Leseprobe: Sebastian Guhr – „Die langen Arme“

DIE LANGEN ARME
Roman

I

Ich ging, ohne mich zu verabschieden. Ich sprach sowieso wenig mit den anderen und war bloß mitgekommen, weil ich musste. Der Besuch der Patenbrigade galt zwar als freiwillig, aber wenn man nicht teilnahm, konnte man sich am nächsten Tag vom Lehrer was anhören. Ich hatte der erstbesten Arbeiterin meine Glückwunschkarte in die Hand gedrückt und dafür ein dickes Buch geschenkt bekommen, dessen Schutzumschlag die Erde und einen darum kreisenden Satelliten zeigte. Hinter der Frau ratterte das Fließband weiter, und ich machte mir Sorgen über den Rückstand, den sie aufholen musste. Die Arbeiterin sagte noch etwas, aber ich wollte schnell fort. Ich drückte das Buch gegen meine Brust, rannte blind davon und fand mich in einer anderen Halle wieder, durch die ich nicht gekommen war. An einer Wand hingen Schutzbrillen, die mir gefielen, obwohl es nur billige Dinger aus Plastik waren. Ich blickte mich um, schnappte mir eine der Brillen, die ich bei meinen Experimenten gut gebrauchen konnte, schob sie in den Ärmel meines Pullovers und bemerkte erst jetzt, dass ein Wachmann mich beobachtete. Der hat zum Glück bloß geglotzt und nichts begriffen, so dass ich genug Zeit hatte, mich unter eine andere Schulklasse zu mischen, die gerade dabei war, das Werk zu verlassen. Zu gehen, ohne mich von jemand zu verabschieden, war eine schlechte Angewohnheit von mir. Aber nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ich es vor Aufregung oft einfach vergaß. Erst auf dem Feldweg zur Tongrube wurde ich ruhig genug, um das Geschehene zu überdenken. Hatte jedes Kind ein Buch bekommen? Oder war ich mit dem Klasseneigentum geflohen? Ich blickte zum Büromaschinenwerk zurück, dessen Flachbau nur noch als ein grauer Streifen am Horizont lag. Niemand war mir gefolgt. Ich wischte über den Buchumschlag und las erst jetzt den Titel: Die Welt von übermorgen. Das klang vielversprechend. Seit Yvette und ich das Teleskop gebaut hatten, interessierten wir uns für das Weltall, und damit auch für die Erde. Und im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester interessierte ich mich auch für Menschen; sie waren so etwas wie schwarze Löcher für mich, sie machten mir Angst, aber sie zogen mich trotzdem an. Yvette saß mit geschlossenen Augen am Ufer der Tongrube, neben ihr miauten drei Katzen in einem Käfig. Da sie erst in die siebte Klasse ging, hatte sie noch keine Verpflichtungen gegenüber einer Patenbrigade. Ihre Füße steckten bis zu den Knöcheln im Wasser, und in ihren Händen hielt sie ein Stück Käse. Yvette war von der Idee besessen, Düfte nicht nur zu riechen, sondern auch zu hören, weshalb zwei Plastikschläuche den Käse mit ihren Ohren verbanden. Als die Katzen mich sahen, fauchten sie mich an, während Yvette die Schläuche aus den Ohren zog. »Wartest du schon lang?« »Nö.« »Guck mal!« Ich hockte mich neben sie ans Ufer und zeigte ihr die Schutzbrille und das Buch. Die Brille untersuchte sie nur kurz, aber das Buch hielt sie sich zunächst unter die Nase, dann an ihr Ohr. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ein paar Sekunden lang auf die Informationen, die im Papier steckten. Anfangs hatte ich mich darüber lustig gemacht, bis ich selbst diese Begabung in mir entdeckte. Ich blieb allerdings eine Dilettantin und nahm mein synästhetisches Talent hin wie einen Fuß, der von Geburt an nur vier Zehen besitzt, oder wie eine tiefe Stimme, für die man ja auch nichts kann. Yvette dagegen trainierte ihre Begabung und schuf später sogar Geruchsklangskulpturen, für die sie kurzzeitig zu einer lokalen Berühmtheit wurde, bevor alles schiefging und sie sich endgültig aus der Welt zurückzog. »Schade«, sagte sie endlich. »Das ist es nicht… nein nein nein.« Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Kommt nicht an den Käse ran… weiß nicht.« Mit der Sprache, die ich oder Vater oder die Leute in der Stadt benutzten, hatte Yvette schon damals ihre Probleme. Sie formulierte selten einen vollständigen Satz, und außerdem sprach sie sehr schnell. »Es ist zum Lesen gemacht«, sagt ich, »nicht zum Riechen.« Ich nahm ihr das Buch aus der Hand und schlug es an einer beliebigen Stelle auf. »Weiß ich. Riechen ist wie lesen oder eigentlich noch besser… nichts hat keinen Geruch.« Ich blätterte durchs Buch, das uns die vom Kapitalismus befreite Welt von morgen vorstellte. Viele bunte Abbildungen zeigten Geräte, von denen wir nicht wussten, wie sie funktionieren sollten. Im Anhang entdeckten wir detaillierte Baupläne, aber wir hatten keine Zeit, sie uns genauer durchzulesen. »Wir müssen los«, sagte ich, nachdem ich aufgestanden war. Ich setzte mir die Schutzbrille auf, nahm das Buch unter den Arm und hob den Käfig mit den Katzen an. Der kürzeste Weg zum Katzenmann, mit dem wir verabredet waren, führte den Bach entlang durch ein Wäldchen. Ich ging voran, während Yvette mir – eine Melodie summend, die angeblich aus dem Käse kam – folgte. Sie achtete niemals auf den Weg und überließ es immer mir, die Entscheidungen zu treffen. Sie war zu sehr mit ihren Eindrücken beschäftigt. Auf die oft gestellte Frage nach unseren Berufswünschen antwortete ich meistens mit »Wissenschaftlerin« und sie mit »Nasenkünstlerin«. Sie hielt das tatsächlich für einen realistischen Beruf. Der Katzenmann lebte am Stadtrand wie wir, etwa vier Kilometer von unserem Haus entfernt, und er zog die Katzen an wie ein Magnet. Manche in der Stadt behaupteten, der Katzenmann wäre geistig zurückgeblieben und gehöre nach Mühlhausen, wo sich damals eine psychiatrische Klinik befand. In einem Vortrag an unserer Schule hatte unser Abschnittsbevollmächtigter Worgitzky ihn als asoziales Element bezeichnet und uns Kinder vor ihm gewarnt, was nur zur Folge hatte, dass ich mich noch mehr für ihn interessierte. Ich glaube, der Katzenmann war anders und irgendwie kauzig, aber nicht verrückt. An den durchs Gebüsch streunenden oder in der Sonne liegenden Katzen erkannten wir, dass wir uns seiner Bretterbude näherten. Er saß im Unterhemd auf einer Bank neben dem Eingang und briet einen auf einen Stock gespießten, gehäuteten Katzenkörper über einer brennenden Mülltonne. Seine Arme und Beine waren dünn, und seine zerzausten, schwarzen Haare hingen unterschiedlich lang von allen Seiten seines Kopfes herunter. Seine ausgeleierte Unterhose musste er mit einer Hand festhalten, als er aufstand. Er freute sich, uns zu sehen, sprang barfuß auf dem Waldboden hin und her wie auf glühenden Kohlen und rief: »Broilerplaste Traktorist!« Ich blickte fragend zu Yvette, die nur mit den Schultern zuckte. Meistens hatten wir keine Ahnung, wovon er sprach, aber er war zu einer nützlichen Bekanntschaft für uns geworden, seit wir herausgefunden hatten, dass organische Materialien, insbesondere Tierkörper, hervorragende geruchsleitende Eigenschaften besitzen. Wir benötigten Kadaver als Bauteile für einen Apparat, an dem wir seit ein paar Wochen bastelten, aber da wir es nicht übers Herz brachten, die Tiere zu töten, übernahm der Katzenmann es für uns. Ich sagte mir, dass er uns wahrscheinlich mochte, weil wir ebenfalls am Stadtrand wohnten. »Hier sind ein paar Katzen.« Ich stellte den Käfig auf den Boden und ging einen Schritt zurück. Der Katzenmann sollte mir keinesfalls zu nahe kommen. »Wir brauchen wieder nur die Köpfe. Den Rest kannst du behalten.« »Obmessböker?« Er hielt mir den Bratspieß entgegen. »Oh…« Ich hob abwehrend beide Hände. »Hab schon gegessen.« Er lehnte den Spieß gegen die Bank, nahm eine Katze aus dem Käfig und trug das strampelnde Tier zu einer Regentonne neben der Hütte. Er tauchte die Katze unter die Wasseroberfläche und sah lachend zu uns herüber. Ich hielt schnell meine Hand vor Yvettes Augen, doch sie stieß sie weg. »Lass mich, ich will das sehen!« Der Träger seines Unterhemds rutschte von seiner knochigen Schulter und offenbarte eine behaarte Brust. Außerdem hing eine Hode halb aus seiner Unterhose heraus. Am liebsten hätte ich Yvette nochmal die Augen zugehalten – was aber gar nicht nötig gewesen wäre, denn sie hatte die Augen von selbst geschlossen und hielt eines der Schlauchenden, das sie aus dem Käse gezogen hatte, in Richtung der Regentonne. Sie sah aus wie eine Dokumentarfilmerin, die mit einem Mikrofon seltene Tiergeräusche aufnahm. Den Katzenmann schien das alles nicht zu stören. Nach einer Weile zog er den schlaffen Katzenkörper aus dem Wasser und klatschte ihn neben die Regentonne. »Kannst du uns die Köpfe schon mal geben?« Ich wollte nicht dabei sein, wenn er die anderen Katzen ertränkt. »Unser Vater wartet auf uns.« Auf die Erwähnung unseres Vaters reagierte er mit einem ernsten Nicken. Er verschwand hinter seiner Hütte und kehrte kurz darauf mit einem gefüllten Kartoffelsack zurück. Ich legte das Buch auf dem Waldboden ab und öffnete den Sack, den das in den Stoff gesickerte und getrocknete Blut dunkelfleckig und steif gemacht hatte. Die zehn Katzenköpfe sahen aus wie nasse Knäuel aus grauer und schwarzer Wolle. »Sehr gut. Danke!« Yvette und ich griffen jeweils einen Zipfel des Sacks. Wir verabschiedeten uns und gingen eilig davon, denn ganz geheuer war uns dieses Geschäft nicht gewesen. Dass ich das Buch Die Welt von übermorgen auf dem Waldboden liegengelassen hatte, fiel mir erst später ein.

Am nächsten Tag war der 1. Mai. Als wir morgens in weißen Hemden und mit roten Halstüchern in die Küche kamen, blies Vater gerade Luftballons auf, die er an mit Krepppapier umwickelte Stöckchen band. »Bitteschön, eure Wink-Elemente!« Er selbst nahm nicht am Umzug teil, da er sich – wie jedes Jahr zur gleichen Zeit – eine Erkältung eingefangen hatte. Den ganzen Winter über war er nicht krank gewesen, als ob er sich seine Erkältungen für Zeitpunkte aufsparte, an denen sie ihm nützlich waren. Ich fragte mich, wie er das machte. Da wir spät dran waren, rannten wir dem Mai-Umzug hinterher. Gruppenratsvorsitzender Rico Kuhn hatte dafür gesorgt, dass meine Schulklasse an der Spitze des Umzugs lief, was es mir erschwerte, sie einzuholen. Ich vereinbarte mit Yvette, die zu ihrer Klasse musste, einen Treffpunkt draußen bei der Müllkippe und drängelte mich durch die Menge voran. Als ein Luftballon platzte, hob eine Frau neben mir erschrocken beide Hände wie bei einem Überfall, aber dann lachte sie. Eine Blasmusikkapelle spielte einen Marsch, und die örtliche Kampfgruppe fuhr in dachlosen Militär-Trabis vor, in denen Männer mit Maschinengewehren breitbeinig standen. Als ich an der großen Tribüne vorbeikam, winkte ich mit meinem Stöckchen kurz so, wie wir es im Unterricht geübt hatten. Dann drängelte ich mich weiter voran. Kurz vor dem Ende der Kundgebung erreichte ich meine Klasse. Weder der Lehrer noch Rico Kuhn, der damit beschäftigt war, eine blaue Pionierfahne von der Größe unsere Wohnzimmerteppichs zu schwenken, bemerkten mein Zuspätkommen. Als sich der Umzug auflöste, beteiligte ich mich noch ein wenig an den Spekulationen darüber, welche Politiker (vielleicht sogar Erich Honecker?) auf der Tribüne gesessen hatten, bevor ich mich zur Müllkippe aufmachte, wo Yvette bereits auf mich wartete. Es gab drei wilde Müllkippen im Umkreis von ein paar Kilometern, bei denen wir regelmäßig vorbeischauten, um in alten Waschmaschinen oder Radios nach Bauteilen zu suchen, die wir irgendwie gebrauchen konnten. Fast alle Bewohner von Gangolfsömmern brachten ihren Sperrmüll hierher, auch unser Abschnittsbevollmächtigter Worgitzky, dessen Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, wilde Müllkippen zu verhindern. Wir hatten ihn einmal dabei beobachtet, wir er einen Fernseher aus dem Kofferraum seines Polizeiautos holte und den Abhang hinunterwarf. Yvette hatte ihr Wink-Element weggeworfen und sich die Schläuche des Käse-Stethoskops in ein Ohr und in ein Nasenloch gesteckt, aber ihre Augen waren offen und sie schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Als ich mich neben sie an den Abhang setzte, sprach sie sofort über den Katzenmann, wobei ihre Stimme hoch war und ihre Stirn wie bei einem Fieberschub glühte. »Er hat niemanden, oder?« »Ich glaube, seine Eltern sind gestorben.« »Seine Haut ist ziemlich schmutzig, aber ich weiß nicht… Findest du ihn sehr hässlich?« »Er hat lange Haare.« »Du auch…« Damals war mein Haar noch lang, und manchmal trug ich sogar neonfarbene Spangen und ein Kleid. Ich fand, das war eine Art Kompromiss. Yvette dagegen hat in ihrem ganzen Leben noch kein Kleid getragen, und ihre Frisur sah damals pilzförmig aus wie die von den Beatles, obwohl sie lieber Orgelmusik hörte. »Stimmt«, sagte ich. »Aber seine sind fettig.« »Stört mich nicht.« »Ich hab das Buch gestern bei ihm vergessen.« »Ich kann es holen.« »Nein, du gehst nicht allein zu ihm.« »Warum nicht?« Ihre Stimme klang trotzig. Ich stieß mich vom Boden ab und rannte den Abhang zur Müllkippe hinunter, denn ich hatte einen ungewöhnlichen Gegenstand entdeckt, der sich von Nahem als ein Funkgerät herausstellte. »Wer wirft denn so etwas weg?« rief ich empört und winkte Yvette zu mir. Yvette knackte das Plastikgehäuse mit einem Fußtritt, den man ihr nicht zugetraut hätte, und holte aus dem Lautsprecher eine fingerhutgroße Membran. »Perfekte Größe«, sagte sie, nachdem sie die Membran in den Nasenschlauch und dessen Ende wieder in den Käse gesteckt hatte. Sie schloss ihre Augen. »Das ist anders…«, murmelte sie nach einer Weile. Da die Membran als Verstärker wirkte, konnte Yvette nun mehr als vorher riechen. »Hast du was zum Schreiben?« fragte sie und begann, den neuen Geruch zu summen. »Nein.« »Nicht so wichtig. Es ist nett… Aber ich spüre nichts Besonderes.«
Yvette sammelte Geruchsmelodien wie andere Menschen Briefmarken, und was den Philatelisten ihre Blaue Mauritius war, das war für Yvette eine Duftnote, die sie nur durch Beschreibungen aus Büchern kannte und die sie als Swing bezeichnete, weil sie die Körperzellen des Riechenden angeblich zum Schwingen bringen konnte. Für die meisten Menschen, die wir kannten, stellte der Sozialismus den einzigen Weg zum neuen Menschen dar. Für Yvette aber war der Swing eine weitere, vielleicht sogar mächtigere Möglichkeit zur grundlegenden Veränderung eines Individuums dar. Ich war mir bei beidem nicht sicher, aber natürlich half ich meiner Schwester bei der Suche. »Kein Glück?« fragte ich. »Nein… das hier geht in eine ganz andere Richtung. Eher ein Kinderlied.« Sie hatte viel über den Swing gelesen, besonders ein Buch mit dem Titel De consolatione olfacere hatte es ihr angetan. Eine für Kinder aufbereitete Übersetzung hatten wir in der Stadtbibliothek gefunden, zusammen mit einem Set zum Erzeugen eigener Düfte, das aber unbrauchbar war. »Aber jetzt müssen wir los«, sagte ich. Wir hatten wir es eilig nach Hause zu kommen, um in der Garage weiter an dem Apparat zu basteln, den wir die Fleischblume nannten und der uns schon seit Wochen beschäftigte.

Ich setzte mir meine Schutzbrille auf und kroch unter den auf eine Stehlampe geschraubten Leuchtglobus, von dem wie bei einer riesigen Pusteblume dreißig Metallstäbe in alle Richtungen weggingen. Auf jedem Stab steckte ein Katzenkopf, und jeder Katzenkopf wurde durch einen Schlauch mit einem Akkordeon verbunden, das Yvette, auf einem Hocher sitzend, in den Händen hielt. Ich stopfte den letzten von dreißig Schläuchen in den Katzenkopf über mir, wobei ich die graue Luftröhre ein wenig mit dem Zeigefinger weitete, damit das Schlauchende hineinpasste. Auf meine Schutzbrille tropfte Blut. »Fertig«, sagte ich und knipste den Leuchtglobus an, wodurch die Katzenköpfe mit Strom versorgt wurden. »Gib mal ein A!« Ich hörte Luft aus dem Akkordeon, aus dem wir die Metallzungen entfernt hatten, in die Schläuche strömen und kurz darauf einen Rülpser, der aus dem Katzenmund über mir kam. Ich atmete tief ein und konzentrierte mich auf meine Nase, genauer gesagt auf meine Scheidewände, wo die Schallwellen auf Flimmerhärchen trafen und sich in Geruch verwandelten. »Glasklar!« rief ich. Anfangs hatten wir mit einem die gewünschte Duftnote verfälschenden Schmorgeruch zu kämpfen – bis wir die Stromspannung reduziert hatten. Wir wussten nicht woran es lag, dass sich Düfte in einer solchen Reinheit nur elektrisch aufgeladenen Tierkörpern entlocken ließen. Pflanzen reagierten zu lasch, und unorganisches Material war gar nicht zu gebrauchen. Lag es am Rest Lebensenergie, der noch in den Katzen steckte? Wir hatten ihre kleinen Lider nach unten geschoben, weil wir ihre offenen Augen gruselig fanden. Aber da ihre Mäuler offenbleiben und die zur Tonerzeugung wichtigen Zungen herausstrecken mussten, wirkten sie trotzdem nicht wie sanft schlafende Kätzchen, sondern wie von Albträumen geplagte, schreiende Monster. Ich kroch unter der Fleischblume hervor, sammelte das auf dem Garagenboden liegende Werkzeug ein und warf es zurück in den Universalbaukasten, den ich von meinem Vater zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ich wischte mir die Hände an einem Lappen ab und stellte mich hinter Yvette, die begonnen hatte, auf dem Akkordeon die Internationale zu spielen. Die einfache Melodie eignete sich gut zur Probe, wogegen bei komplizierteren Musikstücken oft nur Geruchsbrei herauskam. Aber auch so fand ich das Ergebnis ziemlich dissonant. Ich war unzufrieden, aber Yvette ließ keine Kritik zu und nannte es avantgardistisch. Sie besaß alle Schallplatten von Nova, dem einzigen Label für Neue Musik, und ich glaube, ihr schwebte nichts weniger als eine ästhetische Revolution auf diesem Gebiet vor. Ich war stolz auf die Fleischblume, aber meine eigenen Projekte hatten nichts mit Geruchskunst zu tun. Ich interessierte mich eher für Kommunikation. Für mich stand die Nützlichkeit einer Erfindung im Vordergrund – wahrscheinlich weil ich als ältere Schwester immer die Verantwortung übernahm. Mich faszinierten alle möglichen Verbindungswege zwischen Menschen, von den Fingerspitzen über das Rohrpostsystem in unserem Haus bis zu den Straßen und Telefonleitungen in unserer Stadt. Im Universalbaukasten gab es dafür ein eigenes Fach mit dem Titel ‚Fühlungnahme‘. Ich kletterte auf das Motorrad unseres Vaters, schloss meine Augen und roch die Kakophonie aus Katzenrülpsern, als ich ein Geräusch von draußen hörte. »Sei mal still«, flüsterte ich. Ich schaffte es gerade noch vom Motorrad zu springen, bevor unser Vater das Garagentor hochzog. Er war groß und musste seinen Kopf einziehen, um einzutreten. Mich und meine blutverschmierte Brille sah er zuerst. Es war aussichtslos, ihm die Situation zu erklären, sobald er die Katzenköpfe erblickt hatte. »Was ist das? Sind das tote Katzen?« »Nur die Köpfe. Und wir haben sie nicht getötet!«, sagte ich. »Steckt dieser verrückte Katzennarr dahinter?« Ich war überrascht, wie schnell er auf den Katzenmann als Bezugsquelle kam. Vater stützte sich auf die Knie und sah sich die Fleischblume genauer an. »Funktioniert es denn wenigstens?« »Es ist wirklich außergewöhnlich.« Ich blickte zu Yvette, die mich irgendwie unterstützen sollte, die aber wie immer in solchen Situationen stumm blieb. »Spiel mal was!«, sagte er zu Yvette, die daraufhin das Akkordeon zusammendrückte. Rülpsmusik war nicht gerade das, was Vater erwartet hatte, aber zumindest nickte er anerkennend. Er konnte streng sein, aber wenn er schimpfte, bekam er schnell ein schlechtes Gewissen. Unsere schöpferische Entwicklung war ihm sehr wichtig, denn unsere Erziehung stand ganz im Zeichen der Psychoanalyse. Er hatte darüber Bücher von C. G. Jung, Siegmund Freund und anderen gelesen; Bücher, die es in der Bibliothek oder im einzigen Buchladen der Stadt nicht gab und die er im obersten Fach seines Buchregals vor uns versteckte. Soweit ich es verstand, betrachtete Vater das menschliche Gehirn als eine Art Leitungssystem, das regelmäßig mit Ideen durchblasen werden muss, damit es gesund weiterwachsen kann. »Gut, ich weiß eure Leistung zu schätzen, aber die Kadaver können Krankheiten verbreiten. Eine Woche kann es hier noch stehen, danach müsst ihr es abbauen.« Wir stimmten zu. Danach fragte er, wie der 1. Mai-Umzug gelaufen war. »Bescheuert wie immer«, sagte ich. »Können wir am 1. Mai nicht auch erkältet sein?« »Wenn ihr alt genug seid, könnt ihr machen was ihr wollt, aber noch bin ich für euch verantwortlich. Und jetzt ab ins Bett!« In dieser Nacht dauerte es lang, bis wir einschliefen. Yvettes Bett stand anderthalb Meter entfernt von meinem, an der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Das ständige Quietschen der Bettfedern verriet ihre Unruhe. »Was hast du?« fragte ich. »Die ganze Arbeit war umsonst.« »Wir werden einen besseren Ort für die Fleischblume finden. Der Apparat funktioniert, das ist das Wichtigste. Wir haben den Bauplan in unseren Köpfen, den kann uns niemand nehmen.« Vorsichtig wurde die Tür geöffnet, Licht drang durch den Spalt. Vater konnte nicht einschlafen, bevor er uns noch einmal umarmt hatte. Er sagte, dass die Fleischblume unserer Mutter bestimmt gefallen hätte, denn Blumen hatte sie gemocht. Manchmal setzte er sich noch auf die Bettkante und erzählte von ihr, aber an diesem Abend war er zu müde. Ich war fünf Jahre alt gewesen, als Mutter uns verlassen hat. In der Küche hing ein Foto von ihr. Es konkurrierte mit einem Foto von Walentina Tereschkowa-Nikolajewa, der ersten Frau im Kosmos, das ich danebengehangen hatte.

Am Samstagnachmittag gingen Yvette und ich zur Gärtnerei, um Blumen für Yvettes Jugendweihe zu holen und um mit Goran, dem Gärtner, ein paar Runden Rommé zu spielen. Die Gärtnerei befand sich, wie unser Haus, am Stadtrand, allerdings genau auf der anderen Seite der Stadt. Goran war Papas Freund und der Grund für unseren Umzug nach Gangolfsömmern zwei Jahre vorher, denn Goran hatte das Haus in der Straße der Jugend geerbt und günstig an uns weiterverkauft. Da ich keine Freundinnen hatte (mir fiel es schwer, welche zu finden, ich weiß nicht wieso) war Gorans Bekanntschaft mir sehr wichtig. Um ehrlich zu sein war ich ein wenig in ihn verknallt. An diesem Tag wollte ich ihn mit meinem Wissen über die Psychoanalyse beeindrucken. Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein interessierter Laie blieb, hatte Goran nämlich eine Ausbildung zum Psychotherapeuten angestrebt, was ihm aber verwehrt worden war. Im Gewächshaus, in dem wir Rommé spielten, fand einmal im Monat ein Psychoanalyse-Lesekreis statt, den auch Vater ab und zu besuchte. Im Gewächshaus war es so schwül, dass die Rommé-Karten weich und biegsam wurden. Um den Gartentisch, an dem wir saßen, wuchsen Palmen, und ich wedelte mir mit einem Fächer Luft ins Gesicht. Yvette und ich hatten unsere Badeanzüge mitgenommen und uns mit dem Wasserschlauch bespritzt. Ich fühlte mich wie im Urlaub, kicherte herum, schüttelte meinen Kopf und machte die Karten nass, die Yvette verteilte. Goran hatte eine große Schüssel mit Erdbeeren auf den Tisch gestellt und nahm seine Karten auf. Gorans Frau Ellen saß mit am Tisch, aber sie spielte nicht mit. Goran hatte sie ins Gewächshaus tragen müssen, da sie zu schwach war, um selbst zu gehen. Sie hatte irgendeine Krankheit. Einmal versuchte sie, die Karten zu halten, aber sie schaffte es nicht. Sie sagte nie etwas und blickte geistesabwesend vor sich hin. Da Yvette immer lang überlegte, bevor sie auslegte, konnte ich mich währenddessen mit Goran unterhalten. Ich hatte einen Satz aus einem von Vaters Büchern auswendig gelernt und trug ihn vor: »Stimmt es, dass sich die kindliche Psyche von der Realität abwendet und mittels Phantasie selbstberuhigende Gratifikationen produziert?« Das klang ziemlich lächerlich aus meinem Mund. »Frag dich das selbst«, antwortete Goran. »Warum erfindet ihr diese Apparate?« »Es macht einfach Spaß!« »Und hast du sie schon vor eurem Umzug, als du noch mit deinen alten Freundinnen zusammen warst, erfunden?« Ich war überrascht. Tatsächlich hing das eine mit dem anderen zusammen. »Nein. Damals war es mir nicht so wichtig.« Goran hatte in Berlin ein paar Semester Psychologie studiert, aber nachdem er kurz vor seinem Examen bei einem Kongress einen Vortrag nicht halten durfte, hatte er der offiziellen Psychologie den Rücken zugekehrt und war Gärtner geworden. Ich schob es auf seine fundierten Kenntnisse des menschlichen Geistes, dass er beim Rommé meistens gewann. »Vielleicht studiere ich auch Psychologie«, sagte ich, obwohl ich das keinesfalls vorhatte. »Ich erinnere mich noch an den verklemmten Ton, in dem sich die Dozenten über die Psychoanalyse lustig gemacht haben«, sagte Goran. »Ich hab einfach keinen Professor gefunden, der mich für eine Ausbildung zum Therapeuten empfehlen wollte.« »Dann hättest du ihr helfen können«, sagte ich und kippte meinen Kopf leicht in Richtung Ellen. Ich merkte sofort, dass es taktlos war, vor ihr so zu sprechen – auch wenn es kein Anzeichen gab, dass sie uns zuhörte. War ich eifersüchtig auf sie? Yvette blickte von ihren Karten auf und sah mich fragend an. »Kann ich auch so«, murmelte Goran und legte seine Hand auf Ellens Unterarm. Ich bereute mein flapsiges Gerede und streichelte Ellens anderen Unterarm. Ellen war krank, seitdem sie eine Nacht im roten Backsteinhaus der Staatssicherheit verbracht hatte. Zumindest hatte es mir Vater so erzählt; ich traute mich nicht, Goran danach zu fragen. Angeblich hatte ein Buchbinder, dem Ellen ein zerlesenes Buch von Carl Gustav Jung zum Binden gebracht hatte, sie angeschwärzt. Aber vielleicht wollte Papa mit dieser Gruselgeschichte auch nur bewirken, dass ich meine Finger von seinen Büchern ließ. Jedenfalls schienen ein paar Menschen wirklich Angst vor der Psychoanalyse zu haben, so als könnten sie von ihr wie von einer Lawine überrollt werden. Mir kam das übertrieben vor. Im Vergleich zu den handfesten Apparaten, die Yvette und ich entwickelten, ging es bei der Psychoanalyse bloß um Wörter, an denen bestimmte Gefühle hingen. Ich fand unsere Erfindungen viel mächtiger.

Als am Montag-Vormittag zum Fahnenapell auf den Schulhof gerufen wurde, fürchtete ich, es könnte um mich gehen. Während wir uns in U14 Form aufstellten, erkundigte ich mich hastig bei den anderen Schülern und war erleichtert als ich erfuhr, dass beim Besuch der Patenbrigade viele Bücher verschenkt worden waren und ich also nicht mit dem Klasseneigentum fortgerannt war. Und auch um eine geklaute Schutzbrille ging es bei dem Apell nicht. Er wurde abgehalten, weil jemand eine Plastiktüte des imperialen Klassenfeinds mit in die Schule gebracht hatte. Das geschah manchmal einfach aus Gedankenlosigkeit, manchmal aber auch aus Angeberei. Der Schuldirektor hielt die Tüte mit der Aufschrift Woolworth in die Höhe und sprach von westlicher Propaganda. Er versuchte, die Tüte vor allen Augen zu zerreißen, aber das Material erwies sich als zäh und dehnte sich zwischen seinen Händen, bis er aufgab und den Morgenappell beendete. Dass sich niemand um eine fehlende Schutzbrille zu kümmern schien, machte mich übermütig. Auf dem Weg zum Klassenzimmer traute ich mich, sie mir zum ersten Mal in der Öffentlichkeit aufzusetzen. Es war mir wirklich wichtig.Während der vergangenen zwei Jahre hatte ich mich in einen Elitarismus geflüchtet, der mich wahrscheinlich unsympathisch und durchgeknallt wirken ließ, der mir aber half, meine seltsame Stellung unter den Menschen zu ertragen. Ich wurde von allen Seiten angestarrt, aber überraschenderweise sagte niemand etwas zu mir. Im Unterricht träumte ich vor mich hin. Ich stellte mir vor, wie imperialistische Söldner unsere Stadt besetzen und die Woolworth-Flagge auf der Spitze unseres Rathausdaches hissen. »Antje, hörst du überhaupt zu?« »Was? Ja, Herr Stolper.« Deutschlehrer Stolper trug eine gepunktete Fliege unter seinem Kinn, sein Haar war pomadisiert und zum Mittelscheitel gekämmt. An meinem ersten Tag in der neuen Schule hatte er mich der Klasse vorgestellt und meinen Nachnamen falsch ausgesprochen (Antje Günther, statt Antje Gruenter). Ich hatte mich nicht getraut, ihn zu korrigieren. Alle Blicke waren auf mich gerichtet gewesen und ich hatte gemerkt, wie ich rot wurde. In der Pause war dann ein Mädchen mit einer großen Brille zu mir gekommen, das sich als Karina Worgitzky (die Tochter unseres Abschnittsbevollmächtigten, wie ich später erfuhr) vorstellte. Sie hatte gefragt, von wo ich zugezogen war, und ich hatte ihr den Namen des Dorfs so leise gesagt, dass sie nur verwirrt genickt hatte und fortgegangen war. »Ich kann dich nicht hören«, sagte Herr Stolper. »Komm bitte zur Tafel vor.« Ich stand auf und ging mit hängendem Kopf nach vorn. Als ich mich zur Klasse umdrehte, wusste ich nicht wohin mit meinen Händen und steckte sie in meine Hosentaschen. »Hast du Löcher in den Taschen?« Wenn Lehrer Stolper mir eine Frage stellte, drängelten sich oft zwanzig Antworten gleichzeitig in meinem Kopf in Richtung Mund, sodass es einen Gedankenstau gab und ich meistens stumm blieb. »Nimm die Hände da raus«, sagte er, nicht einmal streng. Ein paar Mädchen in der letzten Reihe kicherten. Karina Worgitzky nickte mir mit ihren kleinen Augen hinter der großen Brille aufmunternd zu. Damals am ersten Tag hatte sie sich nach der Pause neben mich gesetzt und mir Lakritze angeboten. Leider wird mir von Lakritze oft übel, so dass ich hatte ablehnen müssen. Außerdem beneidete ich sie um ihre große Brille. In meiner Vorstellung mussten Wissenschaftlerinnen und Erfinderinnen dicke Brillen tragen – dummerweise konnte ich sehr gut sehen. Wie auch immer, es war uns nicht gelungen, Freundinnen zu werden. Ich hatte sie ein paar mal zu mir nach Hause eingeladen, was sie nicht zu mögen schien. Sie hat immer wieder Gründe gefunden, um nicht zu kommen. »Diese Schutzbrille, Antje. Ich fragte, was diese Schutzbrille soll.« »Ich brauche sie für meine Augen.« »Hast du eine Bescheinigung vom Augenarzt?« »Nein«, flüsterte ich. »Dann gib mir die Brille jetzt. Ich bewahre sie auf, bis es…« Zum Glück beendete das Klingeln den Unterricht in diesem Moment. »Wo hast du die Brille überhaupt her?« rief Herr Stolper, während ich schon die Treppe hinunterrannte. Karina folgte mir, aber ich wollte meine Ruhe haben. Vor der Essensausgabe der Mensa nahm mir ein FDJler die Schutzbrille einfach vom Gesicht und setzte sie sich auf. Ich streckte mich erfolglos, um sie mir zurückzuholen, und war den Tränen nahe. Karina wollte mir helfen, aber ich sagte ihr, dass ich keinen Wachhund brauche und dass sie schonmal vorgehen soll. Das war gemein, aber ich war wirklich gestresst. Ich sprang noch ein paarmal in die Luft, um nach der Schutzbrille zu greifen, bevor ich trotzige meine Arme verschränkte und mich in einen inneren Raum zurückzog, wie so oft, wenn ich Ärger mit Mitschülern hatte. Ich war dann gar nicht mehr in dieser Welt. Ich saß auf einem großen, goldenen Thron, und dieser Thron klemmte in der Astgabel eines Baums, der so hoch war, dass – wenn ich hinunterblickte – sein Stamm im Dunst verschwand.Weit entfernt am Horizont stand ein anderer Baum, aber ich konnte nicht erkennen, ob es dort einen Thron gab, auf dem jemand saß. Ich rief »Hallo?« und winkte mit den Armen, aber das war alles vergeblich. Ich wusste, dass ich bald in die Welt zurückkehren musste. Ich baumelte mit einem Bein über der Armlehne des Throns und dachte nach. Oft bildeten innere Probleme wie das des zu weit entfernten anderen Baums die Keime für neue Erfindungen. So erfand ich das Aquafon, das aus zwei Wasserbecken bestand, die über sechsundzwanzig Drähte miteinander verbunden waren. Mit diesem Gerät könnte man über große Distanzen hinweg Nachrichten austauschen. Ich versuchte, mir den Einfall zu merken und kehrte in die Welt zurück. »Ist das eine Brille oder ein Spielzeug?« fragte der FDJler. »Das Ding kann man ja vergessen!« »Kann ich sie bitte zurückhaben?« Er äffte mich nach, und tatsächlich erschreckte mich meine Unterwürfigkeit. Sie passte überhaupt nicht zum Bild, das ich von mir hatte. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte ihn, ob er das Stockwerk der Möglichkeiten im Ministerium des Schmerzes kannte. »Hä?« Er setzte mir die Schutzbrille wieder auf die Nase. »Du gehörst ja nach Mühlhausen!« Sie sagten immer nur Mühlhausen. Anfangs hatte ich gerätselt, was sie damit meinten. Diese nicht weit entfernte Stadt war durch ihre Psychiatrie für die Bewohner der Region zu einem Mythos geworden. Ich vermutete allerdings, dass die Wenigsten sich eingehender mit der Klinik beschäftigten. Von Goran wusste ich, dass er einen der Ärzte zum Lesekreis eingeladen hatte und dass es im Gewächshaus zu einem fürchterlichen Streit gekommen war. In der Mensa winkte Karina zaghaft von einem der besetzten Tische, aber ich wollte allein sitzen, um über das Aquafon nachdenken zu können. Jeder der sechsundzwanzig Drähte würde einem Buchstaben des Alphabets entsprechen. Wenn durch einen der Drähte Strom floss, brauchte man nur zu schauen, über welchem Buchstaben Luftbläschen aufstiegen, um die Botschaft zu entschlüsseln. Aber wie ließ sich das praktisch umsetzen? Ich kehrte auf meinen Thron zurück und hielt das verkabelten Wasserbassin in den Händen, während ich in der anderen Welt hastig mein Mittagessen verschlang. Es war anstrengend, in beiden Welten gleichzeitig zu sein und keinen Fehler zu machen. Wie hatten das die anderen großen Wissenschaftlerinnen geschafft? Hatte Walentina Tereschkowa-Nikolajewa einen Ehemann, der für sie den Alltag regelte? Ich beeilte mich nach Hause zu kommen, um Papas altes Aquarium vom Dachboden zu holen und die Sache mit dem Aquafon auszuprobieren. Die Idee erwies sich als unausgereift, und ich beschloss, ein paar Nächte darüber zu träumen. Auf diese Weise fand ich oft gute Lösungen. Ich nannte die Methode Traumwandern, denn im Schlaf ging ich tatsächlich durch das Innere der Apparate, suchte nach Konstruktionsfehlern und probierte neue Möglichkeiten aus. Nach dem Aufwachen konnte ich mich dann immer klar an alles erinnern und die Erkenntnisse umsetzen. Meine Hausaufgaben erledigte ich nebenbei, sie kosteten mich keine besondere Anstrengung. Während die anderen Kinder nachmittags im Pionierhaus Tischtennis spielten oder ins Freibad gingen, bastelten Yvette und ich weiter an unseren Apparaten. Wir demontierten die Fleischblume, so wie Vater es verlangt hatte, und da wir noch keinen anderen, dauerhaften Ort für sie gefunden hatten, konservierten wir die Katzenköpfe mit Haarlack und verstauten sie heimlich in Kartons auf dem Dachboden.

Yvette und ich hatten einmal einen kleinen Streit, weil sie behauptete, nur von Lebewesen und niemals von Apparaten zu träumen. Irgendwie passte das nicht zu ihr und ich glaubte es ihr nicht. Sie blieb aber dabei und schwor, dass diese Lebewesen perfekt wären und nichts an ihnen verbessert werden müsste, weshalb Yvette im Gegensatz zu mir immer ruhig und fest schliefe. Ich glaube, sie war einfach neidisch auf mein Traumwandern und auf die Möglichkeiten, die es bot. In der Nacht nach dem Streit lenkte ich meine Phantasie auf ein möglichst perfektes Lebewesen, ich dachte dabei an einen Engel, dann an eine im Wasser schwebende Qualle, und dann an einen Kolibri. Letztlich kam etwas ganz anderes heraus: ein nackter, faltiger Klumpen mit einem Rüssel und zwei kleinen, verkümmerten Pfoten. Das Vieh schwebte über mir, und ich konnte ihm nichts Schönes abgewinnen. Im Gegenteil, es spuckte etwas Klebriges auf mich herab, das in meinen Mund hineintropfte und eklig schmeckte. Ich erwachte draußen auf der Wiese hinter unserem Haus, ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Als ich etwas auf meinem Gesicht spürte, dachte ich an die Spucke vom Vieh aus meinem Traum, aber es waren bloß Regentropfen. Ich fröstelte und setzte mich auf einen Stein unter einer Hecke, um vor dem Regen geschützt zu sein. Ein süßer Geruch umgab mich. Wieder hatte ich das Gefühl, noch im Traum zu sein. Ich roch nach rechts und links, drehte mich um und erkannte, dass ich auf dem Rand eines leeren, flachen Beckens saß, in dem früher vielleicht Goldfische geschwommen sind. Das Becken hatte in seiner Mitte einen breiten Abfluss, aus dem der Geruch zu strömen schien. Ich stieg über den Beckenrand, beugte mich über die Öffnung und blickte hinein. Innen an der Wand waren Haken befestigt, und ganz unten, etwa fünf Meter tief, glomm ein Licht. Für einen Erwachsenen wäre die Öffnung zu klein gewesen, aber mein Körper passte gerade so hinein. Ich kletterte bis zum Licht hinab, das aus einer Röhre kam, in die ich kroch. Ich schob mich mit den Ellenbogen voran, dem Licht entgegen, und erreichte eine Art Waschraum, den ich nicht kannte. An den Wänden hingen Spiegel, Kleiderhaken und Waschbecken mit altmodischen Wasserhähnen. Alles wirkte sauber, und aus sämtlichen Ausgüssen strömte dieser süße Geruch. An diesen Raum schloss sich ein weiterer, ähnlich ausgestatteter an. Unser Garten war offenbar unterkellert. Da die Deckenlampen brannten, musste jemand hier sein oder sich vor kurzem hier aufgehalten haben. Ich ging an Toilettenkabinen vorbei und gelangte in einen Lagerraum mit hohen Regalen, in denen Schaufensterpuppen lagen. Manchen der Puppen fehlten Körperteile, hier ein Kopf, dort ein Arm oder ein Bein. In einer Ecke des Lagerraums war ein Container voller Puppenköpfe, daneben standen Tische, auf denen künstliche Körperteile lagen. Wahrscheinlich handelte es sich um Ersatzteile für die Puppen. Aus den Armen und Beinen ragten Metallstangen, die mir sofort bekannt vorkamen. Diese typischen, genormten Bauteile gab es nur im Universalbaukasten, was bedeutete, dass Yvette diese Körper gebaut hatte. Sie musste schon seit Wochen oder sogar Monaten hier unten am Werkeln gewesen sein. Ich nahm ein Ohr als Beweisstück mit. Warum hatte sie mir nichts von ihrer Entdeckung erzählt? Hätte sie mich früher oder später eingeweiht? Etwas gekränkt ging ich weiter und kam in einen langen Flur mit jeweils vier Türen auf beiden Seiten. Der Boden bestand aus dunklem Parkett, die Wände waren grün gestrichen. Die erste Tür, deren Klinke ich drückte, war nicht abgeschlossen. In einer hohen, holzvertäfelten Kammer lehnte eine Metallleiter an der Wand. Ich hörte ferne Stimmen, stieg die Leiter hinauf und entdeckte einen Spalt an der Kammerdecke, durch den ich in unsere Küche sehen konnte. Yvette steckte gerade ihre Brotbüchse in den Schulranzen und Vater war dabei, das Frühstück wegzuräumen. Mir fiel auf, dass das Foto meiner Mutter nicht mehr an der Küchenwand hing. »Wo bleibt Antje?« fragte mein Vater. »Schon losgegangen.« »Dieser Herr Stolper, der Deutschlehrer, ist der nett?« »Weiß nicht… Hab keinen Unterricht bei ihm.« Hatte Herr Stolper sich wegen meiner Schutzbrille bei meinem Vater beschwert? Yvette steckte meine Brotbüchse ebenfalls in ihren Ranzen, bevor mein Vater etwas merkte. Für einen Moment sah es so aus, als huschte ihr Blick zum Spalt im Fußboden. Ich stieg die Leiter hinab und setzte meine Erkundung der unterirdischen Räume fort. Es gab sogar einen Theatersaal mit einem Kronleuchter an der Decke und grünleuchtenden Notausgangsschildern über den Türen, was so tief unter der Erde wirklich komisch war. Ich stieg auf die Bühne und fand die Lücke im Vorhang, aber statt ins Bühnenhaus mit herabhängenden Seilen und Kulissen gelangte ich in eine kleine Werkstatt, in der Yvette anscheinend an einem Porträt unserer Mutter gearbeitet hatte. Auf einem Töpfertisch stand Mutters halbfertige Büste und auf einem Brett an der Wand lehnte das Foto aus der Küche. Ich ging vorsichtig durch die Werkstatt und berührte nichts. Auf einem Schemel lag das Buch Die Welt von übermorgen, es hatte tonfleckige Fingerabdrücke und war mit vielen Lesezeichen versehen. Yvette musste es vom Katzenmann geholt haben. Auch das hatte sie mir nicht erzählt. Ich begann immer mehr, sie mit anderen Augen zu sehen. Durch eine andere Tür im grünen Flur gelangte ich in einen Raum, der mit alten Möbeln vollgestellt war, die von einigem Wert gewesen wären, wenn nicht hunderte weiße Pilze ihre Furniere und Polster besiedelt hätten. Ein Hochbeet entpuppte sich als ein vollständig überwucherter Billardtisch. Als ich mit der Fingerspitze einen Pilz berührte, stäubte aus ihm ein weißes Pulver, in dem ich den Ursprung des süßen Geruchs erkannte. Ich war völlig eingenebelt, musste niesen und flüchtete in einen benachbarten Saal, in dem nicht weniger als dreißig Schaukelpferde standen. Kleine Lampen in der Form von Fliegenpilzen tauchten den Saal in ein rotes Glühen. Ich setzte mich auf eines der Schaukelpferde und dachte nach. Vielleicht hatten frühere Besitzer des Hauses diese Räume als Keller oder als Wohnräume für Angestellte verwendet? Soviel ich wusste hatte das Haus vor dem Krieg einer Fabrikantenfamilie gehört, die im Zuge der Bodenreform enteignet worden war. Gorans Eltern hatten es günstig erworben und darin gewohnt. Goran, der einen Teil seiner Kindheit hier verbracht hatte, kannte die Räume bestimmt. Ihn wollte ich fragen. Der Holzboden knarrte bei jedem Vor und Zurück des Schaukelpferds, und es war so gemütlich, dass ich jedes Zeitgefühl verlor. Keine Ahnung, wie lang ich dort vor mich hinschaukelte, bis mir auffiel, dass die Schaukelpferde alle in die gleiche Richtung zeigten, und zwar zu einem Loch in der Wand, zu dem der Lichtschein nicht ganz hingelangte. Das Loch war einfach in die Wand gehauen worden, als ob dort die eingerichtete Welt in etwas Wilderes überging. Ich stieg vom Schaukelpferd ab und näherte mich vorsichtig dem Loch, hinter dem ich einen schwach beleuchteten Gang ausmachte, der in die Erde gehauen worden war. Ich konnte deutlich die Spuren der Werkzeuge an der Tunnelwand erkennen. Ich duckte meinen Kopf und schob mich durch das Loch in der Wand. An der Tunneldecke glommen vergitterte Lampen, die durch herabhängende Kabel miteinander verbunden waren und deren Lichter sich in Pfützen aus durchgesickertem Grundwasser spiegelten. An den Lampen hingen Spinnweben, in denen Tropfen glitzerten. Die Luft war feuchtwarm und irgendwie klebrig. Ich folgte den Lichtern und ging tiefer in den Tunnel hinein. Anfangs bin ich noch über die Pfützen gesprungen, aber später wurden sie so groß, dass ich durchwaten musste und nasse Füße bekam. Als eine Ratte vor mir weglief, war ich erleichtert, nicht völlig allein zu sein. Ich hatte keine genaue Vorstellung, wie weit ich inzwischen von unserem Haus entfernt war. Ich war bestimmt fünf Minuten lang geradeaus gegangen, als ich auf ein Holztreppchen seitlich an der Tunnelwand stieß, dessen drei Stufen zu einer dunklen Nische hinaufführten. Die unterste Stufe war morsch und brach unter meinem Gewicht ein. Ich sprang über die anderen beiden Stufen in die Nische, tastete mich voran und fand mich nach ein paar Metern in einem ganz normalen Keller wieder, mit einem Kellerfenster, mit Kohlen in der Ecke und mit einer Kiste voll Kartoffeln. Ich stieg die Kellertreppe hinauf und hörte von oben das Geräusch eines Fernsehers. Es lief eine Sportübertragung, wahrscheinlich Olympia. Eine Männerstimme, die nicht aus dem Fernseher kam, rief: »Kristiiiin!« Ich war unerlaubt in ein fremdes Haus eingedrungen und konnte froh sein, wenn ich nicht erwischt wurde. Ich schlich in den Tunnel zurück, aber ich war zu neugierig, um schon nach Hause zurückzukehren. Ich ging weiter und fand nach etwa zwanzig Metern ein anderes Holztreppchen, und kurz darauf noch eines, und so immer weiter. Die Treppchen hatten immer drei Stufen, sie säumten den Tunnel auf beiden Seiten wie Gartentürchen an einer Vorstadtstraße. Es fehlten nur die Namensschilder und die Briefkästen. Im Gegensatz zu den oberirdischen Hauseingängen schienen die unterirdischen aber nur selten oder nie benutzt zu werden. Manche der Treppchen waren von Ratten angenagt und fielen fast von selbst auseinander. Mir kam das alles unglaublich vor. Ich wollte mich noch einmal überzeugen und wählte ein Treppchen, das zu einer Klappe führte, die ich von unten vorsichtig hochdrückte. Als ich mich an das Tageslicht gewöhnt hatte, sah ich die Rückseite einer grauen, über einer Stuhllehne hängenden Uniformjacke und darüber die beginnende Glatze unseres Abschnittsbevollmächtigten Worgitzky. Er beugte sich über den Schreibtisch, auf dem seine Schiebermütze neben einem gerahmten Foto von Karina lag. In dem Zimmer roch es nach Zigarettenqualm und nach Schweiß. In einer Ecke gab es eine kleine, durch Gitter abgetrennte Gefängniszelle, deren Tür offen stand. Ich war auf unterirdischem Weg bis zum Marktplatz gelangt! Bis zur Wellblechbaracke unseres Abschnittsbevollmächtigten Worgitzky! Ich fragte mich, ob jedes Haus in Gangolfsömmern einen Zugang zum Tunnelsystem besaß und wer davon wusste. Ich lies die Klappe leise sinken, sprang über das Treppchen in den Tunnel und rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Als ich nach einer halben Stunde das Ende des Tunnels erreichte, fand ich neben dem Loch zum Saal mit den Schaukelpferden ein weiteres Holztreppchen, das mir vorhin nicht aufgefallen war und das eigentlich nur zu unserem Haus gehören konnte. Und so war es. Ich öffnete eine Klappe über mir, stieg hinauf und spürte Kleidungsstücke über mein Gesicht streifen. Ich erkannte den Geruch meiner Blusen und Hemden, und ich sah die Kleiderbügel über mir. Ich war in meinem Kleiderschrank herausgekommen.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und der Regen hatte aufgehört. Ich hatte Stunden unter der Erde verbracht. Ich stand vor dem Fenster in unserem Zimmer und blickte in den Garten hinaus, zu der Hecke, unter der ich vorhin gesessen hatte. Ich nahm mir vor, später einen genauen Plan des Tunnelsystems anzufertigen. Um mir zu beweisen, dass ich nicht träumte, holte ich das künstliche Ohr aus meiner Hosentasche und betrachtete es genau. Ein Lochblech aus dem Universalbaukasten war zu einer Muschel gebogen und mit einem wachsartigen Material überzogen worden. Hat das wirklich Yvette getan? Ich hörte Vater in der Küche mit dem Geschirr klappern, zog mir trockene Socken an, schnappte mir meine Schutzbrille und ging zu ihm. »Na?« fragte er. »Schon zu Hause?« »Hm, ja… Die letzte Stunde ist ausgefallen.« »Dann kannst du zum Konsum gehen, es gibt Melonen.« Mir war es recht, denn ich wollte Yvette sowieso von der Schule abholen, um von ihr ein paar Erklärungen zu bekommen. Ich nahm mir Geld sowie einen Nylonbeutel und ging hinaus. Draußen auf der Straße der Jugend malte ich mir die neuen Möglichkeiten aus. Auf jeden Fall hatten wir nun einen Ort für unsere Fleischblume und all die anderen Apparate, die wir würden bauen können, ohne von unserem Vater gestört zu werden. Ich sprang vor Freude in die Luft, wie es eigentlich nur kleine Kinder tun. Dann hüpfte ich nochmal und horchte, ob es irgendwie hohl unter mir klang. Das tat es nicht. Bevor ich den Bahnübergang überquerte und in die Stadt hineinging, setzte ich mir meine Schutzbrille auf. Wegen der im Plastik eingeschlossenen Luftbläschen stellte ich mir vor, unter Wasser zu spazieren. Vögel wurden zu Fischen und die Pappeln am Straßenrand zu lodernden Schlingpflanzen. Solche Verwandlungen waren mir schon immer leichtgefallen, aber jetzt kamen sie mir rechtmäßiger vor. Es lag bestimmt nicht nur an der Brille, dass ich die oberirdische Welt mit anderen Augen sah. Manche Häuser kamen mir nun wie baufällige Kulissen vor, als ob das, was ich hier oben sah, nur ein Teil der Wirklichkeit war. Und auch die Menschen, denen ich begegnete, wirkten wie eher lustlose Schauspieler in einem großen Freilufttheater. Im Konsum standen die Menschen – wie immer wenn es Melonen oder Bananen gab – Schlange bis zur Eingangstür. Die Melonen wurden an der Kasse ausgegeben, und jeder durfte nur eine kaufen. Ich legte eine Süßtafel für meinen Vater, eine Packung Hansa-Kekse für Yvette und ein Fettbrötchen für mich in den Einkaufskorb, bevor ich mich ans Ende der Schlange stellte. Die Wartezeit vertrieb ich mir mit einem Spiel, das Yvette mir beigebracht hatte, und zwar versuchte ich, die mich umgebenden Körpergerüche bestimmten Berufen zuzuordnen. Ich lokalisierte eine Kindergärtnerin, die den Geruch von mindestens sieben Menschen mit sich trug, was an Intensität aber vom Eau de Cologne Frau Kuhns übertroffen wurde, die mit ihrem Sohn Rico neben der Kasse stand und sich mit dem Verkäufer unterhielt. Sie lobte die von beiderseitigem Nutzen geprägten Beziehungen zu Kuba, woher die Melonen offenbar stammten, und behauptete, dass sich ihr Mann als Parteigruppenorganisator persönlich für die Lieferung eingesetzt habe. Da Frau Kuhns Stimme laut und anstrengend war, drehte ich mich von ihr weg, weshalb Rico später behauptete, ich hätte ihn gar nicht beachtet, aber das stimmte nicht. Wenn mir ein Junge gefiel, blickte ich ihn niemals direkt an. Rico war damals noch nicht der dunkle Prinz der Schule, der er später wurde, aber er kokettierte schon ziemlich mit seinen langen Wimpern und benahm sich wie ein kleiner, verwöhnter Lord. Ich wusste, dass er im Konsum schon zweimal Süßtafeln geklaut hatte, was ich zufrieden als heimliche Rebellion gegen seine Vorzeigeeltern interpretierte. Als ich an die Kasse kam, unterbrach Konsumverkäufer Jentzsch sein Gespräch mit Frau Kuhn und fragte mich nach Yvette. »Deine Schwester hat drei Liter Methanol bei mir bestellt und nicht abgeholt… Wozu braucht sie das?« »Ich sag ihr Bescheid.« »Was ist das für ein Ding auf deiner Nase?« »Eine Schutzbrille für Chemikerinnen, Herr Jentzsch. Filterstufe acht.« »Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen.« Er zwinkerte Frau Kuhn zu, während er zu mir sagte: »Aber nicht das Puppenhaus in die Luft sprengen, ja?« Ich sackte wortlos die Melone ein, bezahlte und ging an Rico vorbei, dessen Geruch schwer zu beschreiben war. Irgendwie roch er kloakig wie ein Kranker, gleichzeitig aber frisch und makellos; ja, ich glaube er duftete wie ein Baby, das gerade in die Windeln gemacht hatte. Ich spürte seinen Blick auf mir und bewegte mich plötzlich ganz unnatürlich, während seine Mutter zu Herrn Jentzsch sagte: »Wie kann man sein Kind mit so einer Brille herumlaufen lassen? Armes Ding.« Ich kümmerte mich nicht darum, was Frau Kuhn über mich dachte, sie war bloß oberflächlich. Rico dagegen hatte etwas Schillerndes an sich, das es nicht so leicht machte, ihn zu fassen. Den Beutel in der einen Hand und mit der anderen das Brötchen essend ging ich zur Schule, aber Yvette war nicht da. Ein paar Kinder, die ich fragte, meinten, sie hätte im Unterricht gefehlt. Ich vermutete, dass sie die Schule geschwänzt hat weil ich es ja auch getan hatte. Aber wo und wie hatte sie den Tag verbracht? Im obersten Stockwerk des Schulgebäudes, wo sich das Lehrerzimmer befand, war zu dieser Stunde außer der Putzfrau niemand mehr. Ich wartete, bis sie verschwunden war, dann stieg ich aufs Dach hinauf. In der großen Pause rauchten hier oben die Lehrer und suchten Ruhe vor uns. Von hier oben konnte ich ganz Gangolfsömmern überblicken. Auf dem Sportplatz trainierte eine Fußballmannschaft, und ein paar Zentimeter weiter links fuhr gerade ein Zug in den Bahnhof ein. Meine Augen wanderten vom Bahnhofsplatz zum Markt, ich suchte Worgitzkys Baracke und schätzte die Entfernung zu unserem Haus in der Straße der Jugend. Unterirdisch war es ein schnurgerader Weg gewesen, aber oberirdisch bräuchte man wegen der verwinkelten Gassen viel länger. Ich malte mir einen geheimen Stadtplan aus und fand es immer noch eigenartig, dass ich keinem anderen Menschen in den Tunnels begegnet war. Vielleicht bedurfte es einer gewissen Neugier, um überhaupt einen Zugang zu finden? Ich nahm das künstliche Ohr und hielt es über die Stadt – da entdeckte ich Yvette. Sie ging in einer kleinen Seitenstraße, nicht weit weg von der Schule. Ich rannte das Treppenhaus hinunter, über den Schulhof und in die Straße hinein, wo Yvette vor einem Schaufenster stehengeblieben war und sich die Auslage ansah. »Hey«, rief ich, »ich kenne dein Geheimnis«, aber sie drehte sich nicht zu mir um. Ich hielt das künstliche Ohr in meiner Hand, um es ihr zu zeigen und jedes Abstreiten überflüssig zu machen. »Yvette?« Ich stellte den Einkaufsbeutel auf den Gehweg und legte meine Hand auf ihre Schulter, aber als sie sich umdrehte, zuckte ich zurück. Ihr Gesicht war auseinandergeflogen. Ihre Augen hatten einen anderen Abstand als früher und ihre Nase wirkte schief. »Was ist passiert?« Sie blickte mich an, aber sie sagte nichts. Auf ihrer Stirn und auf ihren Armen waren blutige Kratzer, wirklich heftig, als hätte sie mit einer Horde Katzen gekämpft. Als ich sie fragte, ob sie beim Katzenmann gewesen war, schüttelte sie den Kopf. Ich wusste ja, dass sie das Buch von ihm geholt hatte, aber es war zwecklos, sie in diesem Zustand weiter zu befragen. Ich holte die Kekse aus dem Beutel, Yvette riss die Packung auf, schob sich einen ganzen Keks in den Mund und begann gierig zu kauen. Das künstliche Ohr steckte ich wieder ein, ich wollte später mit ihr darüber reden. »Wir müssen nach Hause«, sagte ich. »Die Wunden müssen desinfiziert werden.« Ich wollte Yvette an die Hand nehmen und langsam losgehen, aber sie schüttelte mich ab. »Wie du willst«, sagte ich und ging allein los. Yvette trottete wie üblich hinter mir her. Nach ein paar Minuten begann sie eine Melodie zu summen. Es waren fünf Töne, ziemlich schief, die sie in einer Endlosschleife wiederholte. Je näher wir dem Stadtrand kamen, desto hektischer summte sie, und als wir den Bahndamm überquert hatten, blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Es ist der Swing. Er besteht aus fünf Duftnoten, das weiß ich jetzt. Soll ich dir die Melone abnehmen?« »Schon gut… Wo hast du ihn gerochen?« Sie schüttelte mit dem Kopf und wollte es mir nicht verraten. Ihre Geheimnistuerei ärgerte mich. Früher hatten wir uns immer alles gesagt, aber ab diesem Tag, das kann ich heute sagen, entwickelte sich Yvette eindeutig in eine eigene Richtung. »Wenn wir die Fleischblume wieder aufgebaut haben, kannst du den Swing darauf spielen und sehen was passiert.« »Nein.« Jetzt war sie ganz wach, mit aufgerissenen Augen. »Das wäre viel zu gefährlich.«

Allmählich gewöhnte ich mich an Yvettes verändertes Gesicht, und nur als ich für ihre Jugendweihe ein Album mit alten Fotos zusammenstellte, wurde mir der Unterschied bewusst. Ihre Jugendweihe hat sie dann aber geschwänzt, was ich ihr im Gegensatz zu Vater nicht verübelte. Ich fand bloß, dass sie es uns vorher hätte sagen sollen, bevor wir die Feier vorbereitet und das ganze Essen bestellt haben. Yvette hatte die Unterkellerungen gefunden, als sie mir eines Nachts gefolgt war. Offenbar schlafwandelte ich durch die richtige Welt, wenn ich durch meine Träume traumwanderte. Genau genommen hatte ich die Unterkellerungen als erste entdeckte, ich hatte es nur noch nicht gewusst. Yvette war beleidigt gewesen und hatte geglaubt, ich würde ihr die Räume unter der Erde vorenthalten. Wir klärten dieses Missverständnis schnell auf und erkundeten fortan zusammen die weitverzweigten Katakomben. Yvette richtete sich in einem der kleineren Räume ein Olfaktorium ein, in dem sie mit Gerüchen experimentierte. Außerdem stattete sie eine der Schaufensterpuppen mit einem mechanischen Innenleben aus und schuf sich einen Assistenten, den sie Leonardo nannte. Er trug eine Küchenschürze und ein aufs Handgelenk geschraubtes Tablett, war aber ziemlich unbeholfen. Ich selbst hielt mich öfter in den Tunnels als in den Räumen unter unserem Garten auf. Ich hatte nun einen Zugang zu den Stadtbewohnern, die mich interessierten. Und da ich ihr Verhalten oft nicht verstand, nahm ich Papas Psychologiebücher mit auf meine Streifzüge, auf denen ich Informationen über die Menschen und ihre Umwelt sammelte. Hauptsächlich war ich aber einfach neugierig. Ich legte einen Karteikasten an, in dem ich meine Erkenntnisse sortierte. An die Wand in der Töpferwerkstatt heftete ich große Bögen Papier, auf denen ich eine Karte der geheimen Stadt skizziert hatte. Aber wie ich bald feststellte, war der Wegeplan niemals vollständig. Ich entdeckte immer neue Gänge.
Ich versuchte von Goran zu erfahren, was es mit den Unterkellerungen auf sich hatte, aber er wusste nicht wovon ich sprach. Da ich es für unwahrscheinlich hielt, in diesem Haus aufzuwachsen ohne früher oder später einen Zugang zur unterirdischen Welt zu finden, war meine Diagnose Verdrängung. Es wurde Herbst, und bald fiel der erste Schnee. Ich muss zugeben, dass ich zu einer richtigen Voyeurin wurde. Bisher hatte ich mich für eine Einzelgängerin gehalten, aber auf eine sehr einseitige Weise wurde ich nun richtig gesellig. Ich verschaffte mir über die Holztreppchen Zugang zu den Häusern, und manchmal genügte es schon, zu lauschen oder zu riechen. Lehrer Stolper etwa wohnte noch bei seiner Mutter, aber wenn die nicht zu Hause war, bespritzte er sich mit Westparfüm (das ich sogar noch im Keller roch), bevor er einen jungen Mann empfing. Es war ein Student, den er leidenschaftlich küsste. Sie bedauerten den Beginn der kalten Jahreszeit, die es ihnen schwerer machte, sich draußen im Wald zu treffen. In die Bude des Studenten zu gehen, wo er mit drei anderen jungen Männern wohnte, war zu riskant, denn schließlich durfte niemand von Stolpers heimlicher Neigung erfahren. Ich versuchte, Leonardo bei meiner Feldforschung einzusetzen. Ich stattete ihn mit einem Kassettenrekorder aus und hoffte, dass er als Datensammler ausdauernder war als ich. Aber er fiel leicht um, wenn er die Holztreppchen hinaufzusteigen versuchte. Ich fand ihn mehrmals in den Tunnels hilflos auf dem Rücken liegend und setzte ihn von da an nicht mehr ein. Meine Neugier machte auch vor Goran nicht Halt – was ich später bereute, da ich dadurch Dinge erfuhr, die ich nicht wissen wollte. Ich zögerte kurz vor dem Holztreppchen zur Gärtnerei, aber ich war nicht bereit, einen weißen Fleck auf meiner geheimen Landkarte zu akzeptieren. Ich sagte mir, dass es mir ja nicht um Verrat ging, sondern darum, die Menschen kennenzulernen. Und bei einem Freund wie Goran schwebte mir außerdem vor, ihn irgendwie zu beschützen. Ich schwärmte immer noch für ihn, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass da etwas Ernsthaftes zwischen uns passieren könnte. Zunächst erfuhr ich bloß viel über die Arbeit eines Gärtners. Goran hatte alle Hände voll zu tun, die Gewächshäuser winterfest zu machen, er musste kaputte Scheiben austauschen und die Heizungsrohre reparieren. Noch vor dem ersten Bodenfrost leerte er die Jauchefässer und bedeckte die Beete mit Reisig. Abends setzte er sich zu Ellen, die den ganzen Tag stumm und steif im Sessel gesessen hatte. Er erzählte ihr von seiner Arbeit, während ich in einen dicken Mantel gehüllt unten auf der Kellertreppe hockte, mit vor Kälte fast tauben Fingern. Manchmal, wenn Goran nicht da war, traute ich mich in den Hausflur vor und sogar noch weiter. Ich sagte mir, dass Goran bestimmt nicht verärgert wäre, wenn er mich entdecken würde. Im Gegenteil, ihn hätten meine individualpsychologischen Forschungsergebnisse bestimmt sehr interessiert. Ich machte mir Stichworte so gut ich konnte und versuchte herauszubekommen, was mit Ellen nicht stimmte. Sie sprach kein einziges Wort, nicht einmal mit sich selbst. Sie führte kein Tagebuch, sie traf keine anderen Menschen, sie lebte wie eine Pflanze am Straßenrand. Sie schien nur dann ein wenig aufzublühen, wenn Goran ihr Blumen aus den Gewächshäusern mitbrachte. Ich hörte sie dann seufzen und tief einatmen, als ob sie die Margeriten, Chrysanthemen und Rosen zu riechen versuchte. Sie rochen tatsächlich sehr stark. Ich fühlte mich mit ihr verbunden, vielleicht weil ich Goran ebenfalls attraktiv fand und es gut verstehen konnte, dass Ellen sich in ihn verliebt hat. Einmal, als Goran tagsüber in den Gewächshäusern war, schlich ich mich so weit ins Haus hinein wie vorher noch nie. Ich ging ins Wohnzimmer, wo Ellen von Blumen umgeben in ihrem Sessel saß. Ich war mir sicher, dass sie mich nicht verraten würde, falls sie mich überhaupt wahrnahm. Sie saß sehr aufrecht und wirkte streng. Ihre Augen waren geöffnet, schienen aber nichts Besonderes im Raum anzublicken. Ich hatte echte Schokolade aus dem Lager des Konsums mitgebracht, die ich auf ein Beistelltischchen neben Ellens Sessel legte. Solche kleinen Geschenke brachte ich den Menschen, die ich observierte, häufig mit, wahrscheinlich um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich beugte mich ins vermutete Sichtfeld Ellens und winkte ihr zu. Dann roch ich an den Blumen, strich mit den Fingern über die Möbel im Wohnzimmer und öffnete ein paar Schubladen. In einer lag ein Bündel mit amtlichen Briefen, es waren Bescheide auf Ausreiseanträge, und im letzten stand ‚auf alle Zeiten abgelehnt‘. Ich ging in die anderen Räume, in denen ich nichts Außergewöhnliches fand, und fühlte mich während der ganzen Zeit wie unsichtbar. Wie ein guter Geist. Ich hätte Goran und Ellen nie verraten oder mein Wissen irgendwie gegen sie eingesetzt. Ich fühlte mich einfach – auf eine vielleicht naive Art – der Wissenschaft und der Wahrheit verpflichtet. Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte mich neben Ellen. Sie trug ein schickes, geblümtes Kleid und war sogar geschminkt. Ich wusste, dass Goran das für sie machte, vielleicht weil es ihr früher, vor ihrer Krankheit, immer wichtig gewesen war. Inmitten der bunten Blütenpracht wirkte sie wie eine heilige Maria. Ich legte meine Hand auf ihre, um sie zu streicheln. Und da gab sie ein leises, schniefendes Geräusch von sich, das mich erschreckte. Ich zog mich schnell auf die Kellertreppe zurück. Goran versuchte selbst, seine Frau zu therapieren, wobei er zunächst auf die Psychoanalyse zurückgriff. Da diese Form der Behandlung auf Gesprächen beruht, kam er bei Ellen aber nicht weit. Spätere Versuche, mit Handpuppen soziale Situationen nachzuspielen, führten bei ihr ebenfalls zu keiner Reaktion. Ich begleitete diese Versuche sehr aufmerksam, machte viele Notizen in Ellens Dossier und versuchte, eigene Schlüsse zu ziehen. Als ich wieder einmal mit Ellen allein war, brachte ich ihr Buntstifte. Ich legte einen Block Papier auf die Armlehne des Sessels und schob einen Stift in Ellens halb geöffnete Hand. Ich sprach mit ihr und sagte, dass sie zu malen versuchen sollte. Meine Sprache musste zu ihr durchgedrungen sein, denn ihre Hand bewegte sich leicht. Ich unterstützte sie, indem ich selbst eine Figur aufs Papier brachte, und tatsächlich machte Ellen es mir nach. Auf den dabei entstandenen hauchzarten Zeichnungen waren ausschließlich auseinanderfallende Gesichter zu sehen. Gesichter, die ich nicht kannte, die am ehesten noch Ellens eigenem ähnelten. Ich musste an Yvettes seltsame Gesichtsveränderung denken und fragte mich, ob das ein Zufall war.

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