Leseprobe: Brigitte Morgenroth – „Hundeseele“

Es waren Kleinigkeiten, die mich hielten. Der Apfelbaum, dessen Blüten reiche Ernte versprachen, eine dunkelrote Iris, die in diesem Jahr zum ersten Mal blühen sollte, der Mehltau auf dem Strauch weißer Rosen, den es zu bekämpfen galt. Seit fünf Jahren lebte ich im Haus meiner Großmutter am Rande des Dorfes, dort, wo die Felder in Wald übergingen. Hier hatte ich mich eingerichtet und dieses Mal wollte ich nicht wieder gehen. Doch ich würde dafür kämpfen müssen – und diesmal nicht nur für mich.
Ich sah Waltraut zum ersten Mal an einem sonnigen Tag Anfang Juni, als ich mit dem Fahrrad ins Dorf fuhr, um Milch und Brot zu kaufen. Die Straße mäanderte zwischen dotterblumengelben Wiesen, am Wegrand blühte Wiesenkerbel in weißen Dolden und nicht weit entfernt bohrte sich die Turmspitze der Dorfkirche in den Himmel. Menschen, aufgefädelt am unbefestigten Straßenrand, kamen mir entgegen – Scherenschnitte im gleißenden Sonnenlicht. Erst als sie sich näherten, sah ich, dass es Mädchen waren, geführt von zwei Nonnen. „Heilige Maria, Mutter Gottes“, beteten die Schwestern und im Chor antwortete die Gruppe: „Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesu.“ Das Ave Maria wirkte wie ein geheimnisvolles Ritual und die monotone Wiederholung gab dem Gebet Magie. Ich hielt an und betrachtete die vorbeiziehende Gruppe, uniformiert in dunklen Röcken, weißen Blusen und grauen Kopftüchern. Sie hielten die Blicke gesenkt, schritten gemessen im Takt des Gebetes. Ein Mädchen brachte Unruhe in das Bild: Sie bewegte ihre schlaksigen Arme und Beine im seltsamen Rhythmus, drückte die Knie nie ganz durch. Ihr Kopf war wachsam erhoben, ihr Blick suchte unruhig die Hügel ab, die Nasenflügel blähten sich – sie schien zu schnuppern wie ein scheues Tier. Ihre grünen Augen blieben ausdrucklos, als sie mich kurz streiften. Erst als das Gebet weit entfernt zur wortlosen Beschwörung wurde, fuhr ich weiter. Es dauerte eine Weile, bis Vogelgesang und Grillenzirpen wieder in mein Bewusstsein drangen.

***
Ich wusch Sauerampfer, dünstete ihn, goss Brühe und Rahm auf und passierte alles zu einer hellgrünen Suppe. In ein Küchentuch gepackt stellte ich den Topf zum Brot in einen Korb. Ich befestigte ihn auf dem Gepäckträger, schob das Fahrrad zum Gartentor und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter. Das alte Haus war schon von weitem zu sehen. Es stand auf einer Kuppe und klammerte sich an ausgefranste Fichten. Vorsichtig umfuhr ich Schlaglöcher, die den Weg durchsiebten und vermied es, das Haus anzusehen. Ich fixierte den Zaun, an dem ich mein Fahrrad anlehnte, nahm die Suppe und das Brot, sah die zugewachsenen Steinplatten, die zum Haus führten. Es waren genau dreizehn, ich kannte sie alle und jede brachte mich näher an das Ziel, zu dem ich nicht wollte. Trete ich nicht auf den Rand, darf ich zwei zurückgehen und mich drei Platten weit in Zeitlupe bewegen, sonst muss ich sieben Platten lang springen und wäre gleich da. Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Spiel. „So kommst du nie an.“
Ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu sehen, und das Haus war wieder ein Haus, der Weg ein Weg, den ich schnell entlangging, um die alte Frau zu begrüßen. Vor 15 Jahren, kurz bevor sich mein Bruder in der Scheune erhängte, hatte ich es im Streit verlassen, um nicht zurückzukehren.
Am Küchentisch mit der geblümten Wachsdecke saßen wir schweigend, brachen das Brot in Stücke, tunkten es in die Suppe und kauten die weichen Klumpen. „Für Fleisch reicht dein Lehrerinnengehalt wohl nicht.“ Nach dünnem Getreidekaffee aus Blechtassen gingen wir in den Garten – die Kirschen waren reif. Ich stand auf der Leiter, mein Kopf verschwand im Grün der Blätter, die Insekten summten in der Hitze. Meine Hände griffen die roten Kirschen, zogen sie vom Stiel, der Saft lief über die Finger. Ich leckte ihn ab und legte zwei miteinander verbundene Früchte als Schmuck über die Ohren, damit sie auf den Wangen leuchten wie Rubine – Kirschenprinzessin.
„Bist du endlich fertig“, tönte die Stimme meiner Mütter, brüchig vom Alter. Hastig pflückte ich die übrigen Früchte.
Wir schnitten die Kirschen auf, rissen den Kern heraus, unsere Hände färbten sich rot. Bald hatten wir einen gemeinsamen Rhythmus gefunden: greifen, schneiden, atmen. Die Zeit stand still, nur der Berg roten Fruchtfleischs wuchs, der Saft malte dunkle Linien auf den Tisch. Das Knarzen des Stuhles beim Aufstehen stieß die Zeit wieder an. Meine Mutter schürte das Feuer im Herd und stellte einen Topf auf die Eisenringe. Bald hatten wir Gläser mit Marmelade vor uns stehen, auf die wir Etiketten klebten: Kirschen 1955. Beim Abschied fragte die alte Frau: „Kann es nicht öfter so sein?“
Ich drehte mich um und ging über die fünfzehn Steinplatten zu meinem Rad. Vielleicht sollte ich versuchen, auf einem Bein über die letzten beiden Platten zu hüpfen?
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Greta lernt Schwester Magdalena und Waltraut kenne. Die Nonne kümmert sich um das Mädchen, das als Waise in einem Kloster untergebracht ist. Als sie dort misshandelt wird, bringt Schwester Magdalena ihr das Mädchen in der Hoffnung, dass Greta für sie sorgen wird.
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Das Mädchen starrte verloren aus dem Rahmen des Passfotos, den Kontakt mit der Kamera meidend, den Betrachter ausschließend. Als würde sie nach einem Fluchtweg suchen. Hatte der Fotograf ihr vorher die wirren Haare aus dem Gesicht gestreift und den auf den Boden gerichteten Blick freigelegt? Hatte er das Kinn gehoben, das vorher ängstlich an das Brustbein gedrückt war? Eine Büroklammer färbte rostend den Scheitel des Mädchens und zwang den Bildrand in eine gebogene Form. Ich zog das Foto unter der Klammer heraus und versuchte, es glatt zu streichen, strich über die hohen Wangenknochen, den leicht geöffneten Mund mit den schiefen Zähnen. Dann betrachtete ich Waltraut, die im Sonnenflecken des Fensters schlief. Staub tanzte im Licht, ihr Brustkorb hob sich beim Atmen, sie schnorchelte leise. Seufzend schob ich das Bild wieder unter die Klammer. Daneben stand Name und Geburtsdatum auf dem grauen Papier der Akte: Waltraut Lili Moser, geb. 03. Mai 1939, darunter BERICHT ÜBER DAS STAATSMÜNDEL MOSER“, hart von der Schreibmaschine in das Papier geschlagen, der Kopf des R verschmiert von einer verschmutzten Type.
Magdalena hatte heute Morgen die Akten gebracht. Sie hatte erzählt, sie habe die Äbtissin gezwungen, alle Unterlagen von Waltraud herauszugeben. Auch eine schriftliche Bestätigung liege vor, dass das Kloster auf Ansprüche an das Mädchen verzichte. Ob ich mir inzwischen vorstellen könne, die Pflegschaft für Waltraut zu übernehmen? Sie wisse, dies sei eine schwierige Entscheidung. Aber wenn ich sie nicht übernähme, würde ausschließlich das Jugendamt über das Mädchen entscheiden.
„Waltraut kann bei mir bleiben. Ich übernehme die Pflegschaft.“ Magdalena hatte erleichtert gewirkt. Sie kenne die Sachbearbeiterin im Jugendamt und werde alles in die Wege leiten. Ich wunderte mich, dass die Äbtissin sich so einfach fügte. Sie habe gute Beziehungen zur Leitung im Mutterhaus und ihre Familie habe Einfluss in München, bemerkte Magdalena kurz. Ich bräuchte mir keine Sorgen machen, es würde keine Schwierigkeiten geben. Ob ich beim Arzt gewesen wäre? Sie war froh zu hören, dass Waltraut keine inneren Verletzungen habe. Den Bericht als Beweis für die Misshandlungen wolle sie gerne bei sich aufbewahren. Ich versprach, Dr. Schulenberg um eine Abschrift zu bitten.

Waltraut stützte sich schlaftrunken auf die Arme und kratzte sich am Kopf. Ich ging zu ihr und versuchte ihre Hand festzuhalten. „Nicht, Waltraut, das macht es nur noch schlimmer.“
Sie riss sich los und kratzte weiter, Schorf blieb an ihren Fingernägeln hängen, die Kopfhaut fing an zu bluten.
„Waltraut, hör auf!“, fuhr ich sie an.
Erschrocken schaute sie mich an.
„Du siehst aus wie ein gerupftes Huhn.“
„Waltraut ist kein Huhn“, schmollte sie.
„Nein, bald wächst dir wieder ein schönes, glänzendes Fell.“ Ich tupfte ihr Johanniskrautöl auf die wunden Stellen. „Wenn du nicht kratzt, heilt es schneller.“
„Waltraut kratzt jetzt nicht mehr“, sagte das Mädchen, gähnte und rollte sich auf der Decke zusammen. Halb im Schlaf murmelte sie: „Frau Schneider, kann ich bei dir bleiben?“
„Ja, und ab jetzt bin ich die Greta.“

Als sie wieder eingeschlafen war, ging ich an den Herd. Darauf stand ein Topf, dessen Inhalt leicht brodelte. Der Deckel hob sich von Zeit zu Zeit, um Dampf abzulassen, und fiel wieder klappernd zurück. Wasser lief herunter und verdampfte zischen in der Gasflamme. Ich hob den Deckel, nahm den Kochlöffel und rührte. Ein grau gekochtes Stück Fleisch stieg an die Oberfläche, ein mit Mark gefüllter Knochenring, dazwischen Karotten und Sellerie. Gustl hatte mir vorausschauend Suppenfleisch und Knochen vom Markt mitgebracht. Das würde für die nächsten Tage reichen. Ich stellte die Gasflamme etwas kleiner und setzte mich wieder an den Tisch.
Waltraut Moser wurde am 5. April 1951 im verwahrlosten Zustand auf dem Hof ihres Vaters Wolfgang Moser vorgefunden. Die Mutter Adelheid Moser starb am 25.02.1951. Das Jugendamt ist einem Hinweis der Nachbarin Marta Beer nachgegangen. Das Mädchen lebte in einem Schuppen bei den Hunden. Sie schlief auf Stroh, trug Fetzen, war räudig und unterernährt und fraß das Futter der Hunde, auch rohes Fleisch. Sie griff die Mitarbeiterin des Jugendamtes an, knurrte und bellte.
Eine Befragung des Vaters ergab, dass Waltraut in diesem jämmerlichen Zustand lebt, seit sie vier Jahre alt war. Das Haus ist schlampig geführt und voller Müll, der Vater und ein Sohn, Erich, 17 Jahre, leben dort, beide sind Alkoholiker. Drei weitere Kinder sind bereits aus dem Haus, zwei waren der Fürsorge unterstellt.
Waltraut ist das jüngste Kind und laut Aussage des Vaters war es ihr eigener Wunsch, bei den Hunden zu leben. Sie sei immer schon seltsam gewesen. Die Eltern hätten mit den anderen Kindern genug zu tun gehabt und die Zeiten seien hart gewesen.
Nur mit Unterstützung der örtlichen Polizei war es möglich, das Mädchen zu entfernen und ins Heim zu bringen. Erst nach einigen Tagen Einzelhaft wurde Waltraut fügsam.
Ich betrachtete das beigelegte Schwarz-Weiß-Bild: ein altes Haus, daneben ein baufälliger Schuppen. Unkraut wuchs zwischen Stapeln von Müll und der Boden war erstarrt in eine Landschaft voll Furchen und Schlaglöcher, die Fahrzeuge in den Schlamm gegraben hatten. Ich blätterte um. Auf der nächsten Seite war der Bericht des Amtsarztes.
Waltraut ist 1,68 cm groß und wiegt bei der Aufnahme 43 Kilo. Die Zähne sind schief gewachsen, jedoch im guten Zustand, sie leidet nicht unter Rachitis. Handballen und Knie sind verhornt, was auf die hündische Fortbewegungsweise auf allen Vieren zurückzuführen ist. Sie befindet sich auf der geistigen Entwicklungsstufe eines vierjährigen Kindes und kann nur in einfachen Sätzen sprechen. Waltraut beherrscht nicht die grundlegenden Regeln im Umgang mit anderen Menschen und ist widerborstig. Ihre Jungfräulichkeit hat sie bereits verloren, weshalb auch von einer sittlichen Verwahrlosung auszugehen ist. Eine geistige Behinderung kann angenommen werden. Waltraut hat nicht die Anlagen, sich zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu entwickeln. Deshalb wird empfohlen, sie in einem Heim mit festen Strukturen und strengem Regiment unterzubringen, um ihr einfachstes menschliches Verhalten und Moral beizubringen. Ist das nicht möglich, bleibt nur die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt. Ein Schulbesuch würde die Fähigkeiten des Mädchens übersteigen. Jedoch sollte sie einfache Tätigkeiten erlernen, um sich nützlich zu machen. Waltraut wurde entwurmt, mit DDT entlaust und hat die notwendigen Impfungen erhalten.
Ich stand auf und ging wütend im Zimmer auf und ab. Wann hörte diese Menschenverachtung endlich auf? Vor nicht allzu langer Zeit hätten sie Waltraut wahrscheinlich erschlagen wie einen räudigen Hund.
Waltraut war wach geworden und beobachtete mich ängstlich.
„War Waltraut böse?“
„Nein“, beruhigte ich sie. „Hast du Hunger?“
Sie nickte.
„Komm her, dann essen wir jetzt ein leckeres Brot.“
Ich ging zum Herd, hob den Deckel und angelte mit einem Schöpflöffel den Markknochen aus dem Topf und legte ihn zum Auskühlen auf einen Teller. Waltraut schaute zu. Ich schnitt vom Laib zwei Brotscheiben ab, bestrich sie mit Butter, löste das Mark vom Knochen und verteilte es auf die Schnitten. „Jetzt noch Salz und Pfeffer und fertig ist der Leckerbissen.“ Wir bissen in das Roggenbrot, das würzige Knochenmark zerging auf der Zunge, Waltraut lief die Brühe über das Kinn. „Das schmeckt gut.“ Das Mädchen schmatzte genüsslich. Ich wischte ihr das Kinn mit dem Küchenhandtuch ab. „Und es gibt Kraft.“ Ich spürte die Anstrengung der letzten Tage.  „Wenn meine Mutter früher Rinderbrühe gekocht hat, habe ich mich immer mit meinem Bruder um das Knochenmark gestritten“, erzählte ich.
Waltraut schluckte den letzten Bissen hinunter. „Du hast auch einen Bruder. Er heißt Erich.“ „Erich ist böse, er hat Waltraut immer wehgetan.“ Ich goss Holundersaft in zwei Gläser und füllte Wasser auf. „Hier sind Vitamine für dich.“ Ich reichte Waltraut das Glas. „Was sind Tamine“, das Mädchen sprach das Wort vorsichtig aus, als würde sie versuchen, es zu schmecken. „Das sind ganz kleine Stoffe im Essen, die man nicht sieht, aber die uns helfen, gesund zu bleiben. Vi-tamine“ „Vitamine“, murmelte Waltraut und trank den Saft in einem Zug. „Weißt du eigentlich, dass du mit zweitem Namen Lili heißt?“ „Waltrauts Großmutter war eine Lili“, sie krauste angestrengt die Stirn, als versuche sie sich zu erinnern. „Großmutter Lili ist schon lange tot. Sie hat auf Waltraut aufgepasst, als sie klein war. Als Großmutter Lili gestorben ist, ist Waltraut zu den Hunden gegangen.“ Sie sah plötzlich müde aus. „Leg dich wieder hin und schlaf noch ein bisschen.“ Gehorsam trottete sie zur Decke, zog sie in den Sonnenflecken, der inzwischen weitergewandert war.

Ich setzte mich wieder an den Tisch und blätterte die letzte Seite des Berichts auf. Dort stand nur die Notiz: Am 24.06.1951 abgegeben in die Obhut der Barmherzigen Schwestern vom Kloster Tiefenbach. Unter der Akte lag ein Schreiben, vermutlich Magdalenas Handschrift, gestochen und ohne jeden überflüssigen Schnörkel: Einverständniserklärung stand in Drucklettern auf dem Kopf.
Hiermit erklärt sich das Kloster Tiefenbach damit einverstanden, dass die Lehrerin Greta Schneider die Pflegschaft für das Mündel Waltraut Moser übernimmt. Die Einzelbetreuung durch eine pädagogisch gebildete Person ist für eine positive Weiterentwicklung des Mündels wünschenswert. Schwester Magdalena, Nonne desselbigen Ordens, erhält die Vollmacht, die Belange von Waltraut Moser zu klären.
Unterschrieben war der Brief von der Äbtissin und von Magdalena. Wie hatte sie wissen können, dass ich einer Pflegschaft zustimme?
Magdalena, du hast hoch gespielt.
Und gewonnen, seufzte ich. Magdalena hatte gesagt, sie wisse, was es für mich bedeute, die Verantwortung zu übernehmen. Wie sie das wissen könne, war ich ihr erregt ins Wort gefallen. „Greta, ich werde immer für dich und Waltraut da sein.“ Wir hatten geschwiegen und ich betrachtete Magdalenas Kette, die sich golden über das Holz des Tisches schlängelte. Magdalena war meinem Blick gefolgt. Sie zögerte einen Moment, doch dann nahm sie die Kette in die Hand. Das Kreuz sei ein Erbstück ihrer Familie, schon ihre Großmutter habe sie getragen. Sie legte das Kreuz auf ihre Brust. Ob ich die Kette schließen könne? Ich trat hinter sie, schob den Schleier zur Seite und schob den Ring in den Verschluss, den ich mit dem Daumennagel entriegelt hielt.
Wie konnte sie nach der vergangenen Nacht noch an das Kreuz glauben?
Magdalena schien meine Zweifel zu spüren und drehte sich um. Schützend legte sie die Hand über das Kreuz. „Es ist das Leben, das ich gewählt habe. Und ich bin mir immer noch sicher, dass es das Richtige ist. Ich glaube an das Gute im Menschen und Jesus Christus ist für mich der Weg in eine bessere Gesellschaft.“
Sie hatte sich von Waltraut verabschiedet und versprochen, bald wieder zu kommen. Dann nahm sie mich zur Seite und fragte, wo die Kleider aus dem Kloster waren, die Waltraut getragen habe. Als sie mein fassungsloses Gesicht war, sagte sie leise, dass die Schwester, die für die Wäsche zuständig war, darauf bestanden hätte, die Kleider zurück zu bekommen, denn sie gehörten dem Kloster. Wortlos holte ich die blutigen Sachen aus dem Mülleimer und band sie zu einem Bündel. Magdalena verabschiedete sich, ohne mich anzusehen.

Ich ging zu dem Metallregal mit den Aktenordnern, das in der Abstellkammer neben der Waschküche stand. Die Ordner mit den von Blechfolie gerahmten Grifflöchern starrten an die gegenüber liegende Wand. Ich wollte nicht, dass sie im Wohnzimmer standen, mit ihren Dokumenten und Unterlagen, die ein Leben erst amtlich machten. Menschen, von denen nichts übrig blieb als Papier in dunkelgrau marmorierten Aktendeckeln.
Hier mein Bruder, das letzte Dokument die Sterbeurkunde und die Rechnung vom Friedhof, obwohl sie ihn als Selbstmörder vor der Friedhofsmauer beerdigt hatten. Ich strich über den Ordnerrücken, auf dem Martha Schneider stand. Gelocht und eingeordnet befand sich dort ihr Leben von Geburt, über Taufe, Hochzeit, Kinder bis zu ihrem Tod. Die letzte Seite, ein Testament, überschrieb mir das Haus. Großmutter hatte gewusst, dass ich eine Zuflucht brauchen würde. Ich streckte mich, um einen leeren Ordner ganz oben zu erreichen, steckte den Finger durch das Griffloch und zog ihn aus dem Regal.
Waltraut, jetzt wirst du eingedeckelt.
Aus dem Ordner stieg muffiger Geruch. Mit dem Hebel öffnete ich das Maul des Klemmbügels, heftete die Akte ab, lochte das Schreiben des Klosters, fügte es hinzu und fixierte die Dokumente mit dem Klemmer. Auf den Rücken schrieb ich ‚Waltraut‘ und ergänzte nach kurzem Zögern „Lili“, bevor ich mit „Moser“ abschloss.
Wohin stelle ich dich?
Die Ordner im mittleren Regalbrett lehnten sich zur Seite, ich richtete sie auf, und stellte den Ordner in die entstandene Lücke am Ende des Regals – er passte gerade noch hinein. Elisabeth Anna stand auf dem Ordner daneben. Mein Herz zog sich zusammen, ich streichelte den Namen meiner Tochter.

„Waltraut, aufstehen, es gibt Abendessen.“
Das Mädchen hatte fast den ganzen Tag verschlafen, die Abendsonne tauchte den Garten in dunstiges Licht und ließ den herannahenden Herbst erahnen. Ich hatte das Fleisch in Stücke geschnitten und mit Suppennudel in die kochende Brühe geworfen. Auf dem Tisch standen zwei Teller mit blauem Blumenmuster auf dem Rand, zwei Löffel, zwei Gläser, ein gefüllter Brotkorb. Waren es diese alltäglichen Gegenstände, die ein Zuhause schufen? Oder war es, weil ich sie mit jemand teilte?
Waltraut streckte sich und kam zum Tisch, setzte sich auf die Stuhlkante, bereit zur Flucht. „Schlägst du Waltraut, wenn sie nicht richtig isst?“, ängstlich schaute sie mich an.
„Nein.“
Sie nahm den Löffel in die Faust und stocherte konzentriert in der Suppe. Der Löffel balancierte wackelig durch die Luft, Brühe lief ihr die Hand herunter. Es gelang ihr nur mühsam, ein Stückchen Fleisch oder Gemüse in den Mund zu stecken. Schließlich senkte sie den Kopf zum Teller und schlürfte die Suppe vom Löffel, bevor er auf dem langen Weg zum Mund verkanten konnte. Mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, ob ich ihr Verhalten duldete. Ich tat, als wäre ich vollauf damit beschäftigt, meine Suppe zu essen, und beachtete sie nicht. Als sie fertig war, leckte sie schmatzend denn Teller aus, ihre Augen strahlten.
„Na, den brauchen wir nicht mehr waschen“, lachte ich. Gemeinsam wuschen wir ab, Waltraut ungelenk und voller Angst, etwas fallenzulassen. Aber als wir fertig waren, platzte sie fast vor Stolz.
„Das hast du gut gemacht“, lobte ich sie. „Komm, ich zeig dir jetzt dein Zimmer.“
„Mein Zimmer? Waltraut wohnt hier“, sie zeigte auf den Boden vor dem Sofa.
„Du brauchst ein Bett und einen Schrank, wo du deine Sachen hinein tun kannst.“
„Nein“, sagte sie bockig. „Waltraut schläft hier.“
„Komm, wir schauen uns das Zimmer einfach mal an.“ Nur schwer konnte ich sie überreden, mit mir in den ersten Stock zu gehen. Misstrauisch beäugte sie die enge Treppe. „Schau mal, hier schlafe ich“, ich öffnete die Tür zu meinem Schlafzimmer. Über das breite Holzbett hatte ich hastig die Tagesdecke aus bunten Stoffresten geworfen. Neben dem Fenster stand ein blauer Bauernschrank mit aufgemalten Rosenblüten.
„Kann ich bei dir schlafen?“
„Nein, dafür bist du schon zu alt. Schau mal, das Zimmer nebenan, da kannst du schlafen.“
Das Mädchen folgte mir widerwillig. Misstrauisch betrachtete sie das schmale Bett und die Kommode. Das Zimmer war nicht groß, aber das Fenster ging zum Garten. Man konnte direkt in den Kirschbaum schauen. „Wir können es schön einrichten.“ Ich sah ihr an, dass ihr der Ausblick gefiel und auch das Marienbild, dass noch von meiner Großmutter stammte. Mit sanften blauen Augen und roten Wangen strahlte die Muttergottes ihr Kind an. „Kann ich trotzdem unten schlafen“, bat Waltraut. Zögernd stimmte ich zu.
Die Zeit wird es schon richten.
„Aber dann nehmen wir Decken mit runter, damit du es weich hast und nicht frierst.“
Im Wohnzimmer bauten wir ein Lager. Das Mädchen war aufgedreht und wälzte sich zwischen den Decken. Ich warf ihr ein Kissen an den Kopf, nach dem sie knurrend schnappte. Sie verbiss sich in den Zipfel, als ich versuchte, ihr das Kissen wieder abzunehmen. Ich verlor das Tauziehen und fiel auf Waltraut. Wir lachten, bis uns Tränen in die Augen stiegen. Plötzlich sah Waltraut müde und erschöpft aus. Sie hielt sich die Rippen. „Waltraut ist müde.“
„Dann ruh dich aus. Du musst dich erholen.“
„Greta!“
„Ja.“
„Kann ich nicht Lili heißen, wie meine Großmutter.“
„Aber Waltraut ist doch ein schöner Name.“
„Aber die Kinder haben Waltraut immer geärgert. Sie haben immer Wau-Wau-Waltraut gesagt oder Waldi. Komm her, sitz, sei brav! Waltraut ist doch kein Hund.“
Sie weinte leise, ich strich ihr tröstend über den Rücken.
„Dann heißt du jetzt Lili wie deine Großmutter und wie meine Lieblingsblume.“
„Kannst du Lili die Lieblingsblume zeigen?“
„Ja, aber erst nächstes Jahr, wenn die Lilien wieder blühen.“
„Ist Lili dann noch bei dir?“
„Ja.“
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Greta fährt mit Lili und dem Arzt Karl, der das Mädchen behandelt hat, zu dem Hof, auf dem Lili aufgewachsen ist. Lili hofft, dort ihr Hundemutter wiederzufinden.
——————————————————————————————————————————– Das Motorrad tickerte, Regenwasser verdampfte auf dem Motor. Karl schlug die Plane vom Beiwagen und reichte mir den Helm, Lili setzte die Lederkappe auf und schielte durch die Brille wie ein monströses Insekt.
„Komm, steig ein“, ich zog sie zu mir in den Beiwagen und deckte uns mit der Plane zu.
Karl startete das Motorrad und wir fuhren schlingernd über den schlammigen Feldweg zur Straße, durchquerten das Dorf und entfernten uns auf der Bundesstraße, die sich im Wald verlor. Der Wind fegte durch die Bäume, entriss ihnen die bunt gefärbten Blätter, die schwer vom Regen auf die Straße trudelten und harmlose Kurven in eine Rutschbahn verwandelten. Karl fuhr langsam, damit die Räder nicht den Halt verloren. Nebel waberte über den Baumwipfeln, verfing sich, zerriss, wehte in Fetzen über die Straße.
Der Wald spuckte uns aus, es wurde heller. Häuser tauchten auf, grau duckten sie sich am Straßenrand, daneben ein Weiher mit dunklem Wasser, ein Steg bahnte sich durch verrottendes Schilf. Ein Ruderboot hing mit Wasser gefüllt an einem Strick. Lili lehnte sich an mich, mein Helm stieß an ihren Kopf. An einer Kreuzung blieb Karl stehen: „Und jetzt?“ Lili deutete auf einen unbefestigten Weg, der von den verschreckten Häusern wegführte, die vorgaben, ein Dorf zu sein. Wir fuhren an sumpfigen Wiesen vorbei. Das gelbe Gras war durchsetzt von Moos und braunen Wasserlachen, dazwischen standen Wollgrasbüschel, als hätte ein Kind schmutzige Watte verstreut. Im Nebel tauchte ein Schuppen auf. Grob vernagelte Planken versuchten, sich aus der aufgezwungenen Form zu lösen. Ein Ruck presste Lili an mich, erdiges Wasser spritzte auf, als das Rad in ein Schlagloch geriet. Der Motor heulte auf, zog den widerstrebenden Beiwagen weiter über den geschundenen Weg. Ein Stapel Holz hockte am Wegrand – ein unentwirrbarer Haufen aus Brettern und Baumstücken. Wie ein schwarzer Vogel flatterte eine Plane im Wind. Ich spürte Lilis unruhigen Atem, zog sie fester an mich.
„Wir sind da.“
Das Haus starrte uns aus blinden Fenstern an, niedergedrückt vom Dach. Ziegel klammerten sich in durchhängenden Reihen an den schiefen Dachstuhl, die Löcher geflickt mit Teerpappe. Die Fassade bröckelte, die Tür ein verschlossener Mund mit ausgefranstem Schlüsselloch.
Karl würgte den Motor ab. Die Stille klang in den Ohren. Der Regen war mehr zu spüren als zu hören. Nur das Fallen der Wassertropfen vom Dach auf die schlammige Erde hallte im Nebel nach. Wir stiegen aus, legten Helme und Lederkappe in den Beiwagen und wischten uns den Regen von den Gesichtern. Der Wind und die Kälte hatten Karls Züge hart werden lassen, zwei tiefe Falten zwischen den Augenbrauen verdüsterten seinen Blick, Feuchtigkeit glitzerte in seinem Bart. Lili nahm mich bei der Hand.
„Sie bellt nicht“, Tränen standen ihr in den Augen. „Sie ist nicht mehr da.“
Karl war um das Haus gegangen. Er versuchte, durch die verschmutzten Fensterscheiben zu sehen, klopfte leise an die Tür – nichts geschah.
„Es scheint niemand mehr hier zu wohnen.“
Unschlüssig standen wir im Regen, Lili winselte. „Zeig mir, wo du mit deiner Hundemutter gewohnt hast.“ Sie führte uns einen schlammigen Pfad entlang, gesäumt von faulenden Brennnesseln. Ein Aborthäuschen stank uns entgegen, die offene Tür bewegte sich im Wind, gab den Blick frei auf einen groben Balken mit Loch. Ein Stück weiter tauchte ein Schuppen aus rostigem Wellblech auf, nach dem stachelige Ranken eines Brombeerstrauches griffen. Die Früchte waren zu schwarzen Klumpen getrocknet, von den Dornen tropfte Regen auf die letzten gelben Blätter.
„Hier habe ich gewohnt.“ Lili versuchte, die Tür zu öffnen, verhakte sich in den Dornen. „Lili, halt still.“ Vorsichtig befreite ich sie von der Ranke. Wir öffneten die Tür, die sich quietschend wehrte, muffiger Geruch schlug uns entgegen. Als sich meine Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, sah ich einen Haufen Stroh, zu einem Lager gehäuft, verdreckt und schimmelig. Vor einem Futternapf mit eingetrockneten Resten schlängelte sich eine rostige Kette mit einem Halsband. Dunstig fiel Licht durch ein Loch, das aus dem Wellblech heraus geschnitten war. „Mama“, Lili stürzte sich auf das Stroh, roch an dem Halsband, leckte am Napf, lief schnuppernd auf allen Vieren jeden Winkel des Schuppens ab, bellte verzweifelt. Wut stieg in mir hoch.
Ich bin deine Mutter!
„Lili!“, ich packte sie, versuchte sie auf die Beine zu ziehen. „Es reicht. Sie ist tot, begreif es endlich!“
Sie entwand sich meinem Griff, bleckte die Zähne und knurrte, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Diesmal würde ich nicht nachgeben. Ich drängte sie in die Ecke. „Lili, steh auf, du bist kein Hund. Du bist ein Mensch.“ Lili versuchte, an mir vorbei zu kommen, doch ich versperrte ihr den Weg. Sie starrte mich an, Speichel lief ihr aus dem Maul, tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle.
„Greta, hör auf!“ Karl versuchte, mich wegzuziehen. In dem Moment sprang Lili vor und biss mir in den Arm. Als ich erschrocken zurückwich, rannte sie aus dem Schuppen. Der Schmerz nahm mir den Atem, Blut tropfte aus meinem Ärmel, mein Brustkorb zog sich zusammen, schnürte mein Herz ein, panisch klopfend versuchte es sich Raum zu schaffen. Dann erlöste mich Dunkelheit, Stille. Von weitem drang Karls Stimme an mein Ohr, ich spürte seine Wärme, seine Arme, die mich hielten. Ich öffnete die Augen, mein Kopf verweigerte jede Auskunft, meine Gedanken verwirrten sich unauflösbar: „Wo bin ich?“
„In Lilis Kinderstube.“
„Was ist passiert?“
„Du hast sie bedrängt. Sie hat dich gebissen und ist weggerannt.“
Schmerz pochte in meinem Unterarm, um den ein blutiges Stofftaschentuch gewickelt war.
Ich erinnerte mich: Lili, zähnefletschend, in die Ecke gedrängt, sie springt auf mich zu.
„Sie soll endlich begreifen, dass sie ein Mensch ist.“
„Und du bist ihre einzige Mutter!“
„Bin ich das nicht? Muss ich mir Lilis Zuneigung mit einer Hündin teilen?“
„Greta, die Hündin hat Lili das Leben gerettet.“
„Aber es ist doch nur ein Tier.“
„Ein Tier, das getan hat, was eigentlich die Menschen hätten tun müssen.“
Ich stand langsam auf, wischte mir das Stroh von den Kleidern, Karl klopfte den Staub von meinem Rücken.
„Wo ist Lili?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wir müssen sie suchen!“
Vor dem Schuppen empfing uns Nebel, der die Umgebung verschluckte, nur Schemen zeigte. Die Dinge dahinter schienen sich ständig im Schutz des grauen Schleiers zu verwandeln. Die Fangarme der Brombeeren griffen nach mir, ritzten meine Haut. War es die dreizehnte Fee, die mich mit der Spindel stach? Äste griffen als Hexen mit langen Fingern nach mir.
Lauf in den Wald, Gretel!
Waren es Sträucher oder graue Kobolde, die sich auf dem Boden verbargen? Begleitete uns der Schatten eines Wolfes?
Sieh dich vor, Rotkäppchen!
Hast du Angst, lacht mein Bruder, keckert eine Krähe. Karl nahm meine Hand. Hier war der Pfad zwischen den Brennnesseln, der Gestank des Klos, der Umriss des Hauses.
„Vielleicht ist Lili zum Motorrad gelaufen.“
Plötzlich ein Bellen, dann ein Jaulen. Ich hörte Lilis Angst und schrie auf. Wir rannten in die Richtung, aus der das Bellen kam. Die Umrisse von zwei Körpern formten sich aus dem Nebel, groß und massig der eine, schmal zappelte der andere daneben. „Lassen Sie sofort meine Tochter los!“ Ich lief fast in den Mann hinein, der mich mit einer Armbewegung auf den Boden schleuderte, an seiner Schulter hing ein Gewehr.
„Tochter? Das ist meine Schwester Waltraut, der Hund.“ Er quetschte ihren Arm, zog sie zu sich hoch, atmete ihr ins Gesicht. Lili wand sich und bellte.
„Ich sag´s ja, ein Hund, ein räudiger Köter“, er gab ihr eine Ohrfeige, Lili jaulte auf und schwieg. Verschlagene Augen starrten aus dem aufgedunsenen Gesicht , dunkles Haar kräuselte sich aus dem Kragen des karierten Hemdes wie drahtiges Schamhaar. „Lass sie sofort los!“ Ich wollte mich auf ihn stürzen. Karl hielt mich zurück: „Wer sind Sie?“
„Ich bin Erich, der Bruder von diesem Köter. Und wer seid ihr?“
„Karl Schulenberg und das ist Greta Schneider. Lili gehört zu uns.“
„Heißt die feine Dame jetzt Lili.“
„Wie meine Großmutter“, röchelte Lili.
„Die alte Schreckschraube ist doch schon lange tot“, er klemmte Lilis Kopf unter seine Achseln. „Und warum sollte ich Waltraut hergeben, sie ist meine Schwester“, er rubbelte mit den Knöcheln über ihren Kopf. „Ich könnte gut einen neuen Hund gebrauchen.“ Erich lachte dröhnend.
„Wo ist meine Hundemama?“, klang es dumpf aus seiner Achselhöhle. Erich zog Lili hoch, nahm ihren Kopf in seine Pranken, nikotingelbe Finger mit Schmutzrändern unter den Nägeln pressten ihr Gesicht zur Grimasse.
„Tot, der alte Teppich. Ich habe sie auf den Misthaufen geworfen wie all die anderen Köter.“ Lili heulte auf, wand sich und versuchte, Erich in die Hand zu beißen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Karl mit dem Fuß einen Stock zu sich zog.
„Halt, keine Tricks“, Erich umschloss mit seiner Hand Lilis Kehle, dann grinste er. „Wenn ich es mir richtig überlege, brauche ich meine Schwester ganz dringend.“ Seine freie Hand fuhr über Lilis Po, der fast vollständig in seiner Hand verschwand, fuhr dann weiter zwischen ihre Beine. Übelkeit stieg in mir hoch, ich sah, wie Lilis Augen sich angstvoll weiteten. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Karl riss den Stock hoch, erstarrte, als Erich genüsslich die Kehle des Mädchens zudrückte. In dem Moment löste sich ein Schatten aus dem Nebel, sprang. Reißzähne bleckten hinter hochgezogenen Lefzen, gruben sich in Erichs Arm, er schrie auf und ließ Lili los. Ich zog sie in meine Arme und hielt sie fest. Ein großer Schäferhund stellte sich knurrend zwischen uns und Erich, der das Gewehr von seiner Schulter zerrte. „Du elender Köter, diesmal bist du dran.“
„Raik!“, rief Lili. Der Hund schaute sie aus schrägen grünen Augen an. Erich nutzte den Moment und legte an. Karl stürmte vor und schlug ihm den Stock gegen den verletzten Arm. Schreiend ließ Erich das Gewehr fallen, ein Schuss löste sich, hallte lange nach. Der Hund verschwand im Nebel.
Wimmernd lag Erich auf dem Boden, ein Fleischberg, in den ich gerne immer wieder getreten hätte.
„Lasst uns fahren“, ich zog Lili zum Motorrad. „Wir können Erich nicht so liegen lassen, er ist verletzt.“ „Er ist ein Schwein. Es geschieht ihm nur recht.“ „Greta, ich bin Arzt und verpflichtet zu helfen.“ Ich schnaubte abfällig: „Ich wusste nicht, dass du auch Tierarzt bist.“ Karl grinste gequält: „Wieder ganz die Alte.“ Lili deutete ein vorsichtiges Lächeln an: „Ich bin ein Hund, aber Erich ist ein Schwein.“ „Hilfe, ich verblute.“ „So schnell geht das leider nicht“, Karl zog Erich auf die Beine, bugsierte ihn zur Tür. „Greta, kannst du bitte den Verbandskasten aus dem Beiwagen holen?“ Tief im Fußraum fand ich den Kasten, und als ich wieder hochkam, sah ich Lili. Sie hatte den Kopf erhoben und schnupperte aufmerksam im Wind, ihre Nasenflügel waren gebläht. „Vielleicht ist Raik noch da, ich gehe ihn suchen.“ „Nein, Lili. Für heute hatten wir genug Aufregung.“ Aber Lili spähte weiter aufmerksam in den Nebel, ihre Ohren schienen gespitzt. „Bleib hier“, ich nahm ihren Arm, „Sieh mich an.“ Widerwillig drehte sie den Kopf, ihr Blick war ausdruckslos, weit weg. „Kind, ich bin hier.“ Sie schaute mich an, erkannte mich: „Mama?“ Tränen schossen mir in die Augen, ich blinzelte sie weg. „Du wirst Raik bestimmt wiedersehen. Ich glaube, es ist der Hund, der im Wald in der Nähe des Dorfes streunt. Ich habe ihn schon einmal gesehen.“ Ich dachte an meine Begegnung in der Johannisnacht. „Er weiß jetzt, dass ich da bin und wird mich suchen.“

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