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Freitag geht es los: Buchpremiere und Start der zweiten Blogbuster-Staffel

Veranstaltungshinweis: 13.10.2017, 15.00 Uhr

Zur Frankfurter Buchmesse erscheint bei Tropen/Klett-Cotta der Gewinnerroman des von Bloggern erstmals initiierten Blogbuster-Preises. Unter 250 eingereichten Manuskripten wurde in einem mehrstufigen Auswahlverfahren der Roman „Wer ist B.Traven“ von Torsten Seifert für die Veröffentlichung ausgewählt. Am Buchmesse-Freitag um 15.00 Uhr wird der Autor Torsten Seifert seinen fertigen Roman im Orbanism Space in Halle 4.1 / B91 erstmals öffentlich vorstellen. Mit dabei sind die teilnehmenden Blogger und die Blogbuster-Fachjury, bestehend aus dem ARD-Literaturkritiker Denis Scheck, der Literaturagentin Elisabeth Ruge, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar.

Gleichzeitig erfolgt auf der Veranstaltung der Startschuss für die zweite Staffel dieses außergewöhnlichen Literatur-Wettbewerbs. Ab dann können Schreibtalente jeden Alters wieder ihre unveröffentlichten Romanmanuskripte bei den Bloggern einreichen. Neuer Partner und Nachfolger von Klett-Cotta ist der Verlag Kein & Aber, der den nächsten Blogbuster-Gewinner im Herbst nächsten Jahres veröffentlichen wird.

Zweite Blogbuster-Staffel mit Kein & Aber

Nach der gelungenen Premiere des Blogbuster-Preises 2017 startet jetzt die zweite Staffel dieses außergewöhnlichen Literatur-Wettbewerbs. Neuer Partner und Nachfolger von Klett-Cotta ist der Verlag Kein & Aber, der den neuen Gewinnertitel im Herbst nächsten Jahres veröffentlichen wird.

Tolle Erfolgsbilanz der ersten Staffel

Sara Schindler, Cheflektorin von Kein & Aber freut sich auf die Zusammenarbeit mit den Bloggern: „Wir machen mit, weil wir das Konzept spannend finden und die Erfolgsbilanz der ersten Staffel uns beeindruckt hat. Von den 14 Longlist-Kandidaten haben bereits acht Autoren/innen einen Verlags- oder Agenturvertrag bekommen. Das spricht für die hohe Qualität der eingereichten Texte und die Auswahlkompetenz der Blogger.“

Der vom Literaturblogger Tobias Nazemi initiierte und organisierte Preis erinnert ein wenig an bekannte Castingshow-Formate. Nachwuchsautoren bewerben sich mit einem unveröffentlichten Romanmanuskript bei den teilnehmenden Bloggern, die jeweils einen Titel für die Longlist nominieren. Eine Fachjury wählt daraus einen Gewinner, dessen Buch beim kooperierenden Verlag veröffentlicht wird. Die erste Blogbuster Staffel hat der Potsdamer Torsten Seifert gewonnen, dessen Romandebüt mit dem Titel „Wer ist B.Traven“ in wenigen Wochen bei Tropen/Klett-Cotta erscheint.

Prominent besetzte Fachjury

Der Startschuss für die zweite Staffel erfolgt am 13.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse. Ab diesem Zeitpunkt können wieder unveröffentlichte Romanmanuskripte eingereicht werden. Neben Sara Schindler und der Erfolgsautorin Isabel Bogdan sind wieder ARD-Literaturkritiker Denis Scheck und die Literaturagentin Elisabeth Ruge Teil der Fachjury.

Auftaktveranstaltung
am 13.10.2017, 15.00 Uhr

Frankfurter Buchmesse, Orbanism Space, Halle 4.1, B91 mit Isabel Bogdan, Elisabeth Ruge, Sara Schindler, Lars Birken Bertsch und Denis Scheck

Torsten Seifert gewinnt Blogbuster-Preis

Der Gewinner des Blogbuster-Preises 2017 steht fest: Der Debütroman von Torsten Seifert, PR-Journalist aus Potsdam, wurde aus 252 eingesandten Manuskripten ausgewählt. Er setzte sich bei der Preisverleihung gegen die Shortlist-Autoren Chrizzi Heinen und Kai Wieland durch. Mit dem ersten Preis hat Seifert einen Agenturvertrag mit der Literaturagentur Elisabeth Ruge sowie die Veröffentlichung seines Romans im Herbstprogramm von Klett-Cotta/Tropen gewonnen.

Blogbuster-Preis – die Entscheidung
„Klug und gekonnt, in schneller szenischer Abfolge entführt Torsten Seifert den Leser auf eine Reise in gefühltem Schwarzweiß um die halbe Welt,“ urteilt die Jury unter dem Vorsitz von ARD-Literaturkritiker Denis Scheck. „Die Jagd des Protagonisten Leon nach dem mysteriösen Autor B. Traven führt uns zurück in eine Welt, als Journalisten noch mit stumpfem Bleistift in kleine Notizblöcke kritzelten und Hollywood-Stars fernab der Studios in echten Wüsten tranken, schwitzten und fluchten. Kurz gesagt: Raymond Chandler meets Quentin Tarantino!“

Der Gewinner des Blogbuster-Preises wurde in einem mehrstufigen Auswahlverfahren ermittelt. Unter den eingesandten Manuskripten wählten 15 Literaturblogger einen persönlichen Favoriten für die Longlist aus. Die Jury, bestehend aus Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Denis Scheck, der Literaturagentin Elisabeth Ruge, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und dem Literaturblogger Tobias Nazemi, beurteilte die 15 Longlist-Titel und legte anschließend eine Shortlist mit drei Titeln fest. Der Sieger-Titel wird als Debütroman bereits in diesem Herbst auf der Frankfurter Buchmesse 2017 vorgestellt.

Blogger zeigen, was sie können
Mit der Preisverleihung am 04. Mai im Literaturhaus Hamburg geht die erste Staffel Blogbuster zu Ende. Initiator Tobias Nazemi zieht ein positives Fazit: „Wir Blogger haben gezeigt, dass wir gute Literatur nicht nur empfehlen, sondern auch entdecken können. Die nächste Staffel ist bereits in Planung – die Verhandlungen mit interessierten Verlagen laufen.“ Eine Leseprobe des Gewinnermanuskripts ist unter www.blogbuster-preis.de in verschiedenen eBook-Formaten zum kostenlosen Download verfügbar.

Redaktionskontakt:

Tobias Nazemi
Brandrevier GmbH
Gemarkenstraße 138 a
45147 Essen
Tel. 0201 – 874293 – 0
nazemi@brandrevier.com

Pressefotos:

Der Gewinner des Blogbuster-Preises: Torsten Seifert (Foto: Blogbuster)

Torsten Seifert mit seinem Blogger-Paten Tilman Winterling (Foto: Blogbuster)

Denis Scheck, Lars Birken-Bertsch, Tom Kraushaar, Torsten Seifert, Tobias Nazemi, Tilman Winterling, Elisabeth Ruge (von links nach rechts)

 

Über den Autor:
Torsten Seifert, Werbetexter und PR-Jornalist, der in Görlitz geboren ist und in Potsdam lebt, reist leidenschaftlich gern und spielt Badminton. Seifert über sich: „Meine Eltern haben mir erzählt, ich hätte bereits mit sechs Jahren verkündet, Schriftsteller werden zu wollen. Zugegeben – dem Sechsjährigen in mir verheimliche ich bis heute, dass ich mein Geld in Wirklichkeit als Werbetexter und PR-Journalist verdiene. Nun ist mein Manuskript der Blogbuster 2017. Vielleicht stellt ihn das für eine Weile ruhig.“

Über das Manuskript:
Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er-Jahre. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die Richtigen bestechen und schnell sein. Der neueste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentliche Nummer Eins der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Aus dem Reporter wird ein unermüdlicher Sucher nach dem rätselhaften Autor B. Traven.

Die Finalisten des Blogbuster-Preises stehen fest

Die Jury des Blogbuster-Literaturpreises hat unter den 14 Longlist-Titeln der Literaturblogger drei Romanmanuskripte für die Shortlist ausgewählt. Chrizzi Heinen, Torsten Seifert und Kai Wieland sind die Debütautoren, die sich jetzt Hoffnungen auf den ersten Preis und damit eine Veröffentlichung ihres Romans noch in diesem Jahr bei Klett-Cotta/Tropen machen können.

Interessante Mischung
„Wir hatten eine sehr lebhafte Jury-Diskussion und freuen uns, dass am Ende drei interessante und gleichzeitig sehr unterschiedliche Autoren mit ihren Manuskripten in der Finalrunde sind “, fasst Jurymitglied und Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar das Ergebnis zusammen. Die Berliner Autorin Chrizzi Heinen ist promovierte Musikethnologin und hat einen Roman über Freundschaft, Liebe, Stadtleben und ein mysteriöses schwarzes Loch geschrieben. Torsten Seifert, PR-Journalist aus Potsdam, schildert die abenteuerliche Suche eines US-Gesellschaftsreporters nach dem sagenumwobenen Autor B.Traven, und der Stuttgarter Autor Kai Wieland erzählt in seinem Debütroman die Geschichte eines schwäbischen Dorfes und seiner Bewohner. Mit auf dem Shortlist-Siegertreppchen stehen auch die Blogger/innen von Zeilensprünge, 54Books und Lust zu Lesen, die die jetzigen Finalisten ausgewählt und ins Rennen um den Blogbuster-Preis geschickt haben.

Auswahl aus 252 Manuskripten
Insgesamt wurden 252 unveröffentlichte Romanmanuskripte zum Wettbewerb eingereicht. 14 ausgewählte Literaturblogger haben Anfang März jeweils einen Titel für die Longlist nominiert. Daraus hat die Jury jetzt drei Titel ausgewählt. Am 04. Mai wird der Gewinner bei der Preisverleihung im Literaturhaus Hamburg gekürt, und der fertige Roman wird bereits im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Der Jury gehören neben Tom Kraushaar auch der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck, die Literaturagentin Elisabeth Ruge, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und der Initiator des Wettbewerbs, Literaturblogger Tobias Nazemi an.

Die 14 Leseproben der Longlist stehen unter www.blogbuster-preis.de in verschiedenen eBook-Formaten zum kostenlosen Download zur Verfügung. Weitere Informationen zu den Autoren und Ihren Romanmanuskripten im Anhang.

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Pressefotos:

 

Die drei Finalisten des Blogbuster-Wettbewerbs (von links): Chrizzi Heinen, Torsten Seifert und Kai Wieland (Fotos: privat)

 
Der Blogbuster-Gewinnertitel erscheint im Herbst 2017 im Tropen-Verlagsprogramm von Klett-Cotta.

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Das Blogbuster Longlist-Lesebuch ist da. Jetzt als eBook kostenlos downloaden.

Von den insgesamt 252 beim Blogbuster-Preis eingereichten, unveröffentlichten Roman-Manuskripten wurden von den Bloggern 14 Titel für die Longlist ausgewählt. Alles wunderbare Geschichten von spannenden und außergewöhnlichen Autoren. Im Longlist-Lesebuch sind alle Autoren mit einer kurzen Vita, dem Urteil des Bloggers zum Manuskript und einer umfangreichen Leseprobe zu knapp 200 Seiten Lesegenuss zusammengestellt worden.

Das Longlist-Lesebuch steht auf der Wettbewerbsseite www.blogbuster-preis.de zum kostenlosen Download in Formaten für den eReader (Tolino und Kindle) und als PDF zur Verfügung. Darüber hinaus finden sich auf der Seite noch zusätzliche Infos wie Portraits, Interviews und Blogbeiträge zu den Longlist-Autoren.

Leseprobe: Daniel Faßbender – „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“

Kapitel 1

Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein wie. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben. Unter mir pfeifen 320 Meter Tiefe gleichgültig vor sich hin und ich schmecke eine tief hängende Wolke, während ich im Moment des Fallens Luft durch den Mund einsauge. Kein Geschmack von Zuckerwatte oder Zimt, sondern bitteres Industriesalz. Ich weiß nicht, ob die Hand von Ikarus ihren festen Griff um meinen Unterarm halten wird, wenn sie ruckartig der vollen Zugkraft meiner 78 Kilo ausgesetzt sein wird. Meine Hand um seinen Arm könnte er locker abschütteln. Ich habe in der Nacht zuvor sein Mädchen gefickt, weil sie mich an Bojana erinnert hat, vor seinen Augen, einfach so. Jetzt könnte er mich entgleiten lassen, weil er sich an vergangene Nacht erinnert hat, vor meinen Augen, einfach so. Solche Dinge passieren. Auf dem anderen Pfeiler, dem am Festland, ist vor vier Monaten bereits ein Mitglied der Viper Crew beim Versuch, einen Rückwärtssalto zu stehen, abgerutscht und gefallen. Auch er war mit Ikarus allein unterwegs gewesen und vielleicht hatte der rothaarige Junge mit dem schiefen Gesicht und dem Spitznamen Sputnik ebenfalls dessen Mädchen gefickt. Die Polizei stellte nach dem Absturz nur wenige Fragen und ging von einem Unfall aus. Sie interessierte sich nicht für den Tod irgendeines lebensmüden Roofers, und Ikarus stand nie unter Verdacht. Die Bilder der GoPro, die den Salto gefilmt hatte, waren im entscheidenden Moment zu verwackelt, um ausschließen zu können, dass jemand, also Ikarus, dafür gesorgt hatte, dass Sputnik während des Saltos das Gleichgewicht verlor. Auf Youtube hat der Film mehr als acht Millionen Klicks. Wenn es also wirklich ein Mord war, war es der perfekte vor einem Millionenpublikum. Doch ich projiziere meine verfahrene Situation auf Sputnik. Der wäre vermutlich niemals so dumm gewesen, das Ehrgefühl seines Partners in der Nacht vor dem gefährlichsten Ausflug seiner Kletterkarriere zu verletzen und damit das eigene Leben zu riskieren. Er hatte einfach das Pech, während des Saltos in der Phase des Fallens nach seiner Rückwärtsdrehung dem Schicksal auf dem falschen Fuß begegnet zu sein. Das Fallen kennt da nichts. Nun hängt ein Foto von ihm als Schwarz-Weiß-Poster im Gästezimmer der WG. Ob sie mein Bild wohl auch aufhängen würden?
Man fällt 9,81 Meter die Sekunde. Das sind in der ersten Sekunde 35 Stundenkilometer. Bei zwei Sekunden hat man 70 km/h erreicht, bei drei 105 und so weiter. Wohlgemerkt ohne Luftwiderstand. Wie schnell ich gleich noch mit Luftwiderstand werde, weiß ich nicht. Darüber entscheidet das Schicksal. Und eben dieses Schicksal macht aus fallen sterben. Das gilt auf der höchsten Brücke Russlands in 320 Metern Höhe. Das gilt auf der Västerbron-Brücke in Stockholm in 30 Metern. Und das gilt sogar, wenn du einfach nur unglücklich stolperst. Jeder Sturz birgt diesen kurzen Moment der Unsicherheit in sich, in dem völlig unklar ist, was das Schicksal mit dir vorhat. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit höher, bei einem Stunt in ein paar hundert Metern Höhe zu sterben, als bei einem 1,80-Meter-Stolper-Sturz. Aber 100 Prozent todbringende Wahrscheinlichkeit kann nur das Leben vorweisen. Weil leben aber das Gegenteil von sterben ist, kann es beim Sterben gar nicht um 100 Prozent Wahrscheinlichkeit gehen, sondern nur um eine rapide Annäherung an den Tod. Und welche Annäherung ist schon schneller als das Fallen? Felix Baumgartner hat bei seinem Fall aus 39 Kilometern Höhe eine Geschwindigkeit von 1357,6 km/h erreicht.
Ich schaue aus Versehen in das Gesicht von Ikarus und weiß nicht, ob ich daraus Konzentration oder Verachtung lesen soll. Die genaue Betrachtung der Aufnahmen der GoPro, die ich an meiner Stirn befestigt habe, könnte Antworten liefern, aber falls ich die Aufnahmen werde sehen können, weiß ich längst, dass es Konzentration gewesen ist; wenn nicht, könnte es tatsächlich Verachtung, vielleicht auch Wut oder Hass gewesen sein. Sollte ich Ikarus’ Hand entgleiten, bleibt mir auf dem Weg nach unten genug Zeit, über den Begriff nachzudenken, der den Gesichtsausdruck am passendsten beschreibt. Zehn Sekunden, schätze ich. Die Falldauer wird stark davon abhängen, welche Körperhaltung ich währenddessen einnehme und wie viel Luftwiderstand ich so erzeuge. Vielleicht werde ich aber auch darüber nachdenken, warum ich überhaupt mit Ikarus hier hoch bin, obwohl die Spannung zwischen uns deutlich zu spüren gewesen ist. Ganz sicher werde ich für den Fall des Fallens die Zeit nutzen, um an meine Mutter zu denken, meinen Vater als Fallbeispiel nehmen und Bojana, ja, vor allem an Bojana werde ich dann denken.
Wir haben den Stunt bereits auf einem Dach geübt.
Erst auf einem Überbau, ohne jede Gefahr; die Dachpappe befand sich einen halben Meter unter meinen Füßen. Dann am Dachsims in 75 Metern Höhe. Bereits dabei hätte ich sterben können. Aber schon diese Versuche haben gezeigt, dass unsere Griffe um den Unterarm des anderen fest und routiniert sind. Es gibt auch jetzt eigentlich keinen Grund, Angst zu haben. Doch „eigentlich“ heißt Ksenia, oder wie auch immer der Name von Ikarus‘ Freundin ist. Katarzyna? Keine Ahnung. Und es ist mir auch egal.
Ikarus und ich kennen den Ablauf: Er liegt auf dem Bauch am Rande des Brückenpfeilers, die Beine in einem Stahlgerüst verhakt. Hand um Arm sitze ich zunächst neben ihm am Rand, drehe mich und lasse mich fallen. Geht alles gut, stoppt der Sturz nach einer Armlänge und ich baumle in 320 Metern Höhe und blicke auf die Welt unter mir. Die vier grauen Fahrspuren und die bunten Autos, das Grün, Braun und Grau der Russki-Insel, weiter weg das Festland, Baumaterialien, der türkisgraue Bosporus und meine Sneaker.
Die ganze Aktion ist nur möglich, weil Wartungsarbeiten an einer der beiden Pylone durchgeführt werden und Gerüste nach oben führen. Ikarus und ich haben uns Bauhelme aufgesetzt und niemand auf der Baustelle hat Fragen gestellt. Hier oben sind wir allein. Über das, was gestern Nacht war, haben wir nicht gesprochen. Er hat nur kurze Anweisungen in seinem gebrochenen Englisch gegeben. Viel lief über Handzeichen.
Diese Millisekunden, an deren Ende die Gewissheit über mein weiteres Leben oder meinen baldigen Tod steht, fühlen sich ewig an. Ich lege mein Leben sonst nicht in die Hände anderer und damit meine ich vor allem die Hände des Schicksals. Wenn ich auf einem Dach stehe, möchte ich alleine sein und alleine für mein Leben die Verantwortung tragen. Deshalb mache ich sonst nichts, wobei ich falle (ein Bungeesprung ist eine Horrorvorstellung für mich) und nichts, bei dem andere involviert wären. Dächer sind Einzelveranstaltungen, so viel ist jetzt klar. Ich will nicht sehen, wie irgendjemand stirbt. Und jetzt will vor allem ich nicht sterben. Es ist kein Zufall, dass man bei Soldaten von Fallen spricht und damit ihren Tod meint. Fallen ist sterben.

*

Damals, es war der Sommer, bevor das alles passiert ist, vor dem Fernsehturm, vor Bojana, vor der Sache mit meiner Mutter und lange vor meiner Einladung nach Russland. Damals entdeckte ich dieses kleine seltsame Haus. Ich war gerade erst in meine erste eigene Wohnung nach Hornstull gezogen und verbrachte eine Menge Zeit auf den Dächern Stockholms. Ich kannte sie verdammt gut, vielleicht besser als jeder andere. Ich kannte die Party-Dachterrassen in Södermalm. Ich wusste ganz genau, welche Gemüsesorte es sich wann auf dem Flachdach am Bahnhof zu stibitzen lohnte. Dort verwirklichte eine Öko-Rothaarige mit wechselnden Öko-Freunden ihre Öko-Fantasien. Ich wusste, wo die Dachdecker gerade ein Dach renovierten. Ich kannte die Routinen der Schornsteinfeger. Und ich konnte minutengenau voraussagen, wann der Anzugmann auf das Dach des nördlichen Königsturms kletterte, um eine zu rauchen. Wenn wir uns sahen, ich trieb mich ausschließlich auf dem südlichen Turm herum, grüßten wir uns jedes Mal mit diesem Zeigefingermove, wobei wir uns an den Kopf tippten und dann auf den anderen zeigten. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen war und wer damit angefangen hatte, aber jetzt grüßten wir uns halt auf diese Weise, um uns danach zu ignorieren. Roofen und roofen lassen. Ich kannte noch nicht jedes Dach, aber ich kannte jedes Viertel und jeden größeren Wohnblock – und sie alle hatten ihre Eigenheiten. In der verwinkelten Altstadt konnte man problemlos weite Strecken zurücklegen, ohne die Dächer verlassen zu müssen. Kista punktete mit Hochhäusern. Und in Vasastan waren die Dächer gemütlich. Man fühlte sich sofort zuhause dort oben. Der ideale Ort, um zu entspannen.
Ich streifte über ein Dachkarree im Vasa-Viertel, das ich bisher noch nicht erkundet hatte und dabei entdeckte ich zu meiner großen Überraschung besagtes Haus. Ein Haus mitten auf einem Dach. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Streng genommen war es gar kein Haus, eher eine Hütte, ganz streng genommen, war die Hütte sogar nur ein Verschlag.
Ich war über ein neues Baugerüst auf das Dachkarree gelangt. Solche Gerüste, generell Baustellen, waren häufig der einfachste Weg, um auf Dächer zu kommen. In meinem Rucksack befanden sich Zimtwecken, kalter Kakao und etwas Gras – also alles, was ich brauchte, um den Tag auf dem Dach gut zu überstehen. Das Karree lag in der Nähe vom Park und von hier oben hatte ich einen schönen Ausblick auf das satte Grün der Anlage und die durcheinander wuselnden Punkte am Boden, die auf dem Heimweg von der Schule ihre beim Lernen angestaute Energie wegtobten. Ich roch die blühenden Bäume auf der Straße und frisch gebratene Fleischbällchen aus einem geöffneten Fenster. Unter mir klapperten Absätze und schnalzten Flip-Flops über das Pflaster. Es war warm und die Sonne schien. Ich rannte nicht, wie ich es sonst oft machte, ich spazierte über die Schindeln, das Bitumen, das Zinkblech. Mir ging es nicht um Bewegung, ich war auf Erkundungstour. Es gab kleine, scheinbar nichtsnutzige Ausbauten, Winkel, Dachstuben und Schornsteine. Kein Dach war wie das andere und wenn man ein Auge dafür hatte, wurde es nie langweilig. Ich kletterte über einen Vorsprung und meinte, auf einem etwas tiefer gelegenen Eckhaus den passenden Platz für die kommenden Stunden gefunden zu haben. Ich näherte mich dem potentiellen Rastplatz und da war es dann plötzlich: Im Schatten der Wand des Nachbarhauses befand sich das schiefe Häuschen Slash die Hütte Slash der Verschlag.
Weglaufen oder inspizieren, war die Frage. Ich versteckte mich hinter einem Kamin, trank meinen Kakao und beobachtete das seltsame Haus. Es schien niemand da zu sein. Vielleicht war es ja unbewohnt. Vielleicht war der Bewohner aber auch nur kurz weg, einkaufen oder so. Oder er hielt sich im Haus auf, machte ein Nickerchen oder las ein Buch. Um sicherzugehen, schmiss ich ein abgebröckeltes Stück Kamin-Mauer auf die blecherne Dachkonstruktion der Hütte. Das machte ordentlich Lärm und wenn der Bewohner des Verschlags zuhause gewesen wäre, hätte ihn dieser Krach mit Sicherheit vor die Tür gelockt. Doch es tat sich nichts.
Der Kakao war leer und ich sprang auf das Dach herab. Der Verschlag bestand aus Blech-, Holz- und Glaselementen, die irgendwie zusammenhielten und drei der vier Wände bildeten. Die vierte Wand bestand aus der Brandmauer des Nachbarhauses, wo sich auch der Kamin befand. Vermutlich heizten die Mieter des Hauses im Winter für den Hüttenbewohner unfreiwillig mit. Die Tür hatte kein Schloss und so trat ich ein. Die Sonne hatte den Raum aufgeheizt. Die warme Luft roch nach Pilzsporen. Ein Geruch wie in Kaufhauseingängen. Ich mochte diese Luft – am allerliebsten im Winter, wenn sie den Frost aus dem Gesicht löste und man ewig im warmen Eingang stehen bleiben wollte, obwohl ein Kaufhauseingang keinerlei Gemütlichkeit versprach. Und ein bisschen so war die Hütte. Es gab dort jede Menge Gerümpel, unter dem man abgenutzte Möbel erahnen konnte. Eine Mehrfachsteckdose, die in einer Kabelrolle endete, deren Kabel in einem Spalt neben der Dachluke verschwand, versorgte die Hütte mit Strom. An den Wänden standen lückenlos Zeitungsstapel, die bis zur niedrigen Decke reichten. Ein Abschnitt bestand aus Büchern, von denen offenbar die wenigsten für Erwachsene geschrieben waren – das ließen die bunten Buchrücken und verspielten Typos vermuten. Ich betrachtete sie genauer und es handelte sich tatsächlich um eine Sammlung gängiger schwedischer Kinderliteratur. Ich kannte die ganzen Bücher aus meiner eigenen Kindheit. Zwischen die Bücher waren vergilbte Bilder geklemmt, naive Kinder-Zeichnungen von Hähnen und Füchsen, die in aller Einsamkeit klein in eine Ecke des jeweiligen Blattes gekritzelt waren. Der Kinderpsychologe, zu dem meine Mutter mich damals ein paar Mal geschickt hatte, hätte seine Freude an dem vielsagenden Anblick gehabt. Ich verließ die Hütte und versuchte, möglichst nichts umzustoßen, um keine Spuren zu hinterlassen. Bei dem Chaos und dem wild aufeinandergestapelten Kram war das aber gar nicht so einfach.
Vor der Hütte stand eine verrottete Campingliege neben einem verwitterten Beistelltisch. Darauf lagen eine Zeitung und eine Sonnenbrille mit nur noch einem Glas. Ich ließ mich in die Liege fallen, setzte die Brille auf und wollte wissen, was der unbekannte Bewohner zuletzt gelesen hatte. Vielleicht konnte ich ja so etwas über ihn herausfinden. Die Seite mit den Todesanzeigen war aufgeschlagen. Zwei der Anzeigen waren rot umkringelt. „Mhhhh“ und „Huiii“ stand in Kinderkrakelschrift neben den markierten Stellen.
Ich schoss aus der Liege, platzierte die Sonnenbrille wieder exakt dorthin, wo sie zuvor gelegen hatte und exakt so, wie sie gelegen hatte und schaute mich verunsichert bis panisch um. War auch wirklich, wirklich niemand in der Nähe? Wurde ich vielleicht beobachtet? Versteckte sich jemand auf einem der umliegenden Dächer? Zielte jemand auf mich? Ich suchte meinen Körper nach roten Lichtpunkten ab, fand keine und das war ja auch logisch. Wäre ich ein achtjähriger Auftragskiller, und alles sprach dafür, dass genau so einer in der Hütte wohnte, würde ich mit dem Laservisier meines Präzisionsgewehrs auch auf die Stirn und nicht auf den Bauch zielen.

Kapitel 2

Mit seinen 155 Metern war der Fernsehturm das höchste Gebäude Stockholms. Die Antenne brachte noch mal zusätzliche 15 Meter. Als Besucher kam man auf eine Höhe von ungefähr 145 Metern. Das zeigte eine Zeichnung unten bei den Aufzügen. Die Aussichtsplattform war komplett von Gittern umgeben – ein Aussichtsgefängnis. Jeder Eindruck, den man dort von der Welt gewann, kam von den Gittern zerhackstückt bei den armen Sightseeing-Gefangen an. Damit wenigstens die Foto-Erinnerungen ungesiebt blieben, befanden sich an den Ecken kleine Foto-Schießscharten.
Als gitterlose Alternative gab es eine Etage tiefer das Café, das sich hochtrabend Skybar nannte. Dort trennten einen schmutzige, die Innenbeleuchtung reflektierende Scheiben von dem Ausblick auf die Stadt. Die Eindrücke kamen vom dicken Glas gebrochen an, der Geruch des Himmels blieb ausgesperrt. Das Café bot also auch keine ernsthafte Option, wollte man Höhe mit allen Sinnen erleben.
Das Restaurant auf Ebene 28 war völlig uninteressant, außer deine Verwandtschaft aus Göteborg kam zu Besuch und wollte an einem besonderen Ort essen gehen.
Ich bestellte bei einem schönen Mädchen, das an diesem Tag in der Skybar arbeitete, Zimtwecken und Kakao und setzte mich an einen der Tische. Es regnete aus tiefhängenden Wolken, weshalb man durch die Scheiben der Skybar nicht viel mehr als eine graue, weiche Wand sah. Vermutlich wegen des Wetters und weil wir uns mitten in der Woche befanden, war ich lange Zeit der einzige Gast. Die schöne Bedienung langweilte sich und begann wohl deshalb ein Gespräch mit mir. Ich hätte mich nicht getraut, sie anzusprechen, aber jetzt, da sie auf mich zugekommen war, stellte ich ihr pseudobeiläufige Fragen zu den Bereichen des Turms, die nicht für Touristen zugänglich waren. Doch weil sie im Fernsehturm nur aushalf, wusste sie auch nicht mehr, als ich selbst durch googeln und ein wenig herumschauen herausgefunden hatte. Sie war nett und obwohl ich ziemlich einsilbig blieb, unterhielt sie sich seltsamerweise gerne mit mir. Ich bemerkte das; auch, dass sie nicht nur schön, sondern vor allem anders war, aber ich war zu sehr mit dem Plan befasst, einen Weg zu der Antenne zu finden, um aus diesen Eindrücken irgendwelche Konsequenzen zu ziehen.
„Ich muss dann mal“, sagte ich.
Sie sagte: „Schade.“
Ich ging.
Wenn man vom Café die Treppen zum 31. Stock mit seiner Aussichtsplattform hochstieg, befand sich dort eine Wand mit vier Türen. Die beiden äußeren führten zu den Aufzugschächten. Mindestens eine der mittleren war also der Weg nach oben. Ich betrachtete die Schlösser und war mir sicher, dass Frederik kein Problem mit ihnen haben würde. Ich befasste mich erst seit kurzem mit Lockpicking, übte abends mit Probeschlössern und schaute mir Youtube-Tutorials an, aber ich war einfach noch zu langsam. Frederik betrieb das schon seit Jahren, hatte sogar einmal an einem Wettbewerb teilgenommen und war Dritter geworden. Er brauchte nur Sekunden für Schlösser, an denen ich minutenlang rumfuhrwerken musste.
Er hatte irgendwann mal seinen Schlüssel verloren und war vom Schlüsseldienst völlig abgezogen worden. Außerdem hatte der Mann vom Notdienst auch das Schloss völlig zerstört, so dass Frederik ein teures neues brauchte. Es machte ihn wütend, für solch eine simple mechanische Herausforderung, wie das Öffnen einer Tür, fremde und zudem stümperhafte Hilfe zu brauchen. Er fühlte sich in seiner Intelligenz beleidigt, also vertiefte er sich in das Thema. Und wenn Frederik sich in ein Thema vertiefte, stand am Ende Expertentum. Er sollte sich die Schlösser also unbedingt vorab mal anschauen, um im entscheidenden Moment keine bösen Überraschungen zu erleben. Ich kannte Frederik seit der Schule, wo wir zunächst viele Klassen aneinander vorbeilebten: Er hörte Metal, ich hörte HipHop; er stammte aus einem Vorzeige-Elternhaus, ich aus einer Trümmerfamilie, er war ein Nerd mit Nerd-Freunden, ich war ein Außenseiter ohne Freunde – das passte alles nicht. Wir entwickelten erst über das Parcours-Laufen während der Abi-Zeit Sympathien füreinander und wurden schließlich Freunde. Ich hatte insgesamt drei Tage eingeplant. Tag 1 wollte ich zum Auskundschaften nutzen. An Tag 2 sollte sich Frederik die Schlösser anschauen. Tag 3: Showtime.
Ich war insgesamt ziemlich nervös. Nicht wegen des Kletterns – das waren ein paar poplige Leitern, die man hoch musste, sondern wegen der Gefahr erwischt und wegen Hausfriedensbruch angeklagt zu werden. Ich ging jedenfalls davon aus, dass ich Hausfriedensbruch beging.
Die Aktion stieg am frühen Abend. Wegen der Lichtstimmung, ich wollte ein paar Fotos machen, und weil zu dieser Zeit hoffentlich keine Techniker mehr unterwegs waren. Die Kellnerin vom ersten Besuch war am Entscheidungstag nicht da.
„Schade.“
Hinterm Tresen stand jetzt eine jener Durchschnittsblondinen, die in ihrem Tinderprofiltext unter Garantie eine banale, emojigarnierte Lebensweisheit stehen hatte und montags und donnerstags nicht konnte, weil sie da beim Zumba war. Wir ignorierten die Blondine und das Café, in dem eine englischsprachige Besuchergruppe an den Scheiben klebte und stiegen die Treppen nach oben. Auf dem Weg zogen wir uns Warnwesten an, die ich im Internet bestellt hatte und die uns wie Techniker aussehen lassen sollten.
Frederik musste sich leicht nach vorne beugen, um Spanner und Pick im richtigen Winkel in das Schloss einzuführen. Weil das ziemlich seltsam aussah, versuchte ich mich so zu stellen, dass ich sein Gefummel möglichst gut verdeckte. Im Aussichts-Gefängnis herrschte Familienbesuchstag. Kinder rannten durcheinander, versuchten durch die Schießscharten zu schauen, waren aber zu klein, rannten weiter und Eltern hetzten irgendetwas rufend hinterher. Die Sprachen konnte ich nicht zuordnen. Frederik stocherte. Ich stand hinter ihm und war gestresst vom nervreibenden Pfeifen der Aufzugschächte. Als ich dann plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte, quiekte ich vor Schreck wie ein Meerschwein. Ängstlich drehte ich mich um und rechnete damit, in das grimmige Gesicht eines Sicherheitsmannes zu blicken. Frederik schien von all dem nichts zu bemerken und machte unbeirrt weiter.
„Hello, Buddy“, sagte ein großer Mann zu mir, der aus dem Mund nach Bier roch und ein T-Shirt einer amerikanischen Universität trug. Er heiße Ronald und das sei ja ein fantastischer Ort hier, sagte er auf Englisch. Ich dankte ihm für das Kompliment und nickte verlegen.
„Sag mal“, fuhr er lächelnd fort. „Die Tür führt doch sicher zu der großen Antenne da oben. Gibt es eine Chance, dass ich mit hoch darf? Nur für ein paar Fotos. Please, come on.“ Ich war komplett perplex, schließlich bastelte ich seit Tagen an dem Plan, dort hoch zu kommen und dieser dreiste Arsch fragte einfach.
Er unterbrach mein Schweigen mit einem Angebot. „20 Bucks“, sagte er und wedelte mit einem Dollarschein vor meiner Nase herum.
Ich schüttelte den Kopf und stammelte was von Sicherheitsvorschriften, dass es dort oben sehr gefährlich sei, und wir unsere Jobs verlieren würden, wenn wir Touristen hochließen.
Er kramte in seiner Gürteltasche und erhöhte auf 50. Ich wollte ihn einfach nur loswerden und vor allem kein Aufsehen erregen.
„200 each“, schlug ich vor und zeigte dabei auf Frederik und mich. Ronald überlegte zu handeln und drehte sich von mir weg, um in seiner Bauchtasche die Bargeldbestände zu überprüfen. Frederik hatte währenddessen das Schloss geknackt und ich verschwand mit ihm hinter der Tür. Ronald kramte vermutlich immer noch.
Wir hatten Glück, die Treppen dort führten tatsächlich nach oben. Ich schnallte mir die GoPro um den Kopf und schaltete sie ein. Frederik ließ ich hinter der letzten Tür zurück. Er hatte es nicht so mit Höhen.
Wir hatten uns zwar über das Parcours-Laufen erst so richtig kennengelernt, aber schon wenn es auf Baugerüste ging, war ihm das nicht geheuer. Als ich bei einem unserer Ausflüge durch die Stadt dann von einem Gerüst auf ein Dach gelangte, war er raus und ich erst richtig drin – eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich. Ronald war nicht gut für mein Herz gewesen, mein Puls raste. In 155 Metern kam er wieder zur Ruhe, dort war ich sicher vor all den Ronalds dieser Welt. Ich schritt die quadratische Fläche ab, atmete die süße Sommerluft ein und breitete die Arme aus, um den Wind besser spüren zu können. Ich war frei und auf diese gute Art und Weise alleine mit der Welt. Ich ging an den Rand und schaute auf den umgitterten Besucherknast herab. Ronald musste dort gerade feststellen, dass die Foto-Schießscharten nicht für die Objektive von Spiegelreflex-Kameras ausgelegt waren. Wütend, vielleicht auch auf mich, stapfte er wieder ins Innere.
Das, was Antenne genannt wurde, war nicht wirklich eine. Eher ein Stahlgerüst, an dem viele Antennen angebracht waren. Der Weg an die Spitze des Gerüstes war überraschend komfortabel. Aber warum sollten sich die Techniker ihre Arbeit auch unnötig kompliziert gestalten?
Aus dem Pfeifen des Windes wurde ein Surren. Ich war unsicher, ob das von den Antennen ausging, oder ob der Wind sich im Stahlgerüst verfangen hatte.
Nun stand ich ganz oben. 170 Meter und auf Augenhöhe mit der widerwillig untergehenden Sonne. Vielleicht träumte sie immer noch vom Mittsommer und seinen weißen Nächten. Doch die waren mehr als einen Monat her. Im August bot sich in Stockholm ein anderes Schauspiel: Der Monat war die einzige Zeit im Jahr, in der die Stadt bildschirmhintergrundwürdige Sonnenuntergänge bot.
Ich setzte mich an das äußere Ende des Gerüstes, ließ meine bordeaux-roten Air Max über dem Grün des Ekoparks unter mir baumeln und schaute Richtung Westen auf das bunte Dach-Mosaik der Innenstadt. Rechts von mir blickte ich auf den Freihafen, wo zwei große Kreuzfahrtschiffe vor Anker lagen. Das Meer war neben dem Himmel das andere große Freiheitsversprechen – aber ich hatte meine Wahl getroffen.
Ich nahm die GoPro vom Kopf und schraubte sie an die Selfiestange. Man konnte mit der Kamera echt ganz gute Fotos machen, wenn man sich erst an den 170 Grad Weitwinkel gewöhnt hatte und ihn beim Einrichten des Bildes bedachte. Aus meinem Rucksack holte ich die Sonnenbrille und die Mütze. Ich hatte lange überlegt, wie ich mein Gesicht verdecken sollte – Tiermaske oder Sturmhaube erschienen mir zu albern oder zu theatralisch. Also wurden es eine H&M-Mütze, mit der jeder dritte durch die Stadt rannte und die schwarze Ray Ban Wayfarer, von der auch fast jeder ein Modell zuhause hatte. Massengeschmack, um aus der Masse nicht hervorgezerrt zu werden. Als Sicherheitsextra streifte ich mir auch noch die Kapuze meines Hoodies über den Kopf und schnürte sie zu. Der Handstand am Geländer war ein gutes Gefühl, weil ich mich sicher fühlte, vielleicht sogar sicherer als jemals zuvor. Auf meine Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur war Verlass. Delta, Trizeps und Bizeps im perfekt choreografierten Wechselspiel. Enttäuschungen ausgeschlossen. Die Ellbogen durchgedrückt, der Rumpf fest, der Bauch fest angespannt. Ich war vollkommen autark in dem was ich tat, und niemand konnte mir in 170 Metern Höhe gefährlich werden. Böen spielten mit mir und ich spielte mit.
Die Kamera hatte ich an einer Antennenhalterung befestigt und sie machte ein paar ziemlich gute Bilder. Sie zeigten meinen Handstand aus einer leichten Obersicht vor einer Entfernungs-Miniatur der Altstadt, die im wütenden Feuer einer trotzigen „Ich will noch nicht ins Bett“-Sonne brannte. Ich sah riesig im Vergleich zur restlichen Welt aus. Ich warf meinen Schatten auf sie und nicht umgekehrt. Ich war froh diesen Moment eingefangen zu haben, um mich auch später immer wieder zurückbeamen zu können.
Ich stellte einige der Bilder bei Instagram und Facebook online, die Videos packte ich auf Youtube. Die Momente sollten nicht verloren gehen.
Es dauerte ein paar Tage, dann explodierten plötzlich meine Accounts und die Bilder machten die Runde. Das Handstandbild hatte nach einer Woche eine Million Likes. Mein Aktion war viral und plötzlich nationales Thema. Erst online, dann im Fernsehen und irgendwann stiegen auch die Zeitungen ein. Journalisten stellten mir per Facebook Interview-Anfragen. Ich schlug sie aus, weil ich Angst hatte, dass meine Tarnung auffliegen könnte. Zum Glück hatte ich mein Gesicht verborgen. Einige Stockholmer Behördenvertreter hatten sich in Fernsehberichten nicht gerade erfreut gezeigt und eine Polizeisprecherin sprach von Ermittlungen. Außerdem war mir die Aufmerksamkeit unangenehm.
Die Nachfragen hörten nicht auf und Frederik schlug mir vor, ein universelles und anonymes Antwortvideo zu drehen. Mit dieser maximal distanzierten Online-Aktion konnte ich leben. Im Video saß ich auf den Simsen verschiedener Dächer, hielt jeweils eine der ausgedruckten Fragen in der Hand, zerknüllte sie und ließ die Papierkugel auf die entsprechende Antwort fallen, die Frederik mit Kreide auf den Asphalt gemalt hatte. Die Fragen waren erwartbar, meine Antworten auch: Bist du lebensmüde? (Nein! Ich weiß, was ich tue und trainiere hart.) Hattest du Angst? (Ja! Vor einer Anklage wegen Hausfriedensbruch.) Wie bist du da hoch gekommen? (Durch die Tür und über Treppen.) Warum macht man sowas? (Um der Welt dort unten zu entfliehen.)
Danach war tatsächlich Ruhe und ich war erleichtert. Beachtung für etwas, was man gut konnte oder was man geleistet hatte, die sollte eigentlich angenehm sein. Aber das war sie nicht. Und Beachtung hatte recht wenig mit Bewunderung zu tun, wie ich schnell lernen musste. Viele Kommentare waren extrem negativ – gerade auf Facebook, wo sich anscheinend eine Menge Menschen rumtrieben, die mit ziemlich viel in ihrem Leben ziemlich unzufrieden waren und in Kommentarspalten ihr Ventil gefunden hatten. Warum sonst sollte man einem Fremden, der niemandem etwas getan hatte, nur das Schlechteste wünschen?
„Stirb einfach.“
„Lebensmüdes Arschloch.“
„Tolles Vorbild. Wenn der erste Nachahmer stirbt, hast du ein Leben auf dem Gewissen.“
„Einsperren!“
„Soll er doch verrecken. Ein Irrer weniger.“
„Schade, dass kein Windstoß dem Angeber eine Lektion erteilt hat.“
Natürlich gab es auch positive und sogar bewundernde Reaktionen, einige lobten die Bild- und Farbkomposition des Fotos, andere meine Eier, es gab Anfragen von ein paar Jungs, die bei der nächsten Tour mitkommen wollten und es gab diese Nachricht:
„Hej, deshalb also deine Fragen und dein plötzliches Desinteresse, als ich sie nicht beantworten konnte. Schicke Sneaker übrigens – sieht man nicht so häufig in der Farbe. Auffällig!
Bojana – die aus der Skybar!“
Das „Schade“-Mädchen! Ich schrieb, löschte, schrieb und antwortete einen halben Tag später: „Hej Bojana. Du hast ein gutes Auge für Schuhe – und ich habe leider ein schlechtes Gespür für Gelegenheiten. Wie kann ich verhindern, dass du mich bei deinen Chefs oder den Bullen verpfeifst?“
Sie antworte zehn Minuten später:
„In Anbetracht der Schwere deiner Schuld (und dann kommt ja auch noch das Geklettere hinzu) lege ich hiermit das Strafmaß auf ein Abendessen und so viele Drinks fest, bis meine Wangen glühen (keine Angst, in der Regel reicht dafür ein Glas Wein).“
Ich nach fünf Stunden:
„Nach Rücksprache mit meinem Anwalt verzichte ich auf einen Einspruch und akzeptiere das Strafmaß vollumfänglich. Mein Anwalt rät mir allerdings auch, auf eine zeitnahe Vollstreckung der Strafe zu bestehen.“
Wir verabredeten uns fürs Wochenende in einem Lokal in Södermalm. Ich war ziemlich nervös vor dem Date. Mit meiner Kletteridentität kannte sie ein Geheimnis von mir – ich dagegen wusste kaum etwas über sie. Sie war 24, also drei Jahre älter als ich. Das verriet Facebook. Dort waren einige sehr professionelle Bilder zu finden, auf denen sie ziemlich fantastisch aussah – vermutlich modelte sie. Außerdem teilte sie ziemlich viele Links zu Flüchtlingsthemen – sie schien sich in dem Bereich zu engagieren. Und sie mochte offenbar Sneaker.
Der Smalltalk war beendet, noch bevor das Essen auf dem Tisch stand. Ich hatte viele Dates damals. Tinder machte das selbst schüchternen Jungs wie mir möglich. Wir mussten uns an Freitag- und Samstagabenden nicht mehr auf das Trink-, Hader- und Ansprechspiel einlassen – jetzt reichten ein paar Wischbewegungen, ein paar Nachrichten und das Date stand. Ich hatte im letzten Jahr keine Verabredung gehabt, die nicht online zustande gekommen war. Mit meinen Fotos vom Parcours-Laufen und von Dächern hatte ich ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem ich auffiel und mit dem man einfach ein Gespräch starten konnte. Anfangs war das sehr aufregend gewesen, nach ein paar Mal stellte sich Routine ein. Kam es zum Date, tastete man sich die erste halbe Stunde bis Stunde ab, versuchte den Menschen mit seinen Nachrichten zu verknüpfen und redete häufig über das, was man eh schon wusste, nur um während des Redens die Erwartungen zu rejustieren. Bei Bojana war kein Abtasten nötig. Wir hatten von Anfang an eine Vertrautheit, die weit über die halbe Stunde hinaus ging, die wir uns im Fernsehturm unterhalten hatten. Sie stellte ein paar präzise Fragen zu meiner Fernsehturm-Kletterei und erzählte mir, dass sie dort nur den einen Tag für eine Freundin ausgeholfen hatte. Über ihren fremd klingenden Namen kamen wir schnell auf das Thema Herkunft. Sie stammte aus Bosnien und war mit ihrer Mutter ausgewandert, als sie sieben war. Da war der Krieg zwar schon vorbei, aber das Land war noch völlig am Arsch.
„Meine Mama wollte ein besseres Leben für mich.“ Vom Krieg selber hatte sie in dem kleinen Kaff, aus dem sie kam, so gut wie nichts mitbekommen. Ihr Vater fiel zwar, aber den hatte sie auch vorher nie gesehen. Dann lachte sie und ich verstand nicht warum.
„Trotz meiner Geschichte glauben aber viele, dass ich Kriegs-Opfer bin.“
Ich verstand noch weniger, worum es ging. Doch dann streckte sie ihr linkes Bein mit den Air Yeezy Sneakern aus und zog ihre Hose leicht nach oben.
„Kein Unterschenkel. Ein Unfall kurz nachdem ich nach Stockholm gekommen bin. Wie konnte ich auch ahnen, dass die verfickte Bahn von rechts kommt?“
„Ach, ich hasse Füße. Echt! Je weniger, desto besser!“ Ich sagte das sehr laut und sehr spontan, ohne nachgedacht zu haben. Noch während ich mich die letzten Silben sprechen hörte, wurde mein Kopf sehr schnell sehr warm, als hätte ich ihn mir verbrüht. Bojana schaute mich an.

Alle Geräusche in dem Lokal blenden sich aus. Der Hintergrund wird unscharf. Da sind nur noch ihre Augen und meine Halsschlagader, in der ich es deutlich rauschen höre. Ich rühre mich nicht. Sie rührt sich nicht. Kein Blinzeln, kein Atmen. Vielleicht schreibt sie unterm Tisch eine Date-SOS-Nachricht an eine Freundin. Gleich klingelt das Telefon, sie muss dringend weg, ein Notfall und das war‘s. Vielleicht geht sie auch einfach so. Sie erzählt mir ihre Geschichte. Sie vertraut mir. Und ich komme mit so einem beschissenen, unüberlegten Kommentar daher. Eine Ohrfeige? Denkbar und vielleicht sogar verdient. Ich könnte etwas sagen. Etwas Versöhnliches, oder noch besser, etwas Einfühlsames. Sie soll nicht gehen. Sie ist toll. Ich sehe, wie ihre mutig geschwungenen Lippen versuchen, sich voneinander zu lösen. Der nicht zu auffällig rote Lippenstift, der aber rot genug ist, um in Erinnerung zu bleiben, leistet für den Bruchteil einer Sekunde schwachen, klebrigen Widerstand und wird überwunden. Ich sehe das Weiß ihrer Zähne, und unter den sanft betonten Wangenknochen baut die Gesichtsmuskulatur genügend Spannung auf, um Ober- und Unterkiefer in Bewegung zu setzten. Ich habe immer noch nicht geblinzelt. Ich glaube, auch nicht geatmet. Mein Kopf ist immer noch viel zu heiß. Ihre Augen enthalten Spuren von Mandeln. Vielleicht hat sie sich die Augenform aber auch nur geschickt angeschminkt. Ein Schlag mit dem Lid trifft mich unerwartet in die offene Deckung und holt mich in die Welt zurück.

„Ja, Füße sind scheiße! Es gibt kein unansehnlicheres Körperteil als den menschlichen Fuß – und mag es der zierlichste und gepflegteste Frauenfuß sein. Selbst Altmänner-Schwänze sind schöner anzuschauen.“
Auch sie sagte das recht laut und einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Bojana interessierte das nicht. Verdammt, war sie cool. Ab dem Wort Altmännerschwänze wusste ich, dass sie die Eine ist und es keine Tabus zwischen uns geben sollte. Obwohl. Ich wollte nicht wissen, warum sie sich mit Altmännerschwänzen auskannte. Dieses Tabu durfte bleiben. Sie erzählte mir von dem Unfall. Sie war ganz neu in der Stadt gewesen und hatte sich auf dem Weg zu einem Schwedisch-Kurs befunden. Die Strecke war sie vorher einmal mit ihrer Mutter abgegangen, doch bei dieser Generalprobe waren sie keinen Bahnen begegnet und so war sie sich der eigenartigen Verkehrsführung nicht bewusst. In Stockholm galt Rechtsverkehr für Autos und Linksverkehr für einige Trams.
Der Unfall musste ziemlich schlimm gewesen sein, doch Bojana kannte aus eigenem Erleben keine Details. Aus Erzählungen wusste sie aber, dass es ein Glück war, einige sagten sogar Wunder, dass sie überlebt hatte. Bojana erzählte das sehr nüchtern, so nüchtern, als spräche sie nicht über sich. Ein Spezialist von der Karolinska versuchte das Bein noch zu retten, aber an der Amputation führte kein Weg vorbei. „Weil ich ein kleines Mädchen mit Jugo—Namen und großen dunklen Augen war, dachte natürlich jeder in der Schule, ich sei in eine Mine gelaufen und hatte zunächst unendlich Mitleid. Die wahre Geschichte konnte dann nur noch enttäuschen. Enttäuschen mit einem fehlenden Bein muss man erstmal hinbekommen.“
Der Arzt von damals behandelte Bojana über viele Jahre. Nach all der Zeit war er enger Freund der Familie geworden, und nachdem ihre Mutter vor knapp anderthalb Jahren zurück nach Bosnien gekehrt war, verbrachte Bojana zuletzt sogar Weihnachten mit ihm und seiner Frau. „Stockholm ohne Familie. Scheiße ist das mies. Das habe ich vor allem letzten Winter gemerkt. Wie hält man das alleine aus, Stockholmjunge? Verrat mir das Geheimnis!“
„Tageslichtlampen!“
„Verarsch mich nicht.“
„Nein, echt. Durch das Licht wird Serotonin… Okay, im Ernst. Man braucht jemanden, um hier ohne Depression durch den Winter zu kommen. Jemand Besonderen. Und im besten Fall hat dieser Jemand eine Tageslichtlampe. Meine hat übrigens 10.000 Lux. “ Sie lachte und schaute mich fragend an. Ich hoffte, dass sie überlegte, ob ich dieser Jemand sein könnte, und ich wollte dieser Jemand sein. Ob ich es sein durfte, würde die Zeit entscheiden, nicht dieser Abend.
Ich stellte ihr Fragen zur Prothese, die ich sonst vermutlich nicht bei einem ersten Date gestellt hätte, aber wer wusste das schon, so oft datete man schließlich keine Einbeinige. Sie redete offen und ohne Scham. Das gefiel mir. Unterdruck, Titan, Sportmodell und Alltagsprothese, kosmetischer Silikonüberzug. Den technischen Kram ratterte sie runter, um ihn einmal gesagt zu haben. Ich hatte gefragt und sie wollte nicht unhöflich sein. Spannend fand sie das selbst nicht, bis auf ein Detail.
„Man darf sich eine Nagellackfarbe aussuchen. Glaub mir, diese Entscheidung bedeutet jedes Mal schlaflose Nächte. Die Farbe bleibt monatelang drauf.“
Als sie 14 war, hatte sie ein großer Prothesen-Hersteller als Werbegesicht für Schweden entdeckt. Seitdem modelte sie für ihn und mittlerweile auch andere Auftraggeber.
„Nimmst du die Prothese beim Sex ab?“
„Du bist ganz schön frech für einen kleinen Schweden“, sagte sie und lachte das erste Mal ihr Balkanlachen. So ein Lachen lachte man nach einem gemeinsam begangenen Bankraub. Es war vertraut und dreckig. Man lachte es mit Menschen, mit denen man ein Geheimnis teilte. „Siehst du später. Ich will vorher mit dir tanzen gehen.“

Portrait Daniel Faßbender

„Die weltbeste Geschichte vom Fallen“
Ein 21jähriger Ich-Erzähler, der irgendwie lose in der Luft, konkreter in der Stockholmer Luft hängt. Er ernährt sich hauptsächlich von Zimtwecken und Kakao, trägt Marken-Sneakers, H&M-Mütze und Ray Ban Wayfarer und hält sich gerne über den Dächern von Stockholm auf – denn beim „Roofing“ findet er „eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich.“ Erst als er auf die drei Jahre ältere Bojana trifft, kommt ein Halt, ein doppelter Boden in sein Leben. Der ihm dann kurz darauf wieder entzogen wird und sein sowieso schon fragiles Lebenskonzept ins Schwanken bringt.

Daniel Faßbender –
Kandidat Sätze & Schätze

Man könnte die Stimme schon mal gehört haben. In einem Nachrichtenbeitrag über Donald Trump, das Wetter, brennende Wälder oder was auch immer. Daniel Faßbender ist Journalist und arbeitet für mehrere Fernsehsender. Davor war er Seemann, um die Welt zu sehen. Um das Schreiben zu üben und die Angst vor weißen Blättern zu verlieren, hat er bei einer großen Boulevard-Zeitung volontiert. Das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte – abgeschlossene Vergangenheit. Er lebt in Köln und findet Bücher, das Meer und Dächer ziemlich gut.

Hier gehts weiter zum Beitrag der Bloggerin auf dem Blog Sätze & Schätze

Interview mit dem Longlist-Autoren

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet? 

Nicht damit gerechnet, aber anfangs hatte ich natürlich jede Menge Hoffnung. Doch dann hakte ich den Wettbewerb recht schnell für mich ab. Der Blog „Bücherwurmloch“, wohin ich mein Manuskript ursprünglich geschickt hatte, legte sich im Januar auf andere Favoriten fest. Das war‘s, dachte ich. Doch dann: Plottwist! Ende Februar, wenige Tage vor Ablauf der ersten Runde, erhielt ich völlig unverhofft eine Mail von Birgit Böllinger vom Blog „Sätze und Schätze“. Sie wollte meinen Text für die Longlist einreichen. Was ich nicht wusste: Bücherwurmloch hatte mein Manuskript in einen Pool mit vielversprechenden Manuskripten gegeben. Dort war er Birgit aufgefallen. Happy End!

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog „Sätze und Schätze“ beworben? 

Das habe ich leider gar nicht. Ich dachte: ein junger Text und ein junger Blog wie „Bücherwurmloch“, das macht Sinn. Dabei habe ich aus den Augen verloren, dass es bei Romanen nicht um alt oder jung geht. Es geht um gute Geschichten, darum in fremde Köpfe zu blicken und sich auf das einzulassen, was einem selbst vielleicht fern scheint. Birgit Böllinger hat mir das wieder vor Augen geführt. Sie liebt Literatur ohne in albernen Kategorien zu denken und das merkt man ihrem Blog an.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?

Der Literaturbetrieb scheint im Moment ziemlich große Berührungsängste bei Neuem zu haben – neuen Themen, neuen Vermarktungsmöglichkeiten, aber vor allem auch neuen, noch unbekannten Autoren. Blogger dagegen sind angstfrei. Das hat mich gelockt. Und der mögliche Verlagsdeal – ganz vielleicht spielte der auch eine klitzekleine Rolle.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich glaube, das Rennen ist völlig offen. Meine Chancen liegen bei 1:14. Im Moment bin ich einfach sehr dankbar, dass mein Text wahrgenommen wird.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Die Recherche, das Schreiben, das Überarbeiten und das Überarbeiten und das Überarbeiten haben ungefähr ein Jahr in Anspruch genommen. Im Kampf um einen Verlag gab‘s etliche blutige Nasen (also meine Nase blutete mehrfach). Aber ich gebe nicht auf.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen,  um Dich und Dein Manuskript zu promoten.

Promo? Wir überhäufen die Juroren mit teuren Geschenken und machen sie mit unmoralischen Angeboten gefügig.
Im Ernst: Mal sehen, was sich mit Social Media so bewegen lässt.

Portrait Torsten Seifert

„Der Schatten des Unsichtbaren“
Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentliche Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Aus dem Reporter wird ein unermüdlicher Sucher nach dem rätselhaften Autor „B. Traven“.

Torsten Seifert – Kandidat 54books 

Meine Eltern haben mir erzählt, ich hätte bereits mit sechs Jahren verkündet, Schriftsteller werden zu wollen. Zugegeben – dem Sechsjährigen in mir verheimliche ich bis heute, dass ich mein Geld in Wirklichkeit als Werbetexter und PR-Journalist verdiene. Nun ist mein Manuskript bei Blogbuster nominiert. Vielleicht stellt ihn das für eine Weile ruhig. Aber er will sicher bald mehr… Ansonsten gibt es anzumerken, dass ich im schönen Görlitz geboren bin und jetzt in Potsdam lebe, leidenschaftlich gern reise und (ganz passabel) Badminton spiele.

Hier gehts weiter zum Beitrag des Bloggers auf 54books

Interview mit dem Longlist-Autor

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest du damit gerechnet?

Bei über 200 Einsendungen damit zu rechnen, wäre wohl etwas vermessen. Aber natürlich habe ich gehofft, dass es so kommt. Die Nachricht kam an einem Freitag und sorgte für ein komplett durchgelächeltes Wochenende.

Warum hast du dich gerade bei dem Blog „54 Books“ beworben?

54 Books gehört zu den Literaturblogs, die ich als sehr gelungen und ausgewogen empfinde. Der Blog geht weit über die reine Anregung zum Lesen hinaus und gibt clevere Denkanstöße. Dass meine Story über die abenteuerliche Suche nach dem Schriftsteller B. Traven bei Tilman Winterling, dem Macher von 54 Books, ins Schwarze trifft, habe ich kaum zu hoffen gewagt. Umso mehr freue ich mich darüber.

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat dich gereizt, daran teilzunehmen?

Ich denke, es war höchste Zeit für einen solchen Wettbewerb. Die Blogger spielen für den Buchmarkt eine immer wichtigere Rolle, während die Bedeutung klassischer Formen der Literaturkritik, wie der Rezension im Feuilleton, sinkt. Es ist toll, dass bei Blogbuster junge oder unentdeckte Autoren eine Chance bekommen. Aber die Bloggerszene sollte ruhig selbstbewusst genug sein, neben einem Preis für die Newcomer auch einen für die bereits Etablierten zu stiften. Das Ergebnis wäre sicher sehr spannend und würde vermutlich für noch mehr Bekanntheit sorgen.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest du dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?

Ich freue mich, dass sie sich mit meiner Geschichte beschäftigen werden. Aber in ihre Köpfe kann ich natürlich nicht schauen.

Wie lange hast du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?

Mit B. Traven beschäftige ich mich seit über zehn Jahren. Ich habe schnell gespürt, dass da eine Story für mich drin steckt. Die Recherche, für die ich u.a. nach Mexiko – also an die „Originalschauplätze“ – gereist bin, war sehr zeitaufwändig. Am Manuskript habe ich dann etwa zweieinhalb Jahre gearbeitet. Bis Mitte letzten Jahres war ich bei einer Berliner Agentur unter Vertrag, die bereits ein paar Gespäche mit Verlagen geführt hat. Im Mai ist meine Agentin allerdings völlig überraschend verstorben. Mit der Suche nach einer neuen Agentur wollte ich eigentlich erst wieder starten, wenn es etwas Neues gibt.

Was wirst du zusammen mit deinem Blogger noch unternehmen, um dich und dein Manuskript zu promoten?

Wir haben da ein paar Ideen, die wir gemeinsam in den nächsten Wochen weiterspinnen wollen. In jedem Fall wird es sich wie immer lohnen, regelmäßig auf 54books.de zu schauen.

 

Portrait Kai Wieland

„Ameehrikah“ 
„Welchem Zweck dient die Erinnerung? Welchen Wert haben Erinnerungen aus zweiter Hand? Warum hängen wir so an ihnen, auch an jenen unserer Mitmenschen und Vorfahren, während uns die faktische Geschichte so zuwider ist?“ Zur Beantwortung dieser Fragen schickt Kai Wieland einen Chronisten in ein Kaff im Schwäbischen Wald, dort, wo man „Ameehrikah“ schwäbelt, wenn man Amerika meint.

Kai Wieland
Kandidat LustzuLesen

Kai Wieland, gebürtiger Schwabe, aufgewachsen unter der vertrauensvollen Obhut von Hunter S. Thompson, Bret Easton Ellis und Ernest Hemingway, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Medienkaufmann und studierte anschließend Buchwissenschaft an der LMU in München. Heute ist er in einem Verlagsbüro in Stuttgart tätig, wo er sich sich der Kombination seiner großen Leidenschaften – Bücher, Reisen und Outdoor – in Form der redaktionellen Arbeit an verschiedenen Reiseführerreihen widmet.

Hier gehts zum Beitrag der Bloggerin auf dem Blog LustzuLesen

Interview mit dem Longlist-Autor

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?  

Ich war durchaus der Meinung, dass ich einen ganz guten Text geschrieben habe, sonst hätte ich ihn nicht eingesendet. Mir war aber natürlich auch klar, dass der Erfolg oder Misserfolg meines Manuskripts von verschiedenen Faktoren abhängen würde. Über ein Ausscheiden wäre ich daher ebenso wenig überrascht gewesen. Jetzt bin ich einfach froh, so weit gekommen zu sein.

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog LustzuLesen“ beworben?  

Ich lese nur selten Literaturblogs und auch vom Wettbewerb selbst habe ich eher zufällig erfahren. In erster Linie habe ich mich deshalb auf die Vorstellungstexte der Blogger und mein Bauchgefühl verlassen. Bei Sonjas Idee von guter Literatur und der Auswahl der Titel, die sie auf Lust zu Lesen bespricht, hatte ich den Eindruck, dass es passen könnte. Und das hat es offenbar. 

Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen? 

Ehrlich gesagt bin ich nicht besonders wählerisch im Umgang mit den Chancen, die sich mir bieten, und der Blogbuster war keineswegs mein einziger Versuch Ameehrikah unterzubringen. Dessen ungeachtet hat mich das Konzept des Wettbewerbs aber auch sofort überzeugt, weil die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz, die Blogger, eine geringere Rolle spielt als bei der klassischen Verlagssuche. Außerdem ist es einfach ein spannendes Event mit einem reizvollen ersten Preis.

Die erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen? 

Dieselbe, die ich mir bei Sonja ausgerechnet hatte, zumal ich meine Konkurrenz kaum kenne. Ich bin überzeugt von dem, was ich geschaffen habe, und wenn es gut genug ist und auf Zustimmung stößt, wunderbar. Wenn nicht, dann setze ich mich eben wieder an den Schreibtisch und beginne von Neuem.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden? 

In unregelmäßigen Abständen etwa ein Jahr und dann, nach Ende meines Studiums, weitere drei Monate exzessiv. Seitdem habe ich, bis zum heutigen Tage, monatlich zwei bis drei Leseproben verschickt und mich mittlerweile sehr an das Gefühl gewöhnt, immer ein Eisen im Feuer zu haben.

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen,  um Dich und Dein Manuskript zu promoten. 

Social Media, Baby! Letztendlich muss Ameehrikah aber für sich allein sprechen, um die Fachjury zu überzeugen.

Leseprobe: Torsten Seifert – „Der Schatten des Unsichtbaren“

 »Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?« B. Traven

Erstes Kapitel

Archie Tucker hatte Geschmack, daran bestand kein Zweifel. Er saß in diesem ziegelroten Traum mit Achtzylindermotor, Automatikschaltung, Weißwandreifen und der Silhouette eines Torpedos, als wäre er ein Filmstar. Mit seinen italienischen Schuhen, der eleganten Hose aus Segeltuch und dem exotisch bunten Aloha-Shirt, das ein Jahr später als „Hawaiihemd“ der letzte Schrei sein sollte, hätte Tucker ein gutes Motiv für Modefotografen abgegeben. Das Licht war perfekt an diesem Morgen. Besser konnte man es nicht arrangieren. Kein Wunder! Schließlich war es sein Perfektionismus, der ihn zum erfolgreichsten Gesellschaftsreporter Hollywoods gemacht hatte. Längst gehörte er zu der Handvoll Journalisten, die einen Anruf des Managements erhielten, bevor die Stars im Romanoff’s oder im Chasen’s einkehrten. Während die Kollegen nächtelang vor den einschlägigen Adressen herumlungerten, ohne jemals eine gute Story an Land zu ziehen, saß er immer bereits an einem der reservierten Tische und bekam seine Geschichten aus erster Hand. Nie hatte Tucker irgendetwas dem Zufall überlassen. Bis zuletzt nicht, könnte man meinen. Es gab kaum schönere Plätze für einen großen Auftritt als den Strand von Huntington Beach, an dem sein Cadillac Convertible Cabrio mit Blick aufs Meer parkte. Nur der Umstand, dass große Teile seines Gehirns über die mit beigem Leder bezogene Garnitur verspritzt waren und das Blut aus seinem Schädel auf der Rückbank ein hässliches Muster hinterlassen hatte, trübte den Eindruck. Aber irgendwas war halt immer. Leon Borenstein packte seine Fotoausrüstung zusammen und verstaute sie auf dem Beifahrersitz des Pontiacs. Er lächelte zufrieden. Noch bevor der Rest der Journalistenmeute von Tuckers Ableben erfuhr, würden seine Abzüge bereits im Fixierbad schwimmen. Der Titel der Nachmittagsausgabe war ihm sicher. Wenn er Glück hatte, schaffte er es zurück in die Redaktion, bevor der morgendliche Verkehr ins Rollen kam.
Die Nachricht vom Tod des „Königs der Skandalreporter“ verbreitete sich in der Redaktion rasend schnell. Es vergingen kaum zehn Minuten, bis der Erste an seinen Schreibtisch kam, um Leon auf die Schulter zu klopfen und zu fragen, ob es denn wirklich ein Selbstmord war. Natürlich versuchten sie herauszufinden, wer ihn mit der heißen Neuigkeit versorgt hatte. Doch über seine Quellen verlor Leon nie ein Sterbenswort. Genauso wie er sie nie mit einem Kollegen teilen würde. Schließlich bezahlte er Monat für Monat ein ordentliches Sümmchen dafür, dass er vor allen anderen erfuhr, zu welchem Tatort die Polizei gerade ausrückte.
Er war nicht überrascht, als ihn Barbara noch im Verlauf des Vormittags ins Chefbüro bestellte. Stainer musste längst aufgefallen sein, dass er derjenige war, der regelmäßig die großen Storys an Land zog. Eine Gehaltserhöhung konnte nur noch eine Frage der Zeit sein. Doch sein Chef ging nur kurz auf den Tucker-Coup ein. Der Grund des Gesprächs, sagte er, sei ein anderer. Leon wurde augenblicklich übel. War Stainer die Sache mit Kathy zu Ohren gekommen? Würde er von ihm wissen wollen, was seine Tochter auf der Rückbank seines Wagens verloren hatte? »Die Unschuld jedenfalls nicht, die war schon vorher hin«, wäre vermutlich die einzige ehrliche Antwort darauf gewesen. Doch Stainer schien davon nichts mitbekommen zu haben. Er bat Leon, Platz zu nehmen, und wies Barbara an, in der nächsten halben Stunde keine Telefonate durchzustellen. Eine halbe Stunde! Was hatte er vor?
Seine Mimik beschränkte sich wie immer auf das Wesentliche. Gewiss war er ein guter Pokerspieler. Wortlos knöpfte er sich das Sakko auf, zog es aus und hing es auf einen Kleiderbügel. Er legte großen Wert auf Kleidung und erzählte gern, dass er seine Anzüge bei Bullocks in der 7. Straße, Ecke Broadway schneidern ließ. Nachdem er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche gefingert hatte, krempelte er ruhig und akkurat seine Ärmel hoch und ließ sich in einem der schweren Ledersessel nieder.
Harold Stainer war als Harald Steiner in Braunschweig auf die Welt gekommen. Beim Umzug nach Kalifornien gingen ihm zwei Buchstaben verloren, die er flugs ersetzte, wonach er sich noch viel amerikanischer fühlte. Es war nichts Ungewöhnliches, dass Juden in Amerika ihre Namen änderten. Selbst die Bosse der großen Filmstudios machten da keine Ausnahme. Aus Szmuel Gelbfisz war Samuel Goldwyn geworden, Jack Warners Familie hieß früher Eichelbaum und Wilhelm Fuchs verwandelte sich in William Fox.
Endlich begann Stainer zu reden.
»Sagt Ihnen der Name B. Traven etwas?«
»Nein, Sir, noch nie gehört«, antwortete Leon wahrheitsgemäß.
»Das dachte ich mir«, entgegnete Stainer, ohne dabei belehrend zu wirken. »Nicht weiter schlimm. Sie werden ausgiebig Gelegenheit bekommen, sich mit ihm zu beschäftigen.«
Leon blickte ihn fragend an.
»Traven ist Schriftsteller. Nicht irgendeiner. In Europa geht seine Auflage in die Millionen. Man munkelt, er sei ein heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis.«
Stainer stand auf, zog gezielt ein Buch aus dem Regal und begann, darin zu blättern. »Seine Helden sind Outlaws. Habenichtse, arme Schlucker«, dozierte er. »Er lässt sie im Dreck wühlen und macht Gold daraus.« Dann klappte er das Buch zu. »Der Schatz der Sierra Madre«, sagte er und lauschte der Wirkung seiner Worte hinterher, als erwartete er, dass von irgendwoher ein Echo hallen müsste.
»Die Leute von Warner haben sich die Filmrechte schon vor Jahren gesichert. Vor ein paar Monaten haben die Dreharbeiten begonnen.«
Er zog an seiner Zigarette und schaute Leon prüfend an. »Die Story ist schnell erzählt«, fuhr Stainer fort. »Drei Taugenichtse tun sich zusammen, um in Mexiko nach Gold zu suchen. Sie gehen in die Berge und werden tatsächlich fündig. Doch anstatt die Beute brüderlich zu teilen, misstrauen sie einander, bis sie ihre Habgier in die Katastrophe treibt.«
Leon fragte sich, was die Angelegenheit mit ihm zu tun haben sollte.
»Was meinen Sie, wer die Hauptrolle bekommen hat?«, fragte Stainer nach einer kurzen Pause. Leon hob achselzuckend die Hände.
»Humphrey Bogart. Er spielt einen zwiespältigen und besonders fiesen Typen, der nichts mehr zu verlieren hat und am Ende stirbt. Also genau das, was Bogart meistens spielt«, lachte Stainer, so als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Leons Blick signalisierte währenddessen noch immer völlige Ratlosigkeit. Stainer entging das nicht. Aber er genoss es, die Geschichte in ganzer Breite erzählen zu können.
»Warten Sie, Borenstein, Sie werden gleich verstehen, worauf ich hinaus will«, bat er um Geduld. »B. Traven, der Name dieses Schriftstellers, scheint ein Pseudonym zu sein. Alle Versuche, ihn aus seinem Versteck zu locken, schlugen bislang fehl. Angeblich lebt er einsam irgendwo in der Wildnis. Sein Verleger kommuniziert mit ihm über ein Postfach in Mexiko.« »Weiß man, warum er anonym bleiben will?« »Es gibt einen ganzen Sack voller Theorien und Gerüchte«, antwortete Stainer und griff zu einer drei Finger dicken Kladde, die von einem Band zusammengehalten wurde. Es erinnerte Leon an die Gummiringe, die seine Mutter früher beim Einwecken verwendet hatte. »Ich lasse das Ganze schon seit längerer Zeit beobachten «, sagte Stainer, während er in den Unterlagen zu blättern begann. Traven soll zum Beispiel niemand anderes als Jack London sein, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat. Oder Ambrose Bierce, ein Romancier aus Ohio, der 1913 in Mexiko verschwand. Der wäre jetzt allerdings schon über hundert Jahre alt, also streichen Sie den.« Hastig durchblätterte er die nächsten Seiten. »Ein Farmerssohn aus dem Mittleren Westen, ein Enkel Napoleons, ein Leprakranker aus Chiapas, dessen Kopf verhüllt ist, der Hollywood-Agent Paul Kohner, ein General der mexikanischen Revolution, ein europäischer Reeder, ein Spion Stalins, ein Plantagenbesitzer aus Nicaragua oder ein entflohener Häftling aus Fort Leavenworth … Suchen Sie sich aus, was Sie glauben möchten.« Stainers Tonfall verriet, dass er bei jeder einzelnen Version seine Zweifel hatte.
»Andere meinen, Traven sei längst tot oder es handle sich dabei um eine ganze Gruppe. Genau genommen um fünf Schriftsteller mit Sitz in Honduras.« Er klappte die Kladde geräuschvoll zu, um sich verschwörerisch zu Leon hinüberzubeugen.
»Wenn der Film erst in den Kinos läuft, wird die ganze Welt wissen wollen, wer dieser B. Traven ist. Sie und ich, wir werden es ihr sagen.« Dabei rüttelte er Leon leicht an der Schulter. Der kam gar nicht dazu, einen Einwand vorzubringen.
»Ich hätte die Sache gerne weiter in aller Ruhe vorbereitet «, räumte Stainer ein. »Aber vor ein paar Wochen brachte die ›Life‹ das Thema aufs Tapet.« Er zog eine Ausgabe des Magazins aus der Schublade und schob sie quer über den Tisch. Leon schlug die markierte Seite auf. »Wer ist Bruno Traven?«, las er die Überschrift laut vor. »Also Bruno?«
»Das ist keinesfalls sicher«, winkte Stainer ab. »Life scheint nicht mehr zu wissen als wir. Angeblich haben sie sogar eine Prämie von 5.000 Dollar ausgeschrieben, für den, der das Geheimnis lüftet. Eines ist jedenfalls klar: Wir haben starke Konkurrenz bekommen. Was heute in ›Life‹ steht, darüber schreiben morgen alle anderen.« Leon fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken, ein Phantom jagen zu sollen. »Mr. Stainer, es ehrt mich außerordentlich, dass Sie mich in dieser Sache ins Vertrauen ziehen. Aber das klingt alles eher nach einem Detektivauftrag.« »Richtig, Borenstein«, sagte Stainer. »Aber in jedem guten Journalisten steckt doch auch ein wenig Detektiv. Während ein guter Detektiv noch lange kein Journalist ist, oder?« Das leuchtete Leon ein. »Jetzt kommt die eigentliche Sensation«, versprach Stainer mit einem triumphierenden Grinsen. Dabei ließ er erneut sein Feuerzeug klicken und nahm einen tiefen Zug, als könne das seinem nächsten Satz eine größere Bedeutung verleihen.
»Sie wissen ja, dass ich recht gut mit einigen Leuten aus den Studios befreundet bin«, prahlte er. »Blakes Büro hat mir gesteckt, dass ein Bevollmächtigter Travens mit dem Namen Hal Croves bei den Dreharbeiten anwesend sein wird. Er ist Travens Sekretär. Huston, der Regisseur, hat ihn als seinen technischen Berater engagiert.«
Er schaute Leon erwartungsvoll an, der jetzt wenigstens so etwas wie „Was Sie nicht sagen“ antworten sollte. Aber Leon schwieg. »Croves ist der Schlüssel zu Traven«, zog Stainer selbst das Fazit. »Haben wir ihn, führt er uns früher oder später zur Lösung.« Das Glänzen in seinen Augen verriet, wie stolz ihn dieser Coup machte. Plötzlich verstand Leon, welche Aufgabe er für ihn vorgesehen hatte. Ehe er den Gedanken zu Ende spinnen konnte, sprach Stainer ihn aus: »Sie gehen nach Mexiko und werden das Rätsel lösen. Ich habe für Sie bereits alles organisieren lassen«, übertrieb er, wie der Agent eines Reiseunternehmens, der gerade einen teuren Urlaub verkauft. »Sie fliegen schon in der nächsten Woche und begleiten das Team an den letzten Drehtagen. Die sind mitten in den Bergen, in der Nähe von Jungapeo, ein paar Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. Und – Sie erhalten ein Exklusivinterview mit Humphrey Bogart! Na, was sagen Sie?« Leon lächelte pflichtbewusst.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Harry Wurzinger, einer unserer Informanten, der früher zu Bogarts Entourage gehörte, wird Sie vorbereiten. Kennen Sie ihn?« Leon nickte. Jeder kannte Harry.
»Vielleicht wird das Interview nie erscheinen, das ist ganz egal. Ihre Aufgabe ist es, irgendwie an diesen Croves heranzukommen. Und wenn die Filmleute ihre Zelte abbrechen, heften Sie sich an seine Fersen.«
Natürlich. Da war es also, das dicke Ende. Eine Woche Mexiko auf Redaktionskosten hätte Leon sich gern gefallen lassen. Aber das, wovon sein Boss gerade sprach, hörte sich eher nach einem Himmelfahrtskommando an. Stainer schien Leons Gedanken lesen zu können. »Ich weiß, Borenstein, das kommt für Sie alles etwas überraschend. Glauben Sie mir, als Journalist kriegen Sie nicht oft eine Gelegenheit wie diese. Ich wünschte, ich hätte nicht die Verantwortung für eine ganze Redaktion. Dann würde ich ihn mir selber schnappen. Also – zögern Sie nicht. Holen Sie sich Traven und machen Sie sich unsterblich!« Leon war nicht sicher, ob ihn diese Art von Ruhm überhaupt interessierte.
»Wie viel Bedenkzeit habe ich?« »Keine«, unterband Stainer mit einer brüsken Handbewegung jegliche weitere Diskussion. »Da ist noch was, was ich Ihnen nicht verschweigen will. Sie würden es ja früher oder später sowieso erfahren. Es scheint ein Fluch über Traven zu liegen. Oder um es genau zu sagen: über allen, die nach ihm suchen. In den letzten Jahren habe ich bereits drei meiner Leute auf dieses Thema angesetzt. Einer von ihnen ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, ein weiterer sitzt heute in einer Nervenheilanstalt, der Dritte ist nach Alaska ausgewandert.«
»Na großartig!«, dachte Leon. Jetzt war er nicht mehr so sicher, ob Stainer nicht doch etwas von seinen Tete-atetes mit Kathy mitbekommen hatte. Vielleicht wandte er eine besonders subtile Methode an, um ihn loszuwerden. »Ich werde inzwischen die Ermittlungen vor Ort vorantreiben. Gewissermaßen an der Heimatfront.« Stainer liebte es, militärische Begriffe zu benutzen. Dann schaute er auf seine Taschenuhr. So, wie Leon ihn kannte, hatte das Gespräch tatsächlich eine halbe Stunde gedauert. Keine Minute länger oder kürzer. Als er sich verabschiedete, wartete Barbara bereits mit dem Flugticket sowie sämtlichen Unterlagen, die er für die Reise benötigen würde. Hinzu kamen die von Stainer wie der heilige Gral gehütete Kladde und ein Zettel mit Harrys Adresse. Leon fühlte sich, als wäre gerade ein 20-Tonnen- Truck über ihn hinweggerollt.

Zweites Kapitel

“It ain’t no sin, it ain’t no sin.” Leon fuhr herum. Vor ihm saß ein ausgewachsener Ara, der sich zu einer gefiederten Kugel aufgeplustert hatte. Unter lautem Fauchen stieß er den Kopf nach vorn und funkelte seinen Betrachter aus bernsteinfarbenen Augen böse an.
Harry lachte. »Das ist Bobby. Er passt auf mich auf, bis hier mal wieder eine Frau einzieht. – Willst du Kaffee?« »Gerne, wenn es keine Probleme macht.« Harry winkte lässig ab, drehte seinen Rollstuhl auf der Stelle und bewegte ihn routiniert in Richtung Küche. »Machs dir bequem!«
Das war leichter gesagt als getan. Harrys auf den ersten Blick recht geräumiger Bungalow glich einem Requisitenfundus. Ein Labyrinth aus Regalen, Schränken und Ablagen voller Zeitungen, Schachteln, Flaschen und allerlei Krempel, jeweils exakt bis zu der Höhe gestapelt, die er problemlos im Sitzen erreichen konnte. Dazwischen hatte er schneisenartige Gänge angelegt, gerade mal so breit, dass er mit seinem Gefährt nicht hängen blieb. Leon kam sich vor wie Gulliver, der durch einen Irrgarten auf der Insel Liliput spaziert.
“It ain’t no sin”, plapperte der Papagei, den das Aufplustern allmählich anzustrengen schien. Aus der Kugel war ein deformierter Federball geworden, an dessen Spitze der Schnabel drohte. Bobbys Pupillen hatten inzwischen die Größe von Stecknadelköpfen angenommen. Vorsichtig bückte sich Leon zu ihm hinunter.»Wie alt ist er?«, fragte er, während Harry, erstaunlich geschickt mit der einen Hand ein volles Tablett jonglierend, mit der anderen den Rollstuhl antreibend, zurückkam. »Keine Ahnung. Mich wird er jedenfalls überleben. Solche Viecher sterben einfach nie. Ich glaube, nur Schildkröten werden noch älter.« Bobby schloss die Federn und zog den Hals ein, so als versuche er jetzt, eine Schildkröte zu imitieren. »Mir machen Papageien Angst. Ich habe immer das Gefühl, sie wissen mehr, als sie uns glauben lassen.« Bobby nickte.
»Kann sein«, antwortete Harry mit geheimnisvollem Unterton. »Deinen Finger solltest du ihm jedenfalls nicht überlassen.«
“It ain’t no sin”, kommentierte Bobby. »Was redet er da immer?«, wollte Leon wissen. Harry feixte. »Das ist eine verrückte Geschichte. ›It ain’t no sin‹ war ein Paramount-Film mit Mae West, Mitte der Dreißiger. Irgendwer kam auf die bescheuerte Idee, 150 Papageien den Titel beizubringen, damit sie später überall dafür werben konnten. Wochenlang haben sie den Viechern Schallplatten vorgespielt, bis alle ihn nachsprechen konnten. Kurz vor der Premiere wurde die Paramount aber durch die Katholische Liga für Sitte und Anstand dazu gezwungen, den Titel zu ändern. Ich glaube, der Film lief dann unter ›I’m no angel‹. Danach hatte keiner mehr Verwendung für die Vögel. Ich nahm Bobby mit. Was aus den anderen wurde, weiß ich nicht.«
»Du machst Witze.«
»Nein. Ich schwöre, es war so.«
Harry schaufelte Unmengen an Zucker in seinen Kaffee und warf Leon dabei einen amüsierten Blick zu. »Übrigens: Glückwunsch zur Tucker-Story! Es kann halt nie schaden, die richtigen Leute zu kennen. Was musstest du abdrücken?«
Leon versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Wie konnte Harry bereits Bescheid wissen? Die Zeitung wurde doch gerade erst gedruckt. Sein Netzwerk schien noch immer intakt. Vor seinem Unfall musste er eine schillernde Figur gewesen sein. Die Liste der Klienten, die er als Bodyguard betreut hatte, las sich wie ein Who’s who der Filmbranche. Doch das war längst nicht alles, was Harry zur Legende machte. In den Dreißigerjahren, so erzählte man sich, hätte er nahezu jede Hollywood-Karriere ins Schlingern bringen können. Er wusste über alle Bescheid und bekam immer, was er wollte. Die meiste Zeit hing er damals mit Filmstars oder Drehbuchschreibern rum, saß mit ihnen bei Hühnerpastete oder Rindergulasch im Musso & Frank Grill am Hollywood Boulevard. Oder er ging ins Sasha’s Palate, wo man auf Diwans lag, um sich von Kellnerinnen in Togen Fasan oder Babyziegenbraten servieren zu lassen. Zu später Stunde begleitete er seine berühmten Kumpane dann in geheime Bars, private Klubs oder Hotelsuiten und widmete sich den Starlets, die seine Freunde übrig ließen. Was er nicht selbst mitbekam, erfuhr er von Maskenbildnerinnen, Hotelpagen, Telefonistinnen, Umzugsfirmen, Inkassoagenturen, Callgirls, Zimmermädchen und Barkeepern. Bei Harry schienen alle Informationen zusammenzulaufen. Schon bald kam jeder, der in Hollywood eine offene Rechnung begleichen wollte, zu ihm. Darunter Horden frustrierter Partygirls, die ihre Höschen in der Hoffnung auf eine Filmrolle etwas zu schnell ausgezogen hatten. Irgendwem musste Harry in dieser Zeit ein bisschen zu stark auf die Füße getreten sein. Jedenfalls versagten eines Tages die Bremsen seines Chevrolets. Zwei Wochen lag er in Gottes Wartesaal und hoffte vergeblich darauf, hereingerufen zu werden. Stattdessen schob man ihn im Rollstuhl zurück in die Vorhölle namens Hollywood, wo er bei seinen alten Freunden schneller in Vergessenheit geriet, als es dauerte, im Players Club einen Brandy zu bestellen. Sein Glück im Unglück war, dass er bereits damals auf der Gehaltsliste der Polizei von Los Angeles stand. Nach dem Unfall ließen sie ihn nicht fallen. Er rechnete ihnen das hoch an und zahlte es mit Loyalität zurück. Es war nicht viel, was sie für seine Informationen rüberwachsen ließen. Dafür musste er aber meist auch nur ein wenig herumtelefonieren oder in seinem Gedächtnis kramen. »Tja, schade um diesen Tucker«, griff Leon den Faden auf, ohne auf Harrys Frage einzugehen. »Er war nicht gerade das, was ich eine Edelfeder nennen würde. Aber er hatte diesen speziellen Instinkt. Er wusste immer genau, was bei den Lesern ankommt.« Harry wiegte den Kopf bedächtig hin und her, als müsse er erst überlegen, inwieweit er diese Meinung teilen konnte. Mit einer Handbewegung schob er das Thema beiseite.
»Stainer sagt, du bist wegen Bogie hier?«
»Genau.«
»Hat er was ausgefressen?«
»Nein«, antwortete Leon. »Er dreht gerade in Mexiko. Ich soll ihn am Set interviewen. Aber das ist nur ein Vorwand, um an einen anderen Typen ranzukommen.« Harry hob die Augenbrauen und machte eine anerkennende Geste. Offenbar gehörten solche Aufgaben selbst aus seiner Sicht nicht zum Standardprogramm. »Es heißt, er ist kein einfacher Typ und du könntest mir ein paar Tipps geben, wie man ihn am besten bei Laune hält.«
»Ganz einfach: Bier, Scotch und Drambuie«, lachte Harry.
»Jaja, ein paar Tipps geben. Dafür ist der alte Harry noch gut genug.« Seine Reaktion klang nicht beleidigt. Eher wie die eines Familienvaters, dessen Töchter um Taschengeld für neue Schuhe bitten.
»Er ist in Mexiko, sagst du?«
Leon nickte.
»Wer kam denn auf die Idee, in Mexiko zu drehen? Sind uns hier die Kakteen ausgegangen?« Leon zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. John Huston, schätze ich. Er führt jedenfalls Regie.« »O Mann, jetzt leiten schon die Irren die Anstalt.« »Du magst ihn nicht?« »Doch, doch, er ist genial. Ich finde nur, er ist ein wenig … nennen wir es sonderbar.« Leon hob erneut die Achseln. Film war nicht unbedingt sein Spezialgebiet.
Harry griff nach einem Flachmann, schüttete einen Schluck Whiskey in den Kaffee und schlürfte geräuschvoll, bevor er weitersprach.
»Bogie wird sich fragen, warum ihr ihn ausgerechnet in Mexiko interviewen wollt. Er sitzt doch jeden Abend im Romanoff’s.«
»Es ist das erste Mal, dass er im Ausland arbeitet. Deshalb soll alles nach einer Reportage über die Dreharbeiten aussehen«, erklärte Leon. »Tja. Was soll ich sagen?«, kam Harry endlich zur Sache.
»Ich kenne Bogie schon seit 1930. Wir sollten damals am Bahnhof in Pasadena die Garbo und Jack Gilbert abholen. Es war unglaublich heiß an diesem Tag. Endlich kam der Zug an, doch von den beiden keine Spur. Stattdessen stieg dieser Typ aus. Nicht sonderlich kräftig, dafür aber mit einer großen Klappe ausgestattet, mit der er fürs Erste die ganze Pressemeute versorgte. Bogie war einer der wenigen, die schon damals begriffen hatten, dass die Stars die Journaille genauso brauchten wie die Journaille die Stars.«
Leon lehnte sich zurück und machte sich auf einen längeren Monolog gefasst. Es sollte ihm recht sein. »Später bin ich oft mit Bogie um die Häuser gezogen. Meistens war Spencer Tracy dabei, manchmal auch Peter Lorre oder David Niven. Es gab eine Menge Spaß und immer irgendwelchen Ärger. Wochenlang durfte ich meine Getränke auf Bogies Namen anschreiben, damit ich dichthielt. Oft ging er morgens direkt von der Kneipe ins Studio. Bei seiner Visage ist das sowieso egal.« Harrys Blick blieb an ein paar vergilbten Fotos und Zeitungsartikeln hängen, die an der Wand befestigt waren. Seine Gedanken waren auf die Reise gegangen. »Eigentlich ist Bogie ein netter Kerl. Das heißt nicht, dass er nicht ständig sticheln oder jedermann beleidigen würde, wenn er sich langweilt und ein bisschen Action gebrauchen kann. Sein Problem ist halt, dass er nach ein paar Drinks selber glaubt, Humphrey Bogart zu sein. Aber wenn er jemanden mag, tut es ihm hinterher leid und er versucht, alles wieder in Ordnung zu bringen.« Harry rollte zu Bobby hinüber und fütterte ihn mit einem Maiskolben. Als er ihn am Ohr kraulte, gähnte der Vogel. Dann versteckte er den Schnabel in seinem Rückengefieder und schloss die Augen.
»Früher mochte ich keine Tiere«, gab Harry zu. »Meine Exfrau hatte mal so einen hässlichen Yorkshireterrier, der ständig Preise gewann. Es gab bald kein anderes Thema mehr. Nur diese beschissenen Wettbewerbe. Dann hab ich heimlich angefangen, ihn zu füttern. Erst hat sie sich gewundert, warum mich der Köter plötzlich leiden konnte. Später, warum er auf einmal so fett war. Als sie dahinterkam, reichte sie die Scheidung ein. Wegen seelischer Grausamkeit.«
Leon feixte.
»Kennst du die Babynahrung von Mellin’s?“, fragte Harry.
»Kann sein«, antwortete Leon, ohne sich tatsächlich daran erinnern zu können. »Bogie ist das Baby in der Werbung.« Leon verstand nicht ganz. »Seine Mutter war Grafikerin. Als sie damals den Mellin’s-Auftrag bekam, ist ihr nichts Besseres eingefallen, als ihr eigenes Baby zu malen. Bogie war also schon auf Millionen Verpackungen, bevor ihn irgendjemand auf der Leinwand sehen konnte.« »Hat es sie reich gemacht?«, wollte Leon wissen. »Geschadet hat es ihr auf keinen Fall«, antwortete Harry.
»Aber Geld war bei den Bogarts nie das Problem.«
»Lebt sie noch?«
»Nein, sie starb vor acht Jahren. Getrauert hat er damals nicht, soweit ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich war er eher froh, dass die alte Hexe endlich in der Hölle schmort, für all das, was sie ihm angetan hat.«
Harry blickte kurz zu Leon, als müsse er sich vergewissern, ob der mehr darüber erfahren wolle, und fuhr fort.
»Bogie hat Peter Lorre mal erzählt, dass seine Mutter ihn früher oft schlug und einsperrte. Als sein Vater für ein paar Jahre als Schiffsarzt zur See fuhr, musste er sogar zu ihr ins Bett steigen. Er war damals höchstens 16 oder 17.« »Du nimmst mich auf den Arm.«
»Nein, es ist wahr. Nur als Einstieg für dein Interview eignet sich das wahrscheinlich nicht«, stellte Harry fest. »Bogie hat es anfangs nicht leicht gehabt. Anfang der 30er bekam er in Hollywood kaum Rollen. Um über die Runden zu kommen, spielte er in Blue Movies, wenn du weißt, was ich meine. Später hat es ihn einen Haufen Geld gekostet, die Filme zurückzukaufen.«
Leon verkniff sich die Frage, die ihm augenblicklich in den Sinn gekommen war. »Vielleicht sollte ich mal ein Buch schreiben, in dem diese ganzen Geschichten drin sind. Aber dann kommt von euch Burschen ja überhaupt keiner mehr vorbei.« Leon lehnte dankend ab. Was Lesestoff anging, war sein Bedarf mehr als gedeckt. Er stellte seine Tasse ab und schaute zur Wanduhr. Harry übersah es geflissentlich. »Hab ich dir mal von Errol Flynns Partys in seinem Haus am Mulholland Drive erzählt? Die reinsten Orgien! Ich habe Bogie ein paar Mal hingefahren. Es kursierten unglaubliche Gerüchte darüber. Ein dicker, ziemlich einflussreicher Diplomat aus Europa hatte davon gehört und wollte unbedingt dabei sein. Er ging Flynn damit mächtig auf die Eier, also lud der ihn eines Abends ein.« Harry beförderte den nächsten Whiskey in seine Tasse. »Als der Tag gekommen war, fuhr der Dicke in einer riesigen Limousine vor. Im Foyer wartete eine tolle Blondine auf ihn. Nichts an, außer High Heels und einer knappen Schürze. Sie bat ihn, ihr ins Entkleidungszimmer zu folgen. Von dort sollte er dann einfach durch die Tür gehen, wo die anderen Gäste schon auf ihn warten würden. Das stimmte auch. Doch als er splitternackt eintrat, saßen alle korrekt gekleidet beim Essen. Der Dicke ergriff die Flucht und die Runde lachte sich halb tot.« Leon lachte. Er kannte die Geschichte bereits, aber ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als Harry bei Laune zu halten, bis er Verwertbares lieferte. Ihm fiel ein Satz seines Vaters ein, der davon überzeugt war, dass man einem Menschen hier in „Tinseltown“ kaum eine größere Freude bereiten konnte, als ihm zuzuhören. »Danach ging die Party natürlich erst los. Der Typ hätte wirklich seinen Spaß gehabt. Wusstest du, dass Flynn mit seinem Schwanz Klavier spielen kann? Und wohl gar nicht mal so schlecht. Er trifft zumindest die Töne.« Leon verzog das Gesicht.
»Sprich ihn doch einfach auf sein Boot an«, platzte Harry plötzlich heraus, als hätte er die ganzen anderen Anekdoten nur gebraucht, um sich warmzulaufen. »Es gibt kaum etwas, über das er lieber redet.« »Er hat ein Boot?«, fragte Leon überrascht. »Ja, die Santana. Sie liegt in San Pedro. Bogie hat sie von Dick Powell gekauft. Eine 55-Fuß-Jolle für 55.000 Dollar. Jeder Fuß tausend Dollar. Glaub mir, sie ist es wert. Er verbringt darauf so viel Zeit, wie es nur geht. Immer wenn er dem ganzen Trubel entkommen will.« Segeln war für Leon ein dankbares Thema. Als Jugendlicher hatte er an ein paar Regatten teilgenommen und steckte tief genug in der Materie, um ein wenig darüber fachsimpeln zu können. Für heute, entschied er erleichtert, hatte er genug Informationen gesammelt, um den Bogart-Insider spielen zu können. Harry schien inzwischen selbst Bobby müde gequatscht zu haben. Der Papagei schlummerte friedlich auf seiner Stange. Was Harry allerdings nicht davon abhielt, das nächste Thema anzuschneiden.
»Sag mal, stimmt es, dass du einem dieser Taco-Boxer den Kiefer gebrochen hast?«, fragte Harry. »Nicht den Kiefer. Nur die Nase. Jesús Bautista, ein Weltergewichtler aus Cantamar. Kampfname ›No Mercy‹ aber wenn du mich fragst, sollte er besser ›No Balls‹ heißen. Im Ring schien es immer, als würde er ständig rückwärtslaufen. Seine Tänzelschritte sahen so aus, als hätte er sich in die Hosen gemacht. Ich hab damals noch für die Sportredaktion geschrieben und ihn durch den Kakao gezogen.«
Harry schlug sich auf die Schenkel. »Jesús ›No Balls‹ Bautista, das ist gut, Mann!« Leon grinste. »Jedenfalls können es Mexikaner nicht ausstehen, wenn man sich über sie lustig macht. Also hat er mich eine Woche später gemeinsam mit seinen Jungs am Ausgang in Empfang genommen. Bautista wollte wissen, was mir dreckigem Juden einfallen würde. Doch bevor er mich vermöbeln konnte, schlug ich ihm einfach ins Gesicht. Da wäre er vermutlich nie im Traum draufgekommen.«
Harry hörte amüsiert zu. Storys wie diese waren ganz nach seinem Geschmack. Leon fuhr fort. »Ich hab ihn ganz gut erwischt. Er schaute ungläubig auf das Blut, das durch seine Finger rann, und lief davon. Mir schlotterten zwar die Knie und er hätte mich sicher mit ein bis zwei Schlägen zu Boden gebracht, aber er ließ von mir ab und verschwand.«
»Lief er rückwärts?«, prustete Harry los. »Nein«, lachte Leon. »Diesmal nicht.« »Und seine Männer?«
»Die waren anscheinend der Meinung, es sei eine Sache zwischen ihm und mir. Später wollte keiner mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Sie hatten wohl Angst, die Schande würde auf sie abfärben.« Harry wurde ernst. »Du solltest dich dennoch in Acht nehmen. Mexikaner haben ein Gedächtnis wie Elefanten.« Leon winkte ab, was so viel wie »ich kenne die Burschen« bedeutete.
»Vielleicht solltest du selber in den Ring steigen, statt nur darüber zu schreiben«, schlug Harry euphorisch vor. »Vergiss es«, antwortete Leon kopfschüttelnd. »Ich bin damals mal mit Orlando Spinoza über drei Runden Sparring gegangen. Danach konnte ich mich eine Woche lang nicht mehr bewegen.«

Wenig später lenkte Harry seinen Rollstuhl zum Ausgang und schüttelte Leons Hand. »Hat mich gefreut, wenn ich dir helfen konnte. Hast du nicht vielleicht noch eine sichere Wette für mich?« Leon dachte nach. »Na ja, ich bin nicht mehr ganz so nah dran wie früher. Aber Conley gegen Hernandez, der dritte Kampf am Freitagabend im Hollywood Legion Stadium – das könnte was werden. Conley ist 7:1 Favorit. Doch er lag die letzte Woche mit einer Grippe im Bett. Außerdem hasst er Rechtsausleger. Die Jungs aus El Monte halten Hernandez für den kommenden Mann. Ich schätze, du kannst ein paar Scheinchen riskieren.« »Gut, ich denk drüber nach«, bedankte sich Harry. Leon lachte. »Wenn du darüber nachdenken musst, solltest du besser nicht wetten.«

Er musste die Augen zusammenkneifen, als er aus dem Bungalow ins Freie trat. Der Vorrat an Sonne war in Kalifornien das ganze Jahr über endlos. Sein Autoradio meldete, dass für Santa Monica 92 Grad Fahrenheit gemessen wurden. Dabei war es gerade mal Anfang Mai. Leon rechnete. 92 minus 32 durch Einskommaacht gleich 33. Obwohl er inzwischen schon seit dreizehn Jahren in der Stadt der Engel lebte, hatte er sich noch immer nicht an die hiesigen Temperaturangaben gewöhnt.

Drittes Kapitel

Wie die meisten Amerikaner hielt Leon Mexiko für eine Art Niemandsland, das abwechselnd von Revolutionen, Vulkanen, Banditen und ausgedehnten Siestas ruiniert wurde. In seiner Vorstellung trugen die Männer lustige runde Hüte, bunte Umhänge und lange Schnurrbärte. Sie verschlangen Unmengen an Tortillas mit Bohnen und tranken Tequila. Wenn sie nicht gerade auf einem Pferd saßen, schliefen sie – sogar tagsüber und, wenn es sein musste, an eine Wand gelehnt. Oder sie zogen in kitschigen Mariachi-Uniformen durch die Straßen und peinigten jeden, der nicht schnell genug davonkam, mit ihrer Musik. Während der Kriegsjahre hatte Kalifornien viele Mexikaner ins Land geholt, damit die Arbeit auf den Farmen und beim Bau der Eisenbahntrassen weitergehen konnte. Die Braceros arbeiteten nicht schlechter als die Einheimischen, gaben sich aber mit viel weniger Lohn zufrieden. Alles sprach dagegen, sie nach Kriegsende schnell wieder nach Hause zu schicken. Damit begannen die Probleme. So stellte es zumindest die kalifornische Presse dar, laut der die Gastarbeiter jede dritte Straftat zwischen San Bernadino und Malibu verübten.

Stainer hatte Leon einen Pan-Am-Flug spendiert. Es ging von Burbank über Dallas nach Mexiko-Stadt. Dort musste er in einen klapprigen Bus steigen. Die löchrigen Straßen führten vorbei an endlosen Agavenfeldern und langen Reihen von Kakteen, die wie Orgelpfeifen Spalier standen. Mit zunehmender Fahrzeit begann sich die Straße immer stärker zu winden. Leon kam es vor, als säße er in einer Achterbahn. Die steilen Auf- und Abfahrten drückten auf seine Ohren. Das Geräusch des Motors nahm er nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Ein paar Fahrgäste übergaben sich in mitgebrachte Tüten. Der Busfahrer nahm davon keine Notiz. Seine Mimik glich der eines Reptils, das aus einer Starre erwacht war und noch nicht sicher sein konnte, ob bereits alle Körperfunktionen Dienst taten. Beim Verlassen der Busstation hatte er sich mit einem Stoßgebet für die Fahrt gerüstet und damit jedwede Verantwortung an eine höhere Instanz weitergereicht. Die Pedale betätigte er ausschließlich mit voller Kraft, ganz gleich ob er Gas gab oder abbremste. Nach jeder Kurve brummte er ein phlegmatisches »Bueno« vor sich hin. Selbst als sich ein schwer bepackter Esel mit einem panischen Sprung vor dem herannahenden Gefährt rettete, dabei den Halt verlor und einen Abhang hinunter in den sicheren Tod stürzte, nötigte ihm das keine Reaktion ab. Was hatte der Esel auch da zu suchen? Leon vermied es von nun an, aus dem Fenster zu sehen.

Gegen Nachmittag erreichte der Bus Zitácuaro. In Leons Kopf hatten Dutzende kleine Bergarbeiter damit begonnen, gegen die Schädelwand zu hämmern, um die Besteigung der 2.000 Höhenmeter zu feiern. Die Luft war heiß, feucht und schwer, als hätte ihr jemand Gewichte aufgelegt. Leon war kaum ausgestiegen, als ihn ein kleiner Junge am Ärmel zog. Mit einer lässigen Bewegung holte er eine Kiste hinter dem Rücken hervor, sank auf die Knie und begann schneller, als Leon «Gracias» sagen konnte, damit, dessen Schuhe zu polieren. Stoisch ließ er die Bürstenattacke über sich ergehen.
«Busco un hotel?», fragte er, ohne davon auszugehen, dass der Junge jemals in seinem Leben eines von innen gesehen hatte. Der Kleine starrte Leon erschrocken an. Seine Augen standen so weit auseinander, dass es schwer fiel, gleichzeitig in beide zu blicken. Vermutlich war er noch nie zuvor von einem Gringo auf Spanisch angesprochen worden. Wortlos deutete er nach Norden, packte eilig seine Sachen zusammen und streckte Leon seine vom Schmutz verklebte Handfläche entgegen. Ohne lange darüber nachzudenken, welche Bezahlung für diese Art von ungefragten Dienstleistungen angemessen sei, warf er dem Jungen ein paar Münzen zu. Dann schnellten seine Finger gewohnheitsmäßig nach vorn, um kurz, wie man das bei Kindern tut, über den lockigen, schwarzen Haarschopf zu strubbeln. Doch im letzten Moment war der Junge darunter hinweggetaucht. Für einen Augenblick schaute ihm Leon verwundert nach. Nicht er, sondern der Kleine war der Berührung ausgewichen.

Eher seinem Bauchgefühl als dem Hinweis des Schuhputzers folgend, schleppte Leon den Koffer in Richtung der nächsten Straßenecke, an der ein paar Händler ihre Stände und Karren aufgebaut hatten. Er war das perfekte Opfer für ihre berüchtigten Tiraden. In hanebüchenem Kauderwelsch versuchten sie, ihn von den Vorzügen ihrer Waren zu überzeugen. Leon beschleunigte seinen Schritt und geriet dabei immer tiefer in das bunte Markttreiben hinein. Aus den Augenwinkeln warf er einen Blick auf die Auslagen: Stoffe, Schmuck, Flachs, Kräuter, Schlangenhäute, Ziegen, Kaffeemühlen, Sättel, Tabak, Uhren, Grammofone, Kerzen, Heiligenbilder, Hausaltäre, Nägel in allen erdenklichen Größen und alles, was man aus Eisen fertigen konnte. Jeder Stand erzählte seine eigene Geschichte. Ein paar Vogelhändler hatten riesige Käfige aufgestellt, in denen schlecht gelaunte Kakadus zeterten. Nebenan brodelte ein riesiger Topf Hühnerbrühe. Vermutlich gingen die Vögel fest davon aus, exakt darin zu landen, wenn sich kein Käufer fand. Ein Truthahn segelte direkt vor Leons Füße und blähte den Hals auf. In respektvollem Abstand stolzierte er an den Vogelkäfigen vorbei, als wolle er daran erinnern, wer hier der Einheimische war. In spanischsprachigen Ländern nannte man ihn »guajolote«, was so viel wie »Gespenst« bedeutete. Leon kannte tatsächlich kein hässlicheres Tier. Zu seinen Füßen bemerkte er eine alte Frau, die hinter einer Decke voller Gemüse saß. Ihre Hände erinnerten an Wurzeln. Sie mochte schon 80 Jahre alt sein, aber dennoch kam sie hierher. Der Markt gab ihr das Gefühl, noch immer dazuzugehören. Hätte Leon ihr angeboten, die ganze Ware mit einem Schlag zu kaufen, hätte sie abgelehnt. Die Freude an dem Treiben um sie herum und die Unterhaltung mit den anderen Frauen würde sie sich von keinem noch so lukrativen Geschäft kaputt machen lassen.
Leons Blick blieb an einem klapprigen Holztisch hängen. Zwei junge Indiofrauen mit bunten Umhängetüchern hatten die unterschiedlichsten Früchte zu kleinen Kunstwerken angeordnet: Pyramiden aus Limonen und Mangos, Türmchen aus Zuckerrohr, verzierte Melonen, Kokosnüsse, Kaktusfrüchte und etliche Sorten, deren Namen Leon nicht kannte. Auf dem Boden klatschte eine Frau mit ihren Händen Maisbrei zu Fladen. Ihre schwarzen Zöpfe tanzten im Takt. Wenige Schritte weiter stritt eine wohlbeleibte Señora mit einem Töpfer darüber, dass sein Geschirr nicht mehr denselben Blauton hatte wie bei ihrem letzten Einkauf. Wie sollte sie nun zerbrochene Teller ersetzen, wenn bald jeder seine eigene Tönung besaß? Leon hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es mehr Blau geben könnte als ein dunkles und ein helles. Doch in diesem Festival der Farben schienen Begriffe wie Azur, Indigo oder Ultramarin plötzlich ihre Berechtigung zu erhalten.

Hinter den letzten Marktständen konnte Leon die Reklame eines Hotels erkennen. Neben dem Eingang, vor dem, reglos wie ein Kadaver, ein Hund schlummerte, warb eine Kreidetafel für frisch gefangene Forellen, die man hier auf unterschiedlichste Weise zuzubereiten verstand. Er betrat die Lobby. Die Rezeption war nicht besetzt. Leon betätigte die Klingel auf dem Tresen. Ihr Geräusch war kaum laut genug, um einen Hotelangestellten aus seinem Nachmittagsschläfchen wecken zu können.
»Du musst gegen die Scheibe klopfen.« Leon fuhr herum. Er hätte wetten können, dass sich außer ihm niemand im Raum befand, doch die raue Stimme in seinem Rücken war ganz deutlich zu vernehmen gewesen. Seine Augen tasteten den hinteren Bereich der Lobby ab. Sie lag komplett im Dunkeln.
»An die Scheibe«, ermahnte die Stimme. Leon befolgte den Ratschlag und widmete seine Aufmerksamkeit danach sofort wieder dem unheimlichen Berater. Endlich konnte er die Silhouette eines Mannes erkennen, der, mit weit von sich gestreckten Füßen, in einem Korbstuhl lümmelte. In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter der Rezeption. Ein Männchen mit asiatischen Zügen huschte hindurch, baute sich hinter dem Tresen auf und grinste Leon an. Auf dessen Erkundigung hin, ob denn ein Zimmer frei sei, veränderte sich der Blick des Angestellten, als hätte er mit jeder, aber nicht mit dieser Frage gerechnet.
«Horita», entschuldigte sich der Asiate und verschwand auf demselben Weg auf dem er gekommen war. »Das heißt etwa so viel wie ›Augenblick bitte‹. Manchmal dauert der Augenblick aber auch ein Stündchen«, übersetzte der Unbekannte. Leon fuhr abermals herum. Sein fremder Patron war neben ihm so schnell wie ein Schatten am Nachmittag aufgetaucht. Ein Yankee mit buschigen Augenbrauen und Bartstoppeln, die an die Stacheln eines Kaktus erinnerten. Sein Atem roch nach Zwiebeln und Alkohol. »Sie sind wegen des Films hier.« Auch wenn die Betonung am Ende des Satzes wie bei einer Frage nach oben gegangen war, hatte Leon nicht den Eindruck, dass der Fremde daran zweifelte. »In der Regenzeit verirrt sich selten ein Fremder hierher. Doch seit John Huston oben in den Bergen dreht, ist das alles ein bisschen anders. Sind Sie Schauspieler oder so was Ähnliches?«
»Nein, ich bin Reporter.«
Der Amerikaner ließ Leon im Unklaren darüber, was er von dieser Profession hielt. Unterdessen betrat ein weiterer Gast die Lobby. Er trug eine Ledertasche, wie Leon sie manchmal bei seinem Vater gesehen hatte. Diesmal geriet die Tür hinter der Rezeption sofort in Bewegung. Ein schnauzbärtiger Dickwanst mit Augen wie Pingpongbällen stürmte dem Gast entgegen. Er legte ein Tempo vor, das bei seiner Leibesfülle nicht zu erwarten gewesen war. Mit ausgebreiteten Armen lief er dem Gast entgegen, schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das Leon je unter einem Schnurrbart gesehen hatte, und zog ihn an seine Brust. Es folgte ein Schwall freundlicher Bemerkungen, in dem im Fünfsekundentakt die Wörter «mi amigo» vorkamen. Dann löste er die Umarmung, um wie wild die rechte Hand des anderen zu schütteln und zeitgleich mit der linken auf dessen Oberarm zu schlagen, als gelte es, den Staub aus seiner Kleidung zu klopfen. Sein Gegenüber schien mit dieser Zeremonie bestens vertraut und tat es ihm gleich. Wie auf Kommando wechselten sie plötzlich den Griff, umfassten gegenseitig die Daumen und schüttelten weiter, um sich kurz darauf erneut zu umarmen. Die Prozedur dauerte bereits eine knappe Minute.
»Sie nennen das abrazo«, erklärte Leons neuer Bekannter. »Wenn sich in Mexiko zwei Männer treffen, demonstrieren sie den anderen gern, was für gute Freunde sie sind. Soll heißen: Seht mal her, gegen uns kommt ihr nicht an. So etwas gibts auch bei Tieren. Schimpansen zum Beispiel ziehen sich gegenseitig an den Hoden.
Leon amüsierte der Vergleich. Inzwischen war er ganz froh, hier einen Landsmann getroffen zu haben. »Sie kennen sich gut aus«, stellte er fest. »Sind Sie schon lange hier?« Der Kaktusbart nickte. »Jedenfalls lange genug, um rauszufinden, dass unsere Nachbarn ein ziemlich sonderbares Völkchen sind.« Dabei zeigte er auf den weit geöffneten Eingang, vor dem es zu regnen begonnen hatte. »Sie lassen zum Beispiel bei Gewitter die Tür offen stehen, damit Jesus eintreten kann.« Sein amüsiertes Lachen ließ auf keine ausgeprägte Religiosität schließen. »Mexikaner sind gläubig. Amerikaner leichtgläubig«, versuchte Leon, einen Witz zu machen. »Mexikaner sind auch Amerikaner«, erwiderte der Fremde. »Sogar Nordamerikaner. Nehmen Sie ihnen das nicht auch noch weg.« «México es otro mundo», versuchte Leon seine Bemerkung zu relativieren. »Mexiko ist eine andere Welt.«
»Oh – Sie sprechen Spanisch!«
»Ein wenig. Ich habe eine Weile in Argentinien gelebt.« Für den Moment waren das genug private Informationen, dachte er sich. Wenn er seinen neuen Bekannten besser kennengelernt hatte, würde er ihm vielleicht noch erzählen, dass seine Eltern mit ihm von Berlin nach Buenos Aires und später nach Los Angeles gezogen waren, da Hitlers Machtergreifung eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich gemacht hatte. Leons Vater galt bereits damals als internationale Koryphäe. Also nahm er ein Angebot aus Kalifornien an. Leon war 17 Jahre alt und verliebte sich auf der Stelle in die entspannte, lässige Lebensart seiner neuen Heimat. Vaters stolzes Salär als Chefarzt und das Erbteil aus Großvaters Firma, das man mit viel Glück nach Argentinien und später nach Amerika hatte hinüberretten können, ermöglichten der Familie ein wohlhabendes Leben.
Leons Eltern träumten davon, dass er an der »U.C.L.A.« Medizin studieren würde. Doch er hatte andere Interessen. Die meiste Zeit verbrachte er am Strand, trieb Sport oder saß in den Cafés, Diners oder Eisbuden am Sunset Boulevard. Erst als sein Vater damit drohte, seinen monatlichen Scheck zu sperren, meldete er sich am Journalisten-College an. Schon bald schrieb er Artikel für Zeitungen, meist für die Sportseite, manchmal auch über Partys und über das Leben der Reichen. Polizeireporter war er erst vor einem reichlichen Jahr geworden. Er streckte dem Amerikaner seine Hand entgegen, ohne einen ›abrazo‹ befürchten zu müssen. »Leon Borenstein. Und wie …?«
»Hier fragt man nicht nach dem Namen«, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort. »Das gehört sich nicht. Nennen sie mich Frank.« »Okay, Frank.«
»Lust auf ein Spielchen?« Frank deutete auf den Pooltisch im Fond des Raumes. Ein Prachtexemplar aus edlem Mahagoniholz mit kunstvoll geschnitzten Beinen, das in den Antiquitätenläden von Los Angeles ein Vermögen gebracht hätte. Hier stand er vergessen herum und wartete auf bessere Zeiten.
Leon zögerte nicht lange. Der Hotelier hatte ihm mit einem emotionslosen «Momento» signalisiert, dass es noch etwas dauern würde, bis er hier zu einem Zimmer käme. Später würde er es noch zu einem «Momentito» verniedlichen. Billard war eine gute Gelegenheit, um die Zeit totzuschlagen. Vielleicht konnte er seinem auskunftsfreudigen Mitspieler nebenbei noch die eine oder andere Information entlocken. Er klärte Frank darüber auf, dass er ein lausiger Spieler sei, griff sich Queue und Kreide und brachte sich für den ersten Stoß in Position. Frank gab zu, dass er Fremde gern um ein paar Dollar abzockte. Er ließ sie die erste Runde gewinnen und holte sich später den Einsatz doppelt und dreifach zurück. Mit Leon wolle er gar nicht erst um Geld spielen, weil er denke, dass er ein guter Kerl sei. Während der noch darüber nachdachte, welchem Umstand er dieses Urteil zu verdanken habe, versenkte Frank bereits die ersten drei Kugeln. »Schauen Sie sich das gut an, hombre, hier können Sie was lernen«, lobte er sich.

»Davon bin ich überzeugt«, antwortete Leon. Frank erwies sich als wahre Billardmaschine. Er umkreiste den Tisch in atemberaubender Geschwindigkeit und schickte die Bälle mit Nachdruck in die Taschen, fast so, als gelte es, einen Rekord zu brechen. Sein Blick erfasste alle Kugeln gleichzeitig. Selten benötigt er länger als eine Sekunde, um eine Entscheidung zu fällen. Wenn er den richtigen Platz gefunden hatte, ging er leicht in die Knie, bis er mit seinem Ziel auf Augenhöhe war, und schritt ohne langes Zögern zur Exekution. Meist feierte er seine Stöße mit einem schrillen Juchzen oder fischte nach Komplimenten. Nebenbei philosophierte er über Mexiko und prophezeite Leon, dass er hier, wie er sagte, die reizendsten Herrlichkeiten und die größten Dummheiten auf einem Haufen finden könne. »Das Schönste und das Hässlichste, das Tollste und das Erbärmlichste – hier sehen Sie alles. Sie müssen nicht mal lange suchen. Mexiko schmeißt es Ihnen einfach vor die Füße.« Leon dachte gerade über einen besonders schwierigen Ball nach, den er scharf über die rechte Bande spielen musste, als Frank auf den Film zu sprechen kam. »Ich muss schon sagen, ich bin ziemlich gespannt darauf, was Huston da oben so anstellt. Haben Sie das Buch gelesen?« »Sie meinen ›Der Schatz der Sierra Madre‹?« »Klar. Ich denke, deswegen sind Sie doch hier.« »Um ehrlich zu sein … bisher noch nicht. Mir geht es eigentlich nur um Humphrey Bogart«, behauptete Leon, ganz wie Stainer es von ihm verlangte. »Es ist das erste Mal, dass er im Ausland dreht. Darüber will ich schreiben.« Frank zog die Brauen hoch und nickte dann auf unergründliche Weise. Dann legte er den Queue zur Seite und angelte nach einer bauchigen Flasche, dessen Korken er unter einiger Kraftanstrengung entfernte. Zugleich zauberte er aus einer schweren Holztruhe zwei Gläser hervor, die er bis zum Rand füllte. Nachdem er Leon eines davon gereicht hatte, präsentierte er seine Kurzversion der Geschichte. »Drei Taugenichtse kratzen ihre letzten Kröten zusammen, ziehen hoch in die Sierra und finden tatsächlich Gold. Sie bauen ein kleines Bergwerk auf und schuften rund um die Uhr. Immer das große Geld vor Augen. Nichts scheint sie aufzuhalten. Sie überstehen sogar einen Banditenangriff.«
Leon nippte an seinem Getränk, das sich als starker, würziger Cognac entpuppte. Frank hatte unterdessen bereits wieder ein paar Kugeln vom Tisch befördert, dann erzählte er weiter. »Letztlich scheitern die drei, weil sie zu gierig werden und keiner dem anderen vertraut. Am Ende wird der Goldstaub vom Wind zurück in Richtung Sierra geweht. So als würde sich die Natur zurückholen, was ihr gehört. Tolle Geschichte, wie gesagt. Dieser Huston hat einen guten Riecher.«
Franks Detailkenntnis überraschte Leon. »Haben Sie auch etwas über diesen merkwürdigen Typen gehört, der das Buch geschrieben hat? Er heißt Traven oder so ähnlich.«
Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als sei Frank bei der Erwähnung des Autorennamens zusammengezuckt.
»Was soll mit ihm sein?«, antwortete er betont beiläufig. »Niemand weiß genau, wer dahintersteckt«, versuchte Leon das Thema am Leben zu halten. »Es heißt, der Name sei nur ein Pseudonym.« »Man hört ganz unterschiedliche Dinge«, sagte Frank, während er sorgfältig die Spitze seines Spielgeräts mit Kreide versah. »Er soll ein österreichischer Erzherzog sein, der in Europa Dreck am Stecken hat und sich deshalb seit Jahren in Mexiko versteckt hält.« Leon erweiterte in Gedanken die Liste der möglichen Identitäten Travens um eine weitere Position. »Aber wissen Sie was: Es ist mir gleich, wer er ist. Mir reicht das, was er schreibt.« Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Frank beendete das Spiel und verabschiedete sich plötzlich mit dem Hinweis, er habe noch wichtige geschäftliche Dinge zu erledigen.

Unterdessen brachte der asiatische Zwerg Leons Zimmerschlüssel und hielt wie selbstverständlich die Hand für ein Trinkgeld auf. Ohne eine kleine «mordida» ging in Mexiko keine Dienstleistung vonstatten, darauf hatte ihn Frank bereits vorbereitet. Leon zahlte und trug sein Gepäck nach oben. Bei seiner Unterkunft handelte es sich um eine kleine Stube mit einem Bett, dessen Matratze nicht viel dicker war als die Baumwolldecke, die sie bedeckte. Dennoch ließ er sich erleichtert fallen und schlief schnell ein.
Gegen Mitternacht wachte er wieder auf. Auf dem Flur war Musik zu hören, so als hätte sich dort ein ganzes Mariachi-Orchester versammelt. Der Nachtportier 32 schnarchte, während sein Radio in voller Lautstärke dröhnte. Draußen flackerte die defekte Neonreklame. Leon verzichtete auf den Versuch, bei diesem Lärm wieder einzuschlafen. Er kramte in seiner Reisetasche, bis er das Buch fand, das Stainer ihm mitgegeben hatte. »Der Schatz der Sierra Madre«, sprach er laut zu sich selbst und begann zu lesen:

Die Bank, auf der Dobbs saß, war keineswegs gut. Die eine Latte war herausgebrochen, und eine zweite Latte bog sich nach unten durch, darum konnte man recht gut das Sitzen auf dieser Bank als Strafe empfinden. Ob er diese Strafe verdient habe oder ob sie ungerecht über ihn verhängt worden sei, wie die Mehrzahl der Strafen, die verhängt werden, darüber dachte Dobbs in diesem Augenblick gerade nicht nach. Die Gedanken, die Dobbs beschäftigten, waren dieselben, die so viele Menschen beschäftigten. Es war die Frage: Wie komme ich zu Geld?