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Leseprobe: Daniel Faßbender – „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“

Kapitel 1

Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein wie. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben. Unter mir pfeifen 320 Meter Tiefe gleichgültig vor sich hin und ich schmecke eine tief hängende Wolke, während ich im Moment des Fallens Luft durch den Mund einsauge. Kein Geschmack von Zuckerwatte oder Zimt, sondern bitteres Industriesalz. Ich weiß nicht, ob die Hand von Ikarus ihren festen Griff um meinen Unterarm halten wird, wenn sie ruckartig der vollen Zugkraft meiner 78 Kilo ausgesetzt sein wird. Meine Hand um seinen Arm könnte er locker abschütteln. Ich habe in der Nacht zuvor sein Mädchen gefickt, weil sie mich an Bojana erinnert hat, vor seinen Augen, einfach so. Jetzt könnte er mich entgleiten lassen, weil er sich an vergangene Nacht erinnert hat, vor meinen Augen, einfach so. Solche Dinge passieren. Auf dem anderen Pfeiler, dem am Festland, ist vor vier Monaten bereits ein Mitglied der Viper Crew beim Versuch, einen Rückwärtssalto zu stehen, abgerutscht und gefallen. Auch er war mit Ikarus allein unterwegs gewesen und vielleicht hatte der rothaarige Junge mit dem schiefen Gesicht und dem Spitznamen Sputnik ebenfalls dessen Mädchen gefickt. Die Polizei stellte nach dem Absturz nur wenige Fragen und ging von einem Unfall aus. Sie interessierte sich nicht für den Tod irgendeines lebensmüden Roofers, und Ikarus stand nie unter Verdacht. Die Bilder der GoPro, die den Salto gefilmt hatte, waren im entscheidenden Moment zu verwackelt, um ausschließen zu können, dass jemand, also Ikarus, dafür gesorgt hatte, dass Sputnik während des Saltos das Gleichgewicht verlor. Auf Youtube hat der Film mehr als acht Millionen Klicks. Wenn es also wirklich ein Mord war, war es der perfekte vor einem Millionenpublikum. Doch ich projiziere meine verfahrene Situation auf Sputnik. Der wäre vermutlich niemals so dumm gewesen, das Ehrgefühl seines Partners in der Nacht vor dem gefährlichsten Ausflug seiner Kletterkarriere zu verletzen und damit das eigene Leben zu riskieren. Er hatte einfach das Pech, während des Saltos in der Phase des Fallens nach seiner Rückwärtsdrehung dem Schicksal auf dem falschen Fuß begegnet zu sein. Das Fallen kennt da nichts. Nun hängt ein Foto von ihm als Schwarz-Weiß-Poster im Gästezimmer der WG. Ob sie mein Bild wohl auch aufhängen würden?
Man fällt 9,81 Meter die Sekunde. Das sind in der ersten Sekunde 35 Stundenkilometer. Bei zwei Sekunden hat man 70 km/h erreicht, bei drei 105 und so weiter. Wohlgemerkt ohne Luftwiderstand. Wie schnell ich gleich noch mit Luftwiderstand werde, weiß ich nicht. Darüber entscheidet das Schicksal. Und eben dieses Schicksal macht aus fallen sterben. Das gilt auf der höchsten Brücke Russlands in 320 Metern Höhe. Das gilt auf der Västerbron-Brücke in Stockholm in 30 Metern. Und das gilt sogar, wenn du einfach nur unglücklich stolperst. Jeder Sturz birgt diesen kurzen Moment der Unsicherheit in sich, in dem völlig unklar ist, was das Schicksal mit dir vorhat. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit höher, bei einem Stunt in ein paar hundert Metern Höhe zu sterben, als bei einem 1,80-Meter-Stolper-Sturz. Aber 100 Prozent todbringende Wahrscheinlichkeit kann nur das Leben vorweisen. Weil leben aber das Gegenteil von sterben ist, kann es beim Sterben gar nicht um 100 Prozent Wahrscheinlichkeit gehen, sondern nur um eine rapide Annäherung an den Tod. Und welche Annäherung ist schon schneller als das Fallen? Felix Baumgartner hat bei seinem Fall aus 39 Kilometern Höhe eine Geschwindigkeit von 1357,6 km/h erreicht.
Ich schaue aus Versehen in das Gesicht von Ikarus und weiß nicht, ob ich daraus Konzentration oder Verachtung lesen soll. Die genaue Betrachtung der Aufnahmen der GoPro, die ich an meiner Stirn befestigt habe, könnte Antworten liefern, aber falls ich die Aufnahmen werde sehen können, weiß ich längst, dass es Konzentration gewesen ist; wenn nicht, könnte es tatsächlich Verachtung, vielleicht auch Wut oder Hass gewesen sein. Sollte ich Ikarus’ Hand entgleiten, bleibt mir auf dem Weg nach unten genug Zeit, über den Begriff nachzudenken, der den Gesichtsausdruck am passendsten beschreibt. Zehn Sekunden, schätze ich. Die Falldauer wird stark davon abhängen, welche Körperhaltung ich währenddessen einnehme und wie viel Luftwiderstand ich so erzeuge. Vielleicht werde ich aber auch darüber nachdenken, warum ich überhaupt mit Ikarus hier hoch bin, obwohl die Spannung zwischen uns deutlich zu spüren gewesen ist. Ganz sicher werde ich für den Fall des Fallens die Zeit nutzen, um an meine Mutter zu denken, meinen Vater als Fallbeispiel nehmen und Bojana, ja, vor allem an Bojana werde ich dann denken.
Wir haben den Stunt bereits auf einem Dach geübt.
Erst auf einem Überbau, ohne jede Gefahr; die Dachpappe befand sich einen halben Meter unter meinen Füßen. Dann am Dachsims in 75 Metern Höhe. Bereits dabei hätte ich sterben können. Aber schon diese Versuche haben gezeigt, dass unsere Griffe um den Unterarm des anderen fest und routiniert sind. Es gibt auch jetzt eigentlich keinen Grund, Angst zu haben. Doch „eigentlich“ heißt Ksenia, oder wie auch immer der Name von Ikarus‘ Freundin ist. Katarzyna? Keine Ahnung. Und es ist mir auch egal.
Ikarus und ich kennen den Ablauf: Er liegt auf dem Bauch am Rande des Brückenpfeilers, die Beine in einem Stahlgerüst verhakt. Hand um Arm sitze ich zunächst neben ihm am Rand, drehe mich und lasse mich fallen. Geht alles gut, stoppt der Sturz nach einer Armlänge und ich baumle in 320 Metern Höhe und blicke auf die Welt unter mir. Die vier grauen Fahrspuren und die bunten Autos, das Grün, Braun und Grau der Russki-Insel, weiter weg das Festland, Baumaterialien, der türkisgraue Bosporus und meine Sneaker.
Die ganze Aktion ist nur möglich, weil Wartungsarbeiten an einer der beiden Pylone durchgeführt werden und Gerüste nach oben führen. Ikarus und ich haben uns Bauhelme aufgesetzt und niemand auf der Baustelle hat Fragen gestellt. Hier oben sind wir allein. Über das, was gestern Nacht war, haben wir nicht gesprochen. Er hat nur kurze Anweisungen in seinem gebrochenen Englisch gegeben. Viel lief über Handzeichen.
Diese Millisekunden, an deren Ende die Gewissheit über mein weiteres Leben oder meinen baldigen Tod steht, fühlen sich ewig an. Ich lege mein Leben sonst nicht in die Hände anderer und damit meine ich vor allem die Hände des Schicksals. Wenn ich auf einem Dach stehe, möchte ich alleine sein und alleine für mein Leben die Verantwortung tragen. Deshalb mache ich sonst nichts, wobei ich falle (ein Bungeesprung ist eine Horrorvorstellung für mich) und nichts, bei dem andere involviert wären. Dächer sind Einzelveranstaltungen, so viel ist jetzt klar. Ich will nicht sehen, wie irgendjemand stirbt. Und jetzt will vor allem ich nicht sterben. Es ist kein Zufall, dass man bei Soldaten von Fallen spricht und damit ihren Tod meint. Fallen ist sterben.

*

Damals, es war der Sommer, bevor das alles passiert ist, vor dem Fernsehturm, vor Bojana, vor der Sache mit meiner Mutter und lange vor meiner Einladung nach Russland. Damals entdeckte ich dieses kleine seltsame Haus. Ich war gerade erst in meine erste eigene Wohnung nach Hornstull gezogen und verbrachte eine Menge Zeit auf den Dächern Stockholms. Ich kannte sie verdammt gut, vielleicht besser als jeder andere. Ich kannte die Party-Dachterrassen in Södermalm. Ich wusste ganz genau, welche Gemüsesorte es sich wann auf dem Flachdach am Bahnhof zu stibitzen lohnte. Dort verwirklichte eine Öko-Rothaarige mit wechselnden Öko-Freunden ihre Öko-Fantasien. Ich wusste, wo die Dachdecker gerade ein Dach renovierten. Ich kannte die Routinen der Schornsteinfeger. Und ich konnte minutengenau voraussagen, wann der Anzugmann auf das Dach des nördlichen Königsturms kletterte, um eine zu rauchen. Wenn wir uns sahen, ich trieb mich ausschließlich auf dem südlichen Turm herum, grüßten wir uns jedes Mal mit diesem Zeigefingermove, wobei wir uns an den Kopf tippten und dann auf den anderen zeigten. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen war und wer damit angefangen hatte, aber jetzt grüßten wir uns halt auf diese Weise, um uns danach zu ignorieren. Roofen und roofen lassen. Ich kannte noch nicht jedes Dach, aber ich kannte jedes Viertel und jeden größeren Wohnblock – und sie alle hatten ihre Eigenheiten. In der verwinkelten Altstadt konnte man problemlos weite Strecken zurücklegen, ohne die Dächer verlassen zu müssen. Kista punktete mit Hochhäusern. Und in Vasastan waren die Dächer gemütlich. Man fühlte sich sofort zuhause dort oben. Der ideale Ort, um zu entspannen.
Ich streifte über ein Dachkarree im Vasa-Viertel, das ich bisher noch nicht erkundet hatte und dabei entdeckte ich zu meiner großen Überraschung besagtes Haus. Ein Haus mitten auf einem Dach. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Streng genommen war es gar kein Haus, eher eine Hütte, ganz streng genommen, war die Hütte sogar nur ein Verschlag.
Ich war über ein neues Baugerüst auf das Dachkarree gelangt. Solche Gerüste, generell Baustellen, waren häufig der einfachste Weg, um auf Dächer zu kommen. In meinem Rucksack befanden sich Zimtwecken, kalter Kakao und etwas Gras – also alles, was ich brauchte, um den Tag auf dem Dach gut zu überstehen. Das Karree lag in der Nähe vom Park und von hier oben hatte ich einen schönen Ausblick auf das satte Grün der Anlage und die durcheinander wuselnden Punkte am Boden, die auf dem Heimweg von der Schule ihre beim Lernen angestaute Energie wegtobten. Ich roch die blühenden Bäume auf der Straße und frisch gebratene Fleischbällchen aus einem geöffneten Fenster. Unter mir klapperten Absätze und schnalzten Flip-Flops über das Pflaster. Es war warm und die Sonne schien. Ich rannte nicht, wie ich es sonst oft machte, ich spazierte über die Schindeln, das Bitumen, das Zinkblech. Mir ging es nicht um Bewegung, ich war auf Erkundungstour. Es gab kleine, scheinbar nichtsnutzige Ausbauten, Winkel, Dachstuben und Schornsteine. Kein Dach war wie das andere und wenn man ein Auge dafür hatte, wurde es nie langweilig. Ich kletterte über einen Vorsprung und meinte, auf einem etwas tiefer gelegenen Eckhaus den passenden Platz für die kommenden Stunden gefunden zu haben. Ich näherte mich dem potentiellen Rastplatz und da war es dann plötzlich: Im Schatten der Wand des Nachbarhauses befand sich das schiefe Häuschen Slash die Hütte Slash der Verschlag.
Weglaufen oder inspizieren, war die Frage. Ich versteckte mich hinter einem Kamin, trank meinen Kakao und beobachtete das seltsame Haus. Es schien niemand da zu sein. Vielleicht war es ja unbewohnt. Vielleicht war der Bewohner aber auch nur kurz weg, einkaufen oder so. Oder er hielt sich im Haus auf, machte ein Nickerchen oder las ein Buch. Um sicherzugehen, schmiss ich ein abgebröckeltes Stück Kamin-Mauer auf die blecherne Dachkonstruktion der Hütte. Das machte ordentlich Lärm und wenn der Bewohner des Verschlags zuhause gewesen wäre, hätte ihn dieser Krach mit Sicherheit vor die Tür gelockt. Doch es tat sich nichts.
Der Kakao war leer und ich sprang auf das Dach herab. Der Verschlag bestand aus Blech-, Holz- und Glaselementen, die irgendwie zusammenhielten und drei der vier Wände bildeten. Die vierte Wand bestand aus der Brandmauer des Nachbarhauses, wo sich auch der Kamin befand. Vermutlich heizten die Mieter des Hauses im Winter für den Hüttenbewohner unfreiwillig mit. Die Tür hatte kein Schloss und so trat ich ein. Die Sonne hatte den Raum aufgeheizt. Die warme Luft roch nach Pilzsporen. Ein Geruch wie in Kaufhauseingängen. Ich mochte diese Luft – am allerliebsten im Winter, wenn sie den Frost aus dem Gesicht löste und man ewig im warmen Eingang stehen bleiben wollte, obwohl ein Kaufhauseingang keinerlei Gemütlichkeit versprach. Und ein bisschen so war die Hütte. Es gab dort jede Menge Gerümpel, unter dem man abgenutzte Möbel erahnen konnte. Eine Mehrfachsteckdose, die in einer Kabelrolle endete, deren Kabel in einem Spalt neben der Dachluke verschwand, versorgte die Hütte mit Strom. An den Wänden standen lückenlos Zeitungsstapel, die bis zur niedrigen Decke reichten. Ein Abschnitt bestand aus Büchern, von denen offenbar die wenigsten für Erwachsene geschrieben waren – das ließen die bunten Buchrücken und verspielten Typos vermuten. Ich betrachtete sie genauer und es handelte sich tatsächlich um eine Sammlung gängiger schwedischer Kinderliteratur. Ich kannte die ganzen Bücher aus meiner eigenen Kindheit. Zwischen die Bücher waren vergilbte Bilder geklemmt, naive Kinder-Zeichnungen von Hähnen und Füchsen, die in aller Einsamkeit klein in eine Ecke des jeweiligen Blattes gekritzelt waren. Der Kinderpsychologe, zu dem meine Mutter mich damals ein paar Mal geschickt hatte, hätte seine Freude an dem vielsagenden Anblick gehabt. Ich verließ die Hütte und versuchte, möglichst nichts umzustoßen, um keine Spuren zu hinterlassen. Bei dem Chaos und dem wild aufeinandergestapelten Kram war das aber gar nicht so einfach.
Vor der Hütte stand eine verrottete Campingliege neben einem verwitterten Beistelltisch. Darauf lagen eine Zeitung und eine Sonnenbrille mit nur noch einem Glas. Ich ließ mich in die Liege fallen, setzte die Brille auf und wollte wissen, was der unbekannte Bewohner zuletzt gelesen hatte. Vielleicht konnte ich ja so etwas über ihn herausfinden. Die Seite mit den Todesanzeigen war aufgeschlagen. Zwei der Anzeigen waren rot umkringelt. „Mhhhh“ und „Huiii“ stand in Kinderkrakelschrift neben den markierten Stellen.
Ich schoss aus der Liege, platzierte die Sonnenbrille wieder exakt dorthin, wo sie zuvor gelegen hatte und exakt so, wie sie gelegen hatte und schaute mich verunsichert bis panisch um. War auch wirklich, wirklich niemand in der Nähe? Wurde ich vielleicht beobachtet? Versteckte sich jemand auf einem der umliegenden Dächer? Zielte jemand auf mich? Ich suchte meinen Körper nach roten Lichtpunkten ab, fand keine und das war ja auch logisch. Wäre ich ein achtjähriger Auftragskiller, und alles sprach dafür, dass genau so einer in der Hütte wohnte, würde ich mit dem Laservisier meines Präzisionsgewehrs auch auf die Stirn und nicht auf den Bauch zielen.

Kapitel 2

Mit seinen 155 Metern war der Fernsehturm das höchste Gebäude Stockholms. Die Antenne brachte noch mal zusätzliche 15 Meter. Als Besucher kam man auf eine Höhe von ungefähr 145 Metern. Das zeigte eine Zeichnung unten bei den Aufzügen. Die Aussichtsplattform war komplett von Gittern umgeben – ein Aussichtsgefängnis. Jeder Eindruck, den man dort von der Welt gewann, kam von den Gittern zerhackstückt bei den armen Sightseeing-Gefangen an. Damit wenigstens die Foto-Erinnerungen ungesiebt blieben, befanden sich an den Ecken kleine Foto-Schießscharten.
Als gitterlose Alternative gab es eine Etage tiefer das Café, das sich hochtrabend Skybar nannte. Dort trennten einen schmutzige, die Innenbeleuchtung reflektierende Scheiben von dem Ausblick auf die Stadt. Die Eindrücke kamen vom dicken Glas gebrochen an, der Geruch des Himmels blieb ausgesperrt. Das Café bot also auch keine ernsthafte Option, wollte man Höhe mit allen Sinnen erleben.
Das Restaurant auf Ebene 28 war völlig uninteressant, außer deine Verwandtschaft aus Göteborg kam zu Besuch und wollte an einem besonderen Ort essen gehen.
Ich bestellte bei einem schönen Mädchen, das an diesem Tag in der Skybar arbeitete, Zimtwecken und Kakao und setzte mich an einen der Tische. Es regnete aus tiefhängenden Wolken, weshalb man durch die Scheiben der Skybar nicht viel mehr als eine graue, weiche Wand sah. Vermutlich wegen des Wetters und weil wir uns mitten in der Woche befanden, war ich lange Zeit der einzige Gast. Die schöne Bedienung langweilte sich und begann wohl deshalb ein Gespräch mit mir. Ich hätte mich nicht getraut, sie anzusprechen, aber jetzt, da sie auf mich zugekommen war, stellte ich ihr pseudobeiläufige Fragen zu den Bereichen des Turms, die nicht für Touristen zugänglich waren. Doch weil sie im Fernsehturm nur aushalf, wusste sie auch nicht mehr, als ich selbst durch googeln und ein wenig herumschauen herausgefunden hatte. Sie war nett und obwohl ich ziemlich einsilbig blieb, unterhielt sie sich seltsamerweise gerne mit mir. Ich bemerkte das; auch, dass sie nicht nur schön, sondern vor allem anders war, aber ich war zu sehr mit dem Plan befasst, einen Weg zu der Antenne zu finden, um aus diesen Eindrücken irgendwelche Konsequenzen zu ziehen.
„Ich muss dann mal“, sagte ich.
Sie sagte: „Schade.“
Ich ging.
Wenn man vom Café die Treppen zum 31. Stock mit seiner Aussichtsplattform hochstieg, befand sich dort eine Wand mit vier Türen. Die beiden äußeren führten zu den Aufzugschächten. Mindestens eine der mittleren war also der Weg nach oben. Ich betrachtete die Schlösser und war mir sicher, dass Frederik kein Problem mit ihnen haben würde. Ich befasste mich erst seit kurzem mit Lockpicking, übte abends mit Probeschlössern und schaute mir Youtube-Tutorials an, aber ich war einfach noch zu langsam. Frederik betrieb das schon seit Jahren, hatte sogar einmal an einem Wettbewerb teilgenommen und war Dritter geworden. Er brauchte nur Sekunden für Schlösser, an denen ich minutenlang rumfuhrwerken musste.
Er hatte irgendwann mal seinen Schlüssel verloren und war vom Schlüsseldienst völlig abgezogen worden. Außerdem hatte der Mann vom Notdienst auch das Schloss völlig zerstört, so dass Frederik ein teures neues brauchte. Es machte ihn wütend, für solch eine simple mechanische Herausforderung, wie das Öffnen einer Tür, fremde und zudem stümperhafte Hilfe zu brauchen. Er fühlte sich in seiner Intelligenz beleidigt, also vertiefte er sich in das Thema. Und wenn Frederik sich in ein Thema vertiefte, stand am Ende Expertentum. Er sollte sich die Schlösser also unbedingt vorab mal anschauen, um im entscheidenden Moment keine bösen Überraschungen zu erleben. Ich kannte Frederik seit der Schule, wo wir zunächst viele Klassen aneinander vorbeilebten: Er hörte Metal, ich hörte HipHop; er stammte aus einem Vorzeige-Elternhaus, ich aus einer Trümmerfamilie, er war ein Nerd mit Nerd-Freunden, ich war ein Außenseiter ohne Freunde – das passte alles nicht. Wir entwickelten erst über das Parcours-Laufen während der Abi-Zeit Sympathien füreinander und wurden schließlich Freunde. Ich hatte insgesamt drei Tage eingeplant. Tag 1 wollte ich zum Auskundschaften nutzen. An Tag 2 sollte sich Frederik die Schlösser anschauen. Tag 3: Showtime.
Ich war insgesamt ziemlich nervös. Nicht wegen des Kletterns – das waren ein paar poplige Leitern, die man hoch musste, sondern wegen der Gefahr erwischt und wegen Hausfriedensbruch angeklagt zu werden. Ich ging jedenfalls davon aus, dass ich Hausfriedensbruch beging.
Die Aktion stieg am frühen Abend. Wegen der Lichtstimmung, ich wollte ein paar Fotos machen, und weil zu dieser Zeit hoffentlich keine Techniker mehr unterwegs waren. Die Kellnerin vom ersten Besuch war am Entscheidungstag nicht da.
„Schade.“
Hinterm Tresen stand jetzt eine jener Durchschnittsblondinen, die in ihrem Tinderprofiltext unter Garantie eine banale, emojigarnierte Lebensweisheit stehen hatte und montags und donnerstags nicht konnte, weil sie da beim Zumba war. Wir ignorierten die Blondine und das Café, in dem eine englischsprachige Besuchergruppe an den Scheiben klebte und stiegen die Treppen nach oben. Auf dem Weg zogen wir uns Warnwesten an, die ich im Internet bestellt hatte und die uns wie Techniker aussehen lassen sollten.
Frederik musste sich leicht nach vorne beugen, um Spanner und Pick im richtigen Winkel in das Schloss einzuführen. Weil das ziemlich seltsam aussah, versuchte ich mich so zu stellen, dass ich sein Gefummel möglichst gut verdeckte. Im Aussichts-Gefängnis herrschte Familienbesuchstag. Kinder rannten durcheinander, versuchten durch die Schießscharten zu schauen, waren aber zu klein, rannten weiter und Eltern hetzten irgendetwas rufend hinterher. Die Sprachen konnte ich nicht zuordnen. Frederik stocherte. Ich stand hinter ihm und war gestresst vom nervreibenden Pfeifen der Aufzugschächte. Als ich dann plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte, quiekte ich vor Schreck wie ein Meerschwein. Ängstlich drehte ich mich um und rechnete damit, in das grimmige Gesicht eines Sicherheitsmannes zu blicken. Frederik schien von all dem nichts zu bemerken und machte unbeirrt weiter.
„Hello, Buddy“, sagte ein großer Mann zu mir, der aus dem Mund nach Bier roch und ein T-Shirt einer amerikanischen Universität trug. Er heiße Ronald und das sei ja ein fantastischer Ort hier, sagte er auf Englisch. Ich dankte ihm für das Kompliment und nickte verlegen.
„Sag mal“, fuhr er lächelnd fort. „Die Tür führt doch sicher zu der großen Antenne da oben. Gibt es eine Chance, dass ich mit hoch darf? Nur für ein paar Fotos. Please, come on.“ Ich war komplett perplex, schließlich bastelte ich seit Tagen an dem Plan, dort hoch zu kommen und dieser dreiste Arsch fragte einfach.
Er unterbrach mein Schweigen mit einem Angebot. „20 Bucks“, sagte er und wedelte mit einem Dollarschein vor meiner Nase herum.
Ich schüttelte den Kopf und stammelte was von Sicherheitsvorschriften, dass es dort oben sehr gefährlich sei, und wir unsere Jobs verlieren würden, wenn wir Touristen hochließen.
Er kramte in seiner Gürteltasche und erhöhte auf 50. Ich wollte ihn einfach nur loswerden und vor allem kein Aufsehen erregen.
„200 each“, schlug ich vor und zeigte dabei auf Frederik und mich. Ronald überlegte zu handeln und drehte sich von mir weg, um in seiner Bauchtasche die Bargeldbestände zu überprüfen. Frederik hatte währenddessen das Schloss geknackt und ich verschwand mit ihm hinter der Tür. Ronald kramte vermutlich immer noch.
Wir hatten Glück, die Treppen dort führten tatsächlich nach oben. Ich schnallte mir die GoPro um den Kopf und schaltete sie ein. Frederik ließ ich hinter der letzten Tür zurück. Er hatte es nicht so mit Höhen.
Wir hatten uns zwar über das Parcours-Laufen erst so richtig kennengelernt, aber schon wenn es auf Baugerüste ging, war ihm das nicht geheuer. Als ich bei einem unserer Ausflüge durch die Stadt dann von einem Gerüst auf ein Dach gelangte, war er raus und ich erst richtig drin – eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich. Ronald war nicht gut für mein Herz gewesen, mein Puls raste. In 155 Metern kam er wieder zur Ruhe, dort war ich sicher vor all den Ronalds dieser Welt. Ich schritt die quadratische Fläche ab, atmete die süße Sommerluft ein und breitete die Arme aus, um den Wind besser spüren zu können. Ich war frei und auf diese gute Art und Weise alleine mit der Welt. Ich ging an den Rand und schaute auf den umgitterten Besucherknast herab. Ronald musste dort gerade feststellen, dass die Foto-Schießscharten nicht für die Objektive von Spiegelreflex-Kameras ausgelegt waren. Wütend, vielleicht auch auf mich, stapfte er wieder ins Innere.
Das, was Antenne genannt wurde, war nicht wirklich eine. Eher ein Stahlgerüst, an dem viele Antennen angebracht waren. Der Weg an die Spitze des Gerüstes war überraschend komfortabel. Aber warum sollten sich die Techniker ihre Arbeit auch unnötig kompliziert gestalten?
Aus dem Pfeifen des Windes wurde ein Surren. Ich war unsicher, ob das von den Antennen ausging, oder ob der Wind sich im Stahlgerüst verfangen hatte.
Nun stand ich ganz oben. 170 Meter und auf Augenhöhe mit der widerwillig untergehenden Sonne. Vielleicht träumte sie immer noch vom Mittsommer und seinen weißen Nächten. Doch die waren mehr als einen Monat her. Im August bot sich in Stockholm ein anderes Schauspiel: Der Monat war die einzige Zeit im Jahr, in der die Stadt bildschirmhintergrundwürdige Sonnenuntergänge bot.
Ich setzte mich an das äußere Ende des Gerüstes, ließ meine bordeaux-roten Air Max über dem Grün des Ekoparks unter mir baumeln und schaute Richtung Westen auf das bunte Dach-Mosaik der Innenstadt. Rechts von mir blickte ich auf den Freihafen, wo zwei große Kreuzfahrtschiffe vor Anker lagen. Das Meer war neben dem Himmel das andere große Freiheitsversprechen – aber ich hatte meine Wahl getroffen.
Ich nahm die GoPro vom Kopf und schraubte sie an die Selfiestange. Man konnte mit der Kamera echt ganz gute Fotos machen, wenn man sich erst an den 170 Grad Weitwinkel gewöhnt hatte und ihn beim Einrichten des Bildes bedachte. Aus meinem Rucksack holte ich die Sonnenbrille und die Mütze. Ich hatte lange überlegt, wie ich mein Gesicht verdecken sollte – Tiermaske oder Sturmhaube erschienen mir zu albern oder zu theatralisch. Also wurden es eine H&M-Mütze, mit der jeder dritte durch die Stadt rannte und die schwarze Ray Ban Wayfarer, von der auch fast jeder ein Modell zuhause hatte. Massengeschmack, um aus der Masse nicht hervorgezerrt zu werden. Als Sicherheitsextra streifte ich mir auch noch die Kapuze meines Hoodies über den Kopf und schnürte sie zu. Der Handstand am Geländer war ein gutes Gefühl, weil ich mich sicher fühlte, vielleicht sogar sicherer als jemals zuvor. Auf meine Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur war Verlass. Delta, Trizeps und Bizeps im perfekt choreografierten Wechselspiel. Enttäuschungen ausgeschlossen. Die Ellbogen durchgedrückt, der Rumpf fest, der Bauch fest angespannt. Ich war vollkommen autark in dem was ich tat, und niemand konnte mir in 170 Metern Höhe gefährlich werden. Böen spielten mit mir und ich spielte mit.
Die Kamera hatte ich an einer Antennenhalterung befestigt und sie machte ein paar ziemlich gute Bilder. Sie zeigten meinen Handstand aus einer leichten Obersicht vor einer Entfernungs-Miniatur der Altstadt, die im wütenden Feuer einer trotzigen „Ich will noch nicht ins Bett“-Sonne brannte. Ich sah riesig im Vergleich zur restlichen Welt aus. Ich warf meinen Schatten auf sie und nicht umgekehrt. Ich war froh diesen Moment eingefangen zu haben, um mich auch später immer wieder zurückbeamen zu können.
Ich stellte einige der Bilder bei Instagram und Facebook online, die Videos packte ich auf Youtube. Die Momente sollten nicht verloren gehen.
Es dauerte ein paar Tage, dann explodierten plötzlich meine Accounts und die Bilder machten die Runde. Das Handstandbild hatte nach einer Woche eine Million Likes. Mein Aktion war viral und plötzlich nationales Thema. Erst online, dann im Fernsehen und irgendwann stiegen auch die Zeitungen ein. Journalisten stellten mir per Facebook Interview-Anfragen. Ich schlug sie aus, weil ich Angst hatte, dass meine Tarnung auffliegen könnte. Zum Glück hatte ich mein Gesicht verborgen. Einige Stockholmer Behördenvertreter hatten sich in Fernsehberichten nicht gerade erfreut gezeigt und eine Polizeisprecherin sprach von Ermittlungen. Außerdem war mir die Aufmerksamkeit unangenehm.
Die Nachfragen hörten nicht auf und Frederik schlug mir vor, ein universelles und anonymes Antwortvideo zu drehen. Mit dieser maximal distanzierten Online-Aktion konnte ich leben. Im Video saß ich auf den Simsen verschiedener Dächer, hielt jeweils eine der ausgedruckten Fragen in der Hand, zerknüllte sie und ließ die Papierkugel auf die entsprechende Antwort fallen, die Frederik mit Kreide auf den Asphalt gemalt hatte. Die Fragen waren erwartbar, meine Antworten auch: Bist du lebensmüde? (Nein! Ich weiß, was ich tue und trainiere hart.) Hattest du Angst? (Ja! Vor einer Anklage wegen Hausfriedensbruch.) Wie bist du da hoch gekommen? (Durch die Tür und über Treppen.) Warum macht man sowas? (Um der Welt dort unten zu entfliehen.)
Danach war tatsächlich Ruhe und ich war erleichtert. Beachtung für etwas, was man gut konnte oder was man geleistet hatte, die sollte eigentlich angenehm sein. Aber das war sie nicht. Und Beachtung hatte recht wenig mit Bewunderung zu tun, wie ich schnell lernen musste. Viele Kommentare waren extrem negativ – gerade auf Facebook, wo sich anscheinend eine Menge Menschen rumtrieben, die mit ziemlich viel in ihrem Leben ziemlich unzufrieden waren und in Kommentarspalten ihr Ventil gefunden hatten. Warum sonst sollte man einem Fremden, der niemandem etwas getan hatte, nur das Schlechteste wünschen?
„Stirb einfach.“
„Lebensmüdes Arschloch.“
„Tolles Vorbild. Wenn der erste Nachahmer stirbt, hast du ein Leben auf dem Gewissen.“
„Einsperren!“
„Soll er doch verrecken. Ein Irrer weniger.“
„Schade, dass kein Windstoß dem Angeber eine Lektion erteilt hat.“
Natürlich gab es auch positive und sogar bewundernde Reaktionen, einige lobten die Bild- und Farbkomposition des Fotos, andere meine Eier, es gab Anfragen von ein paar Jungs, die bei der nächsten Tour mitkommen wollten und es gab diese Nachricht:
„Hej, deshalb also deine Fragen und dein plötzliches Desinteresse, als ich sie nicht beantworten konnte. Schicke Sneaker übrigens – sieht man nicht so häufig in der Farbe. Auffällig!
Bojana – die aus der Skybar!“
Das „Schade“-Mädchen! Ich schrieb, löschte, schrieb und antwortete einen halben Tag später: „Hej Bojana. Du hast ein gutes Auge für Schuhe – und ich habe leider ein schlechtes Gespür für Gelegenheiten. Wie kann ich verhindern, dass du mich bei deinen Chefs oder den Bullen verpfeifst?“
Sie antworte zehn Minuten später:
„In Anbetracht der Schwere deiner Schuld (und dann kommt ja auch noch das Geklettere hinzu) lege ich hiermit das Strafmaß auf ein Abendessen und so viele Drinks fest, bis meine Wangen glühen (keine Angst, in der Regel reicht dafür ein Glas Wein).“
Ich nach fünf Stunden:
„Nach Rücksprache mit meinem Anwalt verzichte ich auf einen Einspruch und akzeptiere das Strafmaß vollumfänglich. Mein Anwalt rät mir allerdings auch, auf eine zeitnahe Vollstreckung der Strafe zu bestehen.“
Wir verabredeten uns fürs Wochenende in einem Lokal in Södermalm. Ich war ziemlich nervös vor dem Date. Mit meiner Kletteridentität kannte sie ein Geheimnis von mir – ich dagegen wusste kaum etwas über sie. Sie war 24, also drei Jahre älter als ich. Das verriet Facebook. Dort waren einige sehr professionelle Bilder zu finden, auf denen sie ziemlich fantastisch aussah – vermutlich modelte sie. Außerdem teilte sie ziemlich viele Links zu Flüchtlingsthemen – sie schien sich in dem Bereich zu engagieren. Und sie mochte offenbar Sneaker.
Der Smalltalk war beendet, noch bevor das Essen auf dem Tisch stand. Ich hatte viele Dates damals. Tinder machte das selbst schüchternen Jungs wie mir möglich. Wir mussten uns an Freitag- und Samstagabenden nicht mehr auf das Trink-, Hader- und Ansprechspiel einlassen – jetzt reichten ein paar Wischbewegungen, ein paar Nachrichten und das Date stand. Ich hatte im letzten Jahr keine Verabredung gehabt, die nicht online zustande gekommen war. Mit meinen Fotos vom Parcours-Laufen und von Dächern hatte ich ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem ich auffiel und mit dem man einfach ein Gespräch starten konnte. Anfangs war das sehr aufregend gewesen, nach ein paar Mal stellte sich Routine ein. Kam es zum Date, tastete man sich die erste halbe Stunde bis Stunde ab, versuchte den Menschen mit seinen Nachrichten zu verknüpfen und redete häufig über das, was man eh schon wusste, nur um während des Redens die Erwartungen zu rejustieren. Bei Bojana war kein Abtasten nötig. Wir hatten von Anfang an eine Vertrautheit, die weit über die halbe Stunde hinaus ging, die wir uns im Fernsehturm unterhalten hatten. Sie stellte ein paar präzise Fragen zu meiner Fernsehturm-Kletterei und erzählte mir, dass sie dort nur den einen Tag für eine Freundin ausgeholfen hatte. Über ihren fremd klingenden Namen kamen wir schnell auf das Thema Herkunft. Sie stammte aus Bosnien und war mit ihrer Mutter ausgewandert, als sie sieben war. Da war der Krieg zwar schon vorbei, aber das Land war noch völlig am Arsch.
„Meine Mama wollte ein besseres Leben für mich.“ Vom Krieg selber hatte sie in dem kleinen Kaff, aus dem sie kam, so gut wie nichts mitbekommen. Ihr Vater fiel zwar, aber den hatte sie auch vorher nie gesehen. Dann lachte sie und ich verstand nicht warum.
„Trotz meiner Geschichte glauben aber viele, dass ich Kriegs-Opfer bin.“
Ich verstand noch weniger, worum es ging. Doch dann streckte sie ihr linkes Bein mit den Air Yeezy Sneakern aus und zog ihre Hose leicht nach oben.
„Kein Unterschenkel. Ein Unfall kurz nachdem ich nach Stockholm gekommen bin. Wie konnte ich auch ahnen, dass die verfickte Bahn von rechts kommt?“
„Ach, ich hasse Füße. Echt! Je weniger, desto besser!“ Ich sagte das sehr laut und sehr spontan, ohne nachgedacht zu haben. Noch während ich mich die letzten Silben sprechen hörte, wurde mein Kopf sehr schnell sehr warm, als hätte ich ihn mir verbrüht. Bojana schaute mich an.

Alle Geräusche in dem Lokal blenden sich aus. Der Hintergrund wird unscharf. Da sind nur noch ihre Augen und meine Halsschlagader, in der ich es deutlich rauschen höre. Ich rühre mich nicht. Sie rührt sich nicht. Kein Blinzeln, kein Atmen. Vielleicht schreibt sie unterm Tisch eine Date-SOS-Nachricht an eine Freundin. Gleich klingelt das Telefon, sie muss dringend weg, ein Notfall und das war‘s. Vielleicht geht sie auch einfach so. Sie erzählt mir ihre Geschichte. Sie vertraut mir. Und ich komme mit so einem beschissenen, unüberlegten Kommentar daher. Eine Ohrfeige? Denkbar und vielleicht sogar verdient. Ich könnte etwas sagen. Etwas Versöhnliches, oder noch besser, etwas Einfühlsames. Sie soll nicht gehen. Sie ist toll. Ich sehe, wie ihre mutig geschwungenen Lippen versuchen, sich voneinander zu lösen. Der nicht zu auffällig rote Lippenstift, der aber rot genug ist, um in Erinnerung zu bleiben, leistet für den Bruchteil einer Sekunde schwachen, klebrigen Widerstand und wird überwunden. Ich sehe das Weiß ihrer Zähne, und unter den sanft betonten Wangenknochen baut die Gesichtsmuskulatur genügend Spannung auf, um Ober- und Unterkiefer in Bewegung zu setzten. Ich habe immer noch nicht geblinzelt. Ich glaube, auch nicht geatmet. Mein Kopf ist immer noch viel zu heiß. Ihre Augen enthalten Spuren von Mandeln. Vielleicht hat sie sich die Augenform aber auch nur geschickt angeschminkt. Ein Schlag mit dem Lid trifft mich unerwartet in die offene Deckung und holt mich in die Welt zurück.

„Ja, Füße sind scheiße! Es gibt kein unansehnlicheres Körperteil als den menschlichen Fuß – und mag es der zierlichste und gepflegteste Frauenfuß sein. Selbst Altmänner-Schwänze sind schöner anzuschauen.“
Auch sie sagte das recht laut und einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Bojana interessierte das nicht. Verdammt, war sie cool. Ab dem Wort Altmännerschwänze wusste ich, dass sie die Eine ist und es keine Tabus zwischen uns geben sollte. Obwohl. Ich wollte nicht wissen, warum sie sich mit Altmännerschwänzen auskannte. Dieses Tabu durfte bleiben. Sie erzählte mir von dem Unfall. Sie war ganz neu in der Stadt gewesen und hatte sich auf dem Weg zu einem Schwedisch-Kurs befunden. Die Strecke war sie vorher einmal mit ihrer Mutter abgegangen, doch bei dieser Generalprobe waren sie keinen Bahnen begegnet und so war sie sich der eigenartigen Verkehrsführung nicht bewusst. In Stockholm galt Rechtsverkehr für Autos und Linksverkehr für einige Trams.
Der Unfall musste ziemlich schlimm gewesen sein, doch Bojana kannte aus eigenem Erleben keine Details. Aus Erzählungen wusste sie aber, dass es ein Glück war, einige sagten sogar Wunder, dass sie überlebt hatte. Bojana erzählte das sehr nüchtern, so nüchtern, als spräche sie nicht über sich. Ein Spezialist von der Karolinska versuchte das Bein noch zu retten, aber an der Amputation führte kein Weg vorbei. „Weil ich ein kleines Mädchen mit Jugo—Namen und großen dunklen Augen war, dachte natürlich jeder in der Schule, ich sei in eine Mine gelaufen und hatte zunächst unendlich Mitleid. Die wahre Geschichte konnte dann nur noch enttäuschen. Enttäuschen mit einem fehlenden Bein muss man erstmal hinbekommen.“
Der Arzt von damals behandelte Bojana über viele Jahre. Nach all der Zeit war er enger Freund der Familie geworden, und nachdem ihre Mutter vor knapp anderthalb Jahren zurück nach Bosnien gekehrt war, verbrachte Bojana zuletzt sogar Weihnachten mit ihm und seiner Frau. „Stockholm ohne Familie. Scheiße ist das mies. Das habe ich vor allem letzten Winter gemerkt. Wie hält man das alleine aus, Stockholmjunge? Verrat mir das Geheimnis!“
„Tageslichtlampen!“
„Verarsch mich nicht.“
„Nein, echt. Durch das Licht wird Serotonin… Okay, im Ernst. Man braucht jemanden, um hier ohne Depression durch den Winter zu kommen. Jemand Besonderen. Und im besten Fall hat dieser Jemand eine Tageslichtlampe. Meine hat übrigens 10.000 Lux. “ Sie lachte und schaute mich fragend an. Ich hoffte, dass sie überlegte, ob ich dieser Jemand sein könnte, und ich wollte dieser Jemand sein. Ob ich es sein durfte, würde die Zeit entscheiden, nicht dieser Abend.
Ich stellte ihr Fragen zur Prothese, die ich sonst vermutlich nicht bei einem ersten Date gestellt hätte, aber wer wusste das schon, so oft datete man schließlich keine Einbeinige. Sie redete offen und ohne Scham. Das gefiel mir. Unterdruck, Titan, Sportmodell und Alltagsprothese, kosmetischer Silikonüberzug. Den technischen Kram ratterte sie runter, um ihn einmal gesagt zu haben. Ich hatte gefragt und sie wollte nicht unhöflich sein. Spannend fand sie das selbst nicht, bis auf ein Detail.
„Man darf sich eine Nagellackfarbe aussuchen. Glaub mir, diese Entscheidung bedeutet jedes Mal schlaflose Nächte. Die Farbe bleibt monatelang drauf.“
Als sie 14 war, hatte sie ein großer Prothesen-Hersteller als Werbegesicht für Schweden entdeckt. Seitdem modelte sie für ihn und mittlerweile auch andere Auftraggeber.
„Nimmst du die Prothese beim Sex ab?“
„Du bist ganz schön frech für einen kleinen Schweden“, sagte sie und lachte das erste Mal ihr Balkanlachen. So ein Lachen lachte man nach einem gemeinsam begangenen Bankraub. Es war vertraut und dreckig. Man lachte es mit Menschen, mit denen man ein Geheimnis teilte. „Siehst du später. Ich will vorher mit dir tanzen gehen.“

Portrait Daniel Faßbender

„Die weltbeste Geschichte vom Fallen“
Ein 21jähriger Ich-Erzähler, der irgendwie lose in der Luft, konkreter in der Stockholmer Luft hängt. Er ernährt sich hauptsächlich von Zimtwecken und Kakao, trägt Marken-Sneakers, H&M-Mütze und Ray Ban Wayfarer und hält sich gerne über den Dächern von Stockholm auf – denn beim „Roofing“ findet er „eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich.“ Erst als er auf die drei Jahre ältere Bojana trifft, kommt ein Halt, ein doppelter Boden in sein Leben. Der ihm dann kurz darauf wieder entzogen wird und sein sowieso schon fragiles Lebenskonzept ins Schwanken bringt.

Daniel Faßbender –
Kandidat Sätze & Schätze

Man könnte die Stimme schon mal gehört haben. In einem Nachrichtenbeitrag über Donald Trump, das Wetter, brennende Wälder oder was auch immer. Daniel Faßbender ist Journalist und arbeitet für mehrere Fernsehsender. Davor war er Seemann, um die Welt zu sehen. Um das Schreiben zu üben und die Angst vor weißen Blättern zu verlieren, hat er bei einer großen Boulevard-Zeitung volontiert. Das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte – abgeschlossene Vergangenheit. Er lebt in Köln und findet Bücher, das Meer und Dächer ziemlich gut.

Hier gehts weiter zum Beitrag der Bloggerin auf dem Blog Sätze & Schätze

Interview mit dem Longlist-Autoren

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Nicht damit gerechnet, aber anfangs hatte ich natürlich jede Menge Hoffnung. Doch dann hakte ich den Wettbewerb recht schnell für mich ab. Der Blog „Bücherwurmloch“, wohin ich mein Manuskript ursprünglich geschickt hatte, legte sich im Januar auf andere Favoriten fest. Das war‘s, dachte ich. Doch dann: Plottwist! Ende Februar, wenige Tage vor Ablauf der ersten Runde, erhielt ich völlig unverhofft eine Mail von Birgit Böllinger vom Blog „Sätze und Schätze“. Sie wollte meinen Text für die Longlist einreichen. Was ich nicht wusste: Bücherwurmloch hatte mein Manuskript in einen Pool mit vielversprechenden Manuskripten gegeben. Dort war er Birgit aufgefallen. Happy End!

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog „Sätze und Schätze“ beworben? 

Das habe ich leider gar nicht. Ich dachte: ein junger Text und ein junger Blog wie „Bücherwurmloch“, das macht Sinn. Dabei habe ich aus den Augen verloren, dass es bei Romanen nicht um alt oder jung geht. Es geht um gute Geschichten, darum in fremde Köpfe zu blicken und sich auf das einzulassen, was einem selbst vielleicht fern scheint. Birgit Böllinger hat mir das wieder vor Augen geführt. Sie liebt Literatur ohne in albernen Kategorien zu denken und das merkt man ihrem Blog an.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Der Literaturbetrieb scheint im Moment ziemlich große Berührungsängste bei Neuem zu haben – neuen Themen, neuen Vermarktungsmöglichkeiten, aber vor allem auch neuen, noch unbekannten Autoren. Blogger dagegen sind angstfrei. Das hat mich gelockt. Und der mögliche Verlagsdeal – ganz vielleicht spielte der auch eine klitzekleine Rolle.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich glaube, das Rennen ist völlig offen. Meine Chancen liegen bei 1:14. Im Moment bin ich einfach sehr dankbar, dass mein Text wahrgenommen wird.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die Recherche, das Schreiben, das Überarbeiten und das Überarbeiten und das Überarbeiten haben ungefähr ein Jahr in Anspruch genommen. Im Kampf um einen Verlag gab‘s etliche blutige Nasen (also meine Nase blutete mehrfach). Aber ich gebe nicht auf.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen,  um Dich und Dein Manuskript zu promoten.

Promo? Wir überhäufen die Juroren mit teuren Geschenken und machen sie mit unmoralischen Angeboten gefügig.
Im Ernst: Mal sehen, was sich mit Social Media so bewegen lässt.

Portrait Torsten Seifert

„Der Schatten des Unsichtbaren“
Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentliche Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Aus dem Reporter wird ein unermüdlicher Sucher nach dem rätselhaften Autor „B. Traven“.

Torsten Seifert – Kandidat 54books 

Meine Eltern haben mir erzählt, ich hätte bereits mit sechs Jahren verkündet, Schriftsteller werden zu wollen. Zugegeben – dem Sechsjährigen in mir verheimliche ich bis heute, dass ich mein Geld in Wirklichkeit als Werbetexter und PR-Journalist verdiene. Nun ist mein Manuskript bei Blogbuster nominiert. Vielleicht stellt ihn das für eine Weile ruhig. Aber er will sicher bald mehr… Ansonsten gibt es anzumerken, dass ich im schönen Görlitz geboren bin und jetzt in Potsdam lebe, leidenschaftlich gern reise und (ganz passabel) Badminton spiele.

Hier gehts weiter zum Beitrag des Bloggers auf 54books

Interview mit dem Longlist-Autor

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest du damit gerechnet?

Bei über 200 Einsendungen damit zu rechnen, wäre wohl etwas vermessen. Aber natürlich habe ich gehofft, dass es so kommt. Die Nachricht kam an einem Freitag und sorgte für ein komplett durchgelächeltes Wochenende.

Warum hast du dich gerade bei dem Blog „54 Books“ beworben?

54 Books gehört zu den Literaturblogs, die ich als sehr gelungen und ausgewogen empfinde. Der Blog geht weit über die reine Anregung zum Lesen hinaus und gibt clevere Denkanstöße. Dass meine Story über die abenteuerliche Suche nach dem Schriftsteller B. Traven bei Tilman Winterling, dem Macher von 54 Books, ins Schwarze trifft, habe ich kaum zu hoffen gewagt. Umso mehr freue ich mich darüber.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat dich gereizt, daran teilzunehmen?

Ich denke, es war höchste Zeit für einen solchen Wettbewerb. Die Blogger spielen für den Buchmarkt eine immer wichtigere Rolle, während die Bedeutung klassischer Formen der Literaturkritik, wie der Rezension im Feuilleton, sinkt. Es ist toll, dass bei Blogbuster junge oder unentdeckte Autoren eine Chance bekommen. Aber die Bloggerszene sollte ruhig selbstbewusst genug sein, neben einem Preis für die Newcomer auch einen für die bereits Etablierten zu stiften. Das Ergebnis wäre sicher sehr spannend und würde vermutlich für noch mehr Bekanntheit sorgen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest du dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich freue mich, dass sie sich mit meiner Geschichte beschäftigen werden. Aber in ihre Köpfe kann ich natürlich nicht schauen.

Wie lange hast du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Mit B. Traven beschäftige ich mich seit über zehn Jahren. Ich habe schnell gespürt, dass da eine Story für mich drin steckt. Die Recherche, für die ich u.a. nach Mexiko – also an die „Originalschauplätze“ – gereist bin, war sehr zeitaufwändig. Am Manuskript habe ich dann etwa zweieinhalb Jahre gearbeitet. Bis Mitte letzten Jahres war ich bei einer Berliner Agentur unter Vertrag, die bereits ein paar Gespäche mit Verlagen geführt hat. Im Mai ist meine Agentin allerdings völlig überraschend verstorben. Mit der Suche nach einer neuen Agentur wollte ich eigentlich erst wieder starten, wenn es etwas Neues gibt.

Was wirst du zusammen mit deinem Blogger noch unternehmen, um dich und dein Manuskript zu promoten?

Wir haben da ein paar Ideen, die wir gemeinsam in den nächsten Wochen weiterspinnen wollen. In jedem Fall wird es sich wie immer lohnen, regelmäßig auf 54books.de zu schauen.

 

Portrait Kai Wieland

„Ameehrikah“ 
„Welchem Zweck dient die Erinnerung? Welchen Wert haben Erinnerungen aus zweiter Hand? Warum hängen wir so an ihnen, auch an jenen unserer Mitmenschen und Vorfahren, während uns die faktische Geschichte so zuwider ist?“ Zur Beantwortung dieser Fragen schickt Kai Wieland einen Chronisten in ein Kaff im Schwäbischen Wald, dort, wo man „Ameehrikah“ schwäbelt, wenn man Amerika meint.

Kai Wieland
Kandidat LustzuLesen

Kai Wieland, gebürtiger Schwabe, aufgewachsen unter der vertrauensvollen Obhut von Hunter S. Thompson, Bret Easton Ellis und Ernest Hemingway, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Medienkaufmann und studierte anschließend Buchwissenschaft an der LMU in München. Heute ist er in einem Verlagsbüro in Stuttgart tätig, wo er sich sich der Kombination seiner großen Leidenschaften – Bücher, Reisen und Outdoor – in Form der redaktionellen Arbeit an verschiedenen Reiseführerreihen widmet.

Hier gehts zum Beitrag der Bloggerin auf dem Blog LustzuLesen

Interview mit dem Longlist-Autor

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?  

Ich war durchaus der Meinung, dass ich einen ganz guten Text geschrieben habe, sonst hätte ich ihn nicht eingesendet. Mir war aber natürlich auch klar, dass der Erfolg oder Misserfolg meines Manuskripts von verschiedenen Faktoren abhängen würde. Über ein Ausscheiden wäre ich daher ebenso wenig überrascht gewesen. Jetzt bin ich einfach froh, so weit gekommen zu sein.

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog LustzuLesen“ beworben?  

Ich lese nur selten Literaturblogs und auch vom Wettbewerb selbst habe ich eher zufällig erfahren. In erster Linie habe ich mich deshalb auf die Vorstellungstexte der Blogger und mein Bauchgefühl verlassen. Bei Sonjas Idee von guter Literatur und der Auswahl der Titel, die sie auf Lust zu Lesen bespricht, hatte ich den Eindruck, dass es passen könnte. Und das hat es offenbar. 

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen? 

Ehrlich gesagt bin ich nicht besonders wählerisch im Umgang mit den Chancen, die sich mir bieten, und der Blogbuster war keineswegs mein einziger Versuch Ameehrikah unterzubringen. Dessen ungeachtet hat mich das Konzept des Wettbewerbs aber auch sofort überzeugt, weil die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz, die Blogger, eine geringere Rolle spielt als bei der klassischen Verlagssuche. Außerdem ist es einfach ein spannendes Event mit einem reizvollen ersten Preis.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen? 

Dieselbe, die ich mir bei Sonja ausgerechnet hatte, zumal ich meine Konkurrenz kaum kenne. Ich bin überzeugt von dem, was ich geschaffen habe, und wenn es gut genug ist und auf Zustimmung stößt, wunderbar. Wenn nicht, dann setze ich mich eben wieder an den Schreibtisch und beginne von Neuem.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden? 

In unregelmäßigen Abständen etwa ein Jahr und dann, nach Ende meines Studiums, weitere drei Monate exzessiv. Seitdem habe ich, bis zum heutigen Tage, monatlich zwei bis drei Leseproben verschickt und mich mittlerweile sehr an das Gefühl gewöhnt, immer ein Eisen im Feuer zu haben.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen,  um Dich und Dein Manuskript zu promoten. 

Social Media, Baby! Letztendlich muss Ameehrikah aber für sich allein sprechen, um die Fachjury zu überzeugen.

Leseprobe: Torsten Seifert – „Der Schatten des Unsichtbaren“

 »Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?« B. Traven

Erstes Kapitel

Archie Tucker hatte Geschmack, daran bestand kein Zweifel. Er saß in diesem ziegelroten Traum mit Achtzylindermotor, Automatikschaltung, Weißwandreifen und der Silhouette eines Torpedos, als wäre er ein Filmstar. Mit seinen italienischen Schuhen, der eleganten Hose aus Segeltuch und dem exotisch bunten Aloha-Shirt, das ein Jahr später als „Hawaiihemd“ der letzte Schrei sein sollte, hätte Tucker ein gutes Motiv für Modefotografen abgegeben. Das Licht war perfekt an diesem Morgen. Besser konnte man es nicht arrangieren. Kein Wunder! Schließlich war es sein Perfektionismus, der ihn zum erfolgreichsten Gesellschaftsreporter Hollywoods gemacht hatte. Längst gehörte er zu der Handvoll Journalisten, die einen Anruf des Managements erhielten, bevor die Stars im Romanoff’s oder im Chasen’s einkehrten. Während die Kollegen nächtelang vor den einschlägigen Adressen herumlungerten, ohne jemals eine gute Story an Land zu ziehen, saß er immer bereits an einem der reservierten Tische und bekam seine Geschichten aus erster Hand. Nie hatte Tucker irgendetwas dem Zufall überlassen. Bis zuletzt nicht, könnte man meinen. Es gab kaum schönere Plätze für einen großen Auftritt als den Strand von Huntington Beach, an dem sein Cadillac Convertible Cabrio mit Blick aufs Meer parkte. Nur der Umstand, dass große Teile seines Gehirns über die mit beigem Leder bezogene Garnitur verspritzt waren und das Blut aus seinem Schädel auf der Rückbank ein hässliches Muster hinterlassen hatte, trübte den Eindruck. Aber irgendwas war halt immer. Leon Borenstein packte seine Fotoausrüstung zusammen und verstaute sie auf dem Beifahrersitz des Pontiacs. Er lächelte zufrieden. Noch bevor der Rest der Journalistenmeute von Tuckers Ableben erfuhr, würden seine Abzüge bereits im Fixierbad schwimmen. Der Titel der Nachmittagsausgabe war ihm sicher. Wenn er Glück hatte, schaffte er es zurück in die Redaktion, bevor der morgendliche Verkehr ins Rollen kam.
Die Nachricht vom Tod des „Königs der Skandalreporter“ verbreitete sich in der Redaktion rasend schnell. Es vergingen kaum zehn Minuten, bis der Erste an seinen Schreibtisch kam, um Leon auf die Schulter zu klopfen und zu fragen, ob es denn wirklich ein Selbstmord war. Natürlich versuchten sie herauszufinden, wer ihn mit der heißen Neuigkeit versorgt hatte. Doch über seine Quellen verlor Leon nie ein Sterbenswort. Genauso wie er sie nie mit einem Kollegen teilen würde. Schließlich bezahlte er Monat für Monat ein ordentliches Sümmchen dafür, dass er vor allen anderen erfuhr, zu welchem Tatort die Polizei gerade ausrückte.
Er war nicht überrascht, als ihn Barbara noch im Verlauf des Vormittags ins Chefbüro bestellte. Stainer musste längst aufgefallen sein, dass er derjenige war, der regelmäßig die großen Storys an Land zog. Eine Gehaltserhöhung konnte nur noch eine Frage der Zeit sein. Doch sein Chef ging nur kurz auf den Tucker-Coup ein. Der Grund des Gesprächs, sagte er, sei ein anderer. Leon wurde augenblicklich übel. War Stainer die Sache mit Kathy zu Ohren gekommen? Würde er von ihm wissen wollen, was seine Tochter auf der Rückbank seines Wagens verloren hatte? »Die Unschuld jedenfalls nicht, die war schon vorher hin«, wäre vermutlich die einzige ehrliche Antwort darauf gewesen. Doch Stainer schien davon nichts mitbekommen zu haben. Er bat Leon, Platz zu nehmen, und wies Barbara an, in der nächsten halben Stunde keine Telefonate durchzustellen. Eine halbe Stunde! Was hatte er vor?
Seine Mimik beschränkte sich wie immer auf das Wesentliche. Gewiss war er ein guter Pokerspieler. Wortlos knöpfte er sich das Sakko auf, zog es aus und hing es auf einen Kleiderbügel. Er legte großen Wert auf Kleidung und erzählte gern, dass er seine Anzüge bei Bullocks in der 7. Straße, Ecke Broadway schneidern ließ. Nachdem er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche gefingert hatte, krempelte er ruhig und akkurat seine Ärmel hoch und ließ sich in einem der schweren Ledersessel nieder.
Harold Stainer war als Harald Steiner in Braunschweig auf die Welt gekommen. Beim Umzug nach Kalifornien gingen ihm zwei Buchstaben verloren, die er flugs ersetzte, wonach er sich noch viel amerikanischer fühlte. Es war nichts Ungewöhnliches, dass Juden in Amerika ihre Namen änderten. Selbst die Bosse der großen Filmstudios machten da keine Ausnahme. Aus Szmuel Gelbfisz war Samuel Goldwyn geworden, Jack Warners Familie hieß früher Eichelbaum und Wilhelm Fuchs verwandelte sich in William Fox.
Endlich begann Stainer zu reden.
»Sagt Ihnen der Name B. Traven etwas?«
»Nein, Sir, noch nie gehört«, antwortete Leon wahrheitsgemäß.
»Das dachte ich mir«, entgegnete Stainer, ohne dabei belehrend zu wirken. »Nicht weiter schlimm. Sie werden ausgiebig Gelegenheit bekommen, sich mit ihm zu beschäftigen.«
Leon blickte ihn fragend an.
»Traven ist Schriftsteller. Nicht irgendeiner. In Europa geht seine Auflage in die Millionen. Man munkelt, er sei ein heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis.«
Stainer stand auf, zog gezielt ein Buch aus dem Regal und begann, darin zu blättern. »Seine Helden sind Outlaws. Habenichtse, arme Schlucker«, dozierte er. »Er lässt sie im Dreck wühlen und macht Gold daraus.« Dann klappte er das Buch zu. »Der Schatz der Sierra Madre«, sagte er und lauschte der Wirkung seiner Worte hinterher, als erwartete er, dass von irgendwoher ein Echo hallen müsste.
»Die Leute von Warner haben sich die Filmrechte schon vor Jahren gesichert. Vor ein paar Monaten haben die Dreharbeiten begonnen.«
Er zog an seiner Zigarette und schaute Leon prüfend an. »Die Story ist schnell erzählt«, fuhr Stainer fort. »Drei Taugenichtse tun sich zusammen, um in Mexiko nach Gold zu suchen. Sie gehen in die Berge und werden tatsächlich fündig. Doch anstatt die Beute brüderlich zu teilen, misstrauen sie einander, bis sie ihre Habgier in die Katastrophe treibt.«
Leon fragte sich, was die Angelegenheit mit ihm zu tun haben sollte.
»Was meinen Sie, wer die Hauptrolle bekommen hat?«, fragte Stainer nach einer kurzen Pause. Leon hob achselzuckend die Hände.
»Humphrey Bogart. Er spielt einen zwiespältigen und besonders fiesen Typen, der nichts mehr zu verlieren hat und am Ende stirbt. Also genau das, was Bogart meistens spielt«, lachte Stainer, so als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Leons Blick signalisierte währenddessen noch immer völlige Ratlosigkeit. Stainer entging das nicht. Aber er genoss es, die Geschichte in ganzer Breite erzählen zu können.
»Warten Sie, Borenstein, Sie werden gleich verstehen, worauf ich hinaus will«, bat er um Geduld. »B. Traven, der Name dieses Schriftstellers, scheint ein Pseudonym zu sein. Alle Versuche, ihn aus seinem Versteck zu locken, schlugen bislang fehl. Angeblich lebt er einsam irgendwo in der Wildnis. Sein Verleger kommuniziert mit ihm über ein Postfach in Mexiko.« »Weiß man, warum er anonym bleiben will?« »Es gibt einen ganzen Sack voller Theorien und Gerüchte«, antwortete Stainer und griff zu einer drei Finger dicken Kladde, die von einem Band zusammengehalten wurde. Es erinnerte Leon an die Gummiringe, die seine Mutter früher beim Einwecken verwendet hatte. »Ich lasse das Ganze schon seit längerer Zeit beobachten «, sagte Stainer, während er in den Unterlagen zu blättern begann. Traven soll zum Beispiel niemand anderes als Jack London sein, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat. Oder Ambrose Bierce, ein Romancier aus Ohio, der 1913 in Mexiko verschwand. Der wäre jetzt allerdings schon über hundert Jahre alt, also streichen Sie den.« Hastig durchblätterte er die nächsten Seiten. »Ein Farmerssohn aus dem Mittleren Westen, ein Enkel Napoleons, ein Leprakranker aus Chiapas, dessen Kopf verhüllt ist, der Hollywood-Agent Paul Kohner, ein General der mexikanischen Revolution, ein europäischer Reeder, ein Spion Stalins, ein Plantagenbesitzer aus Nicaragua oder ein entflohener Häftling aus Fort Leavenworth … Suchen Sie sich aus, was Sie glauben möchten.« Stainers Tonfall verriet, dass er bei jeder einzelnen Version seine Zweifel hatte.
»Andere meinen, Traven sei längst tot oder es handle sich dabei um eine ganze Gruppe. Genau genommen um fünf Schriftsteller mit Sitz in Honduras.« Er klappte die Kladde geräuschvoll zu, um sich verschwörerisch zu Leon hinüberzubeugen.
»Wenn der Film erst in den Kinos läuft, wird die ganze Welt wissen wollen, wer dieser B. Traven ist. Sie und ich, wir werden es ihr sagen.« Dabei rüttelte er Leon leicht an der Schulter. Der kam gar nicht dazu, einen Einwand vorzubringen.
»Ich hätte die Sache gerne weiter in aller Ruhe vorbereitet «, räumte Stainer ein. »Aber vor ein paar Wochen brachte die ›Life‹ das Thema aufs Tapet.« Er zog eine Ausgabe des Magazins aus der Schublade und schob sie quer über den Tisch. Leon schlug die markierte Seite auf. »Wer ist Bruno Traven?«, las er die Überschrift laut vor. »Also Bruno?«
»Das ist keinesfalls sicher«, winkte Stainer ab. »Life scheint nicht mehr zu wissen als wir. Angeblich haben sie sogar eine Prämie von 5.000 Dollar ausgeschrieben, für den, der das Geheimnis lüftet. Eines ist jedenfalls klar: Wir haben starke Konkurrenz bekommen. Was heute in ›Life‹ steht, darüber schreiben morgen alle anderen.« Leon fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken, ein Phantom jagen zu sollen. »Mr. Stainer, es ehrt mich außerordentlich, dass Sie mich in dieser Sache ins Vertrauen ziehen. Aber das klingt alles eher nach einem Detektivauftrag.« »Richtig, Borenstein«, sagte Stainer. »Aber in jedem guten Journalisten steckt doch auch ein wenig Detektiv. Während ein guter Detektiv noch lange kein Journalist ist, oder?« Das leuchtete Leon ein. »Jetzt kommt die eigentliche Sensation«, versprach Stainer mit einem triumphierenden Grinsen. Dabei ließ er erneut sein Feuerzeug klicken und nahm einen tiefen Zug, als könne das seinem nächsten Satz eine größere Bedeutung verleihen.
»Sie wissen ja, dass ich recht gut mit einigen Leuten aus den Studios befreundet bin«, prahlte er. »Blakes Büro hat mir gesteckt, dass ein Bevollmächtigter Travens mit dem Namen Hal Croves bei den Dreharbeiten anwesend sein wird. Er ist Travens Sekretär. Huston, der Regisseur, hat ihn als seinen technischen Berater engagiert.«
Er schaute Leon erwartungsvoll an, der jetzt wenigstens so etwas wie „Was Sie nicht sagen“ antworten sollte. Aber Leon schwieg. »Croves ist der Schlüssel zu Traven«, zog Stainer selbst das Fazit. »Haben wir ihn, führt er uns früher oder später zur Lösung.« Das Glänzen in seinen Augen verriet, wie stolz ihn dieser Coup machte. Plötzlich verstand Leon, welche Aufgabe er für ihn vorgesehen hatte. Ehe er den Gedanken zu Ende spinnen konnte, sprach Stainer ihn aus: »Sie gehen nach Mexiko und werden das Rätsel lösen. Ich habe für Sie bereits alles organisieren lassen«, übertrieb er, wie der Agent eines Reiseunternehmens, der gerade einen teuren Urlaub verkauft. »Sie fliegen schon in der nächsten Woche und begleiten das Team an den letzten Drehtagen. Die sind mitten in den Bergen, in der Nähe von Jungapeo, ein paar Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. Und – Sie erhalten ein Exklusivinterview mit Humphrey Bogart! Na, was sagen Sie?« Leon lächelte pflichtbewusst.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Harry Wurzinger, einer unserer Informanten, der früher zu Bogarts Entourage gehörte, wird Sie vorbereiten. Kennen Sie ihn?« Leon nickte. Jeder kannte Harry.
»Vielleicht wird das Interview nie erscheinen, das ist ganz egal. Ihre Aufgabe ist es, irgendwie an diesen Croves heranzukommen. Und wenn die Filmleute ihre Zelte abbrechen, heften Sie sich an seine Fersen.«
Natürlich. Da war es also, das dicke Ende. Eine Woche Mexiko auf Redaktionskosten hätte Leon sich gern gefallen lassen. Aber das, wovon sein Boss gerade sprach, hörte sich eher nach einem Himmelfahrtskommando an. Stainer schien Leons Gedanken lesen zu können. »Ich weiß, Borenstein, das kommt für Sie alles etwas überraschend. Glauben Sie mir, als Journalist kriegen Sie nicht oft eine Gelegenheit wie diese. Ich wünschte, ich hätte nicht die Verantwortung für eine ganze Redaktion. Dann würde ich ihn mir selber schnappen. Also – zögern Sie nicht. Holen Sie sich Traven und machen Sie sich unsterblich!« Leon war nicht sicher, ob ihn diese Art von Ruhm überhaupt interessierte.
»Wie viel Bedenkzeit habe ich?« »Keine«, unterband Stainer mit einer brüsken Handbewegung jegliche weitere Diskussion. »Da ist noch was, was ich Ihnen nicht verschweigen will. Sie würden es ja früher oder später sowieso erfahren. Es scheint ein Fluch über Traven zu liegen. Oder um es genau zu sagen: über allen, die nach ihm suchen. In den letzten Jahren habe ich bereits drei meiner Leute auf dieses Thema angesetzt. Einer von ihnen ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, ein weiterer sitzt heute in einer Nervenheilanstalt, der Dritte ist nach Alaska ausgewandert.«
»Na großartig!«, dachte Leon. Jetzt war er nicht mehr so sicher, ob Stainer nicht doch etwas von seinen Tete-atetes mit Kathy mitbekommen hatte. Vielleicht wandte er eine besonders subtile Methode an, um ihn loszuwerden. »Ich werde inzwischen die Ermittlungen vor Ort vorantreiben. Gewissermaßen an der Heimatfront.« Stainer liebte es, militärische Begriffe zu benutzen. Dann schaute er auf seine Taschenuhr. So, wie Leon ihn kannte, hatte das Gespräch tatsächlich eine halbe Stunde gedauert. Keine Minute länger oder kürzer. Als er sich verabschiedete, wartete Barbara bereits mit dem Flugticket sowie sämtlichen Unterlagen, die er für die Reise benötigen würde. Hinzu kamen die von Stainer wie der heilige Gral gehütete Kladde und ein Zettel mit Harrys Adresse. Leon fühlte sich, als wäre gerade ein 20-Tonnen- Truck über ihn hinweggerollt.

Zweites Kapitel

“It ain’t no sin, it ain’t no sin.” Leon fuhr herum. Vor ihm saß ein ausgewachsener Ara, der sich zu einer gefiederten Kugel aufgeplustert hatte. Unter lautem Fauchen stieß er den Kopf nach vorn und funkelte seinen Betrachter aus bernsteinfarbenen Augen böse an.
Harry lachte. »Das ist Bobby. Er passt auf mich auf, bis hier mal wieder eine Frau einzieht. – Willst du Kaffee?« »Gerne, wenn es keine Probleme macht.« Harry winkte lässig ab, drehte seinen Rollstuhl auf der Stelle und bewegte ihn routiniert in Richtung Küche. »Machs dir bequem!«
Das war leichter gesagt als getan. Harrys auf den ersten Blick recht geräumiger Bungalow glich einem Requisitenfundus. Ein Labyrinth aus Regalen, Schränken und Ablagen voller Zeitungen, Schachteln, Flaschen und allerlei Krempel, jeweils exakt bis zu der Höhe gestapelt, die er problemlos im Sitzen erreichen konnte. Dazwischen hatte er schneisenartige Gänge angelegt, gerade mal so breit, dass er mit seinem Gefährt nicht hängen blieb. Leon kam sich vor wie Gulliver, der durch einen Irrgarten auf der Insel Liliput spaziert.
“It ain’t no sin”, plapperte der Papagei, den das Aufplustern allmählich anzustrengen schien. Aus der Kugel war ein deformierter Federball geworden, an dessen Spitze der Schnabel drohte. Bobbys Pupillen hatten inzwischen die Größe von Stecknadelköpfen angenommen. Vorsichtig bückte sich Leon zu ihm hinunter.»Wie alt ist er?«, fragte er, während Harry, erstaunlich geschickt mit der einen Hand ein volles Tablett jonglierend, mit der anderen den Rollstuhl antreibend, zurückkam. »Keine Ahnung. Mich wird er jedenfalls überleben. Solche Viecher sterben einfach nie. Ich glaube, nur Schildkröten werden noch älter.« Bobby schloss die Federn und zog den Hals ein, so als versuche er jetzt, eine Schildkröte zu imitieren. »Mir machen Papageien Angst. Ich habe immer das Gefühl, sie wissen mehr, als sie uns glauben lassen.« Bobby nickte.
»Kann sein«, antwortete Harry mit geheimnisvollem Unterton. »Deinen Finger solltest du ihm jedenfalls nicht überlassen.«
“It ain’t no sin”, kommentierte Bobby. »Was redet er da immer?«, wollte Leon wissen. Harry feixte. »Das ist eine verrückte Geschichte. ›It ain’t no sin‹ war ein Paramount-Film mit Mae West, Mitte der Dreißiger. Irgendwer kam auf die bescheuerte Idee, 150 Papageien den Titel beizubringen, damit sie später überall dafür werben konnten. Wochenlang haben sie den Viechern Schallplatten vorgespielt, bis alle ihn nachsprechen konnten. Kurz vor der Premiere wurde die Paramount aber durch die Katholische Liga für Sitte und Anstand dazu gezwungen, den Titel zu ändern. Ich glaube, der Film lief dann unter ›I’m no angel‹. Danach hatte keiner mehr Verwendung für die Vögel. Ich nahm Bobby mit. Was aus den anderen wurde, weiß ich nicht.«
»Du machst Witze.«
»Nein. Ich schwöre, es war so.«
Harry schaufelte Unmengen an Zucker in seinen Kaffee und warf Leon dabei einen amüsierten Blick zu. »Übrigens: Glückwunsch zur Tucker-Story! Es kann halt nie schaden, die richtigen Leute zu kennen. Was musstest du abdrücken?«
Leon versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Wie konnte Harry bereits Bescheid wissen? Die Zeitung wurde doch gerade erst gedruckt. Sein Netzwerk schien noch immer intakt. Vor seinem Unfall musste er eine schillernde Figur gewesen sein. Die Liste der Klienten, die er als Bodyguard betreut hatte, las sich wie ein Who’s who der Filmbranche. Doch das war längst nicht alles, was Harry zur Legende machte. In den Dreißigerjahren, so erzählte man sich, hätte er nahezu jede Hollywood-Karriere ins Schlingern bringen können. Er wusste über alle Bescheid und bekam immer, was er wollte. Die meiste Zeit hing er damals mit Filmstars oder Drehbuchschreibern rum, saß mit ihnen bei Hühnerpastete oder Rindergulasch im Musso & Frank Grill am Hollywood Boulevard. Oder er ging ins Sasha’s Palate, wo man auf Diwans lag, um sich von Kellnerinnen in Togen Fasan oder Babyziegenbraten servieren zu lassen. Zu später Stunde begleitete er seine berühmten Kumpane dann in geheime Bars, private Klubs oder Hotelsuiten und widmete sich den Starlets, die seine Freunde übrig ließen. Was er nicht selbst mitbekam, erfuhr er von Maskenbildnerinnen, Hotelpagen, Telefonistinnen, Umzugsfirmen, Inkassoagenturen, Callgirls, Zimmermädchen und Barkeepern. Bei Harry schienen alle Informationen zusammenzulaufen. Schon bald kam jeder, der in Hollywood eine offene Rechnung begleichen wollte, zu ihm. Darunter Horden frustrierter Partygirls, die ihre Höschen in der Hoffnung auf eine Filmrolle etwas zu schnell ausgezogen hatten. Irgendwem musste Harry in dieser Zeit ein bisschen zu stark auf die Füße getreten sein. Jedenfalls versagten eines Tages die Bremsen seines Chevrolets. Zwei Wochen lag er in Gottes Wartesaal und hoffte vergeblich darauf, hereingerufen zu werden. Stattdessen schob man ihn im Rollstuhl zurück in die Vorhölle namens Hollywood, wo er bei seinen alten Freunden schneller in Vergessenheit geriet, als es dauerte, im Players Club einen Brandy zu bestellen. Sein Glück im Unglück war, dass er bereits damals auf der Gehaltsliste der Polizei von Los Angeles stand. Nach dem Unfall ließen sie ihn nicht fallen. Er rechnete ihnen das hoch an und zahlte es mit Loyalität zurück. Es war nicht viel, was sie für seine Informationen rüberwachsen ließen. Dafür musste er aber meist auch nur ein wenig herumtelefonieren oder in seinem Gedächtnis kramen. »Tja, schade um diesen Tucker«, griff Leon den Faden auf, ohne auf Harrys Frage einzugehen. »Er war nicht gerade das, was ich eine Edelfeder nennen würde. Aber er hatte diesen speziellen Instinkt. Er wusste immer genau, was bei den Lesern ankommt.« Harry wiegte den Kopf bedächtig hin und her, als müsse er erst überlegen, inwieweit er diese Meinung teilen konnte. Mit einer Handbewegung schob er das Thema beiseite.
»Stainer sagt, du bist wegen Bogie hier?«
»Genau.«
»Hat er was ausgefressen?«
»Nein«, antwortete Leon. »Er dreht gerade in Mexiko. Ich soll ihn am Set interviewen. Aber das ist nur ein Vorwand, um an einen anderen Typen ranzukommen.« Harry hob die Augenbrauen und machte eine anerkennende Geste. Offenbar gehörten solche Aufgaben selbst aus seiner Sicht nicht zum Standardprogramm. »Es heißt, er ist kein einfacher Typ und du könntest mir ein paar Tipps geben, wie man ihn am besten bei Laune hält.«
»Ganz einfach: Bier, Scotch und Drambuie«, lachte Harry.
»Jaja, ein paar Tipps geben. Dafür ist der alte Harry noch gut genug.« Seine Reaktion klang nicht beleidigt. Eher wie die eines Familienvaters, dessen Töchter um Taschengeld für neue Schuhe bitten.
»Er ist in Mexiko, sagst du?«
Leon nickte.
»Wer kam denn auf die Idee, in Mexiko zu drehen? Sind uns hier die Kakteen ausgegangen?« Leon zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. John Huston, schätze ich. Er führt jedenfalls Regie.« »O Mann, jetzt leiten schon die Irren die Anstalt.« »Du magst ihn nicht?« »Doch, doch, er ist genial. Ich finde nur, er ist ein wenig … nennen wir es sonderbar.« Leon hob erneut die Achseln. Film war nicht unbedingt sein Spezialgebiet.
Harry griff nach einem Flachmann, schüttete einen Schluck Whiskey in den Kaffee und schlürfte geräuschvoll, bevor er weitersprach.
»Bogie wird sich fragen, warum ihr ihn ausgerechnet in Mexiko interviewen wollt. Er sitzt doch jeden Abend im Romanoff’s.«
»Es ist das erste Mal, dass er im Ausland arbeitet. Deshalb soll alles nach einer Reportage über die Dreharbeiten aussehen«, erklärte Leon. »Tja. Was soll ich sagen?«, kam Harry endlich zur Sache.
»Ich kenne Bogie schon seit 1930. Wir sollten damals am Bahnhof in Pasadena die Garbo und Jack Gilbert abholen. Es war unglaublich heiß an diesem Tag. Endlich kam der Zug an, doch von den beiden keine Spur. Stattdessen stieg dieser Typ aus. Nicht sonderlich kräftig, dafür aber mit einer großen Klappe ausgestattet, mit der er fürs Erste die ganze Pressemeute versorgte. Bogie war einer der wenigen, die schon damals begriffen hatten, dass die Stars die Journaille genauso brauchten wie die Journaille die Stars.«
Leon lehnte sich zurück und machte sich auf einen längeren Monolog gefasst. Es sollte ihm recht sein. »Später bin ich oft mit Bogie um die Häuser gezogen. Meistens war Spencer Tracy dabei, manchmal auch Peter Lorre oder David Niven. Es gab eine Menge Spaß und immer irgendwelchen Ärger. Wochenlang durfte ich meine Getränke auf Bogies Namen anschreiben, damit ich dichthielt. Oft ging er morgens direkt von der Kneipe ins Studio. Bei seiner Visage ist das sowieso egal.« Harrys Blick blieb an ein paar vergilbten Fotos und Zeitungsartikeln hängen, die an der Wand befestigt waren. Seine Gedanken waren auf die Reise gegangen. »Eigentlich ist Bogie ein netter Kerl. Das heißt nicht, dass er nicht ständig sticheln oder jedermann beleidigen würde, wenn er sich langweilt und ein bisschen Action gebrauchen kann. Sein Problem ist halt, dass er nach ein paar Drinks selber glaubt, Humphrey Bogart zu sein. Aber wenn er jemanden mag, tut es ihm hinterher leid und er versucht, alles wieder in Ordnung zu bringen.« Harry rollte zu Bobby hinüber und fütterte ihn mit einem Maiskolben. Als er ihn am Ohr kraulte, gähnte der Vogel. Dann versteckte er den Schnabel in seinem Rückengefieder und schloss die Augen.
»Früher mochte ich keine Tiere«, gab Harry zu. »Meine Exfrau hatte mal so einen hässlichen Yorkshireterrier, der ständig Preise gewann. Es gab bald kein anderes Thema mehr. Nur diese beschissenen Wettbewerbe. Dann hab ich heimlich angefangen, ihn zu füttern. Erst hat sie sich gewundert, warum mich der Köter plötzlich leiden konnte. Später, warum er auf einmal so fett war. Als sie dahinterkam, reichte sie die Scheidung ein. Wegen seelischer Grausamkeit.«
Leon feixte.
»Kennst du die Babynahrung von Mellin’s?“, fragte Harry.
»Kann sein«, antwortete Leon, ohne sich tatsächlich daran erinnern zu können. »Bogie ist das Baby in der Werbung.« Leon verstand nicht ganz. »Seine Mutter war Grafikerin. Als sie damals den Mellin’s-Auftrag bekam, ist ihr nichts Besseres eingefallen, als ihr eigenes Baby zu malen. Bogie war also schon auf Millionen Verpackungen, bevor ihn irgendjemand auf der Leinwand sehen konnte.« »Hat es sie reich gemacht?«, wollte Leon wissen. »Geschadet hat es ihr auf keinen Fall«, antwortete Harry.
»Aber Geld war bei den Bogarts nie das Problem.«
»Lebt sie noch?«
»Nein, sie starb vor acht Jahren. Getrauert hat er damals nicht, soweit ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich war er eher froh, dass die alte Hexe endlich in der Hölle schmort, für all das, was sie ihm angetan hat.«
Harry blickte kurz zu Leon, als müsse er sich vergewissern, ob der mehr darüber erfahren wolle, und fuhr fort.
»Bogie hat Peter Lorre mal erzählt, dass seine Mutter ihn früher oft schlug und einsperrte. Als sein Vater für ein paar Jahre als Schiffsarzt zur See fuhr, musste er sogar zu ihr ins Bett steigen. Er war damals höchstens 16 oder 17.« »Du nimmst mich auf den Arm.«
»Nein, es ist wahr. Nur als Einstieg für dein Interview eignet sich das wahrscheinlich nicht«, stellte Harry fest. »Bogie hat es anfangs nicht leicht gehabt. Anfang der 30er bekam er in Hollywood kaum Rollen. Um über die Runden zu kommen, spielte er in Blue Movies, wenn du weißt, was ich meine. Später hat es ihn einen Haufen Geld gekostet, die Filme zurückzukaufen.«
Leon verkniff sich die Frage, die ihm augenblicklich in den Sinn gekommen war. »Vielleicht sollte ich mal ein Buch schreiben, in dem diese ganzen Geschichten drin sind. Aber dann kommt von euch Burschen ja überhaupt keiner mehr vorbei.« Leon lehnte dankend ab. Was Lesestoff anging, war sein Bedarf mehr als gedeckt. Er stellte seine Tasse ab und schaute zur Wanduhr. Harry übersah es geflissentlich. »Hab ich dir mal von Errol Flynns Partys in seinem Haus am Mulholland Drive erzählt? Die reinsten Orgien! Ich habe Bogie ein paar Mal hingefahren. Es kursierten unglaubliche Gerüchte darüber. Ein dicker, ziemlich einflussreicher Diplomat aus Europa hatte davon gehört und wollte unbedingt dabei sein. Er ging Flynn damit mächtig auf die Eier, also lud der ihn eines Abends ein.« Harry beförderte den nächsten Whiskey in seine Tasse. »Als der Tag gekommen war, fuhr der Dicke in einer riesigen Limousine vor. Im Foyer wartete eine tolle Blondine auf ihn. Nichts an, außer High Heels und einer knappen Schürze. Sie bat ihn, ihr ins Entkleidungszimmer zu folgen. Von dort sollte er dann einfach durch die Tür gehen, wo die anderen Gäste schon auf ihn warten würden. Das stimmte auch. Doch als er splitternackt eintrat, saßen alle korrekt gekleidet beim Essen. Der Dicke ergriff die Flucht und die Runde lachte sich halb tot.« Leon lachte. Er kannte die Geschichte bereits, aber ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als Harry bei Laune zu halten, bis er Verwertbares lieferte. Ihm fiel ein Satz seines Vaters ein, der davon überzeugt war, dass man einem Menschen hier in „Tinseltown“ kaum eine größere Freude bereiten konnte, als ihm zuzuhören. »Danach ging die Party natürlich erst los. Der Typ hätte wirklich seinen Spaß gehabt. Wusstest du, dass Flynn mit seinem Schwanz Klavier spielen kann? Und wohl gar nicht mal so schlecht. Er trifft zumindest die Töne.« Leon verzog das Gesicht.
»Sprich ihn doch einfach auf sein Boot an«, platzte Harry plötzlich heraus, als hätte er die ganzen anderen Anekdoten nur gebraucht, um sich warmzulaufen. »Es gibt kaum etwas, über das er lieber redet.« »Er hat ein Boot?«, fragte Leon überrascht. »Ja, die Santana. Sie liegt in San Pedro. Bogie hat sie von Dick Powell gekauft. Eine 55-Fuß-Jolle für 55.000 Dollar. Jeder Fuß tausend Dollar. Glaub mir, sie ist es wert. Er verbringt darauf so viel Zeit, wie es nur geht. Immer wenn er dem ganzen Trubel entkommen will.« Segeln war für Leon ein dankbares Thema. Als Jugendlicher hatte er an ein paar Regatten teilgenommen und steckte tief genug in der Materie, um ein wenig darüber fachsimpeln zu können. Für heute, entschied er erleichtert, hatte er genug Informationen gesammelt, um den Bogart-Insider spielen zu können. Harry schien inzwischen selbst Bobby müde gequatscht zu haben. Der Papagei schlummerte friedlich auf seiner Stange. Was Harry allerdings nicht davon abhielt, das nächste Thema anzuschneiden.
»Sag mal, stimmt es, dass du einem dieser Taco-Boxer den Kiefer gebrochen hast?«, fragte Harry. »Nicht den Kiefer. Nur die Nase. Jesús Bautista, ein Weltergewichtler aus Cantamar. Kampfname ›No Mercy‹ aber wenn du mich fragst, sollte er besser ›No Balls‹ heißen. Im Ring schien es immer, als würde er ständig rückwärtslaufen. Seine Tänzelschritte sahen so aus, als hätte er sich in die Hosen gemacht. Ich hab damals noch für die Sportredaktion geschrieben und ihn durch den Kakao gezogen.«
Harry schlug sich auf die Schenkel. »Jesús ›No Balls‹ Bautista, das ist gut, Mann!« Leon grinste. »Jedenfalls können es Mexikaner nicht ausstehen, wenn man sich über sie lustig macht. Also hat er mich eine Woche später gemeinsam mit seinen Jungs am Ausgang in Empfang genommen. Bautista wollte wissen, was mir dreckigem Juden einfallen würde. Doch bevor er mich vermöbeln konnte, schlug ich ihm einfach ins Gesicht. Da wäre er vermutlich nie im Traum draufgekommen.«
Harry hörte amüsiert zu. Storys wie diese waren ganz nach seinem Geschmack. Leon fuhr fort. »Ich hab ihn ganz gut erwischt. Er schaute ungläubig auf das Blut, das durch seine Finger rann, und lief davon. Mir schlotterten zwar die Knie und er hätte mich sicher mit ein bis zwei Schlägen zu Boden gebracht, aber er ließ von mir ab und verschwand.«
»Lief er rückwärts?«, prustete Harry los. »Nein«, lachte Leon. »Diesmal nicht.« »Und seine Männer?«
»Die waren anscheinend der Meinung, es sei eine Sache zwischen ihm und mir. Später wollte keiner mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Sie hatten wohl Angst, die Schande würde auf sie abfärben.« Harry wurde ernst. »Du solltest dich dennoch in Acht nehmen. Mexikaner haben ein Gedächtnis wie Elefanten.« Leon winkte ab, was so viel wie »ich kenne die Burschen« bedeutete.
»Vielleicht solltest du selber in den Ring steigen, statt nur darüber zu schreiben«, schlug Harry euphorisch vor. »Vergiss es«, antwortete Leon kopfschüttelnd. »Ich bin damals mal mit Orlando Spinoza über drei Runden Sparring gegangen. Danach konnte ich mich eine Woche lang nicht mehr bewegen.«

Wenig später lenkte Harry seinen Rollstuhl zum Ausgang und schüttelte Leons Hand. »Hat mich gefreut, wenn ich dir helfen konnte. Hast du nicht vielleicht noch eine sichere Wette für mich?« Leon dachte nach. »Na ja, ich bin nicht mehr ganz so nah dran wie früher. Aber Conley gegen Hernandez, der dritte Kampf am Freitagabend im Hollywood Legion Stadium – das könnte was werden. Conley ist 7:1 Favorit. Doch er lag die letzte Woche mit einer Grippe im Bett. Außerdem hasst er Rechtsausleger. Die Jungs aus El Monte halten Hernandez für den kommenden Mann. Ich schätze, du kannst ein paar Scheinchen riskieren.« »Gut, ich denk drüber nach«, bedankte sich Harry. Leon lachte. »Wenn du darüber nachdenken musst, solltest du besser nicht wetten.«

Er musste die Augen zusammenkneifen, als er aus dem Bungalow ins Freie trat. Der Vorrat an Sonne war in Kalifornien das ganze Jahr über endlos. Sein Autoradio meldete, dass für Santa Monica 92 Grad Fahrenheit gemessen wurden. Dabei war es gerade mal Anfang Mai. Leon rechnete. 92 minus 32 durch Einskommaacht gleich 33. Obwohl er inzwischen schon seit dreizehn Jahren in der Stadt der Engel lebte, hatte er sich noch immer nicht an die hiesigen Temperaturangaben gewöhnt.

Drittes Kapitel

Wie die meisten Amerikaner hielt Leon Mexiko für eine Art Niemandsland, das abwechselnd von Revolutionen, Vulkanen, Banditen und ausgedehnten Siestas ruiniert wurde. In seiner Vorstellung trugen die Männer lustige runde Hüte, bunte Umhänge und lange Schnurrbärte. Sie verschlangen Unmengen an Tortillas mit Bohnen und tranken Tequila. Wenn sie nicht gerade auf einem Pferd saßen, schliefen sie – sogar tagsüber und, wenn es sein musste, an eine Wand gelehnt. Oder sie zogen in kitschigen Mariachi-Uniformen durch die Straßen und peinigten jeden, der nicht schnell genug davonkam, mit ihrer Musik. Während der Kriegsjahre hatte Kalifornien viele Mexikaner ins Land geholt, damit die Arbeit auf den Farmen und beim Bau der Eisenbahntrassen weitergehen konnte. Die Braceros arbeiteten nicht schlechter als die Einheimischen, gaben sich aber mit viel weniger Lohn zufrieden. Alles sprach dagegen, sie nach Kriegsende schnell wieder nach Hause zu schicken. Damit begannen die Probleme. So stellte es zumindest die kalifornische Presse dar, laut der die Gastarbeiter jede dritte Straftat zwischen San Bernadino und Malibu verübten.

Stainer hatte Leon einen Pan-Am-Flug spendiert. Es ging von Burbank über Dallas nach Mexiko-Stadt. Dort musste er in einen klapprigen Bus steigen. Die löchrigen Straßen führten vorbei an endlosen Agavenfeldern und langen Reihen von Kakteen, die wie Orgelpfeifen Spalier standen. Mit zunehmender Fahrzeit begann sich die Straße immer stärker zu winden. Leon kam es vor, als säße er in einer Achterbahn. Die steilen Auf- und Abfahrten drückten auf seine Ohren. Das Geräusch des Motors nahm er nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Ein paar Fahrgäste übergaben sich in mitgebrachte Tüten. Der Busfahrer nahm davon keine Notiz. Seine Mimik glich der eines Reptils, das aus einer Starre erwacht war und noch nicht sicher sein konnte, ob bereits alle Körperfunktionen Dienst taten. Beim Verlassen der Busstation hatte er sich mit einem Stoßgebet für die Fahrt gerüstet und damit jedwede Verantwortung an eine höhere Instanz weitergereicht. Die Pedale betätigte er ausschließlich mit voller Kraft, ganz gleich ob er Gas gab oder abbremste. Nach jeder Kurve brummte er ein phlegmatisches »Bueno« vor sich hin. Selbst als sich ein schwer bepackter Esel mit einem panischen Sprung vor dem herannahenden Gefährt rettete, dabei den Halt verlor und einen Abhang hinunter in den sicheren Tod stürzte, nötigte ihm das keine Reaktion ab. Was hatte der Esel auch da zu suchen? Leon vermied es von nun an, aus dem Fenster zu sehen.

Gegen Nachmittag erreichte der Bus Zitácuaro. In Leons Kopf hatten Dutzende kleine Bergarbeiter damit begonnen, gegen die Schädelwand zu hämmern, um die Besteigung der 2.000 Höhenmeter zu feiern. Die Luft war heiß, feucht und schwer, als hätte ihr jemand Gewichte aufgelegt. Leon war kaum ausgestiegen, als ihn ein kleiner Junge am Ärmel zog. Mit einer lässigen Bewegung holte er eine Kiste hinter dem Rücken hervor, sank auf die Knie und begann schneller, als Leon «Gracias» sagen konnte, damit, dessen Schuhe zu polieren. Stoisch ließ er die Bürstenattacke über sich ergehen.
«Busco un hotel?», fragte er, ohne davon auszugehen, dass der Junge jemals in seinem Leben eines von innen gesehen hatte. Der Kleine starrte Leon erschrocken an. Seine Augen standen so weit auseinander, dass es schwer fiel, gleichzeitig in beide zu blicken. Vermutlich war er noch nie zuvor von einem Gringo auf Spanisch angesprochen worden. Wortlos deutete er nach Norden, packte eilig seine Sachen zusammen und streckte Leon seine vom Schmutz verklebte Handfläche entgegen. Ohne lange darüber nachzudenken, welche Bezahlung für diese Art von ungefragten Dienstleistungen angemessen sei, warf er dem Jungen ein paar Münzen zu. Dann schnellten seine Finger gewohnheitsmäßig nach vorn, um kurz, wie man das bei Kindern tut, über den lockigen, schwarzen Haarschopf zu strubbeln. Doch im letzten Moment war der Junge darunter hinweggetaucht. Für einen Augenblick schaute ihm Leon verwundert nach. Nicht er, sondern der Kleine war der Berührung ausgewichen.

Eher seinem Bauchgefühl als dem Hinweis des Schuhputzers folgend, schleppte Leon den Koffer in Richtung der nächsten Straßenecke, an der ein paar Händler ihre Stände und Karren aufgebaut hatten. Er war das perfekte Opfer für ihre berüchtigten Tiraden. In hanebüchenem Kauderwelsch versuchten sie, ihn von den Vorzügen ihrer Waren zu überzeugen. Leon beschleunigte seinen Schritt und geriet dabei immer tiefer in das bunte Markttreiben hinein. Aus den Augenwinkeln warf er einen Blick auf die Auslagen: Stoffe, Schmuck, Flachs, Kräuter, Schlangenhäute, Ziegen, Kaffeemühlen, Sättel, Tabak, Uhren, Grammofone, Kerzen, Heiligenbilder, Hausaltäre, Nägel in allen erdenklichen Größen und alles, was man aus Eisen fertigen konnte. Jeder Stand erzählte seine eigene Geschichte. Ein paar Vogelhändler hatten riesige Käfige aufgestellt, in denen schlecht gelaunte Kakadus zeterten. Nebenan brodelte ein riesiger Topf Hühnerbrühe. Vermutlich gingen die Vögel fest davon aus, exakt darin zu landen, wenn sich kein Käufer fand. Ein Truthahn segelte direkt vor Leons Füße und blähte den Hals auf. In respektvollem Abstand stolzierte er an den Vogelkäfigen vorbei, als wolle er daran erinnern, wer hier der Einheimische war. In spanischsprachigen Ländern nannte man ihn »guajolote«, was so viel wie »Gespenst« bedeutete. Leon kannte tatsächlich kein hässlicheres Tier. Zu seinen Füßen bemerkte er eine alte Frau, die hinter einer Decke voller Gemüse saß. Ihre Hände erinnerten an Wurzeln. Sie mochte schon 80 Jahre alt sein, aber dennoch kam sie hierher. Der Markt gab ihr das Gefühl, noch immer dazuzugehören. Hätte Leon ihr angeboten, die ganze Ware mit einem Schlag zu kaufen, hätte sie abgelehnt. Die Freude an dem Treiben um sie herum und die Unterhaltung mit den anderen Frauen würde sie sich von keinem noch so lukrativen Geschäft kaputt machen lassen.
Leons Blick blieb an einem klapprigen Holztisch hängen. Zwei junge Indiofrauen mit bunten Umhängetüchern hatten die unterschiedlichsten Früchte zu kleinen Kunstwerken angeordnet: Pyramiden aus Limonen und Mangos, Türmchen aus Zuckerrohr, verzierte Melonen, Kokosnüsse, Kaktusfrüchte und etliche Sorten, deren Namen Leon nicht kannte. Auf dem Boden klatschte eine Frau mit ihren Händen Maisbrei zu Fladen. Ihre schwarzen Zöpfe tanzten im Takt. Wenige Schritte weiter stritt eine wohlbeleibte Señora mit einem Töpfer darüber, dass sein Geschirr nicht mehr denselben Blauton hatte wie bei ihrem letzten Einkauf. Wie sollte sie nun zerbrochene Teller ersetzen, wenn bald jeder seine eigene Tönung besaß? Leon hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es mehr Blau geben könnte als ein dunkles und ein helles. Doch in diesem Festival der Farben schienen Begriffe wie Azur, Indigo oder Ultramarin plötzlich ihre Berechtigung zu erhalten.

Hinter den letzten Marktständen konnte Leon die Reklame eines Hotels erkennen. Neben dem Eingang, vor dem, reglos wie ein Kadaver, ein Hund schlummerte, warb eine Kreidetafel für frisch gefangene Forellen, die man hier auf unterschiedlichste Weise zuzubereiten verstand. Er betrat die Lobby. Die Rezeption war nicht besetzt. Leon betätigte die Klingel auf dem Tresen. Ihr Geräusch war kaum laut genug, um einen Hotelangestellten aus seinem Nachmittagsschläfchen wecken zu können.
»Du musst gegen die Scheibe klopfen.« Leon fuhr herum. Er hätte wetten können, dass sich außer ihm niemand im Raum befand, doch die raue Stimme in seinem Rücken war ganz deutlich zu vernehmen gewesen. Seine Augen tasteten den hinteren Bereich der Lobby ab. Sie lag komplett im Dunkeln.
»An die Scheibe«, ermahnte die Stimme. Leon befolgte den Ratschlag und widmete seine Aufmerksamkeit danach sofort wieder dem unheimlichen Berater. Endlich konnte er die Silhouette eines Mannes erkennen, der, mit weit von sich gestreckten Füßen, in einem Korbstuhl lümmelte. In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter der Rezeption. Ein Männchen mit asiatischen Zügen huschte hindurch, baute sich hinter dem Tresen auf und grinste Leon an. Auf dessen Erkundigung hin, ob denn ein Zimmer frei sei, veränderte sich der Blick des Angestellten, als hätte er mit jeder, aber nicht mit dieser Frage gerechnet.
«Horita», entschuldigte sich der Asiate und verschwand auf demselben Weg auf dem er gekommen war. »Das heißt etwa so viel wie ›Augenblick bitte‹. Manchmal dauert der Augenblick aber auch ein Stündchen«, übersetzte der Unbekannte. Leon fuhr abermals herum. Sein fremder Patron war neben ihm so schnell wie ein Schatten am Nachmittag aufgetaucht. Ein Yankee mit buschigen Augenbrauen und Bartstoppeln, die an die Stacheln eines Kaktus erinnerten. Sein Atem roch nach Zwiebeln und Alkohol. »Sie sind wegen des Films hier.« Auch wenn die Betonung am Ende des Satzes wie bei einer Frage nach oben gegangen war, hatte Leon nicht den Eindruck, dass der Fremde daran zweifelte. »In der Regenzeit verirrt sich selten ein Fremder hierher. Doch seit John Huston oben in den Bergen dreht, ist das alles ein bisschen anders. Sind Sie Schauspieler oder so was Ähnliches?«
»Nein, ich bin Reporter.«
Der Amerikaner ließ Leon im Unklaren darüber, was er von dieser Profession hielt. Unterdessen betrat ein weiterer Gast die Lobby. Er trug eine Ledertasche, wie Leon sie manchmal bei seinem Vater gesehen hatte. Diesmal geriet die Tür hinter der Rezeption sofort in Bewegung. Ein schnauzbärtiger Dickwanst mit Augen wie Pingpongbällen stürmte dem Gast entgegen. Er legte ein Tempo vor, das bei seiner Leibesfülle nicht zu erwarten gewesen war. Mit ausgebreiteten Armen lief er dem Gast entgegen, schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das Leon je unter einem Schnurrbart gesehen hatte, und zog ihn an seine Brust. Es folgte ein Schwall freundlicher Bemerkungen, in dem im Fünfsekundentakt die Wörter «mi amigo» vorkamen. Dann löste er die Umarmung, um wie wild die rechte Hand des anderen zu schütteln und zeitgleich mit der linken auf dessen Oberarm zu schlagen, als gelte es, den Staub aus seiner Kleidung zu klopfen. Sein Gegenüber schien mit dieser Zeremonie bestens vertraut und tat es ihm gleich. Wie auf Kommando wechselten sie plötzlich den Griff, umfassten gegenseitig die Daumen und schüttelten weiter, um sich kurz darauf erneut zu umarmen. Die Prozedur dauerte bereits eine knappe Minute.
»Sie nennen das abrazo«, erklärte Leons neuer Bekannter. »Wenn sich in Mexiko zwei Männer treffen, demonstrieren sie den anderen gern, was für gute Freunde sie sind. Soll heißen: Seht mal her, gegen uns kommt ihr nicht an. So etwas gibts auch bei Tieren. Schimpansen zum Beispiel ziehen sich gegenseitig an den Hoden.
Leon amüsierte der Vergleich. Inzwischen war er ganz froh, hier einen Landsmann getroffen zu haben. »Sie kennen sich gut aus«, stellte er fest. »Sind Sie schon lange hier?« Der Kaktusbart nickte. »Jedenfalls lange genug, um rauszufinden, dass unsere Nachbarn ein ziemlich sonderbares Völkchen sind.« Dabei zeigte er auf den weit geöffneten Eingang, vor dem es zu regnen begonnen hatte. »Sie lassen zum Beispiel bei Gewitter die Tür offen stehen, damit Jesus eintreten kann.« Sein amüsiertes Lachen ließ auf keine ausgeprägte Religiosität schließen. »Mexikaner sind gläubig. Amerikaner leichtgläubig«, versuchte Leon, einen Witz zu machen. »Mexikaner sind auch Amerikaner«, erwiderte der Fremde. »Sogar Nordamerikaner. Nehmen Sie ihnen das nicht auch noch weg.« «México es otro mundo», versuchte Leon seine Bemerkung zu relativieren. »Mexiko ist eine andere Welt.«
»Oh – Sie sprechen Spanisch!«
»Ein wenig. Ich habe eine Weile in Argentinien gelebt.« Für den Moment waren das genug private Informationen, dachte er sich. Wenn er seinen neuen Bekannten besser kennengelernt hatte, würde er ihm vielleicht noch erzählen, dass seine Eltern mit ihm von Berlin nach Buenos Aires und später nach Los Angeles gezogen waren, da Hitlers Machtergreifung eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich gemacht hatte. Leons Vater galt bereits damals als internationale Koryphäe. Also nahm er ein Angebot aus Kalifornien an. Leon war 17 Jahre alt und verliebte sich auf der Stelle in die entspannte, lässige Lebensart seiner neuen Heimat. Vaters stolzes Salär als Chefarzt und das Erbteil aus Großvaters Firma, das man mit viel Glück nach Argentinien und später nach Amerika hatte hinüberretten können, ermöglichten der Familie ein wohlhabendes Leben.
Leons Eltern träumten davon, dass er an der »U.C.L.A.« Medizin studieren würde. Doch er hatte andere Interessen. Die meiste Zeit verbrachte er am Strand, trieb Sport oder saß in den Cafés, Diners oder Eisbuden am Sunset Boulevard. Erst als sein Vater damit drohte, seinen monatlichen Scheck zu sperren, meldete er sich am Journalisten-College an. Schon bald schrieb er Artikel für Zeitungen, meist für die Sportseite, manchmal auch über Partys und über das Leben der Reichen. Polizeireporter war er erst vor einem reichlichen Jahr geworden. Er streckte dem Amerikaner seine Hand entgegen, ohne einen ›abrazo‹ befürchten zu müssen. »Leon Borenstein. Und wie …?«
»Hier fragt man nicht nach dem Namen«, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort. »Das gehört sich nicht. Nennen sie mich Frank.« »Okay, Frank.«
»Lust auf ein Spielchen?« Frank deutete auf den Pooltisch im Fond des Raumes. Ein Prachtexemplar aus edlem Mahagoniholz mit kunstvoll geschnitzten Beinen, das in den Antiquitätenläden von Los Angeles ein Vermögen gebracht hätte. Hier stand er vergessen herum und wartete auf bessere Zeiten.
Leon zögerte nicht lange. Der Hotelier hatte ihm mit einem emotionslosen «Momento» signalisiert, dass es noch etwas dauern würde, bis er hier zu einem Zimmer käme. Später würde er es noch zu einem «Momentito» verniedlichen. Billard war eine gute Gelegenheit, um die Zeit totzuschlagen. Vielleicht konnte er seinem auskunftsfreudigen Mitspieler nebenbei noch die eine oder andere Information entlocken. Er klärte Frank darüber auf, dass er ein lausiger Spieler sei, griff sich Queue und Kreide und brachte sich für den ersten Stoß in Position. Frank gab zu, dass er Fremde gern um ein paar Dollar abzockte. Er ließ sie die erste Runde gewinnen und holte sich später den Einsatz doppelt und dreifach zurück. Mit Leon wolle er gar nicht erst um Geld spielen, weil er denke, dass er ein guter Kerl sei. Während der noch darüber nachdachte, welchem Umstand er dieses Urteil zu verdanken habe, versenkte Frank bereits die ersten drei Kugeln. »Schauen Sie sich das gut an, hombre, hier können Sie was lernen«, lobte er sich.

»Davon bin ich überzeugt«, antwortete Leon. Frank erwies sich als wahre Billardmaschine. Er umkreiste den Tisch in atemberaubender Geschwindigkeit und schickte die Bälle mit Nachdruck in die Taschen, fast so, als gelte es, einen Rekord zu brechen. Sein Blick erfasste alle Kugeln gleichzeitig. Selten benötigt er länger als eine Sekunde, um eine Entscheidung zu fällen. Wenn er den richtigen Platz gefunden hatte, ging er leicht in die Knie, bis er mit seinem Ziel auf Augenhöhe war, und schritt ohne langes Zögern zur Exekution. Meist feierte er seine Stöße mit einem schrillen Juchzen oder fischte nach Komplimenten. Nebenbei philosophierte er über Mexiko und prophezeite Leon, dass er hier, wie er sagte, die reizendsten Herrlichkeiten und die größten Dummheiten auf einem Haufen finden könne. »Das Schönste und das Hässlichste, das Tollste und das Erbärmlichste – hier sehen Sie alles. Sie müssen nicht mal lange suchen. Mexiko schmeißt es Ihnen einfach vor die Füße.« Leon dachte gerade über einen besonders schwierigen Ball nach, den er scharf über die rechte Bande spielen musste, als Frank auf den Film zu sprechen kam. »Ich muss schon sagen, ich bin ziemlich gespannt darauf, was Huston da oben so anstellt. Haben Sie das Buch gelesen?« »Sie meinen ›Der Schatz der Sierra Madre‹?« »Klar. Ich denke, deswegen sind Sie doch hier.« »Um ehrlich zu sein … bisher noch nicht. Mir geht es eigentlich nur um Humphrey Bogart«, behauptete Leon, ganz wie Stainer es von ihm verlangte. »Es ist das erste Mal, dass er im Ausland dreht. Darüber will ich schreiben.« Frank zog die Brauen hoch und nickte dann auf unergründliche Weise. Dann legte er den Queue zur Seite und angelte nach einer bauchigen Flasche, dessen Korken er unter einiger Kraftanstrengung entfernte. Zugleich zauberte er aus einer schweren Holztruhe zwei Gläser hervor, die er bis zum Rand füllte. Nachdem er Leon eines davon gereicht hatte, präsentierte er seine Kurzversion der Geschichte. »Drei Taugenichtse kratzen ihre letzten Kröten zusammen, ziehen hoch in die Sierra und finden tatsächlich Gold. Sie bauen ein kleines Bergwerk auf und schuften rund um die Uhr. Immer das große Geld vor Augen. Nichts scheint sie aufzuhalten. Sie überstehen sogar einen Banditenangriff.«
Leon nippte an seinem Getränk, das sich als starker, würziger Cognac entpuppte. Frank hatte unterdessen bereits wieder ein paar Kugeln vom Tisch befördert, dann erzählte er weiter. »Letztlich scheitern die drei, weil sie zu gierig werden und keiner dem anderen vertraut. Am Ende wird der Goldstaub vom Wind zurück in Richtung Sierra geweht. So als würde sich die Natur zurückholen, was ihr gehört. Tolle Geschichte, wie gesagt. Dieser Huston hat einen guten Riecher.«
Franks Detailkenntnis überraschte Leon. »Haben Sie auch etwas über diesen merkwürdigen Typen gehört, der das Buch geschrieben hat? Er heißt Traven oder so ähnlich.«
Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als sei Frank bei der Erwähnung des Autorennamens zusammengezuckt.
»Was soll mit ihm sein?«, antwortete er betont beiläufig. »Niemand weiß genau, wer dahintersteckt«, versuchte Leon das Thema am Leben zu halten. »Es heißt, der Name sei nur ein Pseudonym.« »Man hört ganz unterschiedliche Dinge«, sagte Frank, während er sorgfältig die Spitze seines Spielgeräts mit Kreide versah. »Er soll ein österreichischer Erzherzog sein, der in Europa Dreck am Stecken hat und sich deshalb seit Jahren in Mexiko versteckt hält.« Leon erweiterte in Gedanken die Liste der möglichen Identitäten Travens um eine weitere Position. »Aber wissen Sie was: Es ist mir gleich, wer er ist. Mir reicht das, was er schreibt.« Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Frank beendete das Spiel und verabschiedete sich plötzlich mit dem Hinweis, er habe noch wichtige geschäftliche Dinge zu erledigen.

Unterdessen brachte der asiatische Zwerg Leons Zimmerschlüssel und hielt wie selbstverständlich die Hand für ein Trinkgeld auf. Ohne eine kleine «mordida» ging in Mexiko keine Dienstleistung vonstatten, darauf hatte ihn Frank bereits vorbereitet. Leon zahlte und trug sein Gepäck nach oben. Bei seiner Unterkunft handelte es sich um eine kleine Stube mit einem Bett, dessen Matratze nicht viel dicker war als die Baumwolldecke, die sie bedeckte. Dennoch ließ er sich erleichtert fallen und schlief schnell ein.
Gegen Mitternacht wachte er wieder auf. Auf dem Flur war Musik zu hören, so als hätte sich dort ein ganzes Mariachi-Orchester versammelt. Der Nachtportier 32 schnarchte, während sein Radio in voller Lautstärke dröhnte. Draußen flackerte die defekte Neonreklame. Leon verzichtete auf den Versuch, bei diesem Lärm wieder einzuschlafen. Er kramte in seiner Reisetasche, bis er das Buch fand, das Stainer ihm mitgegeben hatte. »Der Schatz der Sierra Madre«, sprach er laut zu sich selbst und begann zu lesen:

Die Bank, auf der Dobbs saß, war keineswegs gut. Die eine Latte war herausgebrochen, und eine zweite Latte bog sich nach unten durch, darum konnte man recht gut das Sitzen auf dieser Bank als Strafe empfinden. Ob er diese Strafe verdient habe oder ob sie ungerecht über ihn verhängt worden sei, wie die Mehrzahl der Strafen, die verhängt werden, darüber dachte Dobbs in diesem Augenblick gerade nicht nach. Die Gedanken, die Dobbs beschäftigten, waren dieselben, die so viele Menschen beschäftigten. Es war die Frage: Wie komme ich zu Geld?

Leseprobe: Kai Wieland – „Ameehrikah“

Memory can change the shape of a room, it can change the color of a car. And memories can be distorted. They´re just an interpretation, they´re not a record, and they´re irrelevant if you have the facts. – Leonard Shelby, Memento

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt. Dabei ist es ein Dorf mit einer einstmals passablen Infrastruktur. Auch heute noch gibt es eine Bushaltestelle, eine Schule und sogar ein Freibad, allerdings erfüllen sie alle nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck, wie so vieles an diesem Ort. Das alte Schulgebäude zum Beispiel hat schon lange keine Schüler mehr gesehen, es wird lediglich dann und wann für eine der seltenen Begräbnisfeiern genutzt. Selten nicht deshalb, weil hier alle so lange leben, sondern ganz einfach deshalb, weil fast alle schon tot sind. Wahrscheinlich handelt es sich um den Ort mit den meisten Suizidfällen pro eintausend Einwohner Deutschlands, wenngleich hier noch niemals eintausend Menschen zur selben Zeit gelebt haben. Deshalb, oder vielleicht auch, weil hinter dem einen oder anderen Suizid ein Fragezeichen steht, taucht das Dorf in keiner derartigen Statistik auf. Kritische Ausschläge werden eliminiert. Und die Kinder? Kinder werden geboren, aber sie verschwinden, und den Alten wird nicht gesagt, wohin.
An einem Tag, der so beginnt wie alle Tage, nämlich mit Nebel und dem Geschrei der Krähen, kommt ein junger Mensch, ein Chronist, in dieses Dorf und erzählt den Alten von dem Buch, das er schreiben möchte. Er muss an vielen Fensterläden rütteln, bis er einen findet, der nicht glaubt, er wolle nur etwas verkaufen.
Wer durch den Rillingsweg oder den Erlenweg geht, dem fallen zwei Dinge auf. Erstens: Es gibt im Dorf nur diese beiden Straßen. Zwei Straßen und zwanzig Häuser, einige davon leerstehend, machen Rillingsbach zu einem guten Ort für einen Briefträger. Und zu einem schwierigen Ort für den Chronisten. Zweitens: Eine der beiden Straßen ist auch noch eine Sackgasse. Und doch braucht es manchmal nicht mehr, um sich zu verlaufen.
Ansonsten sieht man vor allem rissiges Fachwerk, geschlossene Fensterläden, rostiges Ackergerät, hohes Gras, leere Kaugummiautomaten und, wie der Chronist die Liste mit doppelter Unterstreichung beschließt, jede Menge Tristesse. Die Tatsache, dass es in vergangenen Tagen, als die Menschen noch Urlaub in der Region machten, auch ein Hotel gab, macht den Chronisten neugierig. Was könnte in einer Broschüre für das Naherholungsgebiet Rillingsbach gestanden, womit könnte es geworben haben? Was auch immer es war, aus dem Dreisternehotel wurde bald ein Zweisternehotel, dann ein Restaurant, dann ein Vereinsheim für den örtlichen Kegelclub und schließlich, und so ist es bis heute, eine Kneipe.
Man kann nicht behaupten, dass sich Martha, die alte Boizerin, überarbeiten muss. Wer sich einmal in der Gegend befindet, obwohl sich natürlich die Frage stellt, was außer einem melancholischen Verlangen nach Einsamkeit einen Ortsfremden dorthin verschlagen könnte, der sollte ihr unbedingt einen Besuch abstatten, bevor es zu spät ist. Nicht mehr viele Orte überdauern lange genug, um sich Attribute wie „rustikaler Charme“ oder „uriges Ambiente“ zu verdienen – redlich zu verdienen – aber Marthas Kneipe, der Schippen, gehört dazu. Eine kleine, aber treue Stammkundschaft trägt daran einen maßgeblichen Anteil.
Der Chronist schätzt Menschen, die Schilder um den Hals tragen. Alfred aus dem Erdgeschoss, 83 Jahre alt und trotzdem nie gelernt, den Mund zu halten. Lektionen gab es genug. Hilde, die Wilde. Hilde, die Junge. Frieder, der dem Vater so gleicht. Jeder könnte hier etwas über den anderen sagen, und tut es auch, an diesem Ort, an dem jeder jeden kennt, niemand kommt und keiner jemals geht. Und dann fragt der Chronist, wie es früher war. Misstrauen, Unverständnis, Spott. Sie erzählen schon, aber dieses und jenes, hier etwas dazu, da etwas weg. Geliefert wie bestellt. Die Alten sind vorsichtig geworden.
Der Schippen wurde in den Zwanzigerjahren von Marthas Großvater auf drei Stockwerken errichtet und verfügte anfangs über einen Speisesaal, einen Schankraum und acht identisch ausgestattete Zimmer mit Toilettentisch und Aussicht auf das unstete Wetter. Im Erdgeschoss gab es einen Aufenthaltsraum mit einer kleinen Bücherei, gemütlichen Sitzmöbeln und einem Schallplattenspieler inklusive einer Auswahl an orchestraler Musik. In den Dreißigern feierte das Hotel seine Glanzzeit und erwarb sich in ganz Süddeutschland einen formidablen Ruf, ehe der Krieg den Höhenflug jäh beendete.
Etwas ist natürlich zu berücksichtigen, wenn sich der Chronist an dem hochgeschossenen, kunstvoll gestalteten Hotelgebäude verlustiert. Wenn er das kräftige Schwarz des Fachwerks hervorhebt oder die moderne Einrichtung, auch das junge, frische Publikum und überhaupt alles, was daran ist und vielleicht einmal daran war.
Wenn er die munter flirrenden Stimmen im Gastraum einfängt, sie sorgfältig protokolliert und ausbreitet, dann tut er es stets so, wie ein Blinder ein Bild malt. Jemand beschreibt es ihm, er hört bloße Begriffe, roh, unvollkommen und ohne Zusammenhang. Er sammelt sie zunächst auf seiner Palette, reichert sie dort an mit seinen Erfahrungen, bis sie den Farbton treffen, den seine Fantasie vorgibt, und dann malt er das Bild, so schön er es nur kann. Ein Bild, wohlgemerkt, keine Fotografie.
Heute, knapp sechs Jahrzehnte später, summt bloß noch die Kneipe im Obergeschoss, während die beiden Wohnungen in den Etagen darunter im besten Falle für ein wenig Wäsche auf der Leine im Garten sorgen. Im ersten Stock, in vier exakt gleich großen Zimmern mit einem flauschigen roten Teppichbodenflur dazwischen, wohnt Martha. Sie residiert darin wie ein Gast und ist zugleich ihr eigenes Zimmermädchen. Der Chronist verspürt das dringende Bedürfnis, den Zustand des Badezimmers zu begutachten. Im Erdgeschoss lebt Alfred, einer von Marthas treuesten Stammgästen, und lässt ungern Besuch herein.
Im verwinkelten Gastraum unter der Dachschräge stehen zwei kleine, wackelige Sperrholztische vor jeweils einer modrig riechenden Eckbank. Die gesamte Mitte des Raumes nimmt ein großer, runder Tisch aus dunkler Eiche ein. Acht Personen haben an diesem Platz, es ist ein Stammtisch, ideal zum Gaigeln und, den Kratzern und Kerben nach zu urteilen, auch für andere Formen des Glücksspiels. Den Tresen säumen dreibeinige Barhocker von unterschiedlicher Machart und aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Eine Chronik aus Holz.
Voll wird es hier nur nach Beerdigungen und während der Fußballweltmeisterschaft. In der restlichen Zeit fangen vergilbte Fotografien an den Wänden den Staub, und ein zerrupftes, rostrotes Fell unklaren Ursprungs erinnert an ein wilderes Schwabenland. Über dem Tresen schließlich hängt wie die Katarakt eine ausgebleichte amerikanische Flagge, doch ohne Wind wirkt sie beinahe scheu.
Bei aller Schilderung des Verfalls wäre es allerdings falsch anzunehmen, Rillingsbach sei zu irgendeinem Zeitpunkt ein blühendes und anziehendes Zentrum des lokalen gesellschaftlichen Lebens gewesen. Schon immer ein abgelegenes Provinznest, kamen von den wenigen Touristen abgesehen – die sich ohnehin meist außerhalb des Dorfes aufhielten, im Rillingsbacher Weiher badeten oder die endlosen Waldwege entlang wanderten – schon damals kaum Leute in den Ort, die nicht von hier waren. Die Behauptung, das Dorf sei nach und nach verfallen, lässt sich zwar nicht ganz von der Hand weisen. Ebenso berechtigt wäre aber der Schluss, es habe sich lediglich seinen Charakter bewahrt. Mit Martha kann man diese Frage kaum diskutieren, schließlich ist sie immer hier gewesen. Sie würde die Veränderungen nur dann bemerken, wenn sie auf die entsetzlich dumme Idee käme, heute und damals zu vergleichen. Sie wuchs als jüngstes Kind gemeinsam mit ihren Brüdern Heinz und Erhardt in Rillingsbach auf und hat ihr Elternhaus, den Schippen, nie verlassen. Einige im Dorf behaupten sogar, sie habe sich in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Mal außerhalb der Markung Rillingsbach aufgehalten, und zwar am Tage ihrer Geburt im Murrhardter Krankenhaus. Sie hat miterlebt, wie aus dem Dreisternehotel ein Zweisternehotel wurde, dann ein Restaurant und ein Vereinsheim. Den letzten, ohnehin nicht mehr allzu großen Schritt hin zu einer Kneipe hat sie selbst vollzogen. Wer sein Leben lang nur den wirtschaftlichen Abstieg kennt und es gewohnt ist, in regelmäßigen Abständen die Ansprüche herunterzuschrauben, der verliert naturgemäß das Vertrauen in den eigenen Riecher und wählt den Weg des geringsten Widerstands. Dieser Weg schrieb Martha vor, unverheiratet und kinderlos zu bleiben und überhaupt Veränderungen nur im Rahmen des absolut Notwendigen zuzulassen. Infolgedessen weiß Martha über sich selbst zunächst nicht viel mehr zu sagen, als dass sie ihr Leben lang Getränke ausschenkte und einer Generation von Rillingsbachern nach der anderen an den Tisch trug. Ob sie dabei wie zu Anfang im Speisesaal eines Dreisternehotels stand oder wie heute in einer Kneipe, scheint auf den ersten Blick höchstens dokumentarische Bedeutung zu haben. Auf den zweiten aber, sofern man gewillt ist, diesen Blick zu tun, vielleicht auch eine Spur von Symbolik, und zwar für den fatalen Lauf der Dinge im Dorf. Dass Martha nicht viel über sich zu sagen hat, bedeutet nämlich keineswegs, dass es nichts zu erzählen gäbe.
Mit einer solchen Erzählung beginnt man normalerweise ganz am Anfang. In diesem Fall ist das kaum möglich, denn woran erkennt man den Anfang einer Erinnerung, die einem gar nicht gehört?
Schon die Gründung Rillingsbachs fällt ins Dunkel der Geschichte. Als gesichert gilt lediglich, dass die Ortschaft nach dem durchfließenden, schmalen Bächlein benannt wurde und nicht etwa umgekehrt. Das muss notwendigerweise so gewesen sein, da der Name Rillingsbach dem nahen Rillingsweiher entliehen wurde, in welchen dieser mündet. Namensgebend für den Weiher wiederum war, offenbar von Linguisten zweifelsfrei nachgewiesen, der Rietling. Der Strom entspringt im Süden, in der Nähe von Schorndorf, und passiert die Region im wenige Kilometer entfernt gelegenen Ort Rietstetten, wo er im Frühjahr häufig Überschwemmungen verursacht. Kurz und gut, die Namensgebung muss vom Rietling, dem großen Strom, über den Rillingsweiher und den Rillingsbach hin zum Namen des Dorfes erfolgt sein.
Das Interesse der Rillingsbacher, und nebenbei gesagt auch das des Chronisten, an derlei Fachgeplänkel hält sich in Grenzen. Alfred oder Hilde kann man damit nicht in Staunen versetzen oder einen Willi aus den Rippen leiern. Außerdem wäre, wenn man sich schon damit beschäftigte, da ja noch immer die Frage nach dem Namensursprung des Rietlings, und wo soll das enden?
Das kollektive Gedächtnis des Dorfes umfasst aufgrund des Mangels an einem Archiv und der Abwesenheit eines ambitionierten, an Fakten orientierten Chronisten nur etwa drei Generationen, alles davor ist Fabel und Sage. Dabei stellt sich die berechtige Frage, wie lückenlos eine solche Erinnerung überhaupt ist, und wie geeignet als Grundlage für die Chronik eines Dorfes. Auf der anderen Seite: Wie lückenlos ist ein Archiv voller Ordner und Blätter, und sei es noch so sorgfältig geführt? Erinnert sich ein Archiv an die bunten Tage im Herbst, als Alfreds neuer Alfa Romeo erstmals in den Erlenweg einbog und die gefallenen Blätter durch die feuchte, schwere Luft wirbelte? Hat ein Archiv noch den kreischenden Gesang der Sirenen im Ohr, und den grauenhaften Lärm, als eine Bombe der Royal Air Force krachend in die Scheune der Familie Winkler einschlug? Kann ein Stammbuch, eine Urkunde oder selbst eine Fotografie diese Dinge begreiflich machen? Kann ein Archiv die Augen schließen und sich noch einmal vorstellen, wie Erhard Tränen über die Wangen kullerten vor Lachen, als Heinz beim Eselreiten in die Büsche galoppierte?
Das jedenfalls sind die Dinge, an die man sich im Schippen erinnert, wenn einer danach fragt, wie es hier früher gewesen ist. Und ob der Esel nun wirklich haselnussbraun war oder doch eher grau, ob Erhard wirklich sechsmal in die Brombeersträucher fiel oder bloß zweimal, was macht es schon? Der Chronist interessiert sich nicht für Details, er sucht Tendenzen und Muster. Er fragt vor allem nach den unschönen Geschichten, den schmutzigen, denen mit Schuss. Da werden sie im Schippen misstrauisch, still und wortkarg, und packen die bunten Geschichten ganz schnell wieder ein. Die Bewohner von Rillingsbach waren es immer selbst, die einander das Leben füllten. Für die meisten ist das Dorf alles, was sie je gekannt haben, und wenn man Martha fragt, so waren sie alle gute Menschen, egal, was passiert ist. Das heißt allerdings nicht, dass man die anderen Geschichten nicht zu hören bekommt. Es heißt nur, dass man anders nach ihnen fragen muss.

Kapitel 1

Das vorige Jahr war immer besser. – Schwäbisches Sprichwort

„Eine Erinnerung“, so liest es der Chronist auf Wikipedia, „ist das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen und entspringt dem episodischen Gedächtnis.“ Der kanadische Psychologe Endel Tulving fasste es folgendermaßen zusammen: „Das episodische Gedächtnis ermöglicht also den Abruf vergangener Erfahrungen, die in einer bestimmten Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt gebildet wurden. Es ist zur mentalen Zeitreise sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft fähig.“
Eine Zeitreise sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft.
Ein neuer Versuch. Wo beginnt man die Geschichte einer Dorferinnerung, wenn man kein Teil derselben ist? Vielleicht bei der Brücke, bei den Menschen, die den Zugang gewähren. Zum Beispiel bei Martha. Heute dünnes, graues Haar, aufgesteckt zu einem Dutt, trotz ihres Alters noch gute Augen, jeden Tag ein Kreuzworträtsel, ein aufrechter Gang, da rutscht nichts vom Tablett, eine feine, aber immer etwas zu leise Stimme, insgesamt dreimal in Lebensgefahr. Das erste Mal am Tag ihrer Geburt, als sie ihrer Mutter, der Anna, so große Mühe bereitete. Bald darauf musste Anna dann auch gehen, so viel Kraft hatte dieses quere Kind sie gekostet. Und da fällt der Groschen, warum Martha nicht auch noch einen Ehemann in ihrem Leben brauchte, wo es doch schon drei Männer gab, die sie ganz allein versorgen musste. Das zweite Mal an jenem Tag, an dem Teile der Winklerscheune mit Getöse durch die Winternacht stieben und auf das Dorf niederregneten. Nicht Hunde und Katzen, aber Holz und Blut und Rindfleisch und Bomben hagelte es. Die Lebensgefahr hatte Martha aber nicht exklusiv, alle zitterten damals gleichermaßen in ihren Kellern, während sie den Schlägen auf den Dächern lauschten.
Beim dritten Mal ging es um Erwin. Um den kommt man nicht herum, wenn man im Schippen über die Vergangenheit spricht. Je nachdem, wen man fragt, war der ein Unmensch oder ein Psychopath. In beiden Fällen hätte man ihn wohl nicht unbedingt mit einem Kind allein lassen sollen. Wenn er möglicherweise schon vor dem Krieg ein wenig eigen war und zum Jähzorn neigte, Charakterzüge, die er allerdings mit vielen Rillingsbachern teilte, so kam er vollends durchgeknallt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Was genau er in den Jahren zuvor erlebt hatte, wusste man nicht, schon weil keiner danach fragte. Anders als sein besonnener Bruder Hans hatte Erwin auch niemals Briefe geschrieben, sodass selbst seine Eltern nicht wussten, wo er kämpfte und ob er überhaupt noch lebte.
Andererseits ist die Idee, der Krieg könnte ihn zu einem unberechenbaren Gewaltmenschen gemacht haben, nur eine Theorie. Es ist durchaus möglich, dass diese Entwicklung von Anfang an unvermeidlich gewesen war, ganz gleich, unter welchen Umständen. Er hatte etwas in seinem Kopf, dass da nicht hingehörte, aber nach und nach aufging und sich an die Oberfläche arbeitete wie ein Kartoffeltrieb, der zum Licht strebt und, sofern welches da ist, es auch findet. Schon seit der Kindheit war er seinen Mitmenschen nicht geheuer, das galt sogar für Mutter und Vater. Er tat Dinge, für die an einem Ort wie Rillingsbach kein Platz war. Die Freude seiner Eltern, als endlich einer der beiden Söhne aus dem Krieg zurückkehrte, war verhalten. Es war kein Geheimnis, dass sie lieber Hans in die Arme geschlossen hätten, und wenn sie nicht schon am Tag von Erwins Rückkehr so dachten, dann war es einige Tage später mit Sicherheit der Fall.
Während der ersten Wochen in der Heimat machte Erwin den Menschen so viel Ärger wie ein verregneter Sommer. Er stahl Hühner und Werkzeuge, ersäufte Hundewelpen und zündelte, bis es den Leuten irgendwann mulmig wurde, zu Bett zu gehen. Jemand hielt es für eine gute Idee, ihn zum Kopfschlächter auszubilden. Mit diesem Beruf, den mehr oder weniger die Hälfte der männlichen Dorfbewohner ausübte, hoffte man ihm eine Arbeit gegeben zu haben, bei der er seine Verrücktheiten ausleben und die restliche Zeit ein wenigstens halbwegs erträgliches Gemeindemitglied sein konnte. Diese Rechnung ging nur teilweise auf.
Unter all den Kopfschlächtern war er nämlich der einzige, der seine Messer mit in den Schippen brachte und zu den unmöglichsten Gelegenheiten vorzeigte. Er führte sie so selbstverständlich mit sich, als seien es angeborene Gliedmaßen. Während er in der einen Sekunde noch vollkommen ruhig und regungslos am Stammtisch saß und Karten spielte, konnte er schon im nächsten Moment seinen Ausbeiner hervorziehen und ihn vor Martha in den Tisch rammen, wenn sie ihm sein Daumenschorle hinstellte, ohne dabei ihren Daumen wie von ihm gefordert ins Glas zu tunken. Eine filmreife Vorstellung war auch, wie Erwin am Sonntagmorgen vor der Kirche saß und die Messer wetzte, dabei leise ein Kinderliedchen summte und Pfarrer Holzknecht sein breitestes Grinsen schenkte. Eine Zeit lang rätselten die Leute, wen er damit wohl verärgern oder herausfordern wollte. Aber zuletzt fand man sich damit ab, dass es eben diese Art von Wahnsinn war, die Erwin ausmachte, und in gewisser Weise musste man wohl auch dafür Gott dankbar sein. Von innen gesehen hat Erwin die Kirche allerdings nie.
Später, als sie es sich trauen konnte, behauptete seine Gattin Maria, dass er vor dem Schlafengehen sogar ein Messer unter die Matratze geschoben habe. Und manchmal, wenn sie nachts aufwachte, konnte sie dann hören, wie er an den Bettpfosten schnitzte.
„Erwin, was hast du denn da am Bettpfosten zu schaffen?“, fragte sie ihn dann ängstlich, woraufhin er meistens nicht antwortete. Manchmal aber antwortete er doch und murmelte etwas wie: „Was fragst du so blöd. So blöd haben sie auch mal den Heinrich gefragt. Frag nur weiter so blöd, wie die Anna und die Katharina, so blöd haben die auch gefragt“, oder: „Ich hab am Sonntag wieder den Teufel gesehen, der ist hier im Dorf unterwegs, sitzt vor der Kirche und lacht wie ein verrücktes Rind. Kannst den ja mal fragen nach seinem Werk, vielleicht weiß der dir Antwort, wenn du es dann noch wissen willst.“ Wenn er solche Dinge sagte, ließ man ihn besser weiter schnitzen.
Maria hatte er aus Cornwall mitgebracht. Sie war die Tochter eines emigrierten deutschen Arztes und einer Engländerin, und warum sie sich ausgerechnet auf Erwin eingelassen hatte, dieses schöne, grünäugige Kind, ist Stoff für Legenden. Vielleicht war sie einfach nur eine Art Beute. Seine persönliche Garantie dafür, dass dieser Krieg nicht ganz vergebens gewesen war, obwohl ihn die Politik und das Leben im Grunde gar nicht besonders zu beschäftigen schien. Nach allem, was man wusste, kannte er kein Bedauern.
Erwins Eltern starben beide im Dezember 1946, nur wenige Monate nach seiner Heimkehr. Zu Weihnachten in jenem Jahr besaßen Maria und er plötzlich einen eigenen Hof, acht Rinder, einige Schweine, einen Stall Hühner, vierzig Ar Ackerland und einen viertel Hektar mit Streuobstwiesen, sowie jede Menge Platz, um eine glückliche Familie zu gründen. Das sind Hildes Worte.
Eine glückliche Familie zu gründen.
Drei Punkte im Raum. Poster, Martha, Regen am Fenster. Der Chronist verzichtet darauf, es zu dokumentieren, man würde es für einen Scherz halten.
Es zwickt die Rillingsbacher, man kann es spüren. Es zwickt sie, wenn sie versuchen zu verstehen, wie ein durch und durch schlechter Mensch wie Erwin so unverdient viel Glück haben und doch so undankbar wenig daraus machen konnte. Hätte man Erwin gefragt, ob diese Dinge für ihn Glück bedeuteten, wäre die Antwort möglicherweise eine andere gewesen. Des einen Glück, des andern Strick. Aber daran hatten sich die Menschen gewöhnt. Er sagte nur sehr selten etwas, mit dem man vorbehaltlos einverstanden sein konnte, ohne sich wenigstens im Stillen seinen Teil dazu zu denken. Außer Maria hielt es keiner lange bei ihm aus, und selbst sie schien immer ein bisschen auf der Flucht zu sein.
Sogar Männer, die etwas darstellten im Dorf, Männer wie Gottlob und Wilhelm, wahrten vorsichtshalber Abstand. Ein einziges Mal geriet Wilhelm mit ihm aneinander, genau hier, im Schankraum des Schippen. Jeder erinnert sich, selbst jene, die gar nicht dabei waren. Damals saßen sie am Tresen, so wie heute der Chronist, nur die Stühle waren weniger fleckig und keine Radiomusik zu hören. Erwin hockte dort, wo Hilde nun sitzt, und Wilhelm dort, wo Frieder sitzt. Ein Bild, keine Fotografie. Hotelgäste waren, wie so oft in jenen Tagen, keine zugegen, nur die Kopfschlächter tranken in dieser Nacht, und so kam es dazu, dass Wilhelm sang. Gottlob hatte ihn nämlich einmal darum gebeten, das bleiben zu lassen, solange Gäste da waren. Jetzt aber stimmte Wilhelm, der es gewohnt war, dass man ihn hörte, mit feierlicher Stimme an: „Ob´s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht.“ Schnell war der Chor auf fünf, sechs, sieben Männerstimmen angeschwollen, da schrie Erwin, der etwas abseits am anderen Ende der Theke saß, lauter als aller Sänger Gesang zusammen:
„Linzner!“
Da war aber Ruhe. Wilhelm, groß und mit Bauch, schätzte es gar nicht, wenn man ihn unterbrach, noch dazu so unziemlich beim kameradschaftlichen Gesang. Lange hatte das keiner gewagt. Aber Erwin war selbst Soldat, deshalb wollte Wilhelm ausnahmsweise fünf gerade sein lassen. Nur, dass Erwin noch gar nicht fertig war.
„Wo hat´s denn gestürmt, Linzner? Und geschneit? In der Scheune, auf dem Heuboden? Oder in der Sonne-Post unten in Murrhardt, beim Schorle saufen und Kameraden bespitzeln, hat es da vielleicht geschneit?“
Und plötzlich war die Ruhe wieder davon, gewissermaßen von der Unruhe vertrieben. Nervöse Blicke nach links und rechts, keiner hatte Lust auf das, was nun zwangsläufig folgen musste. Niemand mag Unruhestifter, am wenigsten dann, wenn es gerade gemütlich zugeht. Um der Ruhe Willen kann man doch auch einmal zurückstecken, kann jemanden mal ein bisschen Unsinn quasseln lassen, es geht doch vorbei und am Ende bleibt alles beim Alten. Nicht in fünfzehn Jahren hatte jemand so etwas zu Wilhelm gesagt, nicht immer nur um des Friedens willen, aber unter anderem. Erwin brauchte man mit so einem Argument freilich gar nicht erst zu kommen, denn Ruhe war für den kein Wert. Wilhelm war zunächst sprachlos, sammelte sich dann aber und setzte zur Predigt an.
„Hör mir jetzt mal gut zu, Junge. Du warst an der Front, schön und gut. Aber vergiss mal nicht, die SS…“ Da schlug Erwin mit der Faust auf den Tresen, das hundert Gläser schwankten und wackelten, und das Klirren ließ Gottlob Böses ahnen. Er sah schicksalsergeben nach oben zur Vitrine, in Erwartung eines Scherbenregens. Aber das war der Teil des Abends, an dem sie alle Glück hatten.
„Willst du mir von der Schissstaffel erzählen, Linzner? Willst du mir was vom Krieg erzählen? Willst mir hier ein Liedchen trällern? Der Gottlob darf mir was erzählen, der war wenigstens an der Front. Aber was hat dein Verein denn gemacht? Hinter der Ostfront Dörfer angezündet und Weiber erschossen, im besten Fall. Dir muss doch zuerst mal einer beibringen, was Krieg bedeutet. Ich kann dir erklären, was das ist. Ich kann´s dir auch zeigen, gleich hier, gleich draußen vor der Tür. Komm nur mit, dann schlag ich deine Zähne einzeln in den Maibaum, gleich unter die Ami-Flagge. Schöne Helden seid ihr gewesen, drei Wochen hat sie gehängt, bis der Gottlob sie runter genommen hat. Und aus welchem Grund? Komm du mir nochmal mit Schnee und Sturm, dann schneid ich dir den Meckel rund, Herr Oberscharführer.“ So war Erwin, explosiv wie ein Minenfeld und ebenso unberechenbar. Wilhelm jedenfalls sang danach keine Lieder mehr im Schippen, und Gottlob räumte die Gläser in eine Vitrine in Bodennähe.
Erwins Anwesenheit war in der Regel mit Ärger verbunden. Was zum Teufel tat Martha also allein mit ihm im Schlachtraum? Sie weiß es nicht mehr und kann es sich auch nicht erklären. Sie mochte ihn eigentlich nicht besonders, wie sie mit einem scheuen Seitenblick auf Hilde zugibt, vor allem wegen der armen Hundewelpen. Vielleicht lag es daran, dass es so ein heißer Tag war, denn im Schlachtraum war es kühl. Sie lag an solchen Tagen gerne auf den kalten, weißen Kacheln und blätterte durch ein Bilderbuch oder spielte mit der Puppe, die ihr Anna hinterlassen hatte.
An diesem Tag auch? Falls ja, ist die Erinnerung daran verblasst gegenüber dem, was danach geschah. Immer, wenn sie sich zu erinnern versucht, ist Erwin schon da. Hinter ihr, über sie gebeugt, sein warmer Atem in ihrem Nacken, stoßweise und schnaubend wie der eines Stiers. Wie er sie anstarrte, als sie sich umdrehte. Er war kein hässlicher Mann. Bei dieser Bemerkung gluckst Hilde leise auf. Unbeirrt fährt Martha fort. Nein, überhaupt kein hässlicher Mann. Groß, stark, dunkles Haar und schwarze Augen. Narben an den Handgelenken. Als er aber von ihr verlangte, ihr Kleidchen auszuziehen, weigerte sie sich. Nicht aus Empörung oder Entsetzen, sondern einfach, weil sie keine Lust dazu hatte. Erwin stand vor ihr wie ein unbezwingbarer Berg, ein Berg mit braunen Hosenträgern, die ihm links und rechts von der Hüfte baumelten. Mit seiner riesigen Pranke, wieder bemerkte sie die Narben, strich er ihr über das Haar, hob einen der Zöpfe an und betrachtete ihn nachdenklich. Mit Nachdruck und in seiner ihm eigenen Art zu sprechen, schleppend, sich beinahe verschluckend, wiederholte er seine Aufforderung. Er kam näher, roch nach Arbeit, roch nach dem Blut unschuldiger Tiere, nach nassen Hundewelpen. Sie wich zurück, spürte aber sogleich die kalten Kacheln an ihren nackten Waden. Erwin streckte wieder die Hand aus, wieder zu ihren Haaren, wieder zu ihren Zöpfen. Martha zuckte nach links, zuckte nach rechts, zuckte nach links, und die langen Flechtzöpfe flogen ihr dabei um das Köpfchen. Da packte Erwin ebenjenes mit einer ruckartigen Bewegung, als fange er eine Stubenfliege, und schloss es zwischen seine rauen Händen ein wie in einen Schraubstock. Vor Wut oder Anstrengung zitternd, begann er langsam zuzudrücken. Ein unvorstellbarer Druck verdrängte alle Gedanken aus Marthas Kopf. Beinahe konnte sie hören, wie ihre Wangenknochen ächzten, sie klirrten wie vibrierendes Glas, und Martha schaffte es vor lauter Panik nicht, ihre Augen zu schließen. Wild wie ein Eber sah Erwin aus und presste geifernd und spuckend abgehackte Worte hervor:
„I…schneid dir…d´Nas…und…d´Ohra…vom Schädel…und schmeiß dich in…dr Weiher…wie an Welp!“
Und in diesem Moment, mitten hinein in die zitternde Stille ihrer entsetzten Gedankenlosigkeit, rief jemand laut und scharf Erwins Namen. Er verhallte dumpf in ihrem Schädel, der im Bersten begriffen schien, und sie erkannte vage die Stimme ihres Vaters. Augenblicklich lockerte Erwin seinen Griff, ließ Martha aber nicht los. Noch immer im Wahn, starrte er sie mit seinen weit aufgerissenen Augen an, während sich seine verzerrte Fratze langsam entspannte und einem dümmlichen Grinsen wich. Endlich gab er ihren Kopf frei und drehte sich zu Gottlob um, den Martha nun in der Tür stehen sah.
„Gottlob“, meinte er dann ruhig und richtete sich auf, „deine Martha, auf die würde ich besser aufpassen. So schöne, lange Zöpfe, wie die hat. Die sieht ja aus wie die Anna.“ Der runde, haarlose Kopf des Vaters glühte rot wie ein Glasklumpen an der Pfeife. Langsam trat er aus der Tür in den Schlachtraum und machte so den Weg frei für den großen, steifen Kopfschlächter. Der verstand und stapfte langsam über die blütenweißen Kacheln hinüber zur Tür. Vor dem Vater baute er sich auf, das breite Kreuz durchgedrückt, und richtete sich die Hosenträger. Er hätte dem kleinen, zehn Jahre älteren Gottlob auf den Kopf spucken oder noch ganz andere Sachen mit ihm machen können, das wussten sie alle beide. Trotzdem giftete Gottlob drauf los, zischte Worte, die Martha nicht verstand. Erwin ließ es regungslos über sich ergehen und sah stumm auf den Boden. Als Gottlob endlich fertig war, verharrten sie einen Moment lang schweigend und starrten einander an. Da lachte Erwin laut auf, klopfte dem Kleinen auf die Schulter und verschwand nach oben in den Gastraum, auf einen starken Klaren.
Gottlob atmete tief durch. Das weinende Töchterchen ratlos anblickend, überlegte er, was nun zu tun war. Zuerst einmal hob er die Puppe auf, die mit dem Gesicht nach unten auf dem kalten Boden des Schlachtraums lag. Dann nahm er das zitternde Kind auf den Arm, reichte ihr das Stoffspielzeug und versuchte sich als Tröster. Doch was sollte er ihr sagen? Etwa, dass Erwin ihr nie wieder weh tun würde? Das konnte er wohl kaum versprechen.
Spät am Abend, der Sturm rüttelte noch immer an den Fensterläden, fand Martha ihren Vater in der Werkstatt, wo er seine Flinte reinigte, wie er es von Zeit zu Zeit tat. Mit einer Schürze bekleidet stand er im Licht der Petroleumlampe an seiner Werkbank, das Laufbündel vorsichtig in den Schraubstock gespannt, und führte die kleine Nylonbürste ein. Still sah sie ihm zu, war gerührt von seinen liebevollen Berührungen mit dem kalten Metall, von der Sorgfalt, mit der er das Öl und das Fett abwischte. Überhaupt, so fand sie, ist ein Gewehr ein sehr aufregender Gegenstand. Ob er sie wohl einmal damit schießen ließe? Natürlich nicht auf ein Tier, sondern einfach nur so, zum Vergnügen.
„Warum reinigst du schon wieder die Büchse?“, fragte sie schließlich. „Das hast du doch erst gestern getan. Hast du heute etwas geschossen?“ Mit prüfendem Blick den gefetteten Vorderschaft einsetzend, antwortete er, ohne sie anzusehen: „Ja, ich musste einen Fuchs erschießen, er hing in der Falle. Der Lauf war gebrochen.“
Martha nickte verständnisvoll, obwohl sie solche Dinge erschütterten. Ihr Vater sprach davon, als sei es ganz normal. Als habe er dem Fuchs damit einen Gefallen getan. Eigentlich wollte sie ihn aber etwas anderes fragen, den ganzen Tag schon. Es ging um eine Sache, die Erwin gesagt hatte und die ihr seitdem nicht aus dem Kopf ging. Und zwar um Anna. Erwin hatte nämlich gemeint, dass sie, Martha, genauso aussehe wie die Anna. Ob das wohl stimmte? Zuvor hatte sie lange gezögert, der Vater sprach nicht gern über Anna, wurde dann erst wortkarg und schließlich ekelhaft. „Alle Kinder sehen aus wie ihre Eltern“, meinte er nur. Martha wusste, das stimmte nicht, wollte aber nicht widersprechen. „Also sehe ich so aus wie Mama?“ Da legte Gottlob den fettigen Lumpen zur Seite und sah sie über seine Brillengläser hinweg an. Er sah ulkig aus mit den Schweißperlen auf der Glatze und den Ölflecken im Gesicht. „Deine Mutter hatte blaue Augen und strohblondes Haar. Du hast meine braunen Augen, und dein Haar ist dunkelblond, fast braun.“
Martha verstand, was das bedeutete. Erwin hatte nur geredet. Sie alle redeten nur, hier im Dorf, immer und immerzu. Sagten Dinge zu sich, die nicht stimmten, nur um einander weh zu tun. Sie würde so etwas nie machen, das schwor sie sich. Niemals.
„Dein Näschen allerdings“, fuhr der Vater mit einem ungewohnten schelmischen Grinsen fort, während er sie an der Nase packte, „dein Näschen und dein Mund, und überhaupt dein Gesicht, und auch die glänzenden, langen Zöpfchen. Da denke ich manchmal, ich sehe die Anna. So schön wie sie bist du allemal. Und wenn du groß bist und nach Murrhardt ins Krankenhaus fährst, um ein Kindchen zu bekommen, dann werden die Ärzte denken: „Na, gibt es denn das, schon wieder die Anna. Die Anna mit ihrem Vierten!“
Es war gut gemeint, aber nicht sehr geschickt. Von Anna und dem Kinderkriegen zu sprechen, das beschwor keine schönen Bilder. Bis dahin hatte Martha sich nie Gedanken darüber gemacht, dass auch sie selbst eines Tages auf der Krankenbahre liegen, Schmerzen haben und vielleicht sterben musste. Nun allerdings kroch eine diffuse Angst davor in ihre jungen Glieder. Sie gab Gottlob einen flüchtigen Gutenachtkuss, stieg eilig die Treppen hinauf in ihr Zimmer und legte sich ins Bett zu ihrer Puppe, wo sie an diesem Abend noch lange wach lag und ungewohnten Gedanken nachhing, die um Anna, Babys, Gewehre, Füchse mit gebrochenem Lauf und Kopfschlächter kreisten. Auch Gottlob konnte noch nicht schlafen. Nachdem er die Büchse zusammengesetzt und sich gewaschen hatte, stellte er sich in die Küche, sah aus dem Fenster in die unnatürlich gefräßige, horizontlose Finsternis einer Nacht, die auf einen durchlittenen Tag folgt, und begann zu trinken.
Der nächste Morgen brachte Schneeregen, eisige Kälte und einen Schrei. Dieser entsprang einem kleinen Schuppen abseits des Dorfes, von wo er sich einen schlammigen, glitschigen Pfad hinaus aus dem Dunkel des Hochwaldes suchte und auch fand. Dann erklimmte er den grasigen Hang hinauf zu der Sackgasse im Erlenweg, dem er folgte, bis er schließlich im Rillingsweg angelangte, wo er lange und klirrend verharrte, als sei er eingefroren. Dem Schrei auf dem Fuße folgte Maria, weitere Schreie ausstoßend, die sich mit dem Urschrei vermengten. „Die späteren Schreie klangen kraftlos,“ ergänzt Alfred. „Blödsinn“, erwidert Hilde.
Natürlich war es einer dieser Tage, über die später jeder etwas zu sagen weiß, an denen jeder ein Chronist ist, was dem Experten seine Aufgabe empfindlich erschwert. Jeder erinnert sich noch genau, wo er war und was er getan hat, und jeder hat ein persönliches Detail zu der umfassenden Erhabenheit der Tragödie beizusteuern. Über Rillingsbach lag eine flirrende Atmosphäre, welche die Menschen zur Teilnahme am Drama dieses Tages zwang, und man hörte es knistern.
Auf dem Fensterbrett seiner Dachgeschosswohnung im Rillingsweg stand der arbeitslose Mangelhardt und glotzte sich die Augen aus dem Kopf. Ob er nun wirklich springen wollte oder nicht, und auch das war Thema, denn der zeitgleiche Ablauf mehrerer außergewöhnlicher Ereignisse, die Synchronität derselben, zeichnet solche Tage aus – in jedem Fall hätte der Schreck beinahe das Übrige besorgt. Wie er sich weit aus dem Fenster lehnte, sah er die kreischende Maria die Straße heraufstürzen. „Was schreist du denn so, Maria? Why do you yelling?“ Da wurden ihre Schreie noch lauter und spitzer. „Wie auf Bestellung“, fügt Frieder hinzu. Hilde schüttelt wortlos den Kopf. Maria versuchte verzweifelt, sich verständlich zu machen, doch was immer sie sagte, es ging unter im Gewirr der Schreie ihrer sich überschlagenden Stimme. „Nun beruhige dich doch, Mädchen“, rief Alfreds burschikose Mutter Elsa, die mittlerweile ebenfalls aufgeschreckt und an ihr Küchenfenster getreten war, um die Ereignisse auf der Straße zu verfolgen. Auch an den Nachbarhäusern öffneten sich nach und nach die Fenster. „Erzähl uns einfach, was passiert ist!“ „Erwin!“, schrie Maria endlich, und ein Raunen war zu vernehmen, obwohl ohnehin kaum jemand bezweifelt haben dürfte, dass Erwin in irgendeiner Weise der Verursacher dieser Schreie war.
„Im Schuppen!“, fügte Maria schließlich kraftlos hinzu und sank weinend auf den nassen Schotter nieder. Einige Männer, darunter auch Gottlob, stolperten bereits hinaus auf die Straße, streiften sich im Laufen ihre Regenmäntel über oder schlüpften, auf einem Bein springend, noch in den zweiten Gummistiefel. Sie rannten den Rillingsweg und den Erlenweg hinab zum kleinen Pfad, auf dem sie der Reihe nach ausrutschten und im kalten Schlamm landeten. Am Schuppen verlangsamten sie ihre Schritte. „Was glaubst du, was hat der Idiot diesmal angestellt?“, fragte Wilhelm, der als inoffizieller Bürgermeister Rillingsbachs galt und in prekären Situationen meist die Hosen anhatte. Bisweilen wurde er sogar als solcher angesprochen. Einen offiziellen Bürgermeister gab es nicht, denn obwohl es niemand gerne zugab, gehörte Rillingsbach genau genommen zur Gemeinde Murrhardt.
Gottlob schwieg und bedeutete den anderen zu warten. Dann riefen sie Erwins Namen. Mehrere Minuten verstrichen, in denen die Männer unentschlossenen vor dem Schuppen warteten, schrien und lauschten. Schließlich war es Gottlob, der sich vorsichtig hinein tastete, eine Petroleumlampe in der einen und das Gewehr in der anderen Hand. Eine weitere Minute verging, doch noch immer drückte sie die Stille. Da begannen die Männer vor dem Schuppen nach Gottlob zu rufen. Als sie auch von ihm nichts mehr hörten, beschloss Wilhelm, seinem Freund zu folgen.
Er spürte Gottlob schon, bevor er ihn sah, denn dieser war nur wenige Schritte weit in Schuppen hineingegangen und stand nun regungslos im Dunkeln. Wilhelm hatte nicht an eine Lampe gedacht, doch im Lichtkegel von jener Gottlobs konnte er den Grund für dessen Schweigen erkennen. Dort, auf den Holzplanken ausgestreckt, lag Erwin, statt des Schandmauls ein fleischiges Loch im Gesicht. Wenn man nicht genau hinschaute, sah er milde überrascht und ein wenig belustigt aus, wie ein erprobter Schachspieler, der wegen einer Unaufmerksamkeit von einem Anfänger matt gesetzt wird. Die langen Stelzen ausgestreckt, einen Arm merkwürdig hinter dem Rücken abgewinkelt, starrten seine schwarzen Augen durch die Finsternis des kleinen Holzschuppens zur Decke hinauf, der letzten Barriere vor den allmählich verblassenden Sternen. Wilhelm schüttelte traurig den Kopf.
„Überall auf der Welt hätte er fallen können, und dann pustet er sich im Holzschuppen die Lichter aus.“ Neben ihm lag sein Gewehr, eine lange Büchse, und hinter ihm das, was Gottlob für das Gehirn hielt. Suizid. Mit Fragezeichen?
Das kann man wohl sagen. Es war schlechterdings unmöglich, dass Erwin sich mit dieser Büchse selbst in den Mund geschossen hatte. Der Mann war ein Hüne, schön und gut, aber so lange Arme hatte kein Mensch, zumal der Schuss, da waren sich alle einig, aus mindestens einem Meter Entfernung abgegeben worden war. Die Männer wandten sich ab und trotteten durch die Stille des Waldes langsam zurück ins Dorf, Erwins Körper ließen sie in der Dunkelheit und Eiseskälte des Holzschuppens zurück. Selbst jetzt wollte keiner allein mit ihm sein. Mittlerweile stand halb Rillingsbach auf der Straße, um das Geschehene zu diskutieren. Der alte Mangelhardt war besonders gefragt, obwohl auch er nicht mehr gesehen hatte, als alle anderen, und Elsa kümmerte sich mit Tee und guten Worten um Maria. Die zeigte sich bereits sichtlich erholt und gab sich nur wenig Mühe, ihre Erleichterung zu verbergen. Verständnislos betrachtete sie das Treiben auf der Straße. Beinahe machte sie den Eindruck, als erwarte sie Gratulationen anstelle der Kondolenzen.
An diesem Punkt wird die Erzählung durch das ungläubige Schnauben Hildes unterbrochen. Nach einem kurzen Seitenblick beißt sich Martha auf die Unterlippe, mit welchem Gefühl, kann der Chronist nicht erkennen. Dann aber fährt sie zögerlich fort.
Zurück im Schippen, eilte Gottlob zum Telefon an der Hotelrezeption und verständigte die Polizei. Es folgte eine mehrere Stunden währende Warterei, eine bizarre Situation, in der man stumm auf der Straße stand und an den zerschossenen Leib unten im Holzschuppen dachte, und auch daran, dass Erwin derartige Schuppen immer gerne angezündet hatte. Martha lernte an diesem Tag, und sie vergaß es nie mehr, dass das Schweigen der Vielen vom Einzelnen ausgeht.
Die Beamten erschienen erst am späten Vormittag in Person von Kriminalhauptmeister Hufnagel und zwei sehr jungen Kollegen in Uniform. Die Polizeiarbeit, so weiß der Chronist, wurde in jenen Jahren von den Besatzungsmächten dezentralisiert und die Zuständigkeit auf die einzelnen Länder übertragen, weshalb, gelinde gesagt, ein gewisses Maß an Chaos herrschte. Weder Hufnagel noch seine beiden Assistenten hatten je einen Mordfall untersucht, und die Aussicht, sich mit den Dorfgeschichten dieser Eigenbrötler herumzuschlagen, schien ihnen wenig erquicklich. Natürlich sah sich Hufnagel pflichtbewusst im Schuppen um, bemerkte das Holzbeil auf dem Boden neben dem Spaltblock und einige Scheite, die von der Beige gefallen sein mussten, beachtete – 25 – Kai Wieland „Ameehrikah“, Leseprobe daneben den ungesund gekrümmten Arm hinter Erwins Rücken, schaute hier, blinzelte dort, rutschte auch auf den blutigen Dielen aus. Schließlich aber trat er ins Freie und diktierte einem jungen Beamten mit dicker Hornbrille auf der Nase:
„Suizid.“
Niemand im Dorf widersprach diesem Ermittlungsergebnis, obwohl jeder so seine Zweifel daran hatte. Letztendlich aber, und das sprachen die ehrlichsten auch aus, waren sie alle in dieser Nacht ein Problem losgeworden. Nur einen Menschen gab es, den diese Nachlässigkeit erzürnte. Dieser Mensch war jedoch noch nicht geboren, hatte weder Herz noch Hirn noch einen Mund, mit dem er sich hätte zu Wort melden können, sondern reifte in Marias Uterus erst heran.

Leseprobe: Stefan Zett – „Das Magenkomplott“

Kapitel I

Etwas musste Sonjo gestört haben, denn ohne dass er den Wecker gestellt hätte, wurde er eines Morgens vor sechs Uhr wach. Er hatte unruhige Träume gehabt und fand sich in seinem Bett mit Kopfschmerzen und einem ungeheuerlich flauem Gefühl in der Magengegend, gleich links unterhalb des Brustbeins.
„Puh, was ist denn los?“ dachte er, „so übel war mir schon lange nicht mehr.“ Mit geschlossenen Augen versuchte er zu ergründen, was genau er zuletzt geträumt haben mochte, doch es tauchten nur unzusammenhängende Bilder und flüchtige Gestalten auf, derer er nicht habhaft werden konnte. Auch seine Erinnerungen an das, was er am Vortag zu sich genommen hatte, waren äußerst lückenhaft. Ein Milchshake hatte er tagsüber getrunken, wo auch immer. Irgendwann auch einen Tee. Weiter konnte er sich an nichts entsinnen. An gar nichts. In Sonjos Eingeweiden rumorte es indes, als sei dort ein Kampf um die besten Plätze in vollem Gange. Zweifellos war etwas völlig durcheinander geraten. Er öffnete die Augen. Er befand sich in seinem Bett, in seiner Wohnung und dort war alles wie immer. An der weißen Wand die Schattenspiele der Birke im Garten, die die frühe Sonne zu dieser Jahreszeit durch das Dachfenster warf. Sein leerer Schreibtisch, der Stuhl. Stille. Vereinzelt Vogelgezwitscher. Die halboffene Tür zum Badezimmer. Mit einem routinierten Griff lockerte Sonjo Gürtel und Bund seiner schwarzen Anzughose, was die angespannte Situation in seinem Bauch vorübergehend entschärfte. Er atmete tief durch. Ganz offensichtlich hatte er sich in Straßenkleidung schlafen gelegt und nun schmerzte sein Bauch. Das war’s. Ansonsten war alles in Ordnung. Wahrscheinlich war er fürchterlich betrunken gewesen und die Erinnerungen daran waren einfach ausgelöscht. Vielleicht auf ewig. Kein Grund zur Beunruhigung also. Zumindest konnte er sich ganz genau an ein Milchshake erinnern, wie er es durch einen Strohhalm aus einem mit Kondenswasser belegten Glas gesogen hatte. Er befindet sich in der Innenstadt, im Einkaufzentrum Europa wo es mörderisch heiß ist, saugt ein eiskaltes Milchshake, an der Bar des Palmencafés unter der großen Glaskuppel. Es herrscht ein ungewöhnlicher Trubel. Allenthalben Milchbärte. Menschen, die quer durcheinander reden und sich mit den Shakes zuprosten. Wie ist er in dieses Setting hineingeraten? Er stellt sein Glas auf den Tresen, will sich setzen. Zwei Männer mit roten Krawatten tauchen urplötzlich vor ihm auf, sprechen ihn an. Er ist schon auf dem Weg zum Hinterausgang, quer durch die Galerien.
„Sie sehen durstig aus, mein Herr“, sagt der eine, rund, dick, mit südländischem Teint. „Regelrecht ausgetrocknet!“ ergänzt der andere, selber dürr und hager. Die Beiden scheinen eine Antwort zu erwarten. Sonjo zuckt belanglos die Achseln, weiß nicht worauf sie hinaus wollen. Er wendet sich zum gehen. Schon packt ihn der Dicke am Kinn und sprüht ihm eine beißende Flüssigkeit in die Nase. Ihm wird schwarz vor Augen. Er fällt. Rittlings in die fangbereiten Arme des anderen. „Jetzt nur nicht bewusstlos werden“, denkt er noch, während man schon mit langen Fingern ein Stück Stoff tief in seinen wehrlosen Mund schiebt.
Der Friedensprozess im Bauch erlitt einen herben Rückschlag. Spastische Kämpfe mit kurzen, trügerischen Pausen. Er riss die Augen auf, war kurz weggedöst. In den verschiedentlich unklaren Gemengelagen hatten entwurzelte Traumsequenzen und vereinzelte Erinnerungsfetzen zueinander gefunden und sich zu einer absurden Geschichte zusammen gesponnen.
„Völlig unrealistisch, am helllichten Tag mitten im Einkaufszentrum“, versuchte Sonjo sich und seinen davonrasenden Puls zu beruhigen, sah sich aber auch nicht mehr im Stande, den bereits abgelaufenen Handlungsstrang wieder zu entwirren. Vielleicht hatte er noch nicht einmal ein Milchshake getrunken, möglicherweise, schön und gut, aber dass er in der vergangenen Nacht dann so abgrundtief geschlafen haben sollte, dass er keine Ahnung mehr hatte, was er eigentlich wirklich am Vortag getrieben hatte, bezweifelte er doch. Insbesondere, da er die beiden Männer genau vor sich gesehen hatte, in schwarzen Anzügen mit roten Krawatten, nach dem Überfall, als er am Boden des Einkaufszentrums etwas abseits vor einem Lastenaufzug erwachte.
Der kleine Dicke steckte mit schmalen, langen Fingern seine Krawatte hinter die Weste zurück und schmauchte zufrieden in sich hinein, während der andere, ein überaus langer Typ mit rossbraunem Schnurrbart und blasser großer Nase, damit beschäftigt war, ein fleischfarbenes, presswurstförmiges glitschiges Etwas nicht aus seinen Händen zu verlieren. Schließlich gelang es ihm, das widerspenstige Stück in der Faust zusammenzudrücken. Dabei entwich aus einem der beiden Zipfel Luft mit einem Stoßlaut, der so charakteristisch war, dass Sonjo in einer abstrusen und entsetzlichen Vertrautheit erfasste, worum es sich bei dem Ding handelte. Er versuchte zu schreien, aber es drangen nur lautlose Unmengen an heißer Luft aus seinem Hals. Entgeistert und vollständig gelähmt nahm er wahr, wie der kleine Dicke mit einem raschen Doppelklack einen schwarz ledernen Aktenkoffer öffnete und daraus eine Zeitung hervorholte, während der Hagere erfolglos an einigen hartnäckigen letzten Fettzipfeln des Dings herumzupfte. Eigentlich hätte sich Sonjos Magen spätestens in diesem Moment vor Schmerz, Abscheu und Verzweiflung gleich mehrfach umdrehen und ergrimmend krümmen müssen, stattdessen wurde er steif und widerstandslos wie ein toter Fisch in Zeitungspapier eingewickelt und in den krawattenrot ausgekleideten Aktenkoffer verstaut. Dann waren sie weg.

Kapitel II

Sonjo saß am Küchentisch der elterlichen Wohnung im Erdgeschoss und starrte auf das Rührei, das die Großmutter altbewährt mit reichlich Butter für ihn zubereitet hatte. In seinem Bauch waren, noch als er im Bett lag, revolutionäre Unruhen ausgebrochen, über alle Gewebegrenzen hinweg. Fürchterliche Krämpfe durchbohrten ihn von rechts nach links, nach oben nach unten und die Säfte flossen in Strömen. Erst nach einem ausführlichen Gang zur Toilette hatte sich die Lage bis auf weiteres entspannt. Obwohl er nach allem, was er erlebt hatte, keinerlei Hunger verspürte und er zudem nicht umhin kam zu bemerken, dass er da noch immer eine entsetzlich flaue Leere in seiner Magengegend empfand, hatte Sonjo sich fest vorgenommen, die Zähne zusammen zu beißen und viel, kräftig und kompromisslos bis zum letzten Bissen zu frühstücken. Nur so könnte er etwaigen Gründungsmythen einer neuen Republik von vornherein die alles entscheidende Grundlage entziehen. Wären solcherlei falsche Rücksichtnahmen nämlich erst einmal etabliert, würde auch gerne weiterer Unsinn geglaubt.
Der Geruch der gebratenen Eier aber hatte ihn kalt erwischt. Er erinnerte ihn an ein kleines abscheuliches Detail seines wiederkehrenden Albtraums – um nichts anderes konnte es sich schließlich und letztendlich bei diesen unmöglichen Geschehnissen handeln – das ihm bisher entgangen war und nun umso deutlicher hervortrat: Der äußerst unangenehme, aus magenräuberischem Mund hervordringende Geruch nach gammeligen Fleisch, den Sonjo sonst nur von Pansenverfütterungen beim Hund seines Onkels kannte. Entgegen seinen Absichten brachte Sonjo es schließlich nicht über sich, auch nur einen Happen von der gelb glänzenden Speise hinunter zu bringen und er schob den Teller unangetastet zur Seite. Auch die knallroten Erdbeeren, die die Großmutter am Vortag zuvor eigenhändig im Wald gesammelt hatte, verschmähte er.
Die Großmutter schaute mit gespitzter Nase über die Ränder ihre Brille und den Tisch hinweg zu Sonjo rüber. Ob es ihm immer noch schlecht sei, wollte die Großmutter wissen. „Wieso immer noch?“ antwortete Sonjo. „Na, du hattest doch gestern im Einkaufszentrum diesen Kreislaufkollaps.“
„Kreislaufkollaps?“ sagte Sonjo und ahnte Düsteres. “Jetzt sag bloß, du kannst dich an nichts mehr erinnern? Jemand hat dir geholfen und dich im Taxi hierher gebracht. Das war übrigens eine sehr nette junge Dame“, fuhr die Großmutter fort. „Auch wenn sie ziemlich verzottelte Haare hatte.“
Sonjo traute seine Ohren nicht und sagte nichts. An eine junge Dame konnte er sich überhaupt nicht erinnern. Die Großmutter wartete kurz, ob er nicht doch noch etwas äußern würde.
„Du warst ja ganz schön durcheinander. Ist wohl nicht so gut gelaufen, was?“
„Was soll denn gelaufen sein?“ Es war eine Frage, die Sonjo mehr interessierte als ihm Recht sein konnte. „Na das Vorstellungsgespräch. Was denn sonst?“ „Ach“, antwortete Sonjo bloß und ‚Das Vorstellungsgespräch?’ dachte er dabei. ‚Bei diesem merkwürdigen Unternehmen des alten Studienkollegen des Vaters. Wann war das denn eigentlich genau gewesen?’
„Ich hab gleich gewusst, dass das nichts für dich ist, mein Junge. Du bist für etwas Besseres, etwas ganz Großes gemacht“, tröstete die Großmutter. „Wenn sich etwas schon Agentur für digimonetäre Dienstleistungen nennt, da kann doch nichts Gescheites dahinter stecken.“ Und damit wandte sie sich wieder dem Kochbuch zu, das sie an diesem Morgen mit besonderem Interesse zu studieren schien. …
(Es folgen Kapitel III bis IX)

Kapitel X

Im großen Messesaal war die zuvor aufgekratzte Stimmung in der Zwischenzeit fast ins Gegenteil umgeschlagen. Die Messebesucher standen wohlgeordnet in Reihen, schauten erwartungsvoll zur Hauptbühne und verhielten sich ruhig. Die Wolken lagen ein ganzes Stück höher und über der hell erleuchteten Hauptbühne war das Wolkenloch mittlerweile verschwunden. Die plötzliche Disziplin und die große Stille im Saal hatten besonders im Vergleich zum vorherigen Chaos etwas irreales an sich. Sonjo konnte sich mühelos durch die Reihen schlängeln und eilte nach vorne. Als er sich der menschenleeren Bühne auf ungefähr dreißig Meter genähert hatte, erschien dort jemand rechts aus einer kleinen Öffnung in der hohen Rückwand aus Sandstein. Er trug einen weißen, bis oben zugeknöpften Kittel und eine rote Krawatte. Die Beine und auch die Füße waren nackt. Der Melonenbauch war unverkennbar. Melbig. Er ging bis zu der breiten Treppe am vorderen Rand der Bühne und im Saal wurde es komplett dunkel. Nur die Bühne war in einem starken Gelbton erleuchtet und erinnerte stark an einen antiken Tempel. Genau in der Mitte stand noch immer der Altar aus zwei Findlingen mit einer langen Deckplatte aus Schiefer, die mittlerweile mit braunen Schlamm beschichtet war. „Dieses Jahr macht es mir eine besonders große Freude die Zeremonie zu eröffnen, denn heute treffen der längste Schimmer des aufklärerischen Junilichtes und der zarteste Schimmer des uralten Junimondes zusammen“, hallte es laut durch den Saal. Melbig musste irgendwo, vielleicht im Krawattenknoten, ein Mikrofon versteckt haben. „Wir danken dem ewigen  Bürgermeister, dass er vor einigen Jahren das unberechenbare, schwelende Feuchtbiotop in der Mitte der Stadt trocken legen ließ. So konnten wir den Anweisungen des Kultmagens uneingeschränkt Folge leisten und uns im gebührendem Maße auf diesen historischen Moment vorbereiten. In wenigen Augenblicken wird es soweit sein. Dann wird sich zeigen, wie weise und weit vorausschauend der Kultmagen die Pläne für sein neues Zuhause damals angelegt hat. Er wird uns ein neues Zeichen schenken, das uns ermöglicht, das was uns als Menschen ausmacht noch mehr zu sein, indem wir unseren unendlichen Durst noch grenzenloser stillen können. Schauen wir einen schimmernden Zyklus zurück, so verstehen wir erst heute, wie wertvoll damals sein Geheimnis von der freien und radikalen Eusierung für unsere Bewegung gewesen ist. Die Einweihung erfolgte übrigens noch im großen Himmelsaal des Institutes, wie sich doch einige von uns noch erinnern dürften. Wir sind seitdem so zahlenreich geworden, dass wir jetzt selbst hier, besonders an den Enden, kaum noch alle Platz finden. Erst durch die resolute und in diesem Ausmaß eben auch sinnfreie Eusierung konnten wir den Boden unserer magischen Realität noch urbarer und urbaner machen und so die vielen, vielen Bäuche nach und nach überzeugeln. Zudem wurden dadurch auch viele hohe und niedere Mitesser auf ewig ausgedrückt, ein äußerst ästhetischer Prozess, der immer noch zügellos und inzwischen auch weit über alle Grenzen hinaus fortschreitet.“
Melbig machte eine Pause. Es war mäuschenstill im Saal. Dann redete er verständnisvoll weiter. „Wir freuen uns nicht an dem Irrglauben und dem spirituellen Mangel anderer, aber wir freuen uns, dass wir richtig liegen. Deshalb wollen wir jetzt auch, bevor ich unsere Exzellenz aus seiner himmlischen Sphäre zu uns rufe, unser Gedenklamento für alle Ungläubigen einlegen.“ „Ooooooooohhhhhh, die Armen“, bedauerte Melbig inbrünstig mit aufbrausender Stimme und auf seinem Melonenbauch gefalteten Händen und „Aaaooouuuuuuuuuuuuhhhhhh“ bedauerte der ganze Saal so wollüstig, dass Sonjo eine Gänsehaut bekam. Wie aus heiterem Himmel baumelte auf einmal aus der Wolkendecke ein freudig zappelndes Wesen hervor, das Sonjo zunächst für eine rot bemalte Robbe hielt. Es hing an vier weißen Seilen und während es in weiten Kreisbögen über den Köpfen der Zuschauer umherpendelte, senkte es sich langsam weiter nach unten. Ein respektvolles, erfreutes Raunen zog durch den Saal. „Na der kann`s ja diesmal kaum erwarten“, freute sich auch Melbig und verfolgte wie alle anderen gebannt die Schwünge der durch und durch eigentümlichen Kreatur. Schließlich blieb sie in Bauchhöhe über der Treppe, die zur Bühne hinaufführte, hängen. Melbig ging rüber und zerrte das Wesen an einem der Seile zu den zwei Findlingen rüber, wo es sich anscheinend von alleine weiter absenkte. Das Ganze sah dann mehr denn je wie ein urzeitlicher Altar aus. Auf der Deckplatte lag in dem braunen Schlamm ein glänzendes, fleischfarbenes Wesen, das weiter freudig vor sich hin zuckte. Sonjo erkannte die Form des Wesens sofort wieder. Es gab keine Zweifel, dass dies der Kultmagen war, und dass der Kultmagen sehr lebendig war. Er sah genau so halbrund gekrümmt aus, wie Sonjo sich auch an seinen eigenen Magen in den Händen des dünnen Exstirpators erinnerte, nur das der Kultmagen viel größer war, ungefähr die Ausmaße eines Seesacks hatte. Vorne befand sich zudem ein unförmiger Schlitz, der wahrscheinlich so etwas wie sein Mund war. „Ja gleich gibt es etwas Leckeres.“ , sagte Melbig zu dem Kultmagen, während er ihn streichelte und auf den feuchten Rücken klopfte. Der Kultmagen krümmte sich noch ein Stück mehr vor Freude und hopste ein kleines Stück in die Luft. „Ups“, entfuhr es dann Melbig. Das Vieh hatte nach seinem Finger geschnappt, und Melbig gab ihm dafür einen Klaps auf die Stelle, die wahrscheinlich so etwas wie ein Hintern war. „Sie sehen, unser kleiner Racker ist heute mindestens so aufgeregt wie wir und hat einen besonders ausgeprägten Appetit. Deshalb sollten wir ihn jetzt auch nicht länger warten lassen. Er weiß schließlich besser als wir selbst, dass er heute einen besonderen Leckerbissen von uns bekommen wird und ich kann ihnen schon an dieser Stelle verraten, dass es mir gelungen ist, ein wahres Prachtexemplar für ihn aufzutreiben. Doch zunächst wollen nun die Initianten kommen.“ Sonjo bekam auf einen Schlag knallrote Ohren und konnte perverserweise einen gewissen Stolz, das Melbig seinen Magen vor den vielen Zuschauern als Prachtexemplar bezeichnete, nicht unterdrücken. Melbig schaute bei diesen Worten erwartungsvoll zu der kleinen Tür in der Hinterwand der Bühne. Dort trat als erstes etwas zögerlich ein kleines Mädchen hervor. Es trug einen schwarzen Minirock und ein bauchfreies T-Shirt. Melbig begann demonstrativ ermutigend zu klatschen und im Saal taten es ihm viele nach. Es folgte im Gänsemarsch eine ganze Reihe weiterer Kinder unterschiedlichen Alters, die adrett und überwiegend modisch gekleidet waren. Rechts und links wurde dieser niedliche inszenierte Aufmarsch von zwei Herren flankiert. Sie waren wie Melbig barfuß und trugen auch nur einen weißen Kittel und eine rote Krawatte. Erst als der eine von ihnen einen aus der Reihe tanzenden Jungen mit einem übermäßig langen Zeigefinger ermahnte, erkannte Sonjo sie als die Exstirpatoren wieder. Kurz vor dem Altar teilte sich die Kinderschlange zu den Seitenwänden hin auf. Zwei weitere Gruppen kamen auf die Bühne. Es handelte sich um einen Pulk Jugendlicher in unterschiedlichsten Aufmachungen und um eine handvoll Erwachsene in ärmlicher Kleidung. Mit ihnen erschienen drei wiederum weißbekittelte Herren mit wiederum roter Krawatte. Der mittlere von ihnen war der Minibrillenträger Deiters und seine Begleiter Herr Wegerich und Monsieur Le Mett. Auch diese Leute flanierten an dem Kultmagen vorbei und stellten sich dann, wie die Kinder, an einer der beiden Seitenwände in einer bestimmten Reihenfolge auf. Schließlich eilte noch schnell, wie verspätet, ein Heranwachsender im Gammel-Look auf die Bühne und zu guter Letzt ein weiterer barfüßiger Mann, der einen weißen Kittel, aber eine grüne Krawatte trug. Sonjo sah, wie ganz hinten einer von der Initianten- Gruppe unauffällig die Bühne wieder über die Öffnung in der steinernen Rückwand verließ. Die Exstirpatoren waren mittlerweile zu den Seitenabgängen der großen Treppe geschritten und beide hatten sich den jeweiligen schwarzen Gummischlauch, der dort vom Wolkenhimmel herunterbaumelte, an dem Einspritzstutzen geschnappt. Sie mussten kräftig daran ziehen, um damit bis zu dem Altar mit dem Kultmagen in der Mitte der Bühne zu gelangen. Dort waren jetzt alle Männer mit weißen Kitteln versammelt. Melbig und Deiters standen hinter dem Altar und seitlich je ein Exstirpator mit je einem der Begleiter von Deiters. Manfred von Bärenbind überreichte diesen Männern eine Art Waschschüssel aus glänzendem Stahl mit kreisrundem Boden.
Während die gesamte Bühne ein ganzes Stück abgesenkt wurde, wandte sich Melbig wieder an die Besucher der Messe. „So, wenn wir gleich die Volksnähe erreicht haben, können wir beginnen. Natürlich werden wir wie jedes Jahr die individuellen Noten der Initianten berücksichtigen. Diese wollen sie jetzt kundtun.“
Alle Initianten öffneten ihren Mund und jeder von ihnen sang einen Ton. Vorne bei den kleinen Mädchen klang es hell und glockenrein, mit abnehmender Tonhöhe kamen die Knaben, die Jugendlichen und die Erwachsenen und hinten dann auch einige Heranwachsende im Stimmbruch. Ein schöner Vielklang an Stimmen ließ das Geschehen auf der Bühne ein erstes Mal so ähnlich erscheinen, wie Sonjo sich eine religiöse Zeremonie vorgestellt hatte. Melbig sprach, vom Mikrofon verstärkt, mitten rein. „Ein echter Genuss. Auf geht’s.“ Die Exstirpatoren und ihr jeweiliger Partner preschten los. Der rechte, lange Exstirpator erreichte mit dem widerspenstigen Schlauch als erster das vorderste kleine singende Mädchen, das sogleich kindlich angeekelt die Nase rümpfte. Er steckte ihr den Stutzen in den offenen Mund und Monsieur Le Mett hielt schnell die Schüssel darunter. Das Mädchen wurde unter Hochdruck, der den Schlauch kurz zucken ließ, ähnlich wie eine Gans gefrickt, bis ihr eine weiße Flüssigkeit aus Mundwinkeln und Nase in die Waschschüssel tropfte. Dann sank sie wie bewusstlos in die Knie. Der Exstirpator reichte Le Mett den Schlauch, den dieser umständlich halten musste, beugte hastig den Kopf des Mädchens zurück, bis der immer noch geöffnete Mund zur Decke zeigte und stopfte dann blitzschnell mit den Spinennfingern an seiner linken Hand seine rote Krawatte, die er unten der Länge nach gefaltet hatte, da hinein. Er fingerte hektisch herum, wurde plötzlich ganz ruhig und zog behutsam, als wolle er drinnen irgendetwas nicht verlieren, die Finger und die Krawatte zurück.
Sonjo hielt sich die Hand vor die Augen um nicht mit ansehen zu müssen, was er da jetzt rausholen würde. Er hatte sich vorgenommen, sich während der Zeremonie, die sicherlich grausame Momente haben würde, von gar nichts auch nur irgendwie schockieren zu lassen, um im entscheidenden Moment nicht zu zögern. Und tatsächlich war es ihm auch gelungen, den Anblick der magenförmige Bestie, die auch jetzt noch in ihrem rotbraunen Schlammbett vor sich hin gluckste, fast gänzlich gelassen an sich abperlen zu lassen. „Aha. So sieht ein Kultmagen also aus“, hatte er sich selbst nüchternes Interesse zugeheuchelt und aufkommende Unruhe gleich mit einem „das ist doch nur ein kleiner Racker“ und einem „ein besonders dicker Mops ohne Beine, Augen und Ohren höchstwahrscheinlich“ erfolgreich besänftigt.
Diese Live-Exstirpation an einem Mädchen hatte ihn aber kalt erwischt, besonders weil es sich nur um den Anfang einer öffentlichen oder halböffentlichen Massenexstirpation handelte. All die Mägen würden gar nicht in diese Waschschüssel passen. Eigentlich müsste er da auch irgendwie eingreifen, da waren ja schließlich Kinder die gar nicht wussten worauf sie sich da einließen, aber er musste an seinen eigenen Magen denken und könnte gegen die Übermacht auf der Bühne sowieso nichts ausrichten. Er spreizte vorsichtig seine Finger. Auf beiden Seiten waren die Exstirpatoren bereits mit dem nächsten Mädchen beschäftigt. Einige Kinder hatten aufgehört zu singen und drucksten, während sie den Exstirpatoren zuschauten, unruhig herum aber Melbig und Deiters gingen mit Körben durch die Reihen und verschenkten daraus Teddybären. Das erste Mädchen, das bereits wieder aufgestanden war und tapfer und stolz lächelte, bekam, wie auch ihr Pendant auf der gegenüberliegenden Seite, einen besonders großen in die Hand gedrückt.
Sonjo ging weiter nach vorne und reckte trotzdem seinen Kopf. Er wollte das unangenehme Gefühl an seinem Hals abschütteln und außerdem auch mitkriegen, was die Exstirpatoren, die mittlerweile hinten bei den letzten Initianten zugange waren, da genau rausholten. Diesmal zwang Sonjo sich bis zum Ende zuzuschauen. Sie holten da… sie holten da.. sie holten da gar keinen Magen raus. Da war gar nichts zu sehen, aber sie schienen irgendetwas von der Krawatte oder den Fingern in einen Glaskolben, der aus der Kitteltasche hervorragte, abzustreifen.
Der Schlauch rechts und dann auch links schnellte in die Höhe, pendelte über den Zuschauern und verschwand in den Wolken. Über der Hauptbühne lichteten sich diese daraufhin deutlich und an einigen Stellen taten sich erneut Löcher auf. Beide Gruppen waren fertig und erreichten den Kultmagen fast gleichzeitig. Die Exstirpatoren hielten die Glaskolben demonstrativ in die Höhe. Wegerich und Le Mett trugen noch immer die Waschschüsseln mit den sie die milchige Flüssigkeit, die im Rahmen des Betäubungsaktes aus Mund und Nase getropft war, aufgesammelt hatten. Melbig schaute zu Manfred von Bärenbind herüber, der letzte Inspektionen vornahm und dann sein Einverständnis herübernickte. „Wir wollen Ihm jetzt gemeinsam Sein Mahl bereiten.“ sagte Melbig und erschien dabei sakraler denn je. Die eine Waschschüssel wurde in die andere, die jetzt Deiters genommen hatte, entleert und dann von Bärenbind entsorgt. Es war gar nicht soviel von dieser weißen Milch darin gewesen. Melbig holte aus seiner Kitteltasche ein kleines Bonsaibäumchen, dass er in die verbliebene Schüssel zerpflückte. „Es ist auch für mich noch jedes Jahr immer wieder erstaunlich, wie wenig unsere Exzellenz verbraucht“, kommentierte er durchs Mikrofon verstärkt sein Tun, „das ist ja weniger als nichts, wenn man bedenkt, was da so übers Jahr verteilt für uns alle bei raus kommt.“
Als er fertig war, entnahm er seiner anderen Kitteltasche ein braunes Fläschchen und entleerte es in die Schüssel. „So, dann noch das hier“ sagte er dabei und dann „und jetzt wollen wir zur spirituellen Würze kommen.“ Mit einem Mal war die gesamte Bühne in Dunkelheit getaucht. Nur unmittelbar vor dem Altar lag ein scharf abgegrenzter, ungefähr ein Meter schmaler und vielfach längerer mondsichelförmiger Lichtstrahl am Boden „Na wer sagt’s den“, bemerkte Melbig leise aus dem Dunklen, so, als ob er zu seinem Nebenmann sprach, „auch das Wetter spielt dieses Jahr mit.“
Dann traten die Exstirpatoren und Melbig in das Licht vor den Altar. Melbig stand in der Mitte und die Exstirpatoren an den Seiten, an denen sie auch vorher gearbeitet hatten. Als die Exstirpatoren in einer Geste der Würde die Glaskolben weit nach oben hielten, bemerkte Sonjo seltsame milchig glänzende Fäden in der Luft, die in den Glaskolben zusammenliefen. Er schaute genau hin und konnte sie am Rande des Lichtstrahles ein Stückchen in die Richtung der jeweiligen Seitenwände zurückverfolgen. Auch Melbig hielt kurz die Waschschüssel in die Höhe, in die anschließend die Glaskolben entleert wurden. Dabei nuschelte er etwas unverständliches vor sich hin. Die Exstirpatoren traten neben den Altar ins Dunkle. Hinter Melbig war, in eine schwache Lichtreflexion getaucht, der Kultmagen zu sehen, dessen vordere Öffnung sich zu einem breiten Schlitz mit wulstigen Rändern verformt hatte. Die vier weißen Schnüre waren an grau verschwielten Höckern an seinem Rücken mit ihm verwachsen, zwei vorn, zwei hinten, und überall hingen kleine Fettzipfel an ihm herunter. Melbig verbeugte sich tief vor dem Kultmagen. Dann hob er ihn vorn leicht an, drückte die Waschschüssel in den Schlamm genau unter den vorderen Schlitz und entfernte sich äußerst rasch. Das Untier schlabberte die Schüssel in Sekundenschnelle leer und das Gluckern in seinem Inneren war bis zu Sonjo herüber zu hören. Für einen Augenblick meinte Sonjo immer noch die milchigen Fäden sehen zu können, aber im hellen, gelben Licht, das die Bühne gleich wieder schlagartig bestrahlte, konnte er sie nicht mehr erkennen. Alle waren verschwunden, nur Melbig stand noch allein mitten auf der Bühne und wirkte etwas abwesend. Die Initianten saßen mit den Partnern Le Mett und Wegerich rechts und links an den Rändern auf der breiten Treppe. Sonjo starrte mit Abscheu auf den zitternden Kultmagen. Er konnte zusehen, wie seine glänzende Haut abblasste, von fleischrot zu rosa. Es sah so aus, als bereite sich der Kultmagen nach der Vorspeise nun auf das Hauptgericht vor und konzentriere dafür Blut in seinem Zentrum, wo es für die Verdauung benötigt wurde.
Nach allem, was Sonjo bei der Geheimbesprechung der besseren Gesellschaft mitbekommen hatte, sollte Melbig während der Opferzeremonie gestürzt werden. Diesen Moment galt es auch für Sonjo auszunutzen, es sei denn sein Magen würde schon vorher diesem kleinen verfressenen Klops angeboten. Dann müsste er sofort zuschlagen.
„Uns allen steht jetzt ein wahrhaft historischer Moment bevor.“ sprach plötzlich eine ganz andere Stimme als bisher laut in den Saal. Melbig bewegte auch gar nicht seinen Mund. Er stopfte vielmehr noch äußerst sorgfältig irgendetwas an der Brust unter seinem Kittel zurecht. „Ein zwingendes Ereignis unserer fortschreitenden Weiterentwicklung, dass wir vor allem in der gebührenden Ruhe annehmen und genießen wollen.“ sagte die gleiche Stimme, die Sonjo ungemein bekannt vorkam und etwas nervös klang. Melbig ging energisch aber ohne übermäßige Eile zur hinteren linken Ecke der Bühne und verschwand. Rechts kamen durch eine zweite Öffnung Deiters und die Exstirpatoren geschritten. Sie trugen immer noch nur den Kittel und die roten Krawatten und in der rechten Hand jeder von ihnen einen schwarzen Koffer. Mit seiner linken rückte Deiters noch seine Brille zurecht bevor er sich einige Meter rechts neben dem Altar vor den Messebesuchern verbeugte. „Wer füttert der führt, so lautet nicht umsonst ein altes magisches Sprichwort, das heute mehr denn je… “ „Und auch morgen noch“, Melbig war zurückgekehrt und hatte Deiters das Wort kompromisslos abgeschnitten. Auch er sah unverändert aus und hielt in seiner Linken einen schwarzen Koffer, mit den Fingern seiner Rechten drückte er an seiner Nase herum. Er stellte sich ganz vorn in der Mitte der Bühne hin und schaute angespannt in den Saal. Hinten mogelte sich nun auch Manfred von Bärenbind auf die Bühne. Er lächelte verlegen und zückte mit der einen Hand die Pergamentrolle aus der Kitteltasche. In der anderen hielt auch er einen schwarzen Koffer.
„Es wird gut werden.“ , verkündete Melbig laut mit mächtiger Stimme. „Es wird alles gut werden“, wiederholte er dann noch einmal bedeutend leiser, so als woller er vor allem sich selber davon überzeugen. Hinter seinem Rücken war der lange Exstirpator mit zwei großen Schritten zum Altar geschlichen und hatte versucht nach der Schüssel zu greifen. Der Kultmagen schreckte ihn mit einem drohendem Knurren zu seinem Ausgangspunkt zurück. Melbig drehte sich erstaunt zum Kultmagen hin, ging rüber und beruhigte ihn, indem er kräftig an seinen vier Höckern herum massierte und ihm erwas ins Ohr flüsterte oder zumindest dorthin, wo man bei diesem völlig eigenartigen Wesen ein Ohr vermuten würde. Anschließend legte er seinen Koffer auf den Boden, nahm behutsam die silberne Schüssel, an deren Boden etwas Schlamm klebte, und hielt sie wie eine Trophäe in die Höhe. Im gesamten Saal herrschte eine Totenstille, in die dann ein charakteristischer Doppelklack hineinschlug. Sonjo stockte für einen Moment der Atem. Deiters, der sich immer noch ein ganzes Stück rechts auf Höhe des Altars befand hatte seinen Koffer auf die Erde gelegt, kniete selbst dahinter und öffnete ihn gerade.
Sonjo hatte den Moment X etliche Male in Gedanken durchgespielt. Er befand sich in der ersten Zuschauerreihe, nur einige Meter von der Treppe mit den breiten Stufen entfernt. Diese würde er noch in normalen, völlig selbstverständlichen Gang hinaufschreiten, um nicht frühzeitig die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oben hätte er dann nur wenige Schrecksekunden, um sich den Magen zu schnappen und anschließend einfach davon zu laufen. Wohin, würde er dann schon sehen. Kein genialer Plan, aber stumpf ist Trumpf machte er sich immer wieder Mut. Wie sollte er es auch anders anstellen? Jetzt war es soweit. Fast, denn Deiters hatte den Ersatzmagen, seinen Magen, wahrscheinlich nicht. Sonjo krampfte seine Zehen in den Schuhen zusammen. Deiters holte etwas längliches Silbernes aus dem Koffer, eine Schere, eine Geflügelschere! Sonjo schaute weg. Zu Melbig rüber, der auf Deiters aufmerksam geworden war, seinen eigenen Koffer aufhob und mit neugierig vorgebeugtem Kopf, so als könne er nicht genau sehen was sich dort abspiele, einige fragende Schritte auf Deiters zu ging.
Die Exstirpatoren, die hinter dem Altar gewartet hatten, stellten lautlos ihre Koffer neben dem Altar ab und schlichen sich in langen lautlosen Schritten rücklings an Melbig heran. Sonjo sah die verwaisten Koffer der Exstirpatoren neben dem Altar. In einem von beiden musste sich sein Magen befinden und die Gelegenheit war günstig. Manfred von Bärenbind verweilte immer noch hinten auf der Bühne und drehte sich sogar zur Rückwand um. Sonjos Herz raste bereits los und auch er machte schon eine erste Bewegung, zögerte dann aber doch wieder, da ihm eine Flucht mit zwei Koffern auf einmal zu riskant erschien. Der lange Exstirpator hatte seine Arme ausgebreitet, so als wolle er Melbig, der immer noch nicht zu ahnen schien, dass ihm die Exstirpatoren dicht an den Fersen waren, von hinten umschlingen. Der andere suchte in seinen Kitteltaschen herum, wobei er aufgrund seiner langen Finger die Handteller gar nicht in ihnen versenken musste Dann schlugen sie zu. Der Lange umschlang Melbig direkt unter der Achsel, verschränkte sofort seine Hände an dessen Nacken und konnte so mühelos Melbigs Oberkörper nach vorne beugen, wo sich der kleine dicke Exstirpator bereits mit einem doppelläufigem Nasenspray positioniert hatte. Melbig war von der Attacke dermaßen kalt erwischt worden, dass er bisher noch nicht einmal den Koffer oder wenigstens die Schüssel hatte fallen lassen und bevor er auch nur irgendeine Gegenwehr leisten konnte, wurde ihm schon eine erste Dosis Spray verabreicht. Der kleine Exstirpator wurde dann hektisch. Er packte Melbigs schütteres Haar über der Stirn, zog daran den Kopf nach oben und pumpte noch etliche Ladungen hinterher. Melbig stieß einen beklemmenden Schrei starken Schmerzes aus, ließ den Koffer und die Schüssel los und sank in sich zusammen. Der große Exstirpator befreite seine Arme und sprang zur Seite. Melbig wankte schräg nach vorn und fiel wie ein nasser Sack gegen den Kleineren, der ihn, um sich selbst vor dem schweren Mann zu schützen an den Schultern auffing und mit ihm zurückstolperte, bevor er ihn zu Boden fallen ließ. Dort blieb Melbig auf seinem Melonenbauch regungslos liegen. Der ganze Überfall war blitzschnell über die Bühne gegangen, auf der die Waschschüssel noch immer herumdengelte.
Auch die Zuschauer im Saal reagierten erst jetzt mit einer Mischung aus geiferndem Sensationsgeschrei und brummender Empörung, so dass Deiters, der sich gerade über Melbig hermachen wollte, sich dazu veranlasst sah, aufzustehen und mit abwiegenden Bewegungen seiner Hände – in der einen hielt er dabei noch die Geflügelschere – und einem „Pscht, pscht“ die Ruhe wieder herzustellen. Dann verkündete er: „Keine Sorge. Es handelt sich um etwas Neues und es hat hier oben alles seine Richtigkeit, da sind sich die Experten einig. Es wird alles gut und bald sogar noch besser werden. Immer besser, darin können wir vertrauen.“ Das wirkte. Die Aufregung im Saal verschwand zwar nicht völlig, aber sie legte sich in geordnete Strukturen. Man diskutierte und spekulierte, durchaus auch kritisch, über das was geschehen war und was Deiters dazu gesagt hatte. Blitzlichter flammten auf. Gleich neben Sonjo zuckte jemand mit den Schultern und sagte zu ihm, „Was soll`s. Der Kultmagen will es so.“ Dann machte auch er ein Foto. „Für meine Enkel“, erklärte er dazu. Ein erneutes, einfaches Klackgeräusch ließ Sonjo bis ins Mark zusammenzucken und gleich darauf stand ihm auch der Schweiß auf der Stirn. Der kurze dicke Exstirpator kniete unweit vom Altar vor seinem Koffer und steckte gerade den Schlüssel ins zweite Kofferschloss. Dafür musste er sich umständlich wie ein Büßer zum Koffer hinunter beugen, da die Schnur um seinen Hals, an der der Kofferschlüssel hing, ansonsten nicht lang genug war. Der lange Exstirpator holte die Schüssel, die bis in die hinterste Ecke der Bühne gerollt war.
Es folgte ein tumultöses Geschehen. „So, es geht jetzt ganz konkret um meinen Magen“, war das letzte was Sonjo gedacht hatte, als er noch vor dem zweiten Klack die ersten Stufen der Treppe hinaufging. Auf der Bühne verlor er in einem lähmenden Gefühl jegliche Orientierung und empfand in befremdender Weise, dass er sich zwar immer tiefer in diese Szenerie hineinbohren könne, wie ein Maulwurf in die Erde, aber dass er eigentlich, gerade im Gegenteil, weg von dieser Detailebene müsse, es handele sich hier gar nicht um sein Problem, es sei sein Problem, dass er das denke. Der Koffer sei nur halbrichtig, alle Koffer seien nur halbrichtig und das auch nur deshalb, weil die andere richtige Hälfte überhaupt danach suche.
Dieser seltsame und für diesen Zeitpunkt sicherlich völlig unangebrachte Zweifel schoss Sonjo in Sekundenbruchteilen durch den Kopf. Einen etwas längeren Moment brauchte er, um aus der Tiefe der Empfindung zurückzukehren zur Oberfläche seiner Umgebung. Dabei starrte er Deiters an, der ihm dabei wie ein völlig Unbekannter erschien. Deiters mühte sich noch immer mit verrutschter Minibrille und Leibeskräften den dicken, bewusstlosen Melbig auf den Rücken zu drehen, aber Melbig rollte – offensichtlich aufgrund einer auch am Rücken kugeligen Beschaffenheit, die er ansonsten unter seiner Kleidung geschickt zu verbergen wusste – immer wieder zu weit und blieb dann wieder auf der anderen Seite liegen. Obwohl er mitten auf der Bühne stand, schien niemand Sonjo zu beachten. Der kurze Exstirpator zog gerade den Schlüssel aus dem zweiten Schloss und der lange hatte erst die Schüssel erreicht. Sonjo musste wahnsinnig schnell gelaufen sein. Bärenbind schaute demonstrativ zur Wand, und sah dabei so gänzlich unbeteiligt an allem aus, dass es nicht verwunderlich gewesen wäre, wenn er noch ein kleines Wanderliedchen gepfiffen hätte.
„Zu früh, eigentlich doch noch zu früh losgelaufen“, dachte Sonjo, denn in welchem der drei Koffer sich sein Magen tatsächlich befand, könnte er erst wissen, wenn er ihn sehen würde. Es war keinesfalls ausgeschlossen, dass er sich in Melbigs Koffer befand, denn auch wenn der mit diesem Überfall mitten auf der Bühne vor tausenden an Zeugen sicher nicht gerechnet hatte, irgendetwas hatte er wohl doch geahnt. Da sah er ihn aber auch schon, fleischfarben, in den Händen des kleinen Exstirpators, der den Magen merkwürdig entgeistert anstarrte. Während Sonjo die paar Meter zu ihm rüber hastete formten sich seine Finger zu starren Harken, die er notfalls überall reinrammen würde, aber der Exstirpator leistete gar keine Widerwehr. Er bemerkte Sonjo überhaupt erst, als dieser sich den Magen bereits krallte, wobei er weit weniger zimperlich mit dem ihm so kostbar gewordenen Stück Fleisch umging als ihm lieb sein konnte. Sonjo fiel sofort auf, dass sein Magen bedeutend schwerer war, als er erwartet hatte. Er presste ihn an die Brust, und rannte damit wie ein Footballer in Richtung Touchdown zum Hinterausgang der Bühne. Hinter ihm rief der kleine Exstirpator aufgeregt herum. Kurz bevor Sonjo den Ausgang erreichte, drehte er sich ein erstes Mal um. Er wurde gar nicht verfolgt. Der lange Exstirpator, der ihm den Weg vielleicht hätte abschneiden können, eilte vielmehr nach vorn, zu seinem Kollegen und Bärenbind nestelte am Bühnenboden herum, so als würde er dort einen Fleck untersuchen. Sonjo verlangsamte seine Schritte und ging dann rückwärts in Richtung Ausgang, um die Exstirpatoren im Auge behalten zu können. Die beachteten ihn aber gar nicht weiter. Der lange Exstirpator riss sich mit einem Ruck einen Schlüssel vom Hals und sperrte nun seinen Koffer auf. Ein herzhafter Geruch nach Geräucherten drang in Sonjos Nase. Das konnte doch unmöglich so schnell vom Koffer zu ihm herübergezogen sein. Unwillkürlich hob Sonjo seinen Magen zur Nase.
Vorne kullerten unterdessen mehrere Rollen Toilettenpapier über die Bühne und hinterließen büttenweiße Linien. Der lange Exstirpator warf den Koffer, aus dem sie gefallen waren, wütend zur Seite und ging mit rücksichtslosen Schritten auf Bärenbind zu. Der war auf einmal enorm engagiert und konnte gar nicht schnell genug seinen Koffer dem Exstirpator über den glatten Holzboden der Bühne entgegenschleudern. Er selbst robbte auf den Knien rückwärts in die entgegengesetzte Richtung.
Sonjo wollte es nicht glauben. Sein eigener Magen war es, der so stark nach Geräuchertem roch und es war auch gar nicht wirklich sein Magen, sondern ein großes Stück dunkelroter Hinterschinken, wie Sonjo nach eindringlicher Untersuchung verzweifelt aber auch enorm erleichtert feststellte. Sein eigener, echter Magen musste sich in Melbigs Koffer befinden, aber den hatte sich der kleine Exstirpator längst geschnappt und sich ein Stück weit rechts vor dem Altar damit niedergelassen. Auch er hatte sich mit einem Ruck seinen Schlüssel vom Hals gerissen und versuchte erfolglos den Koffer zu öffnen.
Im Zuschauerraum war mittlerweile tosender Jubel ausgebrochen oder ein heilloses Getöse, Sonjo vermochte das nicht zu unterscheiden und war von den Scheinwerfern auch derart geblendet, dass er nicht sehen konnte, was sich dort abspielte. Dann fiel ihm auf, dass es Deiters schließlich doch gelungen war, Melbig auf den Rücken zu lagern und dass er bereits mit der Geflügelschere an dessen Brust zu Gange war, was aber offenbar bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatte. Deiters erhob sich, setzte die geöffnete Schere fast senkrecht an und stemmte sich mit seiner eigenen Brust auf sie. Ein erster Stoß, ein resoluter zweiter, und dann ein langanhaltender dritter, mit aller Leibeskraft, hochrotem Kopf und einem ehrgeizigen, oval verzerrten Mund aus dem zunächst Speichel und dann ein verzweifeltes, ehrgeiziges Keuchen drang. Vom Mikrofon verstärkt war es so durchdringend, dass es den Lärm im Zuschauerraum kurz vollständig niederdrückte. Einmal mehr hatte Sonjo eigentlich gar nicht weiter zuschauen wollen, aber was sich dort abspielte war so ungeheuerlich und einzigartig, dass er seinen Blick denn doch nicht abwenden konnte. Melbigs zäher, strammer Körper hatte nur kurz vom dritten Stoß gewackelt, dann war die Schere abgerutscht und Deiters der Länge nach auf Melbig gefallen, was etwas unanständig aussah, fast so als wollte er ihn küssen.
Auch der kleine Exstirpator war auf Deiters aufmerksam geworden.
„Schere!“ brüllte er in Deiters Richtung, und hielt Deiters die Hand fordernd, wie bei einer echten Operation, entgegen.
„Neiiiin!“ kreischte Deiters und stocherte erfolglos auf Melbigs Brust ein. Sein Mikrofon war noch immer eingeschaltet und es gab eine ohrenbetäubende Rückkopplung, in deren Folge der Lärm aus dem Zuschauerbereich vorübergehend vollständig verebbte.
„Du gibst jetzt die Schere her, kapiert, sonst… “, drohte der Exstirpator und zwar in einem dunklen Ton, der so barsch war, dass selbst Sonjo den Impuls verspürte, ihm sofort eine Schere auszuhändigen.
Auch Deiters hatte jetzt keine Sekunde mehr gezögert, dem äußerst erregten Exstirpator, noch bevor dieser den Satz beendet hatte, die Geflügelschere – ähnlich wie Bärenbind gerade noch den Koffer – über den Bühnenboden hinweg entgegen zu schleudern.
Sonjo wollte jetzt sofort hin zu Melbigs Koffer, aber was hätte er mit seiner einzigen Waffe, dem Schinken, gegen die Geflügelschere ausrichten können? Da war aber etwas, was neue Hoffnung in ihm genährt hatte. Und zwar das sonst. „Aber was sonst?… sonst?… sonst?“ überlegte Sonjo. Noch stand er auf der linken hinteren Seite der Bühne. Vorne hatte gerade der große Exstirpator den Koffer von Bärenbind ausgeschüttelt, aus dem lauter bunte Papierschnippsel in der Größe von Geldscheinen herausflatterten. Bärenbind wirkte erleichtert, aber noch nicht erlöst. „Verfluchter Mist“ , brüllte vorn der andere Exstirpator in Sonjos Gedankengang hinein und schlug verzweifelt mit der Spitze der Schere auf Melbigs Koffer ein, „das ist ja ein getarnter Stahlmantelkoffer.“
Sonjo hatte unterdessen den Quell seiner eigenen Hoffnung entdeckt. „Sonst war ein Umorientierungsprozeß fällig, bei dem er unter Garantie aus dem Schneider wäre… unter absoluter Garantie.“
Er lief zu Deiters hin, der dem mit starren Augen daliegenden Melbig gerade eine weitere Ladung Betäubungsspray in die Nase gepumpt hatte, und tippte ihm von hinten auf die Schulter. Deiters drehte sich erschrocken um und war dann, als er nur Sonjo vor sich sah, so erleichtert und perplex, dass er reflexartig in die ihm dargebotene Hand von Sonjo einschlug.
„Danke Doktor Doktor Deiters.“ sagte Sonjo dabei völlig übertrieben laut und reichte ihm noch den Schinken, den der entgeisterte Deiters ebenfalls entgegennahm. „Professor Melbig hatte tatsächlich entsprechende Vorkehrungen wegen des geheimen Ersatzmagens getroffen. Wie sie sehen habe ich ansonsten aber dicht gehalten.“ Deiters runzelte die Stirn bis tief zu den Augen runter. Er hatte noch nicht verstanden worauf Sonjo hinauswollte, fand es aber vielleicht sogar nett, dass ihm jemand Hilfe anbot.
„Was reden sie da Herr Sonjo?“ fragte er, was verstärkt durchs Mikrofon im ganzen Saal zu hören war. Sonjo schielte kurz zu dem langen Exstirpator rüber und Deiters folgte seinem Blick. Daraufhin riss er sofort seine Hand zurück, die Sonjo bis dahin gehalten hatte. Aber es war bereits zu spät. Der lange Exstirpator kam in noch längeren Schritten auf ihn zu. „Ach, das ist ja höchst interessant. Erst hast du uns den Scheiß von der Anthropogastrophagie erzählt und jetzt noch dafür gesorgt, dass der Ersatzmagen verschwunden ist, damit wir dir nicht doch noch in die Quere kommen können. Von wegen enterokardiale Partnerschaft, hä?“ Und schon hatte er den knienden Deiters am roten Krawattenknoten nach oben gezogen, in Richtung Altar geschleift und seinen Kopf wie einen Scheibenwischer auf Stufe drei hin und her geschüttelt. Das Mikrofon ging dabei mit einer knirschenden Übertragung seiner eigenen Zerquetschung zu Grunde. Sonjo war etliche Meter zurückgewichen und wartete. Erst als Deiters schon nasal betäubt zu Boden gesunken war – er hatte gar nichts mehr zu seiner Verteidigung sagen können – und der lange Exstirpator bereits seine eigene rote Krawatte vorsichtig der Länge nach faltete, kam auch der zweite Exstirpator hinzu und mahnte zur Eile. Melbigs Koffer hatte er ungeöffnet vorne rechts auf der Bühne liegen lassen. Sonjo triumphierte in sich hinein. Er hatte subversiv und erfolgreich die Kontrolle auf der Bühne übernommen und der Umorientierungsprozeß war genau in seinem Sinne abgelaufen. Jetzt würde er einfach zum Koffer hingehen und ihn mitnehmen. Trotz der Umorientierung hielt Sonjo es für ratsam, das Gesichtsfeld der Exstirpatoren nicht zu kreuzen. Obwohl er etwas länger war, wählte er den Weg zwischen dem starr am Boden liegenden Melbig und dem schlaff am Boden liegenden Deiters, vor dem die Exstirpatoren knieten und Sonjo den Rücken zukehrten. Die transorale digitale Exstirpation bei Deiters war in vollem Gange, als mit einem Schlag zum zweiten Mal während der völlig durcheinandergeratenen Zeremonie jegliches Licht im Saal erlosch. Lediglich das schmale, scharf abgegrenzte Mondlicht erhellte wie schon bei der ersten Dunkelheit einen kleinen sichelförmigen Ausschnitt in der Mitte der Bühne. Im Zentrum der Bühne stand der Altar. Dieses mal fiel der schmale Lichtstrahl genau auf die Deckplatte. Dort, im Bauch der uralten Mondsichel, und nun erneut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, lag, mit vier weißen Schnüren länglich und halb gekrümmt wie ein Embryo, der Kultmagen im Schlamm. Zunächst pendelte seine Kopfpartie mit einem leichten Wippen nach rechts und links, so als suche er die Schüssel. Der Mund schnappte dabei ab und an in rudimentärer Halbherzigkeit ins Leere, ein Verhalten, dass an einen überschießenden animalischen Reflex erinnerte. Anschließend begann der Kultmagen am ganzen Leib immer mehr zu zittern, bis er fast vibrierte. Dann krümmte er sich plötzlich krampfhaft zusammen. Dabei verspritzte er aus einigen nebeneinanderliegenden Öffnungen, ähnlich wie bei einer Rasensprengerleiste, ein weißliches Sekret, das den Schlamm auf der Deckplatte besprenkelte. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male in rascher Folge. Zwischen Schlamm und Sekret kam es zu einer chemischen Reaktion. Sie nahm unter vermehrter Schaumbildung und Ausbreitung stetig zu und drohte, den Kultmagen zu erreichen. Mit einer Behändigkeit, die man diesem plumpen Wesen niemals zugetraut hätte, hüpfte der Kultmagen weit über die Hinterkante des Altars hinaus und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Im ganzen Saal herrschte betroffene Stille. Von verschiedenen Richtungen huschten Gestalten durch die Dunkelheit auf der Bühne. Aus dem Zuschauerraum war mittlerweile jemand mit einer Taschenlampe zur Bühne vorgedrungen. Der kleine Lichtkegel suchte vor dem Altar, ungefähr dort, wo Melbigs Koffer gelegen hatte, herum und erfasste dann eine umfangreiche Figur, die sich eng an der rechten Bühnenwand entlang nach hinten verdünnisierte. Der Lichtkegel nahm die Verfolgung auf und verschwand durch das Eingangsloch in der Rückwand. Auf dem Altar hatten die Reaktionen exponentiell zugenommen. Die schiefersteinerne Deckplatte war vollkommen mit einem weißen, feinblasigen Schaum bedeckt und knirschte beträchtlich. Der Schlamm hatte sich bereits unter gelblicher Qualmbildung weitestgehend aufgelöst. Mit einem Mal brach dann auch die Deckplatte entzwei. Die beiden Fragmente klappten zu Boden und zerbröckelten dabei wie ein Mürbteigboden. Einige Sekunden später waren auch die verbliebenen Krümel verpufft. Die beiden Findlinge blieben unbeschadet und durchschnitten mittig und senkrecht den Sichelschein des Mondes, der wie der Rücken eines ovalrunden E aussah. Der Kultmagen musste gleich daneben im Dunkeln liegen.

Leseprobe: Brigitte Morgenroth – „Hundeseele“

Es waren Kleinigkeiten, die mich hielten. Der Apfelbaum, dessen Blüten reiche Ernte versprachen, eine dunkelrote Iris, die in diesem Jahr zum ersten Mal blühen sollte, der Mehltau auf dem Strauch weißer Rosen, den es zu bekämpfen galt. Seit fünf Jahren lebte ich im Haus meiner Großmutter am Rande des Dorfes, dort, wo die Felder in Wald übergingen. Hier hatte ich mich eingerichtet und dieses Mal wollte ich nicht wieder gehen. Doch ich würde dafür kämpfen müssen – und diesmal nicht nur für mich.
Ich sah Waltraut zum ersten Mal an einem sonnigen Tag Anfang Juni, als ich mit dem Fahrrad ins Dorf fuhr, um Milch und Brot zu kaufen. Die Straße mäanderte zwischen dotterblumengelben Wiesen, am Wegrand blühte Wiesenkerbel in weißen Dolden und nicht weit entfernt bohrte sich die Turmspitze der Dorfkirche in den Himmel. Menschen, aufgefädelt am unbefestigten Straßenrand, kamen mir entgegen – Scherenschnitte im gleißenden Sonnenlicht. Erst als sie sich näherten, sah ich, dass es Mädchen waren, geführt von zwei Nonnen. „Heilige Maria, Mutter Gottes“, beteten die Schwestern und im Chor antwortete die Gruppe: „Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesu.“ Das Ave Maria wirkte wie ein geheimnisvolles Ritual und die monotone Wiederholung gab dem Gebet Magie. Ich hielt an und betrachtete die vorbeiziehende Gruppe, uniformiert in dunklen Röcken, weißen Blusen und grauen Kopftüchern. Sie hielten die Blicke gesenkt, schritten gemessen im Takt des Gebetes. Ein Mädchen brachte Unruhe in das Bild: Sie bewegte ihre schlaksigen Arme und Beine im seltsamen Rhythmus, drückte die Knie nie ganz durch. Ihr Kopf war wachsam erhoben, ihr Blick suchte unruhig die Hügel ab, die Nasenflügel blähten sich – sie schien zu schnuppern wie ein scheues Tier. Ihre grünen Augen blieben ausdrucklos, als sie mich kurz streiften. Erst als das Gebet weit entfernt zur wortlosen Beschwörung wurde, fuhr ich weiter. Es dauerte eine Weile, bis Vogelgesang und Grillenzirpen wieder in mein Bewusstsein drangen.

***
Ich wusch Sauerampfer, dünstete ihn, goss Brühe und Rahm auf und passierte alles zu einer hellgrünen Suppe. In ein Küchentuch gepackt stellte ich den Topf zum Brot in einen Korb. Ich befestigte ihn auf dem Gepäckträger, schob das Fahrrad zum Gartentor und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter. Das alte Haus war schon von weitem zu sehen. Es stand auf einer Kuppe und klammerte sich an ausgefranste Fichten. Vorsichtig umfuhr ich Schlaglöcher, die den Weg durchsiebten und vermied es, das Haus anzusehen. Ich fixierte den Zaun, an dem ich mein Fahrrad anlehnte, nahm die Suppe und das Brot, sah die zugewachsenen Steinplatten, die zum Haus führten. Es waren genau dreizehn, ich kannte sie alle und jede brachte mich näher an das Ziel, zu dem ich nicht wollte. Trete ich nicht auf den Rand, darf ich zwei zurückgehen und mich drei Platten weit in Zeitlupe bewegen, sonst muss ich sieben Platten lang springen und wäre gleich da. Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Spiel. „So kommst du nie an.“
Ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu sehen, und das Haus war wieder ein Haus, der Weg ein Weg, den ich schnell entlangging, um die alte Frau zu begrüßen. Vor 15 Jahren, kurz bevor sich mein Bruder in der Scheune erhängte, hatte ich es im Streit verlassen, um nicht zurückzukehren.
Am Küchentisch mit der geblümten Wachsdecke saßen wir schweigend, brachen das Brot in Stücke, tunkten es in die Suppe und kauten die weichen Klumpen. „Für Fleisch reicht dein Lehrerinnengehalt wohl nicht.“ Nach dünnem Getreidekaffee aus Blechtassen gingen wir in den Garten – die Kirschen waren reif. Ich stand auf der Leiter, mein Kopf verschwand im Grün der Blätter, die Insekten summten in der Hitze. Meine Hände griffen die roten Kirschen, zogen sie vom Stiel, der Saft lief über die Finger. Ich leckte ihn ab und legte zwei miteinander verbundene Früchte als Schmuck über die Ohren, damit sie auf den Wangen leuchten wie Rubine – Kirschenprinzessin.
„Bist du endlich fertig“, tönte die Stimme meiner Mütter, brüchig vom Alter. Hastig pflückte ich die übrigen Früchte.
Wir schnitten die Kirschen auf, rissen den Kern heraus, unsere Hände färbten sich rot. Bald hatten wir einen gemeinsamen Rhythmus gefunden: greifen, schneiden, atmen. Die Zeit stand still, nur der Berg roten Fruchtfleischs wuchs, der Saft malte dunkle Linien auf den Tisch. Das Knarzen des Stuhles beim Aufstehen stieß die Zeit wieder an. Meine Mutter schürte das Feuer im Herd und stellte einen Topf auf die Eisenringe. Bald hatten wir Gläser mit Marmelade vor uns stehen, auf die wir Etiketten klebten: Kirschen 1955. Beim Abschied fragte die alte Frau: „Kann es nicht öfter so sein?“
Ich drehte mich um und ging über die fünfzehn Steinplatten zu meinem Rad. Vielleicht sollte ich versuchen, auf einem Bein über die letzten beiden Platten zu hüpfen?
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Greta lernt Schwester Magdalena und Waltraut kenne. Die Nonne kümmert sich um das Mädchen, das als Waise in einem Kloster untergebracht ist. Als sie dort misshandelt wird, bringt Schwester Magdalena ihr das Mädchen in der Hoffnung, dass Greta für sie sorgen wird.
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Das Mädchen starrte verloren aus dem Rahmen des Passfotos, den Kontakt mit der Kamera meidend, den Betrachter ausschließend. Als würde sie nach einem Fluchtweg suchen. Hatte der Fotograf ihr vorher die wirren Haare aus dem Gesicht gestreift und den auf den Boden gerichteten Blick freigelegt? Hatte er das Kinn gehoben, das vorher ängstlich an das Brustbein gedrückt war? Eine Büroklammer färbte rostend den Scheitel des Mädchens und zwang den Bildrand in eine gebogene Form. Ich zog das Foto unter der Klammer heraus und versuchte, es glatt zu streichen, strich über die hohen Wangenknochen, den leicht geöffneten Mund mit den schiefen Zähnen. Dann betrachtete ich Waltraut, die im Sonnenflecken des Fensters schlief. Staub tanzte im Licht, ihr Brustkorb hob sich beim Atmen, sie schnorchelte leise. Seufzend schob ich das Bild wieder unter die Klammer. Daneben stand Name und Geburtsdatum auf dem grauen Papier der Akte: Waltraut Lili Moser, geb. 03. Mai 1939, darunter BERICHT ÜBER DAS STAATSMÜNDEL MOSER“, hart von der Schreibmaschine in das Papier geschlagen, der Kopf des R verschmiert von einer verschmutzten Type.
Magdalena hatte heute Morgen die Akten gebracht. Sie hatte erzählt, sie habe die Äbtissin gezwungen, alle Unterlagen von Waltraud herauszugeben. Auch eine schriftliche Bestätigung liege vor, dass das Kloster auf Ansprüche an das Mädchen verzichte. Ob ich mir inzwischen vorstellen könne, die Pflegschaft für Waltraut zu übernehmen? Sie wisse, dies sei eine schwierige Entscheidung. Aber wenn ich sie nicht übernähme, würde ausschließlich das Jugendamt über das Mädchen entscheiden.
„Waltraut kann bei mir bleiben. Ich übernehme die Pflegschaft.“ Magdalena hatte erleichtert gewirkt. Sie kenne die Sachbearbeiterin im Jugendamt und werde alles in die Wege leiten. Ich wunderte mich, dass die Äbtissin sich so einfach fügte. Sie habe gute Beziehungen zur Leitung im Mutterhaus und ihre Familie habe Einfluss in München, bemerkte Magdalena kurz. Ich bräuchte mir keine Sorgen machen, es würde keine Schwierigkeiten geben. Ob ich beim Arzt gewesen wäre? Sie war froh zu hören, dass Waltraut keine inneren Verletzungen habe. Den Bericht als Beweis für die Misshandlungen wolle sie gerne bei sich aufbewahren. Ich versprach, Dr. Schulenberg um eine Abschrift zu bitten.

Waltraut stützte sich schlaftrunken auf die Arme und kratzte sich am Kopf. Ich ging zu ihr und versuchte ihre Hand festzuhalten. „Nicht, Waltraut, das macht es nur noch schlimmer.“
Sie riss sich los und kratzte weiter, Schorf blieb an ihren Fingernägeln hängen, die Kopfhaut fing an zu bluten.
„Waltraut, hör auf!“, fuhr ich sie an.
Erschrocken schaute sie mich an.
„Du siehst aus wie ein gerupftes Huhn.“
„Waltraut ist kein Huhn“, schmollte sie.
„Nein, bald wächst dir wieder ein schönes, glänzendes Fell.“ Ich tupfte ihr Johanniskrautöl auf die wunden Stellen. „Wenn du nicht kratzt, heilt es schneller.“
„Waltraut kratzt jetzt nicht mehr“, sagte das Mädchen, gähnte und rollte sich auf der Decke zusammen. Halb im Schlaf murmelte sie: „Frau Schneider, kann ich bei dir bleiben?“
„Ja, und ab jetzt bin ich die Greta.“

Als sie wieder eingeschlafen war, ging ich an den Herd. Darauf stand ein Topf, dessen Inhalt leicht brodelte. Der Deckel hob sich von Zeit zu Zeit, um Dampf abzulassen, und fiel wieder klappernd zurück. Wasser lief herunter und verdampfte zischen in der Gasflamme. Ich hob den Deckel, nahm den Kochlöffel und rührte. Ein grau gekochtes Stück Fleisch stieg an die Oberfläche, ein mit Mark gefüllter Knochenring, dazwischen Karotten und Sellerie. Gustl hatte mir vorausschauend Suppenfleisch und Knochen vom Markt mitgebracht. Das würde für die nächsten Tage reichen. Ich stellte die Gasflamme etwas kleiner und setzte mich wieder an den Tisch.
Waltraut Moser wurde am 5. April 1951 im verwahrlosten Zustand auf dem Hof ihres Vaters Wolfgang Moser vorgefunden. Die Mutter Adelheid Moser starb am 25.02.1951. Das Jugendamt ist einem Hinweis der Nachbarin Marta Beer nachgegangen. Das Mädchen lebte in einem Schuppen bei den Hunden. Sie schlief auf Stroh, trug Fetzen, war räudig und unterernährt und fraß das Futter der Hunde, auch rohes Fleisch. Sie griff die Mitarbeiterin des Jugendamtes an, knurrte und bellte.
Eine Befragung des Vaters ergab, dass Waltraut in diesem jämmerlichen Zustand lebt, seit sie vier Jahre alt war. Das Haus ist schlampig geführt und voller Müll, der Vater und ein Sohn, Erich, 17 Jahre, leben dort, beide sind Alkoholiker. Drei weitere Kinder sind bereits aus dem Haus, zwei waren der Fürsorge unterstellt.
Waltraut ist das jüngste Kind und laut Aussage des Vaters war es ihr eigener Wunsch, bei den Hunden zu leben. Sie sei immer schon seltsam gewesen. Die Eltern hätten mit den anderen Kindern genug zu tun gehabt und die Zeiten seien hart gewesen.
Nur mit Unterstützung der örtlichen Polizei war es möglich, das Mädchen zu entfernen und ins Heim zu bringen. Erst nach einigen Tagen Einzelhaft wurde Waltraut fügsam.
Ich betrachtete das beigelegte Schwarz-Weiß-Bild: ein altes Haus, daneben ein baufälliger Schuppen. Unkraut wuchs zwischen Stapeln von Müll und der Boden war erstarrt in eine Landschaft voll Furchen und Schlaglöcher, die Fahrzeuge in den Schlamm gegraben hatten. Ich blätterte um. Auf der nächsten Seite war der Bericht des Amtsarztes.
Waltraut ist 1,68 cm groß und wiegt bei der Aufnahme 43 Kilo. Die Zähne sind schief gewachsen, jedoch im guten Zustand, sie leidet nicht unter Rachitis. Handballen und Knie sind verhornt, was auf die hündische Fortbewegungsweise auf allen Vieren zurückzuführen ist. Sie befindet sich auf der geistigen Entwicklungsstufe eines vierjährigen Kindes und kann nur in einfachen Sätzen sprechen. Waltraut beherrscht nicht die grundlegenden Regeln im Umgang mit anderen Menschen und ist widerborstig. Ihre Jungfräulichkeit hat sie bereits verloren, weshalb auch von einer sittlichen Verwahrlosung auszugehen ist. Eine geistige Behinderung kann angenommen werden. Waltraut hat nicht die Anlagen, sich zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu entwickeln. Deshalb wird empfohlen, sie in einem Heim mit festen Strukturen und strengem Regiment unterzubringen, um ihr einfachstes menschliches Verhalten und Moral beizubringen. Ist das nicht möglich, bleibt nur die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt. Ein Schulbesuch würde die Fähigkeiten des Mädchens übersteigen. Jedoch sollte sie einfache Tätigkeiten erlernen, um sich nützlich zu machen. Waltraut wurde entwurmt, mit DDT entlaust und hat die notwendigen Impfungen erhalten.
Ich stand auf und ging wütend im Zimmer auf und ab. Wann hörte diese Menschenverachtung endlich auf? Vor nicht allzu langer Zeit hätten sie Waltraut wahrscheinlich erschlagen wie einen räudigen Hund.
Waltraut war wach geworden und beobachtete mich ängstlich.
„War Waltraut böse?“
„Nein“, beruhigte ich sie. „Hast du Hunger?“
Sie nickte.
„Komm her, dann essen wir jetzt ein leckeres Brot.“
Ich ging zum Herd, hob den Deckel und angelte mit einem Schöpflöffel den Markknochen aus dem Topf und legte ihn zum Auskühlen auf einen Teller. Waltraut schaute zu. Ich schnitt vom Laib zwei Brotscheiben ab, bestrich sie mit Butter, löste das Mark vom Knochen und verteilte es auf die Schnitten. „Jetzt noch Salz und Pfeffer und fertig ist der Leckerbissen.“ Wir bissen in das Roggenbrot, das würzige Knochenmark zerging auf der Zunge, Waltraut lief die Brühe über das Kinn. „Das schmeckt gut.“ Das Mädchen schmatzte genüsslich. Ich wischte ihr das Kinn mit dem Küchenhandtuch ab. „Und es gibt Kraft.“ Ich spürte die Anstrengung der letzten Tage.  „Wenn meine Mutter früher Rinderbrühe gekocht hat, habe ich mich immer mit meinem Bruder um das Knochenmark gestritten“, erzählte ich.
Waltraut schluckte den letzten Bissen hinunter. „Du hast auch einen Bruder. Er heißt Erich.“ „Erich ist böse, er hat Waltraut immer wehgetan.“ Ich goss Holundersaft in zwei Gläser und füllte Wasser auf. „Hier sind Vitamine für dich.“ Ich reichte Waltraut das Glas. „Was sind Tamine“, das Mädchen sprach das Wort vorsichtig aus, als würde sie versuchen, es zu schmecken. „Das sind ganz kleine Stoffe im Essen, die man nicht sieht, aber die uns helfen, gesund zu bleiben. Vi-tamine“ „Vitamine“, murmelte Waltraut und trank den Saft in einem Zug. „Weißt du eigentlich, dass du mit zweitem Namen Lili heißt?“ „Waltrauts Großmutter war eine Lili“, sie krauste angestrengt die Stirn, als versuche sie sich zu erinnern. „Großmutter Lili ist schon lange tot. Sie hat auf Waltraut aufgepasst, als sie klein war. Als Großmutter Lili gestorben ist, ist Waltraut zu den Hunden gegangen.“ Sie sah plötzlich müde aus. „Leg dich wieder hin und schlaf noch ein bisschen.“ Gehorsam trottete sie zur Decke, zog sie in den Sonnenflecken, der inzwischen weitergewandert war.

Ich setzte mich wieder an den Tisch und blätterte die letzte Seite des Berichts auf. Dort stand nur die Notiz: Am 24.06.1951 abgegeben in die Obhut der Barmherzigen Schwestern vom Kloster Tiefenbach. Unter der Akte lag ein Schreiben, vermutlich Magdalenas Handschrift, gestochen und ohne jeden überflüssigen Schnörkel: Einverständniserklärung stand in Drucklettern auf dem Kopf.
Hiermit erklärt sich das Kloster Tiefenbach damit einverstanden, dass die Lehrerin Greta Schneider die Pflegschaft für das Mündel Waltraut Moser übernimmt. Die Einzelbetreuung durch eine pädagogisch gebildete Person ist für eine positive Weiterentwicklung des Mündels wünschenswert. Schwester Magdalena, Nonne desselbigen Ordens, erhält die Vollmacht, die Belange von Waltraut Moser zu klären.
Unterschrieben war der Brief von der Äbtissin und von Magdalena. Wie hatte sie wissen können, dass ich einer Pflegschaft zustimme?
Magdalena, du hast hoch gespielt.
Und gewonnen, seufzte ich. Magdalena hatte gesagt, sie wisse, was es für mich bedeute, die Verantwortung zu übernehmen. Wie sie das wissen könne, war ich ihr erregt ins Wort gefallen. „Greta, ich werde immer für dich und Waltraut da sein.“ Wir hatten geschwiegen und ich betrachtete Magdalenas Kette, die sich golden über das Holz des Tisches schlängelte. Magdalena war meinem Blick gefolgt. Sie zögerte einen Moment, doch dann nahm sie die Kette in die Hand. Das Kreuz sei ein Erbstück ihrer Familie, schon ihre Großmutter habe sie getragen. Sie legte das Kreuz auf ihre Brust. Ob ich die Kette schließen könne? Ich trat hinter sie, schob den Schleier zur Seite und schob den Ring in den Verschluss, den ich mit dem Daumennagel entriegelt hielt.
Wie konnte sie nach der vergangenen Nacht noch an das Kreuz glauben?
Magdalena schien meine Zweifel zu spüren und drehte sich um. Schützend legte sie die Hand über das Kreuz. „Es ist das Leben, das ich gewählt habe. Und ich bin mir immer noch sicher, dass es das Richtige ist. Ich glaube an das Gute im Menschen und Jesus Christus ist für mich der Weg in eine bessere Gesellschaft.“
Sie hatte sich von Waltraut verabschiedet und versprochen, bald wieder zu kommen. Dann nahm sie mich zur Seite und fragte, wo die Kleider aus dem Kloster waren, die Waltraut getragen habe. Als sie mein fassungsloses Gesicht war, sagte sie leise, dass die Schwester, die für die Wäsche zuständig war, darauf bestanden hätte, die Kleider zurück zu bekommen, denn sie gehörten dem Kloster. Wortlos holte ich die blutigen Sachen aus dem Mülleimer und band sie zu einem Bündel. Magdalena verabschiedete sich, ohne mich anzusehen.

Ich ging zu dem Metallregal mit den Aktenordnern, das in der Abstellkammer neben der Waschküche stand. Die Ordner mit den von Blechfolie gerahmten Grifflöchern starrten an die gegenüber liegende Wand. Ich wollte nicht, dass sie im Wohnzimmer standen, mit ihren Dokumenten und Unterlagen, die ein Leben erst amtlich machten. Menschen, von denen nichts übrig blieb als Papier in dunkelgrau marmorierten Aktendeckeln.
Hier mein Bruder, das letzte Dokument die Sterbeurkunde und die Rechnung vom Friedhof, obwohl sie ihn als Selbstmörder vor der Friedhofsmauer beerdigt hatten. Ich strich über den Ordnerrücken, auf dem Martha Schneider stand. Gelocht und eingeordnet befand sich dort ihr Leben von Geburt, über Taufe, Hochzeit, Kinder bis zu ihrem Tod. Die letzte Seite, ein Testament, überschrieb mir das Haus. Großmutter hatte gewusst, dass ich eine Zuflucht brauchen würde. Ich streckte mich, um einen leeren Ordner ganz oben zu erreichen, steckte den Finger durch das Griffloch und zog ihn aus dem Regal.
Waltraut, jetzt wirst du eingedeckelt.
Aus dem Ordner stieg muffiger Geruch. Mit dem Hebel öffnete ich das Maul des Klemmbügels, heftete die Akte ab, lochte das Schreiben des Klosters, fügte es hinzu und fixierte die Dokumente mit dem Klemmer. Auf den Rücken schrieb ich ‚Waltraut‘ und ergänzte nach kurzem Zögern „Lili“, bevor ich mit „Moser“ abschloss.
Wohin stelle ich dich?
Die Ordner im mittleren Regalbrett lehnten sich zur Seite, ich richtete sie auf, und stellte den Ordner in die entstandene Lücke am Ende des Regals – er passte gerade noch hinein. Elisabeth Anna stand auf dem Ordner daneben. Mein Herz zog sich zusammen, ich streichelte den Namen meiner Tochter.

„Waltraut, aufstehen, es gibt Abendessen.“
Das Mädchen hatte fast den ganzen Tag verschlafen, die Abendsonne tauchte den Garten in dunstiges Licht und ließ den herannahenden Herbst erahnen. Ich hatte das Fleisch in Stücke geschnitten und mit Suppennudel in die kochende Brühe geworfen. Auf dem Tisch standen zwei Teller mit blauem Blumenmuster auf dem Rand, zwei Löffel, zwei Gläser, ein gefüllter Brotkorb. Waren es diese alltäglichen Gegenstände, die ein Zuhause schufen? Oder war es, weil ich sie mit jemand teilte?
Waltraut streckte sich und kam zum Tisch, setzte sich auf die Stuhlkante, bereit zur Flucht. „Schlägst du Waltraut, wenn sie nicht richtig isst?“, ängstlich schaute sie mich an.
„Nein.“
Sie nahm den Löffel in die Faust und stocherte konzentriert in der Suppe. Der Löffel balancierte wackelig durch die Luft, Brühe lief ihr die Hand herunter. Es gelang ihr nur mühsam, ein Stückchen Fleisch oder Gemüse in den Mund zu stecken. Schließlich senkte sie den Kopf zum Teller und schlürfte die Suppe vom Löffel, bevor er auf dem langen Weg zum Mund verkanten konnte. Mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, ob ich ihr Verhalten duldete. Ich tat, als wäre ich vollauf damit beschäftigt, meine Suppe zu essen, und beachtete sie nicht. Als sie fertig war, leckte sie schmatzend denn Teller aus, ihre Augen strahlten.
„Na, den brauchen wir nicht mehr waschen“, lachte ich. Gemeinsam wuschen wir ab, Waltraut ungelenk und voller Angst, etwas fallenzulassen. Aber als wir fertig waren, platzte sie fast vor Stolz.
„Das hast du gut gemacht“, lobte ich sie. „Komm, ich zeig dir jetzt dein Zimmer.“
„Mein Zimmer? Waltraut wohnt hier“, sie zeigte auf den Boden vor dem Sofa.
„Du brauchst ein Bett und einen Schrank, wo du deine Sachen hinein tun kannst.“
„Nein“, sagte sie bockig. „Waltraut schläft hier.“
„Komm, wir schauen uns das Zimmer einfach mal an.“ Nur schwer konnte ich sie überreden, mit mir in den ersten Stock zu gehen. Misstrauisch beäugte sie die enge Treppe. „Schau mal, hier schlafe ich“, ich öffnete die Tür zu meinem Schlafzimmer. Über das breite Holzbett hatte ich hastig die Tagesdecke aus bunten Stoffresten geworfen. Neben dem Fenster stand ein blauer Bauernschrank mit aufgemalten Rosenblüten.
„Kann ich bei dir schlafen?“
„Nein, dafür bist du schon zu alt. Schau mal, das Zimmer nebenan, da kannst du schlafen.“
Das Mädchen folgte mir widerwillig. Misstrauisch betrachtete sie das schmale Bett und die Kommode. Das Zimmer war nicht groß, aber das Fenster ging zum Garten. Man konnte direkt in den Kirschbaum schauen. „Wir können es schön einrichten.“ Ich sah ihr an, dass ihr der Ausblick gefiel und auch das Marienbild, dass noch von meiner Großmutter stammte. Mit sanften blauen Augen und roten Wangen strahlte die Muttergottes ihr Kind an. „Kann ich trotzdem unten schlafen“, bat Waltraut. Zögernd stimmte ich zu.
Die Zeit wird es schon richten.
„Aber dann nehmen wir Decken mit runter, damit du es weich hast und nicht frierst.“
Im Wohnzimmer bauten wir ein Lager. Das Mädchen war aufgedreht und wälzte sich zwischen den Decken. Ich warf ihr ein Kissen an den Kopf, nach dem sie knurrend schnappte. Sie verbiss sich in den Zipfel, als ich versuchte, ihr das Kissen wieder abzunehmen. Ich verlor das Tauziehen und fiel auf Waltraut. Wir lachten, bis uns Tränen in die Augen stiegen. Plötzlich sah Waltraut müde und erschöpft aus. Sie hielt sich die Rippen. „Waltraut ist müde.“
„Dann ruh dich aus. Du musst dich erholen.“
„Greta!“
„Ja.“
„Kann ich nicht Lili heißen, wie meine Großmutter.“
„Aber Waltraut ist doch ein schöner Name.“
„Aber die Kinder haben Waltraut immer geärgert. Sie haben immer Wau-Wau-Waltraut gesagt oder Waldi. Komm her, sitz, sei brav! Waltraut ist doch kein Hund.“
Sie weinte leise, ich strich ihr tröstend über den Rücken.
„Dann heißt du jetzt Lili wie deine Großmutter und wie meine Lieblingsblume.“
„Kannst du Lili die Lieblingsblume zeigen?“
„Ja, aber erst nächstes Jahr, wenn die Lilien wieder blühen.“
„Ist Lili dann noch bei dir?“
„Ja.“
——————————————————————————————————————————–
Greta fährt mit Lili und dem Arzt Karl, der das Mädchen behandelt hat, zu dem Hof, auf dem Lili aufgewachsen ist. Lili hofft, dort ihr Hundemutter wiederzufinden.
——————————————————————————————————————————– Das Motorrad tickerte, Regenwasser verdampfte auf dem Motor. Karl schlug die Plane vom Beiwagen und reichte mir den Helm, Lili setzte die Lederkappe auf und schielte durch die Brille wie ein monströses Insekt.
„Komm, steig ein“, ich zog sie zu mir in den Beiwagen und deckte uns mit der Plane zu.
Karl startete das Motorrad und wir fuhren schlingernd über den schlammigen Feldweg zur Straße, durchquerten das Dorf und entfernten uns auf der Bundesstraße, die sich im Wald verlor. Der Wind fegte durch die Bäume, entriss ihnen die bunt gefärbten Blätter, die schwer vom Regen auf die Straße trudelten und harmlose Kurven in eine Rutschbahn verwandelten. Karl fuhr langsam, damit die Räder nicht den Halt verloren. Nebel waberte über den Baumwipfeln, verfing sich, zerriss, wehte in Fetzen über die Straße.
Der Wald spuckte uns aus, es wurde heller. Häuser tauchten auf, grau duckten sie sich am Straßenrand, daneben ein Weiher mit dunklem Wasser, ein Steg bahnte sich durch verrottendes Schilf. Ein Ruderboot hing mit Wasser gefüllt an einem Strick. Lili lehnte sich an mich, mein Helm stieß an ihren Kopf. An einer Kreuzung blieb Karl stehen: „Und jetzt?“ Lili deutete auf einen unbefestigten Weg, der von den verschreckten Häusern wegführte, die vorgaben, ein Dorf zu sein. Wir fuhren an sumpfigen Wiesen vorbei. Das gelbe Gras war durchsetzt von Moos und braunen Wasserlachen, dazwischen standen Wollgrasbüschel, als hätte ein Kind schmutzige Watte verstreut. Im Nebel tauchte ein Schuppen auf. Grob vernagelte Planken versuchten, sich aus der aufgezwungenen Form zu lösen. Ein Ruck presste Lili an mich, erdiges Wasser spritzte auf, als das Rad in ein Schlagloch geriet. Der Motor heulte auf, zog den widerstrebenden Beiwagen weiter über den geschundenen Weg. Ein Stapel Holz hockte am Wegrand – ein unentwirrbarer Haufen aus Brettern und Baumstücken. Wie ein schwarzer Vogel flatterte eine Plane im Wind. Ich spürte Lilis unruhigen Atem, zog sie fester an mich.
„Wir sind da.“
Das Haus starrte uns aus blinden Fenstern an, niedergedrückt vom Dach. Ziegel klammerten sich in durchhängenden Reihen an den schiefen Dachstuhl, die Löcher geflickt mit Teerpappe. Die Fassade bröckelte, die Tür ein verschlossener Mund mit ausgefranstem Schlüsselloch.
Karl würgte den Motor ab. Die Stille klang in den Ohren. Der Regen war mehr zu spüren als zu hören. Nur das Fallen der Wassertropfen vom Dach auf die schlammige Erde hallte im Nebel nach. Wir stiegen aus, legten Helme und Lederkappe in den Beiwagen und wischten uns den Regen von den Gesichtern. Der Wind und die Kälte hatten Karls Züge hart werden lassen, zwei tiefe Falten zwischen den Augenbrauen verdüsterten seinen Blick, Feuchtigkeit glitzerte in seinem Bart. Lili nahm mich bei der Hand.
„Sie bellt nicht“, Tränen standen ihr in den Augen. „Sie ist nicht mehr da.“
Karl war um das Haus gegangen. Er versuchte, durch die verschmutzten Fensterscheiben zu sehen, klopfte leise an die Tür – nichts geschah.
„Es scheint niemand mehr hier zu wohnen.“
Unschlüssig standen wir im Regen, Lili winselte. „Zeig mir, wo du mit deiner Hundemutter gewohnt hast.“ Sie führte uns einen schlammigen Pfad entlang, gesäumt von faulenden Brennnesseln. Ein Aborthäuschen stank uns entgegen, die offene Tür bewegte sich im Wind, gab den Blick frei auf einen groben Balken mit Loch. Ein Stück weiter tauchte ein Schuppen aus rostigem Wellblech auf, nach dem stachelige Ranken eines Brombeerstrauches griffen. Die Früchte waren zu schwarzen Klumpen getrocknet, von den Dornen tropfte Regen auf die letzten gelben Blätter.
„Hier habe ich gewohnt.“ Lili versuchte, die Tür zu öffnen, verhakte sich in den Dornen. „Lili, halt still.“ Vorsichtig befreite ich sie von der Ranke. Wir öffneten die Tür, die sich quietschend wehrte, muffiger Geruch schlug uns entgegen. Als sich meine Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, sah ich einen Haufen Stroh, zu einem Lager gehäuft, verdreckt und schimmelig. Vor einem Futternapf mit eingetrockneten Resten schlängelte sich eine rostige Kette mit einem Halsband. Dunstig fiel Licht durch ein Loch, das aus dem Wellblech heraus geschnitten war. „Mama“, Lili stürzte sich auf das Stroh, roch an dem Halsband, leckte am Napf, lief schnuppernd auf allen Vieren jeden Winkel des Schuppens ab, bellte verzweifelt. Wut stieg in mir hoch.
Ich bin deine Mutter!
„Lili!“, ich packte sie, versuchte sie auf die Beine zu ziehen. „Es reicht. Sie ist tot, begreif es endlich!“
Sie entwand sich meinem Griff, bleckte die Zähne und knurrte, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Diesmal würde ich nicht nachgeben. Ich drängte sie in die Ecke. „Lili, steh auf, du bist kein Hund. Du bist ein Mensch.“ Lili versuchte, an mir vorbei zu kommen, doch ich versperrte ihr den Weg. Sie starrte mich an, Speichel lief ihr aus dem Maul, tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle.
„Greta, hör auf!“ Karl versuchte, mich wegzuziehen. In dem Moment sprang Lili vor und biss mir in den Arm. Als ich erschrocken zurückwich, rannte sie aus dem Schuppen. Der Schmerz nahm mir den Atem, Blut tropfte aus meinem Ärmel, mein Brustkorb zog sich zusammen, schnürte mein Herz ein, panisch klopfend versuchte es sich Raum zu schaffen. Dann erlöste mich Dunkelheit, Stille. Von weitem drang Karls Stimme an mein Ohr, ich spürte seine Wärme, seine Arme, die mich hielten. Ich öffnete die Augen, mein Kopf verweigerte jede Auskunft, meine Gedanken verwirrten sich unauflösbar: „Wo bin ich?“
„In Lilis Kinderstube.“
„Was ist passiert?“
„Du hast sie bedrängt. Sie hat dich gebissen und ist weggerannt.“
Schmerz pochte in meinem Unterarm, um den ein blutiges Stofftaschentuch gewickelt war.
Ich erinnerte mich: Lili, zähnefletschend, in die Ecke gedrängt, sie springt auf mich zu.
„Sie soll endlich begreifen, dass sie ein Mensch ist.“
„Und du bist ihre einzige Mutter!“
„Bin ich das nicht? Muss ich mir Lilis Zuneigung mit einer Hündin teilen?“
„Greta, die Hündin hat Lili das Leben gerettet.“
„Aber es ist doch nur ein Tier.“
„Ein Tier, das getan hat, was eigentlich die Menschen hätten tun müssen.“
Ich stand langsam auf, wischte mir das Stroh von den Kleidern, Karl klopfte den Staub von meinem Rücken.
„Wo ist Lili?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wir müssen sie suchen!“
Vor dem Schuppen empfing uns Nebel, der die Umgebung verschluckte, nur Schemen zeigte. Die Dinge dahinter schienen sich ständig im Schutz des grauen Schleiers zu verwandeln. Die Fangarme der Brombeeren griffen nach mir, ritzten meine Haut. War es die dreizehnte Fee, die mich mit der Spindel stach? Äste griffen als Hexen mit langen Fingern nach mir.
Lauf in den Wald, Gretel!
Waren es Sträucher oder graue Kobolde, die sich auf dem Boden verbargen? Begleitete uns der Schatten eines Wolfes?
Sieh dich vor, Rotkäppchen!
Hast du Angst, lacht mein Bruder, keckert eine Krähe. Karl nahm meine Hand. Hier war der Pfad zwischen den Brennnesseln, der Gestank des Klos, der Umriss des Hauses.
„Vielleicht ist Lili zum Motorrad gelaufen.“
Plötzlich ein Bellen, dann ein Jaulen. Ich hörte Lilis Angst und schrie auf. Wir rannten in die Richtung, aus der das Bellen kam. Die Umrisse von zwei Körpern formten sich aus dem Nebel, groß und massig der eine, schmal zappelte der andere daneben. „Lassen Sie sofort meine Tochter los!“ Ich lief fast in den Mann hinein, der mich mit einer Armbewegung auf den Boden schleuderte, an seiner Schulter hing ein Gewehr.
„Tochter? Das ist meine Schwester Waltraut, der Hund.“ Er quetschte ihren Arm, zog sie zu sich hoch, atmete ihr ins Gesicht. Lili wand sich und bellte.
„Ich sag´s ja, ein Hund, ein räudiger Köter“, er gab ihr eine Ohrfeige, Lili jaulte auf und schwieg. Verschlagene Augen starrten aus dem aufgedunsenen Gesicht , dunkles Haar kräuselte sich aus dem Kragen des karierten Hemdes wie drahtiges Schamhaar. „Lass sie sofort los!“ Ich wollte mich auf ihn stürzen. Karl hielt mich zurück: „Wer sind Sie?“
„Ich bin Erich, der Bruder von diesem Köter. Und wer seid ihr?“
„Karl Schulenberg und das ist Greta Schneider. Lili gehört zu uns.“
„Heißt die feine Dame jetzt Lili.“
„Wie meine Großmutter“, röchelte Lili.
„Die alte Schreckschraube ist doch schon lange tot“, er klemmte Lilis Kopf unter seine Achseln. „Und warum sollte ich Waltraut hergeben, sie ist meine Schwester“, er rubbelte mit den Knöcheln über ihren Kopf. „Ich könnte gut einen neuen Hund gebrauchen.“ Erich lachte dröhnend.
„Wo ist meine Hundemama?“, klang es dumpf aus seiner Achselhöhle. Erich zog Lili hoch, nahm ihren Kopf in seine Pranken, nikotingelbe Finger mit Schmutzrändern unter den Nägeln pressten ihr Gesicht zur Grimasse.
„Tot, der alte Teppich. Ich habe sie auf den Misthaufen geworfen wie all die anderen Köter.“ Lili heulte auf, wand sich und versuchte, Erich in die Hand zu beißen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Karl mit dem Fuß einen Stock zu sich zog.
„Halt, keine Tricks“, Erich umschloss mit seiner Hand Lilis Kehle, dann grinste er. „Wenn ich es mir richtig überlege, brauche ich meine Schwester ganz dringend.“ Seine freie Hand fuhr über Lilis Po, der fast vollständig in seiner Hand verschwand, fuhr dann weiter zwischen ihre Beine. Übelkeit stieg in mir hoch, ich sah, wie Lilis Augen sich angstvoll weiteten. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Karl riss den Stock hoch, erstarrte, als Erich genüsslich die Kehle des Mädchens zudrückte. In dem Moment löste sich ein Schatten aus dem Nebel, sprang. Reißzähne bleckten hinter hochgezogenen Lefzen, gruben sich in Erichs Arm, er schrie auf und ließ Lili los. Ich zog sie in meine Arme und hielt sie fest. Ein großer Schäferhund stellte sich knurrend zwischen uns und Erich, der das Gewehr von seiner Schulter zerrte. „Du elender Köter, diesmal bist du dran.“
„Raik!“, rief Lili. Der Hund schaute sie aus schrägen grünen Augen an. Erich nutzte den Moment und legte an. Karl stürmte vor und schlug ihm den Stock gegen den verletzten Arm. Schreiend ließ Erich das Gewehr fallen, ein Schuss löste sich, hallte lange nach. Der Hund verschwand im Nebel.
Wimmernd lag Erich auf dem Boden, ein Fleischberg, in den ich gerne immer wieder getreten hätte.
„Lasst uns fahren“, ich zog Lili zum Motorrad. „Wir können Erich nicht so liegen lassen, er ist verletzt.“ „Er ist ein Schwein. Es geschieht ihm nur recht.“ „Greta, ich bin Arzt und verpflichtet zu helfen.“ Ich schnaubte abfällig: „Ich wusste nicht, dass du auch Tierarzt bist.“ Karl grinste gequält: „Wieder ganz die Alte.“ Lili deutete ein vorsichtiges Lächeln an: „Ich bin ein Hund, aber Erich ist ein Schwein.“ „Hilfe, ich verblute.“ „So schnell geht das leider nicht“, Karl zog Erich auf die Beine, bugsierte ihn zur Tür. „Greta, kannst du bitte den Verbandskasten aus dem Beiwagen holen?“ Tief im Fußraum fand ich den Kasten, und als ich wieder hochkam, sah ich Lili. Sie hatte den Kopf erhoben und schnupperte aufmerksam im Wind, ihre Nasenflügel waren gebläht. „Vielleicht ist Raik noch da, ich gehe ihn suchen.“ „Nein, Lili. Für heute hatten wir genug Aufregung.“ Aber Lili spähte weiter aufmerksam in den Nebel, ihre Ohren schienen gespitzt. „Bleib hier“, ich nahm ihren Arm, „Sieh mich an.“ Widerwillig drehte sie den Kopf, ihr Blick war ausdruckslos, weit weg. „Kind, ich bin hier.“ Sie schaute mich an, erkannte mich: „Mama?“ Tränen schossen mir in die Augen, ich blinzelte sie weg. „Du wirst Raik bestimmt wiedersehen. Ich glaube, es ist der Hund, der im Wald in der Nähe des Dorfes streunt. Ich habe ihn schon einmal gesehen.“ Ich dachte an meine Begegnung in der Johannisnacht. „Er weiß jetzt, dass ich da bin und wird mich suchen.“

Leseprobe: Helmut Pöll – „Die Krimfahrt“

1

Wilhelm Seidlitz war ein unauffälliger Mensch. Er arbeitete in der Verwaltung seiner Heimatstadt als Hausmeister und fuhr mit der U-Bahn zur Arbeit. Er war unscheinbar. Weder an seinem Äußeren noch an seinem Wesen gab es auf den ersten Blick etwas Auffälliges, und müsste man sich an ihn erinnern, dann mit einem leichten Erstaunen und deshalb, weil es kaum etwas gab, woran sich die Erinnerung festmachen ließ.
Es war, als bemühte man, sich ein Phantom aus dem Dunkel seiner Erinnerungen zu zerren, ein Phantom, das sich dabei vehement wehrte und nur zentimeterweise dem Licht näherte. Wie sah er aus? Normal, nicht dick, nicht dünn, das schüttere Haar des Mittvierzigers sorgsam über die mit Leberflecken übersäte Kopfhaut gezogen.
Hobbys hatte er keine, bis auf das eine, dass er gerne Bücher und Magazine las. Und selbst diese regelmäßige Beschäftigung, die sich manchmal dem Rande der Leidenschaft näherte, hätte man böswillig umdeuten können zu einem Hang zum Verweilen im Theoretischen und Drückebergerei vor dem wirklichen Leben.
Statt die günstigen Gelegenheiten, die sich in bescheidenem Ausmaß auch in seinem Leben boten, beherzt zu ergreifen, statt einmal etwas zu riskieren, bevor Verlauf und Ausgang einer Sache bis ins letzte Detail kalkuliert wären, zauderte er, starrte der Gelegenheit wie gelähmt ins Gesicht, wo sie nahe war, unfähig sie zu ergreifen, ließ sie ungenutzt vorbeiziehen und blickte ihr doch wehmütig hinterher, wenn sie endgültig verschwand wie ein Schiff, das über den Horizont davonsegelt mit anderen Passagieren an Bord.
Der schnelle Entschluss war seine Sache nicht. Eine Gelegenheit hätte bei ihm nicht langsam vorüberziehen dürfen, sie hätte auf Reede gehen und in seinem Hafen überwintern müssen, ehe er überhaupt in Betracht gezogen hätte, sich auf sie einzulassen.
Er überließ die Torheiten den anderen, den Waghalsigen, den Kurzentschlossenen, den Spontanen, die immer die Hälfte vergaßen. Er selber las lieber über diese Torheiten, als an ihnen teilzuhaben, zog sich mit seinen Büchern ins Studierzimmer zurück und ließ sich aus dritter Hand lieber berichten, was andere in ihrem Leben planten, unternahmen und welche Abenteuer rein theoretisch auch auf ihn warten könnten.
So gab es von Seidlitz’ Leben nicht viel zu berichten, außer man wollte es schon als Sensation ansehen, wenn er die Zahl der zu lesenden Seiten, die er sich für das laufende und für jedes Jahr vornahm, schon vorzeitig in einer Novembernacht erreichte, wo Winterwind wild an den Fensterläden rüttelte. Stolz über diesen Triumph stand er dann auf, wippte mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Stehen, setzte sein zufriedenstes Gesicht auf und gönnte sich zur Feier des Tages ein Glas des teuren Roten. Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen. Das Jahr war gerettet.
Wilhelm Seidlitz liebte die Ordnung und war froh, wenn die Dinge berechenbar blieben. Er mochte keine Kaffeeflecken auf Tischdecken, keine Brotkrumen am Teppich und Blumenvasen, die mit ihrem kalten Porzellankörper direkt auf dem empfindlichen Holz seiner Kommode standen, ohne Deckchen dazwischen, waren für ihn völlig indiskutabel. „Da kann ich mich auch gleich nackt auf die Couch setzen“, sagte er dann außer sich, mit rotem Kopf, und wippte erbost. Seine Kommode hatte schon einen Wasserfleck, links vorne am Eck, und er hatte es nicht verhindern können. Jedes Leben hat dunkle Stunden, das war die von Wilhelm Seidlitz. Den 29. August 79, einen heißen Mittwoch, an dem sich ein Gewitter zusammenbraute und dann doch nicht kam, würde er nie vergessen, sein ganzes Leben nicht, die Vorkommnisse jenes Schicksalstages waren für immer unauslöschlich in seine Erinnerung gebrannt. An diesem Tag entstand der Wasserfleck, der ihn noch heute höhnisch anstarrte, sobald er das Studierzimmer betrat. Er hatte schon alles versucht und in der ersten Zeit weiße Deckchen darübergebreitet, so wie man Verband über eine Wunde legt. Aber genauso wie der Ungeduldige den Verband hebt, um sich zu vergewissern, dass die Heilung Fortschritte machte, zog es Wilhelm Seidlitz immer wieder zu diesem Deckchen, wo er lediglich feststellte, dass der Wasserfleck blieb. Das machte ihn ganz verrückt.
Weit schlimmer noch als der Wasserfleck auf der Kommode, der sich täglich in Erinnerung brachte, aber wog der unersetzliche Verlust des Samoaberichtes, eines großformatigen Bildbandes, den er günstig in einem Antiquariat erworben und der zum Tatzeitpunkt unmittelbar in der Flutzone gelegen hatte. Dieses unersetzliche Sammlerstück wurde fast vollständig zerstört. Anfangs war die Zerstörung kaum sichtbar, nur einer Ecke des Bildbandes wölbte sich das Papier und färbte sich in Nuancen gelb ein. Seidlitz’ groß angelegte Rettungsmaßnahmen führten nicht zum gewünschten Erfolg. Er versuchte es mit dem Naheliegendsten, Trocknen und Pressen, doch das einmal gewellte Papier des Samoabandes erwies sich als von geringer Qualität und als widerspenstig. Auch den anerkannten Restaurator eines hiesigen Museums, eine Koryphäe der Buchrettung, hatte er um Rat gebeten, der zuerst auch Hilfe für das Kunstwerk in Aussicht stellte, beim Anblick von Seidlitz gewelltem Samoaband aber in schallendes Gelächter ausbrach, dann die Museumskollegen herbeirief, die Seidlitz unter Spott und Hohn aus den heiligen Hallen vertrieben. Von da an war Seidlitz bei der Rettung auf sich alleine gestellt. Ein ganzes Jahr hielt der Samoaband durch, dann war er endgültig verschlissen.

2

Auf dem Weg zur Arbeit kam Seidlitz täglich an einem Tabakwarenladen vorbei, vor dem eine Linde wuchs, die der Vater des Tabakwarenhändlers gepflanzt hatte und die dem Sohn jetzt den Eingang beschattete. Seidlitz sagte sich jeden Morgen, dass er bis zu seiner Pensionierung nur noch 20 Jahre hier vorbeigehen würde, und wenn die Linde dereinst einmal ihren Schatten in den dritten Stock werfe, dann müsse er nie wieder das Pförtnerhäuschen der Stadtverwaltung passieren, hinauf in seine Werkstatt und Glühbirnen in verwaisten Gängen wechseln. Ängstlich und eifrig beobachtete er, ob der Baum auch der Pflicht nachkomme und über die Monate und Jahre stetig größer werde, als sei dessen Wachstum untrennbar mit seiner eigenen Pensionierung verknüpft und der Schattenwurf im dritten Stock die Messlatte, bei deren Erreichen er automatisch verabschiedet werde und ein letztes Mal mit den Kollegen beim Umtrunk die Gläser klirren lassen werde.
Er hütete den Baum wie seinen Augapfel, vertrieb entschlossen Vierbeiner samt Herrchen, die sich verdächtig in seiner Nähe herumdrückten und deren Morgenspaziergang sich schicksalhaft mit seinem Arbeitsweg kreuzte. Durch Gefälligkeiten und besondere Aufmerksamkeiten versuchte Seidlitz einmal sogar, seine Beziehungen als Hausmeister im Amt zu nutzen, um eine Umzäunung der Linde zu erreichen – vergebens. Der zuständige Beamte rief ihn zu sich ins Büro, runzelte die Stirne und murmelte „Seidlitz, lassen Sie das!“ Dann hämmerte mit Wucht der schwere Stempel ablehnend auf seine Eingabe.
Seidlitz’ Spleen ging so weit, dass sich die Sorge um diesen Teil seines Arbeitsweges, diesen Baustein seines Schicksals, so tief in ihn fraß, dass er an freien Tagen manchmal das Haus verließ, um die wenigen Straßenzüge abzuwandern und nachzusehen, ob die Linde noch stand und seine Beförderung gesichert war.
Wilhelm Seidlitz’ Frau Erika, eine brünette, herbe Landschönheit, mit der er seit 25 Jahren eine ruhige Ehe führte, bestärkte ihn in seiner Sicht der Welt. Im Grunde war sie über seine geruhsame Art und sein stilles Hobby froh und bei ihm vor Überraschungen sicher. Wenigstens schmutzte Wilhelm nicht wie die vielen furchtbaren Handwerker aus der Nachbarschaft, die nach Feierabend und am Wochenende sägten, hobelten, hämmerten oder sonst eine andere Gelegenheit zum Lärmen fanden. Besonders zu schaffen machte ihr der Spross einer Schreinerdynastie, der vor fünf Jahren die Wohnung im Treppenhaus gegenüber bezogen hatte. Der an und für sich stille Mann, der kein unnötiges Wort von sich gab und einen morgendlichen Gruß nur mit einem scheuen, kaum angedeuteten Kopfnicken erwiderte, ging dafür umso bereitwilliger bei allen anfallenden Zimmererarbeiten im Haus und der näheren Umgebung zur Hand ging und stellte in solchen Notfällen die eigene Wohnung als Werkstatt bereit.
Hatte er sich für einen guten Zweck verdingt, schabte, sägte, feilte und bohrte der Nachbar unermüdlich, als gäbe es kein Morgen und mehr als einmal hatte er die Seidlitz’ um Hilfe herausgeklingelt. Erika, gerne bereit bei häuslichen Engpässen mit Mehl, Zucker oder auch mal mit einem rohen Ei auszuhelfen, hatte bereitwillig geöffnet, fand sich aber ungewollt plötzlich in ganz anderer Rolle, eingeklemmt zwischen Treppengeländer und einem roh gezimmerten Tisch, den der selbstlose Nachbar mit ihr, in Ermangelung anderer helfender Hände, drei Stockwerke tief in den Hof tragen musste. Der Spion in der Türe rettete ihr bei weiteren Rekrutierungsversuchen das Leben.
Die schlimmeren Tage, an denen sie vor Gram und als Ausdruck ihres hilflosen Protestes Migräne bekam, waren jene, an denen Spuren von Sägemehl unter dem Türspalt durchkamen, dumpfes Brummen schon am frühen Morgen das Haus erfüllte und die Wucht schwerer Maschinen die Gläser im Schrank stundenweise klirren ließ.
So war Wilhelm nicht. Er blieb am Feierabend wenigstens in seinem Studierzimmer ruhig am Fenster sitzen, ging nicht die ganze Zeit in der Wohnung herum, machte Fingerabdrücke am Wohnzimmerschrank oder zupfte ihre Häkeldeckchen auf den Beistelltischen zurecht.
Nun war es aber nicht so, dass sich das Leben des Ehepaares Seidlitz auf gegenseitige Abgrenzung und Vermeidung des Unangenehmen beschränkte. In der Welt der beiden gab es auch eine Schnittmenge, über die sie sich verständigen konnten. Bei ihren Streifzügen durch diese gemeinsam bewohnte Insel saßen sie dann bis spät in die Nacht auf dem Sofa zusammen. Es war die Welt der Abenteuerromane und bebilderten Abenteuerberichte, die sie mit ungewohnter Leidenschaft debattieren ließ, etwa darüber, welche Länder und Gegenden man theoretisch guten Gewissens bereisen könnte.
Ein gern besprochenes Thema an diesen Abenden war Russland. Vermutlich kannten nicht einmal die Russen ihr Land im Detail so gut wie das Ehepaar Seidlitz. Aber bei näherem Hinsehen, bei wiederholter Betrachtung möglicher Reiserouten entdeckte Seidlitz hinter der Fassade der Postkartenmotive eine andere Wirklichkeit, die ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Der russische Winter beispielsweise, dessen watteweiße Landschaften in Verbindung mit Zimtgebäck bei ihm weihnachtliche Rührseligkeit auslöste, war in seiner Vorstellung auch verantwortlich für steifgefrorene Reisende, die sich mit zweifelhaften Mietwagen auf eigene Faust in die klirrende russische Puderzucker-Landschaft aufgemacht hatten.
Und die Inflation? Was war eigentlich mit der Inflation, über die der Finanzminister oft mit strenger Miene sprach, die einen im wirklichen Leben nicht zu interessieren brauchte, die aber auf „Russland“ angewandt plötzlich bedrohlich und unberechenbar schien. Was wären die getauschten Urlaubsgelder morgen wert? Vielleicht nur noch so viel wie ein einziges rohes Ei? Und was machte man dann mit einem einzigen rohen Ei ganz hinten in Sibirien? Wenn das alles nicht gewesen wäre, dann hätte man eventuell in diesem weiten Land schon einen Flecken finden können, wo man hinfahren hätte können. Theoretisch. Darüber waren sich die beiden einig.
Andere Länder und Gegenden wurden von Anfang an aus verschiedenen Gründen als reiseuntauglich oder gar völlig diskussionsunwürdig eingestuft. „Und die Krim mit ihrem milden Klima?“, fragte einmal Anton Griebholz, ein weitläufiger Bekannter, den sie übermütig an ihren Gedankenexperimenten hatten teilnehmen lassen: „Die Krim ist nicht in Russland.“ „Doch Schatz, die Krim ist in Russland“, wagte Frau Seidlitz vorsichtig zu erwähnen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. „Die Krim?“, fragte Herr Seidlitz und war einen Moment aus dem Konzept, „das weiß ich selber. Ich meine gefühlsmäßig gehört sie doch nicht zu Russland. Russland ist weit und kalt. Auf der Krim aber ist es warm. Krimsekt, und so weiter. Das weiß doch jedes Kind. Ja, die Krim – scheidet völlig aus. Das ist ja schon gar nicht mehr richtig Russisch – das ist ja schon türkisch“, erregte er sich. „Wir reden hier von Russland, mein Herr, von Russland, meine Frau und ich, die ganze Zeit, wollen Sie uns auf den Arm nehmen? Guten Tag.“
Der Besucher kippte hastig den letzten Schluck Roten in sich hinein und verschwand für immer. Wilhelm Seidlitz schimpfte noch den ganzen Abend, welche Unverschämtheit es doch sei, ihm als Urlaubsort die Krim vorzuschlagen. Er steigerte und verstieg sich darüber in wildeste Spekulationen, geriet aber mit seiner Behauptung, dass die zum milden Klima neigende Krim gewissermaßen ein Kuckucksei im russischen Eisnest sei, in eine rhetorische Sackgasse, aus der er keinen Ausweg mehr fand. Am Ende der Gasse hätte er gerne den Rückzug angetreten, aber als er sich umdrehte, stand ihm Erika im Weg.
„Jetzt reg Dich doch nicht immer gleich über alles so auf.“ „Ich rege mich nicht auf“, japste Herr Seidlitz, die Wand im Rücken, und bekam einen roten Kopf, „schon gar nicht über alles. Will der mich auf die Krim schicken in meinem sauer verdienten Urlaub, der Lump.“
Sie zankten sich, schwiegen sich schließlich an und gingen verstimmt ins Bett. Die ganze Nacht wälzte er sich unruhig im Bett und konnte nicht schlafen, so ärgerte er sich, und am Morgen danach hatte er Magendrücken. Beim Frühstück ging sein Feldzug weiter. Er warf seiner Frau vor, wie rücksichtslos es sei, ihm nach einem Abend und einer Nacht wie dieser am Morgen Kaffee vorzusetzen, der seinen strapazierten Magen zusätzlich angriff. Er hätte nach 25 Jahren Ehe schon so viel Feingefühl von ihr erwartet, dass sie zumindest nachfrage, ob ein Kamillentee für ihn in seiner geschwächten Situation nicht angebrachter sei.
Aber bitte. Dann war es halt so. Er hatte verstanden. Wenn das so war und sie sich mittlerweile so wenig verstanden, dann könnte man gleich generell getrennter Wege gehen. Seidlitz spielte den Beleidigten, stand vom Frühstückstisch auf, warf die Esszimmertüre theatralisch ins Schloss und sperrte sich in seinem Studierzimmer ein.
Auch auf das verzweifelte Flehen und ergebenste Entschuldigungen von Erika gab er bis zum frühen Abend keine Antwort, ja überhaupt kein Lebenszeichen von sich. Mit Ohrstöpseln hörte er das Hämmern an der Türe nur gedämpft, aber so konnte er den langen und unlängst begonnenen Reisebericht, der sehr engagiert geschrieben war und den er wegen der unqualifizierten Zwischenfragen von Erika nicht zu Ende hatte bringen können, endlich in Ruhe fertig lesen.
Er genoss diesen kleinen Triumph und sah die wenigen Stunden, die er so für seine stille Leidenschaft zusätzlich abzweigen und sich Erikas Forderungen entziehen konnte, als gerechte Strafe für ihre mangelhafte Sensibilität und Unachtsamkeit an. Erst spät, weit nach Mitternacht, überkam ihn die Müdigkeit. Eine Weile blieb er noch, halb vom Vorhang verdeckt, im verdunkelten Arbeitszimmer ans Fenster gelehnt und schaute auf die verlassene, unter Laternenlicht goldfarben schimmernde und ausgestorbene Stadt.
Ein Radfahrer kam entgegen der Fahrtrichtung um eine Straßenbiegung, mit flatterndem Mantel, wackelig und mit sichtlicher Mühe in der enger werdenden Kurve. Einmal kam er fast zu Fall, als er ohne Not und abrupt die Straßenbahnschienen kreuzte. Schlingernd vertrieb er mit wildem Klingeln einen herrenlosen Hund, der noch viel zu weit weg war, um ihm gefährlich zu werden, dann fuhr der Betrunkene ausser Sicht. Nachdem auch noch der Hund ums Hauseck verschwunden war, ging Seidlitz zu Bett. Als er am nächsten Morgen ausgeruht in der Küche erschien, wo ihm eine aufgeräumte Erika seinen Kaffee vorsetzte und es unterließ, ihm die Ereignisse des Vortages lautstark oder mit stummer Verbitterung zum Vorwurf zu machen, hätte er hellhörig sein können. Im ersten Moment, mit der Witterung eines Tieres, hatte er die Veränderung zwar bemerkt, jeden unschönen Gedanken aber sofort mit Griff zu Nusshörnchen und Quittengelee beiseite gewischt.
Ein Beobachter, der das Ehepaar Seidlitz nicht kannte, hätte während der nächsten Tage nichts Besonderes feststellen können und, befragt, lediglich von Alltagsroutine und korrektem Umgang miteinander gesprochen, während hinter den Kulissen tatsächlich von seiner Seite intensive Versuche der Wiederannäherung unternommen wurden. Aber irgendetwas war mit Erika geschehen. Sie, die sich ansonsten so empfänglich zeigte für die kleinste Aufmerksamkeit, blieb kühl, auf eine kalte Art höflich, aber doch seltsam unberührt von allen gut gemeinten und oft hilflos und bemüht wirkenden Gesten der Versöhnung. Sie wirkte mitunter, als wäre ein Zugang, ein Weg in ihr Innerstes, auf dem man sie bislang notfalls immer erreichen konnte, plötzlich durch einen Erdrutsch unwiederbringlich verschüttgegangen.
Vielleicht hatte sie auch nur die Pforte für jenen Boten verschließen wollen, dessen Schmeicheleien und Beredsamkeit ihre Vorsätze immer wieder zum Opfer gefallen waren. Es ist schwer zu beurteilen, ob Erika generalstabsmäßig planend oder unbewusst in dieses Fahrwasser geriet. Irgendwann stand fest: ein Urlaub musste unternommen werden. Eines Tages, als Seidlitz in die Tageszeitung vertieft am Küchentisch saß und Erika Gemüse für einen Eintopf schnitt, ließ sie plötzlich das Messer sinken, setzte sich sichtlich erschöpft zu ihm, und als er aufblickte, sah sie ihn mit steinernem Gesicht aus blauvioletten umringten Augen an:
„Wir fahren jetzt weg“, sagte sie, stand auf und nahm ihre Arbeit wieder auf, als wäre nichts geschehen. Von dieser Forderung würde sich Erika nicht mehr abbringen lassen. Das wusste Seidlitz sofort, und er war selber nicht ganz abgeneigt. Es musste ja nicht gleich ans andere Ende der Welt sein.

3

Aber wohin fahren, um konkret zu werden? Nach Afrika? Afrika faszinierte ihn, war ihm aber nicht geheuer. Er verweilte zwar oft vor dem rot marmorierten Gebilde in einem seiner Atlanten, fuhr mit dem Finger den Nil hinauf und hinunter, besah sich auch gerne Fotografien bunt bemalter und um Basthütten herumspringender Horden, und beim Anblick von Bildern des weiten Graslandes konnte man warten, bis Herr Seidlitz sagte: „Sieht aus wie die Lüneburger Heide, genauso.“ Aber insgeheim schauderte es ihn, wenn er sich vorstellte, dass er vielleicht einmal im Jeep in diese Szenerie hineinfahren und mit Sonnenhut selber Teil eines solchen Bildes sein könne.
Er sah sich krank darniederliegen, dem Ende nah, in einem stickigen sandfarbenen Zelt, die Stirne schweißtropfend und von Myriaden kampflustiger Fliegen umschwirrt, die er matt abzuwehren suchte. Erika saß stumm neben ihm, fächelte ihm mit einem zerknitterten Merian-Heft Luft zu, während von draußen allerlei bedrohliche Geräusche zu ihnen drangen, Quieken, Schnattern, Zirpen und Flüche in unbekannten Sprachen, die zeigten, dass niemand den Jeep zu reparieren vermochte. Sie würden sich zu Fuß in bewohnte Gebiete aufmachen müssen. Aber dafür war er schon zu schwach. Sollten sie ihn ruhig zurücklassen. Wenn Erika in einem jener Momente mit einer Kanne Tee das Studierzimmer betrat, hatte er vor Rührung Tränen in den Augen.
„Afrika ist zu gefährlich für Dich“, hauchte er mit versagender Stimme, sie blickte kurz auf, unverständig, runzelte die Stirne und verschwand 17 wieder. Afrika schied als Reiseziel völlig aus. Und Amerika? Die Amerikaner mochte er nicht, irgendwie, obwohl er seine ablehnende Haltung nicht genau auf den Punkt bringen konnte und bei Nachfragen in dieser Richtung gereizt reagierte. Er hatte eine diffuse Vorstellung von diesen Amerikanern. Vermutlich wären sie ihm zu überdreht, würde er sie tatsächlich treffen, zu hemdsärmelig und naiv abenteuerlustig, bedenkenlos gleich bei der Sache, wo es doch eigentlich bei jeder Sache – auch der kleinsten – so viel zu bedenken gab. Und das Schlimmste: sie würden ihn gleich mit ihrem „Du“ überfallen und war dieser Damm erst einmal gebrochen, dann hätte nichts mehr Bestand vor der nachfolgenden Flut. Dann würden sie ein Foto machen wollen, mit ihm Arm in Arm, kurzum, man würde sie nicht mehr los, und womöglich kämen Sie dann im nächsten Jahr mit dem Flugzeug zum Gegenbesuch und wollten vier Wochen bei den Seidlitz’ kostenlos wohnen. Sonst noch was!
„Auch in Europa gibt es viele schöne Flecken“, wandte Erika Seidlitz in einer dieser endlosen Diskussionen ein, in denen ihr Mann gegen Amerika wetterte. Seidlitz zeigte sich fassungslos: „Du bist es doch, die immer nach Amerika will.“ „Das habe ich nie gesagt.“ „Aber gedacht. Und Dein Vorschlag Europa“, sagte er, „ist Unsinn. Da kennst Du ein anderes Europa als ich.“ Er bewies ihr, dass es in Europa nichts wirklich Sehenswertes gab, was sich nicht besser, billiger und tiefgründiger durch Merian- Reisehefte kennenlernen ließe. Ein Urlaub in Europa? Dann konnte er gleich daheimbleiben und sich in ihrer Stadt in ein großes Hotel einmieten, wo man 18 ihm die Schuhe putzte und noch ein Frühstücksei brachte, selbst wenn die Frühstückszeit schon vorbei war. Ein Urlaub in Europa war hinausgeworfenes Geld.
Erika war in dieser Hinsicht weit weniger kompliziert als er. Sie war nicht auf ein gewisses Urlaubsziel fixiert, das sie gegen andere Optionen in Schutz genommen und verteidigt hätte. Sie freute sich nur auf einen Urlaub, den sie schon so lange Jahre nicht unternommen hatten, sie sehnte sich nach den Tagen, an denen sie der gewohnten Umgebung ihrer Wohnung und der Stadt eine Weile den Rücken kehren konnte, und ahnte dabei das Ungewisse und Überraschende, das eine solche Reise mit sich bringen würde. Sie wollte dorthin, wo es warm war, und wenn sie dann noch ein wenig im Meer plantschen könnte, wäre sie glücklich.
„Weißt Du noch, wie wir in den Flitterwochen in Italien waren?“, fragte sie jetzt oft. Das wusste er sehr wohl noch, den Stau vor Verona in ihrem Kleinwagen, und die unmenschliche Hitze auf dem Petersplatz, wo sie fünf Stunden an einem glühenden römischen Mittag ausharrten, um zwei Minuten einen stecknadelgroßen Papst anzustarren, der dann auch noch nur Italienisch sprach. Natürlich erinnerte er sich an Italien. Er sagte aber nichts. Vorbei war vorbei.
Seither waren sie nie wieder im Urlaub gewesen. Nach dem Veroneser Desaster hasste Seidlitz das Unbekannte. Am liebsten wäre er überhaupt nicht mehr aus dem Haus gegangen, hätte sich nur noch durch Reiseberichte über die Vorgänge in der Welt informiert und ab und an einem der wenigen Vertrauten seine Meinung per Telefon kundgetan. 19 Erika konnte ja hinausgehen und sich in irgendwelchen Läden und Boutiquen herumtreiben, wenn sie das wollte. Er brauchte das nicht.

4

Die Wochen vergingen, und die Urlaubszeit rückte näher. Zu Beginn des Jahres war er fest entschlossen gewesen, sich durch nichts in der Welt zu einem längeren Urlaub hinreißen zu lassen und sich eventueller Versuche Erikas mit dem Hinweis auf seine berufliche Unabkömmlichkeit zu entziehen. Ein Tag hier gezielt frei genommen, einer dort, wo man gemeinsam im Park spazieren gehen und im Straßencafé ein Eis essen konnte, dagegen hatte er gar nichts einzuwenden. Mehr musste es aber nicht sein. Es lief anders. Seine Vertretung, Olaf Berger, ein Halbschwede, Junggeselle und seltsamer Mensch, der sich von Fenstertag zu Fenstertag durchs Leben hangelte, hatte früh und vorausschauend begonnen, die Urlaubslisten mit Kreuzchen zu füllen. Hervorragender Stratege, der er war, suchte er sich gegen alle denkbaren Attacken zu wappnen, die seine eigenen Pläne hätten stören können und die vorsahen, dass er sich im Juli und September jeweils für zwei Wochen irgendwo im Süden mit einer Gruppe entwurzelter Bekannter zum Kartenspiel zusammenrottete.
Öfter schlich er um Seidlitz herum, der es zwar bemerkte, aber keine Anstalten zu einem Gespräch machte, bis Berger selber aktiv wurde: „Komm Du mir mit Deinem vielen Resturlaub ja nicht auf die Idee, dass Du Juli oder September freinehmen willst.“ „Nein, nein“, winkte Seidlitz hastig ab, der dunkel schon ahnte, worauf das hinauslaufen könnte. „Da musst Du Dir überhaupt keine Sorgen machen.“ Berger zog ab, glaubte ihm aber nicht, wurde zwei 21 Tage später beim Personalleiter vorstellig, der sich die Akte Seidlitz kommen ließ, kopfschüttelnd durchblätterte und entschied, dass Wilhelm Seidlitz im August einen ganzen Monat Resturlaub abfeiern musste.
Der Sommer kam, bange hörte Seidlitz Schulkinder die verbleibenden wenigen Wochen bis zum Beginn der Schulferien zählen, aus ihrem eigenen Haus verschwanden ganze Familien nach Italien und ließen nur Schlüssel zum Balkongießen zurück. Der August näherte sich, Woche um Woche, Tag für Tag baute er sich wie eine Gewitterfront größer und bedrohlicher vor ihm auf. Auf ein gemeinsames Urlaubsziel hatten sie sich immer noch nicht einigen können, auch wenn Erika bereits demonstrativ die verstaubten Koffer vom Dachboden geholt und zum Durchlüften auf dem Balkon platziert hatte. Je mehr Seidlitz nachdachte und überlegte, umso fragwürdiger wurde ihm die Idee des Verreisens überhaupt. Wegfahren im Urlaub, wer hatte nur als Erster diese Schnapsidee gehabt? Könnte er sich nur vier Wochen auf dem Balkon zurücklehnen, die Füße hochlegen und abends ein Bier trinken. Das wäre ihm Erholung genug.
Dabei war er aber Realist genug einzusehen, dass er diesmal keinen Ausweg mehr finden würde. Er hatte zu spät reagiert. Das zarte Pflänzchen von Erikas Urlaubserwartung, das er lange Jahre geschickt klein zu halten wusste, war, er wusste nicht wie, in kürzester Zeit zum undurchdringlichen Gestrüpp gewuchert, aus dem er keinen Ausweg mehr fand. Hund, Katze oder wertvolle Pflanzen, die die immerwährende Anwesenheit einer vertrauten Hand unbedingt erforderlich gemacht hätten, gab es nicht. Das rächte sich jetzt.
Die Fronten waren festgefahren und verhärteten sich von Tag zu Tag mehr, eine Einigung schien beiden insgeheim schon undenkbar. Tatsächlich spielte Seidlitz manches Mal mit dem Gedanken, die Urlaubspläne seiner Frau in Ermangelung eines gemeinsamen Zieles einfach auszusitzen, bis der abgelaufene August endgültig Fakten schaffte. Alle Vorschläge, die in ihren Gesprächen kurzzeitig eventuell durchführbar schienen, machte er madig. Die Fernreisen, die zur Diskussion standen, erschienen ihm entweder so teuer, dass er seinen endgültigen Ruin befürchtete, bei den billigen schimpfte er, dass er lieber tot umfallen wolle, als um die halbe Welt zu reisen, um sich dann wochenlang und verschwitzt in schmuddeligen Laken zu wälzen. Europa mochte er nicht. Er sah zwar ein, dass er sich mit seiner Behauptung, es gäbe in Europa nichts Sehenswertes, was einem Merian-Hefte nicht billiger und besser näherbringen konnten, ein wenig weit aus dem Fenster gelehnt hatte, wollte seine Aussage aber aus Gründen der Glaubwürdigkeit um nichts abmildern.
Während sie so überlegten und sich die Frage, wohin der Urlaub sie führen sollte, wie ein Wurm in ihre Hirnwindungen fraß, übersah Wilhelm Seidlitz ganz und gar, dass im Parterre ihres Mietshauses der Farbladen seine Pforten schloss und sein Besitzer in Pension ging. Sie hatten Herrn Werner noch kurz im Treppenhaus getroffen: „Machen Sie es gut, ich werde die schöne Zeit hier nie vergessen“, verabschiedete er sich bewegt, „meine Frau und ich, wir gehen jetzt nach Sizilien – für immer.“ „Jaja“, sagte Seidlitz geistesabwesend, „gehen Sie 23 ruhig.“ Obwohl ihn ansonsten jede Veränderung, die im Haus vorging, brennend interessierte, versäumte er zu fragen, was mit dem Laden nach der Abreise der Werners geschehen würde. Vielleicht meinte er insgeheim, dass ein Anderer, ein Jüngerer Werners Farbhandel fortführen werde. Bald darauf wurde das kleine Schaufenster wirklich verhängt, es blieb aber lange ruhig, nur einmal, nach Wochen, waren Handwerker zu hören. Eines Tages, am späten Nachmittag, als Seidlitz nach Feierabend mit einem Bildband am Balkon saß, kam ein Lieferwagen um die Ecke, aus dem Regale und Stühle geladen wurden. Die letzte Juliwoche kam mit ungewöhnlicher Hitze, überall auf den Straßen waren Sprengwagen unterwegs, und sogar in der Seidlitz’schen Wohnung, obwohl nach Norden gelegen, wurde es in den Nachmittagsstunden jetzt unerträglich heiß. Infolge der drückenden Zustände in der Wohnung ließ sich Wilhelm Seidlitz nun öfter nach Feierabend von Erika zu einem ziellosen Stadtbummel verleiten, was ihm mehr gefiel, als er zugeben mochte, weil er andererseits befürchtete, dass Erika seine Neigung zur Bummelei sofort mit Begriffen wie Seebad und Strandpromenade in Verbindung bringen würde. Am letzten Montag im Juli, als sie beide, Erika locker im Arm ihres Gatten eingehängt, nach Hause zurückschlenderten, waren die Schaufenster des ehemaligen Farbladens nicht mehr verhängt, ohne dass man aber gegen die blendende Sonne hätte erkennen können, um welche Art von Gewerbe es sich jetzt handelte. Jedenfalls stand die Türe des Ladens geöffnet und im Rahmen lehnte ein Mann südländischen Aussehens im weißen Sommeranzug. „Windige Gestalt“, war Seidlitz’ erster Gedanke. Erst als sie noch näher kamen, ließen sich die neuen, grünen Schriftzüge quer über dem Schaufenster entziffern. „Puschkin Reisen“ war Nachfolger des kleinen Farbladens geworden. Ein Reisebüro hatte im Parterre ihres Mietshauses eröffnet und bot seine Dienste an. Erika blickte ihren Mann vielsagend von der Seite an, und ihr Blick schien zu sagen, dass mit Eröffnung dieses Ladens, der kein Gemüse und keine Wurst, sondern Reisen anbot, die Vorsehung, eine höhere Instanz, sich jetzt in ihre unvollendeten Pläne mischte, das Wort ergriff und keine Ausflüchte mehr duldete.
„Wenigstens mal ein anständiger Name“, versuchte Seidlitz abzulenken. Aber es wirkte halbherzig, Erika ging nicht auf ihn ein und genoss still ihren Triumph.
Sie waren kaum in Rufweite des Mannes, dessen Alter Seidlitz nur schwer zu schätzen vermochte, als er sie schon taxierte, seine lehnende Haltung und lümmelhafte Gelassenheit aufgab, die Eingangsstufe herunterstieg, sie laut grüßte und beim Näherkommen in ein Gespräch verwickelte. Er machte Erika Komplimente zu ihrer Garderobe, dem schlichten, eleganten Leinenkostüm, den passenden Stiefeletten, ein paar launige Bemerkungen zum Wetter im Allgemeinen und zur Hausgemeinschaft im Besonderen.
„Das ist ein schöner Zufall. Sie mit ihrem Reisebüro“, nutzte Erika die Gunst der Stunde, „wir wollen nämlich nächste Woche in Urlaub fahren, wissen aber noch gar nicht wohin es gehen soll. Nicht wahr, Wilhelm?“ Seidlitz bebte. „Denkst Du nie?“, zischte er, „jetzt werden wir den Bluthund bestimmt nicht mehr los.“ Wieder ließ Erika die Beschuldigung unerwidert und ihren Gatten zappeln und um sich schlagen wie einen gefangenen Fisch, dem an Deck doch früher oder später die Kraft ausgehen werde. Wie schön die Gegend sei, lobte der Fremde, und insbesondere das Haus, was für ein Glück für ihn, mit so freundlichen Menschen wie den Seidlitz unter einem Dach leben zu dürfen. „Woher weiß der Kerl unseren Namen?“, schoss es Seidlitz, vor Misstrauen in äußerster Wachsamkeit, durch den Kopf. Er setzte schon zu dieser Frage an, stellte in der unerträglichen Nachmittagshitze Worte wie Armeen auf, noch verborgen im Wald seiner Gedanken. Aber Seidlitz’ Kopf war merkwürdig träge, und der Fremde, der ihn aus den Augenwinkeln ständig im Blick behielt, schien den bevorstehenden Angriff zu ahnen und überrumpelte ihn mit seiner Spontaneität. Mit „Angenehm, Zifferblatt“ ergriff er Seidlitz’ Hand und lud an den Verhandlungstisch. „Herr Seidlitz, Frau Seidlitz. Kommen Sie doch kurz herein. Es wäre mir eine Ehre. Wir haben wirklich schöne Sachen.“ Das war ganz und gar gegen Wilhelm Seidlitz’ Geschmack. Er bevorzugte die offene Feldschlacht, in Gesprächen auf gleicher Augenhöhe, die womöglich noch auf einen faulen Kompromiss hinausliefen, fühlte er sich immer unwohl, ja unterlegen. Der Entwurf seiner Gegenwehr an diesem glühenden Sommernachmittag war aber zu groß, zu schwerfällig, er suchte vielleicht eine Lösung, die er auch in 100 Jahren noch guten Gewissens hätte abnicken können, hatte aber damit gegen die geradlinige Entschlossenheit der anderen Seite nur ein unzureichendes Mittel zur Hand. „Ich bin sehr gespannt“, lachte Erika und noch ehe ihr Mann alle Kräfte gesammelt und wortgewaltig alles zunichtegemacht hätte, wurde der Feldherr mit Spontaneität überrumpelt, und nach kurzem Hin und Her fand man sich im Inneren des Reisebüros auf zwei Stühlen und studierte einen Prospekt über Bahnreisen auf die Krim. Das Reisebüro wirkte auf Seidlitz wie zufällig und schnell zusammengeschustert, die billige Kulisse eines Schmierentheaters. Hätte er es als langjähriger Bewohner des Hauses nicht besser gewusst, er wäre sicher gewesen, hinter der Türe zum Nebenraum nur Zigaretten rauchende, jugendliche Komparsen in Napoleonkostümen und hölzerne Stützpfeiler für die Pappwände vorzufinden. „Sie müssen entschuldigen. Es wirkt noch sehr provisorisch. Der Rest kommt in den nächsten Tagen“, sagte Zifferblatt, der Gedanken lesen zu können schien. Schnell verschwand er im hinteren Teil des Ladens und kam mit einer Flasche Wein und drei Gläsern zurück.
Wie ihre eigene Wohnung war auch der Laden nach Süden gelegen und – neu eröffnet – der Sonne noch völlig schutzlos ausgeliefert. Für die neue Markise, im gleichen Grün wie der Schriftzug, gab es Lieferprobleme. Erst in etwa einer Woche werde sie aus Hamburg kommen, dann selbstverständlich sofort montiert und den urlaubshungrigen Besuchern erlauben, mögliche Reiseziele bei angenehmen Temperaturen gegeneinander abzuwägen. Jetzt saßen sie in der Hölle, einer wüstenartig ausgedörrten Umgebung, in der Schmeißfliegen spiralförmig durch die glühende Luft taumelten und jede Bewegung, jeder Gedanke eine Anstrengung war. Von der Hitze gelähmt, starrte Seidlitz auf vereinzelte Strahlenfinger, in denen Staubflocken wirbelten. „Lassen Sie uns auf Ihren Urlaub anstoßen. So, hier bitte.“ „Worauf?“, schrak Wilhelm Seidlitz auf und nahm automatisch das Glas, das man ihm hinstreckte. „Was? Nein. Ich nicht. Kein Wein“, wehrte er sich zaghaft, aber ehe er sich erfolgreich zur Wehr setzen konnte oder gar aufgesprungen wäre und die Flucht ergriffen hätte, war die Flasche entkorkt. Ihm wurde eingeschenkt und als ihm der Duft des Weines in die Nase stieg, spürte er seine aufgequollene, klebrige Zunge, die gesprungenen Lippen und eine ausgedörrte, kratzende Kehle, und ohne zu überlegen kippte er wie ein Verdurstender das ganze Glas Wein in großen kräftigen Schlucken hinunter. Zifferblatt goss sofort nach. Fast augenblicklich überkam Wilhelm Seidlitz eine angenehme Schläfrigkeit, die ihn alle Urlaubspläne in milderem Licht sehen ließ. Hinlegen wollte er sich. Schlafen! Wie durch dichten Nebel gedämpft hörte er, wie Zifferblatt – konnte man so überhaupt heißen? – mit schmeichelnder Stimme die Vorzüge der Krim pries. „Warum muss es ausgerechnet die Krim sein?“, war Seidlitz’ einziger und matt vorgetragener Einwand. Es gab so viele andere Orte. Er wunderte sich. Seine Widerstandkraft war fast gänzlich zusammengebrochen. Obwohl an den Wänden und auch auf dem Verkaufstresen Prospekte für Reisen in alle erdenklichen Länder auslagen, kümmerte sie nur der eine abgegriffene, den Zifferblatt ihnen gleich beim Eintreten in die Hände gedrückt hatte: Bahnreisen auf die Krim. War es die Hitze, war es Seidlitz’ plötzliche Erschöpfung nach einem mehrstündigen sommerlichen Stadtbummel, war es der schläfrig 28 machende Wein? Als jedenfalls Erika ihn mit großen Katzenaugen anblickte, sammelte er zunächst zwar alle Kräfte, um sich ihr matt entgegenzustellen, aber dann schwebte Erikas Kopf mit riesigen violetten Augenrändern als Luftballon vor seinem inneren Auge vorbei und er konnte auf ihr „Mit dem Zug auf die Krim, nur wir beide, das wäre doch schön, Wilhelm!“, das mehrfach in seinem Kopf widerhallte, nur noch ein mattes „Ja“ hinaushauchen.