Leseprobe: Katharina Radtke – „Schneestolz“

I.  

Am Ende der Straße erhob sich majestätisch die weiße Villa wie ein Riese, der aus dem Meer steigt. Ihre helle Fassade und die lackierten Dachziegel strahlten vor dem Kontrast der rostfarbenen Bäume, die in diesem September früher als sonst ihre Blätter zu verlieren begannen. Am Horizont konnte man den Strand erahnen. Clio wandte ihren Blick unwillkürlich von der Szenerie ab, als der schwarze Jeep knirschend auf die Auffahrt rollte und dabei viele kleine, weiße Kieselsteine in den Boden drückte. Warum fühlte sie sich wie ein Eindringling, jetzt wo sie an diesen Ort zurückkehrte? In dem großen, teuren Auto, ganz ohne die Unbeschwertheit ihrer Jugend – und mit Marcus. Ihre Blicke kreuzten sich.
„Die frische Luft wird dir guttun, mein Schatz.“, tönte er etwas zu selbstbewusst vom Fahrersitz. „Und am Wochenende komme ich dich besuchen. Es wird schon werden, ja?“
Clio nickte und stieß einen leisen Seufzer aus, während 1sie in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel kramte. „Ich war zu lange nicht hier. Ich hatte vergessen, wie schön es ist“, bemerkte sie.
Marcus öffnete den Kofferraum und nahm ihr Gepäck heraus, während sie vor zur Haustür ging. Der Wind rauschte durch die hübsche Allee im gehobenen Viertel, am Himmel schrie irgendwo eine Möwe und langsam begann es, sich wirklich wie eine Auszeit anzufühlen. Nicht, dass sie überarbeitet gewesen wäre, sie liebte ihre Arbeit als Journalistin, aber schließlich war sie auf ärztliche Anweisung hier. Mit zwei Fingern strich Clio den Staub von der geschwungenen Türklinke. Es war lange niemand hier gewesen. Vielleicht schon ein Jahr lang? Oft hatte sie ihre Eltern dafür getadelt, dass die Villa selbst in der Hochsaison leer stand und nur ab und zu ihre Schwester dort ein paar Tage verbrachte oder die alte Linda, die das Haus in Ordnung hielt, nach dem Rechten sah. Es war ein Relikt aus vergangenen Zeiten, als ihre Eltern noch frisch verliebt gewesen waren und in ihrem jugendlichen Eifer dieses Haus gekauft und liebevoll renoviert hatten. Ganz in weiß. Damals hatte es sicher noch spektakulärer gewirkt als heute, wo sich die High Society in bester Timmendorfer Strandlage mit ihren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen versuchte.
„Du hättest Linda gestern herbestellen sollen,“, stöhnte Marcus, als er ihren Koffer die steile Wendeltreppe hochhievte, „es ist doch alles ziemlich eingestaubt hier.“
Clio lachte. „Du weißt doch, dass ich alte Dinge mag. Das Meiste kann ich wohl noch selbst machen und wenn du unbedingt willst, kann sie ja nächste Woche kommen.“
Sie ließ ihren Blick durch die Loggia schweifen und fühlte sich schlagartig zuhause. Es war nur wie das kurze Aufflackern eines bekannten Gefühls, wie das Ankommen nach einer langen Reise. Die muffige Luft der ungelüfteten Räume und der Duft von altem Holz passten ganz wunderbar zu ihrer Stimmung. Sie hing ihre Jacke an die Garderobe und folgte Marcus die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Von der langen Autofahrt erschöpft ließ sie sich auf das Bett fallen und streckte die Arme von sich, während die Füße über dem Boden baumelten. Marcus stand an der Balkontür zu ihrer Linken und sah über das Meer hinweg. Dann drehte er sich um und lächelte sie an, bevor er sich auf die Bettkante setzte.
„Glaubst du an uns?“, fragte er mit zuversichtlichem Blick.
Clio erwiderte sein Lächeln halbherzig. Er war ein sehr erfolgreicher und einflussreicher Mann, ohne Frage. Aber manchmal sah sie in seinen Augen dieses naive Funkeln eines Menschen, dem es das Leben zu einfach gemacht hatte. Ja, wenn sie darüber nachdachte, konnte sie regelrecht wütend auf ihn werden – auf seine unbeirrbare Zuversicht. Sie zuckte mit den Schultern.
„Natürlich“, erwiderte sie schließlich.
Er strahlte sie an. „Dann werden wir hier bald schon zu dritt ein paar schöne Tage verbringen, hm?“, neckte er sie.
Clio konnte nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel verschmitzt nach oben zuckten. „Vielleicht.“
Marcus beugte sich über sie und küsste sie ein bisschen zu stürmisch. Langsam aber bestimmt schob sie ihn mit einer Hand von sich weg.
„Du kommst in den Stau, wenn du nicht bald losfährst.“ „Das ist mir ganz egal“, erwiderte er.
Sie sah ihn auffordernd an. „Na los, wir sehen uns ja schon Ende der Woche wieder!“
Marcus seufzte und nahm ihre Hand. „Gut. Aber bis dahin möchte ich, dass sich meine Frau eine ganz wunderbare Zeit hier macht, einverstanden?“
Clio küsste ihn auf die Wange. „Natürlich. Ich werde viel spazieren gehen und schwimmen. Und jetzt wünsche ich dir eine gute Fahrt!“
Marcus drückte ihre Hand noch einmal, stand auf und sah prüfend durch den Raum. Dann nickte er ihr zu und wandte sich zum Treppenabsatz. Clio folgte ihm und blickte durch die offene Haustür, bis der dunkle Jeep ansprang, auf der breiten Auffahrt wendete und schließlich mit demselben unangenehmen Knirschen langsam in der Ferne verschwand. Endlich war alles wieder wie früher, endlich herrschte wieder die betäubende, weiße Ruhe des Hauses und sie war ein Teil davon.

II. 

Am nächsten Morgen nutze Clio die milden spätsommerlichen Temperaturen, um mit großen, kräftigen Zügen auf das Meer hinauszuschwimmen. Der Himmel war wolkenverhangen, lediglich am Horizont konnte man die aufsteigende Sonne beobachten, die über dem Wasser funkelte wie ein winziger, roter Edelstein. Bald würde sie alles in ein pinkfarbenes Licht tauchen, aber noch war es dunkel. Unter ihrem Körper, der stromlinienförmig durch die sachten Wellen glitt, konnte Clio die schwarze Tiefe spüren, die sich mit kaltem Griff an ihre Beine klammerte. Sie konzentrierte sich auf ihre Bewegungen und sog den salzigen Geruch der frischen Meerluft ein, aber in der Stille dieses Morgens kreisten die Gedanken unaufhörlich in ihrem Kopf. Wie ich ihnen schon sagte, es gibt keine körperliche Ursache. Ihr Zyklus ist nicht regelmäßig, das kann viele Gründe haben…
Die dünne Stimme der Ärztin, die sie dabei eindringlich aus schmalen Augen ansah, der sterile, lieblose Raum und das unbarmherzige Ticken der Wanduhr hatten sich wie jedes andere Detail dieses Tages in Clios Gedächtnis eingebrannt. Ohne jedes Verständnis und fast ein wenig vorwurfsvoll hatte die Ärztin dann zwischen ihr und Marcus hin- und hergeblickt. Clio hatte geschluckt und etwas erwidern wollen, als ihr Mann antwortete. Wie oft hatte sie seine Worte von damals schon gehört! Es war schon über ein Jahr, seitdem sie es versuchten. Ein endloses Jahr für Clio, die unzählige Tests durchgeführt, Tee getrunken, ihre Körpertemperatur gemessen und sich jede kleine Veränderung notiert hatte. Aber es hatte alles nichts genutzt und somit hatte sie die Buchführung schließlich aufgegeben.
„Es muss doch eine Möglichkeit geben, endlich etwas zu unternehmen!“, forderte Marcus. Man merkte ihm an, dass der unerfüllte Kinderwunsch allmählich an ihrer Ehe und vor allem an seiner sonst so unumstößlichen Gelassenheit nagte. Er war es gewesen, der damals den ersten Schritt gemacht und den Wunsch nach einer Familie ausgesprochen hatte. Clio war anfangs zögerlich gewesen. Sie hätte gern noch ein, zwei Jahre gewartet, aber wie konnte sie ihm so etwas abschlagen, wo er sie sonst stets auf Händen trug? Außerdem war er älter als sie und bereits 38. Sie konnte verstehen, dass er nicht mit dem Gehstock im Türrahmen lehnen wollte, während seine Kinder draußen spielten.
Die Ärztin hatte schließlich ihre Brille zurechtgerückt, beide ernst angesehen und mit einem Seufzer vorgeschlagen: „Gönnen Sie sich doch mal eine Auszeit, wenn Sie können. Vielleicht fahren Sie weg? Irgendwohin, wo Sie innerlich zur Ruhe kommen und loslassen können.“
Obwohl Clio der bemutternde Ton ihrer Ärztin nicht gefiel, hatte sie schließlich eingewilligt, wegzufahren. Für Marcus war es allerdings als Geschäftsführer eines großen Verlages undenkbar, sich spontan frei zunehmen. Eigentlich war sie auch froh darüber, jetzt fernab von alldem zu sein: vom unerfüllten Kinderwunsch, von ihrem Mann und ihrer Ehe. Als sie vor drei Jahren recht plötzlich geheiratet hatten, war Clio sich sicher gewesen, die richtige und vor allem eine vernünftige Entscheidung getroffen zu haben. Er war immer zuvorkommend, gebildet und höflich und dabei so bodenständig. Ja, aber manchmal wurde ihr diese Harmonie zu eintönig und zu viel, die stete Reibungslosigkeit ihrer Beziehung, in der sie sich meist schrecklich schuldig fühlte, wenn es doch einmal Streit gab. Von Anfang an hatte es ein gewisses Ungleichgewicht zwischen ihnen gegeben: Er verherte sie wie nichts außer seiner Arbeit, aber sie konnte diese überschwänglichen Gefühle nicht auf dieselbe Art erwidern, dafür war sie früher zu tief verletzt worden. Sie liebte ihn – aber auf ihre leise Art und Weise. Außerdem fiel es ihr schwer, sich ihm zu öffnen. Sie hatte ihm noch nicht alles von sich erzählt: kaum von der traumatischen Trennung ihrer Eltern, als sie die Schule beendet hatte, von ihren Studienjahren und davon, dass sie insgeheim einen Verdacht hegte, warum es mit dem Kinderkriegen einfach nicht klappen wollte.
Ein plötzliches Frösteln riss Clio aus ihren Gedanken. Die Sonne war nun vollends aufgegangen und nur noch ein rosafarbener Schimmer war am Horizont zu sehen, als sie bemerkte, wie weit sie rausgeschwommen war. Sie drehte und steuerte auf den Strand zu. Bereits jetzt war die Wassertemperatur sicherlich auf unter 20 Grad gefallen und in ein paar Tagen konnte man vielleicht gar nicht mehr baden. Als sie den Strand erreicht hatte, war sie daher froh, heute Morgen so früh aufgestanden zu sein. Sie hatte die Küste fast für sich allein gehabt, bis auf ein älteres Ehepaar, das seinen Hund ausführte. Sie trocknete sich ab, warf ihr Kleid und die Tasche über und stieg auf das alte Hollandrad ihrer Mutter. Ihre Glieder fühlten sich allmählich schwer und müde an und der Fahrtwind blies ihr die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Als sie endlich die Villa erreichte, ließ sie erschöpft die Tasche neben die Tür fallen und eilte die Treppe hinauf ins Badezimmer, um eine lange, heiße Dusche zu nehmen.
Es war schon Zehn Uhr, als sie schließlich die Treppe herunterkam, um zu frühstücken. Sie öffnete die Kühlschranktür, sah, dass er leer war und fluchte leise, als sie sachte jemand an der Schulter berührte. Blitzschnell fuhr sie herum und sah in zwei liebevolle, blaue Augen.
„Linda! Was machst du hier so früh?“, entwich es ihr.
„Wonach sieht es denn aus?“, entgegnete Linda verschmitzt, stellte den Putzeimer auf den Boden und wischte sich die Hände an der Schürze ab, „die Fenster putzen sich leider nicht von alleine. Und außerdem muss ich sagen, dass deine Schwester einen ziemlichen Saustall hinterlassen hat.“.
Clio nahm ihre alte Freundin in den Arm. Linda hatte hier bereits für Ordnung gesorgt, als sie mit ihren Eltern fast jeden Sommer in der weißen Villa verbracht hatte, wenn deren Hamburger Arztpraxis für zwei Wochen geschlossen blieb.
„Marcus hat dich geschickt, stimmt’s?“, fragte sie und zupfte Linda ein Blatt aus dem Haar, dass sich in einer graumelierten Strähne verfangen hatte.
Linda nickte und deutete auf die Tür. „Frühstück steht draußen auf dem Esstisch und die Post liegt auch daneben. Es ist ganz schön was zusammengekommen.“.
„Danke. Es ist schön, dich zu sehen“, erwiderte Clio und verließ den Raum. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die großen Fensterflügel, die auf die Veranda hinaus führten, geöffnet waren und ein leichter Wind hereinwehte. Auf dem Tisch stand eine Papiertüte mit Croissants, ein Kaffee vom Bäcker und ein Korb voller Einkäufe. Clio streckte sich und gluckste zufrieden. Es war sehr aufmerksam von Linda, ihr das Frühstück vorbeizubringen und sie freute sich über die Gesellschaft. Zuhause in Frankfurt war sie meistens alleine. Da konnte sie auch darüber hinwegsehen, dass sie sich wieder ein wenig wie ein kleines Mädchen fühlte, wenn jemand Anderes für sie putzte und ihr das Essen brachte. Was soll’s, dachte sie, immerhin war sie zum ausspannen hier und einen Tag lang konnte sie sich ja verwöhnen lassen. Später würde sie sich vielleicht revanchieren und Linda zum Essen einladen.
Ihr Blick fiel auf den Papierstapel auf den Tisch. Sie hatte gestern ganz vergessen, nach der Post zu sehen. Aber Linda hatte einen Schlüssel und leerte den Briefkasten alle paar Tage. Wenn etwas Wichtiges dabei gewesen wäre, hätte sie also sicher Bescheid gegeben. Gelangweilt blätterte Clio durch die Briefe. Rechnungen vom Telefonanbieter – die wurden automatisch eingezogen – , dutzende Werbeprospekte vom lokalen Supermarkt, Einladungen zu einer Gala und einem Konzert im Maritim-Hotel, aber beides war schon vorüber, das  Gemeindeblatt … Plötzlich fiel ein schwerer Großumschlag aus dem Stapel. Clio hob ihn auf. Dem Gewicht nach musste ein ganzes Buch darin stecken. Als sie ihn umdrehte, stockte ihr plötzlich der Atem. Sie stellte ihren Kaffeebecher ab und sah ungläubig auf die Buchstaben: Der Brief war an sie persönlich adressiert und sie erkannte die Handschrift sofort. Es war Vincents. Als sie den Umschlag umdrehte konnte sie auf der Falz eine Adresse und seinen Namen erkennen: V. Artmann.
Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was wollte er plötzlich von ihr, ausgerechnet jetzt? Suchten sie die Geister ihrer Vergangenheit zur Strafe heim, weil sie jetzt glücklich war? Wie von fern erklang Lindas gedämpfte Stimme.
„Erkälte dich nicht, meine Kleine“, rief sie, „ich lüfte gerade ein bisschen.“.
„Ja – lass dich von mir nicht stören, ich geh‘ wieder rauf“, antwortete Clio geistesabwesend und schob die restliche Post zusammen. Dann klemmte sie sich den Brief unter den Arm und ging raschen Schrittes die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Von innen lehnte sie sich gegen die Tür und atmete tief durch. Zitternd wog sie den Brief in den Händen. Wenn sie zur Balkontür sah, war ihr, als stünde Marcus noch immer dort und sähe anklagend zu ihr herüber.
Aber warum hast du denn nichts gesagt, mein Schatz?, würde er fragen. Und dann: Jetzt kann ich das alles viel besser verstehen und sie wäre wieder in der Opferrolle, die sie so hasste. Aber sie hatte auch mit Vincent an einem stürmischen Dezembertag auf dem Balkon gestanden, eingehüllt in eine warme Decke und aufs Meer hinunter gesehen, damals als sie frisch verliebt waren und in den Ferien eine Woche an der Küste verbracht hatten. Wütend schmiss sie den Umschlag aufs Bett und sah aus dem Fenster, als ob sie seine Existenz einfach ignorieren konnte. Vincent war Vergangenheit, sie hatten ohnehin nur ein paar schöne Monate zusammen verbracht, bevor alles ein sehr unschönes Ende genommen hatte.
Sie schloss die Augen und versuchte, Abstand zu den aufkeimenden Erinnerungen zu bewahren. Was dachte er sich bloß, nach all den Jahren einfach so zu schreiben? Es waren schon über sechs Jahre vergangen, seitdem sie aus Oxford weggegangen und in Frankfurt ein neues Leben begonnen hatte. Ihr Vater war gestorben, ihre Mutter lebte in einem gutbezahlten Alterswohnsitz, sie hatte Marcus geheiratet und mit ihm ein neues Leben begonnen. Aber jetzt dieser Brief. Mit einem störrischen Seufzer tippte sie langsam den Zeigefinger gegen die Nase, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. Vincent musste doch wissen, dass sie nur noch selten herkam. Ja, es hätte sogar sein können, dass die Villa inzwischen verkauft wäre. In der Tat hatte sie schon öfter darüber nachgedacht – die Preise auf dem hiesigen Immobilienmarkt explodierten immerhin geradezu – aber es hingen zu viele Erinnerungen an dem Haus. Jedenfalls konnte sie nicht zulassen, dass dieses kleine, unscheinbare Päckchen ihr Leben durcheinanderbrachte.
Sie legte den Brief auf den kleinen Sekretär in der Ecke und schob ihn unter einen Stapel mit Gartenzeitschriften ihrer Mutter. Ich habe dich einfach nie bekommen, sagte sie zu sich und dem Papierbündel, das ganz in seinem Grab aus Hochglanzmagazinen verborgen war. Dann griff sie zu ihrem Handy auf dem Nachttisch: Zwei neue Nachrichten. Sie lächelte. Marcus musste sie wohl sehr vermissen. Er erkundigte sich, wie es ihr bisher gefiele und ob sie sich schon zu Tode gelangweilt hätte. Am Wochenende, wenn er sie wie versprochen besuchen kam, wollte er sie nach Hamburg ins Theater ausführen. Ihr zuliebe, das wusste sie. Marcus war es eigentlich lieber, in der Freizeit seine Ruhe zu haben. Das Verlagsgeschäft bei „Schwartz auf Weiß“ war unter der Woche anstrengend genug.
Sie überlegte kurz, ob sie ihn anrufen sollte, um ihm zu sagen, dass sie sich auf ihn freute. Das war nicht gelogen. Sie freute sich darüber, dass er sich so sehr um sie bemühte, aber im Moment war ihr ein bisschen Einsamkeit lieber, also schrieb sie nur eine SMS und bedankte sich. Dann überlegte sie kurz, öffnete rasch die Tür und rief die Treppe hinunter:
„Linda? Bist du noch da?“.
„Jawohl.“, ertönte die Antwort vom Treppenabsatz. „Aber ich wollte gerade gehen. Ist noch was?“
Clio ging mit langsamen Schritten die Treppe herunter. „Ach, eigentlich nicht … Ich dachte nur, vielleicht hast du heute Abend Lust, mit einer alten Freundin essen zu gehen?“
Linda lachte und strich ihre Schürze glatt. „Für dich hab‘ ich immer Zeit, weißt du doch“, sie kratzte sich am Kinn, „allerdings ist heute Abend schlecht. Vielleich morgen?“
„Ja, gerne. Ich ruf dich morgen an.“ Clio hielt ihr die Tür auf und winkte, als Linda zu ihrem Twingo stapfte und den Putzkorb im Kofferraum verstaute. Als das Auto langsam die Einfahrt herunterrollte, befiel Clio ein ungutes Gefühl.

 

[…]

XIV. 

Als Clio wieder in der Villa war, war es Mittag. Sie goss sich ein Glas Wasser ein und ging zielstrebig zurück in Wohnzimmer. Es war ihr egal, dass ihr Frühstücksgeschirr noch unaufgeräumt im Wohnzimmer stand und sich im Schlafzimmer die Wäsche häufte. Sie sah zu dem Bild ihres Vaters hinüber, das auf der alten Kommode neben dem Kamin stand. Ihre Mutter hatte es nach der Trennung weggeworfen, aber Clio hatte es aus dem Mülleimer gefischt.
Dann, als er krank wurde, hatte ihre Mutter begonnen, über die vielen kleinen Streitereien hinwegzusehen und ihr Eltern hatten sich wieder besser verstanden. Clio hatte das Bild erst auf ihrem Schreibtisch im Collegezimmer stehen, später hatte sie es dann hier aufgestellt. Einfach, weil sie die Villa viel mehr mit ihrem Vater verband, als das Haus in Frankfurt.
Ihr Vater lächelte sie von dort aus still und gutmütig an. Es ging etwas so Kraftvolles von diesem Bild aus, das hatte Clio immer schon gedacht. Dabei war es ein altes Bild von der Soldatenzeit ihres Vaters, als er als vor dem Studium als Sanitäter im Lazarett eingesetzt war. Es war in Sepia und er war noch ein junger Mann mit dunklem, buschigem Haar, hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem breiten Lächeln.
Es war schade, dass sie ihn zu dieser Zeit nicht gekannt hatte, dachte Clio oft. Diese Bild sagte ihr viel mehr zu, als das Foto ihres Vaters, das schließlich in der Todesanzeige abgedruckt worden war und welches das letzte war, das sie von ihm besaß. Es war kurz bevor er von der Krankheit erfahren hatte bei einem Spaziergang aufgenommen worden und darin lag gerade die Heimtücke.
Die gesamte Trauerfeier über hatte sie das Bild auf dem Programmheft angestarrt, den sorglosen Mann, der an einem Baum lehnte und in die Kamera lächelte, die ihre Schwester in der Hand hielt. Dabei hatte das schreckliche Geschwulst schon damals in ihm gewütet.
Nein, es war kein gänzlich sorgloses Lächeln, hatte sie sich eingebildet, als sie während des Gottesdienstes unablässig auf das kleine Foto gestarrt hatte: Wenn man genau hinsah, konnte man schon erkennen, wie die Krankheit ihn gezeichnet hatte. Es war kaum merklich, aber es war da – sie war sich sicher. Sie hätte es früher erkennen können! Sie hätte noch Zeit mit ihm verbringen können, stattdessen hatte sie ihr Studentenleben mit Vincent genossen, ohne an Morgen zu denken.
Als sie dann später am offenen Grab stand, hatte sie sich gefühlt wie eine Heuchlerin. Von ihrem Schwager hatte sie erfahren, dass ihre Mutter und ihre Schwester schon viel länger um die Krankheit gewusst hatten, sie damit während ihres Studiums im Ausland aber nicht belasten wollten. Dort standen sie neben ihr und empfingen Beleidsbekundigungen,  hatten ihren Frieden gemacht und konnten in Ruhe Abschied nehmen. Clio fühlte sich wie der einzige Mensch auf der Welt, der nicht noch einmal sein wahrhaft glückliches Lachen zu Gesicht bekommen hatte und der jetzt für immer die Erinnerung an einen gebrochenen Mann im Herzen tragen musste.
Trotzig hatte sie die fremden Hände seiner vielen ehemaligen Patienten geschüttelt und sich geekelt vor der Falschheit der Leute, die herausgeputzt vor ihr standen und sie mitleidig ansahen wie ein Kind. Wahrscheinlich hatte sie sich damals auch so verhalten, aber der Gedanke daran erzürnte Clio immer noch: Sie hatte sich von ihrer Familie um die letzten schönen Tage mit ihrem Vater betrogen gefühlt.
Verstohlen warf sie dem Bildnis auf der Kommode einen Kuss zu und nahm nach einem Moment der Stille, in dem ihr das lebensbejahende Lächeln ihres Vaters Mut zuzusprechen schien, den Brief wieder an sich.
Nach meiner Rückkehr Mitte April sahen wir uns nicht wieder. Ich hörte von Bekannten, dass dein Vater gestorben war und dachte oft daran, eine Kondolenzkarte zu schreiben, aber wieder einmal fehlten mir die Worte. Die Wochen des Trinity Terms zogen dahin und wir trafen uns nicht. Wir hatten unterschiedliche Kurse belegt und schrieben beide in unsere Zimmer zurückgezogen die Abschlussarbeiten.
Die Stille und Einsamkeit dieser Zeit brachte mich dazu, über die Geschehnisse nachzudenken. Oxford war nicht mehr dasselbe ohne dich. Ich fasste mir schließlich ein Herz und beschloss, dass ich dich zumindest noch einmal sehen und mich verabschieden musste, bevor ich England am Ende des Trimesters wahrscheinlich für immer verließ. Über dein Postfach ließ ich dir eine Nachricht zukommen und zu meiner Überraschung stimmtest du einem Treffen zu. Aber was dann geschah, sollte für mich alles nur noch schlimmer machen.
Verärgert warf sich Clio gegen die Sofalehne. Für ihn sollte es alles noch schlimmer machen! Ob er auch einen Gedanken daran verschwendete, wie sie sich gefühlt hatte? Wie sie bis heute noch Albträume verfolgten und an den meisten Tagen dieses Gefühl innerer Leere?
Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie sich, wieder auf das Papier zu sehen.
Ich sollte erfahren, wie viel du meinetwegen gelitten hast. Glaube mir, diese Vorstellung deiner Qualen macht mir jeden Tag des Lebens zu meiner eigenen Hölle.
Wir trafen uns in ‚The Mitre‘, unserem Lieblingsrestaurant, in dem wir so oft zusammen High Tea getrunken oder Burger gegessen hatten. Ich saß schon lange am Tisch und blätterte nervös durch die Karten, die ich beinahe auswendig kannte, um meine Finger zu beschäftigen. Du warst mir längst nicht egal und auch, wenn ich mich auf meiner Europareise mit unbedeutenden Affären abgelenkt hatte, dachte ich noch viel an dich. Ich wusste aber auch, dass es zwischen uns nie wieder so werden konnte, wie früher. Trotzdem wollte ich dir zumindest mein Beileid aussprechen.
Als du endlich durch die Tür kamst, traf mich dein Anblick wie ein Stich ins Herz. Dein zierliches Gesicht war gänzlich fahl und die Schatten unter deinen Augen ließen dich matt und abgeschlagen wirken.
Ich bemerkte, dass du dir Mühe gabst, möglichst gefasst zu wirken, aber diese Fassade durchschaute ich sofort. Und was sich dahinter verbarg – noch heute packt mich beim Gedanken daran das blanke Entsetzen und Reue, tiefe, unvorstellbar schmerzhafte Reue. Mit einem Mal konnte ich all die Qualen sehen, die du ausgestanden hattest: Die durchwachten, tränenreichen Nächte voller Ungewissheit zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit, die nackte Angst im Angesicht des Todes mitten unter deinen Lieben und die schreckliche Einsamkeit, der ich dich ausgeliefert hatte. All das hattest du meinetwegen erlitten. Weil ich zu feige war. Ich wusste es und fühlte mich wie der letzte Mensch auf der Welt, schuldig und des Lebens unwürdig.
Clio hielt einen Moment inne. Diese Worte verschafften ihr nicht die Genugtuung, die sie sich erhofft hatte. Es stimmte, was er schrieb. Sie hatte unvorstellbar gelitten. Nichts in ihrem Leben war seitdem dasselbe gewesen und sie hatte nie wieder etwas Vergleichbares erlebt. Die stete Angst, verlassen zu werden oder etwas zu verlieren, war seitdem tief in ihr verwurzelt.
Aber Vincents Zeilen bewirkten nur, dass sie sich kalt fühlte. Nicht mehr wütend oder empört. Es behagte ihr nicht, dass Vincent so über sich selbst sprach. Erneut sah sie zu dem Bild herüber – war das etwa ihres Vaters Tochter?
Sie wusste, welche Wendung die Szene jetzt nehmen würde und las nur widerwillig weiter.
Du kamst an meinen Tisch und unsere Blicke kreuzten sich kurz, als du dich setztest. Statt des liebgewonnenen Strahlens konnte ich in deinen einst so warmen Augen nur eine kalte Leere erspähen. Sie waren glanzlos und trüb.
Und plötzlich hatte ich, als ich dich ansah, einen riesengroßen Kloß im Hals. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Ich saß dort und bekam kein Wort heraus, legte mir in Gedanken tausend unpassende Sätze zurecht und schwieg dich an. Dann überraschtest du mich wieder einmal.  „Wie geht es dir?“, fragtest du. Du fragtest mich das. Und es war keine rhetorische Frage, in deinem Gesicht konnte ich sehen, dass du es ernst meintest. Mir fiel eine solche Last von den Schultern! Immerhin, du hasstest mich nicht. Dabei hatte ich das geglaubt und war mir sicher gewesen, du hättest nur noch Verachtung für mich übrig gehabt.
Aber mit diesem einen Satz, mit dieser simplen Frage und dem kurzen Augenblick ehrlichen menschlichen Interesses hast du mir damals die Absolution erteilt. Du warst also immer noch dieselbe, liebenswerte Person, die ich zu kennen glaubte! Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer und für den Bruchteil einer Millisekunde sah ich uns in einer möglichen Zukunft, uns beide, wieder Hand in Hand durch Oxfords Straßen laufen. Aber es sollte nicht sein.
Oh, wenn ich doch nur in diesem Augenblick hätte verweilen können, mehr wollte ich nicht! In diesem Moment, der scheinbar meine ganze Schuld fortgewaschen und meine Seele besänftigt hatte. Dann könnte ich jetzt in Frieen sterben.
Clio fuhr mit dem Finger über das letzte Wort. Nein!, dachte etwas in ihr und die ersten Tropfen vielen auf das Blatt. Er durfte es nicht. Er durfte nicht gehen, so wie ihr gemeinsames Kind nicht hätte gehen dürfen und wie das alles nicht hätte passieren dürfen!
Sie raufte sich mit dem Papier in der Hand die Haare und verteilte dabei die schwarze Tinte in ihrem Gesicht, die an den tränennassen Fingern klebte. Dann brach sie in lautes Schluchzen aus, rief immer wieder laut „Nein!“ und küsste das nasse Papier mit aufgequollenen Lippen, bis die Schrift kaum noch zu erkennen war. Wenn sie jetzt wenigstens ein Bild hätte, das sie beweinen könnte!
Aber vielleicht gab es ja noch Hoffnung?, ging es ihr nach einer Weile durch den Kopf. Die Tränen hatten sie beruhigt und sie sammelte wieder Kraft, um die nächste Seite zu lesen.
Ich stammelte irgendetwas, dass es mir ganz gut ginge und stotterte wie ein kleiner Junge. Dann, nach ein paar Worten, sprudelte es zusammenhanglos aus mir heraus. Mir war auch egal, ob meine Sätze vernünftig oder wohlgeformt waren – dieser ganze Ballast musste einfach von meiner Seele. Ich habe sicher ein dutzend Mal die Worte „Entschuldigung“ und „verzeihen“ benutzt und wusste am Ende selbst nicht mehr, was ich gesagt hatte. Zu meiner Überraschung wurde dein Blick nur noch trauriger.
Du nahmst meine Hand – ganz kurz und förmlich – und betrachtetest eine gefühlte Ewigkeit lang die vertrauten Linien und Fältchen. Dann sagtest du etwas, das mich für immer verändern sollte:
„Vincent, so sehr ich dir verzeihen möchte, ich kann nicht. Ich habe ein Kind von dir erwartet, damals, und als mein Vater gestorben war, habe ich es verloren.“
Du sprachst die Worte so ruhig und gefasst aus, als ob du sie dir schon monatelang überlegt hattest. Wahrscheinlich war es auch so. Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich und ich war nicht in der Lage, irgendwie zu reagieren.
Stattdessen starrte ich in deine dunklen Augen, die mich groß und erwartungsvoll ansahen und mich immer tiefer in sich hineinzuziehen schienen. Ich konnte nichts mehr denken, nichts mehr fühlen und nichts mehr sehen, außer dieser großen Dunkelheit, die mich zu verschlingen drohte. Wie von fern hörte ich deine Stimme, als du dich erhobst, um zu gehen:
„Mach‘s gut, Vince.“
Dann tratst du durch die Tür und ich sollte dich nie wiedersehen. Erst, als der Kellner an meinem Tisch stand und mich fragte, was ich trinken wolle, kam ich wieder zu mir. Du warst fort, nur die Türglocke schellte noch wie ein leiser Nachklang deiner Präsenz und ich lauschte ihr, bis auch das letzte Tönchen verklungen war.

[…]

XXV.  

Clio ließ den Blick über die kunstvoll gestalteten Grabmäler schweifen, während sie über den breiten, asphaltierten Weg schritt. Jedes davon schien das vorherige noch zu übertrumpfen und die feierliche Andächtigkeit geradezu zu zelebrieren. So etwas hätte Vincent nicht gewollt, das wusste sie. Wenn es nach ihm ging, würde er wohl ohne Grabstein unter einem Baum liegen.
Als sie fast da war, erkannte sie seine Ruhestätte schon aus der Ferne. Etwas abseits von einem pompösen Familiengrab war eine Parzelle mit frischer Erde aufgeschüttet, noch ohne Grabstein und nur mit einem Holzkreuz gekennzeichnet, damit sich alles erst noch einige Wochen setzen konnte. Das musste es sein!
Wie in Trance trat sie näher heran, in der einen Hand die Karte, die andere immer noch schmerzhaft um das Blumennetz gekrampft.
Die Zeit schien für einen Augenblick stehenzubleiben, als sie die Inschrift auf dem breiten Holzkreuz las: Vincent Artmann, geliebter Sohn und Bruder. Darunter seine Geburtsdaten und in Kursiven ein Gedicht:
Frisches Leben keimt aus der Erde.
An den Ästen ein leichter, grüner Flor.
Mir ist, als ob es Frühling werde
und Hoffnung findet, wer sie jüngst verlor.
Clio sah zu Boden und sofort fielen ihre Tränen in kleinen, kristallenen Tropfen auf die duftende Erde. Sie kannte diese Zeilen – sie waren natürlich aus Vincents Feder. Er hatte sie ihr aufgesagt, als sie an einem schönen Frühlingstag im Hilary Term Hand in Hand durch Port Meadow gewandert und den endlosen Ufern des Cherwell mit seinen unzähligen, possierlichen Hausbooten gefolgt waren. Die ersten Sonnenstrahlen des Jahres hatten ihre Nasen gekitzelt und die jugendliche Ausgelassenheit in ihren Gemütern überschäumen lassen, sodass Vincent auf ihr Drängen hin einige seiner alten Werke zu rezitieren begonnen hatte.
Clio hatte lange nicht mehr daran gedacht und war sich sicher gewesen, diese Zeilen längst vergessen zu haben, aber jetzt wo sie die Inschrift las, war alles wieder da.
Überwältigt von der Rührung über diese Erinnerung und dem Schmerz beim Anblick des Kreuzes sank sie vor dem Grab auf die Knie. Neben ihr fielen die Zwiebeln in ihrem Netz auf  den Grasboden und die gesamte Erschöpfung und Anspannung der letzten Wochen brach sich flutartig Bahn. Lautlos schluchzte Clio, rang verzweifelt nach Luft und hielt die Hände auf, um zu spüren, wie die Tränen ihre taube Haut benetzten. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme versagte.
Mit geschlossenen Augen versenkte sie sich in die Erinnerung, wollte zeitreisen und die Gegenwart gegen eine unmögliche Vergangenheit eintauschen. Kraftlos sprach sie seinen Namen, rüttelte im Geiste an dem leblosen Körper, wollte ihn anflehen und wachküssen. Aber die schwarzen Buchstaben, die wie Wunden in das Holz gebrannt waren, starrten nur stumm zurück und ihre Verzweiflung verhallte ungehört.
Die Zeit lief weiter: Ein paar Sperlinge hüpften hinter dem Grab durch das Gras und pickten im weichen Boden nach Käfern. In einiger Entfernung konnte man die Autos vorbeirauschen hören und irgendwo klapperten Gießkannen.
Mit brennender Kehle sah Clio auf die Zwiebeln. Ihre weißen Finger rissen das Netz auf ohne zu bemerken, wie das Nylon in die Haut schnitt. Sie entdeckte einige wenige rote Tropfen, mit denen die blutleeren Finger die Knollen benetzt hatten und lächelte ein trauriges Lachen. Ja, das sollte ihr Abschiedsgeschenk an Vincent sein: Blumen für sein Grab, die sie selbst genährt hatte. Diese Kinder konnte er nicht verstoßen, ging es ihr durch den Kopf und sie erschrak  sofort über diesen Gedanken.
Sie hatte kein Werkzeug dabei und so rutschte sie auf Knien so nah wie möglich von der Seite an das Grab heran, lehnte sich zum Kreuz und begann, die Erde mit den Händen abzutragen. Heute trage ich nicht nur dich zu Grabe, dachte sie voller Bedauern, sondern auch unsere Liebe, unser Kind und die Unbeschwertheit unserer Jugend. Sofort fühlte sie, wie ihre Augen brannten und wieder Tränen ihre Wangen hinabflossen.
Ungefähr dreimal so tief wie die Zwiebeln musste sie graben, das hatte Linda ihr schon als kleines Mädchen beigebracht. Oh Linda, meine liebe Linda! rief sie in Gedanken aus, ich habe dir solches Unrecht getan, ja und nicht nur dir – aber bald werde ich alles erklären!
Andächtig nahm Clio die erste Zwiebel aus dem Netz und setzte sie in die Erde. Ein, zwei Tränen fielen noch darauf, ehe sie etwas von dem lockeren Mutterboden durch ihre Finger rieseln ließ. Just, als die erste dünne Schicht den Schneestolz bedeckte, brach aus der Wolkendecke über ihr ein feiner, dünner Sonnenstrahl und fiel auf dieselbe Stelle. Voller Glück sah Clio erst auf ihren in goldenes Licht getauchten Schützling und dann auf zum Himmel. Auch, wenn Vincent trotz seiner Internatszeit kein bibeltreuer Katholik gewesen war, so war er doch auf seine Art religiös gewesen und Clio war sich sicher, dass er jetzt an den richtigen Ort geleitet würde.
Sie pflanzte noch sechs weitere Blumenzwiebeln, bevor sie sich von den geschundenen Knien erhob. Wehmütig und zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Sieben Zöglinge, alle mit ihren Tränen begossen und mit ihrem Blut genährt.
„Mach’s gut, Vince,“, flüsterte sie mit gebrochener Stimme, als sie sich umdrehte, „Ich muss jetzt gehen und das Leben leben, das du mir gewünscht hast.“

 

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