem Dunkel ein weißes Gesicht dreht, auf der Stirn, am Haaransatz, eine Linie wie ein H, aus der es blutet. Mühsam öffnet der Alte seinen Mund, graue Zähne über den Pflastersteinen, hustet schwarze Flecken auf den Boden, auf den Schuh des Vaters.

Der Vater weicht zurück, dreht sich. Sein Blick trifft den Sohn, der nicht geblieben war, wo er sollte. Etwas gräbt sich in diesem Moment in das Gesicht des Vaters, etwas, was sich in Kahn festsetzt und bleibt. Er umschlingt das braune Hosenbein und vergräbt sein Gesicht in dem harten Knie. Will um Verzeihung bitten und weiß nicht wie.
Der Vater greift ihn von oben, reißt ihn herum.  In seinen Händen steckt die brechende Wand. Ein „DU“ fährt auf Kahn hinunter, eine Hand, die ihn davon stößt. Dann jagt der Vater davon, kein Blick zurück. Hinter ihnen, die Stille des Alten im Licht der Laternen, vor dem Jungen, der den Fisch hält. Als eine Tür schlägt wird der Vater schneller. Kahn steht auf, hinterher, durch den Durchgang, die Gasse, die Nacht. Die schwarze Spucke des Alten wie Schimmel auf dem Schuh des Vaters, langsam verlaufen und getrocknet. Kommt und geht im Takt der Schritte.

Irgendwann blieb der Vater stehen. Erst da erkannte Kahn das Haus, als er den Schlüssel im Schloss sah, die Hand des Vaters, die ihn drehte, das braune Treppenhaus im Morgenlicht. An seinem Rücken klebte das nassen Hemd, darunter, dunkle Felder auf den Armen, blaue Flecken, die noch rot waren, bald violett, gelb wurden.

Kahn wurde krank. In den Tagen die folgten, lag er alleine zwischen Schlaf und Wachen unter einer schweren Decke. Manchmal hörte er, wie die Eltern im Nebenzimmer aßen. Das Schaben ihrer Messer und Gabeln mischte sich mit dem Wirren der Gassen, der Beine, der Hände, die sein Zimmer füllten.
Das Riesenrad.
Die große, große Hand.
Das Dunkel vor der kalten Wand.
Der Fremde, das Feuerzeug.
Der Alte, am Boden.
„DU“.
Die Geräusche, die Hitze, sie brachen aus seinem Geist, lauter und schneller bis er schlief und hochschreckte, bis er rief aber sein Hals bitter war und die Zunge zwischen den Zähnen klebte und kein Laut kam. Die Mutter brachte ihm, wenn sich die Wohnungstüre hinter dem Vater geschlossen hatte, kaltes Wasser und in Milch eingeweichtes Brot. Sie saß dann kurz an seinem Bett, legte die kühle Hand auf seine Stirn, sie gab ihm zu trinken und zu essen, sie lüftete die Decke. Einmal fragte er sie, was mit ihm sei.
„Du bist nur krank. Das geht vorbei.“ und sie ging und er versank wieder in der Enge seiner Erinnerungen.
Mittags, wenn die Sonne langsam durch das geöffnete Fenster stieg, hing davor ein nasses Küchentuch, das im Wind schlug und Kälte brachte. Er schwitzte und fror.
Vom Vater sah er nur einmal, abends, durch den Türspalt, im Dunkel des Gangs, einen weißen Arm.
Er war nur krank und es ging vorbei. Nach einer Woche hörten die Träume auf, bald konnte er wieder aufstehen und mittags mit der Mutter am Fenster sitzen. Die Welt war die selbe geblieben. Die Fliegen starben, draußen war es heiß, die Wiese färbte sich braun, Wolkenbänder drückten auf den Hof. Kinder spielten, Kahn und die Mutter aßen Beeren, hörten sie singen und sahen sie rennen.
Alles war gleich und doch schien Kahn das Leben anders. Etwas hatte sich verändert und es dauerte eine Weile, bis er erkannte, dass es der Vater war. Wenn er jetzt um 07:30 in die Tiefe des Treppenhauses entstieg, krümmte sich der braune Rücken und die Haustür schloss sich zaghaft und leise hinter ihm. Abends aß er schweigend und saß dann, die Zeitung haltend, auf dem Sofa. Er sprach nicht mehr. Wie aus Einzelteilen zusammengesetzt, aus Händen, einem unbeweglichen Kopf, einem steifen Körper. Er reagierte nicht, wenn man ihn ansprach, er bewegte die Augen nicht, wenn er las. Der, zu dem der Vater sich gemacht hatte, zu dem er sich, gegen alle Widrigkeiten, die ihm das Elternhaus, die Kindheit, das Leben bereitet hatte, gemacht hatte, war verschwunden.

Einmal fragte Kahn die Mutter, ob denn auch der Vater nun krank war. Sie sah ihn aus dem Lehnstuhl heraus an, dann nickte sie. „Er ist zu weich für die Welt.“ sagte sie irgendwann.
„Er kommt schon zurück.“

In diesem Sommer waren die Nachrichten voll von der Geschichte eines verschwundenen Geschwisterpaars, Heinrich und Elfriede Rössle. In einem Randbezirk der Stadt waren beide in einer Nacht aus dem Kinderzimmer in der elterlichen Wohnung verschwunden und seitdem nicht mehr aufgetaucht. Das Radio zählte die Tage, an den Nachmittagen wurde täglich eine Sondersendung übertragen, Eltern und Lehrer sprachen. Heinrich, der Schmetterlinge sammelte, der über den Winter einen verletzten Vogel aufgezogen hatte. Die Mutter drehte jedes Mal das Radio lauter und blieb dann, nach vorne gebeugt sitzen, bis die Sendung vorbei war. Ihr Mitgefühl galt den Eltern. „Lass du mich nie allein.“, und er sah die Mutter an seinem leeren Bett stehen, mit dem gleichen konzentrierten Blick, der sonst dem Radio galt.
Ein Bild der Geschwister wurde über die Zeitungen verbreitet. Sie standen darauf auf einem grauen Wiesenhügel, im nahen Hintergrund scharfe Berghänge. Er in kurzen Lederhosen und die Schwester in einem bestickten Kleid. Der Bruder legte den Arm um die Schultern der Schwester, in der freien Hand hielt er einen kleinen karierten Pappkoffer. Für Kahn war es das Bild ihrer Abreise, eine Postkarte, ein Abschiedsgruß.

Die Geschwister Rössle wurden ein Fixpunkt in diesen Wochen. Abends im Bett, wenn die Eltern nebenan schwiegen, dachte sich Kahn, wie die zwei Kinder hoch in den Bergen auf der Wiese lebten, der kleine Koffer voll mit Beeren und Schmetterlingen. Jeder der abgezählten Tage, ein Sieg.

Am Donnerstag der zweiten Woche nach dem Verschwinden der Geschwister wachte er zum ersten Mal auf, als die Eltern im Wohnzimmer die Lichter ausschalteten. Er hörte, wie sich die Schlafzimmertüre schloss. Er lag wach und beobachtete die Äste, die die Straßenlaternen auf die Zimmerdecke zeichneten. Er dachte sich Heinrich, der neben der schlafenden Schwester lag, über ihnen der Himmel.

In der zweiten Nacht, in der er erwachte, stand er auf. Die Wohnung lag stumm um ihn, wie gezeichnet. Da gab es plötzlich keinen, der ihn sah. Er strich durch den Flur, in die Küche, ins Wohnzimmer.
Die Schuhe des Vaters neben der Haustüre.
Die Schürze der Mutter am Nagel in der Wand.
In den Schränken pressten sich Kleider, Hemden, Mäntel auf Bügeln, Tassen und Teller, in Pappkisten, eingeschlagen in Stoffe und Papier. Bücher hinter Glastüren.
In der Küche, im Zeitungsständer das Bild der Geschwister.
Heinrich und Elfriede auf der Bergwiese, während unten die Stadt schlief. Kahn, am Fenster, während unten die Stadt schlief. Auf der Fensterbank, im Staub, lagen die harten Körper der gestorbenen Fliegen. Er sammelte sie in der linken Hand, mit der rechten hob er sie an den Flügeln hoch.
Er setzte sich in den Lehnstuhl der Mutter. Die Fliegen knirschten zwischen den Fingern, die Wohnung roch noch leicht nach dem Tag, nach Kaffee, Rauch und Waschmittel.
Die silbernen Wände, kurze Schatten, nichts bewegte sich.
Seine Beine auf dem kalten Leder, irgendwo bellte ein Hund. Er griff die Lehne mit der rechten Hand, wie die Mutter es tat und wartete.
Der Hof als leeres Quadrat unter dem Küchenfenster.

In einer Nacht fand er nur eine einzelne Fliege. Er trug sie zum Lehnstuhl, in der Häuserwand gegenüber waren die Fenster schwarz.
Unten im Innenhof, die helle Laterne.
Irgendwann. Die Buben trugen in der freien Hand jeweils ein Köfferchen, kurze Hosen, dünne weiße Beine. Kahns Herz schlug schneller, aber es war nur die Familie vom Metzger. Die Frau zog die Zwillinge um die Ecke, vom Hof.
Kaum waren die drei verschwunden, da ging beim Metzger das Licht an. In dem hellen Viereck stand der große weiße Tisch, der Metzger, in der weißen Schürze legte weiße Teller rund herum.
Männer betraten den Raum weiter hinten, durch die braune Holztür.
Sie sammeln sich um den Tisch, sie reihen sich vor dem Fenster auf. Ihre Köpfe sind leer umzeichnete Schablonen mit weißen Ohren. Sie sitzen in einer Reihe um einen Tisch. Über ihren Köpfen hängt eine bunte Girlande aus Papier. Sie spannt sich durch das ganze Zimmer, eine rote dünne Schnur aus bunten Rauten. Der Tisch ist mit einem Laken belegt, Kahn sieht ihn von oben, ein weißes Feld mit den runden, weißen Tellern. Der Metzger steht und spricht, die anderen hören ihm zu. Kahn denkt sich die tiefe Metzgerstimme, er war schon manchmal mit dem Vater in seinem Geschäft gewesen. Die Mutter fragt dann abends, beim Essen, nach dem Metzger. Sie hat Angst vor ihm, aber sie fragt und sie schaudert, wenn der Vater antwortet.
Wenn die Zwillinge im Hof spielen, schließt die Mutter die Fenster. Der Metzger spricht, während es draußen hell wird. Die anderen tragen Anzüge, nur der Metzger trägt seine weiße Schürze. Die anderen essen von den weißen Tellern, während der Metzger spricht.
Einer isst nicht, sein Teller bleibt weiß. Erschrocken erkennt Kahn ihn, den Mann aus der Nacht, aus dem Hof. Kahn denkt, dass er sich alles merken muss, jedes Gesicht, jede Geste.
Er fixiert die Köpfe, aber da sehen sie alle gleich aus. Sie wechseln die Plätze. Dann singen sie, er kann sie nicht hören, aber er sieht die Münder, er sieht wie sie alle sich zusammen öffnen und schließen. Nur der Fremde sitzt dazwischen und bleibt still, sein Blick, unter der Hutkrempe, durch das Fenster, über den Hof, zu Kahn.
Die Männer sitzen und ihre Münder bewegen sich und Kahn sitzt hinter der schwarzen Scheibe und kann nicht weg, kann nur abwarten. Bis sie aufhören und aufstehen und das Fenster verlassen.
Zurück bleibt ein leerer Tisch, weiß, mit einem weißen Teller.

In seinem Rücken öffnete sich leise die Schlafzimmertüre der Eltern. Kahn, dicht hinter der hohen Lehne, bleibt unsichtbar. Leise Schritte im Flur, dann das leise Schließen der Haustüre. Der Vater steigt im Hemd die braune Treppe nach unten während Kahn und die Mutter noch schlafen.

Portrait Franziska Gänsler

„Kahn“

Kahn verliert bereits in der Kindheit seinen Vater, der sich mit einer Pistole das Leben nimmt. Der Vater diente im Krieg als Soldat, galt als Held, wirkte als Mediziner. Als Jahre später die Mutter stirbt, kehrt Kahn zurück in die Heimatstadt und wird mit der Vergangenheit der Familie konfrontiert – vor allem nach der Begegnung mit Magdalena, einer jungen Frau, die in einem Café bedient. Der Text entwickelt vor allem durch seine klare Sprache, teils aus kurzen Sätzen beziehungsweise Fragmenten bestehend, einen großen Sog und zeichnet sich durch wiederkehrende Symbole und die Psychologie des Protagonisten aus. 

Franziska Gänsler – Kandidatin Zeichen & Zeiten

Franziska Gänsler wurde 1987 in Augsburg geboren. Nach einigen Jahren in Berlin, wo sie Kunst und Anglistik studierte, ist sie inzwischen, neben dem Schreiben, vor allem in der Kunst- und Kulturvermittlung tätig, hat einen dreijährigen Sohn und pendelt zwischen Wien und Augsburg.

Foto: Lina Schubert

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Zeichen & Zeiten

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Ich habe versucht nicht zu viel darüber nachzudenken, aber ich hab darauf gehofft.

Warum hast Du Dich gerade bei „Zeichen & Zeiten“ beworben? 

Ich hatte bei Constanze Matthes das Gefühl, dass das gut zu mir passt. Ich mag die Auswahl an Autoren und Texten, die sie auf „Zeichen & Zeiten“ bespricht und bei den Büchern, die ich selbst gelesen habe, treffen ihre Worte oft ziemlich genau das, was auch meine Gedanken beim lesen waren. Da dachte ich, vielleicht kann sie mit dem, was ich schreibe, auch was anfangen.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Ich habe die ersten beiden Staffeln des Blogbuster verfolgt, war damals aber noch tief im unfertigen Manuskript. Mir gefällt am Konzept des Wettbewerbs, dass es nicht eine einheitliche Jury gibt, sondern, dass die Teilnehmer eine gewisse Wahlfreiheit haben und dass es dadurch zu einer persönlichen Vernetzung zwischen den Bloggern und den Autoren kommt. Nachdem ich „Kahn“ dann im Sommer vorerst zu Ende geschrieben hatte, lag es nahe, dass ich es in dieser Staffel einreiche.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich denke bei so einer Auswahl gibt es ziemlich viele Faktoren und die Jury muss sich da irgendwie einig werden. Ob „Kahn“ dann ein gemeinsamer Nenner ist, kann ich echt gar nicht einschätzen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Ich hab ca fünf Jahre an dem Manuskript gearbeitet, aber es ist immer viel parallel passiert. Ich wurde in der Zeit selber Mutter, da hat sich dann eine Weile weniger getan. Mein Blick auf den Text, insbesondere auf Kahns Mutter, hat sich dadurch verändert und das hat die Geschichte dann auch wieder beeinflusst und vorangebracht. Ich hatte anfangs was ganz anderes mit ihm vor, aber Kahn hatte irgendwie eigene Pläne und ich musste mich dem nach und nach fügen.

Mit Verlagen war ich bisher nicht in Kontakt.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Das weiß ich noch nicht.

Blogbuster 2020: Mein Favorit

von Julia Schmitz – Fräulein Julia

Puuuh, es ist geschafft! Nach einem harten Kopf-an-Kopf-Rennen habe ich meinen Favoriten für die Longlist des Blogbuster-Preis ausgewählt!

Zum Ende hin wurde es noch zu einer richtigen Herausforderung: Nachdem ich vor kurzem meine persönliche Shortlist aus drei Manuskripten ausgewählt hatte, war klar, dass ich mich für eins davon entscheiden muss. Und das war gar nicht leicht!

Zwei der Texte standen sich Nase an Nase gegenüber und verwickelten mich in eine erbitterte Diskussion – beide mit ziemlich überzeugenden Argumenten. „Ich bin sprachlich perfekt ausgefeilt, mich musst du kaum noch lektorieren und den Spannungsbogen halte ich auch!“, rief mir das eine entgegen; „Ich bin absolut am Puls der Zeit“ hielt das andere dagegen.

Ich grübelte – ausgestreckt auf dem Sisalteppich liegend, im Kopfstand an der Wand stehend, mit Wärmflasche eingekuschelt in meinen Lesesessel. Und dann entschied ich mich. Für:


Kerstin Meixner
Am Fuß des Berges


Worum geht es und warum habe ich diesen Text ausgwählt?

Das erfahrt ihr im Blogbeitrag von Fräulein Julia

Meine Blogbuster-Kandidatin oder Von zwei, die es verdient hätten

von Constanze Matthes – Zeichen & Zeiten

Eine Qual ist diese Wahl nicht. Eher schleicht sich ein Gefühl der Betrübtheit ein, nachdem ich mich entschieden hab, wen ich im Blogbuster, den Preis der Literaturblogger, in die nächste Runde entsende.  Nach der Premiere 2017 nahm ich nun zum zweiten Mal als Bloggerin an dem Wettbewerb teil. Von fünf der insgesamt sieben Kandidaten, die an meine Blog-Tür geklopft haben, ließ ich mir das jeweilige Manuskript zusenden. Eines las ich mit Spannung sogar zweimal, gleich im Anschluss widmete ich mich einem zweiten Text komplett, der mich nicht minder fasziniert. Beide sind thematisch sehr verschieden. Doch beiden würde ich viele Leser wünschen. Also, was nun? Für den alles entscheidenden Entschluss ließ ich mir einige Tage Zeit, entschied jedoch, dass ich beide Verfasser in meinem Text würdige.

Mit der Vergangenheit konfrontiert

„Kahn“ von Franziska Gänsler ist jener Text, den ich zweimal las. Der gleichnamige Held verliert bereits in der Kindheit seinen Vater, der sich mit einer Pistole das Leben nimmt. Der Vater diente im Krieg als Soldat, galt als Held, wirkte als Mediziner. Als Jahre später die Mutter stirbt, kehrt Kahn zurück in die Heimatstadt und wird mit der Vergangenheit der Familie konfrontiert – vor allem nach der Begegnung mit Magdalena, einer jungen Frau, die in einem Café bedient. Der Text entwickelt vor allem durch seine klare Sprache, teils aus kurzen Sätzen beziehungsweise Fragmenten bestehend, einen großen Sog und zeichnet sich durch wiederkehrende Symbole und die Psychologie des Protagonisten aus. Franziska Gänsler ist mit ihrem Manuskript „Kahn“ meine Kandidatin für die nächste Runde und die Longlist im Blogbuster-Reigen.

Den ganzen Beitrag gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Leseprobe: Martina Berscheid – “Die Klassenkameradin”

Die Klassenkameradin // Martina Berscheid

1

Uwes Atem stank nach Bier und Einsamkeit.
„Hey, setzt du dich zu mir?“
„Keine Zeit.“
Eva schnappte sich den Spüllappen von der Theke und eilte zu dem Tisch am Fenster, den sie gerade abgeräumt hatte. Sie wischte über die hölzerne Platte, wo sich die Ränder von Biergläsern in den braunen Anstrich gefressen hatten, über Ecken und Kanten, von denen die Farbe abplatzte. Die Vorhänge verströmten den Geruch nach Tabak, obwohl hier schon lange niemand mehr rauchen durfte. Gelbstichig geworden, schleifte der ehemals weiße Webstoff träge über die Fensterbank. Wie zerschlissen er war. Darüber konnten auch die zweiundzwanzig Kornblumen nicht hinwegtäuschen, die sich auf der ausgefransten Borte aneinanderdrängten. Kreuzstich, mit ungeübter Hand eingestickt. Sie hatte sie schon oft nachgezählt, einfach so. Als könnte sich ihre Zahl ändern. Außer dem Wetter änderte sich gar nichts, weder hier in der Alten Buche noch in Kiesbach. Sie hätte jetzt Lust auf eine Zigarette. Oder einen Schnaps. Am besten beides, allein und weit weg. Als sie sich aufrichtete, stieß sie sich den Kopf an der Lampe. Sah aus wie ein Nachttopf ohne Henkel. Und dann noch orange.
Sie schob die Stühle an den Tisch. Die Lehnen hatten die Form von Herzen. Oder Pobacken, ganz wie man wollte. Heute waren wenige Gäste da, selbst am Stammtisch nur zwei. Wie sie da saßen, mit aufgefächerten Karten vor wichtigen Mienen, als ginge es um was. Die Schmelzers hockten in ihrer Ecke in einträchtiger Schweigsamkeit. Und dann natürlich Uwe, der sich am Tresen festklammerte. Immerhin war er noch nüchtern genug, um den Takt des Schlagers mitzuklopfen, der aus dem Radio dudelte. Jetzt eine ihrer alten Metalplatten auflegen. Sie hatte Gerda sogar gefragt, aber die hatte den Kopf gewiegt und gemeint: „Ich würd ja, aber die Gäste …“
„Eva! Zahlen, bitte“, rief Herr Schmelzer und wedelte mit seinem kunstledernen Portemonnaie. Wie die meisten Besucher der Alten Buche nannte er sie wie selbstverständlich beim Vornamen. Sie ging zum Ecktisch der Schmelzers. „Neun Euro neunzig.“
„Stimmt so.“ Er zählte ihr zehn Eineuromünzen in die Hand.
„Dankeschön“, sagte sie und zwang die Mundwinkel nach oben. Herr Schmelzer hakte beide Daumen hinter die Hosenträger, dehnte sie wie zwei Schleudern und ließ sie knallen.
„Gut war ‘s.“
Als ob er nicht zwei Wiener Würstchen aus dem Glas, sondern ein Rinderfilet verspeist hätte. Das Brot hatte er mal wieder liegen gelassen. Daneben klebte Senf wie ein frisch abgelegter Hundehaufen.
„Richte ich aus.“
Sie stellte das Bierglas, das Weißweinglas mit Frau Schmelzers pinkfarbenem Lippenabdruck und den Teller auf das Tablett. Frau Schmelzer drehte an ihrem goldenen Ehering und beobachtete jeden ihrer Handgriffe. Als wollte sie überprüfen, ob Eva alles richtig machte. Erst als sie fertig war, erhob sich das Ehepaar stühlequietschend.
„Schönen Abend noch“, wünschte er und watschelte, seine Gattin im Schlepptau, zum Ausgang.
„Ihnen auch.“
Eva trug das Tablett zur Theke. Uwe brabbelte unablässig auf Gerda ein. Sein fleckiges Hemd sonderte den Mief tagelang aufgesogenen Schweißes ab. Gerdas Hand zitterte am Zapfhahn. Ihr Unterarm war scheckig wie das Fell eines Leoparden. Zwischen ihren rostrot gefärbten Strähnen schimmerte die Kopfhaut. Dass die sich das noch antat, ganz allein, mit fast siebzig. Aber weil Gerda es sich antat, hatte Eva einen Job. Den sie brauchte. Uwe beugte sich vor. „Alles roger?“
Spuckeblasen zerplatzten an ihrem Hals. Sie presste die Lippen zusammen, trat einen Schritt zurück.
„Eva hat Feierabend.“ Gerda wies mit dem Kopf zur Tür. Ist doch nichts los, bedeutete ihr Blick. Hau schon ab.
„Schaaaade“. Uwes Oberlippe glänzte.
„Hier Uwe, dein Pils.“
Gerda knallte das Bierglas auf den Tresen, dass der Schaum über den Rand schwappte, und nickte Eva zum Abschied zu.

Draußen zog Eva die Tür hinter sich zu. Der Abend war drückend. Aschgraue Wolken ballten sich am Horizont. Darunter kauerte Kiesbach, eingepfercht von Feldern und Hügeln. Im Osten bohrten sich Hochspannungsmasten fischgrätig in den Himmel, im Westen erstreckten sich Wald und Wiesen. Kaum zu glauben, dass ein paar Kilometer dahinter die Stadt anfing. Sie fröstelte und zog die Strickjacke über. Trotz des aufkommenden Windes war sie froh, ein paar Schritte zu gehen. Sie holte das Handy aus der Tasche. Kurz vor neun. Keine Nachricht. Sie schaltete das Telefon aus. Für Matthias’ Kontrollanruf war es ohnehin noch zu früh. Der würde erst gegen 21.30 Uhr kommen, eine halbe Stunde, bevor die Buche schloss. Da war sie längst zu Hause. Die Straße führte abwärts am Bolzplatz vorbei. An seinen Rändern wuchs Unkraut. Wenige Schritte weiter begann der Wald. Auf dem Parkplatz davor tauchte ein roter Kleinwagen seine Schnauze in die Brennnesseln, als schämte er sich für die Rostflecken an der Kühlerhaube. So einen hatten sie auch mal, in grünmetallic. Es hatte sie geschmerzt, als Matthias den Wagen kurz nach Charlys Geburt gegen einen neuen Kombi eingetauscht hatte. Weil sie gewusst hatte, dass damit eine Zeit endete, bevor sie richtig begonnen hatte. Eva kramte in ihrer Tasche nach ihrem MP3-Player, nur um festzustellen, dass sie ihn vergessen hatte. Sie kickte gegen eine platt gefahrene Coladose. Scheppernd schlitterte sie über den Asphalt, bis ein Schlagloch sie bremste. Zu beiden Seiten der Straße markierten Zäune das Sperrgebiet des Spießertums. Dahinter standen weiß verputzte Häuser mit Blumenkästen vor den Fenstern, aus denen rosa Geranien quollen. Evas Geranien waren rot. Das Brummen eines Rasenmähers fräste sich durch die Stille. Um diese Zeit. Dabei wussten die Kiesbacher doch sonst immer, was sich gehörte und was nicht. An der Kreuzung zur Talstraße blieb sie stehen. Links oder rechts. Beide Wege führten nach Hause. Der Linke dauerte länger, der Rechte kürzer. Also links. Nach ein paar Schritten bereute sie ihre Entscheidung. Die Lauer, gelegentlich Besucherin der Alten Buche, tratschte mit ihrer Nachbarin. Die Stockrosen neben ihr beugten sich neugierig über den Zaun. Am liebsten wäre Eva umgekehrt. Nein, damit machte sie sich nur lächerlich.
„Diese schwüle Suppe macht mich fertig“, klagte die Lauer.
„Mich auch. Hoffentlich kommt heut Nacht mal was runter.“ Die Nachbarin deutete zum Himmel und verzog das Gesicht, als hätte sie Zahnweh. Die Lauer schnaubte zustimmend. „Letztes Jahr ist mir der Garten ersoffen, und diesen Sommer verdorrt alles.“
Zur Bekräftigung scharrte sie über ihren struppig gelben Rasen. Zwischen ihren Zehen wucherten violette Plastikblumen.
„Guten Abend“, sagte Eva laut.
Die Frauen zuckten zusammen. Die Lauer taxierte sie. Ihre aufgemalten Augenbrauen verliehen ihrem Gesicht einen Hauch von Spott.
„Grüßen Sie Ihren Mann“, rief sie. „Ich komme diese Woche noch zu ihm in den Laden. Brauche Karten für meinen Geburtstag.“
„Mach ich.“ Einen Dreck würde sie tun.
Als sie die Frauen vorbeiging, spürte sie deren Blicke im Rücken. Sie bog in eine Straße, die zum ursprünglicheren Teil Kiesbachs gehörte. Ausgemergelte Kletterrosen klammerten sich an altersfleckige Fassaden. In den Vorgärten lagen sich umgestürzte Gartenzwerge wund. Zu verkaufen, stand in roten Lettern auf einem Pappschild hinter einem blinden Fenster. Sie blieb stehen. Das wild wuchernde Gras und das spröde Holz des Balkongeländers erinnerten sie an ihr Elternhaus, das drüben in Hirschweiler gegen den Verfall kämpfte. Wie ihr Vater im städtischen Altenheim. Über den buckligen Dächern platzte der Himmel auf. Für einen Moment gewährte die Sonne dem Tag noch ein paar Strahlen, bevor sie sich wieder hinter schwarzen Wolken verschanzte. Der Wind frischte auf. Auf Evas Armen bildete sich Gänsehaut.
Sie zog die Strickjacke fester um sich und beschleunigte ihren Schritt. Ignorierte das strammstehende Männchen der Fußgängerampel, überquerte die Fahrbahn, ohne nach links und rechts zu schauen, um diese Zeit kam ohnehin kein Auto. Ihr Haus thronte auf einer Anhöhe. Sein größter Vorteil war, dass es nur eine Nachbarin gab. Eva ging an deren Hecke vorbei. Daneben, im Licht der Lampen, die den Weg zum Eingang flankierten, posierte das Haus. Schmal und hochbeinig, die Fenster mit blauen Rahmen, die Haustür lippenstiftrot. Sie hatte Matthias nie gesagt, dass sie beides scheußlich fand. Eine Vorstadtpomeranze, dachte sie. So wie ich. In der Ferne zuckte ein Blitz über den Himmel.
Die Haustür öffnete sich. Matthias’ Konturen zeichneten sich vor dem erhellten Flur ab.
„Da bist du ja schon. Ich hab gerade versucht dich anzurufen, aber dein Handy war aus.“
„Ich musste mir ein bisschen die Beine vertreten.“
„Okay. Aber ich mag es nicht, wenn du abends allein …“
„Es ist doch nicht mal dunkel.“
Sie blieb am Gartentor stehen, schaute Richtung Horizont, wo ein weiterer Blitz den Himmel zerriss.
Matthias kam auf sie zu. „Was ist?“
Seine Stimme vibrierte vor Ungeduld. Sie unterdrückte ein Seufzen und folgte ihm ins Haus.
„Hast du Hunger?“, fragte er.
„Ich muss duschen.“
Oben nahm sie ein paar CDs aus dem Regal, schnappte den Palyer und schloss sie sich im Bad ein. Sie entschied sich für Metallica, stellte den CD-Player an und regelte die Lautstärke so hoch, dass das Dröhnen der Bässe selbst das Rauschen der Dusche übertönen würde.
Und Matthias’ Rufe.
Eva warf ihre Kleider auf den Boden, stieg in die Kabine und drehte auf. Ließ sich berieseln, von der wunderbaren Mischung aus Wasser und Musik, so lange, bis der Ärger des Tages abgewaschen war.

2

Das Gewitter hielt sie wach. Eva starrte in die Dunkelheit. Vorsichtig, damit das Bett nicht quietschte und Matthias aufweckte, drehte sie sich auf die Seite. Es hatte keinen Sinn. Besser aufstehen. Ein Glas Wasser trinken. Oder ein Bier. Sie schlich zur Tür, schloss sie lautlos hinter sich. Auf Zehenspitzen tasteten sich ihre Füße durch den Flur, die Treppe runter, in die Küche.
Sie knipste die Lampe an und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Mit einem Schnapp sprang der Verschluss der Flasche auf.
Eva nahm einen gierigen Zug. Sie setzte sich an den Küchentisch, auf Charlys Platz, der seit sechs Wochen leer geblieben war. So lange hatte ihre Tochter sie nicht besucht. Sie legte die Hände auf das spröde Holz der Tischplatte. „Wenn du willst, kaufen wir einen Neuen“, hatte Matthias kürzlich angeboten.
Das kam nicht infrage. Der Tisch war das einzige Möbelstück, an dem sie hing. Er hatte schon in der Wohnung über Matthias’ Geschäft gestanden, in der sie anfangs zu dritt gelebt hatten.
Sie fuhr mit den Fingern über die raue Oberfläche, ertastete seine Narben: Kerben von Charlys Löffel, den sie von sich geworfen hatte, wenn sie ihren Brei nicht essen mochte, Buchstaben und Zahlen, die sich durch Papier ins Holz gedrückt hatten, Schnitte von abgerutschten Küchenmessern. Sie erinnerte sich an eine jener Nächte, in denen Charly als Baby stundenlang geschrien hatte, in denen Matthias aufgestanden war, damit sie ein paar Stunden Ruhe hatte. Die sie nicht fand. Sie hatte die beiden in der Küche gefunden, an diesem Tisch, sie schliefen, Vater und Tochter, Matthias hielt noch das Fläschchen in der Hand.
Er war ein guter Vater. Damals wie heute.
War sie eine gute Mutter?
Sie trank einen großen Schluck.
Es war auch eine schlaflose Nacht gewesen, in der sie an dem Tisch gesessen hatte, das weiße Plastikstäbchen in Händen, auf dessen Sichtfenster zwei rosa Streifen erschienen waren. Sie hatte sie angestarrt, und alles in ihr hatte „Nein!“ geschrien. Nicht jetzt. Nicht mit neunzehn. Matthias hingegen war überglücklich gewesen, er schien nicht den geringsten Zweifel gehabt zu haben, mit einundzwanzig der Vaterrolle gewachsen zu sein. Er hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ein paar Jahre später, nach dem Tod seiner Mutter, das Haus gebaut. Sie zahlten noch heute dafür. Und sie hatte alles geschehen lassen. Die Weichen waren gestellt, für dieses Leben. Und der Zug zuckelte dahin, durch die immer gleiche Landschaft, und sie wartete darauf, irgendwo anzukommen. Manchmal war sie nicht sicher, ob sie überhaupt eingestiegen war oder immer noch am Bahnsteig wartete. Aber ihre Tochter hatte Eva vom ersten Tag an geliebt wie niemanden sonst. Hatte die Zeit mit ihrem Kind genossen und versucht, tapfer zu sein, als Charly vor knapp zwei Jahren auszog. Und dennoch … Liebe und Schuld waren aus dem gleichen Stoff. Sie stand auf und blickte nach draußen. Ein paar Fenster waren erleuchtet, die Straßenlaternen glimmten. Der Donner grollte lauter, wütender. Das Gewitter tobte direkt über Kiesbach.
Unvermittelt trommelte Regen aufs Dach. Sollte das Kaff doch absaufen. Sie würde hier oben stehen und zusehen.
Ein weiterer Donnerschlag krachte. Und dann erloschen die Lichter. Draußen und drinnen. Eva blickte in die Schwärze. Sie fröstelte. Als wäre die Nacht ein Wesen, das ihre Haut streifte.
Ihre Finger umschlossen den Hals der Flasche. Vorsichtig setzte sie sie an die Lippen und trank sie bis auf den letzten Tropfen leer.
Vielleicht sollte sie wieder zurück ins Bett. Auch wenn sie nicht schlafen konnte.
Plötzlich hörte sie Schritte im Flur. Sie lauschte. Hatte sie sich getäuscht? Nein. Da kam jemand näher.
Ein Einbrecher? Unmöglich. Nicht bei diesem Wetter. Nicht mit Sicherheitsschlössern und Alarmanlage. Aber die brauchte doch Strom …
Sie hielt den Atem an. Die Tür öffnete sich mit einem Klicken. Stille. Zögerte er? Überlegte es sich anders?
Mach schon, dachte sie. Komm rein.
„Bist du da?“
Wie rau seine Stimme klang. Als wäre sie permanentem Widerstand ausgesetzt, an dem sie sich reiben musste.
„Ja, ich bin hier.“
„Wo genau? Wie du vielleicht bemerkt hast, haben wir Stromausfall.“ Ein heiseres Lachen.
„Ich stehe am Fenster.“
Sie horchte auf die Schritte, die sich ihr näherten. In ihrem Magen kribbelte es. Jetzt hörte sie ihn Luft holen. Ihre Nase erhaschte einen Hauch von Menthol.
„Da ist der Blitz irgendwo eingeschlagen.“
Sei still, dachte sie. Komm einfach her.
Er berührte ihren Oberarm. „Da bist du.“
„Und wer bist du?“, hörte sie sich sagen.
„Nur ein Mann.“
Obwohl es dunkel war, schloss sie die Augen. Nur ein Mann. Sie tastete hinter sich nach der Fensterbank, stellte die Flasche darauf. Dann zog sie ihn zu sich heran. Vergrub ihr Gesicht an seiner nackten Brust. Der Regen prasselte heftiger. Die Finger des Mannes wanderten ihren Arm hinauf, verharrten kurz auf der Schulter, strichen über ihren Hals. Seine andere Hand lag auf ihrem Rücken. Sie spürte die Wärme seiner Haut durch den dünnen Stoff des Nachthemdes. Sein Atem rauschte an ihrem Ohr, verlor sich in ihrem Haar. Seine Lippen waren warm und weich.
„Du schmeckst nach dem Bier, das ich heute Abend nicht hatte“, raunte er.
„Selber Schuld.“
Er lachte leise.
Wie einfach es war in diesem Moment. Ihn zu spüren, zu riechen und zu schmecken. Zu lieben.
Nicht denken.
Seine Hand fuhr unter den Saum des Nachthemdes.
Plötzlich hielt er inne. „Verdammt.“
Sie riss die Augen auf.
Im grellen Licht der Küchenlampe traten die Konturen des Raumes so scharf hervor, dass es wehtat.
Matthias blinzelte. Das Haar stand ihm in alle Richtungen ab.
Sein Gesicht war gerötet. Vor Scham?
Sie schob seine Hand weg, die noch auf ihrem Oberschenkel klebte.
Matthias trat einen Schritt zurück. Er räusperte sich. „Magst du noch ein Bier? Ich hol schnell zwei aus dem Keller …“
„Nee, lass mal. Ich hab das schon nicht vertragen.“
Sie wandte sich ab und schaute aus dem Fenster, wo ihr das Dorf höhnisch entgegenfunkelte.
Das Gewitter verzog sich mit einem resignierten Brummen, und der Regen hörte so hastig auf, wie er eingesetzt hatte. Sie öffnete das Fenster, atmete einen Schwall frisch gewaschene Luft.
„Gibst du mir die Flasche?“
„Was?“ Sie drehte sich um.
„Na ja, ich geh doch eh in den Keller.“
Sie reichte ihrem Mann die Flasche.
Er lächelte scheu. „Das eben …“
„Ich bin furchtbar müde“, log sie. „Gute Nacht.“
Auf wackligen Beinen ging sie an ihm vorbei. Sie stellte sich schlafend, als er eine halbe Stunde später ins Bett kam, und auch, als er am Morgen aufstand und ihr einen Kuss aufs Haar hauchte.

3

Nachdem Matthias endlich die Haustür zugezogen hatte, schlug Eva die Augen auf. Die Ritzen des Rollladens siebten das hereindrängende Sonnenlicht auf den Teppich. Sie stand auf, zog den Laden hoch und blickte in den blauen, gewitterfeuchten Morgen. Sie wollte hinaus, jetzt, sofort. Sie zog ihre Laufsachen an. In der Küche kippte sie eine halbe Flasche Wasser runter, stopfte einen Fünfeuroschein für den Bäcker in die Hosentasche und steckte ihren MP3-Player ein. Draußen war es warm, aber noch nicht zu heiß. Sie nahm den Pfad gleich neben dem Nachbarhaus, der fast zugewuchert war von Brombeergestrüpp. Charly hatte sich dort immer satt gegessen, war spätsommerlang mit verschmiertem Gesicht und schmutzigen Hosen nach Hause gekommen. Der Pfad stieg leicht an. Eva blieb stehen, blickte über das Dorf, das sich in der Sonne rekelte. Eigentlich sah es richtig malerisch aus, dieses Kiesbach, zumindest aus der Ferne.
Sie begann zu laufen. Matthias mahnte immer, dass sie sich zunächst aufwärmen müsse, er empfahl ihr Dehnübungen, glaubte wirklich, ihr Ratschläge geben zu können, obwohl er überhaupt keinen Sport trieb. Selbst die Sonntagsspaziergänge mit Charly früher waren ihm zu viel gewesen.
Sie schaltete den Player ein. Entschied sich für Smells Like Teen Spirit von Nirvana. Darauf folgte Thunderstruck von AC/DC. Die Musik durchdrang ihren Körper, dehnte sich aus, sie fühlte sich leicht und geerdet zugleich. Sie lief schnell, bis sie außer Atem war. Nach einer Biegung tauchte eine Bank auf, sie ließ sich darauf nieder, die große Runde würde sie heute nicht schaffen. Das Lied verklang und sie schaltete aus.
Wie so oft dachte sie an jene Tage in ihrer Jugend, an denen Matthias und sie nach einem Konzert in den frühen Morgenstunden nach Hause gefahren waren, trunken von Musik. An das Glücksgefühl, das längst verblasst war. Aber einen unauslöschlichen Abdruck in ihrem Inneren hinterlassen hatte. Wind fuhr durch die Zweige, Sonnenlicht hüpfte über die Blätter. Früher hatten sie manchmal zu dritt hier gesessen, hatten Brote gegessen, weil ihre Tochter Picknick liebte.
Da war sie auch glücklich gewesen. Manchmal. Sie stand auf, schaltete die Musik wieder ein. Dancing with myself von Billy Idol.
Der Pfad endete im Kiesbacher Neubaugebiet. Sie verlangsamte ihren Schritt. Vor einem Doppelhaus stieg ein Mann im Anzug in seinen SUV, während er telefonierte. Er starrte sie an, und jetzt erst wurde Eva bewusst, dass sie laut gesungen hatte.
Egal.
Sie grinste. Nickte dem Mann zu und bog in die Hauptstraße, dann in eine Nebenstraße und in noch eine, ein Umweg, aber sie wollte nicht an Matthias’ Laden vorbei. Der Morgen gehörte ihr, und dass sie ihren Mann jetzt nicht sehen wollte, das hatte nichts, gar nichts mit der letzten Nacht zu tun, und wenn doch, dann nur ein bisschen.
Keiner begegnete ihr, alle hatten schon die Rollläden heruntergelassen, sich verrammelt gegen die Hitze, als wäre sie ein Feind. Nur ein alter Mann im gerippten Unterhemd und Hosenträgern saß auf den Stufen seines Häuschens, eine Emailletasse schwankte in seinen Händen. Sie hob die Hand zum Gruß, und er zeigte ein fast zahnloses Lächeln.
Vor der Bäckerei schaltete sie die Musik aus. Sie kaufte zwei Müslistangen, und während die Verkäuferin mit dem Papier raschelte, fiel ihr Blick auf die Schokoladentafeln, die in einem Regal neben der Theke aufgereiht waren.
„Noch eine Nussnugat“, sagte sie, bezahlte, ließ sich eine Tüte und das Kompliment aufdrängen, wenn jemand sich Croissants und Schokolade erlauben könne, dann wohl Eva.
Draußen sah sie die Lauer, vermutlich auf dem Weg zu Matthias, um ihre dämlichen Geburtstagskarten auszusuchen. Es gab niemanden, der so oft etwas bei ihm kaufte wie sie, und Eva war klar, dass das nicht an dem immens hohen Bedarf der Lauer an Schreibwaren lag. Matthias lachte nur, wenn sie ihn darauf hinwies, dass die Lauer offenkundig auf ihn stand.
Sie bog in die nächste Straße, arbeitete sich durch das Labyrinth kleiner Gassen, bis sie ihr Haus erblickte.
Sie setzte an zum Endspurt. Oben auf dem Hügel war sie schweißgebadet. Sie zog die Stöpsel aus den Ohren und schloss die Tür auf.
Drinnen schrillte das Telefon. Eva hastete hinein, fand es auf dem Küchentisch und meldete sich.
„Wo warst du?“, fragte Matthias.
„Laufen.“
„Frau Lauer meinte, sie hätte dich im Dorf gesehen.“
„Da muss sie sich irren“, log Eva.
In ihr drin verhärtete sich etwas, gewann ein Gewicht, von dem sie dachte, es in der letzten halben Stunde verloren zu haben.
Matthias lachte. „Sie sieht halt viel und redet gerne.“
Vor allem mit dir, dachte sie. Ob Frau Lauers Heinz eigentlich davon wusste?
Eva ließ sich auf den Küchenstuhl sinken.
„Alles klar? Du sagst ja gar nichts.“
„Ich bin kaputt und brauche eine Dusche.“ Wie kratzbürstig sie klang.
„Verstehe.“ Er räusperte sich, sie wusste nicht, ob aus Verärgerung oder weil er sie nicht aufhalten wollte.
Vielleicht war es eine Mischung aus beidem.
„Ich komme nicht zum Mittagessen heim, ich will noch ein bisschen Buchhaltung machen. Könntest du mir aus der Stadt eine Pizza oder so mitbringen?“ Er machte eine Pause. „Nachdem du bei deinem Vater warst?“
Eva verrollte die Augen. Was sollte dieser Nachsatz?
„Ja. Mache ich. Nachdem ich bei meinem Vater war.“
„Super.“
„Ja.“ Leg endlich auf, dachte sie.
„Dann bis später.“
„Ciao.“
Jetzt Kaffee und Zucker, beschloss sie. Aber als sie die Tüte auspackte und ihr Blick auf Müslistangen und Schokolade fiel, verging ihr der Appetit. Sie würde die Tafel ihrem Vater mitbringen. Vielleicht würde er sich dann ausnahmsweise über ihren Besuch freuen.

4

„Setzen Sie sich doch“, flötete Frau Schmidt.
Wo sie nur diese Fröhlichkeit hernahm. Aber vermutlich war die genau so falsch wie die Zähne der meisten Patienten hier.
Nein, es hieß ja Bewohner. Darauf hinzuweisen, wurde Frau Schmidt nie müde, Bewohner hatte einen Ehrenplatz in ihrem Wortschatz.
Frau Schmidt schaute sie auffordernd an. Ihr rosiger Teint passte nicht zu dem hageren Gesicht. Sie hatte fast immer Dienst, wenn Eva ihren Vater besuchte, schob sich jedes Mal hinter ihr ins Zimmer, sprudelte ein paar Belanglosigkeiten heraus, die niemand hören wollte, und verließ den Raum erst, wenn sie sich ihrem Vater gegenüber gesetzt hatte.
Eva unterdrückte ein Seufzen und ließ sich auf dem Holzstuhl nieder, damit sie diese Frau endlich los wurde. Frau Schmidts Augen leuchteten kurz auf, als hätte sie Großes bewegt.
„Dann lass ich Sie mal allein.“
Mit vorgereckter Brust, an der sie ihr Namensschild trug, als wäre es das Bundesverdienstkreuz, verließ sie das Zimmer.
Die Tür klickte ins Schloss, und es wurde still. Als hätten sämtlich Geräusche die Gelegenheit genutzt, mit Frau Schmidt hinauszuschlüpfen. Eva schlug vorsichtig die Beine übereinander. Sie wusste nie, wie sie sich hinsetzen sollte auf diesen Stuhl. Die Sitzfläche war sehr schmal, Leute mit dicken Hintern mussten Mühe haben, ihn darauf unterzubringen, ohne dass er über beide Seiten quoll.
Sie legte die Hände auf die uringelbe Tischplatte und verschränkte die Finger. Ihr rechter Daumennagel war eingerissen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie darüber.
Was sollte die Zeitschinderei.
Sie sah auf, direkt in die verschwommen blauen Augen ihres Vaters. Wie zwei zugefrorene Seen, mit einer dünnen Wasserschicht auf der Eisfläche. Er betrachtete ihre Finger. Seine Mundwinkel hingen herunter, die schrumplige Haut über den Wangenknochen erinnerte an geronnene Milch. Irgendjemand hatte sich die Zeit genommen, ihm ein sauberes Hemd anzuziehen, das struppige Haar zu waschen und zu kämmen, vielleicht Frau Schmidt, aber Eva empfand keine Dankbarkeit. Genau genommen empfand sie überhaupt nichts. Außer dem Wunsch, der Pflichtbesuch wäre schon vorbei.
„Na? Wie geht’s dir heute?“
Grässlich. Sie klang wie Frau Schmidt. Aber was sollte sie jemanden fragen, der zwar neunzehn Jahre im gleichen Haus gewohnt hatte, über den sie jedoch kaum mehr wusste als über den Briefträger.
Wie erwartet gab ihr Vater keine Antwort.
Ihr Po begann zu schmerzen, die vorderen Kanten der Sitzfläche drückten sich in die Unterseite ihrer Oberschenkel. Sie verlagerte das Gewicht, zog das rechte Bein vom linken Knie und rutschte so weit nach hinten, wie es der Stuhl zuließ. Die schmale Lehne begrü.te ihre Wirbelsäule mit der gewohnten Härte.
„Ich hab dir was mitgebracht.“
Sie fischte die Schokoladentafel aus ihrer Handtasche und schob sie auf die andere Seite des Tisches. Vaters Blick folgte misstrauisch ihrer Hand und verharrte auf der Tafel. Er kniff die Augen zusammen, als bemühte er sich, die weiße Aufschrift auf dem rosa Grund zu entziffern.
„Nussnugat. Deine Lieblingssorte.“
Und ihre auch. Der kleinste gemeinsame Nenner ihrer Vater-Tochter-Beziehung.
Sie blickte zum Fenster. Mochte das Wetter noch so schön sein, die Luft draußen frisch und klar, es war verriegelt. Sperrte die ranzige Raumluft ein, gegen die der Geruch nach Desinfektionsmitteln vergeblich ankämpfte. Draußen rotteten sich dunkle Wolken zu einer schwarzen Wand zusammen. Der blaue Himmel am Morgen hatte sein Versprechen nicht gehalten.
Wie lange saß sie schon hier? Sie schaute auf die Uhr.
Erst elf Minuten.
Diese kahlen Wände, schlohweiß, ohne Foto, Kunstdruck oder Poster. Ihr Vater duldete nichts davon. Nur ein Tisch und zwei Stühle, das Bett. Früher hatte sie Blumen aus dem Garten mitgebracht, um für ein bisschen Farbe zu sorgen, und sie in eine leuchtend rote Vase gestellt. Frau Schmidt hatte ihr jedoch beim dritten Mal gesagt, sie möge dies doch bitte lassen. Ihr Vater habe es nicht so mit Blumen. Was hieß, dass er die Vase jedes Mal mit Absicht umgestoßen hatte. „Das hat mit ihnen persönlich gar nichts zu tun“, hatte Frau Schmidt versichert, sich aber rasch abgewandt.
Wie gut, dass Eva das Heim wenigstens nicht bezahlen musste.
Ihre Mutter hatte alles geregelt. Sie sah sie vor sich, die handbeschriebenen Seiten, auf denen ihre Mutter alles aufgelistet hatte, die Versicherungen und Konten, und sie war erstaunt gewesen, über wie viel Geld ihre Eltern verfügt hatten. Oder besser gesagt, hätten verfügen können, wenn sie gewollt hätten. Aber bis auf drei Urlaube im Schwarzwald hatten sie sich nichts gegönnt. Als hätten sie darauf hingelebt, sich irgendwann einen Platz in diesem Heim erkaufen zu können. Erst sechs Wochen vor ihrem Tod, als hätte sie gewusst, dass ihre Zeit abgelaufen war, hatte ihre Mutter sie aufgeklärt, welches Vermögen sie und ihr Vater besaßen. Sie hatte verkündet, dass sie Eva das Haus – das sie selbst von ihren Eltern geerbt hatte – überschreiben wolle und Eva es nach ihrem Tod verkaufen möge, das Geld dürfe sie als Vorschuss auf ihr Erbe betrachten. Für ihren Vater sei gesorgt, der Verkauf der Eigentumswohnung würde die Kosten des Heimes langfristig decken. Außerdem wolle sie nach ihrem Tod verbrannt und ihre Asche solle in die Nordsee gestreut werden – damit Eva sich nicht um ein Grab kümmern müsse – und bei ihrem Vater solle alles genau so gehandhabt werden.
Eva hatte ihre Mutter ungläubig angeblickt. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ihre Eltern eine Eigentumswohnung besessen hatten. Wie immer hatten sie sie von den wichtigen Dingen ausgeklammert, als ginge sie das nichts an. Und dann die Seebestattung: Ihr ganzes Leben lang hatten ihre Eltern keinen Strand gesehen, hatten Eva den Wunsch, wie alle anderen Klassenkameraden nach Spanien oder wenigstens an die Küste Deutschlands zu fahren, nie erfüllt. Und jetzt suchten sie sich das Meer als letzte Ruhestätte aus.
Natürlich waren die Pläne ihrer Mutter, vor allem ihre Voraussicht, vernünftig und bewundernswert – im Wissen um den eigenen baldigen Tod und den rapide fortschreitenden geistigen Verfall ihres Mannes so strukturiert und besonnen zu handeln.
Aber für Eva hatte dieses Regeln den Beigeschmack von Verrat. Sie hatten im elterlichen Wohnzimmer gesessen, und in Eva hatten Wut und Trauer miteinander gekämpft. Sie hatte auf die alberne Kuckucksuhr gestarrt, die ihre Mutter früher täglich abgestaubt hatte, und die Lippen zusammengepresst.
Warum hätte sie ihrer Mutter Vorwürfe machen sollen, am Ende ihres Lebens verhielt sie sich so, wie sie sich immer verhalten hatte, und stellte ihre Tochter vor vollendete Tatsachen, ebenso, wie ihr Vater es immer getan hatte.
Als Kind hatte Eva manchmal das Gefühl gehabt, ihre Eltern seien nicht Eheleute, sondern Zwillinge. Sie waren sich so ähnlich und schienen immer einer Meinung zu sein. Sie konnten stundenlang reden, ohne ein Wort an Eva zu richten, und wenn sie etwas sagte, schauten sie sie manchmal erstaunt an, als wäre ihnen gerade erst aufgefallen, dass sie eine Tochter hatten. Sie waren beide fast vierzig gewesen, als Eva geboren wurde, sie wusste nicht, ob sie lange ersehnt gewesen oder in Kauf genommen war: ein Störenfried, der nichts dafür konnte und dem man wohl oder übel hin und wieder Aufmerksamkeit schenken musste.
Wie gut es Matthias hingegen gehabt hatte. Zwar hatte er seine Eltern früh verloren, aber es waren herzliche Menschen gewesen, die ihrem Sohn ein liebevolles Zuhause geboten hatten. Eva hatte Matthias’ Vater nicht mehr kennen gelernt, aber seine Mutter hatte sie als ihre Tochter bezeichnet.

Ihr Rücken begann zu schmerzen. Dieser verdammte Stuhl. Sie rückte einen Zentimeter nach vorne, der Druck ließ nach, dafür schnitt ihr die Kante der Sitzfläche in die Haut.
Einmal hatte sie ein Kissen mitgenommen. Frau Schmidt hatte sie entsetzt angesehen. „Was wollen Sie denn damit?“ „Darauf sitzen“, hatte Eva geantwortet. „Was glauben Sie denn?“
Frau Schmidt war rot angelaufen und murmelte irgendetwas von
„Vorsichtsmaßnahme“ und ihr standardmäßiges „nicht persönlich“. Als Eva Matthias später beim Abendessen davon erzählte, lachte er und meinte: „Vielleicht hat sie gedacht, du wolltest deinen Vater ersticken“, und ihr blieb der Bissen im Hals stecken.
Daraufhin hatte sie sich bei der Heimleitung beschwert. Die Direktorin rutschte auf ihrem Stuhl herum, obwohl der gepolstert war und ergonomisch geformt. Frau Schmidt sei „speziell“, aber immer „besorgt um die Bewohner“ und „unersetzlich“.

Neunzehn Minuten. Immerhin. Eva schaute zu ihrem Vater, der sich nicht gerührt hatte. Wie hielt er das aus, die ganze Zeit auf diesem Stuhl zu verharren?
Plötzlich bewegte er den rechten Arm, dann den linken. Sein Blick klarte auf, als hätte er jetzt erst begriffen, was da vor ihm auf dem Tisch lag. Seine Finger, lang und gekrümmt, tasteten sich an die Schokoladentafel heran. Es sah aus, als starteten zwei Spinnen einen Angriff.
Seine Mundwinkel zuckten. Er grub die Fingernägel in das Papier. Zog daran, zerrte, zeriss. Aus seinem Mundwinkel tropfte Speichel. Eva schluckte aufsteigende Übelkeit hinunter.
„Soll ich dir helfen“, murmelte sie, aber er ignorierte sie.
Seine Finger bohrten sich in die Tafel, silberne und rosafarbene Papierstreifen flatterten über den Tisch. Er keuchte vor Anstrengung. Jetzt lag die Schokolade frei. Er umklammerte sie, hob sie an den Mund und biss hinein. Kaute mit offenem Mund. Seine Zähne färbten sich braun, Spucke tropfte herunter, kleckste auf das saubere Hemd.
Eva legte beide Hände auf die Ränder der Sitzfläche, schloss die Finger um das Holz, an dieser Stelle rissig wie ihr Daumennagel. Ein Splitter stach in ihre Haut.
Plötzlich erstarrte ihr Vater. In Zeitlupentempo streckte er den Arm aus, stierte auf die angebissene Schokolade, öffnete die Lippen. Ein Laut entfuhr seinem Mund, erst leise, bis er Fahrt aufnahm, an Höhe gewann, in einem schrillen Schrei gipfelte. Er schleuderte die Tafel von sich, sein Brüllen kondensierte zu einem Wort.
„Gift“, schrie er, „Gift“.
Eva sprang auf. Der Stuhl schrappte über das Laminat, kippte und knallte auf den Boden.
„Sei still“, rief sie. „Verdammt, das ist nur Schokolade.“
Sie eilte um den Tisch herum, fasste ihn an der Schulter. Er schrie und schlug nach ihr.
Die Tür wurde aufgerissen. Frau Schmidt stürmte herein, das Gesicht noch stärker gerötet als sonst. Besitzergreifend legte sie den Arm um Evas Vater, und er ließ es geschehen.
„Was haben Sie gemacht?“ Frau Schmidts Unterlippe zitterte drohend.
„Ich habe ihm Schokolade mitgebracht. Seine Lieblingssorte.“
Eva hob die angebissene Tafel auf und feuerte sie auf den Tisch.
Frau Schmidts Augen verengten sich. „Aber das ist eine andere Marke. Sie wissen, wie wichtig Gewohnheiten und Rituale für ihren Vater sind.“
„Und Sie gehen mir auf die Nerven.“
Der Satz war heraus, bevor sie nachgedacht hatte.
Frau Schmidt riss die Augen auf.
„Sie mögen Ihre Arbeit wunderbar machen, kein bisschen unter Zeitnot leiden und meinen Vater besonders ins Herz geschlossen haben. Schön.“ Eva trat einen Schritt nach vorne. „Aber hören Sie auf, mich wie eine Idiotin zu behandeln.“
Frau Schmidt schnappte nach Luft, aber sie schwieg. Evas Vater war ganz still. Reglos hing er in den Armen der Pflegerin.
Eva holte ihre Tasche und wandte sich zum Gehen. Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, erhaschte sie noch seinen Blick. Er grinste verschlagen.
Sie knallte die Tür hinter sich zu.
Draußen holte sie tief Luft. Ihre Wut fiel in sich zusammen.
Leichter hatte sie es sich mit diesem Ausbruch nicht gemacht.
Ein Feuerwehrauto näherte sich mit Geheul, brauste an ihr vorbei. Warum konnte das Altersheim nicht abfackeln, dachte sie und schämte sich sofort.
Sie würde auch nächste Woche wieder hierherkommen, durch die langen Flure laufen bis zu Zimmer A19 und eine Stunde auf dem harten Holzstuhl absitzen, während ihr Vater die weißen Wände oder seine Finger oder was auch immer betrachtete, es kam selten vor, dass er mit ihr sprach. Sie war seine Tochter, und Töchter machten das. Brave Töchter sowieso.
Wieso ließen sie sich nicht übermalen, diese Muster, nach denen man sich verhielt, wieso fühlte man sich schlecht bei dem Wunsch, sie zu verändern. Sie war ihren Eltern gegenüber nie laut geworden. Aber manchmal hatte es in ihr gebrodelt, als Zwölfjährige, wenn ihre Mutter ihr noch immer das Haar zu Zöpfen flocht und sie sich furchtbar dafür schämte, als Vierzehnjährige, wenn ihr Vater ihr verbot, eine Geburtstagsfeier zu besuchen, die länger als zwanzig Uhr dauern würde, und manchmal, auf dem Schulweg, wenn niemand in der Nähe gewesen war, dann brüllte sie so laut sie konnte oder verzog sich in ihr Zimmer und hörte auf ihrem Walkman Fear of the dark von Iron Maiden, so laut bis knapp unter der Schmerzgrenze.
Gut, sie hatte gelernt, Widerworte zu geben.
Aber mehr auch nicht.
Die Uhr der nahe gelegenen Kirche schlug zweimal. Halb sechs.
Sie könnte den früheren Bus erwischen, wenn sie sich beeilte.
Der Wind stieß ihr in den Rücken und schob sie vorwärts. Sie ging die Straße hinab in die entgegengesetzte Richtung zur Bushaltestelle. Spülwassergraues Licht versickerte zwischen den Dächern. Eva bog in eine Seitenstraße und von der in eine Gasse, in der sie noch nie gewesen war. Mit jedem Schritt, den sie sich vom Altersheim entfernte, fühlte sie sich besser.
Die Gasse war so schmal, dass kaum ein Auto durchpasste. Gleich aussehende Häuschen reihten sich aneinander. Steingraue Fassaden, braune Türen, schmucklose Fensterbänke. Siamesische Mehrlinge. Nur eines trotzte dem Einheitsbild.
In die Vorderfront war ein Schaufenster eingelassen.
„Schallplatten und CD’s“, stand auf der Scheibe, darunter hingen Tourplakate diverser Metalbands.
Genau das, was sie jetzt brauchte.
Ein auf schwarzem Samt drapierter Totenkopf in der Auslage grinste sie an. Eva grinste zurück und drückte die Tür auf.

5

Sie hatte Zigarettendunst erwartet, gemischt mit dem Geruch nach Staub und einem herben Aftershave. Aber auf der niedrigen Verkaufstheke verglimmte ein Räucherstäbchen neben einer altmodischen Ladenkasse und verströmte zitrusartiges Aroma.
Daneben stand ein knallorangefarbenes Telefon. Mit Wählscheibe!
Der Raum glich einem überdimensionierten Wohnzimmer. An einer Schmalseite machte sich ein Sofa mit zerschlissenem moosfarbenen Cordbezug breit, daneben baute sich ein Ständer mit Musikzeitschriften auf. Tourplakate und Bandposter hingen an den Wänden. Außerdem gab es mehrere Regale, vollgestopft mit Büchern und DVDs sowie Kisten mit Schallplatten und CDs.
Sie griff wahllos hinein. Iron Maiden, Guns `n Roses, Queen.
Von irgendwoher ertönte Musik. Metallica.
Sie lächelte. Als hätte jemand ein Zimmer für sie eingerichtet, in der ihre Jungendzeit wieder auferstand.
„Bin gleich da“, rief eine männliche Stimme.
Sie kam aus einem Raum hinter der Theke, der durch einen roten Samtvorhang abgetrennt war. Kurz darauf erschien ein hochgewachsener, kräftiger Mann, Eva schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er hatte das braune Haar zu einem Zopf gebunden. Aus dunklen, von buschigen Brauen überdachten Augen blickte er sie mit einer Mischung aus Neugier und Freundlichkeit an.
„Hi“, grüßte er. „Kann ich helfen?“
Er kam mit schweren Schritten hinter der Theke hervor, trotz der Hitze trug er Stiefel. Dazu eine abgewetzte helle Jeans und ein schwarzes T-Shirt.
„Berufskleidung“, kommentierte er ihren Blick. „Wenn ich hier im Anzug stehen würde, nähme mich doch keiner ernst.“
„Wohl kaum“, nickte Eva.
Er schaute an sich herab. „Könnte schlimmer sein, oder?“
„Allerdings. Leopardenleggings zum Beispiel.“
Sie lachten beide, und die Erinnerung an den hässlichen Vorfall mit ihrem Vater schrumpfte zu einem kleinen Punkt, der sich in ihrem Gedächtnis verlor.
„Aber ehrlich gesagt trage ich sowieso keine Anzüge. Es sei denn, zu einer Hochzeit oder einer Beerdigung.“ Er lächelte.
„Suchst du was Bestimmtes?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin zufällig vorbeigekommen und war neugierig“, gab sie zu.
„Okay“, meinte er. „Kommt leider nicht allzu häufig vor, dass sich jemand in das Gässchen hier verirrt, es sei denn, jemand hat mich empfohlen.“
„Das kann ich ja ab sofort tun.“
„Nur zu. Ich bin übrigens Kai.“
„Eva.“
Er streckte ihr die Hand hin. Seine Haut fühlte sich rau und kühl an. Für einen Moment war sie befangen.
„Machst du eigentlich auch Musik?“, fragte sie schnell, damit es nicht auffiel.
Er winkte ab. „Ich hab als Sechzehnjähriger mal mit E-Gitarre angefangen.“
„Und?“
„Naja, mein Gitarrenlehrer meinte, ich sollte es vielleicht besser mit Blockflöte probieren.“
Sie musste lachen.
„Und du? Irgendwie musikalisch unterwegs? Als Frontfrau einer Frauen-Rockband oder so?“
„Nein. Dort könnte ich höchstens als Triangel-Spielerin mitmachen.“
Ihr Handy klingelte. Einmal, zweimal.
Sie holte es hervor, schaute auf das Display, von dem ihr der Name ihres Mannes entgegen blinkte. Nicht jetzt. Sie drückte seinen Anruf weg.
„Die machen uns alle zu Sklaven“, meinte Kai.
Darauf wollte sie lieber nicht eingehen. „Ist ein toller Laden“, sagte sie stattdessen.
„Naja.“ Er seufzte. „Eher ein Hobby.“
„Hobby?“
„Seit ich vierzehn bin, steh ich auf Rock und Metal, querbeet, alte und neue Sachen. Das hier ist so was wie mein Wohnzimmer, und hin und wieder kommt jemand zu Besuch.“ Er lächelte.
„Ich könnte den Raum sogar noch größer machen.“
Kai deutete auf die Wand, die sich gegenüber des Sofas befand und in die eine schmale Tür eingelassen war.
„Die ist nur eingezogen. Dahinter stapeln sich noch jede Menge DVDs und anderer Kram. Ich komm einfach nicht nach. Aber was quatsch ich dich voll … Magst du einen Kaffee oder so?“
„Danke nein.“
Sie zögerte, unsicher, ob ihre nächste Frage nicht zu persönlich war – sie kannte den Mann ja überhaupt nicht -, aber dann dachte sie, dass sie sie eigentlich genau aus diesem Grund stellen konnte.
„Aber mit dem Hobby verdienst du genug …“
Er winkte ab. „Ich bin in der glücklichen Lage, dieses prächtige Anwesen mein Eigen zu nennen. Fast zumindest. Gehörte meinen Großeltern, aber meine Eltern haben es mir überlassen. Gegen eine Minimiete. Deswegen bin ich mit dem kleinen Zeh in der Gewinnzone.“
Er machte eine Pause, als wäre er nicht sicher, ob er den Satz aussprechen sollte, der bereits auf seiner Zunge wartete.
„Eigentlich bin ich Grundschullehrer.“
„Was?“ Sie prustete los. „Entschuldigung.“
„Doch wirklich. Im Laden bin ich deswegen nur am Dienstagnachmittag und an Samstagen.“
„Gut zu wissen. Danke für die Info.“
„Gerne. Die ganze Zeit habe ich schon überlegt, wie ich das so dezent wie möglich verpacke.“
Sie schmunzelte.
Hinter ihr öffnete sich die Tür. Sie drehte sich um, ein Pärchen um die fünfzig trat ein, grüßte Kai freundschaftlich.
„Ich muss jetzt gehen“, behauptete sie.
Kai schnitt eine Grimasse, die so viel bedeuten mochte wie: Da kann man nichts machen.
„Moment noch …“ Er drückte ihr einen dünnen Stapel knallrotes Papier Postkartenformat in die Hand. „Vielleicht kannst du die weitergeben.“
Eva betrachtete die selbst gedruckten Flyer mit aufgedrucktem Totenkopf und Kais Adresse.
„Mach ich gerne.“
„Danke.“
„Ja dann.“
„Man sieht sich?“
„Bestimmt“, antwortete sie und verließ den Laden.

Portrait Martina Berscheid

„Die Klassenkameradin“

Evas Leben scheint nach außen hin vollkommen normal: Ehemann, Haus, Tochter – ein Leben im Kleinstadtidyll. Doch Eva fühlt sich eingeengt durch den Alltag in einem kleinen Örtchen, durch ihren Ehemann, dessen Fürsorge und Kontrollzwang sie erdrücken, durch ein Leben, das so viel weniger bietet, als Eva sich in ihrer Jugend ausgemalt hatte. Auf einem Klassentreffen trifft sie schließlich die selbstbewusste Agnès – eine Femme Fatale, deren extravagantes Leben auf sie einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. So sehr, dass Eva beginnt, ihren Lebensstil zu kopieren. Als Agnès auf Geschäftsreise geht und Eva ihre Wohnung hütet, schlüpft sie in die Rolle der „Vivian“, und taucht ein in Agnès‘ Welt des Rausches und des Vergnügens. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Nach und nach eröffnen sich dunkle Geheimnisse, die unter der schillernden Fassade von Agnés‘ Leben schlummern…

Martina Berscheid – Kandidatin Fiktion fetzt

Martina Berscheid, Jahrgang 1973, hat Biologie studiert, war in einem Softwareunternehmen für PR-Texte zuständig und hat als Alltagshelferin gearbeitet; derzeit tätig im Einzelhandel/Gesundheitsbranche. Schreibt seit Jahren mit Leidenschaft; Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien; 2015 Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis der Stadt Saarbrücken. Veröffentlichung eines Erzählbands und eines Romans. Sie lebt in Homburg/Saar und arbeitet derzeit an verschiedenen neuen Projekten.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Fiktion fetzt

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Dass ich auf der Longlist stehe, freut mich ungemein! Das ist schon etwas Besonderes, das ich mir natürlich erhofft habe. Aber das Niveau beim Blogbuster ist hoch, ich wusste, dass das nicht einfach wird. Als ich die Nachricht von Karo bekam, dass mein Manuskript ihr Favorit ist, war es eine tolle Überraschung.

Warum hast Du Dich gerade bei „Fiktion fetzt“ beworben? 

Karo hat in ihrer Vorstellung geschrieben, dass interessante Figuren sie in ihren Bann ziehen, dass sie zerrissene Charaktere mag – und damit hatte sie mich. Denn auch ich liebe widersprüchliche, zweifelnde, in jedem Fall aber solche Figuren, mit denen ich mich identifizieren und deren Motive und Handlungen ich nachvollziehen kann. In meinen Texten lege ich deswegen besonderen Wert auf die Charaktere und deren Entwicklungen sowie zwischenmenschliche Beziehungen.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Dass Blogger sich mit den Texten auseinander setzen. Sie sind ganz wichtig im Literaturbetrieb, unterstützen mit Leidenschaft AutorInnen und Literatur, von denen sie begeistert sind, und ich glaube, dass sie sehr gut das Neue, Besondere oder Individuelle in der Literatur aufspüren.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich denke schon, dass ich – wie alle anderen TeilnehmerInnen auch – Chancen habe. Das kann ich aber nicht in einer Zahl ausdrücken. Großartig ist es, auf der Longlist zu stehen, weiter zu kommen wäre grandios. Ich bin gespannt.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die reine Schreib- und Überarbeitungszeit lag bei ca. 2 Jahren. Ich habe das Manuskript bisher ein paar Agenturen angeboten. Zwei antworteten ausführlicher. Auch wenn sie das Manuskript aus diversen Gründen nicht annahmen, fanden sie es interessant und gut geschrieben.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Ich denke, da werden wir uns noch ein paar Dinge einfallen lassen. Ich werde auf meiner Facebook-Seite Werbung machen, und Karo hat sicher auch noch ein paar Ideen in petto.

Leseprobe: Kristin Lange – “Die Gefahr des Gelingens”

Leseprobe zu: Kristin Lange, die Gefahr des Gelingens

Anmerkung zur Leseprobe: Der Roman erzählt abwechselnd aus der Perspektive des Mannes und der Frau. Die Parts der Protagonistin sind anfangs noch sparsam eingestreut und kurz. Als zweite Leseprobe habe ich daher ein Stück aus der Mitte gewählt, das einen aussagekräftigen Eindruck von der Stimme der Frau vermittelt und gut zum Anfang passt.

Leseprobe 1, der Romananfang:

I

Mai 2000

„Möwe vier sieben, kommen.“
Erik drückt die Empfangstaste. „Möwe, kommen.“
„Schienenunglück mit Personenschaden zwischen Kiel und Preetz, Suizid vermutet, auf Höhe der Kleingartenkolonie am Kuckucksweg ‒ sorry, Erik, ihr seid am nächsten dran.“
Bitte nicht. Bitte endlich nach Hause. Kaffee, duschen.
Er angelt sich das Sprechteil. „Moin, Roland. Ist verstanden, sind unterwegs.“
Ulli neben ihm am Steuer stöhnt. Erik fummelt mit dem Sprechteil an der Halterung, rutscht ab, flucht, kriegt das Ding eingehängt und drückt eine Statustaste.

Der Waldboden federt unter seinen Schuhen, als sie aussteigen. Den Ablauf kennt Erik. Der Strom in der Oberleitung ist abgeklemmt, der Streckenabschnitt gesperrt. Zwischen Kiel und Plön geht in den nächsten Stunden gar nichts mehr.
Ein einsamer Sanitäter lehnt am Rettungswagen, auf dem Dach kreiselt das Blaulicht, nutzlos und wie vergessen. Auf den Gleisen steht ein Kurzzug. Hinter den Scheiben morgenmüde Schemen, sie alle mit einem unschönen Ruck in den Gliedern und einer Lautsprecherstimme in den Ohren: Personenschaden, Verzögerung, Schienenersatzverkehr, die Deutsche Bahn bedauert das.
Den Ablauf kennt Erik. Gewöhnen wird er sich nie daran.
Er setzt die Mütze auf und tritt auf den Sanitäter zu, der sich beim Versuch, ein Gähnen zu unterdrücken, fast den zartbeflaumten Unterkiefer verrenkt.
„Moin. Rieper. Was haben wir hier?“
„Moin. Mommsen. Mann gegen Regionalexpress.“ Der Junge zieht an seiner Zigarette, kneift die Augen gegen den Rauch zusammen und grinst. „Eins zu null für den RE. Keine Rückrunde.“
„Okay.“ Erik überlegt einen Moment. „Und Sie sind hier für die Späße zuständig?“
Der andere antwortet nicht.
„Ist der Leichnam geborgen?“
Der Junge nuschelt etwas von „Kollegen suchen“, und „Bestatter verständigt“, zieht ein letztes Mal an der Kippe, lässt sie dann fallen und drückt sie mit dem Absatz seiner Profilschuhe in den weichen Boden.
„Und der Zugführer?“, fragt Erik weiter. „Wo finde ich den?“
„Sie. Zugführerin.“ Der Junge weist mit dem Kopf Richtung Rettungswagen, ohne Erik anzusehen.
Erik geht um den Wagen herum zum Heck. Eine stämmige Mittfünfzigerin mit erdbeerroten Strähnchen im Aschblond hockt auf der Kante der Ladefläche und zittert trotz der Wärmedecke um ihre Schultern. Eine Notärztin steht bei ihr.
Nachdem er die Personalien der Frau aufgenommen hat, beginnt sie stockend zu berichten. Die letzte Fahrt vor Schichtende; auf einmal steht da einer. „Das kommt vor, hat normalerweise nichts zu sagen, trotzdem kriegt man jedes Mal Zustände.“ Ihre Rede gerät in Fluss. „Der hat noch einen Schluck aus seiner Flasche genommen. Die Flasche abgestellt, sich hingelegt. Auf den Bauch, ganz in Ruhe, Hals auf die Schienen, Gesicht zu mir. Ich hab sofort eine Schnellbremsung eingeleitet, natürlich hab ich das, aber wissen Sie, wie lange es dauert, bis …“ Sie bricht ab und blickt ihn an.
Ja. Weiß Erik.
„Der hat mich angeguckt, die ganze Zeit angeguckt.“ Ihre Stimme schwankt. „Der hatte einen Bart, oder?“
Das mit dem Bart scheint ihr wichtig, sie fragt ein paar Mal danach, dann bricht sie in Tränen aus. Die Ärztin legt ihr eine Hand auf die Schulter.
„Wir wissen es noch nicht“, sagt Erik. Er schaut einen Moment auf die weinende Frau hinunter. „Wie kommen Sie denn nach Hause?“
„Die Lebensgefährtin weiß Bescheid“, sagt die Ärztin. „Sie ist unterwegs.“
Oh, okay. Erik verabschiedet sich von den Frauen und macht sich auf den Weg entlang der Gleise zu Ulli, der sich dem kleinen Suchtrupp angeschlossen hat.

„Hier rüber, Erik, wir haben ihn.“
Erik beeilt sich, über die rutschenden Geröllbrocken zu dem Grüppchen zu gelangen und sieht zuerst eine Jacke neben den Gleisen liegen, die hat es dem Typen vom Leib gerissen. Er hebt den Fetzen auf und geht weiter zu Ulli, der neben einem Körper kauert, oder dem Großteil eines Körpers.
Die beiden Sanitäter nicken ihm zu und gehen dann in normalem Schritttempo Richtung Waldweg zurück.
In den Resten der Jacke findet Erik die Brieftasche und ein Tabakpäckchen. Aus Gewohnheit drückt er den Tabak, fühlt einen Knubbel Dope. Der Ausweis in der Brieftasche zeigt das Foto eines Mannes mit Oberlippenbart und schmalem, landläufig attraktivem Gesicht.
„Jürgen Möllner“, liest er vor. „Wohnort Kiel, Geburtsort Kiel, Geburtsdatum 11. November 1956.“ Sein Jahrgang. Er räuspert sich. „Besondere Kennzeichen: zwei fehlende Fingerglieder an der linken Hand.“
Ulli schaut an dem Leichnam hinunter, nickt, passt. „Brief?“
Ein Tütchen Fisherman’s Friend. Ein mitgewaschenes Papiertaschentuch. Ein Kassenzettel von Aldi.
Kein Brief.

Jürgen Möllners Kopf finden sie dreißig Schritte weiter. Er ist ins Geröll zwischen zwei Bahnschwellen geraten und hat zu Eriks Erleichterung nur noch wenig Ähnlichkeit mit etwas, was einmal gesprochen oder gelacht hat.
Erik nimmt die Mütze ab und betrachtet das Nichts, das von dem Gesicht übrig ist. Dabei versucht er, alle anderen Gedanken auszuschalten. Das macht er immer, bei jedem Toten. Eine halbe Minute nur für den, der da liegt, in der sonst nichts passiert.
Auf dem Rückweg zum Funkstreifenwagen finden sie eine leere Bierflasche, aufrecht im Schotter neben den Gleisen. Am Brombeergestrüpp lehnt ein schwarzes Herrenrad, Marke Asbach, halb zur Seite gerutscht.
Angeführt von einem Zugbegleiter macht sich ein versprengtes Trüppchen Fahrgäste auf den Weg Richtung Straße. Zwei oder drei der Leute haben Handys gezückt und telefonieren.
Die Sonne ist höhergestiegen, die Strahlen werfen Streifen und Schattenmuster auf die Stämme der Buchen und auf den von Samenhülsen übersäten Weg. Ein roter Mazda ist eingetroffen. Eine Frau hält der Zugführerin die Beifahrertür auf und hilft ihr hinein. Dann geht sie um den Wagen herum und steigt ein, und der Mazda schleicht über den Waldweg davon.
Bis zum Eintreffen der Kollegen von der Kripo gibt es hier nicht mehr viel zu tun. Erik lehnt sich an den Passat, schließt die Augen und saugt den Geruch nach Sonne und Holz und zerfallendem Laub ein. Ein waldiger Geruch, er muss grinsen, weil ihm kein besseres Wort einfällt.
Aus dem offenen Wagenfenster dringen abwechselnd Ullis Murmeln und das Krächzen des Funkgeräts. Darüber zwitschert hell und durchdringend ein Vogel, setzt ab, beginnt von Neuem.
An Eriks linkem Ohr surrt eine Mücke vorbei. Er verscheucht sie und öffnet die Augen. Die Bäume bilden ein Dach hoch über seinem Kopf. Durch die Lücken schimmert ein Stück blasser Himmel, von fedrigem Dunst überzogen.
Maigrün, denkt er. Waldmeistergrün, Ahoj-Brausetütchengrün. Bestimmt gibt’s hier Waldmeister. Wenn man den erkennen würde.
„Meta oder Henrike?“, fragt Ulli. Er hat die Beifahrertür geöffnet und streckt den Kopf heraus.
„Hm?“
„Es gibt eine Meta Möllner in Kiel-Dietrichsdorf und eine Henrike Möllner draußen in Kitzeberg“, erklärt Ulli geduldig.
Ein dezentes Stechen an Eriks linker Halsseite. Er schlägt mit der flachen Hand zu und besieht den schwärzlichen Brei an seinen Fingern.
Meta klingt mehr nach Mutter. Ist auch näher dran.
Er bückt sich und wischt die Hand am Gras ab. „Meta.“

Der Passat holpert über ein Schlagloch. Ulli und ihn hebt es von den Sitzen, und Ulli stößt sich den Kopf am Wagendach. Erik bremst ab, schaltet vom dritten in den zweiten Gang.
Wieso müssen wir das jetzt auch noch machen?, meldet sich der blöde Bulle in Eriks Kopf.
Weil es sonst jemand anders machen muss, antwortet der gute Bulle.
Na toll. Es war gerade Schichtende, als Roland uns angepiept hat. Das heißt, wir haben seit ziemlich genau …
… einer Stunde Feierabend, ja.
Also warum?, fragt der blöde. Wir sind beide scheißmüde, ich brauche einen Kaffee und eine Dusche und …
Hab ich doch gerade gesagt. Weil es sonst zwei andere arme Schw…
Ja. Und?
Das wäre auch nicht besser, global und universell gesehen. Wir haben ihn gefunden. Sie wird Fragen haben, die Mutter. Wenn sie es ist. Und außerdem ‒
Was?
Nichts. Schon gut. Tatsache ist, wir können das.
Du Guter. Ach, übrigens: heute ist Muttertag.
Idioten, alle beide. Erik biegt vom Waldweg auf die Landstraße und klappt die Sonnenblende herunter. „Ulli?“
„Hm?“
„Heute ist Muttertag.“
„Kacke.“ Ulli versetzt seiner Sonnenblende einen Schlag nach unten.
„Ulli, wieso müssen wir das machen? Wir haben seit einer Stunde Feierabend, und …“
„Darum.“ Ulli nimmt die Brille ab und reibt sich mit beiden Händen die Augen. Er setzt die Brille wieder auf. „Guck nach vorn.“
Darum. Darum ist Ulli sein Freund, seit mehr als dreiundzwanzig Jahren.
Die verwahrloste Ladenzeile da vorne kennt Erik von einem Einsatz im letzten Herbst, als ein paar Kids es für eine gute Idee hielten, in dem verwinkelten Komplex ein Lagerfeuer anzuzünden. Die gekachelten Wände sehen aus, als würden sie von den Graffiti oder ihrem eigenen Echo zusammengehalten.
Gockelgrill, Schnellreinigung, alles tot und verrammelt. Eine leerstehende Bierkneipe, deren gesprungenes Leuchtschild weniger an die lustigen Samstagabende erinnert, die hier vielleicht vor hundert Jahren stattgefunden haben, als an die Sonntagvormittage danach.
Überhaupt macht die Gegend einen verkaterten Eindruck. Eine öde Kreuzung, drumherum Sechziger- und Siebziger-Jahre-Wohnblocks, die vermutlich als Wohnverbesserung galten, wenn man aus den miefigen Löchern in Gaarden und Alt-Dietrichsdorf hierher zog. Ein paar Alibi-Grünflächen und ‒ einziger optischer Lichtblick ‒ der Wasserturm, dessen Rumpf immerhin nette Schiffsmosaike schmücken.
Ulli späht durch die Windschutzscheibe und dirigiert ihn auf einen kleinen Parkplatz. Erik stellt den Motor ab, Ulli löst seinen Gurt. Einen Moment lang starren sie beide auf das Hochhaus, dann seufzt Ulli und öffnet die Tür.
Zehn Meter Plattenweg bis zum Eingang. Die Haustür geht auf, als sie sich nähern, und eine junge Frau mit schwarzgefärbten Haaren und welpenhaft klobigen Turnschuhen bugsiert einen Zwillingsbuggy mit zwei Einjährigen hinaus. Ulli beschleunigt seinen Schritt und hält der Frau die Tür auf. Sie schlüpft unter seinem Arm vorbei und streift ihre Uniformen mit einem Blick.
Eine Klingelleiste. Namen bis in den Himmel hinein. Hansen, Yildiz, Bräuer, Teschner.
Und Möllner, zwölfte Etage links.
Erik klingelt. Wartet, den Blick auf die Placken Moos gerichtet, die das Plexiglas des Vordachs zieren.
Ein Knacken, ein Krächzen aus der Sprechanlage.
Sie nehmen die Mützen ab. Erik senkt den Mund zum Lautsprecher.
Er hasst es. Scheiße, wie er es hasst.

„Tja. Was soll ich dazu sagen.“
Die Küche, in der Meta Möllner, Ulli und er beisammen sitzen, ist tadellos aufgeräumt. Läppchen überm Wasserhahn, Wischspuren auf der Wachstuchdecke. Der einzige Zeichen von Liederlichkeit ist eine benutzte Tasse auf dem Tisch. Glas Nescafé daneben, eine Zeitung, die bei einem angefangenen Kreuzworträtsel aufgeschlagen ist, Bleistiftstummel in der Mittelfalz.
Frau Möllner ‒ wohlgenährte plusminus siebzig Jahre, fein gelegtes Grauhaar mit kräftigem Gelbstich und um den Mund ein paar Kerben, die nicht wirken, als stammten sie von übermäßigem Lachen ‒ Frau Möllner also fingert ein Papiertaschentuch aus dem Ärmelaufschlag ihres Morgenmantels, tupft sich damit über die Mundwinkel und lässt die Hand mit dem Tuch wieder in den Schoß sinken.
Aus einem Nebenzimmer dringt Fernsehgebrabbel, nicht recht zu orten, aber eindeutig innerhalb der Wohnung. An der Wand über dem Küchentisch tickt eine Uhr, eine altmodische Messingsonne, die ihre Strahlen in alle Richtungen stößt.
Meta Möllner knetet ihr Tüchlein in der Hand.
Tick.
Tack.
Tja. Was soll sie dazu sagen?
Wenngleich Erik durchaus mit ein paar Sätzen aus dem Fundus aushelfen könnte. Das kann nicht sein. Wo ist er, ich will zu ihm. Warum hat er das getan?
Die Gründe aber, warum Frau Möllner aus allen denkbaren Sätzen gerade diesen gewählt hat, gehen ihn nichts an, und schon gar nicht ist es seine Aufgabe, darüber zu urteilen. Vielleicht war Jürgen Möllner einer, der seiner Mutter die Rente herausgeprügelt hat. Und Erik, der gern etwas tut, auch wenn es nichts mehr zu tun gibt, überlegt, ob es für die  Hängeschränke, mit denen Frau Möllner in den Sechzigern hier eingezogen sein muss, eine Farbbezeichnung gibt. Erbsgrau. Staubgrün.
„Frau Möllner.“ Ulli auf der Eckbank räuspert sich. „Gibt es jemanden, den Sie anrufen möchten? Der herkommen kann oder Bescheid wissen sollte?“
Sie blinzelt ihn aus wässrigblauen, leicht geröteten Augen an. „Die Henrike vielleicht? Meine Tochter?“, schlägt sie in einem Tonfall vor, als böte sie Gebäck an.
Ulli nickt bedächtig. Frau Möllner seufzt, stemmt sich vom Stuhl hoch und geht in den Flur, wo sie sie telefonieren hören. Nach ein oder zwei Minuten wird ihre Stimme lauter und scharf. „Ja“, sagt sie. „Ja.“ Und wieder: „Ja.“
Dann Stille, eine Tür klappt und die Wohnung scheint Frau Möllner verschluckt zu haben.
Erik steht auf, dehnt die Glieder und geht ein paar Schritte zu einer schmalen Balkontür. Der Blick geht über die benachbarten Wohnblocks und die Kreuzung. Hinterm Wasserturm verläuft in schnurgerader Linie die Kaistraße bis hinunter zum Ostufer, wo die Portalkräne der Werft sich erheben, beinahe farblos im sonnigen Glast.
Die Hälfte der Balkonbreite nimmt ein Wäscheständer ein, dicht an die niedrige Brüstung gerückt. Kurzärmlige XXL-Karohemden hängen schlaff zwischen geräumigen Büstenhaltern. Daneben, in der Ecke, ein Kübel mit etwas Ersticktem oder Vertrocknetem darin.
„Hat Roland noch wen erwähnt?“ Er dreht sich zu Ulli um. „Der hier gemeldet ist? Sie wohnt nicht allein.“ Er nickt Richtung Balkon: „Wäscheständer. Männerkleidung.“
„Hey.“ Ulli stülpt anerkennend die Unterlippe vor. „Sherlock.“
Erik bewegt die Schultern, um die Nackenmuskeln zu lockern und kehrt auf seinen Platz zurück. Der Fernseher ist jetzt deutlicher zu hören. Ein Kindersender, KiKa oder was. Plötzlich findet er das Geplärr unerträglich laut, und er möchte nur noch raus hier. Raus aus dieser Wohnung und fort von der Alten, die nichts mit dem Tod ihres Sohns anzufangen weiß. Raus auch aus der Uniform, die ihm an manchen Tagen wie verseucht  vorkommt. Er will duschen, sich in seiner gemütlichen Küche einen Kaffee kochen, sich mit Kopfhörern aufs Bett legen und diesen Mist hier vergessen.
Er wechselt einen Blick mit Ulli. Er kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass es ihm ähnlich geht. Dass er genau wie Erik weiß, dass sie noch bleiben müssen, wenigstens so lange, bis sie einigermaßen sicher sein können, dass Frau Möllner ihnen kein Theater vorspielt und fröhlich kollabiert, sobald sie zur Tür hinaus sind.
Ein Geräusch in seinem Rücken, ein Luftzug. Ulli fixiert einen Punkt hinter ihm, und Erik dreht sich um.
In der Küchentür steht oder besser sitzt ein Mann, sitzt reglos und starrt Ulli und Erik an. Sein Alter ist schwer zu schätzen, vielleicht Mitte Dreißig oder knapp darunter, sein Gesicht wie von fehlender Mimik unverbraucht. Er ist fett, hundertzwanzig Kilo Minimum. Er trägt ein Karohemd, das in den Gummibund seiner Jogginghose gestopft ist, und seine Hände umfassen die Räder eines Rollstuhls.
Erik probiert ein Lächeln. Der Mann lächelt nicht zurück, sondern wendet den Kopf und blickt hoch zu Frau Möllner, die hinter ihm aufgetaucht ist, angetan mit einer Stoffhose und etwas, das Eriks Mutter früher Waschbluse nannte.
„Ach, Michael, was machst du denn hier“, sagt sie tadelnd aber nicht direkt unfreundlich.
„Polizisten“, sagt der Mann.
„Ja.“ Sie tritt einen Schritt beiseite. „Geh mal wieder ins Wohnzimmer.“
„Gleich kommen die Seelöwen“, sagt der Mann. Seine Sprache ist verwaschen.
„Geh mal wieder ins Wohnzimmer“, wiederholt sie. Sie macht eine Bewegung auf ihn zu. „Ich komme gleich.“
Der Mann setzt gehorsam zurück und rollt in den Flur.
Frau Möllner geht zur Tür und schließt sie. „Der Michael, mein Sohn.“
Mein Sohn. Nicht mein anderer Sohn

Sie setzt sich. Die Messingsonne tickt.
„Kommt Ihre Tochter her?“, fragt Ulli.
„Die.“ Frau Möllner macht eine wegwerfende Handbewegung. Wieder fummelt sie ihr Taschentuch hervor, wischt sich über die Lippen und lässt das Tuch im Blusenärmel verschwinden. „Mit der Henrike ist nicht viel los.“
Ulli gibt einen Laut zwischen Räuspern und Seufzen von sich.
„Ich müsste mich dann auch wieder um den Michael kümmern“, sagt Frau Möllner.
Die Seelöwen, richtig. Erik legt die Hände auf die Tischplatte, nickt Ulli zu und erhebt sich.
Wie vorhin führt Frau Möllner sie durch den nach Staubsaugerluft und Hausschuhen riechenden Flur. An der Wohnungstür gibt Ulli ihr seine Karte, sie nimmt sie und schließt die Tür sacht, aber mit Nachdruck hinter ihnen.

Hast du Lust zu vögeln?, will er Ulli fragen, als der Fahrstuhl mit ihnen nach unten ruckelt. Er lässt die Pointe aus, studiert weiter stumm die mit Edding hingeschmierten Sprüche und Kritzeleien auf der Aluverkleidung der Kabine.
Im Foyer hat jemand zwei kalkgeränderter Übertöpfe und ein paar weihnachtliche Keramikfiguren zu einem Stillleben drapiert. Daneben liegt ein handgeschriebenes Pappschild, zu verschenken.
„Brauchst du noch Deko für zu Hause?“ Ulli weist mit dem Kinn auf das Ensemble, und Erik grinst, dankbar für den dünnen Witz.
Das Sonnenlicht blendet ihn, als er aus der Betonkühle des Hochhauses ins Freie tritt. Dass die Frau, die über den Parkplatz aufs Haus zueilt, zu Ulli und ihm will, bemerkt er erst, als sie fast vor ihm steht.

True blue before sunrise …
Worte eines halbvergessenen Liedes. Bläue, ans Fenster geschmiegt.
Schwalben rufen silberne Bögen in die Luft. I’m so happy here.
Auf Rikes Bauch schnurrt ein Traum. Weißt du noch, als ich gestiefelt war und sprechen konnte?
Sweet dreams, baby. Später Glocken. Und Rehe, äsend.
Und da hinein ein Lärm. Durch die Landschaft geht ein Riss. Mumin springt vom Bett, und Rike stolpert die Treppe hinunter zum Telefon.
„Hallo?“
„Jürgen ist tot“, lautet der erste Satz, den Mutter nach über fünfundzwanzig Jahren an sie richtet.
Überm Stuhl die Kleider von gestern. Shorts, das verschwitzte Top. Die Gartenflipflops vor der Tür. Mit den Füßen hinein und zum Auto.
Sieben Minuten von Haustür zu Haustür. Auf ihrer Hirnhaut Rehe, am Rand eines Traums zurückgelassen.

Leseprobe 2, ca. Romanmitte. Nach einer verpatzten Urlaubswoche hat Rike sich zu Hause eingeigelt und reagiert nicht auf Eriks Anrufe.

Tag Zwei. Sie niest und hat Halsschmerzen, es passt ihr in den Kram. Sie spielt krankes Kind, bestreicht Zwiebäcke mit Butter und Erdnussmus, krümelt das Sofa voll.
Liest ihre Lieblingsmärchen. Die Gänsehirtin am Brunnen, Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen. Und das Märchen vom Waldhaus: Schön Hühnchen, schön Hähnchen, und du, schöne bunte Kuh? Was sagst du dazu?
Duks, sagen die Tiere.
Dass sie immerzu duks sagen, denkt Rike. Das hat doch damals schon kein Kind begriffen. Duks, was bedeutet das denn?
Es klopft an der Tür. „Ich fahre ins Dorf“, ruft Mimi von draußen. „Brauchst du was?“
„Gott, Mimi, komm rein“, ruft Rike zurück.
„Bist du krank?“, fragt Mimi, als sie in der Stube steht.
„Duks“, sagt Rike. Sieht Mimi ins Gesicht, lacht. „Entschuldigung.“
Sie steht auf und gibt Mimi zehn Mark. „Bihunsuppe und Butterkekse, bitte. Und Wick Vaporub.“
Mimi nimmt den Schein und steckt ihn ein. Bleibt stehen, die Hand auf der Klinke. „Und, du und Erik?“
„Was, ich und Erik?“
Mimi sieht sie an.
„Nichts“, sagt Rike. „Beziehungsweise alles.“ Atmet durch. „Also, alles nichts.“
Mimi nickt weise.
Mittags Suppe und Kekse. Unsere kleine Farm im Fernsehen und sowas wie Glück.
Einmal das Telefon. Erik. Dass man reden muss, wenigstens reden und über die Gründe und fair.
Die ersten kommen gegen sechs. Sie hat sie total vergessen. Im letzten Jahr haben sie in Gruppen zu viert und zu fünft vor Rikes Tür gestanden: „Wir sind die bösen Geister und mögen gerne Kleister.“
„Ja, aber Kleister ist aus“, hat sie gesagt. Hat ratlos getan und in die niedlichen, geschminkten Gesichter geschaut. „Ich hab bloß das hier.“ Sie hat die Geschenkbeutel mit dem Naschzeug genommen, die sie vorbereitet und auf dem Balken aufgereiht hatte, und allen einen davon überreicht.
Jetzt wandeln sie am Fenster vorbei und zuerst zu Mimis Haus. In Gedanken geht Rike ihre Vorräte durch, stellt sich vor, wie sie jedem Geist eine keimende Kartoffel oder eine Handvoll rohe Nudeln in die Hand drückt.
Sie löscht das Licht und ignoriert das Klopfen, hält sich die Geister vom Leib. Auf dem Weg zurück zur Straße ziehen sie mit ihren Laternen und Taschenlampen die Einfahrt hinunter, eine schwankende Karawane, ein betrunkener Hexensabbat.

Tag Drei. Ihr Spiegelbild fasziniert sie: bleich und wie hingerotzt, die Haare wirr, auf die ungute Art. Sie drückt Zahnpasta auf die Bürste und steckt die Bürste in den Mund.
Dass er dort war. Erik. Dass er mit Ulli in dieser Scheißküche von damals gesessen und mit Mutter gesprochen und die Uhr getickt hat. Ob es diese Uhr war? Plötzlich hat sie Lust, ihn anzurufen und zu fragen.
„Hör bloß auf“, würde er sagen. „Diese gruselige Sonne, die hat getickt wie blöd.“
Was, wenn die Jahrzehnte verschmelzen würden? Wenn alle Menschen, die je in einem Raum waren, gleichzeitig dort wären? Dann käme Rike an einem x-beliebigen Sonntagmorgen in die Küche, wo sie alle um den Tisch sitzen: Familie Möllner, winzig und wie durch ein Weitwinkelobjektiv, auf den alten Stühlen mit den Stahlrohrbeinen und den Plastikbezügen.
Gesichtslos. Vielleicht, wenn es Fotos gäbe? Manchmal, wenn man Gesichter nicht mehr vor Augen hat und an bestimmte Fotos denkt, dann sieht man die Menschen wieder vor sich.
Aber so: nur Skizzen. Mutti nichts als heruntergezogene Mundwinkel. Jürgen in Trainingshosen, später Armeehosen, die dunklen Haare ein eigenartiger Kontrast zu der blassen Haut. Der Micha ein Pinselstrich aus blond und Lachen. Eigentlich eher ein Geruch. Sein warmer, leicht pupsiger Kleinkindergeruch.
Und der Vater. Eine Kasperpuppe, die Züge wie geschnitzt, die schmalen Lippen ins Gesicht gekerbt. Der ganze Mann in den viel zu nüchternen Sonntagmorgen gezwängt wie in einen schlecht sitzenden Anzug. Klopapierfetzen am Kinn, eine Mischung aus Rasierwasser, Restausgeh-Pomade und Restpromille ausdünstend.
Eine arme, dumme Sau. Und so mächtig damals, Rike spuckt den Schaum aus und spült nach.
An diesem speziellen Morgen aber wäre etwas anders als sonst. Zwei Polizisten säßen am Tisch, unrasiert, die Augen hohl vor Erschöpfung nach einer viel zu langen Nachtschicht. Sie hätten die Mützen abgenommen und vor sich auf den Tisch gelegt. Den Grund ihres Besuchs hätten sie noch nicht genannt.
Es gäbe noch keinen Grund. Jürgen ist ja da und matscht mit seinem Marmeladenbrot herum. Der Alte beobachtet ihn gereizt. Gleich nach dem Frühstück wird Jürgen verduften, zum Fußball, als er das noch durfte, später irgendwelche Dinger drehen mit seinen Kumpels ‒ und da, auf einmal doch sein Gesicht, eine Sekunde lang sein Jungsgesicht, deutlich wie auf einem Foto: So sah er, so sah Jürgen aus!
Der dunklere der beiden Polizisten hebt den Kopf und sieht Rike an der Tür stehen. Er lächelt ihr zu, wie man eben einem fremden Kind zulächelt, das dasteht und einen unverwandt anstarrt. Und es fühlt sich an, als könnte sein dreißig Jahre späteres Lächeln dem Mädchen, das sie war, etwas nützen.
Als könnte Rike schon mal die Hand durch die Jahrzehnte strecken.

Tag Vier. Die Kolleginnen haben einem Gabentisch an Rikes Platz aufgebaut. Schokoladenkäfer krabbeln auf bunten Blättern herum oder lugen unter ihnen hervor. Etwas Großformatiges in buntem Papier, von dem Rike ahnt, was es ist, weil sie es neulich bewundert hat.
Richtig, die Bibliotheken der Welt, ein irre teurer Band. Rike drückt das Buch an ihre Brust. „Ihr seid komplett verrückt, wisst ihr das?“
Ja, wissen sie. Sie strahlen. Aber jetzt sie. Endlich erzählen soll sie. Von Schweden. Und mit dem Magen, das ging dann? Geregnet, igitt, richtig nasskalt? Na, dann macht man sich das miteinander warm, was? Haha. Hier ging das eigentlich, mal einen Tag geschüttet, aber sonst und nee und ja und doch …
Das ist das Gute an Frauen. Das Gute an Gesprächen.
Der erste Leseransturm rauscht vorüber. Rike öffnet die Datei „Vorlesewettbewerb“ und überträgt die Anmeldelisten in eine Excel-Tabelle. Nach der Frühstückspause versieht sie einen Schwung Neuzugänge mit Kennnummern, speichert sie im Rechner ab, Autor, Titel, Code, schöne blöde Routinearbeit, genau richtig, um die Gedanken schweifen zu lassen.
Wie er sie zum ersten Mal hier abgeholt hat. Wie er zur Tür hereinkam und Maja leise: „Hui!“ sagte, noch bevor sie begriff, dass dieser Mann zu Rike wollte.
Sie schaut zum Ausleihtresen. Maja wirft ihr einen heimlichen Blick zu und verdreht die Augen. Dr. Pauli hat sie am Wickel, er hat seine literarischen Altherrenfantasien ausgelesen und möchte jetzt gern mit jemandem darüber reden. Rike tut, als prüfte sie den Nagel ihres Mittelfingers, pustet sacht darüber, und Maja blickt rasch fort und beißt sich auf die Unterlippe.
Rike stapelt die Neuerscheinungen auf dem Rollwagen, damit der Praktikant sie nachher einsortieren kann. Dann geht sie zum Klo, schließt sich ein und setzt sich auf den Deckel.
Wie Erik bei ihr den Rasen mähen wollte. Ganz am Anfang, als er noch meinte, er müsste sich bei Mimi und ihr beliebt machen. Wie sie ihm im Schuppen den Mäher zeigte und er lange dastand, das Ungetüm betrachtete und dann sagte: „Wusstest du, dass es keine erotischere Geruchsmischung gibt als die von Benzin und Waschpulver?“
Sich zu ihr umdrehte. Wie er sie gestreichelt, ihr Haar gestreichelt hat. Und dann sie auf der Waschmaschine, und ihr Kleid und seine Hände und Mimi beim Augenarzt.
Oder wie er Mimi und ihr den Witz von der Birne erzählt hat, die um den Apfelbaum fliegt, in Kreisen herum und immer herum. „Haha“, rufen die Äpfel. „du kannst ja gar nicht fliegen, du bist doch eine Birne.“
An der Kabinentür, genau in Sitz-Augenhöhe, klebt seit Anbeginn der Zeiten ein Bildchen. Die Person, die es ausgeschnitten und dorthin geklebt hat, muss gemeint haben, dass es nett ist, wenn einem beim Pinkeln der junge Gerard Depardieu zusieht, mit milden Augen, ein Lamm im Arm.
Es ist nett.
Der Klorollenhalter hängt an zu losen Schrauben an der Wand. Unter dem Waschbecken steht ein WC–Reiniger, sanfte Power für Ihr Bad, und Rike kann nicht aufhören, an den dummen Kalauer zu denken. An die Birne, die den Apfelbaum umkreist. „Natürlich kann ich fliegen“, ruft sie. „Ich bin doch die Birne Maja.“
Rike muss lachen. Und endlich, endlich beginnt es ihr zu gruseln.
„Du Schöne“, flüstert sie. Schließt die Augen und legt die Arme um sich. Streichelt ihre Schultern und wiegt sich vor und zurück. „Du Schöne.“

Der fünfte Tag. Immer wieder hört sie das Band ab. „Ey, Rike, dieses kleine Zögern, bevor du sagst: Tschüs, Erik.“ Seine heisere, betrunkene Lache. „Wahnsinn.“
Zum Schluss: „Tschüserik.“ Dreimal, fünfmal. Nochmal.
Die vierzig Geschenke, in der Küche verteilt. Rike hat sie seit dem Geburtstag nicht angerührt. Das Pixibuch, der Stein, die Radieschensamen.
Die Bodylotion. Rike schraubt die Tube auf und drückt sich einen perlmuttfarbenen Wurm auf die Hand. Reibt die Handrücken gegeneinander und saugt den Geruch ein. Ein sanfter Duft, wie Nebel, der sich an die Scheibe schmiegt. Weil Erik keiner ist, der hingeht und irgendetwas kauft, damit er was zum Geburtstag hat. Weil er einer ist, der sich durch tausend Tester schnuppert, bevor er sagt: Das ist sie, das ist meine Rike.
Das macht den Unterschied, denkt Rike. Ob einer an den Testern schnuppert ‒ und wie seltsam manche Sätze sind.
Der Bilderrahmen lehnt am Tischbein. Sie hebt ihn auf und legt ihn vor sich hin. Mit dem Zeigefinger fährt sie über eine winzige Stelle, wo das Holz abgesplittert ist. Ein kaum sichtbarer Makel, das Glas selbst ist sauber und heil.
Sie sucht Cutter und Lineal heraus, legt eine Zeitung als Unterlage zurecht. Nimmt das Bild mit dem fliegenden Gänseschwarm von der Wand neben dem Ofen, trägt es zum Küchentisch und löst es aus dem Halter.
Das Passepartout ist nur wenige Millimeter zu groß für den Rahmen, Erik hat Augenmaß bewiesen. Sie passt das Bild neu ein, hängt es an seinen Platz zurück und tritt einen Schritt zurück.
Und alles in ihr wird ruhig und gut. Es ist Herbst auf dem Bild, richtig Herbst. Perfekt eingefasst vom mahagoniroten und mit Gold überhauchten Holz erfüllt der Schwarm den Abendhimmel, und Rike glaubt, das Rauschen der Flügelschläge zu hören, das heisere Trompeten, mit dem die Gänse sich verständigen.
Duks, sagen die Tiere aus dem Märchen. Der Sommer war. Wer jetzt alleine ist, ist selber schuld. Du hast ihn ausgesperrt wie einen Hund.
Was soll ich jetzt tun?, fragt Rike.
Ihn wieder einlassen.
So einfach? Und du, schöne bunte Kuh, was sagst du dazu?
Viel zu verlieren hast du nicht, Rike. Und Erik, der kann verzeihen. Der kann Dinge verzeihen, noch bevor sie geschehen sind. Hast ihn doch danach ausgewählt.
Das wusste ich nicht, sagt Rike.
Jetzt weißt du es, sagen die Tiere.

Portrait Kristin Lange

„Die Gefahr des Gelingens“

Der Roman beginnt mit einem Notruf, der nach einem Schienensuizid abgesetzt wurde und zu dem der Polizist Erik gerufen wird. Erik lernt in der Folge Rike, die Schwester des Suizidenten, kennen. Erik und Rike verbringen einen glücklichen Sommer miteinander, doch die Erinnerungen an den gewalttätigen Vater und an Erlebnisse in der Kindheit und Jugend holen Rike immer wieder ein, so dass sie sich von Erik immer mehr distanziert, gleichzeitig jedoch Angst hat, ihn zu verlieren.

Kristin Lange – Kandidatin Travel without moving

Kristin Lange wurde 1966 in Krefeld geboren und beschloss, ein wenig zu bleiben. In einer Grundschule im Ostwestfälischen lernte sie, dass es unsere Fähigkeit zu lesen und zu schreiben ist, die die Welt im Innersten zusammenhält ‒ und dass ein Satz wie der letzte nicht wahr sein muss, bloß, weil ihn jemand hinschreibt. Ein Germanistikstudium brach sie ab, bevor es ihr den Spaß am geschriebenen Wort vollends verderben konnte. Kristin Lange ist Buchhändlerin, lebt mit ihrem Mann bei Kiel und schreibt für den 42er Blog. Einige ihrer Kurzgeschichten erschienen in Anthologien.

Hier gehts zum Beitrag auf dem Blog Travel without moving.

Interview mit der Longlist-Autorin

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?

Ja. Nein. Ich weiß nicht. Ein bisschen. Dann wieder nicht. Aber so sehr gehofft, seit Romy Henze um das Gesamtmanuskript gebeten hat!

Warum hast Du Dich gerade bei „Travel without moving“ beworben?

Die Antwort darauf steht tatsächlich in Romy Henzes Vorstellung für den Blogbuster-Preis. Alle zehn Blogger und Bloggerinnen haben sich ja jeweils zu ihrem Lese-Beuteschema geäußert, und da waren viele Aussagen dabei, die sich für mein Empfinden gut mit meinem Projekt vertragen. Romys Profil habe ich mir durchgelesen und bei jedem einzelnen Satz gedacht: Ja. Ja. Ja. Deswegen und auch wegen der wunderbaren Lektüreauswahl auf „Travel without moving“ stand da am Ende ein einziges großes, dickes, fettes: Passt.  

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Literatur-Blogger sind zum einen höchst erfahrene Leser, zum anderen sind mittlerweile die Blogs unleugbar ein fester und wesentlicher Bestandteil der Literaturszene. Damit sind die Blogger das perfekte Brückenglied zwischen Autor und Agentur oder Verlag. Für mich ist das ein einmaliges Konzept, von dem alle Beteiligten nur profitieren können, und darum stand es für mich außer Frage mitzumachen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Zehn Prozent.

Obwohl. Das sieht irgendwie mickrig aus. Und wer möchte schon mickrig…Dann vielleicht fifty-fifty? So nach dem Motto: Kann, kann nicht?
Aber dann kann ich auch achtzig schreiben. Achtzig ist cool. Achtzig wirkt selbstbewusst und …
Naja. Vielleicht auch eher dösig als selbstbewusst. Weil: Es sind ja bisher fünf, am Ende dann zehn Leute auf der Longlist, alle mit derselben Hoffnung wie ich. Und wenn von denen jeder eine Achtzig-Prozent-Chance hat, dann wären das, Moment … Puh, knifflig, aber ich meine, das haut hinten und vorne nicht hin.
Also. Nochmal neu. Im Prinzip muss man doch nur hundert durch zehn … Mist. Mist!

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Schon vor Jahren begann der Traum Gestalt anzunehmen, einen Roman ‒ speziell diese Geschichte ‒ zu schreiben. Was sich ja soweit erstmal schön anhört. Das eigentliche Elend fing an, als mir klar wurde, dass ich nicht einfach einen Roman, sondern möglichst einen guten Roman schreiben will! Die Geschichte war lange Zeit eine Hydra. Wenn ich einen Kopf abschlug, sprich: ein Problem löste, poppten sieben neue auf. Aber die Sache war mir wichtig, und irgendwann habe ich mir geschworen, so lange an dem Roman zu schreiben, bis er aussieht wie etwas, was ich selbst gerne lesen würde. Nochmal würde das nicht so lange dauern, denn auf dem Weg dahin habe ich zwangsläufig viel über das Romanschreiben gelernt. Zunächst vor allem, wie es nicht geht, später ein bisschen, wie es eben doch geht. Hey, das passt zu meinem Romanthema, der Liebe! Da lernen wir im Idealfall ja auch dadurch, dass wir lernen, wie sie nicht funktioniert, etwas darüber, wie sie vielleicht doch funktioniert ‒ auch wenn der Satz stilistisch ziemlich verhauen ist.

Was ich unternommen habe? Da stehe ich noch ganz am Anfang, habe mich seit Weihnachten erst bei einer Handvoll Agenturen beworben ‒ ohne Resonanz bisher.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?

Ich habe auf alles Lust, worauf Romy auch Lust hat. Ein Interview, in dem wir das Projekt auch inhaltlich vorstellen. Worum geht es, was treibt die Menschen in meiner Geschichte an, was beglückt sie, was quält sie? Ein Video, eine kleine Lesung, die Vorab-Veröffentlichung einer Leseprobe, alles geht.

Mein Favorit beim Blogbuster-Preis 2020

von Romy Henze – Travel without Moving

„Das Problem ist, dass man letzte Male selten erkennt und sich daher kaum an sie erinnert.“

Vor ein paar Tagen gab es einen Beitrag von mir, in dem ich euch meine drei angeforderten Manuskripte vom Blogbuster-Preis 2020 kurz vorgestellt habe, und nun habe ich alle drei Romane fertiggelesen und mich entschieden:

Mein Favorit ist Die Gefahr des Gelingens von Kristin Lange.

Der Roman hat mich mitten ins Herz getroffen, vereinigt in sich mehrere Themen, die ich wichtig finde und über die man meiner Meinung nach viel mehr sprechen und aufklären sollte, und ist zudem von Anfang bis Ende authentisch, lebensnah, psychologisch fundiert und eindringlich erzählt.

Der Roman beginnt mit einem Notruf, der nach einem Schienensuizid abgesetzt wurde und zu dem der Polizist Erik gerufen wird. Erik lernt in der Folge Rike, die Schwester des Suizidenten, kennen.

Erik und Rike verbringen einen glücklichen Sommer miteinander, doch die Erinnerungen an den gewalttätigen Vater und an Erlebnisse in der Kindheit und Jugend holen Rike immer wieder ein, so dass sie sich von Erik immer mehr distanziert, gleichzeitig jedoch Angst hat, ihn zu verlieren.

Hier geht es zum vollständigen Beitrag auf dem Blog Travel without moving.