Leseprobe: Daniel Faßbender – „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“

Kapitel 1

Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein wie. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben. Unter mir pfeifen 320 Meter Tiefe gleichgültig vor sich hin und ich schmecke eine tief hängende Wolke, während ich im Moment des Fallens Luft durch den Mund einsauge. Kein Geschmack von Zuckerwatte oder Zimt, sondern bitteres Industriesalz. Ich weiß nicht, ob die Hand von Ikarus ihren festen Griff um meinen Unterarm halten wird, wenn sie ruckartig der vollen Zugkraft meiner 78 Kilo ausgesetzt sein wird. Meine Hand um seinen Arm könnte er locker abschütteln. Ich habe in der Nacht zuvor sein Mädchen gefickt, weil sie mich an Bojana erinnert hat, vor seinen Augen, einfach so. Jetzt könnte er mich entgleiten lassen, weil er sich an vergangene Nacht erinnert hat, vor meinen Augen, einfach so. Solche Dinge passieren. Auf dem anderen Pfeiler, dem am Festland, ist vor vier Monaten bereits ein Mitglied der Viper Crew beim Versuch, einen Rückwärtssalto zu stehen, abgerutscht und gefallen. Auch er war mit Ikarus allein unterwegs gewesen und vielleicht hatte der rothaarige Junge mit dem schiefen Gesicht und dem Spitznamen Sputnik ebenfalls dessen Mädchen gefickt. Die Polizei stellte nach dem Absturz nur wenige Fragen und ging von einem Unfall aus. Sie interessierte sich nicht für den Tod irgendeines lebensmüden Roofers, und Ikarus stand nie unter Verdacht. Die Bilder der GoPro, die den Salto gefilmt hatte, waren im entscheidenden Moment zu verwackelt, um ausschließen zu können, dass jemand, also Ikarus, dafür gesorgt hatte, dass Sputnik während des Saltos das Gleichgewicht verlor. Auf Youtube hat der Film mehr als acht Millionen Klicks. Wenn es also wirklich ein Mord war, war es der perfekte vor einem Millionenpublikum. Doch ich projiziere meine verfahrene Situation auf Sputnik. Der wäre vermutlich niemals so dumm gewesen, das Ehrgefühl seines Partners in der Nacht vor dem gefährlichsten Ausflug seiner Kletterkarriere zu verletzen und damit das eigene Leben zu riskieren. Er hatte einfach das Pech, während des Saltos in der Phase des Fallens nach seiner Rückwärtsdrehung dem Schicksal auf dem falschen Fuß begegnet zu sein. Das Fallen kennt da nichts. Nun hängt ein Foto von ihm als Schwarz-Weiß-Poster im Gästezimmer der WG. Ob sie mein Bild wohl auch aufhängen würden?
Man fällt 9,81 Meter die Sekunde. Das sind in der ersten Sekunde 35 Stundenkilometer. Bei zwei Sekunden hat man 70 km/h erreicht, bei drei 105 und so weiter. Wohlgemerkt ohne Luftwiderstand. Wie schnell ich gleich noch mit Luftwiderstand werde, weiß ich nicht. Darüber entscheidet das Schicksal. Und eben dieses Schicksal macht aus fallen sterben. Das gilt auf der höchsten Brücke Russlands in 320 Metern Höhe. Das gilt auf der Västerbron-Brücke in Stockholm in 30 Metern. Und das gilt sogar, wenn du einfach nur unglücklich stolperst. Jeder Sturz birgt diesen kurzen Moment der Unsicherheit in sich, in dem völlig unklar ist, was das Schicksal mit dir vorhat. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit höher, bei einem Stunt in ein paar hundert Metern Höhe zu sterben, als bei einem 1,80-Meter-Stolper-Sturz. Aber 100 Prozent todbringende Wahrscheinlichkeit kann nur das Leben vorweisen. Weil leben aber das Gegenteil von sterben ist, kann es beim Sterben gar nicht um 100 Prozent Wahrscheinlichkeit gehen, sondern nur um eine rapide Annäherung an den Tod. Und welche Annäherung ist schon schneller als das Fallen? Felix Baumgartner hat bei seinem Fall aus 39 Kilometern Höhe eine Geschwindigkeit von 1357,6 km/h erreicht.
Ich schaue aus Versehen in das Gesicht von Ikarus und weiß nicht, ob ich daraus Konzentration oder Verachtung lesen soll. Die genaue Betrachtung der Aufnahmen der GoPro, die ich an meiner Stirn befestigt habe, könnte Antworten liefern, aber falls ich die Aufnahmen werde sehen können, weiß ich längst, dass es Konzentration gewesen ist; wenn nicht, könnte es tatsächlich Verachtung, vielleicht auch Wut oder Hass gewesen sein. Sollte ich Ikarus’ Hand entgleiten, bleibt mir auf dem Weg nach unten genug Zeit, über den Begriff nachzudenken, der den Gesichtsausdruck am passendsten beschreibt. Zehn Sekunden, schätze ich. Die Falldauer wird stark davon abhängen, welche Körperhaltung ich währenddessen einnehme und wie viel Luftwiderstand ich so erzeuge. Vielleicht werde ich aber auch darüber nachdenken, warum ich überhaupt mit Ikarus hier hoch bin, obwohl die Spannung zwischen uns deutlich zu spüren gewesen ist. Ganz sicher werde ich für den Fall des Fallens die Zeit nutzen, um an meine Mutter zu denken, meinen Vater als Fallbeispiel nehmen und Bojana, ja, vor allem an Bojana werde ich dann denken.
Wir haben den Stunt bereits auf einem Dach geübt.
Erst auf einem Überbau, ohne jede Gefahr; die Dachpappe befand sich einen halben Meter unter meinen Füßen. Dann am Dachsims in 75 Metern Höhe. Bereits dabei hätte ich sterben können. Aber schon diese Versuche haben gezeigt, dass unsere Griffe um den Unterarm des anderen fest und routiniert sind. Es gibt auch jetzt eigentlich keinen Grund, Angst zu haben. Doch „eigentlich“ heißt Ksenia, oder wie auch immer der Name von Ikarus‘ Freundin ist. Katarzyna? Keine Ahnung. Und es ist mir auch egal.
Ikarus und ich kennen den Ablauf: Er liegt auf dem Bauch am Rande des Brückenpfeilers, die Beine in einem Stahlgerüst verhakt. Hand um Arm sitze ich zunächst neben ihm am Rand, drehe mich und lasse mich fallen. Geht alles gut, stoppt der Sturz nach einer Armlänge und ich baumle in 320 Metern Höhe und blicke auf die Welt unter mir. Die vier grauen Fahrspuren und die bunten Autos, das Grün, Braun und Grau der Russki-Insel, weiter weg das Festland, Baumaterialien, der türkisgraue Bosporus und meine Sneaker.
Die ganze Aktion ist nur möglich, weil Wartungsarbeiten an einer der beiden Pylone durchgeführt werden und Gerüste nach oben führen. Ikarus und ich haben uns Bauhelme aufgesetzt und niemand auf der Baustelle hat Fragen gestellt. Hier oben sind wir allein. Über das, was gestern Nacht war, haben wir nicht gesprochen. Er hat nur kurze Anweisungen in seinem gebrochenen Englisch gegeben. Viel lief über Handzeichen.
Diese Millisekunden, an deren Ende die Gewissheit über mein weiteres Leben oder meinen baldigen Tod steht, fühlen sich ewig an. Ich lege mein Leben sonst nicht in die Hände anderer und damit meine ich vor allem die Hände des Schicksals. Wenn ich auf einem Dach stehe, möchte ich alleine sein und alleine für mein Leben die Verantwortung tragen. Deshalb mache ich sonst nichts, wobei ich falle (ein Bungeesprung ist eine Horrorvorstellung für mich) und nichts, bei dem andere involviert wären. Dächer sind Einzelveranstaltungen, so viel ist jetzt klar. Ich will nicht sehen, wie irgendjemand stirbt. Und jetzt will vor allem ich nicht sterben. Es ist kein Zufall, dass man bei Soldaten von Fallen spricht und damit ihren Tod meint. Fallen ist sterben.

*

Damals, es war der Sommer, bevor das alles passiert ist, vor dem Fernsehturm, vor Bojana, vor der Sache mit meiner Mutter und lange vor meiner Einladung nach Russland. Damals entdeckte ich dieses kleine seltsame Haus. Ich war gerade erst in meine erste eigene Wohnung nach Hornstull gezogen und verbrachte eine Menge Zeit auf den Dächern Stockholms. Ich kannte sie verdammt gut, vielleicht besser als jeder andere. Ich kannte die Party-Dachterrassen in Södermalm. Ich wusste ganz genau, welche Gemüsesorte es sich wann auf dem Flachdach am Bahnhof zu stibitzen lohnte. Dort verwirklichte eine Öko-Rothaarige mit wechselnden Öko-Freunden ihre Öko-Fantasien. Ich wusste, wo die Dachdecker gerade ein Dach renovierten. Ich kannte die Routinen der Schornsteinfeger. Und ich konnte minutengenau voraussagen, wann der Anzugmann auf das Dach des nördlichen Königsturms kletterte, um eine zu rauchen. Wenn wir uns sahen, ich trieb mich ausschließlich auf dem südlichen Turm herum, grüßten wir uns jedes Mal mit diesem Zeigefingermove, wobei wir uns an den Kopf tippten und dann auf den anderen zeigten. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen war und wer damit angefangen hatte, aber jetzt grüßten wir uns halt auf diese Weise, um uns danach zu ignorieren. Roofen und roofen lassen. Ich kannte noch nicht jedes Dach, aber ich kannte jedes Viertel und jeden größeren Wohnblock – und sie alle hatten ihre Eigenheiten. In der verwinkelten Altstadt konnte man problemlos weite Strecken zurücklegen, ohne die Dächer verlassen zu müssen. Kista punktete mit Hochhäusern. Und in Vasastan waren die Dächer gemütlich. Man fühlte sich sofort zuhause dort oben. Der ideale Ort, um zu entspannen.
Ich streifte über ein Dachkarree im Vasa-Viertel, das ich bisher noch nicht erkundet hatte und dabei entdeckte ich zu meiner großen Überraschung besagtes Haus. Ein Haus mitten auf einem Dach. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Streng genommen war es gar kein Haus, eher eine Hütte, ganz streng genommen, war die Hütte sogar nur ein Verschlag.
Ich war über ein neues Baugerüst auf das Dachkarree gelangt. Solche Gerüste, generell Baustellen, waren häufig der einfachste Weg, um auf Dächer zu kommen. In meinem Rucksack befanden sich Zimtwecken, kalter Kakao und etwas Gras – also alles, was ich brauchte, um den Tag auf dem Dach gut zu überstehen. Das Karree lag in der Nähe vom Park und von hier oben hatte ich einen schönen Ausblick auf das satte Grün der Anlage und die durcheinander wuselnden Punkte am Boden, die auf dem Heimweg von der Schule ihre beim Lernen angestaute Energie wegtobten. Ich roch die blühenden Bäume auf der Straße und frisch gebratene Fleischbällchen aus einem geöffneten Fenster. Unter mir klapperten Absätze und schnalzten Flip-Flops über das Pflaster. Es war warm und die Sonne schien. Ich rannte nicht, wie ich es sonst oft machte, ich spazierte über die Schindeln, das Bitumen, das Zinkblech. Mir ging es nicht um Bewegung, ich war auf Erkundungstour. Es gab kleine, scheinbar nichtsnutzige Ausbauten, Winkel, Dachstuben und Schornsteine. Kein Dach war wie das andere und wenn man ein Auge dafür hatte, wurde es nie langweilig. Ich kletterte über einen Vorsprung und meinte, auf einem etwas tiefer gelegenen Eckhaus den passenden Platz für die kommenden Stunden gefunden zu haben. Ich näherte mich dem potentiellen Rastplatz und da war es dann plötzlich: Im Schatten der Wand des Nachbarhauses befand sich das schiefe Häuschen Slash die Hütte Slash der Verschlag.
Weglaufen oder inspizieren, war die Frage. Ich versteckte mich hinter einem Kamin, trank meinen Kakao und beobachtete das seltsame Haus. Es schien niemand da zu sein. Vielleicht war es ja unbewohnt. Vielleicht war der Bewohner aber auch nur kurz weg, einkaufen oder so. Oder er hielt sich im Haus auf, machte ein Nickerchen oder las ein Buch. Um sicherzugehen, schmiss ich ein abgebröckeltes Stück Kamin-Mauer auf die blecherne Dachkonstruktion der Hütte. Das machte ordentlich Lärm und wenn der Bewohner des Verschlags zuhause gewesen wäre, hätte ihn dieser Krach mit Sicherheit vor die Tür gelockt. Doch es tat sich nichts.
Der Kakao war leer und ich sprang auf das Dach herab. Der Verschlag bestand aus Blech-, Holz- und Glaselementen, die irgendwie zusammenhielten und drei der vier Wände bildeten. Die vierte Wand bestand aus der Brandmauer des Nachbarhauses, wo sich auch der Kamin befand. Vermutlich heizten die Mieter des Hauses im Winter für den Hüttenbewohner unfreiwillig mit. Die Tür hatte kein Schloss und so trat ich ein. Die Sonne hatte den Raum aufgeheizt. Die warme Luft roch nach Pilzsporen. Ein Geruch wie in Kaufhauseingängen. Ich mochte diese Luft – am allerliebsten im Winter, wenn sie den Frost aus dem Gesicht löste und man ewig im warmen Eingang stehen bleiben wollte, obwohl ein Kaufhauseingang keinerlei Gemütlichkeit versprach. Und ein bisschen so war die Hütte. Es gab dort jede Menge Gerümpel, unter dem man abgenutzte Möbel erahnen konnte. Eine Mehrfachsteckdose, die in einer Kabelrolle endete, deren Kabel in einem Spalt neben der Dachluke verschwand, versorgte die Hütte mit Strom. An den Wänden standen lückenlos Zeitungsstapel, die bis zur niedrigen Decke reichten. Ein Abschnitt bestand aus Büchern, von denen offenbar die wenigsten für Erwachsene geschrieben waren – das ließen die bunten Buchrücken und verspielten Typos vermuten. Ich betrachtete sie genauer und es handelte sich tatsächlich um eine Sammlung gängiger schwedischer Kinderliteratur. Ich kannte die ganzen Bücher aus meiner eigenen Kindheit. Zwischen die Bücher waren vergilbte Bilder geklemmt, naive Kinder-Zeichnungen von Hähnen und Füchsen, die in aller Einsamkeit klein in eine Ecke des jeweiligen Blattes gekritzelt waren. Der Kinderpsychologe, zu dem meine Mutter mich damals ein paar Mal geschickt hatte, hätte seine Freude an dem vielsagenden Anblick gehabt. Ich verließ die Hütte und versuchte, möglichst nichts umzustoßen, um keine Spuren zu hinterlassen. Bei dem Chaos und dem wild aufeinandergestapelten Kram war das aber gar nicht so einfach.
Vor der Hütte stand eine verrottete Campingliege neben einem verwitterten Beistelltisch. Darauf lagen eine Zeitung und eine Sonnenbrille mit nur noch einem Glas. Ich ließ mich in die Liege fallen, setzte die Brille auf und wollte wissen, was der unbekannte Bewohner zuletzt gelesen hatte. Vielleicht konnte ich ja so etwas über ihn herausfinden. Die Seite mit den Todesanzeigen war aufgeschlagen. Zwei der Anzeigen waren rot umkringelt. „Mhhhh“ und „Huiii“ stand in Kinderkrakelschrift neben den markierten Stellen.
Ich schoss aus der Liege, platzierte die Sonnenbrille wieder exakt dorthin, wo sie zuvor gelegen hatte und exakt so, wie sie gelegen hatte und schaute mich verunsichert bis panisch um. War auch wirklich, wirklich niemand in der Nähe? Wurde ich vielleicht beobachtet? Versteckte sich jemand auf einem der umliegenden Dächer? Zielte jemand auf mich? Ich suchte meinen Körper nach roten Lichtpunkten ab, fand keine und das war ja auch logisch. Wäre ich ein achtjähriger Auftragskiller, und alles sprach dafür, dass genau so einer in der Hütte wohnte, würde ich mit dem Laservisier meines Präzisionsgewehrs auch auf die Stirn und nicht auf den Bauch zielen.

Kapitel 2

Mit seinen 155 Metern war der Fernsehturm das höchste Gebäude Stockholms. Die Antenne brachte noch mal zusätzliche 15 Meter. Als Besucher kam man auf eine Höhe von ungefähr 145 Metern. Das zeigte eine Zeichnung unten bei den Aufzügen. Die Aussichtsplattform war komplett von Gittern umgeben – ein Aussichtsgefängnis. Jeder Eindruck, den man dort von der Welt gewann, kam von den Gittern zerhackstückt bei den armen Sightseeing-Gefangen an. Damit wenigstens die Foto-Erinnerungen ungesiebt blieben, befanden sich an den Ecken kleine Foto-Schießscharten.
Als gitterlose Alternative gab es eine Etage tiefer das Café, das sich hochtrabend Skybar nannte. Dort trennten einen schmutzige, die Innenbeleuchtung reflektierende Scheiben von dem Ausblick auf die Stadt. Die Eindrücke kamen vom dicken Glas gebrochen an, der Geruch des Himmels blieb ausgesperrt. Das Café bot also auch keine ernsthafte Option, wollte man Höhe mit allen Sinnen erleben.
Das Restaurant auf Ebene 28 war völlig uninteressant, außer deine Verwandtschaft aus Göteborg kam zu Besuch und wollte an einem besonderen Ort essen gehen.
Ich bestellte bei einem schönen Mädchen, das an diesem Tag in der Skybar arbeitete, Zimtwecken und Kakao und setzte mich an einen der Tische. Es regnete aus tiefhängenden Wolken, weshalb man durch die Scheiben der Skybar nicht viel mehr als eine graue, weiche Wand sah. Vermutlich wegen des Wetters und weil wir uns mitten in der Woche befanden, war ich lange Zeit der einzige Gast. Die schöne Bedienung langweilte sich und begann wohl deshalb ein Gespräch mit mir. Ich hätte mich nicht getraut, sie anzusprechen, aber jetzt, da sie auf mich zugekommen war, stellte ich ihr pseudobeiläufige Fragen zu den Bereichen des Turms, die nicht für Touristen zugänglich waren. Doch weil sie im Fernsehturm nur aushalf, wusste sie auch nicht mehr, als ich selbst durch googeln und ein wenig herumschauen herausgefunden hatte. Sie war nett und obwohl ich ziemlich einsilbig blieb, unterhielt sie sich seltsamerweise gerne mit mir. Ich bemerkte das; auch, dass sie nicht nur schön, sondern vor allem anders war, aber ich war zu sehr mit dem Plan befasst, einen Weg zu der Antenne zu finden, um aus diesen Eindrücken irgendwelche Konsequenzen zu ziehen.
„Ich muss dann mal“, sagte ich.
Sie sagte: „Schade.“
Ich ging.
Wenn man vom Café die Treppen zum 31. Stock mit seiner Aussichtsplattform hochstieg, befand sich dort eine Wand mit vier Türen. Die beiden äußeren führten zu den Aufzugschächten. Mindestens eine der mittleren war also der Weg nach oben. Ich betrachtete die Schlösser und war mir sicher, dass Frederik kein Problem mit ihnen haben würde. Ich befasste mich erst seit kurzem mit Lockpicking, übte abends mit Probeschlössern und schaute mir Youtube-Tutorials an, aber ich war einfach noch zu langsam. Frederik betrieb das schon seit Jahren, hatte sogar einmal an einem Wettbewerb teilgenommen und war Dritter geworden. Er brauchte nur Sekunden für Schlösser, an denen ich minutenlang rumfuhrwerken musste.
Er hatte irgendwann mal seinen Schlüssel verloren und war vom Schlüsseldienst völlig abgezogen worden. Außerdem hatte der Mann vom Notdienst auch das Schloss völlig zerstört, so dass Frederik ein teures neues brauchte. Es machte ihn wütend, für solch eine simple mechanische Herausforderung, wie das Öffnen einer Tür, fremde und zudem stümperhafte Hilfe zu brauchen. Er fühlte sich in seiner Intelligenz beleidigt, also vertiefte er sich in das Thema. Und wenn Frederik sich in ein Thema vertiefte, stand am Ende Expertentum. Er sollte sich die Schlösser also unbedingt vorab mal anschauen, um im entscheidenden Moment keine bösen Überraschungen zu erleben. Ich kannte Frederik seit der Schule, wo wir zunächst viele Klassen aneinander vorbeilebten: Er hörte Metal, ich hörte HipHop; er stammte aus einem Vorzeige-Elternhaus, ich aus einer Trümmerfamilie, er war ein Nerd mit Nerd-Freunden, ich war ein Außenseiter ohne Freunde – das passte alles nicht. Wir entwickelten erst über das Parcours-Laufen während der Abi-Zeit Sympathien füreinander und wurden schließlich Freunde. Ich hatte insgesamt drei Tage eingeplant. Tag 1 wollte ich zum Auskundschaften nutzen. An Tag 2 sollte sich Frederik die Schlösser anschauen. Tag 3: Showtime.
Ich war insgesamt ziemlich nervös. Nicht wegen des Kletterns – das waren ein paar poplige Leitern, die man hoch musste, sondern wegen der Gefahr erwischt und wegen Hausfriedensbruch angeklagt zu werden. Ich ging jedenfalls davon aus, dass ich Hausfriedensbruch beging.
Die Aktion stieg am frühen Abend. Wegen der Lichtstimmung, ich wollte ein paar Fotos machen, und weil zu dieser Zeit hoffentlich keine Techniker mehr unterwegs waren. Die Kellnerin vom ersten Besuch war am Entscheidungstag nicht da.
„Schade.“
Hinterm Tresen stand jetzt eine jener Durchschnittsblondinen, die in ihrem Tinderprofiltext unter Garantie eine banale, emojigarnierte Lebensweisheit stehen hatte und montags und donnerstags nicht konnte, weil sie da beim Zumba war. Wir ignorierten die Blondine und das Café, in dem eine englischsprachige Besuchergruppe an den Scheiben klebte und stiegen die Treppen nach oben. Auf dem Weg zogen wir uns Warnwesten an, die ich im Internet bestellt hatte und die uns wie Techniker aussehen lassen sollten.
Frederik musste sich leicht nach vorne beugen, um Spanner und Pick im richtigen Winkel in das Schloss einzuführen. Weil das ziemlich seltsam aussah, versuchte ich mich so zu stellen, dass ich sein Gefummel möglichst gut verdeckte. Im Aussichts-Gefängnis herrschte Familienbesuchstag. Kinder rannten durcheinander, versuchten durch die Schießscharten zu schauen, waren aber zu klein, rannten weiter und Eltern hetzten irgendetwas rufend hinterher. Die Sprachen konnte ich nicht zuordnen. Frederik stocherte. Ich stand hinter ihm und war gestresst vom nervreibenden Pfeifen der Aufzugschächte. Als ich dann plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte, quiekte ich vor Schreck wie ein Meerschwein. Ängstlich drehte ich mich um und rechnete damit, in das grimmige Gesicht eines Sicherheitsmannes zu blicken. Frederik schien von all dem nichts zu bemerken und machte unbeirrt weiter.
„Hello, Buddy“, sagte ein großer Mann zu mir, der aus dem Mund nach Bier roch und ein T-Shirt einer amerikanischen Universität trug. Er heiße Ronald und das sei ja ein fantastischer Ort hier, sagte er auf Englisch. Ich dankte ihm für das Kompliment und nickte verlegen.
„Sag mal“, fuhr er lächelnd fort. „Die Tür führt doch sicher zu der großen Antenne da oben. Gibt es eine Chance, dass ich mit hoch darf? Nur für ein paar Fotos. Please, come on.“ Ich war komplett perplex, schließlich bastelte ich seit Tagen an dem Plan, dort hoch zu kommen und dieser dreiste Arsch fragte einfach.
Er unterbrach mein Schweigen mit einem Angebot. „20 Bucks“, sagte er und wedelte mit einem Dollarschein vor meiner Nase herum.
Ich schüttelte den Kopf und stammelte was von Sicherheitsvorschriften, dass es dort oben sehr gefährlich sei, und wir unsere Jobs verlieren würden, wenn wir Touristen hochließen.
Er kramte in seiner Gürteltasche und erhöhte auf 50. Ich wollte ihn einfach nur loswerden und vor allem kein Aufsehen erregen.
„200 each“, schlug ich vor und zeigte dabei auf Frederik und mich. Ronald überlegte zu handeln und drehte sich von mir weg, um in seiner Bauchtasche die Bargeldbestände zu überprüfen. Frederik hatte währenddessen das Schloss geknackt und ich verschwand mit ihm hinter der Tür. Ronald kramte vermutlich immer noch.
Wir hatten Glück, die Treppen dort führten tatsächlich nach oben. Ich schnallte mir die GoPro um den Kopf und schaltete sie ein. Frederik ließ ich hinter der letzten Tür zurück. Er hatte es nicht so mit Höhen.
Wir hatten uns zwar über das Parcours-Laufen erst so richtig kennengelernt, aber schon wenn es auf Baugerüste ging, war ihm das nicht geheuer. Als ich bei einem unserer Ausflüge durch die Stadt dann von einem Gerüst auf ein Dach gelangte, war er raus und ich erst richtig drin – eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich. Ronald war nicht gut für mein Herz gewesen, mein Puls raste. In 155 Metern kam er wieder zur Ruhe, dort war ich sicher vor all den Ronalds dieser Welt. Ich schritt die quadratische Fläche ab, atmete die süße Sommerluft ein und breitete die Arme aus, um den Wind besser spüren zu können. Ich war frei und auf diese gute Art und Weise alleine mit der Welt. Ich ging an den Rand und schaute auf den umgitterten Besucherknast herab. Ronald musste dort gerade feststellen, dass die Foto-Schießscharten nicht für die Objektive von Spiegelreflex-Kameras ausgelegt waren. Wütend, vielleicht auch auf mich, stapfte er wieder ins Innere.
Das, was Antenne genannt wurde, war nicht wirklich eine. Eher ein Stahlgerüst, an dem viele Antennen angebracht waren. Der Weg an die Spitze des Gerüstes war überraschend komfortabel. Aber warum sollten sich die Techniker ihre Arbeit auch unnötig kompliziert gestalten?
Aus dem Pfeifen des Windes wurde ein Surren. Ich war unsicher, ob das von den Antennen ausging, oder ob der Wind sich im Stahlgerüst verfangen hatte.
Nun stand ich ganz oben. 170 Meter und auf Augenhöhe mit der widerwillig untergehenden Sonne. Vielleicht träumte sie immer noch vom Mittsommer und seinen weißen Nächten. Doch die waren mehr als einen Monat her. Im August bot sich in Stockholm ein anderes Schauspiel: Der Monat war die einzige Zeit im Jahr, in der die Stadt bildschirmhintergrundwürdige Sonnenuntergänge bot.
Ich setzte mich an das äußere Ende des Gerüstes, ließ meine bordeaux-roten Air Max über dem Grün des Ekoparks unter mir baumeln und schaute Richtung Westen auf das bunte Dach-Mosaik der Innenstadt. Rechts von mir blickte ich auf den Freihafen, wo zwei große Kreuzfahrtschiffe vor Anker lagen. Das Meer war neben dem Himmel das andere große Freiheitsversprechen – aber ich hatte meine Wahl getroffen.
Ich nahm die GoPro vom Kopf und schraubte sie an die Selfiestange. Man konnte mit der Kamera echt ganz gute Fotos machen, wenn man sich erst an den 170 Grad Weitwinkel gewöhnt hatte und ihn beim Einrichten des Bildes bedachte. Aus meinem Rucksack holte ich die Sonnenbrille und die Mütze. Ich hatte lange überlegt, wie ich mein Gesicht verdecken sollte – Tiermaske oder Sturmhaube erschienen mir zu albern oder zu theatralisch. Also wurden es eine H&M-Mütze, mit der jeder dritte durch die Stadt rannte und die schwarze Ray Ban Wayfarer, von der auch fast jeder ein Modell zuhause hatte. Massengeschmack, um aus der Masse nicht hervorgezerrt zu werden. Als Sicherheitsextra streifte ich mir auch noch die Kapuze meines Hoodies über den Kopf und schnürte sie zu. Der Handstand am Geländer war ein gutes Gefühl, weil ich mich sicher fühlte, vielleicht sogar sicherer als jemals zuvor. Auf meine Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur war Verlass. Delta, Trizeps und Bizeps im perfekt choreografierten Wechselspiel. Enttäuschungen ausgeschlossen. Die Ellbogen durchgedrückt, der Rumpf fest, der Bauch fest angespannt. Ich war vollkommen autark in dem was ich tat, und niemand konnte mir in 170 Metern Höhe gefährlich werden. Böen spielten mit mir und ich spielte mit.
Die Kamera hatte ich an einer Antennenhalterung befestigt und sie machte ein paar ziemlich gute Bilder. Sie zeigten meinen Handstand aus einer leichten Obersicht vor einer Entfernungs-Miniatur der Altstadt, die im wütenden Feuer einer trotzigen „Ich will noch nicht ins Bett“-Sonne brannte. Ich sah riesig im Vergleich zur restlichen Welt aus. Ich warf meinen Schatten auf sie und nicht umgekehrt. Ich war froh diesen Moment eingefangen zu haben, um mich auch später immer wieder zurückbeamen zu können.
Ich stellte einige der Bilder bei Instagram und Facebook online, die Videos packte ich auf Youtube. Die Momente sollten nicht verloren gehen.
Es dauerte ein paar Tage, dann explodierten plötzlich meine Accounts und die Bilder machten die Runde. Das Handstandbild hatte nach einer Woche eine Million Likes. Mein Aktion war viral und plötzlich nationales Thema. Erst online, dann im Fernsehen und irgendwann stiegen auch die Zeitungen ein. Journalisten stellten mir per Facebook Interview-Anfragen. Ich schlug sie aus, weil ich Angst hatte, dass meine Tarnung auffliegen könnte. Zum Glück hatte ich mein Gesicht verborgen. Einige Stockholmer Behördenvertreter hatten sich in Fernsehberichten nicht gerade erfreut gezeigt und eine Polizeisprecherin sprach von Ermittlungen. Außerdem war mir die Aufmerksamkeit unangenehm.
Die Nachfragen hörten nicht auf und Frederik schlug mir vor, ein universelles und anonymes Antwortvideo zu drehen. Mit dieser maximal distanzierten Online-Aktion konnte ich leben. Im Video saß ich auf den Simsen verschiedener Dächer, hielt jeweils eine der ausgedruckten Fragen in der Hand, zerknüllte sie und ließ die Papierkugel auf die entsprechende Antwort fallen, die Frederik mit Kreide auf den Asphalt gemalt hatte. Die Fragen waren erwartbar, meine Antworten auch: Bist du lebensmüde? (Nein! Ich weiß, was ich tue und trainiere hart.) Hattest du Angst? (Ja! Vor einer Anklage wegen Hausfriedensbruch.) Wie bist du da hoch gekommen? (Durch die Tür und über Treppen.) Warum macht man sowas? (Um der Welt dort unten zu entfliehen.)
Danach war tatsächlich Ruhe und ich war erleichtert. Beachtung für etwas, was man gut konnte oder was man geleistet hatte, die sollte eigentlich angenehm sein. Aber das war sie nicht. Und Beachtung hatte recht wenig mit Bewunderung zu tun, wie ich schnell lernen musste. Viele Kommentare waren extrem negativ – gerade auf Facebook, wo sich anscheinend eine Menge Menschen rumtrieben, die mit ziemlich viel in ihrem Leben ziemlich unzufrieden waren und in Kommentarspalten ihr Ventil gefunden hatten. Warum sonst sollte man einem Fremden, der niemandem etwas getan hatte, nur das Schlechteste wünschen?
„Stirb einfach.“
„Lebensmüdes Arschloch.“
„Tolles Vorbild. Wenn der erste Nachahmer stirbt, hast du ein Leben auf dem Gewissen.“
„Einsperren!“
„Soll er doch verrecken. Ein Irrer weniger.“
„Schade, dass kein Windstoß dem Angeber eine Lektion erteilt hat.“
Natürlich gab es auch positive und sogar bewundernde Reaktionen, einige lobten die Bild- und Farbkomposition des Fotos, andere meine Eier, es gab Anfragen von ein paar Jungs, die bei der nächsten Tour mitkommen wollten und es gab diese Nachricht:
„Hej, deshalb also deine Fragen und dein plötzliches Desinteresse, als ich sie nicht beantworten konnte. Schicke Sneaker übrigens – sieht man nicht so häufig in der Farbe. Auffällig!
Bojana – die aus der Skybar!“
Das „Schade“-Mädchen! Ich schrieb, löschte, schrieb und antwortete einen halben Tag später: „Hej Bojana. Du hast ein gutes Auge für Schuhe – und ich habe leider ein schlechtes Gespür für Gelegenheiten. Wie kann ich verhindern, dass du mich bei deinen Chefs oder den Bullen verpfeifst?“
Sie antworte zehn Minuten später:
„In Anbetracht der Schwere deiner Schuld (und dann kommt ja auch noch das Geklettere hinzu) lege ich hiermit das Strafmaß auf ein Abendessen und so viele Drinks fest, bis meine Wangen glühen (keine Angst, in der Regel reicht dafür ein Glas Wein).“
Ich nach fünf Stunden:
„Nach Rücksprache mit meinem Anwalt verzichte ich auf einen Einspruch und akzeptiere das Strafmaß vollumfänglich. Mein Anwalt rät mir allerdings auch, auf eine zeitnahe Vollstreckung der Strafe zu bestehen.“
Wir verabredeten uns fürs Wochenende in einem Lokal in Södermalm. Ich war ziemlich nervös vor dem Date. Mit meiner Kletteridentität kannte sie ein Geheimnis von mir – ich dagegen wusste kaum etwas über sie. Sie war 24, also drei Jahre älter als ich. Das verriet Facebook. Dort waren einige sehr professionelle Bilder zu finden, auf denen sie ziemlich fantastisch aussah – vermutlich modelte sie. Außerdem teilte sie ziemlich viele Links zu Flüchtlingsthemen – sie schien sich in dem Bereich zu engagieren. Und sie mochte offenbar Sneaker.
Der Smalltalk war beendet, noch bevor das Essen auf dem Tisch stand. Ich hatte viele Dates damals. Tinder machte das selbst schüchternen Jungs wie mir möglich. Wir mussten uns an Freitag- und Samstagabenden nicht mehr auf das Trink-, Hader- und Ansprechspiel einlassen – jetzt reichten ein paar Wischbewegungen, ein paar Nachrichten und das Date stand. Ich hatte im letzten Jahr keine Verabredung gehabt, die nicht online zustande gekommen war. Mit meinen Fotos vom Parcours-Laufen und von Dächern hatte ich ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem ich auffiel und mit dem man einfach ein Gespräch starten konnte. Anfangs war das sehr aufregend gewesen, nach ein paar Mal stellte sich Routine ein. Kam es zum Date, tastete man sich die erste halbe Stunde bis Stunde ab, versuchte den Menschen mit seinen Nachrichten zu verknüpfen und redete häufig über das, was man eh schon wusste, nur um während des Redens die Erwartungen zu rejustieren. Bei Bojana war kein Abtasten nötig. Wir hatten von Anfang an eine Vertrautheit, die weit über die halbe Stunde hinaus ging, die wir uns im Fernsehturm unterhalten hatten. Sie stellte ein paar präzise Fragen zu meiner Fernsehturm-Kletterei und erzählte mir, dass sie dort nur den einen Tag für eine Freundin ausgeholfen hatte. Über ihren fremd klingenden Namen kamen wir schnell auf das Thema Herkunft. Sie stammte aus Bosnien und war mit ihrer Mutter ausgewandert, als sie sieben war. Da war der Krieg zwar schon vorbei, aber das Land war noch völlig am Arsch.
„Meine Mama wollte ein besseres Leben für mich.“ Vom Krieg selber hatte sie in dem kleinen Kaff, aus dem sie kam, so gut wie nichts mitbekommen. Ihr Vater fiel zwar, aber den hatte sie auch vorher nie gesehen. Dann lachte sie und ich verstand nicht warum.
„Trotz meiner Geschichte glauben aber viele, dass ich Kriegs-Opfer bin.“
Ich verstand noch weniger, worum es ging. Doch dann streckte sie ihr linkes Bein mit den Air Yeezy Sneakern aus und zog ihre Hose leicht nach oben.
„Kein Unterschenkel. Ein Unfall kurz nachdem ich nach Stockholm gekommen bin. Wie konnte ich auch ahnen, dass die verfickte Bahn von rechts kommt?“
„Ach, ich hasse Füße. Echt! Je weniger, desto besser!“ Ich sagte das sehr laut und sehr spontan, ohne nachgedacht zu haben. Noch während ich mich die letzten Silben sprechen hörte, wurde mein Kopf sehr schnell sehr warm, als hätte ich ihn mir verbrüht. Bojana schaute mich an.

Alle Geräusche in dem Lokal blenden sich aus. Der Hintergrund wird unscharf. Da sind nur noch ihre Augen und meine Halsschlagader, in der ich es deutlich rauschen höre. Ich rühre mich nicht. Sie rührt sich nicht. Kein Blinzeln, kein Atmen. Vielleicht schreibt sie unterm Tisch eine Date-SOS-Nachricht an eine Freundin. Gleich klingelt das Telefon, sie muss dringend weg, ein Notfall und das war‘s. Vielleicht geht sie auch einfach so. Sie erzählt mir ihre Geschichte. Sie vertraut mir. Und ich komme mit so einem beschissenen, unüberlegten Kommentar daher. Eine Ohrfeige? Denkbar und vielleicht sogar verdient. Ich könnte etwas sagen. Etwas Versöhnliches, oder noch besser, etwas Einfühlsames. Sie soll nicht gehen. Sie ist toll. Ich sehe, wie ihre mutig geschwungenen Lippen versuchen, sich voneinander zu lösen. Der nicht zu auffällig rote Lippenstift, der aber rot genug ist, um in Erinnerung zu bleiben, leistet für den Bruchteil einer Sekunde schwachen, klebrigen Widerstand und wird überwunden. Ich sehe das Weiß ihrer Zähne, und unter den sanft betonten Wangenknochen baut die Gesichtsmuskulatur genügend Spannung auf, um Ober- und Unterkiefer in Bewegung zu setzten. Ich habe immer noch nicht geblinzelt. Ich glaube, auch nicht geatmet. Mein Kopf ist immer noch viel zu heiß. Ihre Augen enthalten Spuren von Mandeln. Vielleicht hat sie sich die Augenform aber auch nur geschickt angeschminkt. Ein Schlag mit dem Lid trifft mich unerwartet in die offene Deckung und holt mich in die Welt zurück.

„Ja, Füße sind scheiße! Es gibt kein unansehnlicheres Körperteil als den menschlichen Fuß – und mag es der zierlichste und gepflegteste Frauenfuß sein. Selbst Altmänner-Schwänze sind schöner anzuschauen.“
Auch sie sagte das recht laut und einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Bojana interessierte das nicht. Verdammt, war sie cool. Ab dem Wort Altmännerschwänze wusste ich, dass sie die Eine ist und es keine Tabus zwischen uns geben sollte. Obwohl. Ich wollte nicht wissen, warum sie sich mit Altmännerschwänzen auskannte. Dieses Tabu durfte bleiben. Sie erzählte mir von dem Unfall. Sie war ganz neu in der Stadt gewesen und hatte sich auf dem Weg zu einem Schwedisch-Kurs befunden. Die Strecke war sie vorher einmal mit ihrer Mutter abgegangen, doch bei dieser Generalprobe waren sie keinen Bahnen begegnet und so war sie sich der eigenartigen Verkehrsführung nicht bewusst. In Stockholm galt Rechtsverkehr für Autos und Linksverkehr für einige Trams.
Der Unfall musste ziemlich schlimm gewesen sein, doch Bojana kannte aus eigenem Erleben keine Details. Aus Erzählungen wusste sie aber, dass es ein Glück war, einige sagten sogar Wunder, dass sie überlebt hatte. Bojana erzählte das sehr nüchtern, so nüchtern, als spräche sie nicht über sich. Ein Spezialist von der Karolinska versuchte das Bein noch zu retten, aber an der Amputation führte kein Weg vorbei. „Weil ich ein kleines Mädchen mit Jugo—Namen und großen dunklen Augen war, dachte natürlich jeder in der Schule, ich sei in eine Mine gelaufen und hatte zunächst unendlich Mitleid. Die wahre Geschichte konnte dann nur noch enttäuschen. Enttäuschen mit einem fehlenden Bein muss man erstmal hinbekommen.“
Der Arzt von damals behandelte Bojana über viele Jahre. Nach all der Zeit war er enger Freund der Familie geworden, und nachdem ihre Mutter vor knapp anderthalb Jahren zurück nach Bosnien gekehrt war, verbrachte Bojana zuletzt sogar Weihnachten mit ihm und seiner Frau. „Stockholm ohne Familie. Scheiße ist das mies. Das habe ich vor allem letzten Winter gemerkt. Wie hält man das alleine aus, Stockholmjunge? Verrat mir das Geheimnis!“
„Tageslichtlampen!“
„Verarsch mich nicht.“
„Nein, echt. Durch das Licht wird Serotonin… Okay, im Ernst. Man braucht jemanden, um hier ohne Depression durch den Winter zu kommen. Jemand Besonderen. Und im besten Fall hat dieser Jemand eine Tageslichtlampe. Meine hat übrigens 10.000 Lux. “ Sie lachte und schaute mich fragend an. Ich hoffte, dass sie überlegte, ob ich dieser Jemand sein könnte, und ich wollte dieser Jemand sein. Ob ich es sein durfte, würde die Zeit entscheiden, nicht dieser Abend.
Ich stellte ihr Fragen zur Prothese, die ich sonst vermutlich nicht bei einem ersten Date gestellt hätte, aber wer wusste das schon, so oft datete man schließlich keine Einbeinige. Sie redete offen und ohne Scham. Das gefiel mir. Unterdruck, Titan, Sportmodell und Alltagsprothese, kosmetischer Silikonüberzug. Den technischen Kram ratterte sie runter, um ihn einmal gesagt zu haben. Ich hatte gefragt und sie wollte nicht unhöflich sein. Spannend fand sie das selbst nicht, bis auf ein Detail.
„Man darf sich eine Nagellackfarbe aussuchen. Glaub mir, diese Entscheidung bedeutet jedes Mal schlaflose Nächte. Die Farbe bleibt monatelang drauf.“
Als sie 14 war, hatte sie ein großer Prothesen-Hersteller als Werbegesicht für Schweden entdeckt. Seitdem modelte sie für ihn und mittlerweile auch andere Auftraggeber.
„Nimmst du die Prothese beim Sex ab?“
„Du bist ganz schön frech für einen kleinen Schweden“, sagte sie und lachte das erste Mal ihr Balkanlachen. So ein Lachen lachte man nach einem gemeinsam begangenen Bankraub. Es war vertraut und dreckig. Man lachte es mit Menschen, mit denen man ein Geheimnis teilte. „Siehst du später. Ich will vorher mit dir tanzen gehen.“

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