Leseprobe: Anna Neder v. d. Goltz – „Martha schweigt“

1955

Ich hätte das Dorf niemals verlassen dürfen, dachte sie,
ich hätte niemals fortgehen sollen.

Noch immer hielt sie den Brief fest in ihren Händen. Sie trat ans Fenster und schaute in Richtung Westen, dort wo ihr Dorf in fünfzig Kilometer Entfernung lag.
Ihr Blick schweifte über die Dächer der Stadt. Der Kirchturm von Sankt Josef, der sie an ihren Heimatort erinnerte und dessen Glockentöne stündlich in cis-e-fis-gis-h ertönten, hatte ihr sooft Trost gespendet, vor allem dann, wenn ihr Heimweh sie überwältigte.

Anstelle der Dächer stellte sie sich manchmal weite Felder und Wiesen mit blühenden Bäumen vor, im Mai weiß, im Sommer rot, voll mit Kirschen und im Herbst voller gelber Äpfel. Wie gerne wäre sie hinausgerannt, barfuss über die Wiesen gelaufen, so wie sie es oft als Kind getan hatte – doch es lag das vierstöckige Treppenhaus dazwischen und unten angekommen, bot sich die Natur, wenn sie die Tür ins Freie öffnete, nur als kümmerlicher, von Hecken begrenzter Stadtpark an. Und der Wald, viel zu weit weg, um ihn zu Fuß zu erreichen und ihm die Sorgen hinaustragen zu können.

Sie starrte erneut auf das Dokument. Ihr Name war auf der Besitzurkunde eingetragen. Das Haus gehörte ihr. Das schönste Haus im Dorf, aus Buntsandstein, mit Garten und Obstbäumen darin, umgeben von einer alten Steinmauer.
Er hatte es ihr vermacht.

I IM DORF

1 Martha

1945

In den Fenstern der Bergstraße Nummer acht brannte noch Licht bis tief in die Nacht. Man musste siebenundfünfzig Stufen zum Haus hochsteigen. Martha zählte jedes Mal die Treppenstufen und nahm immer zwei gleichzeitig. Ihre Mutter klagte über das wackelige Holzgeländer und befürchtete, dass ihre porösen Knie und das Geländer irgendwann gleichzeitig einbrechen könnten. Die Haustür hing schräg in den Angeln, so dass der Wind an den Ecken hindurch wehen konnte. Die Holzfarbe an den Fensterläden blätterte ab und der Lehmputz bröckelte von den Wänden und legte die Stützbalken frei, so dass sie schutzlos Sturm und Regen ausgeliefert waren.
Das kleine baufällige Haus wartete vergeblich auf den Mann, der dies alles reparieren, wieder herrichten würde, denn der Krieg hatte ihn vor langer Zeit verschluckt. Edwin, einer der beiden Nachbarjungen, trug das Brennholz hinauf. Sein Vater hatte sich beim letzten Fronturlaub in der Scheune erhängt und nun verdienten sich die beiden Jungen beim Holzmachen etwas dazu. Marthas Mutter nähte für Edwins Mutter und die Söhne und bekam Milch, Kartoffeln und manchmal auch Kohl dafür.
„Meinst du, der Vater kommt wieder heim?“, fragte Mutter jeden Abend, während sie den Lampenschirm bis zur Tischplatte hinunterzog, um beim Stopfen besser sehen zu können. Martha blieb ihr die Antwort jedes Mal schuldig. Bis spät in die Nacht saßen die beiden Frauen am Küchentisch. Sie hatten zuvor einen Topf Milch auf dem Herd erhitzt, in den die Mutter Honig hineinrührte, bevor sie ihre Stopfsachen aus der Tischschublade holte und anfing, mit dicker Wolle und Stopfnadel die Löcher zu schließen. Martha war über Papierbögen gebeugt, die sie für ein Schnittmuster auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Sie wollte das Fräulein in der Schule beeindrucken und musste die ganze Zeit daran denken, welche Augen es machen würde, wenn sie ihr die Plisseefalten, die sie gelegt und geheftet hatte, zeigen würde. Aus den alten Mänteln und Jacken ihres Vaters hatte sie schon Flanellröcke genäht und aus dem restlichen Vorhangstoff Sommerkleider für sich und die Mutter.
Die Mutter strickte, meist aus aufgetrennter Wolle, für die Leute im Dorf. Und im Rhythmus der Stricknadeln, mit denen sie den Faden führte, fing sie an, Geschichten von früher zu erzählen: Vom Schorsch, der so jung verunglückt war, vom Ferdinand mit dem Klumpfuß, von der Erna, die auf die höhere Schule geschickt
worden war, von der Antonia, …

„Mama, ich will auch auf die höhere Schule gehen“, unterbrach Martha den Erzählstrom ihrer Mutter
„Was du dir net einbildest“, sagte die Mutter, als sie von ihrer Handarbeit hoch schaute, „da muss man doch g`scheit sein.“
„Ich bin g`scheit“, antwortete Martha trotzig, „das Fräulein lässt mich oft mit den jüngeren Kindern rechnen und lesen und fragt, ob ich den großen Mädchen an der Nähmaschine helfen kann.“
Die Augen der Mutter wirkten müde, als sie zu ihrer Tochter aufsah.
„Martha, treib dir die Flausen aus dem Kopf, wer will denn die Arbeit daheim machen?“
Sie bauten Gemüse im Garten an und jeden Herbst legten sie gestampftes Sauerkraut und Soleier in große Tontöpfe ein, kochten aus Fallobst Apfelmus und aus Himbeeren und Walderdbeeren Marmelade. Die Kräuterkunde für die Dorfschulklasse fand oft in ihrem Garten und im nahegelegenen Wald statt, wo Martha die Exkursion für die Schulkinder leiten durfte.
„Mutter, ich bin die Beste in der Schule, ich kann alles aus dem Heimatkundeheft auswendig aufsagen:
Der rote und der weiße Main
fließen westlich von Kulmbach zusammen.

Bald ist Lichtenfels erreicht,
rechts auf steiler Höhe steht Schloss Banz, …“

„Still, Martha, sei still“, unterbrach die Mutter sie. „Bete lieber ein
Gegrüßet seist du Maria oder ein Vater unser, damit der Herrgott seine Hand über unser Haus hält.“
„Das ist doch kein Haus, Mutter, das ist eine Bruchbude!“, entgegnete Martha ihr zornig.
„Versündige dich nicht Kind“, ermahnte die Mutter sie.
„Wenn ich Lehrerin wäre, könnten wir im Schulhaus wohnen, Mama – wär` das nicht schön?“
Doch die Mutter hatte den Kopf schon wieder über ihre Handarbeit gebeugt.
….

2 Paul
Auf dem Feldweg unterhalb der Weinberge lief ein Mann auf das Dorf zu. Die Stiefel an seinen Fü.en schienen zu schwer für seinen schmalen Körper zu sein und doch setzte er entschlossen jeden Schritt vor den anderen, so als ob er sein Ziel kannte. Nichts als heim, dachte Paul, heim zur Mutter, heim ins Dorf. Mutter hatte ihm über die Feldpost geschrieben, dass sein Bruder Karl gefallen war und sein Vater als vermisst galt, doch er wollte nur nach Hause, einfach nach Hause. Er wischte sich mit der staubigen Hand über die Stirn und hoffte, dass niemand fragen würde. Das Gewehr drückte schwer auf seinen Schultern, ebenso das Gewicht seines leeren Rucksackes, an dessen Riemen ein Kaffeebecher baumelte. Das Gewehr hatte ihm auf der langen Strecke durch Wald und Wiesen geholfen zu überleben, jetzt würde er es nicht mehr brauchen.
An den Weinstöcken am Wegesrand konnte er schon die ersten Triebe an den Reben erkennen und musste an all die Jahre denken, wie sie als Kinder bei der Weinlese am Abend mit nackten Füßen die Trauben in der Kelter festgestampft hatten und danach den ersten Most kosteten, der über eine äußere Rinne in einen Eimer gelaufen war. Die Arbeit dauerte oft bis spät in die Nacht, doch jedes Mal war es ein Freudenfest.
In seinem Innern erklang die Musik von damals und beschwor Bilder von lachenden Mädchengesichtern herauf. Er versuchte sich vorzustellen, wie Annegret und Liesl wohl jetzt aussehen mochten und musste dabei schmunzeln, als plötzlich zwei Gestalten auf dem Feldweg vor ihm auftauchten und seine Erinnerungen vertrieben.

Er warf sich ins nächste Gebüsch und hielt den Atem an. Er wollte nicht gefunden werden, noch nicht. Einer der beiden Gestalten hielt eine Fahne in den Händen, die im Wind wehte. Als sie näher kamen, spürte Paul, wie er zu keuchen anfing. Er hatte so viele Male im Krieg den Atem anhalten müssen, dass sich seit einiger Zeit sein Mund wie von selbst öffnete, wenn er Luft holte. Hoffentlich hören oder sehen sie mich nicht, dachte Paul noch, als sie abrupt vor ihm stehen blieben.
„Komm raus!“, rief der Ältere mit der Fahne in der Hand.
Paul duckte sich noch tiefer, in der Hoffung, unerkannt zu bleiben, als er erneut die Stimme vernahm.
„Komm raus! Wir tun dir nichts.“
Er befand sich im Nachbarort und er hätte nur noch den Waldhügel überqueren müssen, um zu Hause zu sein. Was sollte er tun? Doch dann sah er durch die Äste hindurch die Holzkrücke des Jüngeren und das missgebildete Bein und beruhigte sich. Mit erhobenen Händen trat er aus seiner Deckung hinaus.
Der Ältere streckte ihm die Hand entgegen und sagte:
„Ich bin der Bürgermeister, Grü. Gott, mein Sohn.“
Jetzt erst sah Paul, dass es keine Fahne war, sondern ein weißes Betttuch, das an einer Apfelpflückstange gebunden war.
„Wir gehen den Amis entgegen“, sagte der Bürgermeister, als er Pauls fragenden Blick sah, „damit sie unser Dorf verschonen.“
„… und den Leut` nichts tun“, fügte der Jüngere hinzu.
„Wem g`hörst du denn?“, fragte der Ältere weiter.
„I..ch bin au…s Wiemersdorf, d…em Luber sein Jüngster“, stotterte Paul.
„Ludwig Kassierer aus Wiemersdorf, stimmt`s?“, wiederholte der Bürgermeister zackig und Paul nickte verlegen.
„Wenn du aus Wiemersdorf bist, dann kennst du meinen Sohn, den Friedrich, Friedrich Täufert, der is` doch Lehrer bei euch im Dorf.“
Paul nickte erneut und spürte, wie sein Herz zu klopfen begann.
Seine Knie zitterten, das Blut sackte ihm in die Beine und er spürte, wie ihm schwindelig wurde.
„Bist ja ganz blass“, hörte er den Bürgermeister noch sagen, während er sein Gewehr von der Schulter rutschen ließ, um sich darauf stützen zu können.
„Gehst bei unserm Hof vorbei, wenn du vorne die Gasse runter kommst, meine Frau macht dir ´ne Brotzeit, dass d` wieder zu Kräften kommst. Trink `nen Schluck Most, damit d` wieder Farb` im G`sicht kriegst“, sagte er noch und klopfte Paul dabei auf die Schulter.
„Sagst dem Friedrich Grüß Gott von uns, bin auch froh, dass er wieder g´sund vom Krieg daheim ist.“
„Vergelt `s Gott“, grüßte Paul mit erhobener Hand und lief zügig, wenn auch noch schwankend, so schnell wie möglich den beiden Männern davon.

Er nahm sich fest vor, nicht beim Hof des Bürgermeisters einzukehren. Nichts, aber auch gar nichts mehr wollte er mit diesem Lehrer zu tun haben. Doch als er die Gasse hinunter kam und er die Bürgermeisterin durch das offene Tor mit dem Eierkorb in der Hand über den Hof laufen sah, trieb ihn der Hunger hinein. …..

3 Der Lehrer
Er war nicht wirklich froh darüber, wieder vom Krieg heimgekehrt zu sein. Sie hatten monatelang gehungert, gefroren und jeden Tag um ihr Leben gekämpft. Aber was ihn hier erwartete, welches Leben sollte das sein?, dachte Friedrich, während sein Blick vom Schreibtisch aus durchs Fenster in den Garten fiel. Die Schulhefte stapelten sich an beiden Seiten. Er werde den Fehlern der bildungsunwilligen Dorfkinder nie Herr werden, dachte er und fragte sich, wie lange er noch das Stöhnen und Jammern seiner kranken Frau, das durch die geöffnete Tür des angrenzenden Schlafzimmers zu hören war, ertragen werde können. Und der Hof, ein Gutshof, von dem er so geträumt und den man ihm nach dem Endsieg versprochen hatte, war für alle Zeit, für immer verloren. So einen Hof, wie ihn Vater hatte, im Nachbarort mit Pferdeställen,
Vieh auf der Weide, Scheunen und Weinkeller, und den sein jüngerer Bruder, sein behindert Bruder geerbt hatte – der ein Krüppel war.

Schorsch, sein älterer Bruder, wäre der rechtmäßige Hoferbe gewesen. Friedrich nahm das gerahmte Foto von ihm, das seit vielen Jahren auf seinem Schreibtisch stand, verblichen vom einfallenden Licht der Sonne, in beide Hände. Sechzehn Jahre war Schorsch damals alt, mit seinen blonden Locken, den strahlend blauen Augen und dem verschmitzten Lächeln in seinem Gesicht, den Kopf leicht abgewandt, immer im Gehen begriffen, immer unterwegs.
„Kommst du mit?“, rief er fröhlich, schnappte sich das Moped vom Vater, fuhr die Feldwege entlang und quer die Wiesenhänge hinab. Friedrich musste sich beeilen, wenn er mit dem dunkelroten Damenfahrrad seiner Mutter hinterherkommen wollte. …….

7 Antonia, nachts im Wirtshaus
Es ist besser, wenn du `s nicht weißt, Martha. Glaub mir, es ist besser, wenn du es nicht weißt. Jedes Mal um Mitternacht, wenn die letzten Gäste gegangen, die Tische abgewischt und die Stühle hochgestellt waren, da plauderten
wir immer ein wenig, du und ich. Ich schaue dir gern dabei zu, wie du mit deinen kräftigen Armen die Stühle hochstemmst oder dich flink über die Tische beugst. Die weißen Baumwollstrümpfe sind dann meist schon runter bis auf die
Schuh gerutscht und unter deinem Dirndlrock kann man deine stämmigen Waden sehen. Du bist eine Tüchtige, denke ich mir jedes Mal, und wenn du mit deinen leuchtend blauen Augen und deinem schönen Mädchengesicht die Gäste anstrahlst, da bin ich mir sicher, dass ich die Richtige vom Dorf ausgewählt hab`. Und außerdem, Martha, erinnerst du mich so an meine kleine Schwester Erna.

Wenn du nur nicht mit deiner Fragerei angefangen hättest. Wie die Erna denn auf die höhere Schul zu den Englischen Fräuleins gekommen ist, obwohl der Lehrer es doch sonst keinem Kind im Dorf erlaubt?
Glaub mir, Martha, es ist besser wenn du es nicht weißt.
Ich steh` lieber hinterm Tresen, meine Fü.e tun mir weh. Außerdem hab` ich von hier aus die bessere Sicht über das Dorf und die Leut. Du bist jung und mit deinem blonden Zopf, den du wie einen Kranz um den Kopf gewickelt hast, und deinen roten frischen Wangen bist du ein Lichtblick in unserer Gaststube. Am Sonntag, wenn die Leut` von der Kirche kommen, der Bürgermeister und der Amtsrat, der Lehrer und der Pfarrer oder der Erwin mit dem Glasauge vom Stammtisch, ob gebildet oder ungebildet, das spielt keine Rolle. Mit jedem kannst du `s gut, Martha. Und wenn nachmittags die Fußballer zum Bier eintrudeln, sieht man, wie sie dich alle mögen. Immer das gleiche Dirndl trägst du, aber du hast ja nur dieses eine.
„Antonia, bringst mir Seidenstrümpf´ mit, wenn du wieder in die Stadt fährst?“, hast du mich neulich gefragt.
Das mach` ich doch gern. Ich kann dir doch nichts abschlagen, Martha. Ich bin so froh, dass ich dich habe.

Aber lieber wäre es mir, wenn du dich nicht so herrichten würdest wie ich. Irgendwann hab ich mein Dirndl ausgezogen, die Zöpfe abgeschnitten, mein Haar toupiert und die Lippen rot gemalt. In meinem engen schwarzen Rock und Seidenstrümpfen in Stöckelschuhen wackle ich seitdem durch die Wirtsstube und wenn ich mich mit meinem großen Busen an die Rücken der Mannsbilder drück`, um einen Strich auf die Bierdeckel zu machen, da merk` ich, dass die des mögen. Die Oma hat sich immer gewundert, dass mir mehr Zulauf ham als das Wirtshaus im oberen Dorf. Doch von nichts kommt nichts, hab` ich mir dann gedacht und weit hab ich´s bracht. Aber bei dir, Martha, nein, da möchte ich das nicht – du könntest meine Tochter sein.

Wenn du nur net immer wieder nach der Erna und der höheren Schul` fragen würdest. Seit du mit der Fragerei angefangen hast, hör ich sie wieder, die schweren Schritte – nachts.
„Antonia“, hast du neulich wieder gefragt, „deine Schwester, die Erna, die hat der Lehrer doch auf die höhere Schule gelassen. Du weißt doch, dass ich Hauswirtschaftslehrerin werden möchte. Hat dein Vater mit ihm g`redt?“ Nein, der scho` gar net, wollte ich sagen, aber dann hab` ich mir auf die Zunge gebissen. Ich möcht` so gern, dass du bei mir bleibst, hab ich mir gedacht.

Nachts, wenn die du die Abrechnung machst, da is` es immer so ruhig in der Gaststube, nur das Klirren der Gläser, die ich noch spüle und abtrockne, ist zu hören.

Aber seit du mit deiner ewigen Fragerei angefangen hast, da hör ich sie wieder, die Schritte des Vaters, wie ich sie sie so viele Male gehört hab, in den Nächten, wenn er die Treppe hochgekommen ist, als ich so alt war wie du.
Der Gang bis zu meinem Zimmer war lang, Gott sei dank, so konnte ich das andere Nachthemd anzuziehen, das Hemd, das ich ganz unten im Wäschekorb versteckt hatte, bevor sich die Zimmertür öffnete. – Das Nachthemd dort, das war nicht ich.
Wenn es vorbei war, hab ich jedes Mal ein frisches angezogen, hab meine Stoffpuppe in den Arm genommen und mich in den Schlaf geweint. Die Mutter hatte mir die Puppe genäht, bevor sie gestorben war, mit echtem Hanfhaar und nach Rosenwasser und Lavendel hat sie gerochen, so wie die Mutter.
Ich wollte nicht, dass Erna das Nachthemd unten im Wäschekorb anziehen musste, nur deshalb hab ich dem Pfarrer in der Beichte erzählt:
„Herr Pfarrer, bei uns im Haus, seit dem Tod der Mutter, geht die Unkeuschheit um, und die Erna, die muss weg, wenigstens in der Nacht muss sie schlafen können.“

Dann ging `s schnell. Der Pfarrer muss mit dem Lehrer geredet ham, hab ich mir oft danach gedacht und noch bevor die Erntezeit rum war, kam die Erna weg, mitten im Schuljahr. Wütend war sie, geschimpft hat sie und verwünscht hat sie mich. Und als sie die ersten Sommerferien nicht heimfahren durfte, weil sie soviel geweint hatte, da hat sie gsacht, ich hätt` sie bloß los haben wollen, damit mir des Wirtshaus irgendwann alleine gehört.
Seitdem, Martha, bin ich der einsamste Mensch auf der Welt.

„Antonia“, rufst du mich jedes Mal und reißt mich aus meinen Gedanken. Schnell wische ich mein Gesicht, das sich jede Nacht im Edelstahl der Theke spiegelt, mit dem Serviertuch weg.
„Bin fertig, hab alles Geld gezählt und den Beutel für die Raiffeisenkasse fertig gemacht.“
„Dankeschön, Martha, du bist eine Tüchtige“, lobe ich dich jedes Mal.
Als ich dir neulich den Lohn auszahlte, fragtest du mich schüchtern, ob ich dir net auch `nen Büstenhalter aus der Stadt mitbringen könnt. Da musst` ich lachen.
„Martha, was willst du denn da rein tun, du bist doch noch ganz flach?“ Du wurdest rot und meintest: „Da kommt scho´ noch was.“
Und da fragte ich dich, ob du net mitfahren willst in die Stadt und selber gucken willst.
„Würdest du mich denn mitnehmen?“, strahltest du mich an.
„Ja, freilich! Vielleicht finden wir ja auch ein schönes Kleid für dich.“
„Aber ich näh doch meine Kleider selber“, protestiertest du.
„Na ja, dann finden wir halt einen schönen Sommerstoff für dich.“

Bevor ich dann die Wirtshaustür zumachen und hinter dir abschließen wollte, da drehtest du dich zu mir um und fragtest, ob ich nicht doch mal mit dem Lehrer reden könnt. Da hab` ich ´s dir versprochen und da kam mir die Idee – wie ich dich bei mir, im Dorf, halten könnte.
…………..

14 Auf dem Friedhof

Wieder hatte jemand weiße Margaritenblumen an die Seite der Gartenabfälle gelegt, dort, wo an der mit Moos und Efeu bewachsenen Friedhofsmauer die Reihe der Kindergräber begann. War es Zufall, sollte es so aussehen, als ob sie vom Kompost heruntergefallen waren? Doch sie waren jedes Mal frisch, kein einzig welkes Blatt. Sie stand schon wieder viel zu lange an der Stelle, wo sie vor Monaten nachts ein Loch ausgehoben und das kleine Bündel neben die anderen toten Kindern hineingelegt hatte. Johann, so nannte sie ihren kleinen Jungen, durfte kein eigenes Grab haben, niemand im Dorf durfte wissen, dass es diesen Jungen, wenn auch nur für kurze Zeit, gegeben hatte.

Dort zwischen Wasserpumpe und Komposthaufen fiel es am wenigstens auf, wenn sie mit ihrer Gießkanne oder ihrem Unkrautkorb länger verweilte. Sie warf auch Blumen auf sein Grab, alles was sie finden konnte und noch blühte. Im Sommer zog sie ihre Schuhe aus und steckte ihre nackten Fü.e abwechselnd in die Humuserde an dieser Stelle und meinte so den kleinen Körper, den Herzschlag von Johann unter ihren Fußsohlen spüren zu können. Und im Herbst bedeckte sie das Grab mit Laub, um ihn vor der Kälte zu schützen, bis der Schnee kam, um ihn weiterhin zu wärmen. Vielleicht konnte Johann das Rascheln hören und ihr Summen der unzähligen Kinderlieder, die sie jedes Mal anstimmte, wenn sie wieder eine Gießkanne füllte.

„Martha, wo bleibst du denn?“, rief ihre Mutter im schroffen Ton über den Friedhof hinweg, wodurch sie aus ihren Träumen gerissen wurde. Zur Frau neben ihrem Familiengrab, die erschreckt aus ihrem stillen Gebet hochblickte, sagte sie:
„Ich weiß nicht, meine Tochter träumt und spricht die ganze Zeit vor sich hin, als ob sie nicht ganz richtig im Kopf ist.“
Die Frau am Nachbargrab schüttelte besänftigend den Kopf und sagte nur:
„Nein, das ist das Alter. Als wir jung waren – waren wir da nicht auch ständig mit unseren Gedanken woanders?“

Am liebsten ging Martha montags zum Friedhof, weil dann dort kaum jemand zu finden war und sie dann mit Johann sprechen konnte. Sie erzählte ihm von den Schafen, Kaninchen und Hühnern, von den Schmetterlingen, Igeln und Pferden auf der Weide, vom Wald mit seinen Moos bewachsenen Bäumen und den Farnen, die glitzerten, wenn helles Sonnenlicht durch die Baumkronen fiel, und vom Bach, der mitten durchs Dorf floss und an dem die Kinder den ganzen Sommer über spielten. Wie gerne hätte sie ihren kleinen Jungen zu den anderen Kindern hinaus zum Spielen geschickt, wie gerne hätte sie seine aufgeschürften Knie verarztet, wie gerne hätte sie ihm die Tränen von den Wangen geküsst und den Fieberschweiß von der Stirn – wenn nicht alles anderes gekommen wäre.

……………………

II IM GEFÄNGNIS

17 Frauengefängnis

Winter 1949

Lieber kleiner Johann,
die einzige Möglichkeit, mit dir in Gedanken allein zu sein, ist Sonntagabend, wenn die anderen Frauen aus meiner Zelle im Aufenthaltsraum Karten spielen, Strümpfe stopfen, ihre Wäsche flicken und dabei Radio hören dürfen.
Ich sitze mit angezogenen Beinen auf meinem Bett mit dem Rücken zur feuchten Wand und schaue den letzten eisigen Sonnenstrahlen zu, die diesen kleinen düsteren Raum durchfluten. Sie werden durchschnitten von den Gitterstäben des Zellenfensters und die eisige Kälte, die heraufzieht, durchströmt meinen Körper wie ein stechender Schmerz.
Doch Schmerzen, kleiner Johann, ist das einzige, was ich noch spüre, seit du nicht mehr da bist. Ich fühle mich eingepackt, wie in einer bleiernen Hülle und die Schwere beim Gehen und Atmen lässt mich nur schleppend meinen Alltag ertragen. Meine Augen sehen, wie durch eine Luke hindurch, gerade soviel, um nicht zu stürzen oder andere zu stoßen und meine Ohren nehmen die Geräusche des Lebens von draußen nur von weiter Ferne wahr.

Dieses dumpfe K.rpergefühl verschwindet, wenn für einen Moment Schmerz durch meinen Körper dringt. Mein Kreuz spüre ich nachts vom Bücken und schweren Heben in der Wäscherei. Meine Hände sind durch das Soda der Waschmittel und dem heißem Wasser aufgeweicht. Die blutigen und grindigen Risse reibe ich nicht mit Mutters Salbe ein. Manchmal breite ich meine Hände vor mir auf meinen Schoß aus und betrachte sie. Die, mit denen ich dich von mir gestoßen habe. Nur durch das Brennen und Beißen des Schmerzes öffnet sich dann, für einen Augenblick, ein Spalt nach draußen in die Welt der Lebenden.

Doch wenn ich wieder an dich denke, wie in so vielen Stunden, Tagen, Minuten, dann vergrabe ich mich wieder in meiner dichten Hülle und wandle wie ein Geist durch die steinernen Flure und den Innenhof des Gefängnisses. An diesen Tagen ist die Gefahr groß, mich in einen der dampfenden Kessel zu stürzen, wenn die heiße Sodabrühe darüber gegossen wird.
Dann möchte ich mich auflösen, so wie die Kernseife in den Becken und in dem Wasserdampf verschwinden für immer, mich auflösen – erlösen. Doch ich will nicht noch eine Todsünde begehen.
Verzeih mir, kleiner Johann, dass ich mich mit so schweren Gedanken am dich wende, aber manchmal, weiß ich einfach nicht wohin.
Gestern war der Herr Pfarrer da, da durfte ich sogar meine Arbeit am Waschtrog unterbrechen. Er saß klein und grauhaarig auf der Bank im Warteraum und als ich mich ihm gegenübersetzte, schob er mir mit einem „Grüß Gott, Martha“ ein in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen über die Tischplatte zu.
„Herr Pfarrer, Sie?“, begrüßte ich ihn und fragte, ob er mich denn überhaupt noch von Gott grüßen dürfe. Er setzte sein freundliches, wenn jetzt auch schon etwas müdes Lächeln auf und gab mir zur Antwort: „Martha, wir sind alle Kinder Gottes.“
In dem Zeitungspapier war ein Brot mit Handkäse eingepackt.
„Du musst viel essen, damit du das durchhältst, Martha.“
„Wozu durchhalten, Herr Pfarrer?“, entgegnete ich ihm. Da sah er mich mit strengem und mahnendem Blick an: „Wir alle finden Gnade vor unserem Herrn, Martha.“ …………….

Frühjahr 1950

Lieber Johann,
am schlimmsten war der Besuch von Lene für mich. Sie brachte mir Hagebuttenmarmelade, Äpfel und Ringelblumensalbe von Mutter und einen Kissenüberzug mit, den sie selbst genäht und mit meinen Namen bestickt hatte.
„Damit du etwas hast, das nur dir gehört“, sagte sie.
Wenn ich an die dicken geschwollenen Finger von Mutter denke, die immer nach dem ersten Frost das Mark aus den Hagebutten drückten, um Marmelade daraus zu kochen, wird mir ganz weh ums Herz. Viele Frauen schnitten die Hagebutten auf und kratzten mühsam die juckenden Kerne heraus. Mutter war eine kluge Frau. Mit ihrer Ringelblumensalbe aus geschmolzenem Schweinefett und Blütensud heilte sie manch offene Wunde der Bettlägerigen im Dorf.

Ich schäme mich so, wenn ich die beiden Geschenke in meinen Händen halte und falle jedes Mal meiner Schwester schluchzend um den Hals. Sie streicht mir dann mit ihrer rauen Hand über den Kopf, drückt mich fest an ihre Brust und fängt an ein Schlaflied aus unseren Kindertagen zu summen.
Guten Abend, gut‘ Nacht, mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt, … morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.
Erkennst du es wieder? Wie viele Male habe ich es für dich schon gesungen? Ich beruhige mich dann immer wieder, doch abends, wenn Lene gegangen ist, weine ich das Kissen nass und habe das Gefühl, dass alle Kraft aus mir herausgezogen ist, dass sie alles mitgenommen hat, was noch von mir übrig war. Deshalb habe ich sie gebeten, nicht wieder zu kommen.
…….

III IN DER STADT

26 Nach Allerheiligen, zurück in der Stadt

I’m dreaming of a white Christmas
Just like the ones I used to know …

Noch am gleichen Abend, zurück in ihrem Dachzimmer, schrieb Martha einen Brief an Antonia:
… Ich würde dich so gerne wieder sehen, wir könnten ins Kino, am Main spazieren und ins Café Nikolaus einkehren, es gibt so viel zu erzählen. Ich nehm` mir den Montag frei, wenn du kommst. …
Doch ihr Brief blieb unbeantwortet. Auch an ihre Schwester schrieb sie wenige Tage später.
Meine allerliebste Schwester,
ich hoffe, Du bist gesund und Dir geht es gut? Am Bahnhof gibt es öffentliche Telefonapparate, ich könnte Dich Samstagabend oder am Sonntag anrufen, in der Wirtschaft bei Frau Zoll. Sie hat bestimmt nichts dagegen, sie hat unsere Mutter ja noch gekannt. Schreib mir bitte wann. Bin schon ganz aufgeregt. Vielleicht könnt` ich Weihnachten zu Euch kommen? Spricht man noch über meine Geschichte? Ich hoffe nicht. Ich sehne mich so sehr nach Euch, Dir und Deinen Kindern. Ihr seid doch meine Familie.
Gott beschütze Dich.
In Liebe, Martha.
Lene schrieb zurück und nannte zehn Uhr vormittags als Termin, wenn ihr Mann in der Sonntagsmesse war. Sie weinten ins Telefon, trösteten sich zugleich und versicherten sich, dass sie schon irgendwie zurechtkommen, so dass die andere sich keine Sorgen zu machen brauche. Aber an Weihnachten könne Martha nicht zu ihnen kommen, sagte Lene, das müsse sie verstehen, ihr Mann will das nicht haben. Aber sie könne ja gerne ein anderes Mal kommen, schlug sie vor, wobei sie offen ließ, wann das sein sollte.
Martha lief nach dem Telefongespräch wie eine Schlafwandlerin durch die Straßen von Würzburg und musste sich immer wieder daran erinnern, dass sie zur Domstraße wollte, wo sie Edwin treffen würde. Den ganzen Weg überlegte sie, Lene nach Würzburg einzuladen, auf den Weihnachtsmarkt oder zu Kiliani oder … , bis ihr klar wurde, dass man als Dorfkind nur einmal im Leben nach Würzburg kommt, zur Firmung, wenn der Bischof einem die Hand auflegt und ein Kreuzzeichen mit Salböl auf die Stirn zeichnet.

Edwin wartete an der Domruine auf sie. Sie gingen wie jeden Sonntag über die alte Mainbrücke zum Mainufer hinunter, entlang des Flusses bis zur Ludwigsbrücke, um am Schluss im Café Nikolaus einzukehren. Auf der Mauerbrüstung der alten Brücke standen Heiligenfiguren und blickten auf das junge Paar hinab. Edwin blieb vor dem Heiligen Kilian stehen und zeigte mit der Hand auf die steinerne Statue und fing an zu rezitieren:
Kilian, Kolonat und Totnan brachten das Christentum nach Franken. Als Kilian jedoch die Schwagerehe des fränkischen Herzogs mit Geilana missbilligte, ließ dieser 689 Kilian und seine Begleiter ermorden und die Leichen in einem Pferdestall verscharren. Da die Pferde immer wieder von dieser Stelle zurückwichen, ließ man dort, die Erde aufgraben. Geilana war inzwischen dem Wahnsinn verfallen und als die Gebeine entdeckt wurden, begriff man, dass diese frommen Männer Heilige waren.“
Martha, die stehengeblieben und den Worten Edwins gelauscht hatte, musste lächeln:
„Heimatkundeheft, dritte Klasse“, sagte sie.
„Jawohl, Fräulein Martha“, sagte Edwin und zeigte mit der Hand auf den Heiligen Johannes von Nepomuk, „aber den, den kennst du sicher noch nicht.“
„Johannes Nepomuk, der Brückenheilige, hatte Streit mit dem König Wenzel, weil er sich weigerte das Beichtgeheimnis zu brechen. Er wollte ihm nicht preisgeben, was dessen Frau, die er der Untreue bezichtigte, anvertraut hatte. Deshalb ließ der König ihn foltern und anschließend von der Prager Karlsbrücke ins Wasser werfen, wo der Fluss für kurze Zeit austrocknete, damit man seine Leiche bergen konnte. Fünf Feuerzungen zeigten zugleich an, wo Johannes Körper zu finden war.“
Während Martha Edwin so beobachtete, wie er in seinem Wollmantel und Hut vor den Steinfiguren, im Hintergrund der graue Novemberhimmel, rezitierte, kam ihr der Gedanke:
Ja, Edwin passt in diese Stadt, passt zu Würzburg.

Sie liefen weiter und unten am Mainufer bat Edwin sie, einen Moment unter der Brücke stehen zu bleiben. Er packte eine kleine Schachtel mit einem Ring aus und sagte: „Erschreck` bitte nicht Martha, aber ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Würdest du mit mir zur Weihnachtsfeier unserer Kanzlei gehen, damit die anderen nicht dauernd neugierige Fragen stellen? Ich leih dir ihn nur.“
Martha sah ihn verwirrt an.
„Naja, du weißt doch noch, dass mein Chef uns zusammen in der Heckenwirtschaft gesehen hat.“
Martha schwieg.
„Könnten wir nicht mündlich einen Kontrakt schließen? Du gehst mit mir zur Weihnachtsfeier und ich gebe dir Geld für ein Paar neue Schuhe oder einen Mantel, jetzt wo der Winter kommt.“

Martha schwieg noch immer.
Sie musste Edwin Recht geben, sie brauchte tatsächlich einen neuen Wintermantel, ihr alter war zerschlissen und abgetragen und sie schämte sich manchmal dafür. Und der Wollponcho, den sie sich die ganze Zeit übergeworfen hatte, reichte nicht mehr gegen die Kälte aus.
„Einen Mantel“, sagte sie leise, so dass es kaum zu hören war,
„einen Mantel brauch` ich, Edwin.“
Edwin nickte und schlug vor am Mantelsonntag gemeinsam zum Severin in der Sanderstraße zu gehen. Martha nickte stumm.

Zuhause holte sie ihr dunkelblaues Plisseekleid heraus, das ihr immer noch passte. Sie trennte den weißen Kragen ab und machte aus dem Rundhals einen V-Ausschnitt, den sie an beiden Rändern mit einem dunkelblauen Samtband einfasste. Sie würde die Perlenohrringe ihrer Mutter und das goldene Kettchen mit dem Kreuz, das sie von ihrer Firmpatin geschenkt bekommen hatte, dazu tragen. Und vielleicht hatte der neue Mantel ja einen weichen Pelzkragen, so dass alles etwas feiner und edler wirkte. Martha spürte plötzlich, wie sie sich auf die neuen Kleider freute und auf die Weihnachtsfeier, wo sie wieder einmal unter anderen Menschen als den Fabriknäherinnen war. Und dennoch wurde ihre Freude getrübt von dem Gedanken, ob sie käuflich war. Sie schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben, doch an der Nähmaschine ratterte ihr dieser Gedanke weiter hinterher: du bist käuflich, du bist käuflich, … bis sie sich beruhigte und dem Gedanken Einhalt gebot: Edwin hätte ja auch eine andere fragen können.

In der Adventszeit stellte sie vier Kerzen ans Fenster und legte Tannenzweige dazwischen. Sie zündete die Kerzen an, löschte das Licht im Zimmer und schaute auf die verschneiten Dächer der Stadt und in den Sternenhimmel hinauf. Manchmal summte sie ein Lied dazu und war ganz versunken in die Dorfwelt ihrer Kindheit, als es noch Lene, Vater und Mutter gab und sie noch ein Kind war. „Es ist so einsam“, hauchte sie zum Fenster hin und zeichnete mit dem Finger einen Stern auf die beschlagene Scheibe. Nicht mal Edwin konnte zu ihr in die warme Stube hochkommen. Es gab keine selbstgebackenen Plätzchen, keinen Tee und keinen Christstollen. Nur Lebkuchen auf dem Weihnachtsmarkt und Glühwein, an dem sie sich die Finger wärmten. Und wenn das Lied I’m dreaming of a white Christmas aus den Lautsprechern erklang, musste sie weinen, auch wenn sie gar kein Englisch verstand.
Nur in der Kirche hatte sie das Gefühl, dass Weihnachten so wie immer war. Mit dem riesengroßen Adventskranz, der über dem Altarraum der Neumünsterkirche neben dem Dom schwebte, den beiden hohen mit Strohsternen geschmückten Tannenbäumen rechts und links vom Altar und den Weihnachtsliedern, bei denen sie laut mitsang, bis ihr vor Heimweh die Stimme versagte.
„Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab!“ rief das Volk in bangen Nächten, dem Gott die Verheißung gab: Einst den Mittler selbst zu sehen und zum Himmel einzugehen; //: denn verschlossen war das Tor, bis ein Heiland trat hervor://

Edwin nahm sie mit zum Weihnachtsmarkt und immer wieder mit ins Bavaria-Kino in der Juliuspromenade. Martha war beeindruckt. Zwei elegante Marmortreppen, die von der Eingangshalle zu den Parkett- und Rangfoyers hinauf führten, zwangen sie geradezu aufrecht zu gehen, mehr zu schreiten als zu gehen. Vorbei an den Wänden mit Palisander-Holztäfelung, weiter mit staunendem Blick auf die Stuck-Kanneluren, der Decken- und Wandkonstruktion bis hin zu den mit lindgrün gepolsterten Sitzplätzen des Filmtheaters. In diesem Glanz konnten nicht nur die Würzburger Kinobesucher ihre vielerorts noch in Trümmern liegende Stadt vergessen, sondern auch Martha für kurze Zeit ihre Einsamkeit, auch wenn sie oft den ganzen Film hindurch weinte.
Den ersten Film, den Martha sah, war Rosen-Resli mit der 9-jährigen Hauptdarstellerin Christine Kaufmann. Kaufmann war persönlich zur Verbeugungspremiere ins Bavaria-Kino gekommen. 1,20 Mark kostete die Karte, Edwin hatte sie eingeladen. „Rosen-Resli Schauspielerin in Würzburg“ betitelte die Main Post ihr Foto auf der Titelseite. Sie bat Edwin es ausschneiden zu dürfen und zeigte es am nächsten Tag in der Textilfabrik den anderen Näherinnen in der Mittagspause. Die Köpfe neigten sich voller Bewunderung über den Zeitungsausschnitt und Martha zeigte stolz ihre Kinokarte. Marie, die ihr am nähesten stand, nahm sie zur Seite und fragte, ob sie nicht mal zusammen ins Kino gehen könnten. Martha war glücklich. Dann
kam Weihnachten.
Am Heiligen Abend war es am schlimmsten. Edwin und sie liefen nach der Christmette noch stundenlang in der kalten und sternenklaren Nacht durch die verschneiten Straßen von Würzburg.
Überall sah man Lichter in den Fenstern und glaubte dahinter fröhliche Stimmen zu vernehmen. Die Beleuchtung der Straßenlaternen ließ die Schneeflocken in der Nachtluft glitzern und unter ihren Schuhen knarzte der eisig gefrorene Boden, das einzige Geräusch, das weit und breit zu hören war und ihnen das Gefühl gab, in Würzburg allein und verloren zu sein.
Sie gingen in die Bahnhofswirtschaft, die einzige Gaststube, die geöffnet hatte, aßen Bratwurst mit Kraut, tranken ein Bier und schwiegen. Dann legte Martha Edwin ein in braunes Packpapier eingewickeltes Paket auf den Tisch.
„Frohe Weihnachten, Edwin!“, sagte sie.
Edwin sah sie verwundert an, schob den Teller zur Seite, wischte sich die Hände an der Papierserviette ab und öffnete es. Martha hatte ihm ein Hemd aus Batiststoff genäht. An den Manschetten hatte sie zwei Löcher eingesäumt und mit einen Doppelknopf zusammen geschoben:
„Manschettenknöpfe musst du dir selbst kaufen“, lächelte sie ihn verlegen an.
„Vielen Dank, Martha“, strahlte er, „ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll.“
„Sag nichts, Edwin, es ist alles gut so.“
„Wie kann ich mich denn dafür revanchieren?“
„Lad` mich mal wieder zum Kino oder ins Konzert ein“, sagte sie und blinzelte mit den Augen um ihre Tränen zurückzuhalten.

Die Einladung ließ nicht lange auf sich warten. Dieses Mal hatte Edwin Karten fürs Neujahrskonzert des Philharmonischen Orchesters im Theatersaal am Wittelsbacherplatz ergattern können.
Martha genoss die Musik. Sie schloss die Augen, gab sich den Klängen hin und dieses Mal musste sie nicht weinen, wie in der Kirche, wenn die Orgeltöne erklangen und sie an die heimatliche Dorfkirche erinnerten.
Im Februar kam eine Einladung zum Chrysanthemenball mit Weinzwang und Abendkleid. Martha hatte in der Zeitung ein Foto von den Meisterschaften in den Lateinamerikanischen Tänzen gesehen und beschlossen, sich das gleiche Knie umspielende Kleid zu nähen, wie diese Frauen es trugen. Sie kaufte bei Severin weißen Seidenstoff für das Unterkleid und weißen Spitzenstoff für das Oberkleid. Die Träger und die Schleife am Rücken nähte sie aus weißem Satinband. Wie im Fieber ratterte ihre Nähmaschine an vielen Abenden bei schwachem Licht in ihrer Dachkammer.
Stunden, in denen sie alles vergessen konnte. Der Ball kam und Edwin stellte sie seinen Anwaltskollegen und deren Frauen vor. Sie wurde immer wieder zum Tanzen aufgefordert, wobei jedes Mal die Tanzpartner Edwin zuzwinkerten. Martha genoss es. In einer kurzen Tanzpause lehnte sie sich mit dem Rücken an eine Steinsäule am Rande der Tanzfläche um zu verschnaufen. Sophie, die Tochter des Kanzleichefs, auf der anderen Seite der Säule konnte sie nicht sehen, als diese zu ihrem Bruder sagte:
„Diese Martha ist und bleibt eine Landpomeranze, auch im Abendkleid.“
Martha schluckte und lief zu den Toiletten. Sie besprengte ihr Gesicht mit kaltem Wasser, ging in die Toilette, schloss die Tür und versuchte tief durchzuatmen und sich zu beruhigen. Sie zählte bis Hundert, dann ist es vorbei, dachte sie, es hatte ihr schon im Gefängnis geholfen. Da hörte sie, wie junge Frauen lachend und kichernd in den Toilettenvorraum gepoltert kamen. Martha hörte, wie sie in ihren Etui Täschchen nach Lippenstift und Puder kramten.
„Hast du sie gesehen, unsere Landpomeranze?“, hörte sie Sophies Stimme erneut.
„Ja, sie hat gesagt, dass sie das Kleid selber genäht hat“, meinte eine andere.
“Wer `s glaubt wird selig“, lachte eine dritte.
„Die glaubt wohl, das ist genug, um in unseren Kreisen Einlass zu finden“
„Naja, das wird ´se schon noch merken.“ Puderdosen wurden zugeklappt, Lippenstifte eingedreht und die Meute verließ mit vergnügtem Lachen den Toilettenraum und ließ die Tür laut hinter sich zufallen.
Martha hielt sich die Hand vor dem Mund, weil sie befürchtete gleich in lautes Schluchzen auszubrechen zu müssen. Dann atmete sie tief durch, stand auf, strich ihr Kleid glatt und ging hinaus. Sie öffnete den Wasserhahn und ließ kaltes Wasser über ihre Pulsadern laufen. Dabei schaute sie in den Spiegel, doch sie konnte sich nicht sehen. Es war so, als ob sie durch sich hindurch schaute und sich nicht finden konnte. Wo war sie? Sie musste raus. Sie verspürte den Drang schnell von hier weg zu kommen. Draußen im Tanzsaal zog sie Edwin zur Seite und bat ihn mit flehendem Gesichtausdruck gleich aufzubrechen.
Erst die eisige Februarluft draußen, die ihren Gesichtern mit beißender Kälte entgegen blies, ließ Martha aufwachen, zu sich kommen und plötzlich wusste sie wieder, wer sie war.
Edwin, an dessen Arm sie sich festgeklammert hatte, sah sie erschrocken an und sagte.
„Um Gottes Willen Martha, was ist denn los, du zitterst so?“ Martha fing an zu schluchzen:
„Edwin, ich gehör einfach nicht hierher.“
„Martha, du warst die Schönste heute Abend, du kannst es mit jeder hier mithalten.“
„Nein, Edwin“, kam noch ein letzter Seufzer, „ich will wieder zurück ins Dorf.“
Lange schwiegen sie, liefen bibbernd und frierend durch die matt beleuchteten Straßen, bis Edwin fragte:
„Aber warum denn, Martha?“
„Ich werde hier nie dazu gehören, die leben anders, die denken anders, die …“ Sie holte tief Luft und sprach weiter: „Ich will meinen Garten, ich will die Wiesen, Felder und Wald um mich haben. Und ich will mit Menschen zusammen sein, die mich kennen.“
„Aber Martha, die wollen im Dorf doch nichts mit dir zu tun haben, wer interessiert sich denn noch für dich?“
„Die Antonia, ich arbeite wieder in der Metzgerei und …“ Martha geriet ins Stocken. „Und die Frauen aus der Metzgerei, der Bäckerei und aus dem Krämerladen, die Nachbarn und ….“
„Aber Martha, die reden doch nur schlecht über dich!“
„Meinetwegen sollen sie schlecht über mich reden. Ich bin die Böse, aber wenigstens gehör ich dazu.“
Edwin schüttelte den Kopf. „Aber Martha, was tust du dir denn an?“
„Edwin, hier werd` ich behandelt, als ob ich nicht existiere, hier bin ich ein Nichts, ein Niemand auf der Welt.“
Edwin schüttelte erneut den Kopf. Sie verstummten beide und Edwin brachte sie nach Hause. Er hoffte, wenn sie die Nacht darüber geschlafen hatte, dass es ihr besser ging und sie von ihrem Vorhaben Abstand nehmen würde. Doch am nächsten Tag, an einem Sonntag nach dem Gottesdienst, als sie wie immer am Mainufer entlang spazierten, bat sie ihn, ihr bei ihrem Umzug ins Dorf zu helfen.
Edwin blickte auf den Boden und nickte schwerfällig.
„Ich dank dir, Edwin, du bist ein guter Mensch“, sagte sie und hielt ihn dabei an beiden Unterarmen fest. Edwin schaute nicht zu ihr hoch. Sie liefen noch lange schweigend am Ludwigskai entlang. Sie redeten nicht mehr darüber, nicht mehr an diesem Tag und auch nicht mehr in den kommenden Wochen.

Im Mai kam der Brief. Sie erzählte Edwin nichts davon. Sie packte ihre Sachen in Kisten, Körbe und Säcke, doch diese wollte sie erst später nachholen. Zuerst wollte sie zum Notar und dann ins Dorf, um alles vorzubereiten.

27 Edwin Geschichte
Sie wird nicht wieder kommen, dachte er, sie wird nicht wieder zurückkommen. Er hatte beobachtet, wie sie heimlich ihren Koffer gepackt und unter das Bett geschoben hatte, als er sie zum Kino abholen kam. Hatte sie auch schon gekündigt?
„Soll ich dir Krakauer aus der Dorfmetzgerei und Weckbrötchen vom Kerner mitbringen?“, bot sie ihm an, während er unter dem Türrahmen stand, „die magst du doch so gern.“ Am Klang ihrer Stimme erkannte er, dass irgendetwas anders war. Auch, dass sie darauf bestanden hatte, allein zu fahren, war
ungewöhnlich.

Er schaute sich in seinem Zimmer um, es war möbliert, ein Bett, Tisch, Stuhl und eine Kleiderkommode in der Ecke. Ein Waschbecken im Zimmer hinter einem Paravent aus durchbrochenem Holz war sein Luxus. Er mochte die hohen Räume hier im Haus, die großen Fenster mit Gardinen davor, auch wenn mit dem Kanonenofen schwer zu heizen war. Er hatte sich von seinem ersten Gehalt einen abgetretenen Teppichläufer mit orientalischen Mustern gekauft, einen verschlissenen Lesesessel und eine wackelige Stehlampe, welch ein Luxus, dachte er. Doch es gefiel ihm. Auf der Kommode stapelten Bücher, er würde sich ein Regal vom Schreiner anfertigen lassen müssen. Die Stube erinnerte ihn an die Bibliotheken im Kilianeum und Julianum. Dort wurde er stets ruhig, konnte sich von der Geschäftigkeit des Alltags zurückziehen, war nicht dem sozialen Gerangel ausgesetzt und fühlte sich trotzdem nicht allein. Die Bücher gaben ihm Zugang zum Weltwissen, eröffneten ihm eine Weite zu höheren Ebenen, auf denen universelle Fragen diskutiert wurden und wenn er auch nicht immer Antwort finden konnte, so hinterließen sie bei ihm doch das Gefühl, mit den Menschen verbunden zu sein.

Er hatte drei Bilderrahmen auf der Kommode stehen. Eines mit seinen Eltern und seinem Bruder zusammen, als sie noch klein waren. Rechts davon ein gerahmtes Bild von Mutter, so wie sie später auch auf ihrem Sterbebildchen zu sehen war, und links davon sein Kommunionbild. In der rechten Hand hielt er eine große weiße Kerze, verziert mit goldenem Kreuz, und in der linken Hand sein Gesangbuch mit Rosenkranz umwickelt. Schon damals war er lang, schmal und blass. Wenn der Pfarrer in der Messe Weihrauch schwenkte, wurde ihm oft schlecht und einmal als er nicht gefrühstückt hatte, ist er umgekippt. Man sollte nüchtern die Kommunion empfangen. Welch ein Unsinn, dachte er jetzt, sich gegen die Gesundheit seines Körpers zu wenden. Er legte das gerahmte Bild von Vater, Mutter, ihm und seinem Bruder in die obere Schublade. Er wollte nicht, dass sie ihn sehen, sehen, wie er jetzt lebte. Und er wollte Vater und Bruder nicht sehen. Er konnte es nicht ertragen, zu wissen, dass sein Vater sich das Leben genommen hatte, auch wenn Mutter immer wieder versucht hatte, ihm die Gründe dafür zu erläutern und er fragte sich immer wieder, ob sein Bruder, der in der Saale ertrunken war, nicht auch insgeheim Vaters Spuren gefolgt war. Die Angst, dass es in der Familie liegen könnte, quälte ihn. Für ihn war Freitod weniger eine Todsünde, vielmehr eine Schwäche. Aufgeben, sein Leben wegwerfen, das kam ihm nicht in den Sinn, das verbot er sich. Er schüttelte sich, stand auf, nahm seine Hose vom Kleiderbügel, bürstete noch einmal darüber und zog sie an. Er war zum Skatabend verabredet und wollte nicht zu spät kommen. Er hatte Zigarillos besorgt.. …….

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