Leseprobe: Chrizzi Heinen – „Das schwarze Loch“

Die Lange Nacht der offenen Bäder

Nachts um drei erreichte der Geldtransporter mit dem Schweizer Autokennzeichen die Innenstadt. Nervös wie ein grundelnder Wels tuckerte er die Paulsberger Allee hinauf, umsäumt von schwer bewachsene Haselnussbäumen, die ihre Köpfe neigten. Der Transporter, ein neuer Volvo in blau-metallic-Finish, spiegelte das orangegelbe Licht der Straßenlaternen wider. An beiden Hintertüren klebten große Logos, welche man nun in der Dunkelheit kaum entziffern konnte: ein silberner Aufkleber mit den Umrissen Dagobert Ducks und der Schriftzug Geld sicher transportieren, perfekte Tarnung! Tagsüber zog der Wagen alle Aufmerksamkeit auf sich, in den Köpfen der Menschen am Straßenrand, die den Wagen sahen, brodelte es: Strumpfmasken, Überfälle und Unfälle, bei denen demolierte Autoteile zu geöffneten Schatztruhen wurden. Ein Schwarm von fliegendem Müll umgab die seltene Karre: Fast unsichtbar die kleine Folien von Bonbons und silberne Kaugummipapierchen, die das Laternenlicht flackernd reflektierten, mehrere Bäckereitüten als braune Lappen, zwei, drei, platte, tote Vögel, eine Blechdose, zwei Plastikflaschen und drei Bananenschalen. Wie ein fahrender Staubsauger zog der Volvo alles an, für kurze Zeit pappte der gesamte Unrat an den Fensterscheiben und der glänzenden Karosserie. Kronkorken klirrten kurz gegen die Autoscheiben, doch ein kaum sichtbarer Lüftungsschlitz, der auf dem Dach des Autos angebracht war, pustete den gesamten Unrat wie in einer unsorgfältigen Mülltrennungsanlage auf den sauberen Asphalt zurück.
Auf dem Autodach: Eine tote Katze, ihr Kopf an der Seite hinunter hängend, ihr Gesicht gegen eine der getönten Scheiben gedrückt als spähe sie dadurch doch eine Maus auf einem Autositz, mehrere Spatzen, auf dem Rückend liegend, tote Ausstrahlung, obwohl der Flaum vom Fahrtwind flatterte, die Köpfe im Nacken verkrampft, dazwischen Bäckereitüten und viele, viele goldene Kronkorken, die dem Geldtransporter als dilettantische Geldstücke eine ironische Note verliehen.
Der Wagen hielt nun an der Kreuzung vor dem leerstehenden Batteriegeschäft und fuhr bei grün langsam weiter, vorbei am größten Second Hand Kaufhaus Europas, vorbei an Bertas Erotikfachhandel, vorbei an der Biobäckerei Atomic Bread, vorbei an Handyläden, an Aurelias Ein-Euro-Laden und der kleinen gelben Post, in der Hildi ihre Briefe aufgab, weil ihr Rechner vor drei Jahren kaputt gegangen war und sie seitdem keine Emails schrieb.
Wer genauer hinschaute, der konnte erkennen, dass sich jedes einzelne Haus, in denen sich diese Ladenlokale befanden, aus seiner Mitte heraus für etwa drei Millimeter in Richtung Straße beulte, wenn der Transporter an ihnen vorbeizog. Wie kleine Bäuche dehnten sich die Fassaden einmal kurz aus, war der Transporter an einem Haus vorbei, zogen sie sich auch schon wieder zusammen. Auch die Baumkronen beugten sich nacheinander in einer Aloha-Welle kurz nach vorne und richteten sich auf sobald der Transporter sie passiert hatte. Die starke Anziehungskraft, die der Wagen auf seine Umgebung ausübte, war beängstigend.
Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt „Die lange Nacht der offenen Bäder,“ in der alle städtischen Schwimmbäder vom frühen Abend bis zum frühen Morgen ihre Pforten öffnen. Da Schlafen für mich leider nie eine Lösung gewesen ist, schätze ich das Konzept der langen Nächte, das auch in anderen Einrichtungen in der Stadt in wechselnden Abständen stattfindet, sehr.
„Die lange Nacht der offenen Supermärkte“ findet in ausgewählten Filialen bereits täglich statt, das wird dann aber nicht von der Stadt organisiert. Ich liebe Supermärkte nach 23 Uhr, sie sind so wie Kneipen vor 11 Uhr, kein Mensch ist mehr richtig konzentriert, alle haben einen euphorischen Müdigkeitszustand erreicht. Man döst den Einkaufswagen mit irgendwelchen Sachen voll, die man tagsüber nie kaufen würde. Dabei meine ich gar nicht Bier oder andere
Abendgetränke, ich denke an eigenartige Lebensmittel, zum Beispiel überteuerte rote Kartoffeln aus Frankreich oder blaue Bohnen, die man zwei Stunden kochen muss, damit sie bekömmlich werden, oder abgepackte italienische Biskuitkuchen, die in Regenbogenfarben eingefärbt sind. Jede Farbe schmeckt gleich und ziemlich langweilig nach Rührteig mit zu viel Ei. Aber ich habe so eine torta arcobaleno an einem frühen Morgen gegen vier Uhr im Supermarkt gekauft und
kann das Glück kaum beschreiben, als ich das bunte Ding in meine grüne Umhängetasche plumpsen spürte.
Nach 23 Uhr ist im Supermarkt Love in the Air, vielleicht etwas übertrieben, aber es herrscht allgemeines Wohlwollen, man schaut Leuten auch mal direkt ins Gesicht, taucht mit ihnen in tiefe Kühltheken ein, wühlt mit geschlossenen Augen darin herum und greift nach irgendeinem Überraschungsprodukt. Selbst das junge Kassenpersonal, das für diese späten Schichten eingesetzt wird, kommt rüber wie entspannte Barkeepers in Chillout-Zones. Störend ist wie immer das Licht, dafür kostet Supermarkt keinen Eintritt.

Leseprobe 2

Manchmal setzt Bodo unsere Freundschaft aufs Spiel, mit seinem Körper, seiner immer präsenten Stimme. Auf den ersten Blick würde man ihn als wuchtig und ungepflegt beschreiben. Beim zweiten Hinsehen fällt seine Leber ins Auge, die oberhalb seiner Taille rechts wie eine Schinkenkeule unter seinem engen T-Shirt hervorquillt, wenn er ein solches trägt.(Fußnote 11) Deshalb ist leider zu vermuten, dass er früh sterben wird, und auch aufgrund seines speziellen ‚Lebens‘-Stils, seinem Be-Yond, einem Kunstwort, das sich aus ‚be‘ und ‚beyond‘ zusammensetzt, seinem Konzept eines jenseitigen Lebens außerhalb von Raum und Zeit. Bodo hat mal gesagt, dass der Tod nur eine Krankheit oder eine exklusive Lebensform ist. Seine Lust am Risiko zieht die meisten Leute an, weil sie es als beruhigend empfinden, dass er unaufhörlich weiter macht und sich bei allem Schwabbel so zäh hält. Die Räume, in denen er sich aufhält, vor allem Das Loch, haben keine oder geschlossene Fenster, die Luft um ihn herum ist meist rauchig und staubig.
Wie selbstverständlich nenne ich Bodo vor Gregor, wenn ich von Bodo und Gregor rede, selbst wenn ich Gregor und Bodo meine. Gregor mag vielleicht nur Bodos kleiner Sidekick, aber wenn schon, ein feiner Sidekick! Und um es schnell vorwegzunehmen: Gregor ist meine große Liebe.(Fußnote 12) Diese Tatsache charakterisiert ihn ja eigentlich schon ausreichend, doch muss ich wohl doch noch ein paar Kleinigkeiten zu seinem Aussehen verraten, selbst wenn es wohl mehr Sinn machen würde seinen Geruch zu beschreiben, aber das mache ich lieber nicht, da Gerüche oft per se negativ ausgelegt werden und ich Gregor an dieser Stelle nicht in ein schlechtes Licht stellen möchte. Seine Haut, falls das interessiert, ist von der täglichen Arbeit im Freien jedenfalls etwas dunkel, dieser Teint überdauert den eisigsten Winter dieser Stadt bis zum nächsten Frühjahr. Seit ich ihn kenne, behandelt er seine schwarz-braunen Haare, die er in einem soften, selbstgeschnittenen Vokuhila trägt, mit Wasserstoffperoxid. Wenn er frisch blondiert ist, sieht das immer so aus als trüge er ein gelbweißes Mützchen auf dem Kopf. Das ganze fängt erst dann wieder an gut auszuschauen, wenn die Ansätze etwas rauswachsen und sein dunkles Haar am Scheitel zum Vorschein kommt. Letzten Winter vergaß Gregor sein Haar völlig. Er wusch es zwar täglich, aber innerhalb von fünf Monaten war sein Haar schon bis zu den Ohrläppchen gewachsen, so dass die untere Hälfte hellblond wie ein weißer Lappen an seinem langen dunklen Scheitel hing.
„Du musst deinen Gehirnansatz nachfärben oder deine Haare abschneiden“, meinte Bodo einmal.
„Und du solltest dir mal deine Haare waschen!“, entgegnete Gregor nur, Gregor und Bodo gehören also zu der Sorte Freunde, die sich ‚alles‘ sagen.

Leseprobe 3

Endlich ergreift Asuka wieder das Wort. Sie dreht den drahtigen Schwanenhals zu sich hin, berührt mit ihren Lippen die Membran des Mikros: „Ich entschuldige mich, wenn ich das Loch in meinem Vortrag lediglich als Metapher implizierte. Ich bin selbst keine Erbin, aber es ist elementar, dass die Fassbarkeit des Lochs aufgezeigt wird, das konkrete Loch, und nicht bloß die absurde Symbolhaftigkeit dessen!“ Zum Ende ihrer Rede hin beben ihre Lippen.
Nun betritt Rausser wieder das Podium, mit glasigen Augen bedankt er sich bei Asuka für ihren Vortrag und ihre letzten Worte. Vielleicht sei jetzt Zeit für eine kleine Erfrischung, Kunst und Wissenschaft mache nur in der Kommunikation mit anderen Sinn, deshalb lade er zum weiteren Austausch am Buffet ein, das die Tagungsbesucher draußen erwarte. „Anhand der Loch-Installation können sich auch alle Nicht-Erben ein mehr oder weniger realistisches Bild von der Räumlichkeit und der Sogwirkung des Loches verschaffen. Guten Appetit“, um die sitzende Masse schneller nach draußen zu treiben, eilt er selbst schnell durch den vorderen der drei Ausgänge hinaus. Asuka wird von einigen Leuten angesprochen und vom Abgang gehindert.
Kaffee oder Cola, ich muss etwas trinken. An der Theke sehe ich Rausser, der der Bedienung etwas zuflüstert. Sie schiebt ihm ein Glas zu, das zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist. Er kippt es in einem Schluck runter. Zack, dann zieht er seine Anzugjacke aus und steht in seiner Tweedweste da.
„Frau Tropeng, das war aufregend, nicht wahr?“
Zur Antwort nippe ich an meinem Colaglas. 
„Wie hat ihnen der Vortrag von Frau Takahashi gefallen?“
Ich möchte etwas sagen, doch da stellt sich die Hostess, die heute morgen für die Lanyards zuständig war, zwischen uns und hält uns ein silbernes Tablett unter unsere Nasen.
„Möchten Sie eines unserer schwarzen Lochschokopralinchen probieren?“, auf weißen Spitzendeckchen liegen kleine runde Sckokoladenkreise aus Zartbitterschokolade mit einem kleinen Spritzer aus weißer Schokolade in der Mitte. 
„Die sehen gut aus, sind ja eher Weiße Schokoladenlöcher“, ich möchte mir eine Pralinchen vom Tablett nehmen. Doch in dem Moment, in dem die Hilfskraft sich kurz zur Seite dreht, um mir das Tablett anzureichen, macht sie Platz für einen saugenden Windschatten. Ein Luftloch schwingt zwischen ihr und mir von hinten hervor und ein Pralinchen nach dem anderen fliegt wie ein Kolibri samt Spitzendeckchen in Richtung Installation. Rausser und ich schauen den Pralinen verdattert hinterher, die so schnell im Tunnel verschwunden sind, bevor dieser Satz zu Ende geschrieben ist.
„Oh nein, das tut mir leid“, die Bedienung presst das Silbertablett eng an ihren Körper, „ich kann Ihnen neue bringen!“
Rausser signalisiert, dass alles in Ordnung sei, winkt ab und holt sich stattdessen an der Theke ein weiteres Glas mit klarer Flüssigkeit.
„Waren Sie schon am Schwarzen Loch, ich meine bei der Installation?“, fragt er, während wir ein paar Meter weiter gehen..
„Nein, das habe ich ja jeden Tag zu Hause.“
„Es ist auch eher für unsere unerfahrenen Gäste gedacht, die sich eine Vorstellung davon machen möchten, was die Kräfte des Schwarzen Loches für den Alltag bedeuten. Das originale Saugvermögen von zehn Sonnenmassen wurde auf das Trillionfache heruntergerechnet, also zwar recht gering, aber immer noch sehr eindrucksvoll.“
Wir schauen auf einen überlebensgroßen Trichter, dessen tunnelartiger Durchgang nach hinten etwa fünf Meter misst. Die gesamte Installation ist etwa so laut wie zwanzig Staubsauger, die zur selben Zeit angeschaltet sind. Der Lärm kommt vom Gebläse, das sich dahinter befindet.
„Ein ausgewachsener Mensch kann ab einem Meter Abstand von der Öffnung durch einen starken Sog in das Innere des Lochs gezogen werden“, erklärt Rausser mir.
Ein Schwarzlicht beleuchtet den dunklen Tunnel, in den sich nun ein paar neugierige Gäste saugen lassen, die offenbar kein Loch zu Hause haben. Sie wirken etwas baff, da sie nicht davon ausgegangen waren, dass sie so tief eingesaugt werden. Als enge Traube stecken sie nun mit anderen wildfremden Tagungsbesuchern vor dem saugenden Gebläse fest. Wahrscheinlich haben sie zuvor vermutet, sie würden – wie bei einer Geisterbahn – irgendwo anders wieder rauskommen, doch wo? Hinten ist kein Ausgang, ein Schwarzes Loch hat keinen Ausgang, es ist sein eigener Ausgang.
Ein älterer Mann, ein Physiker, der immer gerne ‚Gaudi‘ mache, wie mir Rausser erklärt, stellt sich in einem Abstand von etwa vier Metern vor den Locheingang, krallt sich mit einer Hand an einem Treppengeländer fest und zieht sich mit der anderen seine braunen Wildlederschuhe aus, die im Bruchteil einer Sekunde im Tunneleingang verschwunden sind.
„Aua! Das war mein Kopf!“; hört man drinnen eine Frauenstimme, die den Schuh offenbar abbekommen hat.
„Vor der Saugvorrichtung ganz hinten im Tunnel ist ein Gitter“, erklärt Rausser, die Pralinen und jetzt auch die Schuhe hängen nun also an dem Gitter vor dem Lochsimulator fest.
Andere außen stehende Tagungsbesucher, die ihre Pralinen durch den schnaubenden Luftzug des Schwarzen Lochs verloren haben, unterhalten sich darüber, wie man diese und das eingesaugte Paar Schuhe da wieder rauskriegt.

DJ Hole-Head

„Kannst du dich noch an DJ Hole-Head erinnern, diesen Hohlkopf?“, er klopft mit seiner Schuhkappe seitlich gegen das große Bierglas. „Ich will hier keine großen Veränderungen mehr, und vor allem möchte ich nicht mit Leuten zusammen arbeiten, die ich nicht richtig kenne!“
Lange Zeit spielte ein DJ im Superloch, der sich DJ Hole-Head nannte. Mit seinen Platten fesselte er einfach jeden. Selbst die Gäste, die bloß für eins der Konzerte im Hinterzimmer gekommen, wo zu dieser Zeit noch Karlheinz-Stockhausen-Coverbands rummurksten, zog es zu später Stunde in den Vorraum, wo sie beim Tanzen die Kontrolle über ihre Körper verloren. Scham zerfiel in allgemeine Affenschande. Das schwitzige Klima des Lochs war Balsam für die Gelenke einiger Senioren, deren Meniskusbeschwerden sich bei den Tanznächten mit DJ Hole-Head regelmäßig in Luft auflösten.
Doch ich weiß auch genau, dass Hole-Head mich nicht mochte, vielleicht, weil wir beide keinen Alkohol tranken und ich so gesehen zur trockenen Zeugin seiner ewigen Nüchternheit wurde, die ihn verräterisch aus der bierseligen Masse herausstechen ließ. Im Nachhinein ist uns vieles klarer geworden, damals war Hole-Head für uns einfach nur ein schräger Vogel. Nach dem bösen Erwachen waren wir alle schlauer.
Die Hausverwaltung, die den Club an die Teilhaber verpachtet hatte, ließ das Kollektiv bis dahin einfach machen und freute sich über die Wärme, die der nächtliche Schweiß in die ohnehin schon feuchten Kellerwände brachte. Aber irgendwann schickte die Verwaltung irritierende Briefe. Ein schwedischer Investor plane, Das Loch in eine unterirdische Sauna-Landschaft umzugestalten. Schließlich wurde der Pachtvertrag gekündigt. Das Clubkollektiv protestierte heftig, doch es war nichts zu machen. Ein Stadtplanungsunternehmen schlug dem Kollektiv vor, stattdessen doch die leerstehende Bankfiliale an der gegenüberliegenden Straßenecke zu beziehen. Die beiden Kontoauszugsdrucker, wären ideal als Theke für den Ausschank geeignet. Dieses Angebot wurde innerhalb des Kollektivs zwar diskutiert, dann aber abgelehnt, zu sehr hofften die Mitglieder, Das Loch behalten zu können.
Als sie endlich kapiert hatten, dass der Laden abgerissen würde, feierte man wochenlang so wild, als gäbe es kein Morgen. So auch in der letzten Nacht mit Hole-Head:
Eine Gruppe von Bauarbeitern tanzt vor den Toiletten. Klassisch in Blaumännern und gelben Helmen, die Bewegungen forsch und zackig, ihre Arme formen im Wechsel Dreiecke und Kreise. Wahrscheinlich Baustellen-Fetischisten, denken Bodo und ich noch, als wir sie von weiten beobachten. Und während sie sich ins schwüle Hinterzimmer verziehen, legt Hole-Head gerade eine Seven Inch von „Electric Chekhov“ auf, die urban-industrial-instrumental Version mit deutschem Text.
Ein breiter Lichtstrahl fällt auf Hole-Head, die fiebernde Masse, im dunklen Raum von grellen Stroboskopblitzen gequält, wendet sich dem DJ zu, sie strecken ihre Biergläser in die Höhe, dass sie überschwappen. Beat und Bass setzen aus, eine synthetische Musikspur ruht im Raum, Hole-Head biegt das Mikro nah an seine Lippen heran: „Wer auch nur einmal im Leben einen Kaulbarsch fing oder im Herbst die wandernden Drosseln sah, wie sie an klaren kühlen Tagen in Schwärmen über das Dorf ziehen, der ist kein rechter Stadtbewohner mehr, und bis zum Lebensende wird er sich nach Freiheit sehnen.“
Ätherisch dringt die Strophe durch die Verstärker in die Ohren der Partygäste. Ein sperriger Text, ein kniffliger Text, ein Liedtext ohne Parolen! Aber nie zuvor war die Menge so konzentriert wie heute und gröhlt aus tiefster Seele mit als Hole-Head seine Kaulbarsch-Ode wiederholt. Er hält das Mikro auffordernd in die Menge, da ziehen die Bauarbeiter ihre Zollstöcke aus den Latzhosen und beginnen, das Hinterzimmer des Vorraums des Das Loch auszumessen.
„That is supposed to become the finnish sauna, wellness is good for this city!“, erklärt einer, den Zollstock im wieder einsetzendem Gemisch von Beat und Bass hin und herwedelnd.
Dass die Blaumänner früher oder später anrücken, damit hatte Bodo gerechnet. Aber als er sieht, dass DJ Hole-Head die Vermessungsarbeiten kommentarlos gewähren lässt und den Arbeitern dabei auch noch freundlich zuwinkt, platzt ihm der Kragen. „Hole-Head, runter von der Kanzel!“, faucht er den DJ an. „Runter da, sofort!“, wiederholt er, wie zu einem ungezogenen Kater.
Und dann kam ziemlich schnell raus, dass DJ Hole-Head, mit bürgerlichem Namen Markus Kress, hauptberuflich Stadtplaner ist und der wichtigste Kontaktmann für das schwedische Stadtplanungsunternehmen, das auf hiesigem Boden ‚groundy spaces‘ checkte.
Vielleicht war Hole-Head sein Leben in der Party-Zone selbst satt, anders kann ich es mir nicht erklären, dass er sich und seine DJ-Existenz selbst vor die Tür setzte.
Eine Woche nachdem Hole-Heads Katze aus dem Sack war, gab Bodo dem Drängen zweier ‚kritischer Stadtforscher‘ nach, ihn in seiner Rolle als Teilhaber des Das Lochs zu befragen. Bodo beendete das Interview mit folgender These: „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende.“ Diese Erkenntnis erschien – wenn auch recht sperrig – als Titelzeile auf dem Cover der nächsten Monatsausgabe der Métropole Sauvage. „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“ – in kantigen neonorangenen Lettern prangte Bodos Zitat also auf einem Hochglanzmagazin für junge Architekten.
Dabei wurde Bodo nirgends als Urheber erwähnt! Jede einzelne Seite studierte er, er las das Kleingedruckte, das Impressum, das Editorial, er scannte die Werbeanzeigen – nur um einen klitzekleinen Hinweis auf seinen Namen zu finden, aber nichts!
Tief enttäuscht nahm er sich vor, in Zukunft nicht nur vorsichtiger hinsichtlich der Auswahl der DJs zu sein, sondern auch, darauf zu achten, wem er was erzählte.
Und um den Satz „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“ wieder zu seinem eigenen zu machen, zog er sich für vier Tage mit Gregor in dessen kleines Aufnahmestudio zurück, wo die beiden an einem Lied bastelten: „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“ fungiert als Titel und ist auch der gesamte Text der elektronischen Hymne. Die von Bodo als einfache Melodie eingesungene Titelzeile schwebt monolithisch über einem hypnotischem Dub-Rhythmus. Neben diesem Refrain, in dem die Zeile „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“ viermal wiederholt wird, gibt es noch eine Art Strophenteil ohne Text.
Stattdessen wurde die Strophe durch eine zusätzliche Saxophon-Melodie aufgepeppt, die Gregor einspielte. Ein fetter Echo-Effekt sorgt dafür, dass man an dieser Stelle jegliche Empfindung für Raum und Zeit verliert. Aber weil Gregor von seinem Instrumental-Part selbst nicht so begeistert war, bat er Bodo, zusätzlich Text für die Strophen zu schreiben. Aber Bodo meinte, die Refrainzeile würde noch mehr reinknallen, wenn in den Strophen kein Text vorkomme.
Sucht man den Satz „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“ nun im Internet, stößt man nun zuallererst auf Bodos Namen („Bodo Rauleder“), sowohl als Interpret des Songs sowie – und das ist Bodo noch viel wichtiger – als Urheber des Textes, also der einzigen Textzeile des Tracks.     Ich finde es sehr gut, dass Gregor Bodo in dem gesamten Prozess so unterstützt hat. Bodo hat damit einiges erreicht, damit meine ich nicht nur den Kultstatus, den das Lied erlangt hat. Klar ging es Bodo darum, sich an DJ Hole-Head zu rächen, aber darüber hinaus ging es um Bodos Urheber-Eitelkeit.105 Beides kann ich sehr gut nachvollziehen, vor allem zweites.
Das Loch steht auf der schwarzen Liste der Immobilienmogule, aber es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis die Bagger wirklich anrücken, diese zeitliche Ungewissheit ist zermürbend und führte sicherlich auch dazu, dass Bodo innerlich ausbrannte und das Programm im Superloch nur noch halb beherzigte. Seit Hole-Heads Rauswurf stehen die Mitglieder des Loch-Kollektivs im Wechsel hinterm DJ-Pult. Wenn man es so ausdrücken möchte, dann verteidigen sie mit aller Macht die letzten ihnen noch zur Verfügung stehenden musikalischen Löcher der Stadt.

Leseprobe 4

Die Geschichte um den Vorschlag der Kriegsgräberpfleger auf dem Elternabend 1986 hatte uns Bodo während einer der vielen Brennnesselernten erzählt, eher beiläufig. Gregor und ich kommentierten das Verhalten der übrigen Eltern lobend, als sei es eine wie keine Episode aus Bodos Kindheit, und Kindheit hatte ja jeder. Aber im Stillen schnürte sich in uns eine Betroffenheit zusammen, die wir nur schwer in Worte fassen konnten. Sie berührte Bodos gesamte Identität: die Bredouille, in die Rauleder senior seinen Sohn gebracht hatte, den inneren Konflikt des Vaters, den er lieblos in Bodos Schulklasse hineingetragen hatte, Bodos Hilflosigkeit gegenüber seinem Vater. Das, was Gregor und ich in diesem Moment für Bodo fühlten, war nur ein Bruchteil dessen, was der junge Bodo in seinem Elternhaus über die Jahre empfunden haben musste.
Wie auch immer, das ist die Story, die immer in meinem Kopf aufpoppt, wenn ich mal wieder sauer auf Bodo bin, wie gerade jetzt. Bodos Biografie bringt mich wieder runter und macht verständlich, weshalb Gregor und ich in den schlimmsten Momenten, die wir mit Bodo durchmachen, Mitleid empfinden. Und vielleicht sollte man versöhnlich hinterherschieben, dass die Leute mit den ätzendsten Eltern die coolsten Typen werden, deshalb haben doofe Eltern auch ihr Gutes.
Bodo hat sich mittlerweile auf Gregors kleinen Sessel gesetzt und wartet immer noch darauf, dass wir ein Urteil zu seinem Body abgeben.
„Nein, natürlich bist du zu dick, aber Verzicht und Kontrolle sind Koordinaten, die in deinem Leben keinen Platz haben, den Trend der eigenen Selbstbeschränkung musst du nun auch nicht mitmachen!“, Gregor findet die richtigen Worte, hat aber auch lange genug nachgedacht. Ihm kam die Idee, einfach das zu sagen, was Bodo sich selbst raten würde: „Eine durchgemachte Nacht ist immer noch besser als zwei Stunden Schlaf“, Gegor ist hellwach, er macht das Nachttischlämpchen an und blendet Bodo damit mitten ins Gesicht
„Aber Asuka, ein so zartes Wesen, was will die mit einem wie mir?“, Bodo ist untröstlich.
„Das wirst du schon herausfinden….“, sagt Gregor väterlich.
„Sie würde sich sicherlich nicht von jedem mit Pommes füttern lassen!“, es klingt albern, aber ich meine es ernst.
„Aber meine Hose passt mir nicht mehr richtig, sie zwickt wirklich, das sieht schlimm aus, und die Frau hat Geschmack!“, tatsächlich sehen wir aus seinen Augen Tränen kullern.
Ich möchte ihm sagen, dass Asuka seinen Körper ja schon auf der Tagung gesehen hat und darüber nicht überrascht sein wird.
„Wie wär’s mit ’nem Hut?“, Gregor zeigt auf eine Schublade eines Schränkchens aus dem eine Hutkrempe hervorschaut, „das lenkt ab und ein Hut steht dir gut!“


11 Manchmal möchte ich ihn und seinen Körper nicht kennen. Doch es gibt auch Momente, in denen mich seine Kraft fasziniert, wenn ich seinen Rücken von hinten sehe und er einen Verstärker oder einen Subwoofer mühelos vor sich herträgt, trotz schlechter Körperhaltung klagt er nie über Rückenschmerzen.

12 Jetzt ist es raus!

 

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